Hamburg, Elbphilharmonie, Pathetische Wagner-Pracht – Marek Janowski, IOCO Kritik, 12.01.2019

Januar 12, 2019 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Pathetische Wagner-Pracht in der Elbphilharmonie

NDR Elbphilharmonie Orchester  mit Marek Janowski
Ausschnitte  aus Tannhäuser, Tristan und Isolde, Götterdämmerung

Von Michael Stange

Ein Vorzug des Programms des NDR Elbphilharmonie Orchester an diesem Abend lag neben den vorzüglichen Solisten in der Möglichkeit, sich allein auf die Musik zu konzentrieren, ohne von der Bühne abgelenkt zu sein. Das Publikum konnte so den Bezügen der so verschiedenen Opern Richard Wagners nachspüren.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Wagner war nicht nur Komponist, sondern nach Meinung von Zeitzeugen ein großer Dirigent. Seine Werke präsentierte er häufig selbst auf dem Konzertpodium, um bisher nicht Aufgeführtes vorzustellen und seine Werke bekannt zu machen. Schon in jungen Jahren kannte er aus Hörerfahrungen in Leipzig die Möglichkeiten eines Sinfonieorchesters. Davon unbeirrt komponierte er schon im Tannhäuser eine mit reichen Farben und sehr schwierigen Passagen ausgestatte Musik, die damals revolutionär war. Sie erfordert hohes virtuoses Geschick der Musiker, um die von Wagner gedachte klangliche Wirkung zu entfalten. Für damalige Orchester dürfte dies kaum zu bewältigen gewesen sein, weil die Instrumentenführung und die Klangfarben und Dynamiken oft deutlich über Tradiertes hinausgingen.

Wagner-Orchesterkonzerte sind Drahtseilakte, weil es sich dabei nur um Fragmente der Opern handelt. Dadurch müssen die zahlreichen Aspekte der Oper in den Opernauszügen und Vorspielen ungemein verdichtet und verwoben werden.

Die im ersten Konzertteil gespielten Werke Tannhäuser sowie Tristan und Isolde behandeln die Grundthemen verbotene Liebe, Verbote im Leben und Erlösung. Die Tannhäuser Ouvertüre mit ihrem choralsatzartigen Bläsereinsatz des Gnadenheil-Motivs gelangen dem NDR Elbphilharmonie Orchester wie ein wehmütiger inniger Auftakt. Im Liebesbann-Motiv erklangen flirrende, gleißende erotische Malereien. Auch beim gepeitschten Klang des Bacchanale erreichte das NDR Elbphilharmonie einen die Zerrissenheit des Venusbergs brillante Wiedergabe.

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal im Tiergarten in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Noch größere solistische und gestalterische Herausforderungen bergen das Vorspiel und der Liebestod aus Tristan und Isolde. Schön mit dem Vorspiel öffnet sich eine neue musikalische Welt.

Durch die Anlage der Komposition handelt es sich um eine der am schwierigsten auf dem Konzertpodium zur Wirkung zu bringenden Kompositionen Wagners. Celli, erstes und zweites Fagott, ein Englisches Horn, zwei Klarinetten und zwei Oboen bilden den Tonkörper des Beginns des Vorspiels. Die an sich gegebene Klangharmonie der Instrumente wird aber kompositorisch ein aufwärts schwingender Salto mortale der Celli über eine Sext entgegengesetzt. Dies hebt die an sich tonale Wirkung der Instrumente völlig auf, so dass für den Zuhörer schon hier die Achterbahnfahrt von Klangwahrnehmung und Gefühlen beginnt.

Wagner berichtet aus der Zeit der die von ihm geleitete Erstaufführung des Vorspieles am 25. Januar 1860 in Paris: „Ich ließ zum ersten Mal das Vorspiel zu Tristan spielen; und — nun fiel mir’s wie Schuppen von den Augen, in welche unabsehbare Entfernung ich während der letzten acht Jahre von der Welt geraten bin. Dieses kleine Vorspiel war den Musikern so unbegreiflich neu, da ich geradewegs von Note zu Note meine Leute wie zur Entdeckung von Edelsteinen im Schachte führen musste.“ So musste auch Joseph Strauß 1860 für seine Kapelle, die seinerzeit als Spitzenorchester galt, das Vorspiel für seine Zwecke neu orchestrieren, um es erstmals in Wien aufzuführen.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester - hier : Nina Stemme © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester – hier : Nina Stemme © Patrik Klein

Über die beabsichtigte Wirkung des Tristans schreibt Wagner 1859 an Mathilde Wesendonck: „Nun denken Sie meine Musik, die mit ihren feinen, feinen, geheimnisvoll, flüssigen Säften durch die subtilsten Poren der Empfindung bis auf das Mark des Lebens eindringt, um dort Alles zu überwältigen, was irgendwie Klugheit und selbstbesorgte Erhaltungskraft sich ausnimmt, Alles hinwegschwemmt, was zum Wahn der Persönlichkeit gehört, und nur den wunderbar erhabenen Seufzer des Ohnmachtsbekenntnisses übrig lässt.“

In historischen Aufnahmen kleiden Carlos Kleiber oder Furtwängler diese Intention schon durch eine gefühlte Ewigkeit im Beginn des Vorspiels aus. Sie beginnen das Stück mit einen immensen Spannungsbögen. Dies steigern sie im Fortlauf durch jauchzende Ausbrüche und Momente, in denen Musik und Zeit nahezu still stehen. Sie begreifen das Tristan Vorspiels als musikdramatisch, ekstatische Gegenüberstellung der musikalischen Motive der Sehnsucht, der Liebesleidenschaft und des Liebesblicks und als Aneinanderreihung aberwitziger Steigerungen.

Diese rauschhafte Überschreitung des musikalisch fass- und erfahrbaren findet sich eher selten in aktuellen Interpretationen. Dies mag daran liegen, dass der von Wagner musikalisch ersehnte Durchbruch der den grenzenlos begehrlichen Herzen den Weg in das Meer unendlicher Liebeswonnen findet, heute oft anders aufgefasst wird.

Auch Janowski Tristan-Vorspiel klingt abgemildert und kühler. Die Erregung wurde gedämpft präsentiert. Dramatik und Ekstase waren gestuft und bedacht aufgebaut. Überbordender Melos wurde durch eine Klangbühne ersetzt, die durch tonale Pracht, organischen Aufbau und sinnende Piani glänzte. Diese abgemilderte, erdennahe Interpretation der Leidenschaft überzeugte durch sanfte Bögen, gedämpfte Dissonanzen und pastose Details und ein klangschönes Finale des Vorspiels.

Der Höhepunkt des ersten Konzertteils war Nina Stemmes Liebestod. Sie ist immer noch eine Isolde der Luxusklasse. Die Schönheit der Stimme, ihre Klangfarben, das leuchtend, betörende Timbre und ihre dramatische Auslotung bildeten eine glutvolle, verzehrende Einheit. Mit leuchtend schwebendem Ton nimmt sie das „Mild und Leise“ im verhaltenen Piano. Bei „Seht Ihrs Freunde…“ flutet sie die Stimme mit leidenschaftlichem Melos und bei „Ertrinken, versinken…“ meinte man aufgrund der leidenschaftlich, klagenden Wiedergabe, die Welt ginge unter.

