Kurt Weill – Hommage an den Künstler und Menschen, Teil 6, 27.06.2020

Juni 27, 2020 by  
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Kurt Weil 1932 © Wikimedia Commons, the free media repository / Das Bundesarchiv

Kurt Weil 1932 © Wikimedia Commons / Das Bundesarchiv

KURT WEILL – VON DESSAU ZUM BROADWAY
Hommage an sein Leben und Wirken

von Peter M. Peters

Kurt Julian Weill wurde 1900, vor 120 Jahren in Dessau geboren. 1950, vor 70 Jahren starb Kurt Weill in New York. Zwei Gründe für Peter M. Peters, IOCO Korrespondent in Paris, an den großen Menschen und Komponisten zu erinnern: in der bei IOCO erscheinenden 7-teiligen KURT WEILL – Serie.

Kurt Weill – Teil 1 – Berliner Jahre – erschienen 25.5.2020, link HIER
Kurt Weill – Teil 2 – Songstil und epische Oper -30.03.2020, link HIER
Kurt Weill – Teil 3 – Verteidigung der epischen Oper – Flucht aus Deutschland
Kurt Weill – Teil 4 – Interlude à Paris
 Kurt Weill – Teil 5 – New York und die Erfolge am Broadway

Kurt Weill – Teil 6 –  Der amerikanische Orpheus

Während der vergangenen Arbeitsprozesse entwickelte sich bald eine herzliche Freundschaft zwischen Kurt Weill / Lotte Lenya und dem Dramatiker Maxwell  Anderson (siehe Teil 5 – ua Knickerbocker Holiday) und dessen Frau; sie sollte sich in den folgenden Jahren noch vertiefen. Unmittelbar nach Knickerbocker Holiday begannen die beiden Autoren eine neue Arbeit, Ulysses Africanus, die jedoch nicht zu Ende geführt wurde. 1940 schufen Weill / Anderson im Auftrag von CBS die patriotische Rundfunkkantate The Ballade of Magna Carta. Eine andere Auftragsarbeit hatte den Komponisten ein Jahr zuvor beschäftigt. Für die Präsentation der US-Eisenbahngesellschaften auf der New Yorker Weltausstellung 1939 schrieb er auf einen Text von Edward Hungerford (1875-1948) das musikalische Freiluftspektakel Railroads on Parade für Soli, Chor und Orchester – unter Einbeziehung von 15 verschieden gestimmten Pfeifen unter Dampf stehender historischer Lokomotiven, was die Amerikaner natürlich entzückte und die Massen anlockte. Darauf angesprochen, ob dies ein ernsthafter Komponist machen sollte, erklärte Weill – und wir dürfen die Äußerung als programmatisch für seine Schaffensphilosophie bezeichnen:“Ich habe keineswegs das Gefühl, meine Integrität als Musiker zu gefährden, wenn ich für den Rundfunk, den Film oder irgendein anderes Medium arbeite, das jene Öffentlichkeit erreicht, die Musik hören möchte. Ich habe niemals den Unterschied zwischen ernster  und leichter Musik anerkannt. Es gibt nur gute und schlechte Musik“. (Interview 1940). Seine eigentliche Domäne aber blieb auch jetzt das musikalische Theater.

Kurt Weill – RAILROADS ON PARADE
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Ende 1939 lernte Weill den Dramatiker und Librettisten Moss Hart (1904-1961) kennen, einen äußerst erfahrenen Mann des Broadway, der sowohl mit seinen Stücken wie mit Musical-Textbüchern für Cole Porter (1891-1964) (Jubilee, 1935) und Richard Rodgers (1902-1979) (I’d Rather Be Right, 1937) Erfolge feierte. Hart hatte sich früher im Jahr einer psychoanalytischen Behandlung unterzogen – die Freud’sche Methode war zu dieser Zeit in New York gerade en vogue – darüber wollte er zunächst ein Stück, dann aber ein Musical Play schreiben und fragte Weill, ob dieser es komponieren wolle. Die Songtexte würde Ira Gershwin (1886-1983) übernehmen, der seit dem Tod seines Bruders George 1937 nicht mehr für den Broadway gearbeitet hatte. Auch dies eine ideale Konstellation – Weill sagte mit Freude zu. So entstand in intensiver Zusammenarbeit zwischen Februar und November 1940 Lady in the Dark, erneut ein Meilenstein in der Entwicklung des Genres von der Musical Comedy hin zum Musical Play, „…ein Fortschritt sowohl in der Ausarbeitung der Handlung als auch in der musikalischen Gestaltung“. Schon das Vorgehen im Schaffensprozess stellte ein Novum für die vorherrschende Arbeitsteiligkeit der Broadway-Produktion dar. Moss Hart: „Von Anbeginn der Arbeit war die Musik wesentlicher Bestandteil der Grundstruktur des Werkes“. Gleiches trifft für die Partitur zu: „Das Neue der Form besteht darin, dass zu einem realistischen Spiel umfangreiche, abgeschlossene musikalische Szenen treten. Der Dialog wird mehrfach für längere Zeit unterbrochen. Es kommt dann zu einer Art Oper mit Chor und Ballett.Ariose Melodien werden benutzt, außerdem natürlich Songs“. Diese Neuerungen Weills kann nur richtig beurteilen, wer sie am damaligen musikalischen Standard der Musical Comedy misst. Dann allerdings werden sie deutlich sichtbar.

Kurt Weill Denkmal in Dessau © Ralf Schueler

Kurt Weill Denkmal in Dessau © Ralf Schueler

Lady in the Dark wurde zu einem der größten Broadway-Erfolge der frühen vierziger Jahre. Die Uraufführung fand am 23. Januar 1941 im Alvin Theatre statt, mit der gefeierten Gertrude Lawrence (1898-1952) in der Titelrolle. Darauf folgten eine Serie von fast 500 Aufführungen, eine ausgedehnte Tournee und nochmals eine längere Serie in New York. Die Presse reagierte überschwänglich, von einem „Wunderwerk“, einer „Sensation“ war die Rede. New Yorks führender Theaterkritiker Brooks Atkinson (1894-1984), der bereits in seiner Premierenkritik auf den enormen Fortschritt verwiesen hatte, den das Stück darstellte, besuchte nach acht Monaten Laufzeit erneut die Produktion und schrieb danach seine „Bemerkung über das Theaterwunder Lady in the Dark – mit speziellen Bezug zu Kurt Weill und Gertrude Lawrence“. Dort heißt es u.a., und all das bedeutete eben 1941 eine gewichtige Neuerung für das Genre: „Das bindende Element ist Kurt Weills Musik, zugleich Ausdruck der modernen Machart des Stückes. Es ist kein einfacher Song-Schreiber, sondern ein Komponist von organischer Musik, die die unterschiedlichen Elemente eines Stückes verbindet und die Handlung in den Song überführt. Ohne Mr. Weills wunderbar integrierte Musik wäre es schwer, zu jener starken und bildlichen Sprache zu gelangen, die dieses Musical Play von der herkömmlichen Musical Comedy unterscheidet“ (New York Times 1941).

