Beethoven – Complete Symphonies – PENTATONE, IOCO CD-Rezension 11.11.2020

November 11, 2020 by  
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Beethoven - Complete Symphonies - PENTATONE Classics PTC5186860 © PENTATONE

Beethoven – Complete Symphonies – PENTATONE Classics PTC5186860 © PENTATONE

Beethoven – Complete Symphonies
WDR-Symphonieorchester und Marek Janowski

CD Album – 5 CDs –  Pentatone Classics PTC5186860

von Julian Führer

Ludwig van Beethovens Symphonien – jeder kennt zumindest einige. Einzelne Passagen, insbesondere aus der fünften und neunten Symphonie, sind aus Film, Funk und Fernsehen seit vielen Jahrzehnten bekannt. Es gibt kaum noch zu zählende Gesamtaufnahmen und Einzeleinspielungen. Jetzt ist zum Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 eine neue Aufnahme erschienen. Welche Legitimation hat sie? Was haben das WDR-Symphonieorchester und Marek Janowski diesen etwa 200 Jahre alten Partituren abzugewinnen, was noch nicht (oder noch nicht so) vorgetragen wurde?

Ludwig van Beethovens Neun Symphonien in einer neuen Gesamtaufnahme – Kapellmeisterlich im besten Sinne

Aufgenommen wurden die neun Symphonien 2018 und 2019 in der Kölner Philharmonie, einem Raum, der (eine gute Aufnahmetechnik vorausgesetzt) sehr günstig für eine solche Aufnahme ist.

Kein Frühwerk: Beethovens erste Symphonie

Die erste Symphonie C-Dur op. 21, 1800 uraufgeführt, beginnt mit einer langsamen Introduktion mit hier eher breit gehaltenen Akkorden. Die Exposition (Allegro con brio, wie der Kopfsatz der dritten und fünften Symphonie) wird sehr differenziert gespielt und aufgenommen. Bässe und Fagotte fahren oft dazwischen und rufen in Erinnerung, dass Beethoven seine erste Symphonie erst schrieb, als er es in anderen Bereichen, zum Beispiel bei den Klaviersonaten, schon zu großer Meisterschaft gebracht hatte. Das Andante cantabile con moto hat den tänzerischen Duktus eines Menuetts, viele kurze Notenwerte dieses anmutigen Satzes im 3/8-Takt vermitteln einen lebhaft-bewegten Eindruck. Das eigentliche Menuett des dritten Satzes hat nichts Tänzerisches mehr an sich, sondern drängt wild vorwärts. Die schnellen und legato gehaltenen Achtelfiguren der Violinen im Trio sind eine kleine Spur weniger klar als sonst auf dieser Aufnahme. Der Schlusssatz beginnt mit einer Fermate des gesamten Orchesters und sich immer wieder neu von G nach oben tastenden Figuren der ersten Violinen, bis im Takt 8 das Tempo von Adagio zu Allegro molto e vivace wechselt und das Thema präsentiert wird, das in der Folge fast übermütig auch vom tiefen Holz übernommen wird. Trompeten mischen sich in das Klangbild, Beethoven lässt Dissonanzen aufblitzen und kehrt dann scheinbar unbeeindruckt zum Hauptthema zurück, das er jedoch kürzt und sofort mit anderen Klangfarben kontrastiert. Kurz vor dem Schluss nimmt Marek Janowski etwas Tempo heraus, so dass der finale C-Dur-Akkord fast federt. Diese Symphonie wirkt in der vorliegenden Aufnahme ungemein frisch und auch über 200 Jahre nach ihrem Entstehen noch revolutionär.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

Die zweite Symphonie D-Dur op. 36, die 1803 erstmalig zu hören war, beginnt ebenfalls langsam (Adagio molto); immer wieder sind Dissonanzen zu hören. Überzeugende Details nehmen für diese Aufnahme ein, die aufsteigenden 64tel der ersten Violinen etwa werden wie von Beethoven notiert sfp gespielt und sind nach der einleitenden Achtel nur ganz im Hintergrund zu hören. Das Tempo wechselt zu Allegro con brio, die Violinen erst mit rasend schnellen Sechzehnteln, dann mit Achtelfiguren, die ganz ähnlich später auch im ersten Satz der Waldstein-Sonate op. 53 verwendet wurden (ab Takt 61). Beethoven wagt sich abermals an scharfe Dissonanzen und mit absteigenden Septimen (Takt 109) an höchst ungewöhnliche Intervalle. In der Durchführung hört man kleine, aber wirkungsvolle Differenzierungen der Dynamik, die Marek Janowskis jahrzehntelanger Beschäftigung mit Beethovens Werk entspringen dürften. Der zweite Satz Larghetto beginnt mit einem anmutigen Bläsersatz, Hörnern und sanften Streichern, die auf die F-Dur-Symphonie Nr. 6) vorauszuweisen scheinen, ebenso das Tanzmotiv ab Takt 82. Im hundertsten Takt wird auf einmal abrupt von A-Dur zu a-Moll moduliert, der Satz wird harmonisch wie rhythmisch zunehmend anspruchsvoller. Auch bei konzentriertem Hören mit aufgeschlagener Partitur scheint kein Akzent, keine Rückung, kein Crescendo oder Decrescendo zufällig – immer hat Beethoven dies so notiert, oder das musikalische Umfeld lässt das, was Marek Janowski vom Orchester verlangt, plausibel erscheinen. Der dritte Satz, ein Scherzo im Allegro, setzt die kompositorisch anspruchsvolle Textur der ersten Sätze fort. Nicht nur im Trio ist nicht mehr an jeder Stelle klar, in welcher Tonart Beethoven sich eigentlich bewegt. Das Finale bleibt am ehesten den bisherigen Konventionen der Gattung verhaftet, doch auch hier rüttelt Beethoven an den Fundamenten: Kurz vor der Reprise quäkt das Fagott dazwischen, als würde es vorlaut zum Soloinstrument avancieren wollen, dann drängen sich die Hörner in den Vordergrund, bevor es zum Schluss kommt. Die erste Symphonie ist sicher dem Ohr leichter zugänglich, die zweite Symphonie ist noch eine Spur revolutionärer – doch die dritte Symphonie sollte hier noch einmal deutlich weiter gehen.

  Eroica  – zwischen tiefer Trauer und Vorwärtsdrang

Die berühmte Eroica, die dritte Symphonie Es-Dur op. 55, sprengt viele Konventionen und bis dahin übliche Dimensionen: Sie ist lang (dies wurde bei der Uraufführung 1805 von einigen kritisch angemerkt), und auch das Orchester vergrößerte sich, verlangte Beethoven hier doch erstmalig ein drittes Horn. Die zwei Einstiegsakkorde nimmt Marek Janowski nicht ganz so abrupt wie etwa David Zinman. Der erste Satz beginnt vielmehr federnd. Auch der Streicherapparat hört sich breiter an als bei den ersten beiden Symphonien dieser Einspielung. In der Durchführung stauen sich die Akkorde (um Takt 275 herum), die Dissonanzen werden nicht aufgelöst, vielmehr wird das Seitenthema in Moll eingeschaltet. Wie in den Symphonien der Wiener Klassik (man denke nur an Joseph Haydn) treten Streicher und die Gruppen der Holzbläser in einen Dialog, der jedoch harmonisch und in der Weiterentwicklung der Motive bereits weit von Beethovens 1805 noch lebendem Lehrer Haydn entfernt ist. Diese Aufnahme präsentiert den ersten Satz einerseits breit, andererseits doch pointiert und trifft damit ein juste milieu, ohne jemals langweilig zu werden. Ganz im Gegenteil, dieser Beethoven ist mit seinen rauen tiefen Streichern, seinen Stauungen und seinen für die damalige Zeit geradezu wilden Modulationen (zum Beispiel bei Takt 558 von Es-Dur nach Des-Dur und gleich weiter nach C-Dur!) ungemein aufregend.

