Dresden, Kulturpalast, Mariinski-Orchester – Valerie Gergiev, IOCO Kritik, 07.06.2019

Juni 7, 2019 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

Skrjabins futuristische Farbensymphonie leuchtet im Kulturpalast

Dresdner Musikfestspiele 2019

von Thomas Thielemann

In der klassisch orientierten Musikwelt gilt der russische Komponist Alexander Skrjabin (1871-1915) für viele als ein Verrückter, als ein Egomane mit allerlei mystischen Vorstellungen. Wer sich aber näher mit ihm beschäftigt, erkennt ihn als genialen stilprägenden Komponisten des beginnenden 20. Jahrhunderts. Leider bereits im Alter von 43 Jahren verstorben, hat er sein Schaffen nicht in Ansätzen vollenden können. Dazu kommt, dass Skrjabin ob seiner Freundschaft mit Georgi Plechanow (1856-1918) in Ost und West immer mit einem gewissen Misstrauen gesehen wurde, obwohl er sich in die Auseinandersetzungen der zwischen-revolutionären Bewegung des zaristischen Russlands nicht eingebracht hatte. Seine Philosophie bleibt ungreifbar. Okkultismus, Theosophie, indische Philosophie, Nietzsche, Fichte, Schopenhauer, Symbolismus und Marxismus baut er zu einem eigenen Denkgebäude, ohne sich einer Tradition verpflichtet zu fühlen. Mit seinen Kompositionen wollte er seine ästhetischen und weltanschaulichen Vorstellungen gestalten. Dabei genügten ihm die herkömmlichen Möglichkeiten nicht. Neben Orchester, Chor und Soloinstrumenten bezog er Farben und Bewegungen in seine Kompositionen ein. Zunehmend schafft er sich eine eigene Tonsprache, deren Vollendung sein früher Tod verhinderte.

Kulturpalast Dresden / Musikfestspiele 2019 - hier : Skrjabin und die Farbensymphonie mit Valerie Gergiev und das Mariinski - Orchester © Oliver Killig

Kulturpalast Dresden / Musikfestspiele 2019 – hier : Skrjabin und die Farbensymphonie mit Valerie Gergiev und das Mariinski – Orchester © Oliver Killig

Zu den Dresdner Musikfestspielen 2019  kam Valery Gergiev mit dem Orchester des Mariinski-Theater und brachte neben Tschaikowskis Vierter Sinfonie die einsätzigen La Poème op. 54 und op.60 von Alexander Skrjabin mit. Das „Poème de l´extase“ op. 54 hatte Skrjabin 1905 in Genf begonnen, als ihn die Nachrichten von den revolutionären Ereignissen in Russland erreichten. Ektase bedeutete dabei für Skrjabin Handlungsbereitschaft und gleichermaßen Schaffensrausch. Er schließt das Werk als sinfonische Dichtung und nicht als 4.Sinfonie an seine Dreier-Serie an. Stattdessen wählt er die Form des einsätzigen Poems. Die Orchestersprache ist erweitert und eine differenziertere Klangfärbung soll „die göttliche Kraft des freien Willens in seiner Selbstverwirklichung durch die aktive Tat“, und deren Entwicklung zu diesem Ziel, zum Ausdruck bringen.

Diesem Grundkonzept ordnete auch Valery Gergiev sein Dirigat unter, indem er zunächst ziemlich verhalten seine gewaltige Orchesterbesetzung beginnen ließ. Mit für Gergiev ungewöhnlichem Körpereinsatz trieb er in der Folge seine Musiker in Skrjabins Mythologie und zu dessen Ekstase Begriff. Skrjabin hatte 1908 die Komposition noch mit einem Gedicht regelrecht erläutert: „Der Geist, vom Lebensdurst beflügelt, schwingt sich auf zum kühnen Flug“. Er hatte aber untersagt, dass die 369 Verse in die Partitur aufgenommen werden, weil sich die Dirigenten „auf die reine Musik beziehen sollten“.