„We will never die“ – das ergreifende Holocaust Memorial 1943 – Hollywood Bowl – Musik Kurt Weill –
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Mit dem Erfolg von Lady in the Dark – alsbald erwarb Paramount auch die Filmrechte – war Weill nun finanziell völlig unabhängig. Im Mai 1941 kaufte er das Brook House, ein 150 Jahre altes Farmhaus mit 17 Morgen Land, direkt neben dem Anwesen des Freundes Maxwell Anderson gelegen. Im September zogen Weill und Lenya ein und sollten sich in der neuen Umgebung bald völlig zu Hause fühlen: „Wenn ich auf eine einsame Insel verschlagen würde, so hätte ich niemals Heimweh nach Berlin, Dessau oder Lüdenscheid. Heimweh hätte ich nach dem Drugstore von New City“ (Interview 1944).

Nur drei Monate später traten die USA, nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor am 6. Dezember 1941, in den Zweiten Weltkrieg ein. Weill indes stellte  fortan alle seine künstlerischen Mitteln in den Dienst des American War Effort. In den Jahren bis 1944 entstanden im Auftrag des Office of War Information Songs für Kurzwellensendungen nach Deutschland sowie patriotische Lieder, Melodramen und Rundfunkmusik (Your Navy, Text: Anderson) für Amerika. Er arbeitete aktiv an Programmen mit, die von den Arbeitern der großen Rüstungsfabriken und Werften an der Ostküste aufgeführt wurden (Lunch Time Follies – dafür zahlreiche operative Propagandasongs), im Auftrag der US-Army schrieb er die Musik zu einem Programm für die kämpfende Truppe (Three Day Pass). Schließlich war er 1944/45 auch mit zwei Arbeiten an der Anti-Nazi-Production Hollywoods beteiligt. Das 1943 gemeinsam mit Ben Hecht (1894-1964) entstandene und in mehreren Großstädten vor einem nach Zehntausenden zählenden Publikum aufgeführte Massenspiel We Will Never Die, gewidmet den (schon damals zwei Millionen) ermordeten Juden in Europa, brachte die Tragödie des Holocaust erstmals ins Bewusstsein einer breiten amerikanischen Öffentlichkeit und hatte damit neben der Memento auch die beabsichtigte mobilisierende Wirkung. Sinclair Lewis (1885-1951) sprach von „einem der ersten Beispiele großer Kunst, die der Krieg zur Rettung der Demokratie hervorbringen sollte, doch bisher kaum hervorgebracht“.

Lady in the Dark – Kurt Weill – Beschreibung und mehr
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One Touch of Venus, Kurt Weill und Marlene Dietrich

Seit 1942 beschäftigte Kurt Weill ein neues Theaterprojekt, aus der Novelle The Tinted Venus von Thomas Anstey Guthrie (1856-1934) sollte, zunächst mit Bella Spewak (1899-1990) als Buchautorin, ein Musical Play entstehen. Weill sprach von „einem erstklassigen Einfall für eine unterhaltsame und doch originelle opéra-comique à la Offenbach“. Die Titelrolle wurde Marlene Dietrich (1901-1992) angeboten, und als diese großes Interesse zeigte, fuhr Weill (der bereits 1933 in Paris den Erich Kästner (1899-1974)-Text Der Abschiedsbrief für Marlene Dietrich vertonte hatte) im September 1942 nach Hollywood, um ihr die ersten fertigen Musiknummern vorzuspielen. Das ganze endete enttäuschend, die Dietrich sagte ab: „Sie fing wieder mit der alten Leier an, wie sehr sich meine Musik hier in Amerika geändert hätte. Ich habe sie einfach unterbrochen: Lassen wir doch diese alten deutschen Lieder – wir sind jetzt in Amerika“. Auch Bella Spewack schied aus, an ihrer Stelle traten zwei erfahrene Broadway-Autoren (Buch: Sidney Joseph Perelman (1904-1979) / Songtexte: Ogden Nash (1902-1971). In enger Zusammenarbeit wurde danach zwischen Juni September 1943 das Stück mit dem Titel One Touch of Venus endgültig ausgeformt, eine moderne amerikanische Version des alten Galatea-Pygmalion – Themas.

One touch of Venus – Kurt Weill singt selbst „Speak low ..“
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Weills glänzend orchestrierte Partitur enthält erneut einige große Songs, etwa WestwindFoolish Heart und Speak Low, eine Rumba, die rasch zum Schlager werden sollte. Und, wieder Neuerung für das Genre: Es gibt eine große, reichlich zwanzigminütige abgeschlossene Ballettszene Forty Minutes For Lunch. One Touch of Venus übertraf noch den Erfolg von Lady in the Dark. Auf die Uraufführung am 7. Oktober 1943 im Imperial Theatre (Regie: Elia Kazan (1909-2003), Titelrolle: Mary Martin (1913-1990)) folgte eine Serie von 567 Vorstellungen. Elliot Carter (1908-2012) bescheinigte Weill: „Meisterschaft in allen Broadway-Kunstfertigkeiten und die Fähigkeit, offenbar mit sicherer Hand einen Erfolg nach dem anderen zu produzieren“. Eine Filmarbeit, die Musik zu dem < Anti-Nazi-Streifen > Where Do We Go From Here?, führte Weill 1944 in Hollywood wieder mit dem Songtexter Ira Gershwin zusammen.

Erneuerung der Broadway Opera

Schon 1937, zwei Jahre nach seiner Ankunft, hatte Weill in einem größeren Aufsatz, der auch seine europäischen Bemühungen zur Erneuerung des Genres reflektiert, über die Möglichkeiten der Oper in den USA geschrieben: „Wenn wir an Stelle des Begriffs „Oper“ den Begriff „musikalisches Theater“ einführen, so erkennen wir viel deutlicher die Entwicklungsmöglichkeiten in einem Lande, das nicht mit einer Operntradition belastet ist und daher ein offenes Feld für den Aufbau einer neuen (oder den Wiederaufbau einer klassischen) Form bietet“ (Interview 1940). Drei Jahre später, er hatte mit Knickerbocker Holiday erste praktische Erfahrungen im Genre des Musical Play gesammelt, heißt es: „Diese Form wird sich aus dem amerikanischen Theater entwickeln und ein Teil von ihm bleiben – dem Broadway- Theater, wenn Sie so wollen. Und mehr als alles andere möchte ich einen Anteil an dieser Entwicklung haben“.