Die anschließende Marcia funebre (Adagio assai) gehört zu den bekannten Trauermusiken des klassischen Genres. Marek Janowski arbeitet in den ersten Takten sehr deutlich die Kontrabässe des WDR-Symphonieorchesters heraus; im Holz übernimmt die Oboe die Rolle des führenden Instruments. Im Mittelteil ab Takt 69 wechselt die Tonart nach Dur, jedoch nie unbeschwert – die großen Akkorde erfolgen hier nie im ungebremsten Fortissimo und unter genauester Beachtung der Notierungen Beethovens, der immer wieder Punkte auf seine Noten setzt und die Akkorde daher abreißen lässt, statt sie lange zu halten (Takt 98-100). Die anschließende Reprise des Trauermotivs ist deutlich zurückgenommener als in der Einleitung und bereitet den Weg für die Durchführung der Mollmotive. In die letzten Takte dieses Satzes legen Dirigent und Orchester eine ungeheure, musikalisch und emotional ausweglos erscheinende Trauer. Wie gerne würde man in einem Konzertsaal die ergriffene Stille eines konzentrierten Publikums nach diesem Satz erleben dürfen!

Gänzlich anders gefärbt ist natürlich das Scherzo (Allegro vivace). Die Streicher liefern eine rhythmische Grundierung, das Motiv ist zuerst im Holz zu hören, der Satz treibt schnell voran, im Trio sind die drei Hörner (sehr plastisch) mit Jagdklängen zu hören, in die sich jedoch schnell Halbtöne mischen. Alle drei Hörner bleiben bis zum Schluss des Scherzos sehr präsent. Das Ende des Satzes ist wieder, wie in anderen Teilen dieser Aufnahme auch, abgefedert und reißt nicht gleich ab. Das Finale (Allegro molto) geht Marek Janowski zügig an, eine Spur schneller als mehrere andere Aufnahmen. In der Variationenstruktur dominieren zunächst die Streicher, ab Takt 75/76 bringt das Holz eine liebliche Note hinein, die allerdings schnell verblasst. Nicht nur die Kontrabässe sind mit schnellen Sechzehnteln gefordert, sondern auch die Soloflöte (bei Takt 190-196). Die Hörer in Takt 304-307 bleiben vielleicht eine Spur zu sehr im Hintergrund, ansonsten sind die Instrumentengruppen stets fein ausbalanciert – Kompliment an Orchester, Dirigent und Tontechnik! Eine rundum gelungene Eroica.

Luwig van Beethoven in Walhalla © IOCO HGallee

Luwig van Beethoven in Walhalla © IOCO HGallee

Die vierte Symphonie Beethovens in B-Dur op. 60 wurde 1807 uraufgeführt. Sie ist nicht ganz so berühmt wie die ‚Dritte‘ oder ‚Fünfte‘, die Instrumentierung kommt (wieder) mit zwei Hörnern aus. Die Introduktion (Adagio) beschwört zunächst eine düstere Stimmung. Erst nach 39 Takten und zweieinhalb Minuten Musik erfolgt ein schneller Wechsel ins Allegro vivace. Das Thema ist munter, einige Kniffe wie die sukzessive Reduzierung auf korrespondierende erste und zweite Violine (Takt 270ff.) verweisen bereits auf die folgende c-Moll-Symphonie. Kurz vor Takt 440 scheint das Orchester etwas unmotiviert Tempo zu verlieren, die letzten der 498 Takte finden jedoch wieder zum Haupttempo zurück. Das folgende Adagio wird zunächst durch Quartsprünge charakterisiert, die wie Metronomschläge ein rhythmisches Fundament bieten. In der Folge wird der Vortrag des Orchesters dann freier, bis die Bässe die Quarten wieder aufnehmen. Spannend wird dieser Satz vor allem durch die Zweiunddreißigstelfiguren der Streicher und eine nicht ganz einfache rhythmische Struktur (vgl. etwa Takt 70-71). Der dritte Satz (Allegro vivace) ist der Bezeichnung nach ein Menuett – gewissermaßen wie in alten Zeiten. Passagen der Holzbläser könnten fast eine Vorstudie zur Pastorale sein. Im Trio wird etwas Tempo herausgenommen. Das Finale beginnt wie bei der vorangegangenen Es-Dur-Symphonie mit schnellen Streicherfiguren, über die das Holz dann ein harmonisches Motivgewebe legt. Beeindruckend die Präzision der ersten Violinen, überzeugend das Zusammenspiel. Wenn Beethoven mit dieser Symphonie auch kein grundsätzlich neues Kapitel in seinem Schaffen oder gar der Musikgeschichte aufschlägt, ist diese Symphonie doch eine Art Summe seiner frühen Symphonien mit einer dem klassischen Vorbild eng verhafteten Sprache, deren Mittel er jedoch entscheidend weiterentwickelt hat.

