Graz, Schloßbergbühne Kasematten, Fidelio – Opernspektakel, 20., 22. 23.08. 2020

Schloßbergbühne Kasematten

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio @ Schloßbergbühne Kasematten

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio @ Schloßbergbühne Kasematten

Fidelio – Schloßbergbühne Kasematten zum Leben erweckt

 Erstes Opernspektakel nach Lockdown – 20., 22. 23. August 2020

Nach einer langen Phase voller Ungewissheit und herausfordernden Planungen, heißt es in den Grazer Spielstätten in Kürze wieder: „Bühne frei!“ Am 20., 22. und 23. August 2020 laden „Junge Konzerte Graz“ und die Grazer Spielstätten auf der Schloßbergbühne Kasematten unter freiem Himmel zu Ludwig van Beethovens Fidelio und damit zum Kultur-Comeback über den Dächern von Graz!

IOCO, Michael Stange wird über dies Opernspektakel in Graz berichten

Die konzertante Aufführung besticht nicht nur durch internationale Weltstars wie z.B. Barbara Krieger, Ks. Peter Seiffert, Sir Bryn Terfel oder Peter Kellner, welche unter normalen Umständen auf Jahre hinaus ausgebucht wären – ihre Engagements in Edinborough, London, Tokyo und an der MET in New York mussten Corona-bedingt abgesagt werden -, sondern auch durch die Kooperation mit Mitgliedern der Grazer Philharmoniker. Unter der Leitung von Kapellmeister Marcus Merkel werden diese das weitere Solistenensemble, hochklassig mit Größen ihres Fachs besetzt, musikalisch komplettieren.

Grazer Spielstätten-Geschäftsführer Mag. Bernhard Rinner: „Fidelio und den Grazer Schloßberg verbindet eine lange Tradition: Ursprünglich ab 1782 als Gefängnis für Schwerverbrecher aus allen Teilen der Monarchie genutzt, wurde die Schloßbergbühne Kasematten im Jahr 1937 feierlich mit Fidelio eingeweiht. Das jetzige Revival von Beethovens ,Befreiungsoper‘ markiert somit nicht nur ein Ereignis mit doppelter historischer Relevanz, sondern setzt ein starkes Signal über die steirischen Landesgrenzen hinweg.“ Tausende Grazer erinnern sich außerdem gern an stimmungsvolle Aufführungen an Sommerabenden in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren. Im Jahre 1997 wurde die Kasemattenbühne zum bisher letzten Mal mit „Fidelio“ bespielt.

Durch die Corona-Krise hat die Kultur heuer international sehr zurückstecken müssen. Hunderte Festivals, die üblicherweise ab Juni mit spannenden Aufführungen aufwarten, mussten zumeist komplett abgesagt werden. Nun, da viele der Restriktionen Schritt für Schritt gelockert werden und insbesondere Freilicht-Veranstaltungen wieder möglich sind, ergibt sich auf der Schloßbergbühne Kasematten eine einmalige Gelegenheit: „Fidelio ist eine Hymne an die Freiheit. Der Kontrast zwischen der düsteren Kerkerhaft und dem Licht der Gerechtigkeit ist nicht nur in der Musik zu hören, sondern auch auf der Bühne eindrucksvoll sichtbar. Wir möchten unserem Publikum mit der Oper nun, nach dem Lockdown, ein Stück ,Freiheitsgefühl‘ in unserer Open Air-Location zurückgeben“, so Bernhard Rinner.

Marcus Merkel, Dirigent und Gründungsmitglied von „Junge Konzerte Graz“: „Nachdem die europäische Kulturlandschaft heuer durch Corona einen nie dagewesenen Einschnitt erlebt hat, freue ich mich unbändig, Beethovens „Fidelio“ in einer Weltklasse-Besetzung nach Graz und zurück in die Kasematten bringen zu können. Mit dem ersten Grazer Opernspektakel nach dem Lockdown möchten wir ein Zeichen setzen, und werden dabei von internationalen Größen wie Peter Seiffert als Florestan und Altmeister Reiner Goldberg als Erstem Gefangenen unterstützt.“

