Linz, Musiktheater am Volksgarten, Médée – Luigi Cherubini, IOCO Kritik, 23.05.2019

Mai 23, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Médée  von  Luigi Cherubini

– Tragödie in einer oberen Banketage in New York –

von Marcus Haimerl

Luigi Cherubini Grabstätte Paris © IOCO

Luigi Cherubini Grabstätte Paris © IOCO

Die Uraufführung von der Oper Médée von Luigi Cherubini fand 1797 im Théâtre Feydeau in Paris statt. Das Libretto nach der Tragödie des Euripides stammt von François-Benoît Hoffmann. Für die Wiener Erstaufführung 1802 schuf Cherubini eine gekürzte Fassung, die Übersetzung stammt von Georg Friedrich Treitschkes. 1855 wurden die originalen Dialoge durch nachkomponierte Rezitative von Franz Lachner ersetzt. Da sich selbst in Frankreich Werke der „Opéra comique“, die nicht gerade als komisch zu bezeichnen sind, nur schwer durchsetzen konnten, vertrieb die Version mit den von Franz Lachner nachkomponierten Rezitativen die Originalversion mit den gesprochenen Dialogen fast gänzlich von den Spielplänen. Große Popularität erlangte die italienische Übersetzung von Carlo Zangarini in der Lachner-Fassung durch die Gestaltung von Maria Callas der Titelpartie.

Im Musiktheater Linz erlebte das Publikum Cherubinis Oper in französischer Sprache mit gekürzten deutschen Dialogen in einer Koproduktion mit der Opéra de Nice und dem Theater Erfurt.

Regisseur Guy Montavon verlegt die Handlung dieser griechischen Tragödie in die oberste Etage eines New Yorker Bankenhochhauses, das in glücklicheren Zeiten von Medea und Jason gegründet wurde. Durch das schnelle Geld übermütig geworden nimmt sich Jason eine jüngere Frau. Die aufgrund ihrer früheren Verbrechen erpressbare Medea muss die gemeinsame Firma, Mann und Kinder verlassen. Die glücklichen Erinnerungen werden durch einen roten Schal symbolisiert, den Jason einst Medea schenkte. Jason und seine neue Frau Dircé sind mit der Leitung der Firma überfordert und müssen diese an Dircés Vater, den Großunternehmer Créon, verkaufen. Néris ist Büroleiterin und engste Vertraute Medeas. Sie arrangiert sich mit der neuen Situation, jedoch nicht ohne Medeas Arbeit weiterzuführen.

Landestheater Linz / Médée von Luigi Cherubini - hier : Martin Achrainer als Créon, Theresa Grabner als Dircé © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Médée von Luigi Cherubini – hier : Martin Achrainer als Créon, Theresa Grabner als Dircé © Reinhard Winkler

Medea wird von der neuen Familienidylle angezogen, sie kehrt zurück und kämpft um das Recht, ihre Kinder sehen zu können und weckt in dem leicht beeinflussbaren Jason alte Gefühle. Dircé, die von Beginn an in Angst vor Medeas Rache gelebt hat, wird die Situation zu viel. Das Hochzeitsgeschenk Medeas, der rote Schal, das Liebespfand Jasons, und eine Pistole, reichen aus, um sie in den Selbstmord zu treiben. Aber damit nicht genug: Nach der Ermordung beider Kinder setzt Medea mit den Worten „An den Ufern des Styx wird dich mein Schatten erwarten“ das gesamte Gebäude in Brand, dem alle Mitarbeiter zum Opfer fallen. Jason bleibt allein vor dem Trümmerhaufen zurück. Mit dieser spannenden Umsetzung der antiken Tragödie beweist Regisseur Guy Montavon nicht nur, wie zeitgemäß die Handlung auch heute noch ist, es gelingt ihm mit dem Finale im brennenden Wolkenkratzer ein unglaublich starkes Bild und ein spektakulärer Schluss.
Das Einheitsbühnenbild von Annemarie Woods zeigt ein Großraumbüro mit Computerarbeitsplätzen umgeben von einer darüberliegenden Galerie und einem Ausblick auf die umliegenden Hochhäuser.

Eine großartige Leistung der gebürtigen Schweizerin Brigitte Geller, die mit kraftvollem Sopran die Partie der Médée mit scheinbarer Leichtigkeit meisterte und gleichzeitig mit beeindruckender Ausdruckskraft nicht nur die deutschen Dialoge meisterte, sondern vielmehr die innere Zerrissenheit der tragischen Frauenfigur im Businesskostüm zwischen Liebe und Rache glaubhaft vermitteln konnte.

