Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Die Puritaner – Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 03.01.2020

Januar 3, 2020 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

I Puritani – Vincenzo Bellini

– Lieben bis zum Wahnsinn –

von Albrecht Schneider

Vincenzo Bellini - Père Lachaise - Paris © IOCO

Vincenzo Bellini – Père Lachaise – Paris © IOCO

Wie herzzerreißend lässt in der romantischen italienischen Oper doch der Wahnsinn die Frauen singen. Deren Flucht aus einer Welt der Männerherrschaft und ihrer Demütigungen in eine frei von sexuellem Begehren und sozialem Zwang führt diesmal nicht ins Kloster, sondern in die Paranoia. Diese in milde wie erregte, jedenfalls wohlklingende Töne zu gießen, bleibt nun die Aufgabe jener Damen, die bemitleidenswert und bemitleidet durch die Reihen des edlen wie bösen Opernpersonals irren. In derartigem Zustand verharren sie bis zum Tod oder der wodurch immer bewirkte Wiederaufleuchten des klaren Verstandes.

Vincenzo Bellinis Oper I PURITANI (Die Puritaner) repräsentiert modellhaft das romantische italienische Melodramma des Belcanto. Dessen Zeitalter beginnt im 19. Jahrhundert mit Rossini und reicht bis zum jungen Verdi. Nun bedeutet Belcanto nicht Gesang, der sich vorzugsweise in schönen Tönen erschöpft, sondern der sich zugleich sinnvoll des Textes bemächtigt und einen individuellen Ausdruck findet. Bewegung und Ruhe, Impetus und Reflexion des Musikdramas entstehen bei dem großen Melodiker Bellini eben aus der gesungenen wie instrumentalen Melodie, und ähnlich verfährt sein berühmter Kollege und Konkurrent Gaetano Donizetti. Die Opern der beiden wurden später vom Verismo (Leoncavallo – Mascagni) abgelöst und verschwanden weitestgehend hinter den beiden Riesen Verdi und Wagner. Erst mit der Kunst der Jahrhundertsängerin Maria Callas geschah eine Reanimation der Bühnenwerke der Belcantoepoche.

Die Puritaner – Vincenzo Bellini
youtube Trailer Deutsche Oper am Rhein
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Dass nun ein genuiner Sänger wie Rolando Villazón als Regisseur dieses von der Dramaturgie her konfuse Stück I Puritani aus der Musik heraus und mithin in erster Linie für die Ohren und dann für die Augen in sehr bewegten Bildern in Szene setzt, ein solches Konzept liegt nahe. Insofern wurde von ihm das von Mozart überlieferte, hier etwas revidierte ästhetische Postulat beherzigt, bei einer Opera habe schlechterdings die Inszenierung –  original die Poesie –  die gehorsame Tochter der Musik zu sein.

Andererseits ist Villazón auch ganz und gar ein Theatermann, der mehr im Sinn hat, als dem Publikum eine vertrackte Liebesgeschichte aus vergangener Zeit anzubieten, deren Protagonisten in historischen Kostümen lediglich von den Noten durch die Kulissen geleitet werden. Nein, er intendiert ein musikalisches Theater der Gefühle und der Taten von Liebenden, Hassenden, Resignierenden und Undurchsichtigen beider Geschlechter in einer bornierten, nahezu archaischen Umgebung und deren Folgen. Wofür der Wahnsinn eine Chiffre ist. Und eine weitere die Maschinenpistole und die Folter, indem sie den modernen zivilisatorischen Stand einer einzig in der Moral und den Sitten zurückgebliebenen Gesellschaft beglaubigen.

Berühmte Librettisten wie Felice Romani, Salvatore Cammarano oder Eugène Scribe nutzen im Ottocento mit Vorliebe Stoffe aus der englischen, spanischen oder französischen Historie, die häufig als Romane oder Theaterstücke bereits populär waren.

Bellini, seinerzeit mit seinem bisherigen Vorlagenlieferanten  Romani zerstritten, stieß bei der Suche nach einem Text auf den Literaten Carlo Pepoli, und der fertigte ihm nach etlichen Komplikationen endlich ein Libretto nach seinem Geschmack. Ihm gemäß komponierte der Maestro eine trivialhistorisches Drama aus der Zeit der englischen Religionskriege, dessen Uraufführung 1835 in Paris ihm, so darf man es nennen, einen Bombenerfolg eintrug.

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner - hier Bogdan Talos als Giorgio, Adela Zaharia als Elvira © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner – hier Bogdan Talos als Giorgio, Adela Zaharia als Elvira © Hans Jörg Michel