Das Proéthée.Le poème du feu op. 60 hatte Skrjabin für ein überbordeten Orchesterapparat, ein Soloklavier, einen vierstimmig gemischten Chor und ein „Farbenklavier“ komponiert. Mit dieser multimedialen Konstruktion aus Musik und Lichtinstallation wollte er ein Gesamtkunstwerk für Auge und Ohr, ein Ansprechen mehrere Sinne erreichen. Er dachte sogar über die Einbeziehung von Gerüchen nach.

Kulturpalast Dresden / Musikfestspiele 2019 - hier : Skrjabin und die Farbensymphonie mit Valerie Gergiev © Oliver Killig

Kulturpalast Dresden / Musikfestspiele 2019 – hier : Skrjabin und die Farbensymphonie mit Valerie Gergiev © Oliver Killig

Skrjabin hatte die „synästhetische Fähigkeit“, dass er beim Hören von Musik Farben sah. Derartige Erfahrungen wollte er mit dem Farbenklavier seinem Publikum gleichfalls vermitteln. Oberhalb der üblichen Instrumentalstimmen enthält die Partitur des „Prometheus-Poems“ eine als „Tasteria per luce“ bezeichnete Doppel-Stimme in traditioneller Notenschrift, wobei jedem Ton der Oktave eine Farbe zugeordnet ist. Die Zweistimmigkeit ermöglicht, dass Farben gemischt werden können.

Während des Konzertes wurden das Orchester des Mariinski-Theater und die Saal-Rückwand wechselnd mit sattem Licht unterschiedlicher Farben (Foto) angestrahlt

Die Pianistin Danae Dörken (*1991) ordnete die Farbenmischung den Rhythmen der wechselden Klängen zu. Eigentlich war schon im Vorfeld klar, dass die von Skrjabin angestrebte Wirkung beim erstmaligen Erleben nur begrenzt erreicht werden könnte. Es lenkte zunächst die Lichtwirkung den ungeübten Besucher von der „Harmonik der wechselnden Klangzentren“ und dem wundervollen Klavierspiel des Solisten Ilya Rashkovskij ab. Lichtdesign: Sebastian Marschner. Dabei sind die sechstönigen „Klangzentren“ von 1908 eine Vorstufe der erst ein Jahrzehnt später entwickelten Zwölfton-Musik. Eine Wirkung des sogenannten „Mystischen Akkords“ dürfte dem übergroßen Teil der Hörer ohnehin verloren gewesen sein.

Am 19. September 2019 werden wir Skrjabins selten gespielte Farbensymphonie im Theater Magdeburg (link hier) erleben, wo die neue Generalmusikdirektorin Anna Skryleva das Werk als Einstand ihrem neuen Publikum bieten möchte.

Im zweiten Konzert-Teil bot Valery Gergiev mit den Mariinsky-Musikern eine vollendet ausgereifte vierte Sinfonie von Peter Tschaikowski und enttäuschte ob seiner bekannten sparsamen Dirigierweise nicht.

Nach der Zugabe erlebten die Musiker, wenn auch etwas zögerlich, stehende Ovationen für dies außergewöhnliche Konzerterlebnis

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Essen, Aalto Theater, Hans Heiling – Heinrich Marschner, IOCO Kritik, 23.05.2018

Mai 23, 2018 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Aalto-Theater-Essen © IOCO

HANS HEILING – Romantische Oper von Heinrich Marschner

           – Endspiel der Ruhrgebietsbarone –

Von Albrecht Schneider

Haareschneiden und Tortebacken: sprich Friseur und Konditor gelten zu Recht als rechtschaffene Berufe. Freilich fehlt ihnen jener Nimbus, der dem genauso rechtschaffenen des Bergmannes anhaftet. Dessen Arbeitsplatz entzieht sich den Blicken der Normalbürgerlichen, da er tief unter der Erdoberfläche liegt. „Untertage“ ist der sinnige Begriff für den geheimnisvollen wie bedrohlichen Ort, vor dem der Kumpel die Kohle aus dem Gestein schlägt. Und woher sein Rang als besonderer Malocher rührt.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : v.o. Rebecca Teem, Königin der Erdgeister und Jessica Muirhed als Anna © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : v.o. Rebecca Teem, Königin der Erdgeister und Jessica Muirhed als Anna © Thilo Beu