Nach der Pause stellte Janowski seine Wagner Welt vor. Er ist der einzige Dirigent, von dem zwei offizielle Aufnahmen des Ring des Nibelungen vorliegen, die mehr als fünfundzwanzig Jahre auseinanderliegen. Zudem hat der in Hamburg 2017 das Rheingold in der Elbphilharmonie dirigiert und 2016 sowie 2017 die Ringzyklen in Bayreuth geleitet.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester - hier : Marek Janowski und Nina Stemme © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester – hier : Marek Janowski und Nina Stemme © Patrik Klein

Seine Interpretation zeichnete sich dieses Mal durch ein sattes und wuchtiges Klangbild aus. Seine Lesart stellte die Orchestermacht Wagners in den Vordergrund. Dadurch hörte das Publikum einen mächtig ausufernden Orchesterschwall in beeindruckender Qualität. Atmosphärisch knüpft Janowski an Schicksal und Heldentaten an, der gleißende Rhein oder Siegfrieds jauchzende Freude bei der Rheinfahrt werden dem untergeordnet. Seine Farben sind von grandiose Ausbrüchen gekennzeichnet. Insbesondere der Trauermarsch überzeugte durch dramatische Größe und packender Wucht.

Nina Stemme gestaltet einen ergreifenden Schlussgesang. Starke Scheite“ nahm sie mit konzentrierter, unbändiger Wucht. Bei „Wie Sonne lauterstrahlt mir sein Licht“ koste die Stimme die Worte und die Klangfarbe ihrer Stimme wurde rührend und poetisch. „Mein Erbe nun nehm ich zu eigen“ erklang mächtig und herrisch. Der gesamte Schlussgesang zeichnete sich durch eine durch ein immenses Spektrum an stimmlichen Klangfarben aus. Rollenidentifikation, immense Textdeutlichkeit und eine große interpretatorische Dichte waren überwältigend. Was für eine Sängerin, was für eine herrliche Stimme!

Dirigent und Orchester zeichneten ein erhabenes, mächtiges Wagnerbild, das in dieser überwältigenden Form selten zu hören ist. Beglückend zudem die Spielfreude, die Präzision und das differenzierte Zusammenspiel der Musiker.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonie Orchester – Saisoneröffnung, IOCO Kritik, 04.09.2018

September 4, 2018 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte   © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte   © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

 NDR Elbphilharmonie Orchester – Saisoneröffnung

Bolero –  Präzise wie ein Uhrwerk – Bis zur Ekstase

Von Patrik Klein

Krzysztof Urbanski dirigiert Maurice Ravel und Guillaume Connesson

Vor dem letzten Stück des Abends, Maurice Ravels Bolero, betritt der erste Gastdirigent des Orchesters unter dem Applaus des Publikums das Podium; schreitet an seinen Musikern vorbei, springt mit einem Satz und einem Lächeln im Gesicht in den Gang im vorderen Parkett und sucht sich in Seelenruhe einen freien Platz in Reihe 10. Die Beine überkreuzt blickt er zum Konzertmeister und die kleine Trommel beginnt ohne ihn mit der 169 Mal wiederholten Rhythmusfigur. Die wie Mathematik anmutende Musik, die tatsächlich keinen Dirigenten, sondern einen perfekten Trommler braucht, ist auf einem Ostinato-Rhythmus im 3/4 -Takt aufgebaut, der von einer, später von zwei Kleinen Trommeln gespielt und während des ganzen Stückes durchgehalten wird. (die beiden Schlagzeuger erhalten am Schluss des Konzertes auch einen entsprechend verdienten, riesigen Applaus). Darüber werden zwei 16-taktige Melodien in insgesamt 18 Variationen gespielt, die dann zu einem grandiosen, beinahe orgiastischen Finale führen.

Die neue Saison 2018/19 in der Elbphilharmonie Hamburg bietet erneut ein breites Spektrum an klassischer Musik. Alle Konzerte des NDR Elbphilharmonie Orchesters Hamburg sind bereits jetzt praktisch ausverkauft. Der „Run“ auf Tickets ist nach wie vor ungebrochen.

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung © Patrik Klein

Für Kontinuität sorgt dabei vor allem der charismatische Erste Gastdirigent Krzysztof Urbanski, der die ehrenvolle Aufgabe der Saisoneröffnung und darüber hinaus fünf weitere Programme im Abonnement übernimmt. Ihm zur Seite stehen mit Herbert Blomstedt, Christoph Eschenbach und Christoph von Dohnányi unsere ehemaligen Chefdirigenten sowie mit Marek Janowski, Semyon Bychkov und Paavo Järvi weitere Gäste von internationalem Rang. Akzente in Sachen Moderne setzen u. a. Ingo Metzmacher, George Benjamin und François-Xavier Roth. Zum ersten Mal am Pult des Orchesters begrüßt das NDR Elbphilharmonie Orchester Mirga Gražinytc-Tyla und Omer Meir Wellber, zwei spannende Shootingstars der Dirigentenszene. Die Opening Night stand ganz im Zeichen französischer Musik und wurde Live im Internet und auch auf dem Vorplatz der Elbphilharmonie übertragen.

Das Programm der Saisoneröffnung 2018/19:

Maurice Ravel ( 1875 – 1937)
1. Daphnis et Chloe  –  Fragments symphoniques, deuxieme serie
I. Lever du jour (Tagesanbruch) –
II. Pantomime (Die Liebe zwischen Pan und Syrinx) –
III. Danse generale (Schlusstanz, Bacchanal)
2. Konzert für Klavier und Orchester G-Dur (Pianist Jean-Yves Thibaudet musste sein Kommen leider absagen. An seiner Stelle spielte Bertrand Chamayou, ein weiterer französischer Pianist der Extraklasse)
I. Allegramente
II. Adagio assai
III. Presto

Guillaume Connession ( *1970 )
3. Les Trois cites de Lovecraft (Entstehung: 2017 | Uraufführung: Utrecht, 13. Oktober 2017)
I. Celephais
II. Kadath
III. La Cite du soleil couchant

Maurice Ravel ( 1875 – 1937)
4. Bolero

Daphnis et Chloé ist ein Ballett in einem Akt mit drei Partien (Szenen) von Maurice Ravel, beschrieben als „Symphonie chorégraphique“ (choreografische Symphonie). Das Szenario wurde von Michel Fokine nach einer Romanze des griechischen Schriftstellers Longus adaptiert, die vermutlich um das 2. Jahrhundert nach Christus entstand. Die Geschichte handelt von der Liebe zwischen dem Ziegenhirten Daphnis und der Hirtin Chloé.
Ravel begann die Arbeit an der Partitur im Jahr 1909 nach einem Auftrag von Sergei Diaghilev. Es wurde am 8. Juni 1912 im Pariser Théâtre du Châtelet von seinen Ballets Russes uraufgeführt. Das Orchester wurde von Pierre Monteux geleitet, die Choreographie von Michel Fokine.