 Ludwig van Beethoven _ an einer Hausfassade © Peter M. Peters

Ludwig van Beethoven _ an einer Hausfassade © Peter M. Peters

Schicksalsschläge und Posaunen: Beethovens  Fünfte

Über die fünfte Symphonie c-Moll op. 67 ist mehr als genug gesagt und geschrieben worden, das Eingangsmotiv war Erkennungssignal der BBC im Zweiten Weltkrieg, und überhaupt gehört diese Symphonie wohl zu den bekanntesten Stücken der „ernsten“ Musik überhaupt. Sie ist bekannt, aber sie enthält auch vieles zum Zeitpunkt der Uraufführung 1808 Neues, allein schon durch den Orchesterapparat: Im vierten Satz werden zu den bisherigen Instrumenten neu auch eine Piccoloflöte, ein Kontrafagott und nicht weniger als drei Posaunen gefordert. Beethoven selbst schrieb dem Grafen Franz von Oppersdorff hierzu: „Das letzte Stück der Sinfonie ist mit 3 Posaunen und Flautino – zwar nicht 3 Pauken, wird aber mehr Lärm als 6 Pauken und zwar bessern Lärm machen.“ Die Fermate nach den charakteristischen Achtelschlägen, besonders die erste, lässt Marek Janowski nur kurz halten – die zweite ist in der Tat über einen ganzen weiteren Takt notiert. Gut hörbar ist, wie Beethoven in den Takten 75-76, 77-78, 79-80 und 81-82 bei den Violinen Bögen einzeichnet, die jeweils genau nach zwei Takten enden. Die Reprise enthält bei Takt 268 ein Solo der Oboe, das scheinbar völlig frei außerhalb des sonst vorgeschriebenen Zeitmaßes vorgetragen wird, aber doch im Rahmen des hier für kurze Zeit vorgegebenen Adagio bleibt. Marek Janowski lässt dem Instrument hier viel Zeit, andere Dirigenten drängen hier mehr aufs Tempo. Der erste Satz enthält viele Feinheiten der Instrumentierung, die bei weitem nicht immer so gut nachzuvollziehen sind wie auf dieser Einspielung. Im Andante con moto des zweiten Satzes beginnen die Streicher hier recht breit. Das fanfarenartige Thema der Bläser wird von Sechzehnteltriolen der Streicher begleitet, beim zweiten Mal dann von Zweiunddreißigstelfiguren. In einer frühen Aufnahme unter Christian Thielemann wurde dies sehr stark herausgearbeitet; hier nun ist alles hörbar, aber bleibt im organischen Fluss. Ab Takt 107 hingegen überrascht, wie stark sich Fagotte und erste Klarinette in ihren aufsteigenden Oktaven über die Streicher erheben – doch in der Tat, Beethoven hat das Holz piano, die Streicher aber pianissimo notiert! Abermals ein Satz, der so viele Details aufweist, dass man ihn gerade in dieser Aufnahme mehr als einmal aufmerksam hören sollte. Das folgende Allegro nimmt das rhythmische Motiv des Kopfsatzes wieder auf. Im Takt 79 (fortissimo) hämmert das Holz hier fast schmerzhaft dieses mottoartige Motiv. Dies ebenso wie das ländlerartige Motiv der tiefen Streicher gemahnen schon fast an den zweiten Satz von Gustav Mahlers erster Symphonie. Ab Takt 324 ändert sich die Stimmung plötzlich, ein tiefes As, dann ein G im ppp bereiten den Boden für immer weiter nach oben steigende Violinen, die attacca in den Finalsatz in wirklich strahlendem C-Dur münden. Die Posaunen grundieren mächtig den Bläserapparat, haben aber noch nicht wie später bei Wagner gewissermaßen die Rolle eines Pedals; Beethoven scheint mit diesem Instrument noch etwas zu experimentieren. Das Kontrafagott, stets parallel zu den tiefen Streichern geführt, ist leider nicht zu hören. Ansonsten ist es wieder eine überzeugende Gestaltungsleistung: Der Satz wirkt aufgewühlt, ungestüm, und das bei größter Disziplin der Instrumentengruppen. In Takt 160 wird das Motto aus dem Kopfsatz in der Gestaltung des dritten Satzes wieder aufgenommen. Marek Janowski erliegt nicht der Versuchung, diesen Satz durchweg ‚dröhnen‘ zu lassen, sondern legt dem Orchester auch bei den Tuttistellen immer wieder Zurückhaltung auf, um im entscheidenden Moment noch Gestaltungsspielraum zu haben – so auch bei den Tempi, die zum Schluss hin noch einmal deutlich angezogen werden. Eine fünfte Symphonie, die man längst kennt, oft gehört hat, gut gehört hat, aber in dieser Aufnahme abermals aufhorchen lässt.

PASTORALE – Meisterhaft zelebrierte Ruhe

Die Pastorale, Beethovens sechste Symphonie F-Dur p. 68, in etwa zeitgleich zur Fünften geschrieben und ebenfalls 1808 uraufgeführt, enthält abermals eine Piccoloflöte und Posaunen (diesmal zwei, nur in den letzten beiden Sätzen). Beethoven gab den Sätzen Titel bei, für den ersten Satz „Erwachen heiterer Gefühle auf dem Lande“. Ruhige Streicher, liebliche Flöten und Oboen, die Gefühle sind nicht nur heiter, sondern auch sehr friedlich, auch wenn kleine Verzierungen in den Flöten fast schon Übermut durchscheinen lassen. Die Steigerungen ab dem 150. Takt haben Eingang in mehr als eine Filmmusik gefunden. Kurz vor Takt 460 verstärkt sich der Eindruck, dass Smetana sich für Die Moldau erheblich von Beethoven hat inspirieren lassen. Noch ruhiger als der erste Satz ist die folgende „Szene am Bach“ (Andante molto mosso), für die Beethoven zwei Solovioloncelli vorgesehen hat. Was im ersten Satz die Verzierungen der Flöte waren, sind hier die Triller der Violinen und das scheinbar freie Zusammenspiel von Flöte und Oboe, dann auch der Klarinette. Man meint Siegfrieds Waldvögelein zu hören – Richard Wagner war einer von vielen Verehrern Beethovens. Das ‚Waldweben‘ in Wagners Siegfried ansprechend und differenziert zu spielen, ist schwer (oft misslingt es); den zweiten Satz der Pastorale meistert das WDR-Symphonieorchester bravourös, und es verwundert nicht, dass Marek Janowski ebenso bei Beethoven wie auch bei Wagner über viel Erfahrung verfügt. Im Allegro folgt „Lustiges Zusammensein der Landleute“. Das Holz schwatzt munter miteinander, die Streicher intonieren einen derben Tanz. Der Satz geht direkt in „Gewitter, Sturm“ (Allegro) über. Carl Maria von Weber hat sich hier deutlich für die Wolfsschlucht im Freischütz bedient, Richard Wagner hat in Das Rheingold und Die Walküre die tiefen Streicher ähnlich behandelt. Nicht zum ersten Mal beeindruckt die Präzision, mit der auch schnelle Passagen hier gemeistert werden. Zuletzt (Allegretto) „Frohe, dankbare Gefühle nach dem Sturm“. Beethoven hat hier keine Note zuviel geschrieben, das Orchester trägt klar vor und scheint ganz bei sich und der Musik. Eine beeindruckende Ensembleleistung, ein Musizieren auf höchstem Niveau.

Luwig van Beethoven Wien © IOCO

Luwig van Beethoven Wien © IOCO

Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92, 1813 (und damit fünf Jahre nach der Fünften und der Sechsten) uraufgeführt – abermals ein sehr bekanntes Werk, insbesondere das Allegretto des zweiten Satzes. Bei Marek Janowski werden die Eingangsakkorde wieder etwas abgefedert, das Poco sostenuto des Satzbeginns wird eher zurückhaltend musiziert, auch das Fortissimo im Takt 55 ist eher ein Akzent als ein Ausbruch. Während andere Dirigenten bei Takt 309-312 das Tempo stark verlangsamen, um eine ‚schöne Stelle‘ auszukosten, hält Marek Janowski das Tempo (und lässt Oboe und Klarinette dennoch mittels der Dynamik Raum zur Entfaltung). Der Satz ist insgesamt geradlinig musiziert und verweigert sich in dieser Interpretation der hochromantischen Vereinnahmung, wie sie sonst durchaus zu hören ist. Der zweite Satz überrascht noch mehr – alles andere als ein Trauerkondukt, vielmehr ein eher zügig genommenes Allegretto und anders als sonst ein eher kurz gehaltener Anfangsakkord. Die Aufstriche von Bratschen und Celli (ab Takt 29) sind hier tatsächlich nur kurze Vorschläge, die Viertel (durch Bögen verbunden, aber durch Punkt markiert) setzen kurze Akzente. Keine Spur also von Larmoyanz, eher eine Spur von Menuett, zurückhaltende Eleganz, gleichzeitig – typisch Beethoven – stets nach vorwärts drängend. Ab Takt 150 ist der Wechsel von ersten Violinen und Celli bei den das Tempo machenden Sechzehntelfiguren deutlich hörbar. Wahrhaftig: Beethoven ist nie langweilig, in dieser Aufnahme erst recht nicht. Das folgende Presto bildet einen weniger scharfen Kontrast als in anderen Aufnahmen, da auch der zweite Satz nie das von Richard Wagner so hervorgehobene Tänzerische dieser Symphonie negiert hat. In Takt 48-51 der Wiederholung der Exposition ist die Phrasierung von Flöte und Oboe etwas weniger deutlich als sonst. Der ausladende Satz mit zahlreichen Wiederholungen mündet in eine Coda, in der eine harmonische Trübung eintritt, die durch eine Schlusskadenz aber gewissermaßen abgewendet wird. Der Schlusssatz, wieder in A-Dur, bringt Allegro con brio fröhliche Hörnerquinten, doch zügelt Marek Janowski das Orchester, so dass die Dynamik nicht gleich zu Beginn des Satzes zu lautem Dröhnen führt (Beethoven scheint nach dem Fortissimo zu Takt 24 und dessen Wiederholung in Takt 32 bis Takt 61 keine dynamischen Vorschriften notiert zu haben). Dass der Satz ungestüm nach vorne (und zum Schluss) drängt, ist unüberhörbar, doch die wahre Arbeit in der Umsetzung besteht bei dieser Aufnahme in der geglückten Hörbarmachung der Zwischentöne, der Sequenzen und vielfachen anderen Veränderungen, die Beethoven am musikalischen Material vornimmt, ebenso die Eintrübungen, die durch immer neue Basslinien eintreten – nicht zu vergessen, dass etwa zwei Minuten vor Schluss ab Takt 362 in den Bässen (meist absteigende) Sekunden stehen, von Takt 388 bis einschließlich Takt 408 immer auf den Notenstufen E-Dis, eigens in den Bässen noch einmal sempre più f notiert – da windet sich schon Wagners Riesenwurm (Das Rheingold, dritte Szene, später dann das Wurmmotiv Fafners), und Beethoven geht in seinen Vorschriften bis zu fff, als sämtliche Knoten geplatzt sind. Mitreißend!