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio - Dirigent Marcus Merkel, Fidelio-Ausstatterin Emma Hoffmann und Hausherr Bernhard Rinner freuen sich auf das erste Opernspektakel nach dem Lockdown v.l.n.r.@ Martin Schönbauer

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio – Dirigent Marcus Merkel, Fidelio-Ausstatterin Emma Hoffmann und Hausherr Bernhard Rinner freuen sich auf das erste Opernspektakel nach dem Lockdown v.l.n.r.@ Martin Schönbauer

„Kunst und Kultur zeigen, wie man Grenzen überwinden kann und ermutigen, sich auf neues Terrain zu begeben. Wie ein Kraftwerk versorgen sie uns mit der nötigen Energie, um neue, bunte Facetten des Lebens zu erschließen. Daher freuen wir uns, Fidelio in diesem Sommer auf den Kasematten als Partner zu unterstützen“, so DI Christian Purrer, Vorstandssprecher der Energie Steiermark Michael Gradischnig, Leiter Werbung der Steiermärkischen Sparkasse: „Die Steiermärkische Sparkasse hat sich seit mittlerweile 195 Jahren der gesellschaftlichen Verantwortung für die Menschen und die Kultur des Landes verschrieben. Daher freut es uns besonders mit dieser musikalischen Produktion in einer der Zeit angepassten Form wieder Partner des Vereins ,Junge Konzerte Graz‘ sein zu dürfen.

Nach der langen (Corona-)Durststrecke sehnen sich die Menschen nach gemeinschaftlichen Live-Erlebnissen im Opern- und Konzertbereich. Wir sind uns sicher, dass unser Fidelio in dieser exzeptionellen Besetzung und der großartigen Spielstätte mit drei konzertanten Vorstellungen für 2.100 Zuschauer*innen eine große überregionale Aufmerksamkeit erregen wird und freuen uns über Ihre mediale Begleitung!

Konzertante Oper und Corona – Wie geht das?

Aufgrund der Corona-Situation ergeben sich hohe Hygiene- und Sicherheitsauflagen, die zum Schutz unseres Publikums streng eingehalten werden (Abstand zwischen den Sitzreihen, Mund- und Nasenschutz im Chor bzw. Zugangsbereich, Desinfektionsvorrichtungen, registrierter Ticketkauf etc.). In Abstimmung mit „Junge Konzerte Graz“ haben wir uns gegen ein Mund- und Nasenschutz tragendes Publikum entschieden. Gemäß der in der Lockerungsverordnung des Bundesministeriums vorgeschriebenen Abstände zwischen den Sitzplätzen können somit 700 Personen pro Vorstellung Platz nehmen. Daher haben wir beschlossen, „Fidelio“ gleich an drei Abenden am Schloßberg zu spielen, um so 2.100 Zuschauer*innen aus ganz Österreich und darüber hinaus ein unvergessliches Opernspektakel bieten zu können.

Bühne – Solisten, Chor & Orchester

Im Kontext von Corona ist das gesungene Wort die größte Herausforderung, was die Bühne betrifft. Unsere Solisten werden daher am vorderen Bühnenrand mit genügend Abstand zur ersten Publikumsreihe agieren. Unser Chor wird mit Mund- und Nasenschutz singen, auch wenn wir uns hier ebenfalls um genügend Abstände zwischen den Sängern bemühen, da wir keinerlei Risiko einer Infektion eingehen werden.

Gemäß Tests, die die Wiener Philharmoniker unter ärztlicher Leitung im Mai dieses Jahres durchgeführt haben, verbreitet sich die Atemluft eines jeden Musikers in maximal 75 cm Entfernung von Mund und Nase. Aus den Öffnungen der Blasinstrumente entwich „kein oder nur kaum sichtbares Aerosol“. Das Ergebnis der Untersuchungen: „Eine Ausdehnung der Ausatemluft eines Künstlers von mehr als ~80 cm ist nicht zu erwarten.“

Daher verteilen wir die Blasinstrumente mit Abständen auf dem Podium und behalten uns vor, die Streicher mit Mund- und Nasenschutz spielen zu lassen. Auch bei sämtlichen Proben bzw. hinter der Bühne herrschen höchste Sicherheitsauflagen: Corona-Tests, Abstandsregelung, regelmäßige Fiebermessungen, getrennte Proben etc.

