Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan, IOCO Kritik, 24.05.2019

Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

 Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan

– Die Droge „Macht“ :  Zerstörerin von Freiheit und Menschen –

von Peter Schlang

Dafür, dass nicht alle Geschichten aus Herrscherhäusern oder über Adelsgeschlechter belanglosen Tratsch und bestenfalls einen Fall für die Regenbogenpresse darstellen, lieferte die jüngste Premiere des Stuttgarter Balletts einen eindrucksvollen Beweis. Als deutsche Erstaufführung  feierte dort am 18. Mai 2019 Kenneth MacMillans 1978 in London uraufgeführtes Handlungsballett Mayerling einen rauschenden Erfolg. Der gut dreistündige Abend zeigte außerdem auf mitreißende Weise, wie spannend und aktuell historische Stoffe dieses Genres  auch heute noch sein können – zumindest wenn sich ein Groß-Meister psychologisierender Tanzkunst ihrer annimmt, wie es der 1992 verstorbene englische Choreograf und Tänzer Kenneth MacMillan war. Und wenn dann auch noch einige weitere Voraussetzungen gegeben sind, wie sie das Stuttgarter Ballett am Samstagabend einem begeisterten Publikum in beispielhafter Weise vor Augen führte, steht einer Sternstunde des Balletts nichts im Weg!

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Ballett von Kenneth MacMillan - hier : Elisa Badenes und Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan – hier : Elisa Badenes und Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Mayerling ist der Name eines Jagdschlosses der Habsburger, die über viele Jahrhunderte die österreichischen Kaiserinnen und Kaiser stellten. Dort beging am 30. Januar 1889 Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn Selbstmord, nachdem er zuvor seine 17-jährige Geliebte Baronesse Mary Vetsera erschossen hatte. Dieser inszenierte Doppel- / Selbst– Mord beendete nicht nur eine politische Hoffnung der Doppelmonarchie, sondern setzte auch einem Leben ein Ende, das mit den Begriffen Drama, Verzweiflung, Enttäuschungen, Intrigen, Lieblosigkeit und Verrat noch vorsichtig beschrieben ist.

 Mayerling – Stuttgarter Ballett zeigt die Aktualität historischer Erfahrungen

Rudolf, der am 21. August 1858 nach zwei Schwestern geborene, sehnlichst erwartete männliche habsburgische Thronfolger, wurde seiner Mutter, der Kaiserin Elisabeth (Sissi) und ihrer möglichen Liebe unmittelbar nach seiner Geburt entzogen. Nach dem Willen seines Vaters, Kaiser Franz Joseph I. und seiner Großmutter, Erzherzogin Sophie, sollte Rudolf mit höchster Disziplin und Härte zu einem „guten Soldaten“ erzogen und damit auf sein Amt als österreichischer Kaiser vorbereitet werden, für das nach damaliger Lesart nur ein harter, unnachgiebiger Militärführer in Frage kam.

Der äußerst sensible, musisch begabte und intelligente Junge konnte diese Erwartungen zu keiner Zeit erfüllen und litt so sehr an der ihm entgegenschlagenden Härte und Kälte, dass seine Mutter ihn letzten Endes doch dem militaristischen Einfluss entzog und für ihn eine liberale säkulare Erziehung organisierte. Dies wiederum rief nicht nur die konservativ-religiösen Kreise auf den Plan und sorgte in der Folge für zahlreiche Konflikte und Skandale, zu denen spätestens ab seiner Volljährigkeit mit 18 Jahre auch mehrere Liebesbeziehungen und ausufernde sexuelle Aktivitäten des Kronprinzen gehörten. Seine Eltern glaubten, mit der arrangierten Ehe ihres nunmehr 22jährigen Sohnes mit der 16jährigen belgischen Kronprinzessin Stephanie diesem Treiben ein Ende setzen zu können. Doch erfüllte sich diese Hoffnung genauso wenig, wie jene, dass sich Rudolf auf seine Kernaufgaben als späterer Herrscher vorbereitete. Stattdessen mied er nach einer kurzen glücklichen Ehephase, aus der auch eine Tochter hervorging, seine Gemahlin weitgehend und pflegte zahlreiche außereheliche Beziehungen. Auch ging er weiter seinen naturwissenschaftlichen, schriftstellerischen und journalistischen Interessen nach und pflegte intensive Kontakte zu anti-klerikalen und anti-katholischen, äußerst liberalen, ja sogar separatistischen ungarischen Kreisen.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Ballett von Kenneth MacMillan © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan © Stuttgarter Ballett