Landestheater Linz / Médée von Luigi Cherubini - hier : Brigitte Geller als Médée © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Médée von Luigi Cherubini – hier : Brigitte Geller als Médée © Reinhard Winkler

Theresa Grabner als Dircé, Medeas blonde Gegenspielerin in heller Designerkleidung, überzeugt mit schönen Koloraturen und schafft es auch, die von Ängsten getriebene Königs-/Unternehmertochter glaubhaft zu gestalten. Auf höchstem Niveau erlebt man auch die britische Mezzosopranistin Jessica Eccleston in der einzigen sympathischen Partie dieser Oper, der Vertrauten/Büroleiterin Néris.
Mit seinem schönen, höhensicheren Tenor mit fast wagner’scher Strahlkraft singt Matjaž Stopinšek den schwachen Machtmenschen Jason. Mit unglaublich kraftvollem Bariton und mit großer Bühnenpräsenz überzeugt Martin Achrainer in der Partie des Créon gesanglich und darstellerisch. Auch die kleinen Partien sind mit Margaret Jung Kim (Erste Frau aus Dircés Gefolge) und Yoon Mi Kim-Ernst (Zweite Frau aus Dircés Gefolge) hervorragend besetzt. Großes Lob auch für die wunderbare Darstellung von Matthias Körber und Raphael Naveau als Medeas und Jasons Kinder.

Die musikalische Leitung des Abends lag in den Händen von Bruno Weil, unter dessen routiniertem Dirigats das Brucknerorchester Linz erneut beweisen konnte, dass es zu Recht zu den bedeutendsten Klangkörpern Österreichs zählt. Unter der Leitung von Elena Pierini singt und spielt der Chor des Landestheater Linz auf höchstem Niveau.

Nur einige wenige Buhrufe für das Regieteam störten den lang anhaltenden Applaus des Publikums, der nicht nur den musikalischen Qualitäten des Abends galt, sondern auch der durchaus spannenden Regiearbeit Recht gaben.

Médée am Landestheater Linz; die nächsten Vorstellungen am 29.5.; 31.5.; 6.6.; 19.6.; 28.6.2019

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Premiere NORMA – Vincenzo Bellini, 10.06.2018

Juni 5, 2018 by  
Filed under Oper, Oper Frankfurt, Premieren, Pressemeldung

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

 NORMA – Vincenco Bellini

 Text von Felice Romani, nach der Tragödie Norma ou L’Infanticide (1831) von Alexandre Soumet, In  italienisch mit deutschen und englischen Übertiteln

Premiere:  Sonntag, 10. Juni 2018, um 18.00 Uhr

 Vincenzo Bellini in Pere Lachaise © IOCO

Vincenzo Bellini in Pere Lachaise © IOCO

Norma von Vincenzo Bellini (1801-1835) ist das Hauptwerk der sogenannten Belcanto-Ära und gilt als gelungenste Oper des sizilianischen Komponisten. Ganz sicherlich hat daran das geschickt gebaute Libretto von Felice Romani großen Anteil, welches Bellini ermöglichte, gerade bezüglich der Charakterzeichnung der beiden Frauenfiguren Norma und Adalgisa in die Tiefe zu gehen und dadurch den Vorwurf des bloßen Schöngesangs zu entkräften. Nach der eher kühl aufgenommenen Uraufführung am 26. Dezember 1831 an der Mailänder Scala konnte das von Verdi und Wagner gepriesene Werk sehr bald seinen erfolgreichen Weg über die Bühnen der Welt antreten. Nichtsdestotrotz ist der Erfolg der Oper von der Sängerin der Titelpartie abhängig, was Interpretinnen von Maria Malibran über Maria Callas bis hin zu Edita Gruberova eindrucksvoll unter Beweis stellten. An der Oper Frankfurt ist – von zwei konzertanten Produktionen 1976 und 2008 abgesehen – in der Nachkriegszeit keine szenische Präsentation von Bellinis Oper verzeichnet.