Etwa zeitgleich zur Siebten komponierte Beethoven die achte Symphonie F-Dur op. 93, die 1814 uraufgeführt wurde. Allegro vivace e con brio beginnt der schwungvolle Satz, der gleichwohl nicht nur von der Tonart her Ähnlichkeiten mit der bukolischen Stimmung der Pastorale aufweist. Der verklingende Dreivierteltakt gegen Ende des ersten Satzes lässt vermuten, dass Carl Maria von Weber für den Walzer im ersten Akt von Der Freischütz hier Inspiration gefunden hat. In der Struktur ist gegenüber den früheren Symphonien neu, dass es keine klare Reprise des Themas gibt, sondern dieses an der zu erwartenden Stelle bereits deutlich weiterentwickelt ist. Klar zu hören ist das Holz (das Fagott teilweise als Schrittmacher, Klarinette und Oboe übernehmen mehrfach Streicherfiguren). Der zweite Satz ist ein Allegro scherzando, in dem Beethoven viele für ihn typische Verfahren anwendet, aber abermals weiterführt: eine Instrumentengruppe (hier kurioserweise das Holz) gibt wie ein Metronom den Takt vor, eine andere Gruppe ist für das melodische Material zuständig, bevor sich die Gruppen vermischen. Ebenfalls charakteristisch ist das Grummeln der Bässe, die ein Motiv aus einer viel höheren Lage übernehmen. Dies alles wird mit Witz und sehr viel Präzision vorgetragen. Das folgende Menuett im Dreivierteltakt ist schon lange keine Tanzmusik mehr; das Fagott darf die Melodieführung übernehmen (Takte 24-28), Hörner und Trompeten trumpfen ab Takt 36 auf. Im Trio (ab Takt 44) dann eine Neuerung: Die Hörner als Melodieinstrumente, und zwar bis zum Ende des Satzes. Selbst bei einer neben der Siebten und Neunten eher kurz und vergleichsweise konventionell scheinenden Symphonie experimentiert Beethoven also und schafft stets Neues. Das Finale enthält in Tempo und Dynamik übermütige Passagen wie die Vorgängersymphonie und in Takt 148-150 die ebenfalls von dort bekannten absteigenden Halbtöne, die zu einer Auflösung drängen. Nach Takt 266 (fünf Schläge Generalpause) ist der Nachhall des vollen Orchesters so stark, dass die dann im piano einsetzenden Bratschen nicht wie wahrscheinlich intendiert aus der Stille kommen können. Im Schluss wechseln die musikalischen Stimmungen schnell, Trübungen gehen also schnell vorüber (sind aber kompositorisch sehr interessant), das Ende ist unbeschwert und frei.

Von leeren Quinten zur Apotheose: Die  Neunte

Die neunte Symphonie d-Moll op. 125 ist wie die Fünfte fast zu populär – vor allem das den Schlusschor einleitende Motiv, das seit den achtziger Jahren auch als Europahymne genutzt wird. Die Symphonie ist für Silvester- und Neujahrskonzerte beliebt, ist aber gleichzeitig hochkomplex und auch bedeutend länger als ihre Vorgängerinnen. Marek Janowski dirigiert hier die „Neunte“ in nur 64 Minuten, das ist in etwa die Zeit, die auch Herbert von Karajan benötigte, während Wilhelm Furtwängler in berühmten (und sehr unterschiedlichen) Aufnahmen von 1942 und 1951 je zwölf Minuten mehr benötigte. Richard Wagner schrieb als ganz junger Mann die Partitur kurzerhand ab, um ein Gefühl für Beethovens Kompositionstechnik zu bekommen, und äußerte sich später noch mehrfach schriftstellerisch über dieses Werk, das ein neues Kapitel der Musikgeschichte beginnen lässt. Die Uraufführung fand 1824 statt, die Symphonie steht also auch in Beethovens Biographie in weitem Abstand zu den anderen besprochenen Stücken – und als einzige ist sie einem gekrönten Haupt gewidmet, König Friedrich Wilhelm III. von Preußen „in tiefster Ehrfurcht“. Im ersten Satz mit seinen Wildheiten und der hochkomplexen Motivarbeit besticht abermals die Durchhörbarkeit quer durch die Instrumentengruppen, auch wenn die Tontechnik für diese Symphonie in andere Hände gelegt wurde (Dirk Franken) und das Klangbild insgesamt etwas flächiger wird als bei den anderen Symphonien. Marek Janowski vermeidet Manierismen; er stellt die Schroffheiten des Satzes dar, ohne sie zu überzeichnen. In größter Schärfe stechen die Paukenwirbel bei Takt 304 heraus. Nicht weniger als vier Hörner fordert Beethoven, eines davon übernimmt ab Takt 469 kurz die Melodieführung. Bei ganz genauem Hören ist etwas mehr Umblättern an den Pulten zu bemerken als sonst, ohne dass dies jedoch nachhaltig stören würde.

Das Scherzo (Molto vivace; Kenner des Frühwerks der Toten Hosen werden es sofort erkennen) geht Marek Janowski eher moderat an. Beethoven fordert in diesem Satz drei Posaunen (erstmalig auch eine Bassposaune), die klanglich jedoch eher unterstützend wirken, als groß hervorzutreten. Das WDR-Symphonieorchester meistert das schnelle Stück scheinbar problemlos. Das Adagio molto e cantabile des dritten Satzes beginnt langsam, das folgende Espressivo-Thema (erst nur in zweiten Violinen und Bratschen) ertönt hingegen eher zügig, dieser Teil ist tatsächlich auch Andante moderato notiert. Die Phrasierung der Streicher ist Beethovens Vorgaben entsprechend sehr genau. Als (vermeintlichen) Ruhepunkt vor dem folgenden katastrophalen Ausbruch haben andere Dirigenten diesen Satz vielleicht noch inniger musizieren lassen, doch bleibt Janowski seiner Linie treu, Beethoven nicht überemotional zu dirigieren.

