Ulm, Theater Ulm, Premiere Der Vetter aus Dingsda – Eduard Künneke, 07.02.2019

Januar 14, 2019 by  
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Theater Ulm

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

 Der Vetter aus Dingsda – Eduard Künneke

– Der Mond als kosmischer Postillon d’amour –

Premiere 07. Februar 2019

Wenn der Mond als kosmischer Postillon d’amour Verwendung findet, ein armer Wandergesell dem liebeskranken Sopran den Kopf verdreht und in schmissigem Rhythmus konstatiert wird, dass „am Mann wirklich nichts dran“ ist, dann hat man die chaotische Welt der Operette betreten. Eduard Künnekes Sensationserfolg mit dem geografisch prägnanten Titel Der Vetter aus Dingsda, dessen Uraufführung 1921 in die Blütezeit der Berliner Operette fiel, lässt nichts aus, was das Bürgertum des frühen 20. Jahrhunderts in seinen Grundfesten erschüttern könnte: Die liebe Verwandtschaft will über Julia de Weerts Liebesleben und damit über ihre Zukunft und die Verteilung eines stattlichen Erbes entscheiden. Darum bestürmen gleich mehrere Männer die junge Frau, die eigentlich nur auf ihren geliebten Roderich warten will, der seit gefühlten Ewigkeiten im fernen Dingsda … irgendwo in Asien … vielleicht in Batavia weilt – so genau weiß das niemand – und hoffentlich bald zurückkehrt.

Schon seit sieben Jahren wartet die hoffnungslos romantische Julia de Weert (Maryna Zubko) auf die Rückkehr Roderichs, dem sie vor seiner Abreise nach „Dingsda“ ihre Liebe geschworen hat. Nur leider haben ihre beiden Vormunde – Onkel Josse (Martin Gäbler), dessen Hang zum hemmungslosen Konsum vor allem den Briefträger fordert, und Tante Wimpel (Elke Kottmair), die ihre mondäne Extravaganz stets zur Schau trägt – ganz andere Pläne für ihr Ziehkind: Neffe August Kuhbrot soll Julias Bräutigam werden. Das Geld soll schließlich in der Familie bleiben. Auch Egon von Wildhagen (Luke Sinclair) wittert in Julia eine gute Partie und wirbt um die Schöne. Unterstützt von ihrer reichlich frechen Freundin Hannchen (Maria Rosendorfsky) genießt Julia jedoch erst einmal ihre frisch gewonnene Volljährigkeit. Noch vertrackter wird diese Geschichte allerdings, als zwei Fremde auftauchen (Markus Francke und Joska Lehtinen), die sich beide als Roderich ausgeben. Mittendrin in dieser Verwechslungskomödie, an deren Ende jeder Topf seinen passenden Deckel zu finden hofft, sind die Diener Hans (J. Emanuel Pichler) und Karl (Girard Rhoden).

Christian Poewes Inszenierung von Der Vetter aus Dingsda lebt ganz im Sinne der Berliner Operette, die von jeher mit einem selbstironischen Blick auf die eigene Gattung geschaut hat, von einem kleinen Ticken überpointierter Künstlichkeit und einem guten Schwung Humor: Wenn auch die alltäglichsten Dinge in nahezu Wagnerischer Breite besungen, die ins Extreme übertriebene romantische Liebessehnsucht in vollen Zügen auskostet wird und eine ordentliche Portion Wortwitz das Spießbürgertum des 20. Jahrhunderts charmant karikiert, kommen nicht nur ausgemachte Operettenfans voll auf ihre Kosten.

Olga von Wahls Bühnenbild zeichnet mit expressionistischen Anleihen eine schräge Welt nach, in der die Menschen sich auf die Suche nach dem ganz persönlichen Glück begeben.

Vervollständigt durch die farbenfrohen Kostüme von Carl-Christian Andresen entfaltet sich vor den Augen der Zuschauenden ein Panoptikum der Sehnsüchtigen. Für die angemessene Prise Slapstick sorgt Choreograf Gaëtan Chailly.

Unter der musikalischen Leitung von Levente Török wird in Der Vetter aus Dingsda zu Tango, Walzer und Foxtrott geliebt, geflirtet, gesungen und gelogen, dass sich die Balken biegen und neben den Emotionen auch die Tanzbeine glühen. Das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm wird in dieser Inszenierung, die von Benjamin Künzel dramaturgisch betreut wird, für den richtigen Operettenschwung sorgen.