1 Akt. Das Innere eines Verschnitts aus Westminsterpalace und Westminster Abbey (Bühne: Dieter Richter) Elvira, die Tochter des Lord Valton von der protestantischen Puritanerpartei, steht in einer krisenreichen Beziehung zu Lord Arturo aus dem Lager der katholischen Stuarts, die gerade ihren König Charles I auf dem Schafott eingebüßt haben, und bald endgültig dem Gegner Cromwell unterliegen werden. Trotz der grundsätzlichen Unvereinbarkeit beider Milieus – sie gemahnt an die Familien Romeos und Julias – gestattet der Vater der Dame die Heirat der beiden. Der mithin leer ausgehenden Mitbewerber um ihre Gunst, Glaubensgenosse Sir Riccardo, missbilligt diese Beziehung verständlicherweise vehement und trieft von Hass. Ihm kommt zupass, dass Lord Valton die Exkönigin Enrichetta (Sarah Ferede), Gattin des hingerichteten Charles I, in seinem Gewahrsam hält, und ihr läuft der just zum Eheschluss angereiste Bräutigam Arturo über den Weg. Nunmehr von einem gewaltigen Konflikt zwischen Liebe und Parteientreue gebeutelt, entscheidet er sich als Patriot für eine Rettung der ehemaligen First Lady aus der misslichen Lage. Sie unter Elviras Brautschleier verbergend, vermag er mit ihr ohne Probleme zu flüchten, weil Rivale Ricardo, der die Tarnung aufdeckt, ihn nicht daran hindert: eröffnen sich doch für ihn mit dem Verschwinden des Bräutigams neue Chancen bei der verlassenen Braut. Die allerdings ist für nichts mehr zugänglich, ob des Verlustes und der Kränkung wird sie zum Entsetzen aller mit Wahnsinn geschlagen. Also greift sich der Clan der Puritaner eine Maschinenpistole und bricht auf zu einer Strafexpedition wider das abgängige Duo.

75 Minuten und zwanzig Soli- und Ensemblenummern braucht dieser Diskurs der Gefühle aller Arten, die die Partitur leuchten, hadern, toben und säuseln lässt. Bellinis Musik ist reich an Gesten, und die puritanische Männer- und Frauengesellschaft nimmt sie in ihrer Körpersprache mit. Vielfach werden die Hände gerungen, hin und her, hinein- und hinausgeeilt. Eine Choreografie, die mitunter leicht manieristisch, aufgesetzt wirkt. Andererseits erstarrt dadurch die vorherrschend rhetorische und somit statische Handlung nicht unbedingt in den gängigen Posen. Das gilt für die Solisten wie für den sehr agilen, bestens gestimmten und klangprächtigen Chor.(Ltg. Patrick Francis Chestnut)

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner - hier : Adela Zaharia als Elvira und Jorge Espino als Riccardo, Bogdan Talo? als Giorgio, Ioan Hotea als Arturo © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner – hier : Adela Zaharia als Elvira und Jorge Espino als Riccardo, Bogdan Talo? als Giorgio, Ioan Hotea als Arturo © Hans Jörg Michel

Die Erscheinung der Elvira der Adela Zahira ist gleich berückend wie ihre Stimme. Die gleitet bruchlos durch die Register, je nach Seelenregung versteht sie zu strahlen oder gleichsam zu taumeln, wenn sie in ihren Wahnsinnszustand gerät. Die Künstlerin gibt dieser dem Entwurf nach lehrbuchhaft manisch-depressiven Theaterfigur mittels Auftritt, Tonfärbung und Wortbehandlung – ist die italienische Sprache nicht ebenfalls eine Tochter der Musik ? – eine Kontur des Liebens und des Leidens, eben ein berührend menschliches Format. Eine eindrückliche Darstellung.

Neben ihr behauptet sich der Primo Uomo und Tenor Ioan Hotea als Lord Talbot durchaus. Mit Intensität und Expression verkörpert er den unsteten Liebhaber, allein sein Timbre charakterisiert ihn eher als einen Helden denn einen Schmerzensmann, aber den nötigen heroischen wie tristen Ton findeter allemal.

Die Comprimarii Sir Giorgio (Bogdan Talos) und Sir Riccardo (Jorge Espino) präsentieren sich als gleichwertige Partner, wobei jener als wohltönender geschmeidiger Bass die Rolle der zwielichtigen grauen Eminenz in der Puritanergemeinde ausfüllt, hingegen sich letzterer als schneidiger wie frustrierter Rivale ausdrucksstark seine Wut aus dem Leib singt.

2. Akt. Das gleiche Ambiente. In dessen rund 40 Minuten stagniert die Handlung; das zuvor meist verbal dramatische Geschehen wandelt sich zu einem mehr lyrischen, reflektierenden. Sir Ricardo und Sir Giorgio zeigen sich wie allenthalben die Puritanermänner und Puritanerfrauen hörbar konsterniert von Elviras Wahnsinnsausbruch. Sie irrlichtert durch die allgemeine Betroffenheit und phantasiert sich in einer ergreifenden Elegie den verlorenen Arturo herbei. Den, obwohl inzwischen zum Tode verurteilt, wollen die zwei Männer nach längerem Austausch der Argumente schließlich vor dem Schafott bewahren, weil dessen Sterben das Leiden der Frau noch verschlimmern könnte. In solch löblicher Absicht und unter dem Klang der Kriegsposaunen marschieren sie ab in den Kampf wider die katholische Partei.

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner - hier : Jorge Espino als Riccardo, Bogdan Talos als Giorgio, Adela Zaharia als Elvira © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner – hier : Jorge Espino als Riccardo, Bogdan Talos als Giorgio, Adela Zaharia als Elvira © Hans Jörg Michel

3. Akt   Ungefähr das gleiche Ambiente, jetzt wohl eher das Innere einer Burg darstellend. In den folgenden 40 Minuten trifft der seinen Feinden entwischte Arturo zunächst auf seine wirre Braut, indessen die Häscher hinter ihm her sind. Mit dem Zusammenfinden des Paares schwindet prompt der Wahn, allein die Wonne des Wiedersehens beendet jählings die Ankunft der Verfolger und die nun neuerlich drohende Auslieferung des Verlobten an den Scharfrichter. Der Schock macht Elvira abermals paranoid. Das einsetzende Lamento aller Beteiligten über persönliches und allgemeines Elend offenbart sich musikalisch und szenisch als ein hinreißendes Tableau.

