Rostock, Volkstheater, Fidelio – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 13.12.2018

Dezember 16, 2018 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Fidelio – Ludwig van Beethoven

– Machenschaften, Wertekonflikte, Streitigkeiten – Allgegenwärtig – 

Von Thomas Kunzmann

 Die streitreiche, gebeutelte Rostocker Theaterlandschaft

Zwei Themen beschäftigte die gebeutelte Theaterlandschaft Rostock in den letzten Wochen: Der (Rechts)Streit um den ehemaligen Intendanten Sewan Latchinian ging in die letzte Runde und die Unrechtmäßigkeit der Kündigung steht nun unwiderruflich fest. Statt Abfindung nun also voller Ausgleich der Verdienstausfälle. Was der Verschleiß an Intendanten das Theater bzw. die Stadt in den letzten Jahren gekostet haben mag, spricht niemand aus. „Kosten“ sind auch das nächste Thema: nachdem Mitte des Jahres einmal die SPD kalte Füße beim Gedanken an den notwendigen Theaterneubau und seine Finanzierung bekam und über einen Volksentscheid lediglich halblaut nachdachte, hatte nun die CDU den Vorschlag eingebracht, man könne doch parallel zur Oberbürgermeisterwahl auch gleich über ein maximales Investitionsvolumen abstimmen lassen. Die Bürgerschaft entschied sich mehrheitlich dagegen. Ob damit der Weg für den notwendigen Neubau nun endgültig frei ist, steht dennoch in den Sternen.

John Dew inszeniert Fidelio am Volkstheater

Fidelio von Ludwig van Beethoven
Youtube Trailer Volkstheater Rostock
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Politische Machenschaften, künstlerische Freiheit, Wertediskussionen – was läge näher als nach mehr als 25 Jahren FIDELIO, Beethovens große Freiheitsoper, endlich einmal wieder auf die Rostocker Bühne zu bringen? Zumal nach jahrelanger Angebotsreduzierung tatsächlich nur noch große Titel zu laufen scheinen. Durch den über Jahrzehnte kultivierten Streit um das Theater statt dessen Inhalt scheint erst einmal musikalische Basisarbeit notwendig, bevor man sich wieder in Experimente stürzen kann. Operette und Musical versprechen aktuell eher eine Konsolidierung der Publikumszahlen als „schwere“ Werke der Opernliteratur. Dennoch gibt es ein eng dem Theater verbundenes, treues Publikum, das trotz jahrelanger, schrittweiser Entwöhnung mit Spannung der zweiten (und damit auch schon letzten) Opernneuproduktion der Saison entgegensah.

Volkstheater Rostock / Fidelio © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock / Fidelio © Dorit Gaetjen

Vor dem Hintergrund einer überhohen Mauer, lediglich mit einem Schreibtisch als Requisite (was auffällig an Mannheim 2010 erinnert), inszeniert John Dew nach seinem Motto „Die Musik trägt das“. Extrem reduziert, den Sängern Freiraum für eigene Entfaltung und Rollenentwicklung gebend. Er verzichtet auf große Gesten und plakative Übertreibungen, auf aktuellen Bezug. – und damit auf eine eigene Geschichte. Es entsteht eine kammerspielartige Atmosphäre, die die Beziehungen zwischen Leonore – alias Fidelio, Marzelline, Rocco und Jaquino eher andeuten als neu ausleuchten. Lediglich Leonores und Roccos Wissen um den eingekerkerten Florestan vermitteln das ungute Gefühl, dass neben der Dreiecksbeziehung eine tiefere Bedeutung, ja, eine Gefahr für die oberflächlich heile Welt wie ein Damokles-Schwert über allen Beteiligten schwebt. Erst Don Pizarros Auftritt, eskortiert von bedrohlich-stummen Wachen, gibt dem Unheil ein Gesicht. Lauernd wie ein Panther, taktierend, böse zischend. Unausweichlich steuert die Geschichte auf die Kerkerszene zu, in der Leonore die Hinrichtung Florestans verhindert und mit Roccos Hilfe Don Pizarro überwältigt. Vor dem opulenten Schlussbild erklingt die Große Leonoren-Ouvertüre in einer unglaublich präzisen, ergreifenden Version und spannt den Bogen zur Schlussszene, in der die Liebespaare vereint sind, sich die Freunde in den Armen liegen und der BöseWicht vertrieben wird.