Kurt Weill Kantorhaus in Dessau © Ralf Schueler

Kurt Weill Kantorhaus in Dessau © Ralf Schueler

Das Thema einer „amerikanischen Oper“ beschäftigte zur gleichen Zeit – angeregt durch persönliche Erfahrungen in Europa gegen Ende der zwanziger Jahre – auch Komponisten wie George Antheil oder Virgil Thompson (1896-1989). Sie waren sich durchaus der Tatsache bewusst, dass das elitäre Opernpublikum hierzulande lediglich die < museale > Reproduktion der europäischen Oper des 19. Jahrhunderts gewohnt war, glaubten indes – anders als Weill – man könnte eben dieses Publikum an neuartige Werke heranführen. Was sich als Irrglaube erwies, wie etwa die äußerst geringe Resonanz auf Antheils Helen Retires (1935) gezeigt hatte. Weill registrierte all dies mit wachem Sinn. Während er noch seine äußerst erfolgreichen Musical Plays schrieb, beschäftigte ihn zunehmend die Frage, wie man die von ihm angestrebte neue Form unabhängig von den Opernhäusern (die aller Innovation verschlossen waren) und einer avancierten Szene des Experiments (die kaum Publikumswirkung erzielte) dennoch realisieren konnte. Seine Bemühungen, ein erweitertes Auditorium zu gewinnen, hatten schon in Berlin ab 1927 Weills Programm bestimmt. Er wollte unmittelbare, möglichst breite Wirkung erreichen. So auch jetzt in Amerika, wobei er sich in bester Tradition sah: „Die großen klassischen Komponisten schrieben für ihr zeitgenössisches Publikum. Sie wollten, dass jene, die ihre Musik hörten, sie verstanden – und so war es. Ich für mein Teil schreibe für heute. Ich setze keinen Pfifferling auf ein Schreiben für die Nachwelt“. Und das Publikum, das er am Broadway erlebte, ermutigte Weill bei seinen Überlegungen hin zu einer neuen Form amerikanischer Oper: „ Bevor ich hier kam, hatte ich gedacht, die Amerikaner seien kalt. Nun, ich fand genau das Gegenteil. Sie sind ein perfektes Publikum, viel stärker empfänglich für Gefühle als das europäische. Sie sind äußerst emotional, und daher wundervoll“ (Rundfunkinterview 1950).

Die Weiterentwicklung des Musical Play in der ersten Hälfte der vierziger Jahre – neben Weill vor allem durch das Team Richard Rodgers (1902-1979) /Oscar Hammerstein II (1895-1960) (Oklahoma, 1943 / Carousel, 1945; Hammersteins Bizets-Adaptation Carmen Jones goss 1943 erstmals eine Oper in Musical- Form) – bereitete den Boden, endlich bildeten nun die Elemente eines musikalischen Stückes eine wirkliche Einheit, waren in der Handlung Text, Musik, Songs und Tanz sinnvoll integriert. Weill Ende 1945: „Die Bühne des Broadway besitzt für das amerikanische Publikum die gleiche Bedeutung wie Opernhäuser und Konzertgebäude für den Europäer. Ausgehend von diesem Gedanken, habe ich meine Musik immer wieder für den Broadway geschrieben, und heute bin ich überzeugt, dass das amerikanische Publikum bereit ist, auf dieser Bühne seine eigene Form von Oper akzeptieren“ (Interview 1945). Was diese Form betraf, sprach Weill zur selben Zeit erstmals – in Verbindung mit Firebrand of Florence, wir haben den Brief zitiert – von Broadway-Oper. Im Verlauf des nächsten Jahres, während der Arbeit an Street Scene, konkretisierte er sein Konzept: „Der Broadway verkörpert das lebendige Theater dieses Landes, und eine amerikanische Oper, wie sie mir vorschwebt, sollte Teil des lebendigen Theaters sein. Sie sollte, wie die Produkte anderer Opern-Zivilisationen, große Teile des Publikums ansprechen und sollte alle nötigen Bestandteile einer guten Show haben“.

Viel Lärm um Liebe – The Firebrand of Florence – Kurt Weill
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Das heißt für Kurt Weill erstens, dass die Broadway-Oper einen amerikanischen Stoff haben muss, der das Publikum anspricht und emotional bewegen kann. In Elmer Rices Stück Street Scene von 1929 sollte er eine erste geeignete Vorlage finden. Es heißt zweitens Verwendung sehr unterschiedlicher musikalischer Formen, ein Mixtum compositum von Mitteln der Oper und des Musicals: „Songs, Arien, Duette, Ensembles, Orchesterzwischenspiele und Dialoge, die die Rolle der Rezitative in der klassischen Oper einnehmen“ (Anmerkungen zur Plattenfassung von Street Scene 1947). Die schließlich nach diesem Konzept entstandene Broadway-Oper Street Scene betrachtete Kurt Weill als „Erfüllung zweier Träume“ – bezüglich der Form und bezüglich der Tatsache, dass ihm eine originär amerikanische Oper gelungen war. Auf seine Arbeit für das Theater seit 1925 zurückblickend, schrieb er: „Ich habe ständig auf meine Weise versucht, die Formprobleme des Musiktheaters zu lösen; und im Verlauf der Jahre habe ich mich diesen Problemen auf sehr verschiedene Weise genähert. Doch ich entdeckte sehr bald, dass die speziellen Erfordernisse des Opernhauses, seiner Darsteller und seines Publikums, mich zwangen, gewisse Elemente des modernen Theaters zu opfern. Es war zu dieser Zeit, dass ich von einer besonderen Art musikalischen Theaters zu träumen begann, in dem Drama und Musik, gesprochenes Wort, Song und Bewegung völlig vereint sein würden. Alle Werke, die ich seither für das Theater geschrieben habe, waren Schritte in diese Richtung. Aber erst 15 Jahre später, erst mit Street Scene, erreichte ich eine wirkliche Verbindung von Drama und Musik“.