Dies führte zu immer größeren Verwicklungen und zur Isolation Rudolfs, die wiederum – zusammen mit seiner fortschreitenden Syphiliserkrankung – dramatische physische, psychische und psychosomatische Störungen zur Folge hatten. So war der Geliebten- und Selbstmord keine Kurzschlusshandlung, sondern die  Folge einer lange vorhandenen Obsession und die Realisierung einer letzten Option.

Die Erkenntnis, dass dies alles äußerst aktuelle Themen sind und der Wunsch, sein Amt als neuer Stuttgarter Ballettdirektor mit einem „richtigen Kracher“ anzutreten, ließ in Tamas Detrich schon bei seiner Berufung als Nachfolger Reid Andersons vor über vier Jahren den Entschluss entstehen, dieses in Deutschland noch nie als Eigenproduktion gezeigte Ballett in seiner Eröffnungsspielzeit auf die Bühne des Stuttgarter Opernhauses zu bringen. Dazu gelang ihm der Coup, mit Jürgen Rose eine der ganz großen Ausstatter-Legenden nach 27 Jahren Abwesenheit wieder an das Stuttgarter Ballett zurückzuholen. Der für Bühnenbild, Kostüme und Lichtkonzept verantwortliche, inzwischen 81jährige Rose ist genau das Genie, das es braucht, um MacMillans schwermütiges, tiefgründiges und düster funkelndes Meisterwerk auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf eine Ballettbühne zu bringen. Ihm gelang es auf bewundernswerte Weise, dieses visionäre und zu seiner Zeit bahnrechende Stück, das nicht nur die entlegensten Winkel der menschlichen Psyche erforscht, sondern auch die folgenschweren Auswirkungen von Wünschen, Trieben, Bevormundung und Kämpfe um Macht  und Einfluss auf Individuen und  Gesellschaft analysiert, trotz starker, von MacMillans Witwe überwachter Aufführungsbeschränkungen behutsam, aber aussagestark zu aktualisieren.

Drei Jahre lang arbeiteten Jürgen Rose, seine beiden Assistenten Christian Blank und Moritz Haakh und die Stuttgarter Werkstätten an der Ausstattung dieses Balletts: 198 Kostüme im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts mussten entworfen und genäht, zahlreiche  zeittypische Möbel- und sonstige Requisiten hergestellt oder beschafft und dreizehn Bühnen-(Hintergrund-)Bilder gemalt und auf große Stoffbahnen gedruckt werden.  Dabei gesteht der Bühnen- und Kostümbildner nur den Hauptfiguren dezente Farbakzente zu und setzt stattdessen bei allem Übrigen überwiegend auf eine Schwarz-Weiß-Optik, mit der er an die Ästhetik alter Stiche und  Fotoalben erinnert und so die Historizität des Stoffes und den dokumentarischen Charakter des Stückes betont.

Dass Mayerling dennoch äußerst modern wirkt und zahlreiche Vergleiche mit aktuellen Themen und Bezügen anbietet, liegt nicht nur an der fabelhaften Ausführung der Dekorationen, sondern auch und vor allem an den famosen Stuttgarter Tänzerinnen und Tänzern, die an diesem Premierenabend erneut eindrucksvoll zeigen, warum das Stuttgarter Ballett zu den besten Compagnien der Welt gezählt wird.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Chr.: Kenneth MacMillan - hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Chr.: Kenneth MacMillan – hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