Einige Erklärungen bleibt die Regie schuldig – wieso zum Beispiel Marzelline wie Liotards Schokoladenmädchen aussieht, warum Pizarro Florestan so lange leiden lässt und Mitwisser riskiert oder weshalb Don Ferrando mit einem bürgerlichen Hofstaat, der für einen Ball statt für eine Gefängniskontrolle gekleidet ist, erscheint.

Das Herzstück dieser Produktion ist jedoch die Norddeutsche Philharmonie mit einer unglaublich überzeugenden Leistung unter ihrem neuen Kapellmeister Martin Hannus. Dieser holt aus dem Orchester einen sauber abgestimmten, durchsichtigen Klang heraus, was angesichts der akustischen Schwierigkeiten des Raumes kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.

Volkstheater Rostock / Fidelio - hier : der Gefangenenchor © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock / Fidelio – hier : der Gefangenenchor © Dorit Gaetjen

Maria Hilmes gibt als Gast ihr Rollendebüt als Fidelio mit feinfühligem Sopran. In ihrer Stimme klingen ihre Selbstzweifel, ob ihre Kraft für ihr Unterfangen reicht, ebenso wie ihre unerschütterliche Entschlossenheit, und dennoch fügt sie sich so nahtlos in die Orchestrierung, als wäre sie ein Teil von ihr. Katharina Kühns Mazelline ist geradlinig, impulsiv und wie immer ein Feuerwerk an Energie auf der Bühne. Leichtfüßig, fast beiläufig gestaltet sie nicht nur mit ihrer Stimme, sondern auch mit ihrer Körpersprache. Oliver Weidinger fühlt sich sichtlich wohl in der grundbösen Rolle des Don Pizarro. Mit hassverzerrten Mundwinkeln intoniert er sauber und gestaltet den Intriganten überzeugend, wenngleich auch allzu leise – zumindest für den Rang. Peter Lobert als Rocco, eine Hüne, beeindruckt mit gewaltigem, dennoch warmen Bass, den er zwar zu zügeln scheint, mitunter allerdings eine Spur zu laut im Verhältnis zum restlichen Ensemble. Kaum zu glauben, dass dieser Baum von einem Kerl im Kerker Hilfe von der zarten Leonore benötigt. James J. Kee ist ein gequälter, dennoch kämpferischer Florestan, auf dem Weg zum Heldentenor. Trotz einiger Ausspracheschwierigkeiten bleibt er ausgezeichnet textverständlich. Gast Václav Vallon, dem Rostocker Publikum bereits aus dem Liebestrank bekannt hätte etwas mehr Regie verdient, sein lyrischer Tenor gerät leider etwas in den Hintergrund. Grzegorz Sobczak als strahlender Minister überzeugt wie gewohnt mit stählernem Bariton.

Insgesamt eine großartige Gesangsleistung, die deutlich die Erwartungen an ein Haus Rostocker Größe übertrifft. Nachdem das Parkett mit stehenden Ovationen die Leistung seines Ensembles feierte, wurde im Foyer ausgiebig diskutiert.

Begeisterte Stimmen trafen auf Unverständnis, schon lange wurde in Rostock nicht mehr so intensiv und kontrovers eine Inszenierung seziert. Während die einen die mangelnde Regie bedauern, schwärmen  andere von der Dichte und Fokussiertheit. Beiden Argumentationen kann man folgen. In jedem Fall dürfte dieser Fidelio das Rostocker Konzertpublikum ebenso ansprechen wie Puristen mit modernen Regiearbeiten nichts anzufangen wissen. Und selbstverständlich richtet sich dieses Angebot auch und ganz besonders an Operneinsteiger. Ein Bild sollte man sich in jedem Fall machen. Denn selbst jene, die das Geschehen auf der Bühne nicht ergreift, werden von der Musik beseelt den Abend lange in Erinnerung behalten.