Ludwig van Beethoven _ in Wien © IOCO

Ludwig van Beethoven _ in Wien © IOCO

Das einleitende fortissimo zum abschließenden vierten Satz steht im Presto; Marek Janowski dirigiert es so, dass die Hörner und Trompeten nach dem Anfangsakkord sehr zurückgenommen werden (Herbert von Karajan ließ sie hingegen über mehrere Takte hinweg buchstäblich brüllen, was dem Satz eine völlig andere Stimmung verlieh). Beethoven rekapituliert die Hauptmotive der vorangegangenen Sätze und lässt die tiefen Streicher in Richtung des „Freude, schöner Götterfunken“-Themas tasten, das aber zuerst von Oboen, Klarinette und Fagott intoniert wird. Vor dem Unisono der tiefen Streicher, die dieses Thema in voller Ausbildung bringen, setzt Janowski (entgegen vielen Vorgängern) keine Pause – es steht bei Beethoven auch keine. Ab Takt 187 werden die non legato spielenden zweiten Violinen und Bratschen betont. Das noch einmal wiederkehrende Katastrophenthema von Satzbeginn wird durch einen scharfen Paukeneinsatz markiert. Dann kommt die menschliche Stimme dazu: Andreas Bauer Kanabas (Bass) überzeugt mit klarer Diktion und gestaltender Interpretation (nicht bei allen Aufführungen hat man den Eindruck, dass der Sänger wirklich versteht, was er da vorträgt – hier schon).

Die Chorpassagen (WDR-Rundfunkchor und NDR Chor) stellen höchste Ansprüche, insbesondere an den Sopran, der bei „Wollust ward dem Wurm gegeben“ immer wieder nach der zweiten Note abgesetzte Achtel bis hinauf zum H singen muss. Die für alle Stimmgruppen sehr hohe Passage „Über Sternen muß er wohnen“ ist beeindruckend klar, insgesamt ist der Alt des Chores auf dieser Aufnahme etwas zu sehr im Hintergrund geblieben. Auch die Solostimmen hat Beethoven nicht eben sängerfreundlich behandelt, neben den bereits Genannten singen aber auch Regina Hangler (Sopran) und Wiebke Lehmkuhl (Alt) hier sehr überzeugend und ohne Fehl. Das Allegro assai vivace ‚alla marcia‘ nimmt Marek Janowski sehr beschwingt, von Christian Elsner (Tenor) bei „Froh, wie seine Sonnen fliegen durch des Himmels prächtgen Plan) jubelnd unterstützt. Diesen Satz dirigiert Janowski insgesamt am zügigsten. Das Finale wird mit Piccolo, drei Posaunen, Triangel, großer Trommel und Becken verstärkt, und in Höchstgeschwindigkeit stürzt diese Symphonie ihrem Ende entgegen.

Nach Hören aller Symphonien stellt sich die Frage nach dem Gesamteindruck. Die Tontechnik dieser Aufnahme (erste Symphonie: Stephan Salgert, Symphonien 2-8: Angelika Hessberger, neunte Symphonie: Dirk Franken) verdient großes Lob für das differenzierte Einfangen der einzelnen Gruppen (ganz besonders für 2-8), das kaum von einem Nebengeräusch gestört wird. Auch Schnitte sind so gut umgesetzt, dass sie nur bei sehr konzentriertem Hören (wenn überhaupt) bemerkbar sind.

Marek Janowski bringt das WDR-Symphonieorchester zu Höchstleistungen, jeder Takt scheint in jahrzehntelanger Praxis gereift und in sorgfältiger Probenarbeit zur Aufnahme gebracht. Janowski vermeidet Manierismen, Überbetonungen von Einzelstimmen, Einzelmomenten, Einzelheiten allgemein, sondern behält das Ganze im Blick. Mit großen Pausen geht er höchst zurückhaltend um. Er hält sich hier wie auch sonst nicht an Konventionen, sondern an die Noten, die er zu Musik formt. Wer nicht die Zeit oder die Geduld hat, sämtliche Symphonien dieser Aufnahme in Gänze zu hören, wer zögert, welche Gesamtaufnahme der Beethoven-Symphonien zu bevorzugen ist, sollte den Schlusssatz der ersten, die ersten beiden Sätze der dritten Symphonie, dann den zweiten Satz der Fünften und Sechsten anhören und dann entscheiden.

Diese Pentatone – Gesamtaufnahme der neun Symphonien Ludwig van Beethovens hat das Zeug zum Klassiker – für Beethoven-Freunde ist sie ein Muss.

—| IOCO CD-Rezension |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2020 – Konzert in Haus Wahnfried, IOCO Aktuell, 25.07.2020

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

25. Juli 2020  –  Konzert im Haus Wahnfried

Public Viewing / BR Klassik

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Trotz der coronabedingt schwierigen Umstände werden die Stadt Bayreuth und die Bayreuther Festspiele am traditionellen Eröffnungstag der Festspiele, Samstag, 25. Juli 2020, um 16.00 Uhr ein Konzert im Haus Wahnfriedveranstalten. Unter Leitung von Christian Thielemann führen die Solisten Camilla Nylund, Sopran, und Klaus Florian Vogt, Tenor, sowie Jobst Schneiderat am Wahnfried-Flügel Richard Wagners Ausschnitte aus Die Meistersinger von Nürnberg, das Siegfried-Idyllund die Wesendonck-Liederauf. Das Konzert wird live vom Bayerischen Rundfunk auf BR Klassik (www.br-klassik.de/programm/radio/ausstrahlung-2207268.html) und zudem vor Ort auf Videowänden als Public Viewing für bis zu 400 Personen nach außen übertragen. Das Café Wahnfried sorgt für Erfrischungen.

IOCO  Besprechungen aller Werke, die für die Bayreuther Festspiele 2020 geplant waren und mehr, sind – unten folgend – in diesem Artikel verlinkt
 IOCO
  Korrespondenten/innen beschreiben – DORT – die Details besuchter Produktionen der Bayreuther Festspiele

Kooperation mit BR-Klassik / 3 Sat

Für alle Wagner-Fans inszenieren die Bayreuther Festspiele gemeinsam mit BR-KLASSIK und 3sat ab dem 25. Juli – dem ursprünglichen Eröffnungstag der Bayreuther Festspiele – die Werke Wagners als Gesamtkunstwerk. Mit Corona-verträglichen Live-Veranstaltungen, exklusiven Archivschätzen und Sondersendungen wird das älteste Musikfestival Deutschlands in diesem Kultursommer adäquat gefeiert. Ein Highlight des Programms: drei historisch maßstabsetzende Inszenierungen des Ring des Nibelungenauf unterschiedlichen Ausspielwegen. Es sind die Ring-Inszenierungen von Frank Castorf (Premiere 2013), Harry Kupfer (Premiere 1988) und Patrice Chéreau (Premiere 1976).BR-KLASSIK wartet im Hörfunk vom 25. bis 28. Juli täglich um 18.05 Uhr exklusiv mit der bisher unveröffentlichten Aufnahme der hochgelobten und intensiv diskutierten Ringproduktion von Frank Castorf und Kirill Petrenko am Pult (Aufnahme von 2015) auf, die auch Teil des diesjährigen ARD Radiofestivals (ab 18. Juli) sein wird.ARD-alpha und das Streaming-Angebot „BR-KLASSIK Concert“ präsentieren gemeinsam mit den Bayreuther Festspielen den Jahrhundertring von Patrice Chéreau und Pierre Boulez. Erstmals ist diese Inszenierung am 7. August ab 20.15 Uhr in der großen Ring-Nachtwieder im Free-TV zu erleben.