Beendet wird es von sanften Bläsertönen, und mit deren Steigerung zum Jubel wird unerwartet die frohe Nachricht verkündet, dass mit dem Sieg der Puritaner eine allgemeine Amnestie verbunden sei, was definitiv Freiheit für Arturo bedeutet und für das Paar ein Happyend. Ein befriedigender Schluss einer kruden Geschichte.

Ein derart klassisches Lieto Fine indessen verweigert der Regisseur Villazón. Er lässt mit dem Ausklingen des Tableaus den nach wie vor rachelüsternen Sir Riccardo erst seinem Rivalen die Kehle durchschneiden, und hernach alsbald den Toten unter besagten verheißungsvollen Bläserakkorden quicklebendig wieder auf die Füße springen, um sich, o Wunder, mit der just auftauchenden Lady und Exkönigin Enrichetta, der er eins zur Flucht verhalf, in inniger Umarmung zu vereinen. Elvira, die legitime Braut, schaut dementsprechend entgeistert zu.

Das Aufdenkopfstellen der originalen Fassung durch den Regisseur provoziert die Vermutung, für ihn könnte durchaus noch ein weiterer Schluss denkbar sein. Vielleicht intendiert er auch ein offenes Ende, und möchte es dem Publikum überlassen, sich ein wünschenswertes vorzustellen zu dieser so wohltönenden dubiosen Erzählung, in der die Geisteszustände der einen so behände wechseln wie der anderen Auffassungen von Liebe, Strafe, Rache, Verzeihen und Tod. Es darf sogar womöglich spekuliert werden, dass hier insgeheim nicht allein von einem klinischen Wahnsinn die Rede sein soll, vielmehr von dem Wahn, indem nicht ausschließlich verbohrte Puritaner/Innen die Welt wahrnehmen und diese sich ihnen zu präsentieren scheint. “Wahn, Wahn, überall Wahn“ wird knapp dreißig Jahre danach Richard Wagners Hans Sachs stöhnend singen. Es ist nicht das Schlechteste an einem Opernabend, wenn er fragend schließt. Die Musik freilich, das ist die Crux aller gelingenden wie misslingenden Deutungsversuche einer Oper, die allein kennt die richtige Antwort.

Die Duiburger Sinfoniker unter dem Dirigenten Antonio Fogliani haben sie in ihre Obhut genommen und erweisen sich als rechte Belcantoinstrumentalisten, indem sie die nicht gerade raffiniertest instrumentierte, die alte Nummernoper hinter sich lassende Partitur mit Delicatezza wie mit Fortezza und Temperament exekutieren. Den Cantanti über ihren Köpfen breitet das Orchester gleichsam einen nicht roten, sondern  einen angemessenen Klangteppich aus, der die Künstlerinnen und Künstler zu hörbar eigenem wie allgemeinem Gefallen durch Bellinis letztes Werk musikalisch schweben lässt.

Das Publikum bestätigte sein Vergnügen mit begeistertem Händeklatschen.  Apropos: laut einer musikwissenschaftlichen Studie gibt es in der Opernhistorie rund 400 Werke mit Wahnsinnsszenen. Wahnsinn!

Besprochene Vorstellung 26.12.2019

Die Puritaner an der Deutschen Oper am Rhein; die weiteren Vorstellungen 5.1.; 11.1.; 18.1.; 31.1.2020

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Oldenburg, Oldenburgisches Staatstheater, Premiere LA SONNAMBULA, 18.10.2019

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Oldenburgisches Staatstheater

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

LA SONNAMBULA

Melodramma in zwei Akten von Vincenzo Bellini
Libretto von Felice Romani nach einem Libretto von Eugène Scribe
in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: Freitag, 18. Oktober, 19.30 Uhr, Großes Haus

Die nächste Vorstellung: Mi 23. Oktober

Besetzung: Musikalische Leitung: Vito Cristofaro; Licht: Sofie Thyssen; Einstudierung Chor: Thomas Bönisch; Dramaturgie: Christina Schmidl/ Annabelle Köhler

Mit: Martyna Cymerman/ Martha Eason, Melanie Lang, Sooyeon Lee; Ill-Hoon Choung, César Cortés, Alwin Kölblinger, Georgi Nikolov
Opernchor des Oldenburgischen Staatstheaters

Oldenburgisches Staatsorchester

Fast bringt ein pikanter Verdacht die Hochzeit der Waise Amina und ihres Verlobten Elvino zum Platzen, denn die junge Frau erwacht eines Tages unvermittelt im Gastzimmer des Grafen Rodolfo. Natürlich glaubt niemand ihren Unschuldsbeteuerungen, zumal die Wirtin Lisa, die selbst in Elvino verliebt ist, die sensationslüsterne Stimmung noch kräftig schürt. Als sich jedoch herausstellt, dass die Braut lediglich schlafwandelnd auf Abwege geriet, steht dem Happy End nichts mehr im Wege.
In ihrer symbiotischen Verschmelzung von Virtuosität und ergreifender Romantik wurde

‚La Sonnambula‘ als lyrisches Pendant zur nahezu gleichzeitig entstandenen Oper ‚Norma‘ zu einem besonderen Höhepunkt in Bellinis Opernschaffen. Wie Donizettis ‚Lucia di Lammer-moor‘, mit der sie häufig verglichen wurde, erlebte die Oper durch Primadonnen wie Maria Callas und Joan Sutherland im 20. Jahrhundert eine erneute Blüte. In der konzertanten Aufführung des Oldenburgischen Staatstheaters wird in der Rolle der Amina Sooyeon Lee zu erleben sein, die schon als Lucia von Publikum und Presse gleichermaßen gefeiert wurde.