Dieses Schauplatzes hat sich die Romantik um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bemächtigt. Allerdings weniger um den Abbau von Erdschätzen zu poetisieren, vielmehr eignete sich dessen Finsternis und Abgründigkeit trefflich als Sinnbild für Außerweltlichkeit und zudem die dunklen Tiefen der menschlichen Seele. Des Dichters Novalis >Heinrich von Ofterdingen< stößt in einem Bergwerksstollen auf eine Schrift seiner gegenwärtigen wie künftigen Lebensgeschichte, ohne sie entziffern zu können, und für E.T.A. Hoffmanns Jüngling >Elis Fröbom< bietet das Bergwerk von Falun zugleich höchste Beglückung und tiefsten Jammer; es reflektiert den wirren, schier somnambulen Gemütszustand einer hochromantischen, sehr „hoffmannesken“ Figur.

 – Der Berg ruft nicht mehr –

Mit dem Einzug des Christentums im Germanenland hatten die alten Götter ihr Aufenthaltsrecht bei den Menschen verspielt, weshalb aus diesem Ensemble die Liebesgöttin Venus in den Hörselberg emigrierte. Bei ihr wohnte später bekanntlich eine Zeitlang der Sänger Tannhäuser, den sein lüsternes Fleisch aufgrund kurzfristiger Suspendierung frommerer Denkarten dorthin getrieben hatte. Von Richard Wagner wurde dessen Glück und Elend in Musik gesetzt. Der Sage nach wartet auch Kaiser Barbarossa tief im Berg Kyffhäuser bald ein Jahrtausend auf den Ruf zur Rettung des deutschen Vaterlandes, weswegen ihm mittlerweile ein sehr, sehr langer Bart gewachsen ist. Eigentlich nimmt es Wunder, wie eine nach vorgestern sich sehnende und hinstrebende Politik mit ebenfalls langem Bart ihn nicht längst zu nämlichem Zwecke herbeibefohlen hat.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Heiko Trinsinger als Hans Heiling © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Heiko Trinsinger als Hans Heiling © Thilo Beu

Nicht Wunder nimmt es, wenn seinerzeit ein demgemäßer Stoff den Musiker Heinrich Marschner (1795–1861) zu der Oper Hans Heiling anregte. Der Komponist amtiert in der Musikhistorie als der Platzhalter zwischen den Großköpfen C.M. v. Weber und Richard Wagner. Wie ein „abgebrochener Riese“ wirke er, hat einmal leicht spitz der Philosoph Ernst Bloch geschrieben. Die Bezeichnung „Kleinmeister“ wird ihm wohl eher gerecht. Er schrieb an die zehn Opern, gekonnte Kapellmeistermusik, bisweilen durchaus von eigener musikszenischer Qualität, aber letztlich stand und steht er immer im Schatten seines Vorbildes und Vorgängers in Dresden C.M. von Weber.

Der Namensträger seines bekanntesten Opus’, Hans Heiling, ist Mitregent im Reich seiner dominanten Mutter, der Königin aller Erdgeister, die tief unten im Gebirge herrscht, und wo in ihrem Dienst jene emsigen Spukgestalten Edelsteine und Erze aus dem Berg hacken. Ihren Boss Hans indessen zieht es neuerdings an die Erdoberfläche, weil es ihm dort nach der schönen Anna gelüstet. Das Fräulein ist ihm versprochen, und mit ihr als Ehefrau möchte er fortan das der Wissenschaft gewidmete stille Leben eines Privatgelehrten führen. Seine Mutter hingegen mitsamt der unterirdischen Belegschaft will den Kronprinzen keinesfalls missen, weshalb sie ihn alle vehement zum Verzicht auf derlei kontraproduktive Absichten drängen. Vergeblich. Er bleibt stur und verlässt das dunkle Reich zugunsten einer lichten Gelehrtenstube. Seine Verbindung mit der Gattin in spe entwickelt sich ganz und gar nicht nach seinem Geschmack: diese ist der Heiterkeit des Dasein und darüber hinaus auch noch dem jungen Konrad, einem wesentlich fideleren Jägerburschen, mehr zugetan, als es ihrer ohnehin nicht sonderlich innigen Beziehung zu dem etwas philiströsen Erdgeistköniginnensohn dienlich wäre. In die mischt sich überdies seine Mutter ein, indem sie gemeinsam mit ihrer Geisterscharen der darob verschreckten Anna üble Tage prophezeit, sofern diese nicht den Herrn Sohn umgehend >aus dem Netz der Liebeszauberei< lösen sollte.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Jessica Muirhead als Anna und der Opernchor © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Jessica Muirhead als Anna und der Opernchor © Thilo Beu