Fast eine Stunde lang ist Daphnis et Chloé Ravels längste Arbeit. Trotz der Dauer des Balletts geben vier unterscheidbare Leitmotive der Partitur musikalische Einheit. Die Musik, die zu den leidenschaftlichsten des Komponisten zählt, wird allgemein als eine der besten von Ravel angesehen, mit außerordentlich üppigen Harmonien, die typisch für die impressionistische Bewegung in der Musik sind. Bereits zu Lebzeiten des Komponisten beschrieben zeitgenössische Kommentatoren dieses Ballett als sein Meisterwerk für Orchester. Ravel extrahierte Musik aus dem Ballett, um daraus zwei Orchestersuiten zu komponieren, die mit oder ohne Chorus gespielt werden können. Besonders beliebt ist die zweite Suite, die einen Großteil des letzten Teils des Balletts umfasst und mit der „Danse générale“ endet. .

Das Wesentliche dieses dritten Teils: Am Morgen in der Grotte der Nymphen. Es gibt keinen Laut als das Rauschen von Bächen, die durch den Tau erzeugt werden, der aus den Felsen rieselt. Daphnis liegt bewusstlos am Eingang der Grotte. Allmählich bricht der Tag. Die Lieder der Vögel sind zu hören. In der Ferne geht ein Hirte mit seiner Herde. Ein anderer Hirte kreuzt im Hintergrund. Eine Gruppe von Hirten entdecken Daphnis und Chloé. Sie werfen sich in die Arme. Daphnis bemerkt Chloés Kranz. Sein Traum war eine prophetische Vision. Die Intervention von Pan ist offensichtlich. Daphnis und Chloé spielen die Geschichte von Pan und Syrinx in pantomimischer Art. Chloé spielt die junge Nymphe, die auf der Wiese wandert. Daphnis als Pan erscheint und erklärt seine Liebe. Die Nymphe weist ihn zurück. Der Gott wird eindringlicher. Sie verschwindet im Schilf. Verzweifelt pflückt er mehrere Stängel zu einer Flöte und spielt melancholisch. Chloé taucht wieder auf und interpretiert in ihrem Tanz die Akzente der Flöte. Der Tanz wird immer lebhafter und in einem wahnsinnigen Wirbeln fällt Chloé in Daphnis‘ Arme. Vor dem Altar der Nymphen verpfändet er seine Liebe und opfert zwei Schafe. Eine Gruppe von Mädchen tritt verkleidet als Bacchantinnen auf und schüttelt Tamburine. Daphnis und Chloé umarmen sich zärtlich. Eine Gruppe von Jugendlichen eilt auf die Bühne und das Ballett endet mit einem Bacchanale.

Der erste Ton der Opening Night entsteigt bei völliger Dunkelheit. Noch nie gab es so etwas; man hatte einen kurzen Moment den Eindruck, einer technischen Panne beizuwohnen. Flirrende Flötenklänge machen sich wohlig breit und aus der Dunkelheit entwickelt sich ganz allmählich eine rot illuminierte Rückwand hinter dem Podium des Orchesters, die zu einer ersten harmonischen Zusammenkunft der Töne überleitet. Einzelne Flöten klingen aus den oberen Rängen des riesigen, ausverkauften Saales, der in musikalischen und optischen Farben erstrahlt. Ein Wechsel von rot nach gelb wird von samtigen, zärtlichen Streicherklängen begleitet. Beim musikalischen Sonnenaufgang wird nun auch der Konzertsaal wie gewohnt erleuchtet. Orchester und Saal erscheinen in vollem Licht. Das NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg erzeugt unglaublich dichte atmosphärische Klänge aus Maurice Ravels Musik, die einem die ersten „Gänsehautschauer“ bescheren. Ein riesig besetzter Apparat mit acht Kontrabässen, zwei Harfen, einem Harmonium, jeder Menge Schlagwerk und querflötendominierenden Musikern bringen das Ballett Daphnis und Chloé in intensivster Weise zum Ausdruck. Besonders typisch für die Musik Ravels und die Musik in dieser Zeit; die Querflöten sind dauerbeschäftigt und sorgen für imposante Momente. Krzysztof Urba?ski dirigiert leidenschaftlich, mal behutsam, mal ekstatisch. Er scheint ganz in die Musik vertieft zu sein, tänzelt leicht auf dem Podium mit oft großen Handbewegungen das Orchester auswendig führend. Die Musiker folgen seinem Dirigat bereitwillig. Rhythmische Wechsel im finalen Tanz, die an trabenden Pferde erinnern, steigern sich bis zu einer musikalische Ekstase immer wieder eingefangen und erneut aufbrausend bis schließlich Chloé in Daphnis‘ Arme fällt.

Maurice Ravel komponierte das Klavierkonzert in G-Dur zwischen 1929 und 1931. Das Werk besteht aus drei Sätzen: Allegramente, Adagio assai, und Presto. Nach seiner erfolgreichen Konzerttournee durch Amerika wollte Ravel das Werk ursprünglich selber uraufführen. Gesundheitsbeschwerden hinderten ihn jedoch daran. Stattdessen wurde das Konzert am 14. Januar 1932 durch Ravel am Dirigentenpult des Orchestre Lamoureux und Marguerite Long am Flügel uraufgeführt. Long war eine für ihre Interpretationen der Werke Gabriel Faurés und Claude Debussys bekannte Pianistin und hatte Ravel bereits vorher um ein neu aufzuführendes Werk gebeten. Ravel wurde während seiner Amerikatournee mit dem zu dieser Zeit in Paris und den Vereinigten Staaten hochmodernen Jazz vertraut und zeigte sich in höchstem Maße beeindruckt. Dieser Einfluss zeigte sich auch in dem Konzert, das durch Jazzharmonien und -eigenheiten geprägt ist.

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung im Vordergrund links Bertrand Chamayou, Klavier; mittig Krzysztof Urbanski Dirigent © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung im Vordergrund links Bertrand Chamayou, Klavier; mittig Krzysztof Urbanski Dirigent © Patrik Klein