So schließt sich hier für Weill ein Kreis, dessen Ausgangspunkt schon in Lüdenscheid  bei seinem  Lehrer Ferrucio Busoni begann „…seit ich mit 19 Jahren festgestellt hatte, dass das Theater meine eigentliche Domäne werden würde“. Dazu Heinz Geuen (1954-):  „Street Scene ist die konsequente Umsetzung der Vorstellung eines musikalischen Theaters, das folgerichtig zur sozial engagierten oder – in Weills früherer Diktion – zur  „gesellschaftsbildenden“ Broadway-Opera führte. Im stilistischen und formalen Pluralismus von Street Scene ist zugleich die Forderung Busonis, „jedes irgendwie wirksame Mittel in die Werkstatt unserer Möglichkeiten aufzunehmen, es ästhetisch und sinnvoll zu verwenden“ (Ferrucio Busoni: Ein Testament Wesen und Einheit der Musik 1956), mit einer Radikalität umgesetzt worden, die sich wohl auch Busoni nicht hätte träumen lassen“. Weills Vorstellung, im Ergebnis seiner Arbeit könne „ …sehr leicht eine amerikanische Operntruppe mit eigenen Repertoire, mit zwei oder drei Werken ähnlichen Charakters, im ganzen Land auftreten“ (Brief 1947), erfüllte sich zwar nicht. Dafür jedoch eine andere, dass sich nämlich, von Street Scene ausgehend, am Broadway „… ein neues Feld für Sänger, Musiker und Komponisten eröffnen könnte“ (Interview 1946).

The Firebrand of Florence – hier Lotte Lenya
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Konzept wie Realisierung der Broadway-Oper beeinflussten nachdrücklich die Entwicklung der folgenden Jahre. Dazu Larry Stempel (?):Street Scene wurde zum Basisstein jenes konzeptionellen Bogens, der solche am Broadway nachfolgende Opern wie Regina, 1949 (Marc Blitzstein) und The Saint of Bleeker Street, 1954 (Gian Carlo Menotti 1911-2007), 1954) sowie solche opernhaften Broadway-Musicals wie The Most Happy Fella, 1956 (Frank Loesser 1910-1969), und West Side Story, 1957 (Leonard Bernstein 1918-1990), verband“.

So sah es auch Brooks Atkinson. Anlässlich der Uraufführung von Blitzsteins Regina am 31. Oktober 1949 schrieb er in der New York Times: „Wir sehen hier den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die mit Street Scene begonnen hat. Regina gehört zu den besten Opernaufführungen, die der Broadway je erlebte“. Gegen Ende der fünfziger Jahre aber sollte diese Entwicklung dann keine Fortsetzung mehr finden. Nochmals Atkinson, diesmal im resümierenden Rückblick: „Der Broadway wurde beileibe zu keiner dauerhaften musikalischen Akademie, in der begabte Komponisten und visionäre Autoren das Grundmuster „Song-and-Dance-Show“ in künstlerische Vollendung umwandelten. Mittelmäßigkeit breitete sich wieder aus, wie gewöhnlich“. Dass dies ein reichliches Jahrzehnt lang in erfolgreichen Ansätzen anders gewesen war, ist wesentliches Verdienst von Kurt Weill; er starb am 3.4.1950, die nun folgende Entwicklung erlebte er nicht mehr.

Die Kurt Weill Serie von Peter M. Peters – Teil 7 –  hier  4. Juli 2020

—| IOCO Portrait |—

München, Deutsches Theater, Berlin Berlin – Show der goldenen zwanziger Jahre, IOCO Kritik, 25.01.2020

Deutsches Theater München © Robert Goetzfried

Deutsches Theater München © Robert Goetzfried

Deutsches Theater München

Berlin Berlin  –   Show about the Roaring Twenties

 Deutsches Theater München

von Daniela Zimmermann

Die große Show der Goldenen Zwanziger Jahre: direkt aus dem Admiralspalast von Berlin nach München ins Deutsche Theater. Das Deutsche Theater München ist erste Adresse für Entertainment auf höchstem Niveau und Musical-Haus der bayerischen Landeshauptstadt. Aber auch Konzert, Tanzshow und Revue gehören zum Programm des größten Gastspielstheaters in Deutschland.

In den goldenen 20er Jahren der Autorin dieser Rezension war das Deutsche Theater München die große Faschingshochburg: aufwendige Dekorationen zierten traumhafte Faschingsfeste und große Bälle. Seit seiner Eröffnung in 1896 war das Deutsche Theater ein  vielseitiger Unterhaltungspalast. 1943 zerstörten die Bomben das schöne Theater; notdürftig repariert wurde es bereits 1951 wiedereröffnet. 2009 wurde dann 5 Jahre aufwendig saniert; seit 2014 ist das Deutsche Theater gesuchte Spielstätte für anspruchsvolle Musicals, Shows, Konzerte und Varieté.

Berlin Berlin – The roaring Twenties
youtube Trailer der BB Promotion
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Der Admiralspalast Berlin ist  das  Pendant zum Deutschen Theater München. Im art-déco Stil, 1910 erbaut. Als lebensfroher Vergnügungsort, war der Admiralspalast in den 20er Jahren heißer Treffpunkt der Berliner Szene. Dort ging, berlinerisch ausgedrückt, die Post ab. 100 Jahre sind seither vergangen. Heute bewegen wir bewegen uns wieder in den 20ern und hoffen wieder auf die Aufbruchsstimmung von damals, die so viel Kreativität, Freizügigkeit und pure Lebensfreude freisetzte.

BB Entertainment inszenierte die Revue Berlin Berlin; eine Eigenproduktion in Zusammenarbeit mit dem Admiralspalast Berlin. Dort, wurde Berlin Berlin im Dezember 2019 uraufgeführt. An das Deutsche Theater München kam die Show mit  großzügig besetztem Ensemble, Live Band und schönen Requisiten der 20er Jahre: Geschrieben von Christoph Biermeier. Vollbepackt mit 31 mitreißenden Liedern, fast alle aus den 20ern, alle so bekannt, dass man frohgesinnt mitsingen möchte:. „Bei mir bist Du schön“, „Im weißen Rössel am Wolfgangsee“, „Veronika der Lenz ist da“,  die Moritate von Mackie Messer und mehr.  Hinreißend präsentiert von Sebastian Prange der Lach Foxtrott. Die Revue bezieht dabei oft auch das Publikum ein und sorgt so für wunderbare Stimmung unter den Besuchern. Berlin in den Jahren von 1920: Es ist froh und pulsiert mit voller Lebenskraft.