Der in sie vernarrte Geisterfürst Heiling will mitnichten von der Braut lassen, muss aber nach verbalen wie handgreiflichen Balgereien mit den Einheimischen erkennen, dass ihm Konkurrent Konrad bei der Jungfrau längst den Rang abgelaufen hat. Schwer gekränkt wegen der desertierten Verlobten zitiert er seine alten Gebirgsdämonen zu sich und stimmt sie auf Heimzahlung der Schmach ein. Bloß bevor er auf seinem Rachefeldzug sein Mütchen an den gerade getrauten Anna und Konrad zu kühlen vermag, erscheint die Geisterfürstin und gebietet Mäßigung. Der brave Filius Hans Heiling gehorcht, entsagt der Ehe wie der Rache und verschwindet für immer im Berg, das junge Paar in einer friedfertigeren Zukunft. Die leidvolle Affäre hat ihr Happy End.

Des Industriezeitalters Energie lieferte von Anfang an die Kohle. In diesem Jahr 2018 geht deren Abbau im Ruhrgebiet mit der Schließung der letzten zwei Zechen definitiv zu Ende. Von ihr verabschiedet sich das Revier allenthalben mit ihr gewidmeten Ausstellungen. So auch in Essen.

Für das einheimische Aalto-Musiktheater mag dieses Finale mit ein Grund dafür gewesen sein, die Partitur Hans Heiling hinten aus dem Archiv  zu holen und die alte böhmische Sage zeitnah als Blick auf das Tun und Lassen einer Industriellenfamilie zu inszenieren. Aus dem banal biedermeierliche Libretto des Sängerschauspielers Eduard Devrient (1801-1877) formt der Regisseur (Andreas Baesler) durch Wort (Hans-Günter Papirnik), Bild (Harald B. Thor), Kostüm (Gabriele Heimann) und Licht (Stefan Bolliger) einen teils wehmütigen, teil heiteren, jedenfalls stets stimmigen Abgesang auf Arbeit, Herrschaft, Architektur, Kultur und eben solche „Typen“, die gemeinsam des Reviers, des (Ruhr-) Potts Charakter bestimmten. Und, wenngleich reduziert, noch bestimmen.

Da wir nun einmal in dessen Hauptstadt, in Essen, sind, findet das Vorspiel der Oper in einem der Villa Hügel, dem hiesigen Stammsitz der Kruppdynastie, nachempfundenen Interieur statt. Der Konzernherr Hans Heiling (Heiko Trinsinger) will das Unternehmen verlassen, um das Mädchen Anna von einfacher Herkunft zu ehelichen. Das geht seiner Mutter, der Patriarchin der Firma (Rebecca Teem, in Maske und Gestus eine Kopie der seligen, einst einflussreichen und mitbestimmenden Berta Krupp), gehörig wider den Strich. Und die übrige Führungsetage mault im Chor mit den Kumpels seinetwegen nicht minder heftig. Allein der Verliebte ist von dem Vorhaben nicht abzubringen und macht sich auf den Weg in das neue Leben.