1. Satz Allegramente
Der erste Satz wird von einem einzelnen Peitschenschlag eröffnet. Ihm folgt eine Mischung der bekannten Baskischen und Spanischen Klänge aus Ravels Jugend mit dem neu entdeckten Jazz-Klang.
Bertrand Chamayou spielt mit viel Einfühlungsvermögen und Präzision die zum Teil extrem schwierigen und virtuosen Phrasen. Mit einer hohen Dynamik, zarten bis kräftigen Anschlägen und intensiver Abstimmung mit dem Orchester gelingt ein intensiver, funkenübertragender Klang ins Publikum. Krzysztof Urbanski dirigiert diesmal mit Partitur und treibt die Musik mit zügigen Tempi voran. Besonders prägnant gelingt das Wechselspiel des Klaviers mit der Harfe und weiteren Instrumentengruppen. Am Ende des ersten Satzes kann sich auch das Publikums der eigentlich gegebenen Etikette nicht anschließen und applaudiert ungebremst vor Begeisterung.
2. Satz Adagio assai
Im krassen Gegensatz zum vorigen Satz ist der zweite, in Brückenform geschriebene Satz sehr ruhig, fast von Mozart’scher Klarheit. Obwohl sie scheinbar mühelos zu spielen ist, sagte Ravel selbst über die eröffnende Melodie: »Dieser fließende Ausdruck! Wie ich ihn Takt für Takt überarbeitet habe! Er brachte mich beinahe ins Grab!«
Sanft, aber bestimmt beginnt Bertrand Chamayou. Die melancholische Stimmung überträgt sich fließend in den Saal. Klavier und Orchester zaubern eine sphärische Stimmung, die sich leicht aufbrausend entwickelt, aber immer noch getragen wird von melancholischer Tristesse. Der lang angehaltene Schlusston, in den leider ein Klingelton eines Besucherhandys platzt, löst die Anspannung.
3. Satz Presto
Der dritte Satz in verkürzter Sonatenform nimmt die Intensität des ersten mit seinen schnellen Melodien und schwierigen Passagen auf. Das Klavier führt das erste Thema ein, eine schnelle Akkordfolge, bevor es durch dissonante Zwischenrufe der Holz- und Blechbläser gestört wird. Es wird dennoch weitergeführt, auch wenn sich die Zwischenrufe auf das gesamte Orchester ausweiten.
Furios beginnt der Satz wieder mit einem integrierten Peitschenknall. Hörner und Posaunen übernehmen den Rhythmus und umrahmen den virtuosen Pianisten Bertrand Chamayou, der häufig die Hände überkreuzt und sein ganzes Können aufblitzen lässt. Jazzige Harmonien prägen wieder den schnell im Tempo sich entwickelnden Satz, der mit einem gewaltigen Paukenschlag beendet wird.

Großer Jubel für Bertrand Chamayou, der sich mit Maurice Ravels „Pavane pour une infante défunte“ beim Hamburger Publikum bedankt.

Guillaume Connession
Les Trois cites de Lovecraft
Guillaume Connesson ließ sich von Howard Phillips Lovecrafts ((1890 – 1937) der Schriftsteller gilt als Pionier der fantastischen Horrorliteratur) fantastischer Welt anregen. Inspirationsgrundlage seines im Oktober 2017 uraufgeführten Orchesterwerks Les Trois cites de Lovecraft ist die genannte Novelle, vor allem „Die Visionen der Städte, mal wunderbar, mal erschreckend, die der Held des Textes durchläuft“. Seine Komposition beschreibt er als „Sinfonische Reise in drei Sätzen in das traumhafte Universum von H. P. Lovecraft.“ Die „Lovecraft-Geografie“ sei dabei „so präzise und voller Vorstellungskraft“, dass Connesson sie nur „mit einer üppigen Orchesterpalette“ malen konnte. „Ich habe in den drei Sätzen sehr differenzierte Schreibtechniken angewandt, um den für Lovecraft so typischen barocken Aberwitz mit der Vielfalt der Farben meines Orchesters wiederzugeben.“

In brillanten Farben hat Connession daher den 1. Satz seines Werks gehalten. Blechbläserfanfaren beschreiben zunächst ein Bronzetor, bevor sich eine Melodie der Violinen in das Treiben einer geschäftigen Traum-Metropole stürzt. Ungewöhnliche Klänge breiten sich für den neugierigen Zuhörer aus. Kastagnetten und Knallgeräusche, gestopfte Tuben, und ein sich rhythmisch bewegender Dirigent Krzysztof Urbanski vor seinem großen Musikinstrument. Irgendwie klingt das Orchester unter seiner Leitung maximal motiviert, konzentriert, auf den Stuhlkanten hockend meist mit lächelnden Zügen in den meisten Gesichtern. Ganz unverhohlen mag man denken, warum er nicht mehr als nur der ständige Gastdirigent des immer besser werdenden Hamburger Klangkörpers ist.

Im 2. Satz verleihen Trompeten einer bunten, heidnischen Feier Ausdruck, woraufhin ein Aufgriff des 1. Themas in Form eines ruhigen Chorals den „Rosenkristallpalast der Siebzig Köstlichkeiten“ zeichnet. Die „Sieben Prozessionen der Orchideen-gekrönten Priester“ sind sodann als großes Crescendo über ein 7-taktiges Ostinato gestaltet. Im großen Gegensatz zum strahlenden ersten Satz schildert die Musik die düstere Stadt der alten Götter. Sie liegt inmitten einer eisigen Wüstenregion („Le plateau de Leng“), die Connesson mit Klageliedern der Bratschen über dem Rauschen der Windmaschine das inneres Auge des Zuhörers ruft. Ein Thema der Violinen wird bald von zwölftönigen Passagen kontrastiert, die in dissonanten Akkorden gipfeln. „Das Schloss der Großen Alten“ prägt ein vom Violinen-Thema abgeleiteter, weicher Blechbläserchoral, bevor „Der Thronsaal und die Fackelträger“ einen Tanz über ebendieses Thema anstößt. Mit ihm nähert sich der unheimliche Gesandte der alten Götter in Gestalt eines Pharaos, der darüber aufklärt, dass die Stadt, die er in seinen Träumen gesehen hat, nichts anderes als die Summe seiner verklärten Kindheitserinnerungen an seine Heimat ist. „Um ihm eine Stimme zu geben„, so Connession,wählte ich eine Solo-Bratsche, die in Halb- und Vierteltönen singt.“ Ohne Unterbrechung schließt sich der 3. Satz an: ein musikalisches Abbild ebenjener wunderbaren Traumstadt aus Gold in Form eines berauschenden, an Bernsteins West Side Story und Strawinskys Frühlingsopfer erinnernde zum Schluss orgiastisch gesteigerten Tanzes. Frenetischer Applaus im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg.

Boléro, ein Orchesterstück des französischen Komponisten Maurice Ravel, gilt heute als eines der meistgespielten Werke der Orchesterliteratur.

 Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung hier nach Ravels Bolero © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung hier nach Ravels Bolero  © Patrik Klein

Die Komposition entstand in der Zeit von Juli bis Oktober 1928 und ist Ida Rubinstein gewidmet. Die Tänzerin hatte 1927 Maurice Ravel gebeten, für sie ein Musikstück in der Form eines spanischen Balletts zu entwerfen. Ravel entschloss sich zu einer ganz einzigartigen Komposition: „Ein ein-sätziger Tanz, sehr langsam und ständig gleich bleibend, was die Melodie, die Harmonik und den ununterbrochen von einer Rührtrommel markierten Rhythmus betrifft. Das einzige Element der Abwechslung ist das Crescendo des Orchesters.“

Die schnelle Popularität seines Werkes blieb dem Komponisten jedoch zeitlebens fremd. Zu seinem Kollegen Arthur Honegger sagte Maurice Ravel: „Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht, das ist der Bolero; leider enthält er keine Musik.“
Krzysztof Urbanski bleibt beinahe zwanzig Minuten auf seinem Parkettplatz sitzen und lauscht genüsslich seinen Musikern. Das Publikum indes, gespickt mit allerlei Prominenz aus Hamburgs kulturellem Leben, ist hingerissen von der präzisen und am Ende orgiastischen Steigerung der Musik Maurice Ravels. Krzysztof Urbanski vermeidet es nun, das Podium zu betreten, denn er will den frenetischen Applaus des Publikums nur für seine Musiker. Als Zugabe wird das Finale „Da capo“ wiederholt, diesmal mit dem Meister ohne Partitur und Taktstock, dafür noch etwas waghalsiger im Tempo und mit einigen zusätzlichen Akzenten bei verschiedenen Instrumentengruppen.
Man darf gespannt sein auf die weiteren Konzertereignisse mit dem Elbphilharmonie Orchester Hamburg.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Alpensinfonie – Capriccio Introduktion + Finale, IOCO Kritik, 08.11.2017