Die Handlung: Ein Admiral a.D. (Martin Bermoser) lädt in den Admiralspalast und fungiert als Conférencier. Als solcher führt er in das verruchte Berliner Leben ein. Anfangs wenig schmissig gewinnt die Revue dann an Fahrt:  Es wird gekokst, natürlich fließt der Champagner reichlich, auf der Bühne herrschen Glanz und Glamour. Ein illuminierter vielfältig genutzter Aufgang wird ebenfalls Teil hinreißender Showeinlagen

Wir begegnen dabei, wie sollte es anders sein, bekannte Menschen, welche die 20er Jahre von damals mitgeprägten. Im Admiralspalast treffen sich alle: Beroldt Brecht und Kurt Weill,  wie sie noch schnell einen Hit zu Papier bringen. Anita Berber, verkörpert von Sophia Euskirchen, ist hemmungslos und frivol. Ihr Solo Cabaret ist ein Höhepunkt der Revue. Die Songs Cabaret und Money wurden zwar erst 1966 geschrieben,  passten aber so gut in diese Zeit, dass sie in die Berlin Berlin Revue aufgenommen wurden.

Ein Symbol der Zeit ist Marlene Dietrich: lasziv, sexy  mit ihrer rauchigen Stimme. Nina Janke wirkt in dieser Rolle etwas steif, auch fehlt ihr das spezielle Dietrich Timbre in den berühmten „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Die Dietrich war eben einmalig. Doch Kutte, ein Berliner Junge (Sebastian Prange) ist in vielen kleinen Auftritten und mit perfektem Berlinerisch stets humorig präsent. Mit seinem Lach Foxtrott fliegen ihm alle Herzen im Publikum zu. Er besorgt auch für die spezielle Berliner Atmosphäre.

Deutsches Theater München / Berlin Berlin - Revue über die roaring Twenties hier Dominique Jackson als Josephine Baker © Christian Kleiner

Deutsches Theater München / Berlin Berlin – Revue über die roaring Twenties hier Dominique Jackson als Josephine Baker © Christian Kleiner

Einen großen Auftritt nach der Pause begeisterten die Comedian Harmonists mit mehreren ihrer bekannten Lieder.“ Mein kleiner, grüner Kaktus“,  „Veronika, der Lenz ist da“ und mehr. Das tanzende Ensemble stets in authentischen Kostümen: Viel Glitzer, Pailletten, Franzen, Federn, kurze Röcke oder noch weniger sorgten für das 20 Jahre Flair. Und dazu, Schlag auf Schlag, Musik in den Rhythmen der Zeit. Jazz frisch importiert aus Amerika, Foxtrott und vor allem der Charleston.  Strümpfe mit Strapsen und die Zigaretten mit den eleganten Zigarettenspitzen. Bubiköpfe, das Charleston Kleid und  Perlen. Hier stimmt die Choreografie, ist perfekt.

Josephine Baker, perfekt dargestellt von Dominique Jackson im berühmt berüchtigten Bananenröckchen und glitzernden Perlenschnüren, wird zum Ende der Revue zu einem weiteren Höhepunkt des Abends. Sie war ein großer Star auch im damaligen Berlin. Dominique Jackson faszinierte, tanzte und sang als lasziv bekleidete Josephine Baker, mit  schwingenden Hüften. Doch dann endet alles: Brachial brechen die Nazis herein und beenden Traum und Mythos der 20iger Jahre. Eine große Hakenkreuzfahne fällt von oben herab auf die Bühne: Spaß und die Freiheit enden. Josephine Baker, bekommt im Deutschen Theater München Auftrittsverbot: Die hässliche braune Zeit bricht an.

Doch die Revue Berlin Berlin in München endet so nicht. Kutte, der Berliner Junge kommt noch einmal und bringt alle wieder in Stimmung mit seinem einmaligen Lach-Foxtrott.

Das Publikum war begeistert und hoffte, mögen doch die 20iger des 21. Jahrhunderts  ebenso „roaring“ werden wie die leider vergangenen….


Derzeit wird im Deutschen Theater München getanzt, aber kein Theater gespielt: Alle Jahr wieder verwandelt es sich immer Mitte/Ende Januar in Münchens größtes Ballhaus und wird zur prunkvollen Kulisse für glanzvolle Galas und rauschende Tanznächte. Die nächste Theaterpremiere steht dann am 5. März 2020 auf dem Programm, wenn mit Sweeney Todd – The Demon Barber of Fleet Street die gefeierte Neuinszenierung des Musical-Thrillers von Stephen Sondheim im englischen Original erstmals im süddeutschen Raum zu erleben ist.

Berlin Berlin auch in: ….  Köln, Düsseldorf und mehr ….  HIER!

Berlin Berlin – Die große Show der 20er Jahre – die im Dezember ihre Uraufführung am Admiralspalast Berlin erlebte – Premiere. Die Show wandert über viele Bühnen Deutschlands: Musical Dome, Köln: 21.1.-2.2.; Düsseldorf Capitol Theater 4.2. – 9.2.; Hamburg Kampnagel 11.2. – 16.2.; Stuttgart Theaterhaus 18.2. – 23.2.; Berlin Admiralspalast 15.12.2020 – 3.1.2021.

—| IOCO Kritik Deutsches Theater München |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Das Wunder der Heliane – Naxos DVD, IOCO Rezension

Das Wunder der Heliane DVD © 2012-2019 Naxos Deutschland Musik und Video Vertriebs-GmbH

Das Wunder der Heliane DVD © 2012-2019 Naxos Deutschland Musik und Video Vertriebs-GmbH

Das Wunder der Heliane – Inszenierung  Deutsche Oper Berlin
– Rauschhaftes auf neuer NAXOS DVD –

von Michael Stange

Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold ist nun Dank des für musikalisches Gespür und Entdeckerfreude bekannten Labels Naxos in ausgezeichneter Bild- und Tonqualität als DVD erhältlich.

Bild, Regie und die hohe musikalische Qualität der Aufführung erleichtern so das Eintauchen in dieses durch lange, statische und mythische Szenen geprägte Werk. So leistet die DVD auch einen wichtigen Beitrag zu größeren Verbreitung dieser teilweise verkannten und unterschätzten Oper.

Erich Wolfgang Korngold, (1897 Brünn – 1957 Los Angeles), ist – anders als seine Oper Das Wunder der Heliane – kein Vergessener, wie viele andere seiner Generation. Seine Filmmusiken sind weltbekannt und seine Oper Die tote Stadt stand und steht mit Unterbrechungen seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts weltweit auf den Spielplänen.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Korngold hat neben seinem reichen Schaffen insbesondere als Pionier der Filmmusik in Hollywood heute noch gültige Maßstäbe gesetzt. Beide Karrieren waren Ausfluss seines Genies und seines immenses musikalisches Gespürs. Trotz der Geburt um die Jahrhundertwende war er – anders als die meisten Komponisten seiner Generation – musikalisch und auch bei der Wahl seiner Opernstoffe ein zutiefst im neunzehnten Jahrhundert verhafteter Romantiker.