Die Reise dorthin vollzieht sich musikalisch in der Ouvertüre. (Diese erst dem Prolog folgen zu lassen, war eine dramaturgische Erfindung Heinrich Marschners). Nach deren Ende empfängt der Hans in einem schicken Salon der Fünfzigerjahre Braut Anna (Jessica Muirhead) und die zukünftige Schwiegermutter Gertrude (Bettina Ranch). Letztere offenbart sich als eine gleichermaßen mächtige Übermutter, die aus wohlverstandenen ökonomischen und sozialen Gründen das Verlöbnis um nichts in der Welt scheitern sehen möchte.

Nur will das Verhältnis zwischen dem Großindustriellen und dem Kleinbürgerfräulein ebenso wenig recht gedeihen wie das ursprüngliche zwischen dem Menschenmädchen und dem Erdgeisterkönig. Auch jetzt kommt ihm der Jüngling Konrad (Jeffrey Dowd) ins Gehege, das er eigentlich ausschließlich mit seiner Herzensdame bewohnen möchte. Auch jetzt sind letztlich die zwei Sphären, einst das gefährlich Dämonische und das harmlos Irdische, nunmehr die der gesellschaftlichen Macht und die der Ohnmacht, nicht miteinander vereinbar.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Bergwerksorchester Consolidation Geslsenkirchen © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Bergwerksorchester Consolidation Geslsenkirchen © Thilo Beu

Ausgetragen wird der Dissens weit weg von den Originalschauplätzen wie Erdinnerem, Schenkengarten, wilder Gebirgsgegend und Bergkapelle. Stattdessen nachgerade in der Kapitalistenvilla und auf der Zeche, im Stadtpark, und in der Wohnküche mit Schwarzweißtelevision und Kohlenherd. Zuletzt dann auf einem Grubengelände mit Förderturm als Hintergrundprospekt.

Das sind alles jeweils wunderbar stimmige Bilder. Milieugerecht, wenn eine Bergmannskapelle (siehe Foto, Bergwerksorchester Consolidation) in der Waschkaue der Zeche das Steigerlied intoniert oder sich in Gertruds Küche Heiling und Konrad fetzen, gar gespenstisch, wenn im vernebelten Stadtpark Clanchefin Berta „dat Anneke“ mit Drohungen zwingen möchte, ihren Hans laufen zu lassen. Dem ist mittlerweile klar geworden, dass ihm die Braut abhanden gekommen ist, doch die Schmach will er nicht auf sich sitzen lassen. Im großen Finale, nach der Trauung Annas und Konrads, macht er Anstalten, sie zu erschießen, einzig die beizeiten anrückende Mutter Berta weiß das zu verhindern. Seelisch und körperlich zerrüttet, sinkt er entkräftet und entnervt zu Boden, vermag indessen noch die zuvor ausgelegten Sprengsätze zu zünden. Im Hintergrund stürzt der Förderturm, fällt das Grubengebäude in sich zusammen. Aus ist es mit dem Bergbau. Und mit dem Hans Heiling. Mitnichten ein Happy End.

Dirigent Frank Beermann lockt mit den allzeit wachen und vortrefflich aufspielenden Essener Philharmonikern aus der von Einfällen nicht gerade überlaufenden und nicht unbedingt farbenreichen Partitur alles das heraus, was darinnen steckt. Und, wie man zu hören meint, auch manches mehr. Das Primat der SängerInnen lässt er unangetastet, von ihnen allen wird exzellent gesungen und mit Verve gespielt. Ein perfektes Solisten-ensemble, in das sich der Chor gleichrangig einfügt.

Mit Ausstieg und Fall des Hans Heilung gedenkt das Aalto Theater zu Essen des Endes der Zechen und des Exitus ihrer Dynastien.   Der Gruß GLÜCKAUF wird bleiben.

—| IOCO Kritik Aalto Theater Essen |—

GIOVANNI PAISIELLO: Im Schatten der Musikgeschichte, IOCO Aktuell, 18.05.2016

April 19, 2016 by  
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  GIOVANNI PAISIELLO 1740 -1816
Ein Komponist im Schatten der Musikgeschichte

Schaut man heutzutage hoch zu dem Sternenhimmel, der sich über die Musiklandschaft wölbt, so leuchten dort Stardirigenten, Starinstrumentalisten, Starsänger und Starregisseure.  Lässt man das Auge schweifen, trifft es der Strahl der Starkomponisten Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Verdi, Wagner, Strauß und ihrer Kollegen.