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

Rostock, Volkstheater Rostock, FIDELIO – Ludwig van Beethoven, 07.12.2018

Dezember 6, 2018 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

 FIDELIO – Ludwig van Beethoven

Text Josef Sonnleithner, Stephan von Breuning, Georg Friedrich Treitschke – frei nach Jean Nicolas Bouilly

PREMIERE Freitag, 07. Dezember 2018, 19:30 Uhr

Die Geschichte ist ein Polit-Thriller: Der Gouverneur Don Pizarro fürchtet sich vor kompromittierenden Enthüllungen des Freiheitskämpfers Florestan und hat diesen daher widerrechtlich einkerkern lassen. Florestans Frau Leonore lässt sich, als Mann verkleidet, unter dem Deckmantel Fidelio als Gehilfe des Kerkermeisters Rocco in dem Staatsgefängnis, in dem sie ihren Mann vermutet, einstellen. Sie ahnt, dass Don Pizarro Florestan heimlich ermorden will und setzt daher alles daran, zu ihrem Mann vorzudringen und ihn zu befreien. Für ihr Ziel nimmt sie selbst Todesgefahren auf sich…

Volkstheater Rostock / Fidelio - Oliver Weidinger, Opernchor© Dorit Gätjen.

Volkstheater Rostock / Fidelio – Oliver Weidinger, Opernchor© Dorit Gätjen.

Wenn am Ende des Stücks die menschenverachtenden Machenschaften Don Pizarros ans Licht kommen und ein rechtsstaatlich gesinnter Minister in Florestan seinen tot geglaubten Freund erkennt, werden alle politisch Gefangenen aus dem Kerker befreit – Traum oder Wirklichkeit?

Beethovens einzige, 1805 uraufgeführte Oper ist eines der spannendsten, aufwühlendsten Werke des Musiktheaters – und bis heute ein Fanal, sich gegen politischen Machtmissbrauch zu erheben, wo auch immer Menschen zu Unrecht inhaftiert sind, gefoltert oder ermordet werden.

Volkstheater Rostock / Fidelio - Judith Oesterreicher, Peter-Lobert, Maria-Hilmes © Dorit Gätjen.

Volkstheater Rostock / Fidelio – Judith Oesterreicher, Peter-Lobert, Maria-Hilmes © Dorit Gätjen.

Musikalische Leitung: Martin Hannus / Inszenierung: John Dew / Bühne und Kostüme: Hartmut Schörghofer / Choreinstudierung: Frank Flade

Mit: Grzegorz Sobczak, Oliver Weidinger, James J. Kee, Maria Hilmes, Peter Lobert, Katharina Kühn/Judith Österreicher, Václav Vallon, Geunjin Song, Olaf Lemme, Opernchor des Volkstheaters Rostock, Singakademie Rostock, Norddeutsche Philharmonie Rostock

Volkstheater Rostock / Fidelio - Ensemble © Dorit Gätjen.

Volkstheater Rostock / Fidelio – Ensemble © Dorit Gätjen.

PREMIERE
Freitag, 07. Dezember 2018, 19:30 Uhr, Volkstheater Rostock – Großes Haus

WEITERE TERMINE im Dezember
Sonntag, 09. Dezember 2018, 15:00 Uhr, Volkstheater Rostock – Großes Haus
Samstag, 15. Dezember 2018, 19:30 Uhr, Volkstheater Rostock – Großes Haus
Freitag, 21. Dezember 2018, 19:30 Uhr, Volkstheater Rostock – Großes Haus

—| Pressemeldung Volkstheater Rostock |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Walküre von Richard Wagner, IOCO Kritik, 06.02.2018

Februar 6, 2018 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Walküre von Richard Wagner