 Oper Frankfurt / Elza van den Heever Sopran / Titelpartie; ©Dario Acosta

Oper Frankfurt / Elza van den Heever Sopran / Titelpartie; ©Dario Acosta

Im von Rom besetzten Gallien unterhält die Druidenpriesterin Norma eine geheime Liebesbeziehung zum feindlichen Prokonsul Pollione, dem Vater ihrer beiden Kinder. Als sich der Soldat jedoch in die junge Priesterin Adalgisa verliebt, ist Norma am Boden zerstört. Der Versuch ihrer schuldlosen Rivalin, die beiden Kontrahenten zu versöhnen, misslingt. Norma schwört Rache und ruft ihr Volk zum Kampf gegen die Römer auf. Dem inzwischen gefangengenommenen Pollione droht der Tod. Norma erklärt, dass eine Priesterin ihren Eid gebrochen habe und zusammen mit dem Römer sterben soll. Nach einigem Zögern gibt sie sich selbst als die Frevlerin zu erkennen. Gemeinsam mit Pollione, dessen Liebe zu ihr neu erwacht ist, besteigt sie den Scheiterhaufen.

 Oper Frankfurt / Gaëlle Arquez - Mezzosopran / Adalgisa; © Agentur

Oper Frankfurt / Gaelle Arquez – Mezzosopran / Adalgisa; © Agentur

Antonino Fogliani ist musikalischer Leiter des Festivals Rossini in Wildbad und gab hier 2016/17 sein Hausdebüt mit Puccinis Tosca. Aktuell führt ihn Donizettis Lucia di Lammermoor an die Münchner Staatsoper. Regisseur Christof Loy ist regelmäßiger Gast in Frankfurt, wo er zuletzt Bergs Wozzeck (2015/16) und Scartazzinis Der Sandmann (2016/17) inszenierte. Zu seinen aktuellen Arbeiten gehört u.a. Donizettis Maria Stuarda am Theater an der Wien. Kurzfristig übernahm Loy die Frankfurter Neuproduktion von Bellinis Norma, nachdem die Pläne der Übernahme einer Inszenierung von Sigrid Strøm Reibo im Rahmen der angekündigten Koproduktion mit der Norske Opera Oslo aus künstlerischen Gründen aufgegeben wurden. Elza van den Heever (Norma), Frankfurter Ensemblemitglied von 2009 bis 2014, war kürzlich als Beethovens Leonore in Zürich und als Chrysothemis in Strauss’ Elektra an der New Yorker Met zu erleben. Stefano La Colla (Pollione) gastierte zuletzt u.a. als Calaf in Puccinis Turandot an der Deutschen Oper Berlin und als Cavaradossi in Puccinis Tosca in Rom. Bizets Carmen nimmt momentan einen zentralen Platz im Repertoire von Gaëlle Arquez (Adalgisa) ein. Nach Frankfurt (2016/17) verkörperte sie diese Partie in Bregenz, Madrid und London. Robert Pomakov (Oroveso) gab hier 2016/17 sein Hausdebüt als Gremin in Tschaikowskis Eugen Onegin. Regelmäßig gastiert er an der New Yorker Met und der Opéra National de Paris.

Hingewiesen sei an dieser Stelle noch auf vier Begleitveranstaltungen zum Werk, die rund um die Aufführungsserie auf dem Programm der Oper Frankfurt stehen: die Einführungsveranstaltung Oper extra am 27. Mai 2018 um 11.00 Uhr im Holzfoyer, der Vortrag von Produktionsdramaturg Konrad Kuhn Norma – ein enzyklopädischer Charakter vor der Premiere am 10. Juni 2018 um 16.00 Uhr im Holzfoyer, die Gesprächsrunde Oper im Dialog am 17. Juni 2018 im Anschluss an die Vorstellung im Salon im 3. Rang sowie der Vortrag von Jürgen Kesting Was ist eigentlich Belcanto? am 24. Juni 2018 um 14.00 Uhr im Holzfoyer. Näheres unter www.oper-frankfurt.de.

Premiere: Sonntag, 10. Juni 2018, um 18.00 Uhr, Weitere Vorstellungen: 14., 17., 20., 23., 27. Juni 2018, jeweils um 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

Halle, Oper Halle, Anna Bolena von Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 06.11.2017

November 7, 2017 by  
Filed under Händel Halle, Hervorheben, Konzert, Oper

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Theater und Orchester Halle

Oper Halle © Falk Wenzel

Oper Halle © Falk Wenzel

Anna Bolena von Gaetano Donizetti  

Opulentes konzertantes Sängerfest

Von Guido Müller

Die 1830 in Mailand uraufgeführte Tragedia  lirica um die historisch bekannte Geschichte der unglücklichen Anna Bolena, Ehefrau König Heinrichs VIII., ihre Rivalin Giovanna Seymour (hier wird die italienische Schreibweise benutzt) und den ehemaligen Geliebten Lord Riccardo Percy von Gaetano Donizetti machte den italienischen Komponisten nach 34 Opern mit einem Schlag weit über sein Heimatland berühmt.