Schloßbergbühne Kasematten / Klassische Musik auf der Schlossbergbuehne Kasematten @ Peter Palme

Schloßbergbühne Kasematten / Klassische Musik auf der Schlossbergbuehne Kasematten @ Peter Palme

Ensemble

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio - Barbara Krieger @ honorarfrei

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio – Barbara Krieger @ honorarfrei

Barbara Krieger – Leonore: Geboren in Wiesbaden, Studium der Germanistik, Anglistik & Musikwissenschaften in Mainz. Gesangsstudium Mozarteum in Salzburg. Preisträgerin beim berühmten AS.LI.CO. Gesangswettbewerb der Mailänder Scala. 1997 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper. Engagements u.a. im Gran Teatru del Liceu Barcelona, Bregenz, Leipzig, Karlsruhe, Nationaltheater Weimar. Konzerttournee mit Bryn Terfel (2007), 2008 Gala- Konzerte mit Startenor Roberto Alagna. 2009 Classic Open Air in Berlin mit José Carreras.

Schloßbergbühne Kasematten /Fidelio - Peter Seiffert @ honorarfrei

Schloßbergbühne Kasematten /Fidelio – Peter Seiffert @ honorarfrei

Ks. Peter Seiffert – Florestan: Geboren in Düsseldorf, Studium ebendort. 1992 Ernennung zum Bayerischen Kammersänger, 1996 Debüt bei Bayreuther Festspielen. Gast mit den Partien seines Fachs in allen wichtigen Musikzentren, darunter Wien, München, New York, Budapest, Dresden, Berlin, Tokio, Salzburg und London. Zahlreiche Aufnahmen mit den wichtigsten Dirigenten unserer Zeit, Echo Klassik als „Sänger des Jahres 1999“. Peter Seiffert gehört heute zu den Star-Tenören und wird vom Publikum enthusiastisch gefeiert; von der internationalen Presse als Sänger und Darsteller gewürdigt. Juni 2013 Ernennung von der Wiener Staatsoper zum Österreichischen Kammersänger, 2014 Kammersänger der Deutschen Oper Berlin.

Schloßbergbühne Kasematten /Fidelio - Sir Bryn Terfel @ honorarfrei

Schloßbergbühne Kasematten /Fidelio – Sir Bryn Terfel @ honorarfrei

Sir Bryn Terfel – Pizarro: Geboren in Wales, Studium in London. 1989 Gewinner des „Cardiff Singer of the World“ Wettbewerbs, 1990 Operndebüt, 1992 Debüt bei den Salzburger Festspielen. Seither Engagements an allen wichtigen Opern- und Konzerthäusern der Welt, darunter Royal Opera House London, Wiener Staatsoper, Metropolitan Opera New York, Bayerische Staatsoper München, Teatro alla Scala Milano, Carnegie Hall New York City, Paris, Zürich und Sidney. Grammy, Classical Brit und Gramophone Award Gewinner; 2003 „Commander of the British Empire“, 2006 „Queen’s Medal for Music“, 2017 zum Ritter geschlagen. 2006 Shakespeare Preis, 2015 „The Freedom of the City of London“. „Pizarro“ ist für Sir Bryn Terfel ein Rollendebüt.

Ks. Reiner Goldberg1. Gefangener: Geboren in in Crostau/Oberlausitz, Studium in Dresden. 1973 Ensemble der Semperoper Dresden, 1981-2005 Ensemble der Staatsoper Unter den Linden Berlin. Gastverpflichtungen als Heldentenor bei Bayreuther Festspielen und an allen großen Häusern der Welt, darunter Paris, New York, London, Mailand, Wien, Zürich, Hamburg und Berlin. 1977 Ernernnung der Dresdner Semperoper zum Kammersänger, 2019 Ehrenmitglied der Staatsoper Unter den Linden Berlin.