Die wichtigste Biografie über Erich Wolfgang Korngold von Brendan Carrol – der auch das lesenswerte DVD-Booklet verfasst hat – trägt den Titel Das letzte Wunder. Der Buchtitel fasst den heutigen Blick auf Korngold prägnant zusammen. Sohn eines berühmten Wiener Musikkritikers, erste Kompositionen mit neun Jahren, bewundert von Gustav Mahler, Giacomo Puccini und Richard Strauss, Schöpfer mehrerer Opern- und Konzertkompositionen, Hollywood-Filmkomponist und Oscar-Preisträger. Ein bewegtes Leben in einem stürmischen, erbarmungslosen und mörderischen Jahrhundert, das Europa zwei Kriege, Millionen von Ermordeten und zuvor ungekannten gesellschaftlichen Umwälzungen brachte.

Das Wunder der Heliane ist ein Werk, das im Kern die Themen Macht, Unterdrückung, Lieblosigkeit, Terror und den Ausbruch aus diesen Zwängen durch Tod, Erlösung, Liebe und Freiheit behandelt. Verstöße gegen vermeintlich „sittlich, moralische Regeln“ werden durch ein Gericht geahndet, die Beschuldigten zum Tode verurteilt und am Ende der Oper geht das von der weltlichen Gerichtsbarkeit verurteilte Liebespaar – das auf Erden keinen Platz findet –  in das Himmelreich ein.

Diese Geschichte wird aber nicht in eine dramatisch, packende Handlung gekleidet sondern in eine mystisch, psychologisch freudianisch durchtränktes Oratorium gegossen. Das schon bei der Uraufführung unzeitgemäße Libretto dürfte – neben den antisemitischen Verfolgungen Korngolds – denen er bereits Ende der zwanziger Jahre ausgesetzt war, der zentrale Grund sein, dass die Oper lange vor ihrer ersten szenischen Wiederaufführung nach dem zweiten Weltkrieg im Jahr 1970 vergessen war oder bis auf zwei konzertante Aufführungen in London 1959 und 1968 weitgehend unbeachtet blieb.

 Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Nach der Zäsur des 1. Weltkrieges des ersten Weltkriegs war es ein kühnes Unterfangen, im Jahr 1929 eine an die Mythenwelt Wagners angelehnte Oper uraufzuführen. Die expressionistischen Werke Schrekers, Hindemiths und Kreneks spiegelten die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse jener Jahre wieder und nahmen den Ausdruck der Zeit auf. Sie lieferten jene dramatisch pralle Sittengemälde, die dramaturgisch in der Tradition Puccinis standen, dem Zeitgeist entsprachen und vom Publikum aufgesogen wurden.

Das kreidete man Korngold natürlich schon bei der Uraufführung an. Als Korngold in den fünfziger Jahren nach Europa zurückkehrte, war er gegenüber den „Neutönern“ ein musikalisches Fossil und als Hollywood Komponist zugleich ein „Verräter der ernsten Musik“.

So brauchte es für die Renaissance des Werkes nach der konzertante Londoner Wiederaufführung Ende der fünfziger Jahre nahezu vierzig Jahre. Geschuldet war dies wohl insbesondere der musikalisch intensiven Tiefe der Oper, die anderen Musikdramen aus der Zeit der Uraufführung abging. Ein langsames schwelgerisches Konzept, rauschhaft gleißende, berückende und faszinierende Musik paaren sich mit seiner mythologischen, statischen Konzeption. Die fehlenden, perlenartig aneinander gereihten dramatische Momente und das textlich zumindest eigenwillige Libretto erschweren die vollständige Wahrnehmung der Oper und die Verfolgung der Handlung auf der heimischen Klangbühne.

Christof Loys Inszenierung von Heliane an der Deutschen Oper Berlin (Premiere 18.3.2018) hilft die starke musikalische Wirkung im Sinne der Werkaussage darzustellen: In einen Saal der Jahrhundertwende, der an den leer geräumten Saal der Nürnberger Prozesse gegen die NS-Kriegsverbrecher oder den Marlene Dietrich Film Zeugin der Anklage begegnet sich eine in schwarzen, dreiteiligen Anzügen gekleidet Männerwelt. Der Herrscher ist ein wenig hipper und trägt ein schwarzes Hemd zum Anzug. Der Fremde hebt sich als Beschuldigter im Gerichtsverfahren allein durch seinen grauen Anzug ab. Gleiches gilt für die Frauen. Die Botin trägt ein Cocktailkleid, der Chor Kostüme; Heliane erscheint im Marlene Dietrich Look mit Pelz.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Dadurch wird das Geschehen auf die menschliche Tragödie der unglücklich Liebenden und des grausamen, verschmähten Herrschers konzentriert und verdichtet. Die Personenführung ist packend und eindringlich. Die Interaktion der Protagonisten und ihr Spiel entfalten auf der Bühne eine starke dramatische Wirkung.

Musikalisch kommt die Aufführung einem Wunder nahe. Marc Albrecht und das Orchester der Deutschen Oper Berlin bieten einen flirrenden Klang, der die Sinnlichkeit und die reiche Instrumentation der Oper offenbart. Die dramatischen, aber auch die sirrenden sowie die gleichsam sakralen Passagen werden in umwerfenden Klangfülle und -schönheit dargeboten. Albrecht lässt jeden Aspekt der Partitur aufleuchten. Der Korngold-Sound und auch die eigenen Klangfarben durch die fünf verschiedenen Tasteninstrumente kommen überragend zur Geltung. Dissonanzen reihen sich an schwelgerische Klangmomente. Der ursprünglich wohl auch von Korngold angestrebte Klangstrom wird interpretiert dargeboten und die Musik klingt nie wie ein blasses Puccini-Plagiat. Durch seine Interpretation ist Marc Albrecht so der ideale Botschafter der Musik Korngolds und hat ein musikalisches Gespür für die Partitur gezeigt, dass die Ersteinspielung auf CD aus den neunziger Jahren deutlich in den Schatten stellt.

Der Chor und Extrachor der Deutschen Oper Berlin unter Jeremy Bines singen präzise, klangschön und involviert. Das durchsichtige Dirigat begünstigt auch die Sänger die ungemein anspruchsvollen Rollen – die zum Teil über die Anforderungen von Wagner und Strauss hinausgehen.