Die Musikalische Leitung der Oper liegt in Händen von Vito Cristofaro, der nicht zuletzt durch seine Interpretation von Donizettis ‚Lucia di Lammermoor‘ und ‚La Fille du Régiment‘ feinstes Gespür für die Stilistik des hochvirtuosen Belcanto-Repertoires bewiesen hat.

—| Pressemeldung Oldenburgisches Staatstheater |—

Verona, Arena di Verona, Trauer um Franco Zeffirelli, IOCO Aktuell, 19.06.2019

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Arena di Verona

Arena di Verona / Festspiele 2018 - hier : Nabucco © Ennevi

Arena di Verona / Festspiele 2018 – hier : Nabucco © Ennevi

THE ARENA DI VERONA MOURNS THE DEATH 

OF MAESTRO FRANCO ZEFFIRELLI  –  A CREATOR OF DREAMS

The tragic news of the death of Maestro Zeffirelli, a creator of dreams, arrived today at Fondazione Arena di Verona while the definitive preparations feverishly continue for the dress rehearsal of his latest eagerly awaited Traviata, which is debuting on 21st June with the participation (already announced, but now even more significant) of Italy’s President Sergio Mattarella.

HIER: Würdigung von Franco Zeffirelli der Fondazione Arena di Verona 

General Manager and Artistic Director Cecilia Gasdia, a friend of Zeffirelli since her stage debut at a very young age, was taken by surprise on a really intense day and, on behalf of all the artistes, employees and administrative staff of the Fondazione, states: “We all loved him unconditionally, he left an indelible mark on our professional and personal lives. We would all like to have the time to stop and freely mourn the man, the artiste and the friend, but if we really want to honour him as he deserves, this is a luxury we must not and cannot allow ourselves: we shall mourn him working at our best, with our utmost strength, to honour his genius, so that his latest Traviata, but also his Trovatore, shine and contribute to the future memory of his irreplaceable genius. We have the means and his imprimatur too, because Traviata comes from afar, with a year’s intense work, in which every detail and every particular was shared with his long-lasting assistants and collaborators at the Fondazione Arena, who absorbed his way of thinking. After this rightful tribute is finished, we shall finally be able to give vent to our interior feelings and mourn him. Now we must continue to work for him, even if, unfortunately, without him.”

Arena di Verona / Franco Zeffirelli zu seiner Trovatore Produktion © FAI

Arena di Verona / Franco Zeffirelli zu seiner Trovatore Produktion © FAI

The entire city of Verona mourns the passing of the Maestro, because his touch is strongly felt in the urban and social fabric of the city, which considered him a friend and accomplice of numerous summers. 

—| Pressemeldung Fondazione Arena di Verona |—


Arena di Verona / Franco Zeffirelli © Ennevi

Arena di Verona / Franco Zeffirelli © Ennevi

Arena di Verona 2019 – La Traviata  – Zeffirellis letztes Werk

Summa der ästhetischen Auffassung der Legende Franco Zeffirelli

Lang gehegte  Liebschaften, sollten endlich zusammenkommen: La Traviata, Franco Zeffirelli  und die Arena von Verona. La Traviata ist mit Sicherheit eine der von Zeffirelli in seiner langen Karriere als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner am häufigsten dargestellten Opern; 1958 hatte er diese Oper in Dallas in der Besetzung von Maria Callas inszeniert und sich als junger aufstrebender Regisseur mit seinem künstlerischen Vorbild Visconti gemessen, der die Oper kurz vorher in der berühmten Gestaltung an der Mailänder Scala dargestellt hatte. Das 97. Opernfestival der Arena di Verona, link HIER; wird am 21. Juni 2019 mit einer neuen, von Franco Zeffirelli geschaffenen Inszenierung von Verdis La Traviata beginnen, bestmögliche Synthese seiner jahrelangen Reflexionen über die beliebte Thematik. “Seine” Traviata in der Arena sollte zum Höhepunkt seiner fortwährenden, sachkundigen Auslegung werden.

V.J.

Franco Zeffirelli wird der Premiere von La Traviata, seiner letzten Schöpfung, nicht mehr erleben

—| IOCO Aktuell Fondazione Arena di Verona |—

Wilhelm Furtwängler und die Berliner Philharmoniker – Neu auf SACD, IOCO CD-Rezension, 01.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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Wilhelm Furtwängler - SACD Box © BPH

Wilhelm Furtwängler – SACD Box © BPH

Wilhelm Furtwängler – Furioser Klangrausch aus dunkelster Zeit

Neu auf SACD erschienen

von Michael Stange

Die CD Edition der Berliner Philharmoniker erweckt Furtwänglers Kriegsaufnahmen in phänomenalem Klang zu neuem Leben

Die Berliner Philharmoniker legen auf ihrem hauseigenen Label Neuüberspielungen der Tonbandaufnahmen Wilhelm Furtwänglers aus dem Deutschen Rundfunkarchiv der Jahre 1939 bis 45 vor. Die Toningenieure wählten aus den vorhandenen Bändern das am besten erhaltene Material aus, überspielten es neu und unterzogen alle Aufnahmen einer behutsamen und versierten klanglichen Aufbereitung.