—| Pressemeldung Theater Ulm |—

Ulm, Theater Ulm, PREMIERE Lucia di Lammermoor, 20.12.2018

November 30, 2018 by  
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Theater Ulm

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

PREMIERE
Lucia di Lammermoor
20. Dezember 2018

Es ist eine verbotene Leidenschaft, die das Liebespaar in Donizettis »Lucia di Lammermoor« verbindet: Edgardo, letzter Nachfahre des Adelsgeschlechts der Ravenswood, hält sich im Gebiet der verfeindeten Ashtons auf, um heimlich seine geliebte Lucia treffen zu können. Doch als letzte Tochter der einst wohlhabenden Familie ist Lucia Ashton nicht Herrin über ihr Schicksal, sondern ist dazu bestimmt, durch die Heirat mit Lord Bucklaw ihrem Bruder Enrico wieder zu Geld und Ansehen zu verhelfen. Rücksichtslos setzt Enrico dafür eine Intrige in Gang, die die Liebenden entzweit. Als Edgardo, der Lucia für untreu hält, die junge Frau an ihrem Hochzeitstag konfrontiert und demütigt, zerbricht ihre Seele: Vor Verzweiflung wahn-sinnig geworden, tötet sie ihren Bräutigam und stirbt. Edgardo kann ihr nur noch in den Tod folgen.

Ehen, die im Hinblick auf Wohlstand und sozialen Status geschlossen werden und in denen das Lebensglück von Menschen zur Verhandlungsmasse wird, gibt es bis in unsere Zeit. Mühelos fügt sich daher die tragische Geschichte auch in andere Epochen als das schotti-sche Mittelalter. Und so taucht Ansgar Haags Inszenierung, die bereits am Meininger Staatstheater Erfolge feierte, ein in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, wobei die stilvolle Ele-ganz des einstmals reichen Ashton-Clans als Inspiration für Kostümbildnerin Renate Schmitzer dient. Der verblassende Prunk des Familienanwesens, den Christian Rinkes Bühnenbild einfängt, ist mit seiner Atmosphäre der stimmige Hintergrund. Dramaturgisch betreut wurde die Inszenierung von Diane Ackermann und Benjamin Künzel.

Eine Besonderheit dieser Ulmer Wiederaufnahme ist die effektvolle »Wahnsinnsszene«, in der die menschliche Stimme und eine Glasharmonika das wohl gespenstischste Duett der Operngeschichte anstimmen: die Glasharmonika – ein nur selten gespieltes Instrument – wird am Theater Ulm ihren ätherischen, körperlos schwebenden Klang erzeugen und die Zu-schauer in die italienische Schauerromantik entführen. Das von GMD Timo Handschuh gelei-tete Philharmonische Orchester wird dazu verstärkt von Glasinstrumente-Spezialist Sascha Reckert.

In der Inszenierung des Theaters Ulm sind Maryna Zubko in der Titelpartie, Dae-Hee Shin als ihr intriganter Bruder Lord Enrico Ashton sowie das neue Ensemblemitglied Erik Rousi als Raimondo Bidebent zu erleben. Auch alle drei neuen Ulmer Tenöre sind in Donizettis Meisterwerk gefordert: Als Lucias große Liebe Sir Edgardo di Ravenswood alterniert Markus Francke mit Joska Lehtinen, der die Partie des zum Tod geweihten Bräutigams Lord Arturo Bucklaw im Wechsel mit Luke Sinclair geben wird. I Chiao Shih übernimmt die Partie von Lucias Vertrauter Alisa; den skrupellosen Handlanger Normanno stellen abwechselnd Luke Sinclair und Joung-Woon Lee dar.

—| Pressemeldung Theater Ulm |—

Ulm, Theater Ulm, Premiere Weiße Rose, 09.11.2018

Oktober 11, 2018 by  
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Theater Ulm

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Premiere  Weiße Rose 9. November 2018

„Bleib‘ stark, keine Zugeständnisse“: Worte wie diese lassen die Entschiedenheit und Haltung der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ erahnen, die einem Schauprozess um ihre Flugblattaktionen ausgesetzt war. Nur vier Tage, nachdem die Münchner Studierenden Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst von der Gestapo festgenommen werden, fällt ihr Todesurteil. Es wird umgehend vollstreckt. In Momentaufnahmen nähert sich die Kammeroper „Weiße Rose“ assoziativ den wenigen Stunden, die Sophie und Hans Scholl bis zu ihrer Hinrichtung blieben. Im Podium des Theaters Ulm inszeniert Andreea Geletu die intime Oper im Jahr des 75. Todestags der Geschwister Scholl.