Das Wunder des Heliane – Erich Wolfgang Korngold
youtube Trailer der Deutsche Oper Berlin
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Gesungen und gespielt wird auf höchstem Niveau. Sara Jakubiak ist eine elegante, darstellerisch zutiefst involvierte Heliane (siehe Trailer oben).Tiefe, Mittelllage und Höhe werden vollendet verblendet. Die dramatischen und innigen Momente und die immensen Steigerungen gelingen ihr klangschön und wirkungsvoll. Durch immense Stimmreserven und ihre unglaubliche Leidenschaft und Rollenidentifikation setzt sie Maßstäbe in der Interpretation dieser nahezu unsingbaren Rolle. Sie meistert die große Arie „Ich ging zu ihm“ mit breitem Atem und hymnischen Steigerungen. Eine Idealbesetzung.

Brian Jagde ist ein junger dramatischer Tenor und der Rolle technisch vollständig gewachsen. Seine leuchtende Höhe und Stimmkultur meistern alle Herausforderungen dieser mörderischen Rolle. Ein beseelter Fremder der diese monströse Partie sowohl gesanglich als auch dramatisch voll ausfüllt. Auch er setzt mit seiner Interpretation Maßstäbe und ist ein weiterer Höhepunkt der DVD.

Okka von der Damerau verleiht der Botin mit rundem Mezzo und dramatischer Attacke botin, Gewicht und durchschreitet ihre Szene mit Emphase. Sicher schwingt sich von der Mittellage sicher in die exponierten Höhen auf.

Josef Wagner ersetzt durch Gestaltung und Interpretation was ihm an heldenbaritonaler Durchschlagskraft und strahlender Höhe fehlt. Sein kalter König ist dem Liebespaar so ein gefährlicher und potenter Widersacher.

Die Deutsche Oper Berlin und das Ensemble haben hier eine Aufführung von großer Wucht Intensität und Musikalität auf die Bühne gebracht, die die Bedeutung Korngolds eindringlich und rauschhaft in Bild und Ton festhält. Ein großer Dank an Naxos, dass diese Aufführung bleibend auf DVD gebannt wurde.

—| IOCO CD-Rezension |—

London, Royal Opera House, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 29.07.2019

Juli 28, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Royal Opera House

 Royal Opera House London ( links hinten die Paul Hamlyn Hall) © Royal Opera House

Royal Opera House London ( links hinten die Paul Hamlyn Hall) © Royal Opera House

Royal Opera House

 Carmen  –   Georges Bizet

Von Viva schreienden Todesmasken umgeben sinkt Carmen nieder …

von Peter M. Peters

Wer ist Carmen – wo kommt sie her? Wenn man sich näher mit ihr beschäftigt,erkennt man die ganze Komplexität der Gestalt. Carmen – lateinisch: Lied, Zauber. Mag sein, doch Carmen ist auch ein ganz üblicher Vorname in Spanien; jedoch etymologisch wird er abgeleitet von …  Virgen del Carmen…  der Jungfrau vom Berge Karmel in Palästina. Der Karmeliten-Orden verinnerlicht diesen Mzthos.. Die religiöse Mystik (Teresa de Avila 1515-1582, Juan de Cruz 1542-1591) und die populären Erzählungen haben über Jahrhunderte geholfen den Mythos Carmen zu verbreitern.

CarmenInsights into the ROH production
youtube Trailer des Rozal Opera House
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Carmen – die nach Freiheit sehnende Frau, Verführerin und Zauberin, ward geboren. Unser Dichter Prosper Mérimée hat in seiner Novelle alle diese Überlieferungen geschickt verarbeitet. Leider sind die Opernlibrettos nicht immer auf der gleichen Höhe wie das Original, und somit hat der australische Regisseur Barrie Kosky die oft seichten und versüßten gesprochenen Dialoge von Henri Meilhac und Ludovic Halévy radikal gestrichen. Dafür wurde der wunderbare Text von Mérimée in Auszügen von einer weiblichen Off-Stimme gelesen und bereicherten im Royal Opera House so Spiel und Darstellung.. Im Einklang mit der genialen Komposition von Georges Bizet, wurde großes Welttheater inszeniert:

Schon in der Ouvertüre zeigt sich eine über die gesamte Bühne verbreitete Treppe; sie wird bis zum Ende das einzige Dekorationsobjekt bleiben. Am Fuße der Treppe erscheint eine Gestalt die mit tänzelnden leichten Schritten auf und ab geht. Carmen in einem Torerokostüm, ist umgeben von wilden, brünstigen Männern, die Stieren gleich wütend und gierig in Angriffsstellung auf sie warten. Es ist eine getanzte wilde Orgie, unterbrochen nur durch Peitschenknalle der männerzähmenden Torerofrau. Das 20. Jahrhundert hat unseren Carmen-Mythos übernommen und erweitert in Form von Frauen-Emanzipation und Frauen-Rechten.

Royal Opera House, / Carmen - hier : Ensemble © Bill Cooper

Royal Opera House, / Carmen – hier : Ensemble © Bill Cooper

Ohne weitere Inhaltsangaben zu Carmen  (jeder Musikfreund kennt das Werk bestens) gehen wir auf den Spuren von Barrie Kosky:  Mit überwältigenden Massenszenen (Chöre und Tänzer) sind wir mitten im Geschehen. Auf der obersten Treppenstufe erscheint eine von Spotlight bestrahlte Schimpansenfigur, die von der Menge frenetisch umjubelt wird; die sich sogleich als Carmen entpuppt. Sie steigt langsam jeden Schritt messend die Treppe herunter und knistert vor Erotik, indem sie ihre weiblichen Reize in dem körpernahen Anzug schwer verbergen kann. Mit..  amour est un oiseau rebelle ...hat sie die Inkarnation vollbracht: Superstar in einer Music-Hall-Show. In unseren Gedanken geht die Verwandlung weiter: Folies Bergère, Ziegfeld Follies, Moulin Rouge, Marlene Dietrich (Blonde Venus), Seeräuber-Jenny ( Dreigroschenoper), Carmen Jones, und…und…

Royal Opera House, / Carmen - Anaïk-Morel als Carmen © Bill-Cooper

Royal Opera House, / Carmen – Anaïk-Morel als Carmen © Bill-Cooper

Der Schwerpunkt dieser Produktion ist die gewaltige Treppe, die einerseits Music-Hall-Atmosphäre und andererseits griechisches Theater inspiriert; dazu Carmen, Escamillo und gewissermaßen Don José. Nicht zu vergessen Chor und Tänzer, die in einem rasantem Tempo mit gewaltigen vulkanartigen Strömen alles mit sich fort- und niederreißen. Wie in der antiken Tragödie wird Rhythmus und Ablauf von ihnen bestimmt, nicht zuletzt wenn am Ende ihre Gesichter von Todesmasken verdeckt werden. Die restlichen Rollen der Oper, einschließlich Micaëla und (auch) Don José werden nicht vergessen aber erscheinen uns unwichtiger.