Tristan und Isolde – die Fanfaren erklingen
youtube Trailer von Claas Rohmeyer
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Bayreuther Festspiele in 3sat

3sat feiert die Bayreuther Festspiele mit dem Ring des Nibelungen in der Inszenierung von Harry Kupfer. Am Pult steht Daniel Barenboim, der die Bayreuther Festspiele 18 Jahre lang maßgeblich geprägt hatte. Mit Rheingold, dem Vorabend der Ring-Tetralogie, und anschließend einer Dokumentation über den Sänger Günther Groissböck steht der Fernsehabend am 25. Juli ab 20.15 Uhr ganz im Zeichen Wotans. Die weiteren Teile dieses Rings von Harry Kupfer werden in der Mediathek von 3sat, auf br-klassik.de und im Webauftritt der Bayreuther Festspiele zu sehen sein.Trotz Corona-bedingten, schwierigen Umständen werden die Stadt Bayreuth und die Bayreuther Festspiele am 25. Juli ganz im Zeichen der Festspieleröffnung ein Konzert veranstalten. Musikdirektor Christian Thielemann und Mitglieder des Festspielorchesters  werden mit den Bayreuther Sängerstars Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt Werke von Wagner aufführen. BR-KLASSIKüberträgt das Konzert ab 16 Uhr live im Radio. Einblicke ins Festspielhaus gibt in diesem Sommer die Videoarbeit The Loop of the Nibelungvon Simon Steen-Andersen. Der vielfach ausgezeichnete dänische Komponist und Performance-Künstler geht mit Sängern und Musikern des Festspielorchesters auf audiovisuelle Erkundung des mythischen Bayreuther Festspielhauses und des Werks von Wagner. Die Video-Arbeit ist ab dem 28. Juli im Streaming-Angebot BR-KLASSIK Concert und auf der Website der Festspiele zu erleben.

Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

In „Hier gilt’s der Kunst“ widmen sich u. a. Daniel Barenboim, Barrie Kosky, András Schiff, Martina Gedeck und Thea Dorn in einer Gesprächsreihe aus dem Pierre Boulez-Saal in Berlin dem Thema „Wagner, Musik und Politik“. Die Gespräche der Reihe „Diskurs Bayreuth“ werden ab dem 7. August auf BR-KLASSIK Concert veröffentlicht.Archivperlen und Video-Extras

BR-KLASSIKwird außerdem zwei besondere Archivschätze im Radio senden: André Cluytens „Lohengrin“ aus dem Jahr 1958 am 29.7. um 18.05 Uhr sowie Tristan und Isolde unter der Leitung von Herbert von Karajan aus dem Jahr 1952 am 30.7. um 18.05 Uhr. Der Interpretationsvergleich bietet Hörerinnen und Hörern am 31. Juli um 18.05 Uhr einen spannenden und kompakten Einblick in eine Auswahl an Interpretationen zum Fliegenden Holländer. .Auf den Webseiten von BR-KLASSIK und den Bayreuther Festspielen laden spannende Video-Formate wie der „Operncrashkurs Wagner“, die „klassik shorts“, die „Ring-Steckbriefe“ und das „Wagner-ABC“ dazu ein, mehr über die Kraft von Wagners Musik zu erfahren und in die mythischen Welten des „Rings“ einzutauchen.Weitere Informationen zu den Programmhighlights auf bayreuther-festspiele.de, br-klassik.de/bayreuther-festspiele und 3sat.de/kultur/festspielsommer/bayreuther-festspiele-2020

Die Meistersinger von Nürnberg – Barrie Kosky Inszenierung
youtube Trailer von Bayreuth en Vinilo
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Kooperation mit der Deutschen Grammophon

Die vier Werke, die für die Bayreuther Festspiele 2020 geplant waren – alle Werke sind HIER! mit der Besprechung eines IOCO-KollegIn verlinkt – Die Meistersinger von Nürnberg – IOCO / Dr. Schneider Besprechung HIER!, IOCO / Uschi Reifenberg Besprechung HIER!,Tannhäuser oder der Sängerkrieg auf der Wartburg – IOCO / Patrik Klein Besprechung HIER!, Lohengrin – IOCO / Ingrid Freiberg Besprechung HIER! und Der Ring des Nibelungen – IOCO / Hanns Butterhof Besprechung HIER!, werden online in jüngsten oder legendären Produktionen aus dem Archiv der Festspiele übertragen. Jedes Werk wird gemäß des ursprünglichen Spielplans des 2020 Wagner-Sommers gezeigt und ist danach weitere 48 Stunden zugänglich.

Kartenbesitzer von DG Stage können an den eigentlich freien Tagen des Bayreuther Festspielkalenders 2020 außerdem erfolgreiche Inszenierungen von Tristan und IsoldeIOCO / Julian Führer Besprechung HIER! – und Parsifal – IOCO / Karin Hasenstein Besprechung HIER! sehen. Als Ersatz für die Neuproduktion des Rings zeigt DG Stage Frank Castorfs viel diskutierte Inszenierung des Zyklus von 2013 (in einer Aufzeichnung von 2016 unter Leitung von Marek Janowski) sowie Patrice Chéreaus gefeierten Jahrhundert-Ring, die wegweisende Produktion aus dem Jahr 1976 mit Pierre Boulez am Pult (in einer Aufzeichnung von 1980).

Die Bayreuther Festspiele auf DG Stagebeginnen am Sonnabend, dem 25. Juli 2020, mit Barrie Koskys Inszenierung von Die Meistersinger von Nürnberg (IOCO / Marcus Haimerl Besprechung HIER!)
Die Saison wird am Sonntag, dem 26. Juli, fortgesetzt mit Tobias Kratzers provokativer und spannender Inszenierung von Tannhäuser aus dem Jahr 2019.
Am Sonntag, dem 2. August, folgt Lohengrin in Yuval Sharons Inszenierung von 2018, der ersten eines amerikanischen Regisseurs seit Gründung der Festspiele 1876.

Deutsche Grammophon und die Bayreuther Festspiele haben gleich zwei Ring-Zyklen ausgewählt (8., 9., 12. & 13. August und 24., 25., 27. & 29. August): Zum einen Frank Castorfs Inszenierung. Zum anderen – unter dem Dirigat von Pierre Boulez – die legendäre Ring-Produktion von Patrice Chéreau, die 1976 anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der ersten Gesamtaufführung des Zyklus und der Bayreuther Festspiele auf die Bühne kam.

Interview Christian Thielemann – Bayreuther Festspiele 2016
youtube Trailer BR-KLASSIK
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Katharina Wagners Inszenierung von Tristan und Isolde(IOCO Besprechungs HIER!) aus dem Jahr 2015 und Uwe Eric LaufenbergsParsifal von den Festspielen 2016,  (IOCO / Karin HasensteinBesprechung HIER!) erscheinen auf DG Stage am Dienstag, dem 4. bzw. Freitag, dem 28. August. Christian Thielemann dirigiert Tristan und Isolde,der vielseitige deutsche Dirigent Hartmut Haenchen gibt mit Parsifal sein spätes Bayreuth-Debüt  (IOCO Besprechungs  HIER!)