  Regieclou:  Walküre überrascht mit listigem Wotan 

Von Hanns Butterhof

Man konnte gespannt sein, wie sich Der Ring des Nibelungen an der Düsseldorfer Rheinoper nach dem Rheingold – Vorabend entwickeln würde. Aber von einer Entwicklung war kaum etwas zu sehen, die im Rheingold prominent dem Feuerhalbgott Loge eingeräumte Rolle als listiger Strippenzieher und Geist des ewigen Werdens und Wandels verkümmert zu Herdfeuer und Kerzenlicht. Stattdessen wird nicht ohne Irritationen erzählt, wie ein noch listigerer Wotan seinen Plan scheitern lässt, mit Hilfe Siegmunds die Götter- und Menschenwelt zu retten, damit er mit Siegfried gelingt.

Dieter Richter hat für Die Walküre eine bunkerartige, düstere Einheitsbühne gebaut, die ihre dramaturgischen Tücken hat. Der große Esstisch auf der linken Bühnenseite lässt nur wenig Raum zum flackernden Herd auf der rechten Seite. Nach hinten hinaus, an der säulenartigen Esche vorbei bis zu der Reihe niedriger Fenster ist toter Raum, so dass sich das Geschehen mit der Tendenz zur Statik eines Kammerspiels familiär am Küchentisch ballt.

Kammerspiel am Küchentisch

Dietrich Hilsdorfs Regie mindert das dramatische Geschehen um immerhin die Weltrettung ins Unauffällige, Bürgerliche. Das beginnt schon mit der Ouvertüre, in der Hunding (Sami Luttinen) wie von der Jagd mit einem Gewehr bewaffnet nach Haus kommt. Er hängt seinen Mantel am Eschenstamm auf, wo ihm der Griff des Schwerts Nothung wie ein beliebiger Knauf als Garderobe dient. Seine routinierte Zärtlichkeit, die an einen aus dem Büro heimkehrenden Ehemann erinnert, stößt Sieglinde (Elisabet Strid ) widerwillig zurück, woraufhin sich Hunding ohne viel Aufhebens in sein Schlafzimmer zurückzieht. Das Schrecknis des Unglücks, das Sieglinde als Ehefrau in seinem Hause erleidet, wird so zum alltäglichen Schrecken bürgerlichen Ehelebens gemildert.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre - hier Sami Luttinen als Hunding, Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre – hier Sami Luttinen als Hunding, Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Hunding, den Sami Luttinen mit leicht orgelndem Bass gibt, ist kein böser, eher ein recht konventioneller Mensch. Mit dem vor ihm geflohenen, aber erstaunlicherweise nach ihm eintreffenden Siegmund (Corby Welch) setzt er sich, wenn auch das Gewehr stets griffbereit, an den Küchentisch, hört sich interessiert dessen Lebensgeschichte an und bietet ihm nicht nur Schutz für eine Nacht, sondern auch ein Glas Wein an.

Siegmund, der im langen, verdreckten und vom Kampf löchrigen Militärmantel (Kostüme: Renate Schmitzer) erst erschöpft am Herdfeuer nieder- und in Schlaf gesunken war, blüht angesichts der sich innig um ihn bemühenden Sieglinde und des Schwerts Nothung auf, das er ohne viel Mühe aus dem Stamm der Esche zieht. Jubelnd entdecken sie, dass sie Zwillinge sind und tauschen in kindlicher Unschuld ihre Kleider, bevor über ihre sündige Liebe schnell der Vorhang fällt.

Elisabet Strid ist als Sieglinde brilliant. Ihr kräftiger, jugendlich frischer Sopran ist auch in den Höhen unangestrengt und ungewöhnlich textverständlich. Ihr Spiel ist ausdrucksstark und fesselt gleichermaßen bei inniger Zärtlichkeit wie in aufloderndem Wahn. Auch Corby Welch überzeugt mit variablem, eher lyrischem als heldenhaft dramatischem Tenor, dem er darstellerisch als sehr umsorgend liebender, nicht ruppig-gewalttätiger Siegmund entspricht.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre- hier Renée Morloc als Fricka, Simon Neal als Wotan, Linda Watson als Brünnhilde © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre- hier Renée Morloc als Fricka, Simon Neal als Wotan, Linda Watson als Brünnhilde © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Der zweite Akt bringt dann mit einem von der Regie gesetzten Zeitsprung von sechs Monaten einen überraschenden Eingriff in den Ablauf der „Walküre“. Die Bühne ist nur wenig verändert, die Esche hat keine Krone, und von der Decke hängt unbewegt ein riesiger Ventilator herab. Die Fenster sind etwas höher geworden und das Feuer im Herd ist erloschen.