Peter Kellner – Rocco: Geboren in der Slowakei, Studium in Košice, Mozarteum Salzburg und Graz. 2015-2018 Ensemblemitglied der Oper Graz, seit 2018 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper. 2013 Engagement bei den Salzburger Festspielen, seither Debüts in Bratislava, in der Volksoper Wien, Royal Opera House London sowie beim Glyndebourne Festival. Preisträger des Int. Mozartwettbewerbs Salzburg 2018, Independent Opera Fellowship der Wigmore Hall Song Competition, 1. Preis des Int. Wettbewerbs Ferrucio Tagliavini Deutschlandsberg. Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Sir Antonio Pappano, Vasily Petrenko, Adam Fischer, Marco Armiliato, Ivor Bolton & Friedrich Haider.

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio - Peter Kellner @ honorarfrei

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio – Peter Kellner @ honorarfrei

Narine Yeghiyan – Marzelline: Geboren in Armenien, Studium in Jerewan. 2009 beim
Internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ Semifinale & Sonderpreis der Liz Mohn Stiftung ausgezeichnet. 2013 Stipendiatin des Richard-Wagner-Verbandes und 2011-2013 Stipendiatin der Liz Mohn Stiftung sowie Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper im Schiller Theater; seit der Spielzeit 2013/14 an Berliner Staatsoper Ensemblemitglied. 2016 bei den Opernfestspielen St. Margarethen sowie Debüt in der Philharmonie Berlin. Zahlreiche Konzerte in ganz Europa.

Mario Lerchenberger – Jacquino: Geboren in Österreich, Gesangsstudium in Graz. Ebenfalls Studium der Chorleitung, Dirigieren mit Schwerpunkt Chor sowie Gesangspädagogik. Meisterkurse bei u.a. Cheryl Studer, Brigitte Fassbaender und Marius Vlad. Sänger bei Opernproduktionen im In- und Ausland, darunter Linz, Jaroslaw, Köln, „styriarte“ und „La Strada“ Graz. Seit 2019 Mitglied des Opernstudios der Oper Graz. Grazer Debüt mit großem Erfolg als Alfred in der „Fledermaus“.

Neven Crnic – Don Fernando: Geboren in Bosnien und Herzegowina, Studium in Graz, seit 2017 Ensemblemitglied der Oper Graz. 2018 Teil des Young Singers Project der Salzburger Festspiele, 2019 erster Preis und Publikumspreis beim 2. Internationalen Haydn Wettbewerb. Heuer war Europatour mit Gustavo Dudamel & Mahler Chamber Orchestra sowie Engagement bei den Salzburger Festspielen geplant – coronabedingt leider verschoben.

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio - Marcus Merkel @ Werner Kmetitsch

Schloßbergbühne Kasematten / Fidelio – Marcus Merkel @ Werner Kmetitsch

Marcus Merkel – Dirigent: Geboren in Berlin, Studium in Berlin, seit 2015 Pianist und
Kapellmeister an der Oper Graz. Preise als Komponist, Pianist und Sänger. 2013 Gründer der Jungen Philharmonie Berlin, 2019 Gründer der Jungen Konzerte Graz. Gastdirigate in Kyoto, Amsterdam, Bozen, Rostock, zahlreiche kurzfristige Einspringer für Oksana Lyniv, Julien Salemkour sowie erkrankte Kollegen am eigenen Haus. Seit 2018 Einstudierung aller Beethoven Klavierkonzerte für Rudolf Buchbinder, 2019 Debüts in Koblenz und München.

Mitglieder der Grazer Philharmoniker – Orchester: Gegründet am 1. September 1950, geht das Grazer Philharmonische Orchester aus zwei bis dahin bestehenden Grazer Orchesterformationen, dem „Städtischen Orchester“ und dem „Funkorchester der Sendergruppe Alpenland“, hervor. Das Funkorchester wird damals im Zuge einer Strukturreform im Österreichischen Rundfunk aufgegeben, die der Stärkung des RSO Wien dient. Das Städtische Orchester kann auf eine traditionsreiche Rolle im steirischen Musikleben verweisen, denn es hatte beispielsweise Anton Bruckners Symphonie N° 5 zur Uraufführung gebracht. Auch wurde unter der Leitung des Komponisten im Jahre 1906 „Salome“ zur österreichischen Erstaufführung gebracht. Das Gründungskonzert des Grazer Philharmonischen Orchesters – auf dem Programm stehen Beethovens „Eroica“ und Strauss‘ „Ein Heldenleben „– findet am 4. September 1950 unter Herbert Albert im Grazer Stefaniensaal statt. Als integraler Bestandteil der Grazer Oper und des Grazer Kulturlebens spielt das Grazer Philharmonische Orchester vornehmlich Oper, Operette, Ballett und Musical. Darüber hinaus präsentiert sich das Grazer Philharmonische Orchester in der Grazer Oper mit einem eigenen Konzertzyklus und ist regelmäßig im Musikverein für Steiermark zu Gast.