Oper Halle / Anna Bolena in der Ulrichskirche in Halle © Falk Wenzel

Oper Halle / Anna Bolena in der Ulrichskirche in Halle © Falk Wenzel

Die Titelrolle war der damaligen italienischen Primadonna assoluta Giuditta Pasta in die Stimme geschrieben, die für ihren Soprano sfogato, einen Sopran mit  Mezzotimbre und profilierten tiefen Registern berühmt war. Nachdem die Oper zu den beliebtesten des 19. Jahrhunderts gehörte, geriet sie Jahrzehnte bis 1957 in Vergessenheit, als Maria Callas in der Titelrolle in einer Inszenierung von Luchino Visconti an der Mailänder Scala das Werk wieder zum Leben erweckte. Durch diese beiden Interpretinnen war die Messlatte hoch gelegt und zum Beispiel  die große Koloratursopranistin Edita Gruberova hat die  Rolle später verkörpert. Ein Opernhaus kann nur wagen, diese hochdramatische Belcanto-Oper auf den Spielplan zu setzen, wenn ihr  Ensemble über eine solche Sängerin verfügt, der nicht nur die Belcanto-Stimmtechnik sondern auch der hoch-dramatische expressive Ausdruck  perfekt zu eigen ist.

Das Opernhaus Halle verfügt mit der vielfach ausgezeichneten Kammersängerin Romelia Lichtenstein über eine solche Ausnahmesopranistin, die an vielen Händel- und Mozart-Rollen gereift ebenso das hochdramatische Fach Puccinis und des Verismo beherrscht. Romelia  Lichtenstein steht wie der Sängerin der Uraufführung nicht nur die stupende Koloraturfähigkeit sondern ebenso bruchlos das warme Mezzoregister und sonore tiefe Stimmregister zur Verfügung. Damit glänzt sie in dieser konzertanten Aufführung der Oper in der Konzerthalle der Ulrichskirche mit ihrer heiklen Akustik und lässt das Publikum  gebannt den Atem anhalten in ihren großen Szenen wie Ensembles.

Oper Halle / Anna Bolena - hier Romelia Lichtenstein ist Anna Bolena © Falk Wenzel

Oper Halle / Anna Bolena – hier Romelia Lichtenstein ist Anna Bolena © Falk Wenzel

Opulenz ist das Leitthema dieser zweiten Spielzeit der Intendanz  von Florian Lutz und seinem Team am Opernhaus Halle. Und stimmliche wie orchestrale Opulenz der großen italienischen Belcanto-Oper unter der meisterhaften musikalischen Leitung des ersten Kapellmeisters Michael  Wendeberg, der in der letzten Spielzeit in Halle bereits bravourös mit seinem Dirigat der Uraufführungsoper Sacrifice nachdrücklich hat aufhorchen lassen, bietet diese konzertante Aufführung wahrlich in verschwenderischer Fülle. Wendeberg entfesselte mit der glänzend disponierten Staatskapelle Halle, dem Chor der Oper Halle und den ausnahmslos auch in denkleinen Rollen herausragenden Solisten ein italienisches Opernfest der Spitzenklasse, wie ich es in Halle lange nicht erlebt habe.

Bereits im orchestralen Vorspiel lässt die Staatskapelle aufhorchen durch die präzisen dynamischen Steigerungen und Kantilenen der betörend klingenden Holzbläser wie später die Staunen erweckenden, überaus exquisit und tonsicher spielenden Hörner, die von Birgit Kölbl angeführt werden. Zugleich versteht Wendeberg es die Generalpausen  auskostend effektvolle Spannungsbögen und Kontraste aufzubauen, indem ihm willig der vollendet singende Herrenchor und Damenchor folgen.