Der Zeitsprung ist ein Sprung aus der Realität, nur erklärlich als Blick in Wotans Gedanken von der Zukunft, die er sich während der Liebesnacht der Wälsungen macht: Am Tisch sitzen in trauter Eintracht Hunding, Siegmund und die schon sichtlich schwangere Sieglinde mit einigen Walküren. Man trinkt fröhlich, während der militärisch uniformierte Wotan (Simon Neal) in ausgelassener Stimmung auf dem Tisch tanzt. Er freut sich offensichtlich an dem werdenden Leben, fasst gerne auf Sieglindes deutlich gerundeten Bauch, in dem sich ihr Kind schon schmerzlich ungestüm zeigt. Der Walküre Brünnhilde (Linda Watson) erteilt er den Auftrag, Siegmund vor Hunding zu schützen, was wegen Nothung und der gegebenen Geselligkeit etwas überflüssig erscheint. Doch ihm vergeht gründlich das Lachen, als seine Gattin Fricka (Renée Morloc) hereinrauscht. Die würdevolle Matrone in festlich schwarzem Kleid durchkreuzt seine auf Siegmund gerichteten Hoffnungen und zwingt ihn als Hüterin der Ehe dazu, den inzestuösen Ehebrecher zu vernichten. Zerknirscht gibt Wotan klein bei und widerruft in einem spannungsreichen Disput mit der widerstrebenden Brünnhilde seinen Schutz-Befehl.

Im Orchester gewittert es gewaltig, als sich Wotan, der zwanghaft ordentlich Stühle und Gläser gerade rückt, als fremdbestimmt erfährt. Simon Neals variablem, schlanken Bariton stehen eindrucksvoll Schmerz, Wut oder Trauer zur Verfügung, dem Linda Watsons Brünnhilde berührend Zärtlichkeit und kraftvoll dramatische Widerständigkeit entgegensetzt.

Dass Hilsdorf den Akt sechs Monate nach dem Abend in Hundings Hütte spielen lässt, ist so irritierend wie die Familienkonstellation am Küchentisch. Vor allem wird anfangs nicht plausibel, wieso Sieglinde erst später durch Brünnhilde von ihrer Schwangerschaft erfährt. Wenn Hilsdorf diese Schwierigkeiten in Kauf nimmt, muss er einen schwerwiegenden Grund dafür haben. Der könnte darin bestehen, dass er so Raum für einen Wotan gewinnt, der weitsichtiger und noch durchtriebener ist als Loge. Wotan hatte bei seinen Planungen zur Weltrettung alles im Griff bis hin zum Inzest des Wälsungen-Paares. Und er weiß gewiss auch, dass Siegmund nicht der freie Held ist, den er braucht. So dürfte er auch Frickas Einwendungen gegen dessen Sieg über Hunding vorhergesehen, sogar eingeplant haben. Indem sein Plan mit Siegmund scheinbar scheitert, kommt er seinem Endziel ein Stück näher, ist doch erst der im Werden begriffenen Siegfried der Held, den er braucht. Da bekommt auch der Streit mit Brünnhilde, die seinem Befehl zuwider gehandelt hat, ihren Sinn. Was als Strafe erscheint, sie aus dem Kreis der Walküren auszustoßen und auf den flammenumloderten Felsen zu verdammen, erweist sich als kluge Vorsorge, sie für Siegfried aufzusparen, an dessen Werden und für dessen Wirken er vor Fricka und der Welt als nicht verantwortlich erscheint. Da dürfen die bunten Varieté-Lämpchen um den Bühnenrahmen einmal aufflammen, als würden sie dem Publikum zuzwinkern.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre - hier Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre – hier Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Das ist aufgeklärt und sinnig gedacht, irritiert aber die romantischen Erwartungen des Publikums erheblich, das dann mit dem Zeitsprung zurück in Hundings Hütte zurechtkommen muss. Dort setzt die Geschichte wieder ein, als Siegmund das Schwert erneut aus der Esche zieht und das Paar vor Hunding flieht. Recht gelassen ist dann Brünnhildes Gespräch mit Siegmund, das ihm den Tod verkündet. Hunding erschießt ihn ohne Zeichen von Grimm, eher weil das die Vollendung seiner Hilfe für die Stammesfreunde erfordert, konventionell zieht er vor dem Toten den Hut. Wenn Wotan ihn mit seiner letzten Geste verächtlich zu Boden streckt, trägt dies deutliche Züge von projiziertem Selbsthass des von Konventionen gebundenen Gottes. Derweil flieht die nun über ihre Schwangerschaft aufgeklärte Sieglinde mit Brünnhilde und den Trümmern Nothungs vor Wotans vermeintlicher Vernichtungswut.