—| Pressemeldung Schloßbergbühne Kasematten |—

Berlin, Berliner Dom, Missa Solemnis – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 21.05,2020

Berliner Dom © IOCO

Berliner Dom © IOCO

Junge Philharmonie Berlin

Ludwig van Beethoven – furios im Berliner Dom

 Missa Solemnis – Überwältigende Klangfluten – kurz vor Corona-Aus

von Michael Stange

Mit der Missa solemnis erklang am 7. März 2020 einer der letzten konzertanten Geburtstagsgrüße im Berliner Dom zu Beethovens 250 jährigem Geburtstag. Mit Wucht und Intensität starteten alle Beteiligten ins Beethoven-Jahr.

Beethoven hat mit der Missa solemnis wohl auch sein individuelles Glaubensbekenntnis geschaffen. Kirchenmusikalische Tradition in verschiedenen Formen verquickte er mit eigener Gestaltung, Erfindungskraft und Individualität. So trägt das Autograph die Widmung „Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen“.

Die textlichen Veränderungen der tradierten Vorlage für eine Messe und die zahlreichen musikalischen Novitäten prägen die zukunftsweisende Komposition. Durch Wiederholung des Credo (Ich glaube) vor jedem neuen Bekenntnis, verstärkt er die jeweiligen Rufe. Die Textstelle „de Spiritu Sancto“ wird musikalisch von einer zwitschernd einsetzenden Flöte als Tonbild des Heiligen Geistes begleitet. Viele weitere musikalisch illustrative Figuren wie aufstrebenden Läufe zur Himmelfahrt Jesu, Posaunenklange und Violintremoli im Jüngsten Gericht und vieles mehr kombinieren biblische Ereignissen mit bewegenden, gewaltigen orchestralen Einfällen. Im Sanctus zeichnet die Solo-Violine in hoher Tonlage das Symbol des Heiligen Geistes nach, der in Christus zur Erde hinabsteigt. Dieser an ein Violinkonzert erinnernde Einfall, die feurigen Ausbrüche, der Naturalismus und insbesondere die bedrohliche Militärmusik im Finale haben zu viel Begeisterung aber auch Kritik, Unverständnis und Ablehnung der Komposition geführt.

Wilhelm Furtwänglers Wertschätzung des Werkes ging so weit, dass er es nach seinem vierundvierzigsten Geburtstag nicht mehr dirigierte, weil er es zu großartig für eine Aufführung in dieser Welt befand. Zuzugeben ist Furtwängler, dass die Missa solemnis in Form und Wirkung so herausragend ist, dass sie nur in sehr starken Aufführungen ihre ganze Wirkung entfaltet. Dies war am Konzertabend der Fall.

Mozart Gala – Berliner Staatsoper
youtube Trailer Berliner Staatsoper
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Die musikalische Leitung hatte Julien Salemkour. Einem internationalen Fernsehpublikum wurde er bei der auch durch die Übertragung der Berliner Gala zu Mozarts 250. Geburtstag bekannt. Zehn Minuten vor Beginn des Konzerts sprang er für den kurzfristig indisponierten Daniel Barenboim als Dirigent und Pianist ein. Damals leitete er den ungemein strahlenden Festabend mit immenser Musikalität und einer Präsenz, als ob er stets dafür vorgesehen gewesen war. 