An allererster Stelle ist hier Friedemann Vogel (Foto) zu nennen, der seinen Rudolf, dessen Rolle von der Kommunikationsdirektorin des Stuttgarter Ballett, Vivien Arnold, als „Mount Everest der Ballett-Literatur“ bezeichnet wird, von der ersten Bewegung im 1. Akt bis zu seinem Todesschuss im letzten Bild des 3. Aktes zu einem Ballettereignis allererster Güte macht. Dabei fällt es dem Beobachter schwer, die Details dieser Rolle und ihrer Umsetzung zu beschreiben und zu gewichten. Denn Friedemann Vogel ist in allen Szenen des Abends pausenlos auf der Bühne und hat dabei in ganz unterschiedlichen Szenen und Zusammenhängen die an Tragik nicht zu überbietende Entwicklung Rudolfs nachvollziehbar darzustellen, was allein schon eine Energieleistung ohne Beispiel ist. Wie das der erste Solist des Stuttgarter Ballett in den  insgesamt sieben Pas de deux Rudolfs mit dessen Mutter, seiner jungen Ehefrau, seiner letzten Geliebten Mary Vetsera und seinen beiden ehemaligen Geliebten sowie in mehreren Pas de cinq mit den ungarischen Separatisten und in den unzähligen diese umrahmenden Solis auf die Bühne bringt, verschlägt einem den Atem. Es ist höchste Tanzkunst und grenzt nicht selten an Akrobatik, wie er seine Tanzpartnerinnen über sich und an sich entlang windet, anzieht und wegstößt, hochstemmt und wieder zu Boden zieht, antreibt und dann wieder zum Innehalten animiert. Nicht minder atemberaubend ist Vogels  mimisch-gestische Präsenz, mit der er alle Empfindungen und inneren Vorgänge des Kronprinzen geradezu plastisch werden lässt und bis zur Betroffenheit erlebbar macht,  weshalb für diesen Ausnahmetänzer unbedingt der Begriff  „Tänzer-Darsteller“ eingeführt werden sollte.

Seine ihm in verschiedenen Rollen zur Seite gestellten Tanzpartnerinnen haben es, wie es bei einer mittelmäßigen Compagnie zu befürchten wäre, nicht schwer, mit ihm Schritt zu halten, sondern leisten mit ihren jeweiligen Auftritten einen ebenbürtigen Beitrag zu diesem Gipfel der Tanzkunst. Wegen der Bedeutung ihrer Rolle und deren höchst authentischer und glaubwürdiger Verkörperung sei Elisa Badenes als Baronesse Mary Vetsera als erste genannt. Ihr nimmt man nicht  nur ihre Leidenschaft in glücklichen Stunden, sondern auch die Bereitschaft ab, mit Rudolf in den Tod zu gehen. Äußerst genaue Rollenportraits liefern auch Alicia Amatriain als Marie Gräfin Larisch und Anna Osadcenko als Mizzi Casper, beides ehemalige Maitressen Rudolfs und ihm auf ganz unterschiedliche Weise noch immer verbandelt und zu Diensten. Miriam Kacerova gibt die Kaiserin Elisabeth als kühle, distanzierte, kaum liebesfähige Mutter, die ihrem Sohn in Sachen Ehebruch übrigens in nichts nachsteht, während man Diana Ionescu als Kronprinzessin Stephanie, Rudolfs junger Zwangsehefrau, deren Fremdheit, Zerbrechlichkeit und Ablehnung jederzeit ansieht und abnimmt.

Von den zahlreichen weiteren Tänzern des groß besetzten Abends seien hier beispielhaft Alexander Mc Gowan, Adrian Oldenburger, Marti Fernández Paixà und Flemming Puthenpurayil als wundervolles Quartett ungarischer Offiziere sowie Adhonay Soares da Silva als Rudolfs komisch-überdrehtes Faktotum Bratfisch  genannt.

Als Verbeugung des neuen Ballettdirektors Tamas Detrich vor den großen Leistungen früherer Verantwortlicher des Stuttgarter Balletts darf man die Geste werten, in den ersten fünf Vorstellungen von Mayerling mit Marcia Haydée als Erzherzogin Sophie, Georgette Tsingurides als deren Hofdame und Egon Madsen  als Kaiser Franz Joseph I. drei ehemalige Stuttgarter Stars an ihre frühere Wirkungsstätte zurückzuholen.