November 7, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

AlpensinfonieCapriccio Introduktion + Finale

 Altmeister Marek Janowski verzaubert die Elbphilharmonie Hamburg

Von Patrik Klein

Das Bedürfnis von guten Orchestern unter der Leitung von gereiften und erfahrenen Dirigenten zu arbeiten scheint sehr ausgeprägt zu sein, denkt man u.a. an den 90jährigen Herbert Blomstedt, den 81jährigen Eliahu Inbal, den 77jährigen Christoph Eschenbach und den 78jährigen Marek Janowski, der das Philharmonische Staatsorchester Hamburg beim zweiten Konzert der gerade begonnenen neuen Saison in der Elbphilharmonie furios leitete.

Janowski gilt als autoritärer, bewährter Klangerzieher, der gerade von der Spree als Chef des Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin an die Elbe zu wechseln scheint. Ab der Saison 2019/20 wird er wohl Chefdirigent der Dresdner Philharmoniker, die gerade erst in den renovierten Dresdner Kulturpalast zurückgezogen sind und damit direkter Konkurrent zum „Platzhirsch“ Christian Thielemann mit seiner Dresdner Staatskapelle. Janowski war bereits von 2001 bis 2003 Chefdirigent der Dresdner Philharmoniker, ging aber dort vorzeitig aus Verärgerung über das Hin und Her der Stadt beim Streit um einen neuen Konzertsaal wieder weg.

Zweites Konzert des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg ganz im Zeichen des großen deutschen Komponisten Richard Strauss

Zweimal durfte ich ihn bislang erleben. Zum einen als Dirigent des aktuellen Bayreuther Ring des Nibelungen, wo ich vor einigen Wochen eine Vorstellung Götterdämmerung erlebte und zum anderen als Gestalter einer konzertanten Aufführung von Wagners Rheingold mit dem NDR Elbphilharmonieorchesters Hamburg und namhaften Solisten hier an gleicher Stelle vor einigen Monaten. In beiden Fällen genoss man beherztes, emotionales Musizieren mit klaren, temporeichen Strukturen und farbenfrohe, dynamischste Klangteppiche der Extraklasse.

Nach zuletzt Haydns Die Jahreszeiten hat man sich heute im Rahmen der Themenreihe „große Komponisten“ dem deutschen Richard Strauss (1864 – 1949) gewidmet zunächst mit dem Schlussgesang aus der Oper Capriccio mit der wunderbaren Sopranistin Michaela Kaune und der Programmmusik (Sinfonische Dichtung) Eine Alpensinfonie op. 64. Kurz vor den Proben intervenierte Janowski und änderte das Programm, indem er die Introduktion von Capriccio hinzufügte und das Finale mit dem zwar kurzen, aber für ihn notwendigen Part des Haushofmeisters (gesungen von Wilhelm Schwinghammer) ergänzte.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester © Patrik Klein

 Strauss schrieb Capriccio während des zweiten Weltkriegs, als Deutschland im Begriff war, seinen Russlandfeldzug zu beginnen. Das Stück jedoch spielt zur Zeit eines ganz anderen Konfliktes, nämlich der sogenannten Querelle des bouffons, des „Buffonistenstreits“. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde in Paris in einem öffentlichen Disput hitzig über die Vorzüge der französischen und der italienischen Oper diskutiert. Capriccio steckt voller historischer Anspielungen und Selbstverweise aus Gluck, Piccinni, Rameau usw.

Der Text des Sonetts, um das sich Capriccio dreht, entstand zusammen mit Clemens Krauss. Dieser bezog sich auf ein Stück aus dem 16. Jahrhundert von Pierre de Ronsard, einem Mitglied der Dichtergruppe Pléiade. Ähnlich wie bei Wagners Meistersingern, wo man im dritten Akt die Entstehung von Walther von Stolzings Preislied miterlebt, gewährt auch Capriccio seinem Publikum Einblick in den Kompositionsprozess des Sonetts.

Mit der Ouvertüre bzw. der Introduktion zeigt Richard Strauss, dass er auch ganz anders komponieren konnte. Mit dem Streichsextett bestehend aus 2 Violinen, 2 Violoncelli und 2 Violen liefert er eine vielseitige Hinterlassenschaft in moderner Tonsprache, die weit ins 20. Jahrhundert an allen bisher bekannten Musiksprachen vorbeigeht. Capriccio ist seine letzte Oper, die für ihn den perfekten Zusammenfluss aus Sinfonischer Dichtung und Liedgesang darstellt. Der Komponist war hierbei beinahe so konsequent wie sein großes Vorbild Richard Wagner, bei dem auch der Klang vor der Textverständlichkeit rangierte.

 Elbphilharmonie Hamburg / Solisten vlnr Michaela Kaune, Wilhelm Schwinghammer, Marek Janowski, Konzertmeister Konradin Seitzer © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Solisten vlnr Michaela Kaune, Wilhelm Schwinghammer, Marek Janowski, Konzertmeister Konradin Seitzer © Patrik Klein

Strauss´ Lieblingsinstrument, die Sopranstimme, steht dann im Zentrum des Finales. Ein ausführliches Orchestervorspiel leitet die Schlussszene ein, in der die Gräfin (Michaela Kaune) endgültig zwischen dem Dichter und dem Komponisten wählen muss. Sie kann diese Entscheidung aber nicht treffen, da sie als Sängerin sowohl für den Text als auch für die Musik steht. Wenn der letzte Ton verklungen ist, scheint diese Frage offen zu bleiben. In der Schlussszene in Des-Dur erstrahlt mit der großartigen Sopranarie eine Komposition, die zu den schönsten von Strauss gehört und die als sein Testament verstanden werden kann. Sie ist ein deutlicher Hinweis, dass der Musik und nicht dem Wort die oberste Herrschaft gebührt.