Quellen sind die Originalbänder oder alte Überspielungen der Originale durch den Russischen Rundfunk in etwas schwächerer Klangqualität. Dem fast achtzig Jahre alten Tonbändern wird eine ungeahnte Klangpracht entlockt. Dynamik, Tiefen und Hörbarkeit sind staunenswert aufbereitet und steigern den Höreindruck gegenüber dem bisher erschienenen Ausgaben ungemein. Gleiches gilt auch für den Transfer von Furtwänglers Symphonischem Konzert von Schellackplatten. Die Aufnahmen klingen gegenüber alten Ausgaben wesentlich frischer und unverfälschter. Die Tonhöhe stimmt und abspielbedingte Tonschwankungen der Bänder wurden beseitigt. Dadurch sind die Konzerte in bisher nicht dagewesener Weise aufbereitet.

Für das heutige Nacherleben des Phänomens Furtwängler sind sie unverzichtbar und ein Meilenstein der Bearbeitung historischer Aufnahmen. Die Ursprünge des Trends zur Veröffentlichung von Liveaufnahmen aus Archiven liegen in Italien, den USA und Japan. Kleine Piratenlabel haben seit den siebziger Jahren Musikschätze aus den Archiven zum Leidwesen der etablierten Musikindustrie gehoben und ihnen damit heftige Konkurrenz auf dem Tonträgermarkt gemacht. Auch damals schon gehörten Aufnahmen Wilhelm Furtwänglers neben denen von Maria Callas zu den Bestsellern des „grauen Musikmarktes“.

Wilhelm Furtwängler auf Tournee © Archiv BPH

Wilhelm Furtwängler auf Tournee © Archiv BPH

Ein wesentlicher Faktor für die Popularität dieser Veröffentlichungen war und ist, dass historischen Aufnahmen oft unverkennbare Visitenkarten der Interpreten abgeben und dadurch eine faszinierende Wirkung haben. Schon nach wenigen Takten einer Aufnahme hört man, dass Enrico Caruso, Maria Callas, Jussi Björling oder Kirsten Flagstad singen oder Furtwängler oder Hans Knappertsbusch dirigieren.

Timbre der Sänger oder und historische Dirigate verströmen eine unverkennbare Individualität und künstlerische Ausdruckskraft. Dies ist der Grund für viele Musikliebhaber, dem tönenden Erbe vergangener Epochen nachspüren.

So erklärt sich das ungebrochene Interesse an alten Tonträgern. Interessierte können heute bei Streaming Dienste und von CD-Label ein Füllhorn historischer Konzert- und Opernaufnahmen erhalten. Die Zahl digital guter Restaurierungen steigt und ermöglicht Zeitreisen in vergangene Aufführungen von Opernhäusern und Konzertsälen aller Welt.

So wurde und wird auch heute noch in Archiven aller Welt nach historischen Aufnahmen der Vergangenheit geforscht. Die heute im Berliner Rundfunk befindlichen Tonbänder der Reichsrundfunkgesellschaft sind eines der bekanntesten Beispiele einer derartigen Suche. Diese Bemühungen weisen oft auch Momente eines Puzzles oder einer Detektivgeschichte auf.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden von den sowjetischen Streitkräften zahlreiche Rundfunkaufnahmen des Berliner Rundfunks nach Moskau gebracht. Sie galten in Deutschland daher als verschollen. Einige Aufnahmen erblickten dann aber auf dem russischen LP Label Melodya und bei anderen Graumarktfirmen ab Ende der sechziger Jahre das Licht der Welt. Weitere Editionen auf CD – auch die technisch gute Edition des russischen Labels Melodya von 2006 – folgten. Aufgrund der verwendeten Bänder boten sie ein klanglich besseres Bild. Auch sie erreichte aber bei weitem nicht die Wiedergabequalität der nun vorliegenden Neubearbeitungen.

Perestroika und das jahrelange intensive Engagement des damaligen SFB Musikredakteurs Klaus Lang bei der Suche nach den Originalbändern in Moskau führten zu einer Schenkung einiger Furtwängler-Aufnahmen im Jahre 1987. Zu einer weiteren Lieferung von über 1.000 Musikbändern aus dem Reichsrundfunkarchiv durch den Moskauer Rundfunk kam es 1991. Die meisten Originalbänder waren schon damals durch die umsichtigen und technisch ungemein akribischen Moskauer Archivare kopiert worden. Die gesamte verworrene und spannende Geschichte wird im editorisch und journalistisch brillanten Booklet der Edition erzählt. Es wartet mit zahlreichen Hintergrundinformationen und Zeitzeugnissen auf und rechtfertig schon für sich allein die Anschaffung der Edition.

Das Eintauchen in versunkene Klangwelten erfordert wegen der eingeschränkten Klangqualität Geduld und Einfühlungsvermögen. Wer den Zugang findet, wird mit berührenden oft atemberaubenden Schätzen der Vergangenheit belohnt. Musikalische Zeitreisen in die Vergangenheit entfalten immense Sogkraft und Magie. Dies gilt insbesondere für die Kriegsaufnahmen Wilhelm Furtwänglers. Daher war es eine wichtige Großtat, sie durch technisch hervorragende Überarbeitungen in die heutige Zeit zu retten.