Tickets für die Aufführungen von DG Stage Bayreuthkosten 4,90 € und lassen sich in sicheren Transaktionen online per Kreditkarte und durch die üblichen Zahlungsdienste erwerben. Festspielbesucher erhalten Zugang zu einmaligen Veranstaltungen in modernster Audio- und Videoqualität.

BAYREUTHER FESTSPIELE 2020

25. Juli          Die Meistersinger von Nürnberg (Kosky/Jordan)
26. Juli          Tannhäuser (Kratzer/Gergiev)
02. August    Lohengrin (Sharon/Thielemann)
04. August    Tristan und Isolde (K. Wagner/Thielemann)
08. August    Der Ring des Nibelungen: Das Rheingold (Castorf/Janowski)
09. August    Der Ring des Nibelungen: Die Walküre (Castorf/Janowski)
12. August    Der Ring des Nibelungen: Siegfried(Castorf/Janowski)
13. August    Der Ring des Nibelungen: Götterdämmerung (Castorf/Janowski)
15. August    Lohengrin (Sharon/Thielemann)
19. August    Die Meistersinger von Nürnberg(Kosky/Jordan)
20. August    Tannhäuser (Kratzer/Gergiev)
24. August    Der Ring des Nibelungen: Das Rheingold(Chéreau/Boulez)
25. August    Der Ring des Nibelungen: Die Walküre(Chéreau /Boulez)
27. August    Der Ring des Nibelungen: Siegfried(Chéreau /Boulez)
28. August    Parsifal (Laufenberg/Haenchen)
29. August    Der Ring des Nibelungen: Götterdämmerung (Chéreau/Boulez)

https://bayreuth.dg-stage.com
www.dg-premium.com
www.dg-stage.com

 

Baden-Baden, Festspielhaus, En suite-Festival – Tamestit, Tjeknavorian, Zassimova, 18.07. – 30.8.2020

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

En suite – Festival – 18.7. – 30.8.2020

  Antoine Tamestit – Telemann, Bach – 18.7. – 19.7.2020

Die Festspiele Baden-Baden finden im Sommer 2020 in Hotels und dem Museum Frieder Burda statt. Unter dem Motto En suite gibt es ein Konzert-Programm mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern sowie fest eingeplanten „Aha- Effekten“ vom 18. Juli bis zum 30. August 2020.

„Wer die Begriffe Baden-Baden, Musik und Hotel zusammenfügt, erzeugt angenehme Bilder in den Köpfen der Menschen“, so Stampa. Der Intendant möchte die durch die Corona-Pandemie erzwungene Spielpause auf diese angenehme Weise beenden. „Wir tasten uns langsam wieder an Live-Veranstaltungen heran – derzeit in kleinem Rahmen, der in Baden-Baden aber auch immer die Begriffe Sicherheit und Wohlergehen mitschwingen lässt“.

Das vollständige  Programm – En suite und mehr – HIER!

Das En suite – Festival begrüßt Solistinnen und Solisten wie den französischen Ausnahme-Bratschisten Antoine Tamestit, ein Streich-Trio um den gefeierten österreichischen Geiger Emmanuel Tjeknavorian, die in Baden lebende russische Pianistin Anna Zassimova sowie die international gefeierten Ensembles delian::quartett und das Schumann-Quartett.

Spielorte sind der Maler-Saal des Hotels Maison Messmer, die Orangerie des Brenners Park Hotel sowie das Museum Frieder Burda (in Zusammenarbeit mit dem Hotel „Kleiner Prinz“).

Den Auftakt macht im Malersaal des Hotels Maison Messmer der international als einer der einzigartigsten Bratschisten gefeierte Antoine Tamestit. In seinen Konzerten am Samstag 18. Juli, 16 Uhr, und Sonntag 19. Juli, 11 Uhr, stellt er auf reizvolle Weise Werke Johann Sebastian Bachs denen seines Zeitgenossen Georg Philip Telemann gegenüber. Festspielhaus-Dozent Dariusz Symanzski wird in das Konzert einführen und so für zusätzliche Aha-Effekte beim Musikgenuss sorgen.

Festspielhaus Baden - Baden / Antoine Tamestit à Paris en octobre 2016 © Julien Mignot / harmonia-mundi

Festspielhaus Baden – Baden / Antoine Tamestit à Paris en octobre 2016 © Julien Mignot / harmonia-mundi

Sowohl als Solist, Rezitalist und Kammermusiker ist Antoine Tamestist für seine unübertroffene Technik und die vielgerühmte Schönheit seines farbenreichen Bratschentons bekannt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen bei renommierten Instrumentalwettbewerben, wie bei den New Yorker Young Concert Artists Auditions und dem Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Und auch sein Instrument ist einzigartig: Antoine Tamestist spielt die vielleicht wertvollste Viola der Welt:

Er konzertiert auf der 1672 von Stradivari gebauten „Mahler“- Bratsche, die vermutlich erste Viola, die von Stradivari stammt. Sein Repertoire reicht von der Barockzeit bis zur Gegenwart. In der aktuellen Saison sollte er mit einem umfangreichen Programm an Solo- und Kammerkonzerten „Portrait  Artist“ des London Symphony Orchestra sein, was die Corona-Pandemie unmöglich gemacht hat. Seine Residenz an der Kammerakademie Potsdam konnte er mit zwei Konzerten zumindest teilweise in Anspruch nehmen.

Er spielte mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dem Orchestre de Paris, den Wiener Symphonikern, dem Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra und dem São Paulo Symphony Orchestra. Neben Sir John Eliot Garniner arbeitet er regelmässig mit den Dirigenten Valery Gergiev, Riccardo Muti, Marek Janowski, Antonio Pappano, François-Xavier Roth und Franz Welser-Möst zusammen.

In der Zeit Bachs und Telemanns hatte die Bratsche im Ensemble der Streichinstrumente noch sehr viel mehr zu tun, als viele ihr heute zutrauen: Die Unterwerfung der Mittelstimmen kam erst im Rokoko und in der Wiener Klassik. War die Bratsche zuvor gleichberechtigter Partner im polyphonen Stimmgeflecht, verschwand sie nun in der vernachlässigten Mitte zwischen den Geigen, die oben jubilierten, und den Celli und Bässen, die unten Halt gaben. Tamestit deutet in seinem Programm die Bratsche wieder um: aus der lauen Mitte wird der wandlungsfähige, nach vielen Seiten offene Mittler: Denn es ist eine Stärke seines Instruments, dass auf ihm spieltechnisch alles möglich ist, was auch die Geige kann, wenn auch deren brillante Höhe fehlt. Zudem hat die Bratsche im tieferen Register mehr zu bieten als ihre zierliche Schwester – sie betört mit warmem, vollem Ton.

Festspielhaus Baden - Baden / Malersaal Baden-Baden © Maison Messmer

Festspielhaus Baden – Baden / Malersaal Baden-Baden © Maison Messmer

In den Konzerten am 18. und 19 Juli erklingen im Malersaal des Maison Messmer Fantasien von Georg Philipp Telemann und Suiten von Johann Sebastian Bach. Entstanden sind Bachs Suiten wie auch Telemanns Fantasien in den 1720er und 30er Jahren. Waren Telemanns Fantasien im Aufbau von Bach gar nicht so weit entfernt – auch in ihnen verbergen sich kleine Tanzsuiten und flotte Gigues im Dreiachteltakt.