Sie reihen sich in den großen Szenen bescheiden in das Corps des Ballets ein, das durch einprägsame und beeindruckende Milieustudien besticht, wie etwa den Tanz der Kammerzofen, das Bachanale der Dirnen und ihrer Freier in der Wirthausszene des 2. Aktes oder durch die Ball-Episoden zu Beginn des 1. Aktes.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Chr.: Kenneth MacMillan - hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Chr.: Kenneth MacMillan – hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Verlässlicher musikalischer Garant des tänzerischen Geschehens ist das Staatsorchester Stuttgart, das unter der Leitung des jungen russischen Gastdirigenten Mikhail Agrest seine große Erfahrung und Klasse auch als „Ballettorchester“ unter Beweis stellt. Es hält den ganzen Abend über die Balance zwischen dem gefühlsbetonten, lebensbejahenden, romantischen Ausdruck, den die von John Launchbery seinerzeit für MacMillan zusammengestellte Musik Franz Liszts erfordert und dem morbiden, dekadenten Flair, welches die Handlung des Balletts begleitet und unterstreicht.

So zeigen alle Mitwirkenden dieser jüngsten Stuttgarter Ballettproduktion, was MacMillans Choreografie auch 40 Jahre nach ihrer Uraufführung noch immer auszeichnet: Die Erweiterung des traditionellen drei-aktigen Handlungsballetts um einen neuen, fast wagemutigen Bewegungsstil und die Einführung einer bis dato unbekannten, semi-artistischen Form von Körperlichkeit, die heute eher dem zeitgenössischen als dem klassischen Tanz zugeordnet wird, kurz, das Vermächtnis eines „experimentierfreudigen Traditionalisten“. Vor dem Hintergrund der nationalistischen Verwerfungen in Europa und der Zunahme an korrupten, egoistischen, nur auf Machterhalt erpichten Selbstdarsteller in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erhält dieses scheinbar aus der Zeit gefallene Ballett eine große Aktualität und neue Deutungskraft.

Auch dafür spendete das Publikum im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus frenetischen, minutenlangen Applaus; ja beim Erscheinen Jürgen Roses gab es stehende Ovationen.

Mayerling – Stuttgarter Ballett; weitere Vorstellungen 24., 25. 28. Mai, 1., 8. 9. Juni, 28. Juli 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Die Spielzeit 2019/20

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Die Spielzeit 2019/20 an der Deutschen Oper am Rhein

30 Opern und sieben Ballettprogramme auf den großen Bühnen in Düsseldorf und Duisburg

Mit dem 4. Haniel Klassik Open Air vor dem Theater Duisburg startet die Deutsche Oper am Rhein am 6. Septem­ber in die Spielzeit 2019/20. Für die rund 300 Vorstellungen im Opernhaus Düsseldorf und im Theater Duisburg sind ab sofort Tickets erhältlich. Im Fokus stehen zehn Opernpremieren – darunter sechs Neuproduktio­nen – und 19 weitere Stücke aus dem großen Opernrepertoire. Das Ballett am Rhein präsentiert sechs Ballettprogramme mit insgesamt 17 Choreographien. Festliche Galas und Konzerte, Liedermatineen, Kammermusik und nicht zuletzt das vielfältige Angebot der Jungen Oper am Rhein ergänzen das Programm der kommenden Saison.


Oper in Düsseldorf und Duisburg

„Samson et Dalila“, Camille Saint-Saëns‘ französische Oper über den Freiheitskampf der in Sklaverei gefallenen Hebräer und ihren verführbaren Helden Samson kommt am 18. Oktober im Opernhaus Düsseldorf auf die Bühne – und das zum ersten Mal seit Gründung der Deutschen Oper am Rhein im Jahr 1956. Joan Anton Rechi, der hier zuletzt sehr erfolgreich „Madama Butterfly“ inszenierte, setzt die erste Neuproduktion der Spielzeit in Szene. Generalmusikdirektor Axel Kober hat die musikalische Leitung und übergibt den Stab im November an Marie Jacquot, die neue Erste Kapellmeisterin der Deutschen Oper am Rhein. Die Titelpartien gestalten Ramona Zaharia (Dalila) und Michael Weinius (Samson).