Dreißig Jahre nach ihrer Rückkehr nach Deutschland liegen sie nun in einer vollendeten Qualität vor und der letzte wesentliche Teil der Konzert- und Opernaufnahmen Wilhelm Furtwänglers ist damit in das digitale Zeitalter überführt. Weitere Beispiele sind die klanglich völlig aufgefrischten Furtwängler Aufnahmen aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg von Tahra, EMI, Warner, Praga Digitals auf Super Audio CDs. Hinzu kommen die Veröffentlichungen der Salzburger, Wiener und Berliner Konzerte von Orfeo und Audite und viele weitere Neuüberspielungen von den Originalbändern auf CD. Diese Aufnahmen machen begreiflich, warum Wilhelm Furtwängler, auch heute, über sechzig Jahre nach seinem Tod, als eine der faszinierendsten Dirigentenlegenden des zwanzigsten Jahrhunderts wahrgenommen wird.

Die Edition ist über die Dokumentation von Furtwänglers Wirken hinaus ein Stück Zeitgeschichte. Die Erfindung des Tonbandes und damit erreichte technische Qualität der Aufnahmen war ein Meisterstück der Ingenieurkunst der vierziger Jahre. Gleichzeitig lassen die Aufnahmen uns in den erlebten Alltag der Kriegsjahre eintauchen. Zuhörinnen und Zuhörer kamen in die Konzerte, nachdem sie das Inferno des Krieges erlebt oder erahnt hatten. Jeder war selbst von Leid, Kämpfen, Bomben, Entbehrung und dem Verlust von Familie und Freunden infolge rassischer Verfolgungen oder des Krieges betroffen. Verwandte und Freunde waren bereits verschleppt oder emigriert oder als Soldaten an der Front oder schon umgekommen. Dieses Leben im Angesicht des Todes führte zu einem heute kaum mehr vorstellbaren belastenden Alltag und undenkbaren physischen und psychischen Beanspruchungen. Entsprechend groß war der Wunsch nach Flucht und Befreiung die sich auch im Musizieren und Musikerleben ausdrückte. Auch für den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der 1938 durch die Gestapo nach Polen verschleppt wurde, waren Furtwänglers Konzerte vor dem Krieg wichtige Oasen, um dem NS-Terror zu entrinnen und in eine „bessere Welt“ einzutauchen.

Wilhelm Furtwängler © Hilde Zenker

Wilhelm Furtwängler © Hilde Zenker

Diese verhängnisvollen und bedrückenden Zeitumstände sind ein Grund der dramatischen Entladungen der Furtwängler-Konzerte jener Jahre. Furtwängler war als sensibler Mensch in ständigem Konflikte mit dem NS Regime. Ungeachtet aller Verstrickungen mit den Machthabern war er ein Getriebener und zum Teil Verzweifelter. Seine Seelenqualen drückte er in seiner Musik aus und er floh mit Publikum und Musikern aus dem Schreckensalltag in eine bessere Welt zu den Werken der Romantiker.

Flucht und „Fremdeln“ mit der Moderne begleiteten Wilhelm Furtwängler zeitlebens. Sein Freiheitsdrang, seine tiefe humanistische Gesinnung und seine immense Musikalität entluden sich in seinen Dirigaten, in denen er Orchester und Publikum das Füllhorn seiner Innenwelt offenbarte. Die Partituren waren Grundlage aber kein unveränderliche Maßstab in den Konzerten. Jedes Konzert und jede Furtwängler Aufnahme beleuchten neue Aspekte und Modulationen des Werks.

Er ist de so genannten „espressiven“ Dirigentenschule des neunzehnten Jahrhunderts zuzurechnen, nach der Aufgabe und Verantwortung des Dirigenten war, den Geist der Musik zu heben, den Intentionen des Komponisten in der Aufführung nachzuspüren und dem Publikum nicht als Botschafter des Komponisten sondern auch als Übersetzer des Werkes im jeweiligen Zeitpunkt der Aufführung gegenüberzutreten.

So entwickelte Furtwängler einen eigenen Dirigier- und Interpretationsstil, um seine Vorstellung des in den Partituren wohnenden Schöpfergeistes unter Mitwirkung des Orchesters zu entwickeln und darzubieten. Dadurch wurden Furtwängler-Aufführungen ein gemeinsamer Schöpfungsakt mit Musikern und Publikum. Tempi und Dynamiken interpretiere Furtwängler nach dem gerade empfundenen Fluss der Musik. Notierungen in der Partitur legte er weit aus. Im Beiheft der Edition finden sich neben der Bezugnahme auf Arturo Toscanini zahlreiche andere Beispiele der Musikwiedergabe der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg und die unterschiedlichen Interpretationsansätze prägnant erläutert.

Die Konzerte der Berliner Philharmoniker unter Furtwängler sind durch ihre musikalische Dichte in mannigfaltiger Hinsicht singuläre Ton- und Zeitdokumente. Sie spiegeln Lebensumstände und Lebenswille von Publikum, Musikern und Dirigent wider. Zugleich sind beredter Ausdruck einer erhitzten, glühenden und sehnsüchtigen Erlebnis-, Gefühls- und Musikwelt.