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Julien Salemkour bewies auch in diesem Konzert erneut, sein musikalisches Gespür. Seine Fähigkeit, durch einen architektonisch strukturierten Aufbau einen spannungsgeladenen Klangteppich auszurollen, war Grundlage dieser in jedem Detail fesselnden Darbietung. Gemeinsam mit allen Beteiligten gelang ihm ein fein gesponnenes und glänzend auf das Finale zusteuerndes Konzert.

Dramatik, Fürbitten, Kontraste und symphonischen Elemente fügte er zu einem fulminanten Gesamterlebnis zusammen. Mit immenser klanglicher Einfühlsamkeit und rhythmischer Präzision lotete er die mit dem Ensemble dynamische Raffinessen und Klangentwicklungen aus. Durch Steigerungen des Ausruckes und Veränderungen der Tempi im Verlauf der Sätze wurden Beethovens Dynamik, die große klanglichen Wendungen und die Kulmination zum Schluss eingelöst. Flexibilität von Tempo und Dynamik und die dadurch erreichte Spannung hielten das Publikum stets im Bann.

Die Solovioline im Benedictus spielte Konzertmeister Sebastian Câsleanu sanft, ruhig aber mit pulsierenden Strömen und virtuosem Können. Zurzeit am Staatstheater Nürnberg engagiert und fügte sich mit seinem innig verhaltenen Vortrag organisch in den Gesamtfluss ein. Durch die Schlichtheit und Zartheit des Violinsolos wurde keine Erinnerung an ein auftrumpfendes Violinkonzert wach und die Brüchen und Schockmomente des Agnus Dei noch besser vorbereitet. Grollend die Anlehnungen an Militärmusik, die an Schrecken des Krieges erinnert, während der Chor um Frieden bat. So geriet Salemkours Konzept ungemein suggestiv.

Eine weitere große Leistung war der Zusammenhalt von Orchester, Chor und Solisten, der im akustisch schwierigen Berliner Dom mit seinem langen Nachhall keine Leichtigkeit ist.

Die Junge Philharmonie Berlin besteht aus jungen, erfahrenen und hochtalentierten Musikern. Das Orchester spielte eine fein abgestufte Missa mit prächtigen Farben und von großer Schönheit. Ihm gelangen innige, berührende aber auch lebendig auftrumpfende Momente. Ihre Virtuosität und Spielfreude waren ein wesentlicher Motor dieser überragenden Aufführung. Hört man das Orchester, glaubt man nicht, dass es ein privater Verein ist, der 2013 vom heute überwiegend in Graz tätigen Dirigenten Marcus Merkel gegründet wurde.

Die Herausforderungen des Werkes – insbesondere für den Chor – liegen in der Polyphonie der Chöre, dynamischen Sprüngen in den Chornoten, den häufigen Tempiwechseln und dem Klangrausch des Orchesters. Hier bewährte sich der Ernst Senff Chor unter Steffen Schubert und zeigte, dass er diesem anspruchsvollen Stück vollends gewachsen war.

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Beethovens Idee des Zusammenwirkens von Chor, Orchester und Solisten lässt die Solisten ohne Arien und Soli. Solistische Brillanz müssen sie so in den Ensembles zeigen, was die Klangeinheit stärkt. Unbeschadet dessen sind die Partien ungemein fordernd und verlangen von den Sängerinnen und Sängern große Leistungen und eine immense Ausdruckspalette. Dies meisterte das Solistenquartett bravourös.

Bucharest National Radio Orchestra
youtube Trailer Michael Bergemann
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Barbara Krieger setzte mit ihrem individuellen, samtweich timbrierten und strahlenden Sopran bewegende Akzente. Bei immenser Dynamik gelangen dramatische Ausbrüche neben bestrickend warmen, innigen Tönen. Ihre leuchtende, völlig frei klingende Höhe strömte mit Glut und Schwung in den Saal. Tragfähig, gelöst und frei und erklang die Stimme mit betörende Schönheit in künstlerischer Vollendung unter die Domkuppel. Sicher eine der wandlungsfähigsten Sängerinnen dieser Tage. Fulminant auch, wie sie die Isolde interpretiert.