Fast alle Rollen sind mit Mitgliedern des Hauses besetzt. Lediglich den Pagen Smeton singt die junge Mezzosopranistin Yulia Sokolik als Gast, die sofort zu Beginn der Oper mit der harfenbegleiteten Romanze „Deh! non voler costringere“ gefangen nimmt, die sie in einem äußerst edlen bernsteinfarbig timbriertem Legato gestaltet. Nach der von den duftig  leicht spielenden Holzbläsern und vornehmen Hornsolo auf einem samtigen Streicherteppich eingeleiteten späteren Szene „Tutto è deserto“ erhält Yulia Sokolik für ihre warme, perfekt ausdrucksstark und offen gesungene Kantilene spontanen Szenenapplaus des Publikums. Von dieser Mezzosopranistin werden wir sicher noch öfter hören.

Der zweite Gast im Ensemble ist Konstantinos Latsos als Lord  Riccardo Percy, der nicht nur durch sein sympathisches Auftreten sondern vor allem gleich mit seinem geschmackvoll schlank und zugleich kraftvoll gesungenen Tenor für sich einnimmt, mit dem er auch die Spitzentöne seiner Partie und strahlende Strettas beherrscht. Zu einem Höhepunkt der Aufführung gestaltet er im zweiten Akt das zauberhafte Terzett „Fin dall’età più tenera“ mit Romelia  Lichtenstein und dem Bass Ki-Hyun Park als Enrico VIII.

Ki-Hyun Park überragt für mich an diesem Abend sowohl durch ausgefeilte Stimmkultur, packendste Italianità, Spielfreude in Mimik und Gestik wie seine große psychologisch ausgefeilte Charakterstudie des zerrissenen, zweifelnden und brutalen Königs Heinrich VIII. alle anderen Darsteller. Park lässt keinen Moment die fehlende szenische Umsetzung vermissen. Daher erhält er am Ende verdiente Ovationen des Publikums.

Oper Halle / Anna Bolena - hier links Ki Hyun Park als zweifelnder Heinrich VIII. und Du Wang als Signor Harvey © Falk Wenzel

Oper Halle / Anna Bolena – hier links Ki Hyun Park als zweifelnder Heinrich VIII. und Du Wang als Signor Harvey © Falk Wenzel

Die zweite Krone der darstellerischen und gesanglichen Verkörperung aus dem Ensemble der Oper Halle verdient an diesem Abend des Belcanto-Festes SvitlanaSlyvia für ihre vom König als Nachfolgerin Anna Bolenas erwählte Hofdame Giovanna Seymour. Ihr großes dramatisches Duett mit der Konkurrentin um die königliche Liebe Romelia LichtensteinDal mio cor punita io sono“ zu Beginn des zweiten Aktes war für mich die packendste und expressivste Szene des Abends mit der höchsten musikdramatischen Wahrheit. Perfekt harmonieren die  kostbaren Stimmen mit Mezzofärbung. Ähnlich ideal abgestimmt harmoniert  sie mit dem Enrico des Ki-Hyun Park im Duett.

Hier bewährt sich das warme tief empfundene Legato und die leicht ohne jede Schärfe und störendes Vibrato geführte Stimme der Ausnahme-sängerin und perfekten Belcanto-Darstellerin Romelia Lichtenstein, die zudem über eine beseelte Koloraturtechnik verfügt. Ihre Spitzentöne dienen ausschließlich der musikdramatischen Expression und nie hohler Stimmartistik. Ihre berühmte Wahnsinnsszenemit konzertierender Flöte und Oboe kurz vor dem Ende der Oper singt sie mit schwebender Höhe auf anrührendste Weise.

Vladislav Solodyagin gestaltet die wenig dankbare Rolle des Lord Rochefort stimmschön und ausdrucksstark. Das gilt auch für die kleine Rolle des Signor Harvey, der Du Wang als Gast ein stimmschönes Profil verleiht.

Alle Freunde großer italienischer Belcanto-Oper sollten auf keinen Fall die dritte Gelegenheit in Halle verpassen, diese hochdramatische Oper in dieser exquisiten Besetzung zu erleben. Die Leistung des Ensembles und der Staatskapelle verheißt bereits viel für die italienische Opernwoche am Opernhaus Halle im Frühjahr 2018 mit dem Höhepunkteiner neuen Inszenierung von Giuseppe Verdis Aida.

Das beglückte Publikum in Halle dankt am Ende den Musikern dieser zweiten Vorstellung mit zigfachen Bravorufen, Ovationen, Getrampel undStanding ovations.