Vor dem historischen Hintergrund des englischen Bürgerkriegs entspinnen sich die dramatischen Liebes­ver­wicklungen in Vinzenzo Bellinis Oper „I puritani“, die am 18. Dezember im Opernhaus Düsseldorf Premiere feiert. In seiner zweiten Regiearbeit für die Deutsche Oper am Rhein widmet sich Rolando Villazón nach Doni­zettis „Don Pasquale“ erneut einem Klassiker des Belcanto. Antonino Fogliani hat die musikalische Leitung. Adela Zaharia, die in dieser Spielzeit als Maria Stuarda und Violetta Valéry gefeiert wurde, debütiert als Elvira in einer weiteren wichtigen Partie des Belcanto-Fachs. Ioan Hotea gastiert als Lord Arturo Talbot in Düsseldorf.

Als beste Nachwuchskünstlerin 2015 mit dem International Opera Award ausgezeichnet, ist Lotte de Beer heute europa­weit als Regisseurin gefragt. Mit Georg-Friedrich Händels Zauberoper „Alcina“ präsentiert die Niederländerin am 14. Februar im Opernhaus Düsseldorf ihre erste Inszenierung für die Deutsche Oper am Rhein. Den zeittypischen Orchesterklang entwickeln die Barockspezialisten der Neuen Düsseldorfer Hofmusik unter Leitung von Generalmusikdirektor Axel Kober. Rollendebüts geben Jacquelyn Wagner als Alcina, Maria Kataeva als Ruggiero und Elena Sancho Pereg als Morgana. Wallis Giunta gastiert als Bradamante.

Als vierte Neuproduktion im Opernhaus Düsseldorf und Koproduktion mit der Opera Vlaanderen hat Giuseppe Verdis „Macbeth“ am 29. Mai Premiere. Der Regisseur Michael Thalheimer entwickelt seine Inszenierung aus den innersten Triebkräften der Figuren und knüpft mit Boris Statsenko (Macbeth) und Liana Aleksanyan (Lady Macbeth) an seine ein­dring­liche Interpretation von Verdis „Otello“ an. Unter musikalischer Leitung von Axel Kober wird „Macbeth“ 2020 auch live gestreamt auf www.operavision.eu.

Als Glanzstück der Wiener Operette feiert „Die Fledermaus“ von Johann Strauß am 25. Januar im Opernhaus Premiere. Nach dem Premierenerfolg in Duisburg setzt Axel Köhler das quirlige Ensemblestück nun in Düsseldorf in Szene: Norbert Ernst ist Gabriel von Eisenstein, Anke Krabbe seine Frau Rosalinde, Thorsten Grümbel spielt den Gefängnisdirektor, die Düsseldorfer Schauspiel-Legende Wolfgang Reinbacher den Frosch. Benjamin Reiners dirigiert die Düsseldorfer Symphoniker.

Im Theater Duisburg wird die Spielzeit 2019/20 am 28. September mit der Premiere von Peter Iljitsch Tschaikowskys „Pique Dame“ eröffnet. In der Inszenierung der amerikanischen Regisseurin Lydia Steier feiert das opulente Außenseiterdrama zunächst am 25. Mai 2019 in Düsseldorf Premiere und kommt vier Monate später in der neuen Sängerbesetzung mit Sergej Khomov als Hermann, Sarah Ferede als Lisa und Renée Morloc als Gräfin in Duisburg auf die Bühne. Aziz Shokhakimov hat die musikalische Leitung.

Das Künstlertum ist Thema in Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“, die am 8. Novem­ber in der Neuinsze­nie­rung von Philipp Westerbarkei in Duisburg herauskommt. Antonino Fogliani übernimmt die musikalische Leitung der ersten Neupro­duk­tion im Theater Duisburg, an der Liana Aleksanyan als Mimí, Ovidiu Purcel als Rodolfo und Bogdan Baciu als Marcello mitwirken.

Neben seiner Tätigkeit als Spielleiter bekam Philipp Westerbarkei in der Spielzeit 2018/19 Gelegenheit zu seiner ersten großen Inszenierung am eigenen Haus: Charles Gounods Shakespeare-Adaption „Roméo et Juliette“ läuft aktuell in Düsseldorf und feiert am 1. Februar mit neuer Sängerbesetzung Premiere in Duisburg. Gustavo di Gennaro (Roméo) und Sylvia Hamvasi (Juliette) gestalten die beiden Hauptpartien, Marie Jacquot dirigiert die Duisburger Philharmoniker.