 Elbphilharmonie Hamburg / Solisten Wilhelm Schwinghammer, Michaele Kaune © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Solisten Wilhelm Schwinghammer, Michaele Kaune © Patrik Klein

 Die sechs Musiker in der ersten Reihe des riesigen Orchesters beginnen um den noch taktstocklosen Dirigenten herum mit ihrem Spiel. An der Violine Konradin Seitzer und Sebastian Deutscher, an der Viola Naomi Seiler und Isabelle-Fleur Reber sowie am Violoncello Thomas Tyllak und Clara Grünwald entwickeln aus der ganz ruhigen Anfangssequenz, die wunderbar form- und klangschön gespielt wird, eine furioses und komplexes Musikstück. Zarte bis kräftige Farbwechsel im Spiel werden ganz besonders durch den Konzertmeister Konradin Seitzer wundervoll führend artikuliert. Der Maestro, mittlerweile zum Taktstock greifend, lässt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit feinen Hörnerklängen und sanften Streicherbögen das Finale beginnen. Querflöten, Trompeten kommen dazu und fahren das „große Instrument“ in Strausssche Normallautstärke; schwungvoll, zügig, feine Bögen beschreibend, entwickeln sich die melodischen Sequenzen. Die Solisten treten auf. Die Gräfin nimmt das Gespräch mit dem Haushofmeister auf. Michaela Kaune, die als Hamburgerin leider viel zu selten an der Staatsoper zu hören ist, glänzt mit ihrer wunderbaren Stimme. Sie erscheint auch durch den fabelhaften, sängerfreundlichen Dirigenten textverständlich in ihrem Element zu sein. Sie hat ganz viele Farben in ihrer Stimme und klingt sowohl im Piano als auch im Forte emotional, warmherzig und dramatisch. Mit wunderschönen Crescendis und Decrescendis ist ihre Stimme ideal für die vielen Farben in Strauss´ Musik. Sie folgt dem Meister am Pult bereitwillig und wundervoll dynamisch mit höchster Konzentration. Der Haushofmeister wird von Wilhelm Schwinghammer gegeben, der zwar nur wenige Sätze zu singen hat, aber mit seinem warmen Bass eine „musikalische Duftmarke“ setzt. Nachdem die wundervolle Musik verklungen ist, belohnt das Hamburger Publikum die ersten 30 Minuten mit warmem, herzlichen Applaus.

Nach der Pause:  Eine Alpensinfonie op. 64 – Eine Sinfonische Dichtung des Komponisten Richard Strauss.

Die Idee der Komposition geht auf ein Erlebnis aus Richard Strauss’ Kinderzeit zurück. Er hatte sich im Sommer 1879 auf dem Heimgarten in den Bayerischen Voralpen verstiegen und war in ein Gewitter gekommen. Dieses Ereignis stellte er tags darauf am Klavier dar. Aus dieser Erinnerung entwickelte er später das Konzept.

Erste Skizzen zur Alpensinfonie stammen aus dem Jahre 1900. Strauss plante unter dem Arbeitstitel „Künstlertragödie“, die das Schicksal des Porträtmalers Karl Stauffer-Bern darstellen sollte, der passionierter Bergsteiger war. Die musikalische Darstellung einer Bergbesteigung war einer von mehreren geplanten Abschnitten in der Darstellung der Biographie Stauffers. Im Jahr 1902 weitete Strauss die Konzeption zu einer viersätzigen Sinfonie aus, deren erster Satz die Bergbesteigung, die übrigen Sätze weitere Themen aus Stauffers Vita enthalten sollten. Arbeitstitel war nunDer Antichrist, eine Alpensinfonie. Der Titel zeigt, dass Strauss die Figur Stauffer mit der Person Nietzsche und seiner Philosophie identifizierte. Der erste Satz wurde ziemlich weit skizziert und enthält in wesentlichen Stücken die Gestalt der Endfassung. Dennoch blieb das Werk liegen. 1910, während der Arbeit am Rosenkavalier, nahm Strauss die Arbeit am ersten Satz wieder auf. Um 1913 fiel wohl die Entscheidung, aus dem ersten Satz ein eigenständiges Stück zu machen. Bis in die spätesten Skizzen hinein sollte das Werk Der Antichrist, eine Alpensinfonie heißen. Erst in der Partiturreinschrift, die nach hunderttägiger Arbeit am 8. Februar 1915 vollendet wurde, findet sich der endgültige Titel.

Die Uraufführung mit der Dresdner Hofkapelle fand am 28. Oktober 1915 in Berlin unter der Leitung des Komponisten statt.

Es war die erklärte Absicht Richard Strauss´, dem Hörer die Stationen einer Bergwanderung als Tongemälde unmittelbar sinnlich erfahrbar zu machen. Dieses Ziel erreicht das Werk  in beeindruckender Weise. Die Wirkung beruht vor allem auf der raffinierten Orchesterbesetzung und nuancenreichen Instrumentierung. Nicht ohne Reiz ist auch das spannungsvolle Nebeneinander sehr subtiler und eher banaler Effekte (Kuhglocken, Donnerblech). Die Orchesterbesetzung ist sehr groß. Insgesamt werden laut Strauss’ Angaben mindestens 107 Musiker benötigt. Aus den Anweisungen des Komponisten, manche Instrumente über das Minimum hinaus womöglich zu verstärken und für das Fernorchester hinter der Bühne eigene Musiker vorzusehen, ergäbe sich nach den Vorstellungen Strauss’ eine Optimalbesetzung von mindestens 129 Musikern.

Die der sinfonischen Dichtung zugrunde liegende Bergbesteigung samt nachfolgendem Abstieg beginnt mit dem einleitenden Abschnitt Nacht, durchschreitet verschiedene Stationen und endet wiederum in einem als Nacht bezeichneten Abschnitt. Es ist aber vermutlich nur zum Teil die Absicht des Komponisten gewesen, eine Bergwanderung zu beschreiben. Der von Strauss beschriebene Wanderweg lässt sich gleichsam als sinfonische Darstellung eines menschlichen Lebens betrachten.

 Elbphilharmonie Hamburg / Marek Janowski beim Schlussapplaus nach der Alpensinfonie © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Marek Janowski beim Schlussapplaus nach der Alpensinfonie © Patrik Klein