Doch während bei Bach die Musik voranschreitet wie in einem Selbstgespräch oder einer Meditation, hört man bei Telemann das „Publikum“ immer gleich mit. Er bevorzugte klar umrissene, eingängige Melodien und folkloristische Rhythmen und komponierte mit Blick auf musikalische Laien, die seine Noten kauften oder Unterricht bei ihm nahmen. Damit stieß er eine Tür auf zur bürgerlichen Musikkultur, die nicht mehr für Gott oder den König, sondern für sich selbst musizierte.

Dass er in Leipzig aus geselligem Musizieren unter Studenten die öffentlichen „Kollegiumskonzerte“ formte, passt in diese neue Musikkultur. Sein Nachfolger als Leiter dieser Konzerte war dann gleichwohl kein Geringerer als Bach. Der Malersaal aus der Zeit der Belle Époque ist das Herzstück unter den festlichen Sälen, die das traditionsreiche Hotel Maison Messmer für außergewöhnliche und exklusive Veranstaltungen bereithält. Schon im alten „Messmer“ war der Malersaal Ort für festliche Events, hier gab sich die High Society von Baden-Baden ein Stelldichein. Aufwendig restauriert, mit über sieben Metern Raumhöhe und einem geradezu imperialen Ambiente, knüpft der Malersaal heute wieder an diese Tradition an und bietet einen idealen Rahmen für den En suite- Auftakt.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Dresden, Kulturpalast, Haydn und Beethoven – Gegen Corona, IOCO Kritik, 20.06.2020

Juni 20, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, Kulturpalast

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

Haydn und Beethoven – Gemeinsam gegen das CORONA-Virus

Dresdner Philharmonie und das Ébène-Quartett

von Thomas Thielemann

Die in Sachsen verbindlichen Regelungen und ein kluges Hygienekonzept ermöglichte der Dresdner Philharmonie jeweils 498 Besucher für öffentliche Veranstaltungen in den Konzertsaal des Kulturpalastes einzuladen. Einhaltung der Abstandsregeln, ein rigides Einlass-System, Tragen von Mund- und Nasenbedeckung bis zum Erreichen des zugewiesenen Sitzplatzes, dazu eine intensive Raumbelüftung und Desinfektionsmaßnahmen erlauben fast dreißig Prozent der 1.700 Plätze für ein einstündiges Konzert ohne Pause zu besetzen.

Kulturpalast Dresden / Haydn, Beethoven und Dresdner Philharmonie zu Corona Zeiten @ Björn Kadenbach

Kulturpalast Dresden / Haydn, Beethoven und Dresdner Philharmonie zu Corona Zeiten @ Björn Kadenbach

Da für die Besetzung der 210 m² Bühnenfläche natürlich auch die Grundsätze der Abstandshaltung einzuhalten waren, wählte Marek Janowski für den ersten Teil des Konzertes ein Orchesterstück mit nach heutigen Üblichkeiten kleinerer Besetzung, Joseph Haydns Sinfonie Nr. 99 in Es-Dur aus dem Jahre 1793, aus. Zwölf Bläser, einunddreißig Streicher und ein Pauker hatten auf dem Podium in gebührendem Abstand Platz genommen. Hatte Haydn die Uraufführung 1794 in London noch vom Cembalo geleitet, so sorgte trotz der gewöhnungsbedürftigen Sitzordnung der Musiker Chefdirigent Marek Janowski mit seinem engagierten Dirigat für ein ausgewogenes Klangbild, auch wenn sich das Blech gelegentlich etwas vorwagte. Ansonsten, bei aller Betonung der wirbelnden Figuren und der charakteristischen Leichtigkeit der Symphonie, betonte Janowski deren Nähe zum Streichquartett. Die Streicher waren die maßgeblichen Träger des Geschehens und gaben mit ihrem ständigen Einsatz den Ton an, während die übrigen Instrumente für die Fülle und Vollständigkeit des Klangbildes sorgten.

Die Betonung von Kontrasten, der Blick auf Details und das deutliche Modellieren waren Kennzeichen der Interpretation Janowskis. Die schnellen Sätze waren überzeugend, vor allem das finale Presto gelang brillant. Dazu kam die Spielfreude der Musiker, die insbesondere im Finale ihre Erleichterung, dass „es endlich wieder losgeht“, spüren lassen.

Der Klangunterschied im nur knapp zu einem Drittel besetzten Saal war natürlich zu hören, so dass zumindest für mich der vom Akustikbüro Peutz ausgewiesene geringe Unterschied des mittleren Nachhalls von leerem und vollbesetztem Konzertsaal nicht zum Tragen kam. Das war insbesondere bei den Ovationen spürbar.

Kulturpalast Dresden / Haydn, Beethoven und Marek Janowski @ Björn Kadenbach

Kulturpalast Dresden / Haydn, Beethoven und Marek Janowski @ Björn Kadenbach

Dem Spätwerk Joseph Haydns (1732-1809) folgte mit dem Streichquartett  Nr. 2 G-Dur op. 18 /2 von 1799 ein Frühwerk Ludwig van Beethovens (1770-1827).

Als Gastensemble war das für sein breites Repertoire bekannte Quatuor Ébène, zu Deutsch „Ebenholzquartett“, aus Frankreich eingeladen worden. Die Violinisten Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure, die Bratschistin Marie Chilemme sowie der Cellist Raphaël Merlin sind mit ihrem Repertoire aus klassischer und zeitgenössischer Musik bis zum Jazz bekannt geworden. Damit sorgten sie in der Musikszene zu nachhaltiger Aufregung. Mit ihrem unvoreingenommenem Blick auf die Werke, mit ihrer Lust zwischen den Stilen zu wechseln, ohne dabei Demut und Respekt zu vergessen, begeistern sie ihr Publikum.

Das als zweites aus Beethovens Streichkonzert-Zyklus Opus 18, bekannte Werk, steht noch ganz in der Tradition seiner Vorbilder Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) und vor allem Joseph Haydn. Das G-Dur-Quartett, wegen seines Hauptthemas auch „Komplementier-Quartett“ genannt, bietet mit seinem Finalsatz Bezüge zu Haydns G-Dur-Streichquartett op. 77,1 aus dem gleichen Entstehungsjahr. Es ist damit durchaus als Verbeugung des jungen Komponisten vor dem Altmeister zu verstehen.

Die Musiker des Quatuor Ébène spielten das viersätzige Werk taufrisch mit Brisanz und Unbedingtheit, als wäre es gerade erst entstanden. Die Details waren gestochen scharf und ließen feinste Schattierungen  zur Geltung bringen. Dabei gelang es, das Geschehen energiegeladen, expressiv, spannend zu halten und wirkungsvolle Überraschungen zu gestalten.

Das Allegro kam noch ziemlich verspielt und durchsichtigt, während die Darbietung des langsamen Satzes sich vor allem durch seine Prägnanz und der Partien der Einzelstimmen auszeichnete. Mit dem Scherzo boten die vier Musiker Überraschungsmomente mit zum Teil grenzwertigen Wirkungen. Auch die Darbietung des Schluss-Satzes „Allegro molto quasi Presto“ war von Reibungen und einer guten Portion Übermut gekennzeichnet.

Für die schwache Besetzung des Konzertraumes war der Beifall frenetisch. Mir hat die Mut machende Veranstaltung mit dem einfallsreichen Konzept und der straffen Organisation ausgezeichnet gut gefallen.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

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