Wien / Mozart Denkmal © IOCO

Wien / Mozart Denkmal © IOCO

In einer Zeit, in der die Sprache überemsig nach Attributen fahndet, damit mit ihnen, grell illuminiert, Personen und Ereignisse desto auffälliger vom grauen Hintergrund der Normalität abstechen, scheinen diejenigen Künstler, die derartiger Beleuchtung entbehren oder sie meiden, solche von minderen Fertigkeiten zu sein. Scheinen, wohlgemerkt!
Die Namen derer, die in unserem Musikkanon ganz oben stehen, funkeln selbst hell genug, sie benötigen keine Scheinwerfer von Journalisten und Werbetextern. Beim Blick nach jenen sollte freilich nicht vergessen werden, wieviele musikalische Genies im Laufe der Zeit zu schimmern aufhörten oder man schlichtweg nicht mehr wahrnehmen mag. Womit wir bei Giovanni Paisiello angelangt wären.

Bonn / Beethoven-Denkmal © IOCO

Bonn / Beethoven-Denkmal © IOCO

Die Welt der Musikfreunde würde sich wundern, trüge man ihr zu, welche Unzahl von Opernpartituren in den Archiven und Bibliotheken im wahrscheinlich ewigen Schlaf liegen, aus dem sie wohl kaum jemals die Posaune einer neuen Wertung wecken dürfte. Selbst die Namen der Komponisten, die bis in die Neuzeit hinein von den Spielplänen der Opernhäuser leuchteten, wie Meyerbeer, Flotow, Spohr, Marschner, Lortzing, sind entweder fast erloschen und flackern allenfalls gelegentlich. Dagegen bleibt der des Schöpfers des ersten Barbier von Sevilla, eben Giovanni Paisiello, nahezu glanzlos.
Aus Anlass seines zweihundertsten Todestags soll seiner kurz gedacht und zudem erinnert werden an zahlreiche Vorgänger, Zeitgenossen und Nachfolger, die einst als helle Himmelskörper über der europäischen Musikszene schwebten, und die mit ihm in die Dunkelheit der Musikhistorie eintauchten. Wer sie gleichwohl entdecken möchte, dem werden gut sortierte Musikgeschäfte oder entsprechende Onlinevertriebe helfen. Sie bieten Aufnahmen der genannten Deutschen wie auch der Italiener Cimarosa, Jomelli, Mercadante und der Franzosen Grétry, Boildieu und Adam. Sie alle stellen hier lediglich eine Auswahl und beileibe keine Rangordnung dar.

Unser hier ins Licht gerückte, 1740 in Tarent geborene Giovanni Paisiello widmete sich zunächst der Kirchenmusik, ehe er in Neapel, wo ab 1770 die Opera buffa (komische Oper) die Herrschaft der Opera seria (ernste Oper) ins Wanken brachte und schließlich beendete, jene frohsinnigere Gattung um diverse Schöpfungen bereicherte. 1776 berief ihn die Zarin Katharina II als Leiter der Italienischen Oper nach St. Petersburg. Acht Jahre später kehrte er zu dem Bourbonenkönig als Hofkapellmeister nach Neapel zurück, schrieb weiterhin Oper auf Oper, an die hundert (!) sagt man ihm nach, komponierte in Frankreich für Napoleon I auf dessen Wunsch hin Messe und Te Deum zu seiner Kaiserkrönung. Er war in Italien gemäß den Zeitläuften Republikaner oder Königstreuer, fiel bei den einen in Ungnade und gewann bei den anderen Reputation, bis sich das Spiel in geänderter Reihenfolge wiederholte. Die Zeiten verlangten Anpassung von einem Musikanten, sofern er nicht verkümmern wollte. Nein, das tat Paisiello gewiss nicht; neben den unzähligen Bühnenstücken sprudelten aus seiner Feder Sinfonien, Kammermusik und sogar zwei Oratorien. Er starb 1816 in Neapel.