Anna Lapkowskaja füllte mit warmem, opulentem und strahlendem Mezzosopran die Altpartie aus. Ihr immenser Stimmumfang, der Wohlklang der Stimme und die seelische Emphase, mit der sie in die Partie eintauchte kombinierten betörende Stimmtechnik mit Schönheit und beseelter Meisterschaft.

Stefan Heibach bestach mit perfekt sitzenden Tenor durch baritonalen Klang, eine profunde Mittellage, ein exzellentes Legato und seine geschmeidige Höhe. Seine Stimme machte schon in Schwerin in Rollen wie Gounods Romeo Furore. Erneut ließ er aufhorchen und bewies, wie großartig er sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Eine immense Tenorhoffnung.  Tobias Schabel überzeugte mit profundem, wohltönendem und sonorem Bass.

Ein bewegtes Publikum dankte den Künstlern mit lang anhaltendem Applaus

Im Nachklang hofft man in den Corona Zeiten, dass solche durch ihre Wucht und die künstlerische Intensität packenden Konzerte bald wieder möglich sein werden. Das wunderbare Konzert Missa Solemnis in Berliner Dom kann man hier auf dem folgenden Video nachhören:

Missa Solemnis im Berliner Dom
youtube Trailer Michael Bergemann
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—| IOCO Kritik Junge Philharmonie Berlin |—

Berlin, Berliner Dom, Junge Philharmonie Berlin – c-Moll Messe, IOCO Kritik, 16.03.2019

Berliner Dom, Berlin © IOCO

Berliner Dom, Berlin © IOCO

Junge Philharmonie Berlin

Große Messe in c-Moll, KV 427  – Wolfgang Amadeus Mozart

Junge Philharmonie Berlin – Mit Feuer, Elan, Hingabe

von Michael Stange

Große stilistische Vielfalt, vom Barock inspirierte Arien und opernhafte Elemente mit ihrem an Bach orientiertem Kontrapunkt wurden am 9.3.2019 in der historischen Atmosphäre des Berliner Dom von einem Reigen junger Musiker dargeboten.

In der C-Moll Messe hat Mozart intensive und leidenschaftliche Anlehnungen an seine Vorgänger genommen und mit seinen persönlichen kirchenmusikalischen Aussagen den Weg zu Beethovens Missa solemnis sowie der Kirchenmusik Mendelssohn Bartholdys gewiesen. Mit ihren Chören, Ensembles und Arien gehört die Messe zu den schönsten und wirkungsvollsten Kompositionen Mozarts.

Junge Philharmonie Berlin / C-Moll Messe im Berliner Dom - Barbara Krieger, Marcus Merkel ©-Joerg-Rueger-Berlin-https://www.sichtbarkeiten.de-moremento

Junge Philharmonie Berlin / C-Moll Messe im Berliner Dom – Barbara Krieger, Marcus Merkel ©-Joerg-Rueger-Berlin-https://www.sichtbarkeiten.de-moremento

Die Junge Philharmonie Berlin – vor sechs Jahren vom Dirigenten Marcus Merkel gegründet – besteht aus jungen, erfahrenen und hochtalentierten Instrumentalisten. Bei ihnen lag die C-Moll Messe von Mozart in besten Händen. Sie sind ein weiteres Spitzenorchester in der Musikstadt Berlin. Zusammen musizierten sie begeistert, jauchzend frisch, pastos und lebendig. Ihre Virtuosität und Spielfreude waren ein wesentlicher Motor dieser überragenden Aufführung. Musikalität und Leidenschaft sind in solcher Qualität selten zu hören.

Der Ernst Senff Chor unter Steffen Schubert bewies erneut, dass er Mozart meisterlich beherrscht und eine Institution im Berliner Konzertleben ist. Für seine CD Interpretation von Prokofievs Kantate zum 20. Geburtstag der Oktoberrevolution ist er zusammen mit der Staatskapelle Weimar unter der Leitung von Kirill Karabits beim Label Auditemit im Januar dem International Classical Music Award 2019 in der Kategorie „Chorwerke“ für die beste Aufnahme des Jahres ausgezeichnet worden. Sein filigranes, polyphones Singen und die Dynamiken waren bestrickend.

