Osnabrück, Theater Osnabrück, Barockoper Antigona – Tommaso Traetta, IOCO Kritik, 22.01.2018

Januar 24, 2018 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

  Barockoper  Antigona  von Tommaso Traetta

Musikalisches Manifest gegen Tyrannei

Von Hanns Butterhof

Der Barockkomponist Tommaso Traetta (1727 – 1779) war Musik-Zeremonienmeister der Zarin Katharina. Im Petersburger Hoftheater wurde 1772 mit Antigona sein Hauptwerk uraufgeführt, das sich jetzt im Theater am Domhof als überraschend aktuell erweist und einen großen Premierenerfolg feiern konnte.

Traetta und sein Librettist Marco Coltellini gehen von der über zweitausend Jahre alten AntigoneTragödie des griechischen Dichters Sophokles (496 – 406) aus. Doch statt des Konflikts zwischen persönlichem Gewissen und Staatsgesetz breitet Antigona die dramatischen Geschehnisse beim Kampf um die Herrschaft in Theben aus, um die Unmenschlichkeit einer Politik anzuklagen, die mitleidslos und kalt ihre Sachzwänge als alternativlos durchzieht.

Theater Osnabrück / Antigona - hier Tödlicher Kampf um die Krone. Kenneth Gérard, Kevin Ruijters (vorn) © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Antigona – hier Tödlicher Kampf um die Krone. Kenneth Gérard, Kevin Ruijters (vorn) © Jörg Landsberg

Für „Antigona“ hat Dieuweke van Reij einen leeren, leicht altgriechisch anmutenden Saal als Einheitsbühne gebaut, den Alex Brok in das sepiabraune Licht von alten Fotos taucht. Die Kostüme verorten die Handlung in einer bäuerlichen Gesellschaft der Gegenwart.

Zur Ouvertüre zeigt Regisseur Floris Visser in knappen Szenen, wie die beiden Söhne des vormaligen Königs Ödipus erst miteinander spielen, bevor aus dem Ich-klaue-Dir-die-Krone-Spiel Ernst wird und beide sich im Kampf Mann gegen Mann töten. Die verwaist Krone fällt ihrem Onkel Kreon (Christian Damsgard) zu.

Mit seinem ersten Befehl als König gebietet der Uniform tragende Kreon ein Staatsbegräbnis für den einen seiner Neffen, Eteokles, während der andere, Polyneikes, unbestattet bleiben soll; Zuwiderhandelnden droht er mit dem Tod.

Theater Osnabrück / Antigona - hier Ismene und Haimon betrauern Polyneikes. Lina Liu, Katarina Morfa und Kevin Ruijters (vorn) © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Antigona – hier Ismene und Haimon betrauern Polyneikes. Lina Liu, Katarina Morfa und Kevin Ruijters (vorn) © Jörg Landsberg

Die beiden Ödipus-Töchter Antigone (Erika Simons) und Ismene (Lina Liu), auch sein Sohn Haimon (Katarina Morfa) bitten Kreon vergeblich, auch Polyneikes ehrenvoll bestatten zu dürfen. Aber nur die als einzige bürgerlich gekleidete Antigone wagt die Tat, die ihr Gewissen gebietet. Anders als bei Sophokles handelt Antigone nicht allein. Im Kreise des Volks, dem der von Markus Lafleur einstudierte, beeindruckende Chor eine starke Präsenz verschafft, verbrennt sie Polyneikes‘ Leichnam; eine Vision zeigt ihr, wie Polyneikes erlöst in die Unterwelt eingeht. Unbeeindruckt auch von den mitleidigen Bitten des Volks hält Kreon an seinem Todesurteil fest. Dass er es für alternativlos hält, treibt die ganze Tragödie an, nicht wie im griechischen Mythos ein von Göttern verhängtes Schicksal.

Erika Simons ist mit ihrem klaren, koloratursicheren Sopran eine starke Antigone mit berührenden Tönen der Todessehnsucht, während Lina Liu mit ihrem tragenden, wandelbaren Sopran eine der Welt mehr zugewandte, furchtsame Ismene singt, die sich erst spät dazu durchringt, mit Antigone zu sterben. Entschlossener ist Haimon, Antigone in den Tod zu begleiten; in der für einen Kastraten vorgesehenen Partie ist Mezzosopranistin Katarina Morfa selten so überzeugend wie in ihrer flammenden Rachearie. Christian Damsgard stellt mit solidem Tenor einen soldatisch strengen Kreon dar, der sich, an seiner eigenen Härte zerbrochen, am Ende vor dem Wahnbild Polyneikes‘ hinter dem Volk verkriecht.

Die Geschichte ist nicht ohne Längen, aber Regisseur Floris Visser findet für sie schöne, der Musik gemäße Bilder. Nur das in Regievollmacht gesetzte Ende nicht schlüssig: Er folgt Traetta bis zu Kreons Einsicht und reuiger Verzweiflug, streicht dann aber das mindestens ebenso unwahrscheinliche happy end. Dabei ist das eine wie das andere die von Hoffnung getragene Botschaft der Oper, dass Politik ihre Beschlüsse nicht für alternativlos halten soll; sonst wäre sie Tyrannei.

Theater Osnabrück / Antigona - hier Erika Simons in der Titelrolle der Oper Antigona © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Antigona – hier Erika Simons in der Titelrolle der Oper Antigona © Jörg Landsberg

Andreas Hotz am Pult und das Osnabrücker Symphonieorchester bringen den großen Farbenreichtum im barocken Klang der Partitur zum Leuchten. Sie machen es aber den Sängern nicht leicht, sich dagegen zu behaupten.

Bravos und Ovationen nach drei Stunden italienisch gesungener, deutsch übertitelter Musik für alle Beteiligten, vor allem Christian Damsgard und Erika Simons, den Chor, Andreas Hotz und das Osnabrücker Symphonieorchester sowie das Regieteam um Floris Visser.

Antigona ist eine Koproduktion des Theater Osnabrück mit der Amsterdamer Opera Trionfo. Am 10. 2. 2018 wird die Premiere an der Stadsschouwburg Amsterdam stattfinden. Die nächsten Termine am Theater Osnabrück: 26. und 30.1., 2.und 13.3.2018, jeweils 19.30 Uhr.

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