Mit einer Flugblattserie ruft die „Weiße Rose“ zwischen 1942 und 1943 zum Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft auf. Ihre Mitglieder haben das Bedürfnis nach Autonomie – danach, selbst zu denken und selbst zu handeln. In Udo Zimmermanns episodischer Kammeroper mit Texten von Wolfgang Willaschek begegnen die Geschwister ihrer Todesangst, vergewissern sich der Gründe ihres Handelns, um angesichts ihrer drohenden Enthauptung nochmals „die Stimme zu erheben“. Als Hans Scholl ist Joska Lehtinen zu erleben, als Sophie Scholl Maryna Zubko. Unter der Leitung von Hendrik Haas werden Musiker des Philharmonischen Orchesters der Stadt Ulm Zimmermanns Musik zu Gehör bringen. Ausstattungsleiterin Petra Mollérus entwirft Bühne und Kostüme im intimen Raum des Podiums. Benjamin Künzel ist der Dramaturg der Produktion.

Zimmermanns Werk ist ein ‚Stück gegen Gleichgültigkeit‘ von suggestiver Kraft, das Fragen aufwirft, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben: Wann beginnt Faschismus? Welche Verpflichtung besteht für den Einzelnen, sich aktiv in gesellschaftliche Entwicklungen einzumischen, anstatt einfach in die andere Richtung zu schauen? Andreea Geletu geht es in der Inszenierungsarbeit vor allem darum, die Absicht der Widerstandsbewegung ins heutige Bewusstsein zu holen. Der Ort dafür ist ein besonderer: Ulm ist eng mit der Geschichte der „Weißen Rose“ verknüpft. Hans und Sophie Scholl lebten in Ulm und hatten in der Stadt viele Mitstreiter.

—| Pressemeldung Theater Ulm |—

Immling, Immling Festival 2018, Orpheus und Eurydike – Christoph W. Gluck, IOCO Kritik, 07.08.2018

August 7, 2018 by  
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Gut Immling

Festspielhaus Gut Immling © Nicole Richter

Festspielhaus Gut Immling © Nicole Richter

Orpheus und Eurydike – Christoph W. Gluck

– Opernfestival auf Gut Immling –

Von Daniela Zimmermann

Christoph Willibald Gluck (1714 – 1787)  und Rainieri de Calzabigi (Libretto) entlehnten ihr Werk, Orpheus und Eurydike, der griechischen Mythologie. Der thrakische Sänger Orpheus möchte seine geliebte Eurydike durch betörenden Gesang der Unterwelt entreißen. 1762 in Wien mit dem Altkastraten Gaitano Guadagni als Orpheus uraufgeführt folgt Gluck in seiner Komposition dieser „Reformoper“ der Dramaturgie des Libretto. So gibt bereits die dreiteilige Arienszene im ersten Akt der Oper Stimmungen und Gefühle der Handlung für die damalige Zeit noch ungewohnt emotional und berührend wieder. Während bis dahin Rezitative weniger gefühlsstark meist nur vom Generalbass begleitet wurden, folgt in Orpheus und Eurydike den Rezitativen das ganze Orchester, mit all seinen Instrumenten den Aussagen des Librettos.

Ludwig Baumann versetzt als Regisseur seine Inszenierung das vorbarocke Stück in unsere jetzige Zeit; strukturiert es mit psychologisch analytischer Aura. 2017 war Premiere, 2018 Wiederaufnahme im Rahmen des IMMLING FESTIVAL.

Gut Immling / Orpheus und Eurydike © Kerssenbrock

Gut Immling / Orpheus und Eurydike © Kerssenbrock

Die Sopranistin Maryna Zubko ist nicht nur eine hinreissende Eurydike aber auch veritable Konzertpianistin; so wurde die Oper um eine persönliche Zugabe erweitert. Alles beginnt mit einem unerwarteten wie fröhlichen Hauskonzert: Eurydike (Maryna Zubko) am Klavier spielt Claire de lune;  Orpheus (Modestas Sedlevicius) singt lyrisch ergreifend Schubertsleise flehen meine Lieder“. Ein glückliches Paar, in ihrer geliebten Musik vereint. Doch dann hüstelt Eurydike und stirbt. Gluck bringt in seinem Werk den antiken Mythos der ewigen Liebe zum Ausdruckt. Orpheus und Eurydike gleichen so ihrem italienischen Pendant, Romeo und Julia.