Die 22 CDs der Box umfassen das romantische Kernrepertoire Furtwänglers mit Werken von Beethoven (Sinfonien Nr. 4, 5, 6, 7 und 9), Bruckner (Sinfonien Nr. 5, 6 und 9), Schubert (Sinfonien 7 und 8), Schumann (Klavier- und Cellokonzert), Brahms (Klavierkonzert Nr. 2, Haydn-Variationen, Sinfonien Nr. 1 und 4), Sibelius, Ravel, Furtwänglers Sinfonisches Konzert und weitere Kompositionen. Einige Werke sind nur lückenhaft erhalten, so dass von Bruckner nur die 5. Sinfonie vollständig vorliegt.

Auch heute noch erlebt der Hörer packende Konzertstunden durch die Unmittelbarkeit Furtwänglers und seines Orchester. Allen Aufführungen ist gemeinsam, dass der Orchesterklang gemeinsam ertastet wird. Es entwickelt und entspinnt sich eine Bandbreite von Tempi und Dynamiken die in dieser Form in aktuellen Konzerten Fassungs- und Ratlosigkeit hinterließen. Orchesterklang und –spiel drohen oft zu bersten und auseinanderzufallen. Dies riskierte Furtwängler, weil er Fluss der Musik, Spannung der Aufführung und das musikalische Mögliche dem Moment der Aufführung und dem erstrebten Klangideal unterordnete.

Beethovens Werke bilden den Schwerpunkt der Furtwängler-Konzerte seiner gesamten Laufbahn. Beethoven war aus Sicht Furtwänglers der Komponist, der in sich die ganze runde komplexe Menschennatur vereint. Niemals habe ein Musiker von der Harmonie der Sphären, dem Zusammenklang der Gottesnatur mehr erlebt und mehr gewusst als Beethoven.

Wilhelm Furtwängler bei der Probe © Archiv BPH

Wilhelm Furtwängler bei der Probe © Archiv BPH

Dieses Verständnis Furtwänglers zeigt sich überdeutlich an den in der Edition enthaltenen Beethoven-Sinfonien. Die 4. Sinfonie ist mit zwei Aufnahmen vertreten. Einmal ist es eine Aufzeichnung ohne Publikum und ein Konzertmittschnitt. Letzterer klingt noch frischer und unmittelbarer. Furtwänglers Gestaltung, paart den fortwährenden Fluss neuer Gedanken und das romantische Moment des Kontrastes zwischen Hell und Dunkel. Zu Beginn mit Tempi entwickelt, die gerade jedes Motiv neu beleuchten und zögernd ertastet. Furtwängler hält an bestimmten Harmonien langen fest, die versteckten Einmischungen von Dissonanzen werden prägnant herausgearbeitet und in träumerischer Dynamik verharrt. Die Kontraste des Scherzos des dritten Satzes werden in prägnantester Weise gegenüber gestellt. Lebendigkeit und Feuer werden im Konzert gegenüber der verhalteneren Aufführung ohne Publikum noch gesteigert. Die 5. Sinfonie wird nicht als pastoses Gemälde sondern innere Reise mit leuchtender Glut dargestellt und beeindruckt durch einen inwendigen melancholischen Trauermarsch. Das Finale ist triumphierend und befreiend. Mit der 9. Sinfonie erreicht Furtwängler ein Portrait das durch aberwitzige schnelle Tempi im ersten und letzten Satz und irrwitzigen Steigerungen gekennzeichnet ist. Seine Interpretation erinnert im 4. Satz mehr an einen Vulkanausbruch, in dem er seinen Gefühlen freien Lauf lässt, die Musiker um ihr Leben spielen und eine unterjochte Gemeinschaft brennend um die Freiheit bittet. Dadurch zählen diese Beethoven-Interpretationen zu den ausdruckstärksten Aufnahmen der Werke und fesseln durch die tiefe Auslotung, den Spannungsbogen des Melodienflusses und die Spontanität sowie die Intensität des Musizierens.

Bruckners 5. Sinfonie zeichnet sich durch gelegentliche Tempoveränderungen aus, hier hat Furtwängler aber insbesondere in den Außensätzen immer das architektonische Gebilde und den inneren Zusammenhang des Werks im Blick den er meisterhaft, profund und mit großer Poesie entwickelt. Schuberts 9. Sinfonie wird in sehr subjektiver Weise mit phänomenalem emotionalem Espressivo, großen Ausbrüchen und starken, fesselnden Kontrasten gespielt. Eine unerreicht dramatische Aufführung gelingt mit Webers Freischütz Ouvertüre. Sie ist an Düsternis und mitreißender Kraft kaum zu überbieten. Der Kern des Werks ist schon in der Ouvertüre vollständig angelegt und vermittelt. Eine derartige dynamische Differenzierung und so intensiv aufgebaute Spannungsbögen hat mit gleicher Wirkung nur Carlos Kleiber erreicht. Die Solistenkonzerte mit Erich Röhn (Beethoven Violin-Konzert), Tibor de Machula (Schumann, Cellokonzert), Edwin Fischer (Brahms, 2. Klavierkonzert) zeichnen sich durch die hohe Qualität der Solisten und das inspirierte Gemeinsame Verständnis der Werke von Dirigent und Orchester aus. Hier ist Furtwängler immer verständnisvoller Partner der Solisten und lässt ihnen Raum, Atem und Freiheit. Beeindruckend sind die Intensität, Musikalität und das wechselseitige Zuhören und die gemeinsame Gestaltung in den Konzerten. Faszinierend auch die mystisch, entrückte Aufführung von Sibelius En saga. Ein Exot ist Heinz Schuberts Hymnisches Konzert mit dem silbrigen Koloratursopran Erna Berger.