Manchmal nervt es einfach nur: Etliche Huster stören die Szenerie der vom Orchester leise gestalteten Nacht derart, dass der Konzertmeister seine Konzentration und beinahe seine Fassung verliert, als er grimmig ins Publikum blickt. Recht hat er und immer wieder kaum zu glauben, wie sich plötzlich jede Person autorisiert fühlt, den „Nachdemfrühstückshuster“ genussvoll anzusetzen, gerade dann, wenn es von anderen besonders leicht wahrzunehmen ist. Beim Sonnenaufgang, als das Orchester bereits die Vielfalt der nun kommenden Musikstunde andeutet und zum ersten Mal drei f ausgepackt hat, beruhigt sich das Gehuste zum Glück und man kann sich endlich dem Konzert zuwenden. Die Alpensinfonie hat Fahrt aufgenommen und ein Tempo, das besonders deutlich wird, als in der Einführung vor dem Konzert einige Musikpassagen anderer Orchester deutlich langsamer über die Lautsprecher klangen. Die Mühen des steilen Anstiegs werden plastisch in verschiedensten Farben und Klängen dargestellt. Das unsichtbare Hintergrundorchester mit Hörnern, Trompeten und Posaunen blüht zum ersten Mal herrlich tönend auf. Die Natur ruft durch den Eintritt in den Wald, die Wanderung neben dem Bache und das Verweilen am Wasserfall. Durch virtuosen Umgang mit den vielen verschiedenen Instrumenten wirkt die Musik authentisch und zu Herzen gehend. Besonders die Streicher, Oboen, Flöten und Hörner malen die schillerndsten Farben der Natur. Janowski wählt ein für mich äußerst glaubwürdiges Tempo und eine herrliche Dynamik, die die Musik Richard Strauss zu einem Genuss werden lässt. Er dirigiert machtvoll, kraftvoll, stark gestikulierend, manchmal ganz fein tänzelnd, das Riesenorchester zu jeder Zeit voll im Griff. Er nimmt es aber auch an filigranen Stellen deutlich zurück, um es wieder erneut spielfreudig auftrumpfen zu lassen. Es duftet herrlich auf den Wiesen nach bunten Blumen. Es erklingen die Kuhglocken auf der Alm. Man hört das Flirren der Vögel, das Blöken der Schafe. Die Oboe übernimmt immer wieder eine Sonderrolle, indem sie nicht wie üblich gespielt wird, sondern durch Verzerrungen ganz besondere Klänge und Wirkungen erzeugt. Weiter geht die anstrengende Wanderung durch Dickicht und Gestrüpp auf Irrwegen über den Gletscher zum Ziel. Volles Blech mit sauberen Trompeten- und Posaunenklängen unterstützt durch herrlichen Orgelsound führen uns die gefahrvollen Augenblicke auf dem Weg zum Gipfel musikalisch brillant vor Augen. Bei manchen Klängen muss ich an Wagners Nibelungenring denken. Acht Hörner und 2 Tuben liefern einen Sound, der einen an eigene Wanderungen und Erfahrungen im Hochgebirge erinnert. Auf dem Gipfel angekommen dann die volle Pracht eines 130 Musikerorchesters, das den großen Saal der Elbphilharmonie erstrahlen lässt. Aber es wird auch wieder leiser, filigraner und anmutiger durch ein feines Spiel zwischen den Streichern und Bläsern, Tuben und Hörnern, die zum Teil mit Dämpfern versehen ganz besondere Effekte erzeugen. Nebel steigt auf und Visionen erfüllen den Wanderer. Doch es droht erneut Unheil, denn die Sonne verfinstert sich allmählich. Der herannahende Sturm wird zunächst fast atonal gezeichnet, dann als er erscheint, mit Streicher- und Trommelwirbel, Windmaschine und Orgel wieder melodischer. Das Orchester tobt und kracht. Die möglichst schnelle Flucht vom Gipfel ist musikalisch angesagt. Die Natur beruhigt sich wieder allmählich. Das Anfangsthema kommt ganz langsam wieder zu Tage. Zunächst Orgel und Horn alleine und dann mit Querflöten, Oboen, Fagotten schließt sich leise und hustenfrei der Kreis der Wanderung oder der des Lebens, indem erneut die Nacht erscheint. Wie bei Wagners „Götterdämmerung“ klingt es voller Hoffnung, trotz der völligen Zerstörung und dem Untergang des Erreichten. Das Orchester musiziert dabei ganz wunderbar, ganz sauber, nicht der kleinste falsche Ansatz oder Kieckser.

Strauss, nach Vollendung der Alpensinfonie: „Jetzt habe ich endlich instrumentieren gelernt“.

Nach einer Minute der Stille dankt das Publikum allen Musikern des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg und dem Dirigenten Marek Janowski mit langanhaltendem, stürmischem Beifall.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2017, Tristan – Parsifal – Festspiel-Erlebnisse, IOCO Aktuell, 20.08.2017

August 19, 2017 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Bayreuther Festspiele 2017 – Mitreißende IOCO Erfahrungen

Tristan und Isolde, Götterdämmerung, Parsifal, IOCO – Redaktionstreffen, Begegnung mit Richard Wagners Urenkelin Katharina Wagner

Von  Patrik Klein

Seit beinahe 30 Jahren reisen meine Frau und ich regelmäßig nach Bayreuth zu den Festspielen, so auch in diesem Jahr. Doch 2017 ist anders als die vielen Jahre zuvor: Erstmals fungiere ich in Bayreuth offiziell als IOCO Koordinator: IOCO Redaktionsmitglied Dr. Hanns Butterhof, besuchte die vier Vorstellungen des Ring des Nibelungen, den Castorf – Ring 2017 und veröffentlichte bei www.ioco.de seine packende Rezension. IOCO – Kollege Dr. Albrecht Schneider wird die Meistersinger, inszeniert von Barrie Kosky, noch besuchen und ebenso bei IOCO berichten. Als IOCO – Koordinator für die Bayreuther Festspiele nahm ich gerne die Gelegenheit wahr, das Kulturportal IOCO, meine Kollegen und mich bei Peter Emmerich, Leiter Marketing und Presse der Bayreuther Festspiele, vorzustellen. In seinem Büro sitzend, IOCO vorstellend, trat plötzlich und völlig unerwartet Katharina Wagner herein, setzte sich zu uns und nahm interessiert wie aktiv an unserem Gespräch teil. Da meine Frau und ich Karten für Tristan und Isolde hatten, Petra Lang (Isolde) aber wegen Indisposition durch Ricarda Merbeth ersetzt wurde, unterhielten wir uns mit Katharina Wagner angeregt über Nöte kurzfristiger Umbesetzungen, die Bayreuther Festspiele allgemein wie auch Ziele und Schwerpunkte des Kulturportales www.ioco.de, IOCO – Kultur im Netz GmbH. Eine für mich wunderbare Erfahrung, all dies im Herzen der Festspiele persönlich wie intensiv kommunizieren zu können.

Bayreuther Festspiele / Katharina Wagner © Matthias Balk

Bayreuther Festspiele / Katharina Wagner © Matthias Balk

Die folgenden Tage in Bayreuth bestanden aus dem Besuch von Tristan und Isolde, Götterdämmerung und dem Spätwerk des Meisters, Parsifal. Dazu im Hotel Goldener Löwe eine kleine Redaktionssitzung zu aktuellen wie zukünftigen Zielen von IOCO; mit Viktor Jarosch und Dr. Hanns Butterhof. Dr. Butterhof besuchte und rezensierte bereits den Bayreuther  Castorf – Ring 2017 (link hier).

Vor dem Festspielhaus Bayreuth: IOCO Bayreuth Koodinator Patrik Klein, Viktor E. Jarosch, Dr. Hanns Butterhof Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Vor dem Festspielhaus Bayreuth: IOCO Bayreuth Koodinator Patrik Klein, Viktor E. Jarosch, Dr. Hanns Butterhof Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Tristan, Götterdämmerung, Parsifal – Kurze Eindrücke

Tristan und Isolde: Die Musik Richard Wagners geht über Alles. Seine Musik geht durch Mark und Bein; sie regt auf; sie regt an zum Nachdenken, zum Träumen und zum Weinen. Katharina Wagner, Leiterin der Bayreuther Festspiele und Urenkelin Richard Wagners, versteht es blendend in Ihrer Inszenierung von Tristan und Isolde Spannung aufzubauen, Spannung welche fasziniert. Sie schafft es, innere Seelenbilder „sichtbar“ zu machen. Ähnlich der Ruth Berghaus Inszenierung in Hamburg setzt sie an bei der Vorgeschichte.