Worin unterscheidet er sich denn von Kollegen wie u.a. Galuppi, Traetta und Cimarosa, die gleich ihm am russischen Hof wirkten, Opern zuhauf produzierten und sich irgendwann aus dem Gedächtnis der Theaterdirektoren, Sänger und Musikliebhaber zu verabschieden hatten? Nun, in Paisiellos Oeuvre gibt es zwei Werke, die aufhorchen lassen: nämlich eine  Die Magd als Herrin (Serva Padrona) und eben einen Barbier von Sevilla. Das Schicksal aber wollte es, dass seine Serva Padrona  von 1781 nicht gegen jene bis heute favorisierte des Giovanni Pergolesi von 1733 zu bestehen vermochte. Wie auch nach Paisiellos 1782 in Petersburg uraufgeführten Il Barbiere di Siviglia, der vierunddreißig Jahre hindurch auf italienischen, französischen und deutschen Spielstätten reüssieren sollte, kein Hahn bzw. kein Publikum mehr krähte, als ab 1816 Rosina und Almaviva von Gioacchino Rossinis Gnaden konkurrenzlos auf den Bühnen miteinander turtelten. Letzterer hatte entschuldigend dem älteren Kollegen die Aneignung des eigentlich dem Caron de Beaumarchais gehörenden Sujets – allerdings von einem anderen Librettisten verfasst – annonciert, doch der Komponist starb vier Monate nach dem ersten Auftritt des rossinischen Figaros und musste die Vertreibung des eigenen nicht mitansehen.

Paris, Grabstätte von Gioacchino Rossini © IOCO

Paris, Grabstätte von Gioacchino Rossini © IOCO

Das nicht so ganz gerechtfertigte Los des ersten Barbiers erklärt sich mit daraus, dass zwischen dessen Erscheinen 1782 und dem des Nachfolgers 1816 sich die Französische Revolution von 1789 sowie die napoleonische Ära schoben. Mithin kann der frühere Figaro noch nicht wie der spätere als ein schon aufmüpfiges Faktotum der ganzen Stadt, als beschwingter Selbstdarsteller fungieren, sondern eher als das ein bisschen durch die Lande gestromerte Schlauköpfchen, worin Subordination eingeschrieben ist. Zwar verhält sich das Orchester des Giovanni Paisiello nicht derart eigenwillig, um die Handlungsführung zu übernehmen, aber es versteht durchaus, den Hauptfiguren gemäße Akzente zu setzen. Sänger und Musik verbinden sich, ohne sich gegenseitig die Führung streitig zu machen. An die Partitur Rossinis mit ihrem Furioso, ihrer mitunter derben Komik, den vielstimmigen Finals und Chorszenen reicht die des Älteren indessen nicht heran. Gleichwohl ist Paisiellos Opera buffa ein feinsinniges, bisweilen witziges, ein die gloriose Operntradition Neapels einschließendes Werk, das von einem wesentlich genialischeren mit gleicher Vorlage aus dem Theater gedrängt wurde.

Die Zeit von Paisiellos Bühnenstücken ernster Natur (Opere serie) ist längst abgelaufen. Sie auf den Spielplan zu setzen, dürfte kein Intendant die Lust verspüren. Warum auch? Mit Glück lässt sich vielleicht im einschlägigen Handel die eine oder andere Aufnahme aufstöbern. Einige seiner heiteren  Opere buffe, darunter die beiden oben angeführten Titel, könnten womöglich von einem geistreichen Regisseur reanimiert werden. Haben sie es verdient?

In Italien immerhin kümmert man sich bisweilen um sie. Hierzulande bieten sie die Kataloge der Tonträgerfirmen ebenso an wie auch seine Messen und Klavierkonzerte. Anhand derer mögen Hörer dann selbst entscheiden, inwieweit die Musikgeschichte mit dem Komponisten Giovanni Paisiello gerecht verfahren ist. Von Albrecht Schneider 15.04.2016

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