Zwar ist zu Beginn des dritten Akts spektakulär das Rattern eines Hubschraubers über das Opernhaus zu hören, der sich dann abgestürzt und teilweise ausgebrannt im Kunstnebel auf der Bühne befindet, aber das Ende ist eher entspannt. Unter ausnehmend schönem Chorklang ihres Hojotaho führen die Walküren junge Männer in Militärhosen, nacktem Oberkörper und Hosenträgern zu Tisch, die außer kleineren Verwundungen wenig Heldenhaftes an sich haben. Mehr zur Lust mit ihren Helden geneigt als selber heldenhaft sind die Walküren, wenn sie der mit Sieglinde herbeijagenden Brünnhilde helfen sollen; keine wagt gegen Wotan aufzumucken. Nur Brünnhilde stellt sich seinem Zorn, auch um Sieglinde die Flucht zu decken, nachdem sie ihr noch die Trümmer von Nothung in die Hand gedrückt und ihr prophezeit hat, dass ihr Sohn das Schwert einst wieder schmieden wird. Und als diejenige, die Wotans tiefsten Willen weiß, weiß sie auch, dass dieser Sohn einst als Mann für sie bestimmt ist. Es ist Wotans Selbstgespräch mit ihr, in dem seine furchtbare Strafe so gestaltet wird, dass nur Siegfried als der von ihm gewünschte freie Held die Flammen durchdringt, in deren Schutz er sie einhüllt. Man sieht das Feuer vor den Fenster lodern, während Brünnhilde ruhig, wohl auf Siegfried wartend, am Küchentisch verbleibt.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre - hier Katja Levin als Ortlinde, Maria Hilmes als Rossweisse, Katarzyna Kuncio als Waltraute, Evelyn Krahe als Schwertleite, Katharina von Bülow als Grimgerde © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre – hier Katja Levin als Ortlinde, Maria Hilmes als Rossweisse, Katarzyna Kuncio als Waltraute, Evelyn Krahe als Schwertleite, Katharina von Bülow als Grimgerde © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Die Regie Dietrich Hildorfs ist nicht ohne Brüche und zielt selten auf den bloßen Effekt wie bei dem Hubschrauber. Meistens zeichnet er die Figuren differenziert und einfühlsam, vor allem zwischen Wotan und Brünnhilde entfaltet sich berührend ein reiches Gefühlsspektrum. Rätselhaftes wie schon im „Rheingold“ verwunderliche Übergaben der Erda-Perücken und vor allem der Zeitsprung im zweiten Akt irritieren, distanzieren bei aller Sinnhaftigkeit doch erheblich vom Geschehen und nagen an der Spannung, die sich um den Tisch herum sowieso nur mühsam entfaltet.