Marcus Merkel Dirigat ist es zu danken, dass trotz der schwierigen Akustik des Berliner Doms eine brillante Aufführung gelang. Die Chöre und das Orchester waren fein aufeinander abgestimmt klangen kraftvoll, glänzend, bewegt und anrührend. Die Leitung von Chor und Orchester zeichnete sich durch Feuer, Kraft, aber auch durch ruhige Erhabenheit und innige Momente aus. Merkel entlockte dem Orchester einen ausgefeilten Goldglanz und eine Klangschönheit die ihresgleichen suchen. Ein begnadeter junger Ausnahmemusiker stand am Pult, der mit immenser Meisterschaft eine gloriose Aufführung leitete. Glückliches Graz, das diesen Kapellmeister an seinem Opernhaus hat.

Junge Philharmonie Berlin / C-Moll Messe im Berliner Dom - Barbara Krieger, Narine Yeghiyans, Marcus Merkel, Goran Cahs, Haakon Schaub ©-Joerg-Rueger-Berlin-https: //www.sichtbarkeiten.de-moremento

Junge Philharmonie Berlin / C-Moll Messe im Berliner Dom – Barbara Krieger, Narine Yeghiyans, Marcus Merkel, Goran Cahs, Haakon Schaub ©-Joerg-Rueger-Berlin-https: //www.sichtbarkeiten.de-moremento

Erlesen waren auch die Solisten. Ihre Musikalität und Hingabe und setzen dem Abend die Krone auf. Barbara Krieger sang die 1. Sopranpartie mit unglaublicher Intensität, atemberaubenden stimmlichen Umfang und berückendem Timbre. Im Kyrie und im Agnus Dei gelangen Ihr profunde tiefe völlig natürlich und locker gesungen Alttöne. Die Koloraturen des Kyrie meisterte sie mit Präzision, Hingabe, leuchtendem Feuer, perfekter Gesangstechnik und vollendeter betörender Klangschönheit. In der mit Koloraturen und weiten Bögen gespickten Arie „Et incarnatus est“ kannte die Stimme keine Grenzen. Alle Töne waren wie eine glänzende Perlenkette aneinander gereiht und klangen strahlend durch den Raum. Tiefe, Mittellage und Höhe gingen bruchlos ineinander und die Stimme behielt stets ihre Sonorität und ihre überwältigende Klangschönheit. Ein umwerfender jugendlich dramatischer Sopran. Staunenswert, dass sie zu einem so lyrischen virtuosem Portrait nach ihrer fulminanten Isolde (2. Akt, konzertant) in Bukarest im vergangenen Jahr in der Lage war. Auf weiteres darf man gespannt sein.

Narine Yeghiyans lyrischer Sopran mit leuchtend süßem mediterranem Timbre war ein weiterer Höhepunkt. Im Laudamus zeigte sie mit Verve eine blühende Mittellage und feuerte ein pralles Feuerwerk an Koloraturen in den Saal. Gleichzeitig modulierte sie die Arie mit großer seelenvoller Poesie. Mit ihrer profunden Opernerfahrung und der bestens durchgebildeten Stimme verlieh sie ihrem Part Glanz und Tiefe.

Im Dominus paarte sie sich mit Barbara Krieger in glänzender Weise. Durch die ausgeprägt individuellen Timbres beider Soprane und ihre Meisterschaft erreichten waren sie ein faszinierendes Duo. Goran Cahs Tenor verfügt über ein lyrisch bestrickendes Timbre und leuchtende Höhen. Mühellos trug die Stimme in den Saal und glänzte in den Ensembles. Haakon Schaub zeigte im Benedictus seinen klangvoll voluminösen Heldenbariton. Prächtige Tiefe paarte sich mit glänzenden, mühelos strahlenden Höhen und – wie bei alle übrigen Solisten – mit immenser Wortdeutlichkeit. Eine Stimme die aufhorchen ließ.

Staunenswert, wie erlesen das Ensemble zusammengestellt war und mit welcher Hingabe und Meisterschaft alle musizierten. Ein großer Mozart Abend.

Ein bewegtes Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus.

—| IOCO Kritik Junge Philharmonie Berlin |—

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