Die Edition wirft auch ein wichtiges Licht auf den Komponisten Wilhelm Furtwängler. Es enthält die Ersteinspielung des Sinfonischen Konzertes für Klavier und Orchester h-Moll mit dem Pianisten Edwin Fischer. Das Werk ist von ausladender Dimension und dauert über sechzig Minuten. Vom Aufbau lehnt es sich strukturell an ehesten an die Brahms Klavierkonzerte an und steht in der nachromantischen Tradition. Furtwänglers Komposition vereint mehrere Motive die am ehesten als meditative Bruchstücke der eigenen Gefühlswelt verstanden werden können. Leiden, Aufbegehren, Träume und Glücksmomente werden als Fäden gesponnen und verlieren sich unvollendet in der nächsten Melodie. Tatkraft und Energie versprüht das Klavier. Das Werk entfaltet eine immense Spannung und einen atemberaubenden Sog und hat einen zutiefst individuellen Charakter der die Vorgänger nie plagiiert. Den gestaltenden kraftvollen Part hat im Wesentlichen das Klavier. Edwin Fischer besticht dort durch sein kraftvolles mächtiges und zugleich poetisches Spiel.

Seinem Freund Walter Riezler gegenüber bekundete Furtwängler: „Ich bin nun mal ein Tragiker.“ Dem tragischen in Wilhelm Furtwängler und seiner kompositorischen Antwort auf die Qualen der NS-Zeit kann man in diesem Konzert nachspüren.

Neben diesen Aufnahmen machen zwei Erinnerungen des Solopaukisten Werner Thärichen das Phänomen Wilhelm Furtwängler und die aus den Aufnahmen hervorquellende Faszination ein wenig fassbarer. Das Musizieren mit Furtwängler und seine Schlagtechnik beschreibt er dergestalt, dass er nicht mit einem Schlag den Einsatz zum Beginn des Konzerts gegeben habe. Vielmehr sei dies mit einer Vielfalt von vorbereiteten Aufforderungen, die ihn und alle Mitwirkenden gezwungen haben, den Zeitpunkt des vorbereitenden Akkords selbst heraus zu spüren. Die Anforderungen an die Konzentration seien beispiellos gewesen. Der Abstieg nach einem Höhepunkt sei ein ergreifendes Festhalten an einem großen Erlebnis gewesen. Furtwängler hielt die linke Hand geöffnet, als ob er dem Orchester eine große Kostbarkeit vor Augen führen würde. Daran hielt er fest, auch wenn in der Partitur ein Diminuendo stand und die Instrumentierung immer dünner wurde. Er wollte seinen Klang nicht hergeben und steigerte die Intensität selbst im Leiser werden. An anderer Stelle beschreibt er eine Probe eines Gastdirigenten bei den Berliner Philharmonikern nach dem Zweiten Weltkrieg. Während der Probe änderte sich plötzlich die Klangfarbe. Eine Wärme und Intensität kam auf, als ginge es jetzt um alles. Verwundert schaute Thärichen von seine Partitur auf, ob eine neue Taktstockakrobatik das Wunder vollbracht hatte. Dort hatte sich nichts geändert, aber alle Kollegen starrten zur Tür des Saals. In ihr stand Wilhelm Furtwängler. Seine pure Anwesenheit genügte, um dem Orchester solche Klänge zu entlocken.

Furtwängler war aber nicht nur ein Tragiker sondern ein Zauberer, Charmeur, Sportler mit Hang zum Risiko beim Reiten und Skifahren und umschwärmter Frauenliebling. Dies spürt der Hörer in seinen Vorträgen in der Berliner Musikhochschule. Dort umgarnte er die Zuhörer mit Witz, Esprit und bemerkenswerten Erkenntnissen. Beispiel dessen ist seine leicht genant erzählte Geschichte eines Gastspiels des Tenors Ludwig Suthaus in Tschechien in Janacecks Jenufa. Suthaus – selbst großer intuitiver gesanglicher Gestalter – fragte den Sopran, der die Jenufa sang, wie sie einen derart sinnlichen Klang produziere worauf die Sängerin antwortete: „Mit dem Geschlecht. Furtwängler setzt dann hinzu, dass er selbst oft Sängerinnen erlebt habe, die mit geringen stimmlichen Mitteln und starkem Ausdruck eine wesentlich größere Wirkung erzielt hätten, als Kolleginnen mit wesentlich besserer Technik.

Furtwänglers Interpretationen ruhten auf vielen Säulen. Wahrhaftigkeit, tief empfundenes Gefühl, Spontanität, Risikobereitschaft und eine große Sinnlichkeit gehörten sicher dazu. Diese Eindrücke können durch die bisher unerreichte Wiedergabequalität der Edition neu erlebt werden. Sie ermöglicht das interpretatorisch glühende, eruptive Musizieren Furtwänglers während des Zweiten Weltkrieges in klanglicher Vollendung nachzuerleben. Die Zuhörer erleben eine Achterbahnfahrt der Gefühle und der Spontanität, die sie durch den musikalischen Fluss geleiten und mitreißen.

Die Edition stellt so die wichtigste historische Neuerscheinung des Jahres dar

—| IOCO CD-Rezension |—

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