Axel Kober am Pult der Düsseldorfer Symphoniker trägt dem Regiekonzept weitgehend Rechnung. Er vermeidet den ganz großen Wagner-Sog, den er durch deutliche Generalpausen zusätzlich bremst. Sängerfreundlich entfaltet er die lyrischen Passagen und gestaltet mit dramatischen Steigerungen ein insgesamt farbenreiches, klangvolles Spiel.

Nach fünf Stunden mit erfreulich textverständlichem, zusäzlich deutsch übertiteltem Gesang gab es lang anhaltenden, auch im Stehen dargebrachten Beifall vor allem für Elisabet Strid, Linda Watson, Simon Neal und Corby Welch, ebenso für Axel Kober und die Düsseldorfer Symphoniker. Für das Regieteam teilte sich das Publikum in Buh!- und Bravo!-Rufer. Auf die Entwicklung des Hilsdorf-Rings in Siegfried darf man gespannt sein.

Die Walküre an der Rheinoper; Die nächsten Termine: 17.2.2018 um 17.00 Uhr, 4.3.2018 um 15.00 Uhr

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Aachen, Theater Aachen, Hänsel und Gretel – Lebensfreude trotzen Not, IOCO Aktuell, 25.10.2013

Oktober 25, 2013 by  
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Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

Theater Aachen © IOCO

Hänsel und Gretel – Engelbert Humperdinck

Märchenoper wunderbar im Theater Aachen

Wiederaufnahme ab:  25. Oktober 2013,  Weitere Vorstellungen  07. | 21. | 23. | 25. Dezember 2013,  03. | 12. Januar 2014,  12. Februar 2014,  19. März 2014

Hier eine IOCO – Rezension zu dieser Produktion

Wenn die Tage kürzer werden und die Nächte kälter, dann kommt die Zeit von Deutschlands heimlicher Nationaloper Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck. Am 4. November  2012 erlebte das Theater Aachen die Premiere einer Inszenierung, welche das Zeug zu einem bleibenden Aachener Weihnachtsklassiker hat. Menschliche Grundwerte, Geborgenheit und Harmonie inmitten einer verunsicherten, getriebenen Welt, werden in der klingenden Märchenoper modern, frisch und humorvoll  dargeboten.

Theater Aachen / Hänsel und Gretel im Wald verirrt © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel im Wald verirrt © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Die Oper entstand eher zufällig, fast aus einer Laune. Humperdincks Schwester Adelheid Wette hatte zu ihrem Märchenspiel Hänsel und Gretel einige Lieder gedichtet, welche sie ihren Bruder Engelbert zu vertonen bat. Vorlagen aus Grimmschen und anderen Hausmärchen hat Adelheid Wette dabei liebevoll wie gekonnt verwertet. So mündete die ursprüngliche Idee einer bescheidenen Haustheater-Aufführung über Humperdincks Wagner-Erfahrungen in diesem romantischen Opern-Welterfolg mit großem Orchester und gestandenen Künstlern. 1893 unter Richard Strauss in Weimar erstmals und mit großem Erfolg aufgeführt gehört Hänsel und Gretel inzwischen zu den meist aufgeführten Opern weltweit.

 

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Ewa Teilmans Inszenierung geriet zu einer verwunschenen wie spannenden Weihnachtswelt für Groß und Klein, in welcher Frohsinn und Lebensfreude über emotionale wie wirtschaftliche Nöte siegen. Kaum ein bekannter Name wagt sich an diese Oper. Groß scheint das Risiko, die alten, teils grausamen Grimmschen Märchenklischees zeitgemäß zu übersetzen. Der Spagat, mit Hänsel und Gretel nicht nur Erwachsene sondern auch Kinder erreichen zu müssen, ist für Regisseure oft wenig attraktiv. Ewa Teilmans verwandelt in ihrer Inszenierung die Härten der Grimmschen Erzählung in zeitgemäße, emotionale Lebensängste von Vater, Mutter und Kindern. Begleitet von choreographischen Leckerbissen, einer coolen Punk-Hexe über verwunschene Kinderträume bis hin zu wabernden Nebel- und vielfarbigen Lichteffekten ist der dramaturgische Verlauf homogen und auch für Kinder verständlich. Die überwiegend erwachsenen Besucher dieser Premiere zollten der Inszenierung bereits zur Ouvertüre lautstarken Beifall, als, herrlich choreographiert, ein Fernrohr durch den Vorhang lugt und Sandmännchen (Carla Hussong) und Taumännchen (Fonteini-Niki Grammenou) in farbigen Phantasiekostümen die Vorstellung pantomimisch mitreißend „eröffnen“.