Royal Opera House / Carmen – hier : Ensemble © Bill Cooper

Don José ist im ROH ein guter gehorsamer Junge, weichlich und schwächlich – immer etwas Muttersöhnchen geblieben; er zeigt nur einmal Kraft und Zorn bei der Tötung seiner Geliebten. Aber auch dort greift er mit seiner Tat nicht direkt in das Geschehen ein; denn Carmen, die Allwissende hat alles vorbestimmt. Der zweite große Superstar Escamillo schreitet wie ein Crooner, man denkt an Frankie-Boy; wenn er gockelhaft die große Treppe hinunterstelzt:… Votre toast, je peux vous le rendre....umgeben von einem Schwarm Torero-Frauen, die ihn gierig ergreifen wollen. Unten erwartet ihn Carmen, in großem Festkleid, übrigens das erste Mal in einem Kleid! Mit Escamillo fühlt sie sich auf gleicher Ebene, das Kräfteverhältnis ist etabliert; so kann sie das Mannweib abstreifen. Gleichzeitig besiegelt sie aber auch ihr eigenes Ende.

Die Musik weist im grossen Finale das Nahen des Todes an! Gleich einer antiken Priesterin schreitet Carmen verhüllt in einem weißen Kleid, mit eine riesigen, treppen-verdeckenden Schleppe die Stufen hinab zum Opferaltar. Eine unnahbare Schöne erwartet den Todesstoß, so wie der stolze Stier in der Arena ..  Voyez! Victoire!...Umgeben von .Viva. schreienden Todesmasken sinkt sie nieder. Vielleicht das Beeindruckendeste der ganzen Show:dieses meisterhafte Pendeln von Barrie Kosky zwischen Mythe und Wahrheit, Tradition und Moderne, Liebe und Tod, Music-Hall und griechischer Tragödie.

Für den Besucher des ROH ist diese Carmen großes zeitloses Lebenstheater. Musikalisch ist  die Partition natürlich nicht angegriffen; alle Nummern sind von der jeweiligen Person nach Anweisung des Komponisten interpretiert; so begeistert, erfasst die gesamte Inszenierung in starkem musikalischen Ausdruck.

Das Solistenensemble hat leider nicht immer überzeugt, jedoch die großen Stars des Abends ueberzeugten: Chöre und Tänzer! Ein Extra-Lob dem Chordirektor William Spaulding und dem Choreographen Otto Pichler, Harmonie und Ausgewogenheit zwischen Choristen, Tänzern und Solisten verband sich nahtlos mit der anspruchsvollen Inszenierung. Desgleichen das Orchester mit Dirigent Christopher Willis, der mit viel Feingefühl  diese verschiedenen Komponente harmonisch in die Produktion einflochtete.

Anaïk Morel, die französische Mezzo-Sopranisten überzeugt als Carmen in allen Registern mit ihrer tiefen samtweichen sensuellen und erotischen Stimme, die nie ins vulgäre abflacht. Gleich in der ersten Habanera:…amour est un oiseau rebelle...zeigt die Stimme diesen unverwechselbaren verführerischen Carmen-Scharm, desgleichen die Seguedille ….Près des remparts de Séville.... In dem Chanson Bohême:  ….Les tringles des sistres…. girrt sie wie ein Paradiesvogel von Lust, Leben und Freiheit.

Royal Opera House / Carmen – hier : Ensemble © Bill Cooper

Der polnische Tenor Arnold Rutkowski hat  Don José gesanglich leider nicht überzeugt, doch vom schauspielerischem brachte er such ideal in die Produktion ein. Vielleicht war er indisponiert, doch an diesem Abend war seine schmale Stimme kein Ohrenschmaus.  Die berühmte Blumenarie ...  La fleur que tu m;avais jetée …fehlte Projektion und Schönheit und die Stimme klang nicht im großen Saal des Royal Opera House. Der Applaus war kaerglich.

Die beste gesangliche Leistung brachte vielleicht die amerikanische Sopranisten Ailyn Pérez als Micaëla mit. Ihr wunderschöner Sopran klang natürlich und geschmeidig, in den Höhen niemals klirrend; keinerlei Effekthascherei wurde bemerkt. Die beiden Szenen... Oui, je parlerai.. und …Sa mère, il la revoit!....mit den  Arien …est des contrebandiers le refuge ordinaire.….und  Mais j;ai beau faire la vaillante. .. sind in atemberaubender Schönheit und Vollkommenheit interpretiert.

Der neu-seeländische Bariton Phillip Rhodes als Escamillo sang mit einer soliden Stimme, liess aber die dazu gehörige Dreistigkeit, Festigkeit und Männlichkeit vermissen. Die wohlbekannte Bravour-Arie  (Air du toréador): ...Votre toast… je peux vous le rendre…  fehlte der nötige Schwung um die großen Schwärme von verliebten Frauen zu begeistern.  Man glaubte ihm nicht! Die anderen Klein-und Nebenrollen sind adäquat besetzt. Hervoryuheben ist Jacquelyn Stucker als Frasquita und Hongni Wu als Mercédès, die zusammen mit Carmen das wunderbare Trio des cartes .. Mêlons! Coupons….; interpretierten.

Regisseur Barrie Kosky, an der Komischen Oper Berlin seit 2012 als erfolgreicher Regisseur und langjaehriger Intendant etabliert, momentanes Enfant terrible der Regie.  Seine Inszenierung der Zauberflöte an der Komischen Oper Berlin wird weltweit gespielt und hat überall Begeisterungsstürme von Presse und Publikum erhalten.

Somit ist dennoch an einem schwülen und seichten Londoner Sommerabend ein   bemerkenswerter und belebender Opernabend zu Ende gegangen.

Royal Opera House  –  Covent Garden

Das geschichtsträchtige  Royal Opera House (ROH) in Covent Garden,  im Zentrum Londons, ergreift seine Besucher durch seine klassisch-barocke Ambiente wie die locker entspannte „englische“ Atmosphäre. 1732 als Theatre Royal eröffnet wurde das Gebäude 1808 und 1856 durch Brände zerstört und wiederaufgebaut. Der heutige, dritte  Bau des ROH wurde 1858 errichtet. Seit 1735 werden hier auch Opern und Oratorien von Georg Friedrich Händel – englisch George Frederick Handel – aufgeführt. Der prunkvolle Innenraum des ROH fasst 2.256 Plätze und beeindruckt durch hervorragende Akustik,  wunderbare Logen sowie einem spektakulären Amphitheater.

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