Achtung:    Nächste und letzte Vorstellung am 8.11.2017 in der Konzerthalle Ulrichskirche Halle (Saale)

—| IOCO Kritik Händel Halle |—

Wien, Peterskirche, Oper in der Krypta – NORMA, IOCO Kritik, 04.04.2017

April 4, 2017 by  
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 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Norma von Vincenzo Bellini

Libretto von Felice Romani nach Alexandre Soumet 

Von Marcus Haimerl

Vincenzo Bellinis Oper Norma wurde 1831 an der Mailänder Scala uraufgeführt, 1833 fand die österreichische Erstaufführung in Wien am Kärntnertortheater statt. Die Partie der Norma schuf Bellini, wie auch die  Amina in La Sonnambula, für Giuditta Pasta  (1797 – 1865), umschwärmte Opernsängerin ihrer Zeit. Im 19. Jahrhundert gab es viele namhafte Nachfolgerinnen wie Maria-Felicia Malibran (Neapel 1833) und Jenny Lind (Stockholm 1841). Letzte Vertreterin dieser Belcantoschule war Lilli Lehmann. Rosa Ponselle (New York 1927) zählte noch als bedeutendste Interpretin der Norma ehe Maria Callas ab 1948 (Florenz) diese Partie quasi als  Alleinherrscherin bis 1965 (Paris) sang. Ihr ist es zu verdanken, dass diese Oper eine neue Wertschätzung erfuhr, die bis heute anhielt.

 Peterskirche Wien / Krypta - Norma Oroveso und Pollione © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien / Krypta – Norma Oroveso und Pollione © Marcus Haimerl

Am 30. März 2017 hatte nun Bellinis Oper Norma Premiere in der Krypta unter der Peterskirche im 1. Bezirk in Wien. Die Geschichte der Peterskirche reicht zurück bis in die römische Antike. Der Bau der heutigen Wiener Peterskirche begann 1701 unter Kaiser Leopold I., Fertigstellung und Weihung war 1733. Die Peterskirche war der erste Kuppelbau im barocken Wien. Seit 2014 finden in der Krypta der Peterskirche Opernproduktionen statt.

Maximal 80 Besucher sitzen in unmittelbarer Nähe  der Sänger in der Krypta. Bedingt durch die räumlichen Gegebenheiten der Krypta muss auf Orchester und Chor verzichtet werden. Das führt zu geringfügigen Kürzungen, welche aber in dieser Atmosphäre das jeweilige Werk konzentrierter und gestraffter wirken lässt. Und das Publikum hat das intensive Gefühl Teil der Aufführung zu sein. Und die immer exzellente Klavierbegleitung gibt dem Abend einen kammermusikalischen Charakter.

Peterskirche Wien / Krypta - Norma und Oroveso © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien / Krypta – Norma und Oroveso © Marcus Haimerl

Das Drama um die gallische Priesterin Norma, welche ihr Gelübde aus Liebe zu einem Römer gebrochen hat und am Ende mit ihrem Geliebten den Scheiterhaufen besteigt, kommt hier mit wenig Kulisse und großartigen Projektionen aus. Das führt auch dazu, dass die Konzentration des Publikums nicht abgelenkt, sondern viel mehr auf Musik und Sänger gerichtet ist, was wiederum für die Sänger eine  enorme Herausforderung sowohl für die Darstellung als auch Gesang bedeutet.

In der Partie der Norma glänzte die junge, in Wien geborene, Sopranistin Cathrin Chytil, deren Mentorin Fiorenza Cossotto sie auf dem Weg zum dramatischen Sopranfach begleitete. An ihrer Seite als Adalgisa, die puertoricanische Mezzosopranistin Celia Sotomayor. Beide Damen verfügen über eine kräftige Tiefe und sicheren Spitzentöne.

Durch die unglaubliche Harmonie beider Stimmen wurden die Duette zwischen Norma und Adagisa zu den eigentlichen Höhepunkten des Abends. Als Tenor zwischen den beiden Damen, in der Partie des Pollione, war der Spanier Sergio Tallo-Torres zu erleben. Trotz vereinzelter Schwächen in den Höhen konnte er aufgrund seiner kräftigen Mittellage insgesamt überzeugen. Die Partie des Oroveso war mit dem Bass Il Hong aus dem Ensemble der Wiener Staatsoper luxuriös besetzt.  Der junge kroatische Pianist und Bariton Igor Horvat ließ am Klavier aufhorchen und spielte Bellinis Musik wunderbar nuanciert. Am Ende wohlverdienter Jubel für das gesamte Team.

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