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Der erst seit 2012 als Generalmusikdirektor an Theater Aachen tätige US-Amerikaner Kazem Abdullah bewies am Pult des klangschön und blühend spielenden Sinfonieorchester Aachen eine bruchlos sensible Hand für den speziellen Zauber der Oper. Charme wie Tücken der romantischen aber komplexen Partitur, die von volksliedhafter Schlichtheit bis zu Wagner’scher Kraftfülle reicht, hat Abdullah im Griff und erzeugt mit dem gut folgenden Sinfonieorchester Aachen leicht schwebende wie kraftvoll durchwirkte Klänge. Anspruchsvolle Stimmen fordert auch diese Oper wie schauspielerisches Können.

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Camille Schnoor (Gretel) und Maria Hilmes (Hänsel) beschreiben im ersten Bild, ihr Zimmer ein hochgestellter Holzverschlag, jugendlich unbeschwert doch mit sängerischer Prägnanz und Wortdeutlichkeit ihre sorgenvolle Jugendwelt („auch ich halt´s kaum noch vor Hunger aus„). Auch  Irina Popova (Gertrud, Mutter) überzeugt mit immer sicherer werdendem Sopran, während Hrólfur Saemundsson (Besenbinder, Vater) mit einem wohltimbrierten und kraftvollen Bariton seine Partie des angezechten wie sorgenvollen Vaters stimmlich wie spielerisch höchst authentisch durchlebt. Zu inszenatorischen Höhepunkten entwickelten sich die folgenden Szenen: „Im Walde“, eine hochromantische, von farbigen Nebel- und Lichtschwaden wie Riesenpilz durchzogene Nachtlandschaft („Da kommen weiße Nebelfrauen„) und das „Abendgebet„, in dem Hänsel und Gretel, in  verlangsamter Bewegung überzeichnet, Kinder-Traumwelten von sorgenfreiem, friedlichem Familienidyll mit engelhaften Fabelwesen, Eltern und Großeltern abbilden. Wunderbar in diese friedfertige Phantasie-Idylle passend streut Sandmännchen mit lyrisch warmer Stimme aus einem silbernen Himmelswagen „zwei Körnelein euch in die müden Eugelein“ und weckt Taumännchenmit kühlem Taue, was schläft auf Flur und Aue“.  Auch das letzte Bild „Knusperhäuschen„, mit Backschrank und Ofen eher neutral gestaltet, begeistert durch eine zunächst coole, leicht durchgeknallte, farbig kostümierte, nie aggressiv wirkende Knusperhexe (Sanja Radisic), welche mit weichem, sicherem Mezzo neben und auf dem Backtisch anmutige Tanzeinlagen vollführt. Schon spürt man in dieser emotionalen wie aggressionsfreien Inszenierung leichtes Bedauern über das der Knusperhexe vorgegebene böse Ende im Ofen.

Intendant und Produktionsdramaturg Michael Schmitz-Aufterbeck gelang mit Regisseurin Ewa Teilmans in dieser modernen Inszenierung eines Opernklassikers die wunderbare Paarung realer emotionaler Nöte mit wohltuend lebensbejahender Frische und Fröhlichkeit.

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Das zumeist reife Publikum im ausverkauften Theater Aachen bejubelte nach Ende der gelungenen Premiere alles, was sich auf der Bühne bewegte. Zu recht. Denn diese Hänsel und Gretel Produktion wird im Theater Aachen auf Jahre viele junge aber auch reifere  Menschen bereichern.

IOCO / Viktor Jarosch / 06.11.2012