Die Inszenierung auf Gut Immling verkörpert nicht mehr griechischen Mythos sondern Jetztzeit, das Heute. Mit der Beerdigung der geliebten Eurydike setzt Glucks Oper ein. Der Sarg wird auf die Bühne durch den Mittelgang getragen, begleitet von den Trauergästen gleich Chor: eindrucks- wie ausdrucksvoll. Der Chor unterlegt die Handlung  in gesanglichem wie darstellerischem Ausdruck. Eurydikes Bilder im Hintergrund verstärken die ergreifenden Empfindungen während der Trauerfeier.

Orpheus bleibt in tiefer Trauer zurück und fällt in Depressionen und Phantasien. Den Verlust der geliebten Eurydike will und kann er nicht akzeptieren. So begibt er sich zu psychotherapeutischer Behandlung in eine Geistesheilanstalt. Eine Zwangsjacke spiegelt Eingeengte wider, der Gedanken, des Wesens. Amor (Rachel Croach, Sopran) tritt als Psychoanalytiker auf und verleiht die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Eurydike. Er darf ins Schattenreich vordringen, um sich Eurydike zurückzuholen, allerdings mit Auflagen.

Gut Immling – Orpheus und Eurydike – youtube Trailer
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Diese Szenen spielen sich zumeist im Hörsaal der Psychatrie ab. Der Festvalchor unterlegt die Handlung stimmlich wie darstellerisch: in weiß als Mitkranke oder als tote Unterweltbewohner oder als aktives Personal der Klinik. Dazu interpretieren Zombies tanzend  den seelischen traurigen Zustand der Patienten. Choreographie Andrea, Robert und Tanja Honner.

Zur pathologischen Aufarbeitung muss Orpheus seine Eurydike wiedersehen: Sie wird aus einem Todesschlaf gerissen; der lebenden Welt schon entrückt muss sie sich wieder mit den Gefühlen des Lebens auseinander setzen. Ihre Wiedersehensfreude mit Orpheus ist überschwänglich. Orpheus´ Schmerz gegenüber seinen bestehenden Auflagen, die sie nicht kennt, sind letztlich so groß, dass Orpheus dem nicht mehr gewachsen ist und versagt. Eurydike stirbt ein zweites Mal.

„Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden  als wenn wir lieben, niemals hilfloser, als unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren haben.“ Sigmund Freud.

Gut Immling / Orpheus und Eurydike hier Orpheus © Axel Effner

Gut Immling / Orpheus und Eurydike hier Orpheus © Axel Effner

Amor schreitet als Psychotherapeutin nun ein. Orpheus verkraftet einen weiteren Tod seiner Eurydike nicht und versucht sich das Leben zu nehmen, um im Tod mit ihr vereint zu sein. Diese absolute Treue Orpheus´ belohnt Amor, denn Trauer und Verzweiflung sind nun pathologisch aufgearbeitet: Orpheus darf Eurydike in die Arme fallen und verlässt die Psychiatrie als geheilt verlassen.

Es gehört zum Charisma von Gut Immling, junge Sänger zu fördern, zu protegieren und ihnen eine künstlerische Plattform zu geben. Alle drei Solisten (Orpheus, Eurydike, Amor) sind Gewinner des Lions Gesangswettbewerb. Der helle, warme Bariton von Modestas Sedlevicius als Orpheus gab Gefühle, Leidenschaft und Verzweiflung ergreifend wieder. Doch ebenfalls überzeugend sicher und voller Emotionen waren auch Maryna Zubko als Euridyke und  Rachel Croach als Amor.

Evan Alexis Christ  leitete das kleine Festivalorchester Immling sensibel, filigran. Die Basis bildet ein Kammerorchester aus Tiflis, ergänzt durch internationale Instrumentalisten. Musikalisch einfach stark und spannend.

Gut Immling mit seinen Opernproduktionen, seinen Konzerte ist etwas besondere: Hier vereinigen sich Natur und Musik. Es ist eine besondere Atmosphäre; geprägt von der herrlichen Landschaft des Chiemgaus, einem naturverbundenen Festspielhaus und  künstlerisch hohem Niveau. Das Immling Festival  wurde so inzwischen zum populären „Geheimtipp“, um anspruchsvolle Kultur in unverbrochener Natur zu erleben und zu genießen.

—| IOCO Kritik Gut Immling |—