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde © Enrico Nawrath

Tristan und Isolde lieben sich seit langem, bereits seit der Vorgeschichte in Irland (1. Akt „Dein Elend jammerte mich“ in Liebe-unterstreichender Tonart). König Marke wird nicht als etwas dümmlicher Opa charakterisiert, sondern ist Diktator, Schurke, Egoist. Die Handlung der Katharina Wagner – Inszenierung ist folgerichtig und klug durchdacht. Tristan und Isolde  brauchen keinen Liebestrank (mir klopft das Herz). Sie schütten ihn sogar weg u.v.m. Im zweiten Akt wird deutlich, dass sie wissen, dass dies ihre letze Nacht (Liebesnacht) werden wird. Der dritte Akt endet nicht wie so oft mit einem verklärten Liebestod (Wagner hat nie geschrieben, dass sie stirbt); Isolde spielt noch ein wenig mit der Leiche ihres Geliebten und wird dann schroff von Marke in ihre Kammer gezerrt. Atemberaubend und großartig dargestellt. Das Orchester der Bayreuther Festspiele ist „des Wahnsinns fette Beute“. Am Beginn des dritten Aktes kann man die Tränen angesichts der Schönheit der Musik nicht mehr zurückhalten. Warum auch?

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde – Schlussapplaus © Patrik Klein

Christian Thielemann dirigiert perfekt; flüssig; an manchen Stellen innehaltend; wuchtig; solide; abenteuerlich. Es ist eine Freude. Der Gesang ist besser als befürchtet. Grandios mit allesüberstrahlendem Bass René Pape. Kraftvoll bis zum letzten Atemzug der Tristan von Stephen Gould. Ricarda Merbeth singt ordentlich von der Seite für die erkrankte Petra Lang. Frau Lang spielt stumm. Die Brangäne wird von der wohlklingenden Christa Mayer dargestellt. Insgesamt sind die Stimmen bis auf René Pape wenig textverständlich. Obwohl ich den Text der Oper Tristan und Isolde recht gut kenne, sehnt man die fehlenden Übertitel herbei. Großer Jubel und Getrampel nach sechs Stunden spannendem Musiktheater.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Finale © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Finale © Enrico Nawrath

Götterdämmerung: Da Dr. Hanns Butterhof bereits ausführlich über den Ring berichtete, hier mein kurzer Eindruck von der Castorfschen Apokalypse des Kapitalismus. Die Vorstellung gerät, wenn man die drei vorherigen Teile nicht sehen konnte, leicht zu einer Reizüberflutung größten Ausmaßes. Nie zuvor war ich nach einer Götterdämmerung emotional so fertig und scheinbar überrannt. Doch die Musik war umso erstaunlicher. Marek Janowski dirigierte vor Kurzem mit dem NDR Elbphilharmonieorchester und Weltklassesängern ein großartiges Rheingold in der Elbphilharmonie Hamburg. Die musikalisch hohe Qualität setzte sich hier in Bayreuth   nahtlos fort.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Schlussapplaus © Patrik Klein

Janowski dirigiert zügig; sehr zügig, aber spannend und facettenhaft. Das machte Spaß. Die Sängerriege kurzum großartig erhielt Zuspruch ohne Einschränkungen. Es ist wunderbar, ein solches gleichförmiges Niveau erleben zu dürfen. Der Chor unter Eberhard Friedrich singt im Weltklassemodus. Man wünscht sich als Hamburger an dieser Stelle, dass es ihm gelänge, dies auch an der Hamburgischen Staatsoper häufiger umzusetzen.

Bayreuther Festspiele / Parsifal 1. Akt © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Parsifal 1. Akt © Enrico Nawrath

„Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten“, so der Dalai Lama. Parsifal bei den Bayreuther Festspiele 2017: Ein Ereignis.  Regisseur Uwe Eric Laufenberg gibt zu denken; er provoziert mit sanften Bildern, nicht wie gestern der Chef des aktuellen Ringes. Seine Bilder rauben mir den Atem. Wir befinden uns in Mossul, wenn ich die Raumfahrt über google earth richtig gedeutet habe. In einer beschädigten Kirche, die nachts Flüchtlingen Unterschlupf gewährt. Soldaten queren und in der Kuppel sitzt eine Gestalt auf einem Stuhl, blau gekleidet mit schwarzen Locken…starr und stumm…sie wird uns die ganzen 4 Musikstunden begleiten, nichts sagen, nichts tun, nur ab und an mal angestrahlt; die machtlose Mutter Gottes? Die Gralsritter wirken hektisch und es lauert Gefahr. Gurnemanz (überragend Gerd Zeppenfeld) weist den schwantötenden Parsifal (Andreas Schagerl in Bestform) in seine Schranken. Die Verwandlungsmusik wird bebildert durch eine Videowand in voller Bühnenbreite. Durch das Kuppeldach der Kirche fliegen wir in den Weltraum und sehen Sterne, Chaos und wilde Schönheit. Und wir landen wieder dort, im Irak, an der Grenze zur Türkei. Amfortas (großartig Ryan McKinny) leidet und durchlebt eine Tortur des Rituals der Gralsenthüllung. Der Chor unter Eberhard Friedrich klingt erschütternd. Amfortas wird die Wunde gewaltsam geöffnet, Blut entnommen und in den Kelch gefüllt. Verrohen die Gralshüter angesichts der brutalen Ereignisse? Im zweiten Aufzug im Reich des Klingsors (Werner Van Mechelen mit einem kraftvollen Bayreuthdebut) findet in einem Hamam statt. Die Blumenmädchen sind als Muslima getarnt und unter Burkas verhüllt. Erst als Parsifal erscheint, entledigen sie sich der Kleidung und erscheinen in farbenfrohen Gewändern. Parsifal im Dialog mit der großartigen Kundry, Elena Pankratova, wird durch Mitleid wissend und nimmt sich Kundry ordentlich zur Brust.

Bayreuther Festspiele / Parsifal - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Parsifal – Schlussapplaus © Patrik Klein

Ein gefangen gehaltener Gralshüter tut es ihm gleich, während Klingsor sich in einem Kuppelraum vollgestopft mit Kreuzen mit einer Peitsche malträtiert. Im dritten Akt befinden wir uns viele Jahre später wieder im Dunstkreis Amfortas. Gurnemanz im Rollstuhl, kaum noch gehfähig, Kundry eine Greisin. Der Ort ist verwildert mit riesigen Pflanzen, die das Mauerwerk längst durchstoßen haben. Ersehntes Wasser regnet in Strömen aus den Wolken während beim Karfreitagszauber wieder ein Videoausflug stattfindet, bei dem Kundry, Amfortas und Wagners Totenmaske „erlöst“ werden. Die Schlussszene wiederholt sich wie am Anfang. Die wütenden Gralshüter fordern massiv ein letztes Mal die Enthüllung von Amfortas (der Chor sehr ausdrucksstark!). In offenem Sarg werden die religiösen Attribute der großen Weltreligionen versenkt, währenddem die Kirche aufreißt, das Licht im Zuschauerraum anschwillt und das Ensemble friedvoll in der Hinterbühne verschwinden. Der Vorhang fällt NICHT! Jubel ohne Ende für alle Beteiligten und ganz besonders für das atemberaubende Dirigat Hartmut Haenchens.

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