Nachwuchsförderung ist ein wichtiges Thema an der Deutschen Oper am Rhein. Auf der Plattform Regie „Young Directors“ stellen sich am 19. April im Theater Duisburg zwei Spielleiterinnen mit eigenen Produktionen vor: Esther Mertel führt mit Georg Friedrich Händels Oratorium „Der Triumph der Zeit und der Desillusion“ in die Welt des römischen Barock, während Ilaria Lanzino ein Werk des 20. Jahrhunderts inszeniert: Viktor Ullmann schrieb seine Oper „Der Kaiser von Atlantis“ 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt als Allegorie auf die politischen Verhältnisse. Die musikalische Leitung der beiden Einakter übernehmen mit Jason Tran und Jesse Wong zwei junge Dirigenten aus dem Ensemble.

In 19 weiteren Opern aus dem großen Repertoire sind die profilierten Sängerinnen und Sänger aus dem eigenen Ensemble und Gastsolisten aus aller Welt zu erleben. So kehren nach langer Zeit „Salome“ von Richard Strauss (6. März) und Gaetano Donizettis  „La Fille du Régiment“ (27. März) auf die Düsseldorfer Bühne zurück – mit Rollendebüts von Agneta Eichenholz  als Salome und Elena Sancho Pereg als charmante Soldatenbraut. Der neu inszenierte „Ring des Nibelungen“ kommt als Zyklus sowohl im Theater Duisburg (12. –17. November) als auch im Opernhaus Düsseldorf (7. – 13. April) zur Aufführung.


Junge Oper am Rhein

Gruselig, lustig und fesselnd liest sich Cornelia Funkes Internatsgeschichte „Geisterritter“, die in der Vertonung von James Reynolds auch das Opernpublikum begeistert. Inszeniert von Eric Petersen und uraufge­führt am Theater Bonn, feiert die neueste Familienoper im Rahmen der Kooperation „Junge Opern Rhein-Ruhr“ am 20. September, zum Start in die neue Saison, in Düsseldorf Premiere. Patrick Francis Chestnut hat die musikalische Leitung. Nach erfolgreichen Aufführungen an der Deutschen Oper am Rhein, in Dortmund und Bonn kehrt „Ronja Räubertochter“, Jörn Arneckes Familienoper nach dem Kinderbuchklassiker von Astrid Lindgren, ins Theater Duisburg zurück. Aus guter Tradition kommt Engelbert Humperdincks Familien­klassiker „Hänsel und Gretel“ auf die Bühnen beider Städte. Seine Inszenierung – die älteste im Repertoire der Deutschen Oper am Rhein – wird in dieser Spielzeit 50 Jahre alt!

Ganz nah am Bühnengeschehen sind Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter bei der mobilen Produktion „Nils Karlsson Däumling“, dem Musiktheater „Gold!“ und der „Zauberflöte für Kinder“. Mitmach-Angebote wie der Kinderchor am Rhein und das Mitsing-Projekt „Musik verbindet“, künstlerisch-praktische Projekte wie „Opernmacher 2.0“ und „Musiktheater im Labor“ sowie die intensive Vermitt­lungs­arbeit der Jungen Oper am Rhein ermöglichen jungen Menschen zwischen 4 und 28 Jahren vielfältige Zugänge zu Oper und Ballett.


Ballett am Rhein

Die letzte Spielzeit unter der künstlerischen Direktion von Martin Schläpfer ist in vielerlei Hinsicht dem Schaffen des Schweizer Künstlers gewidmet. Sie bietet zahlreiche Gelegenheiten, das Ballett am Rhein noch einmal in ausge­wählten Schläpfer-Choreographien zu erleben: Mit „Schwanensee“, „Reformations­sym­phonie“, „Ramifications“, „Streichquartett“, „Ulenspiegeltänze“ und „7“ stehen allein sechs Reprisen seiner Stücke auf dem Spielplan. Den Auftakt macht ab 3. Oktober im Opernhaus Düsseldorf und ab 6. Dezember im Theater Duisburg Martin Schläpfers jüngstes Erfolgsstück „Schwanensee“.

Aber auch eine Uraufführung präsentiert Martin Schläpfer. Im Programm b.41, das ab 23. November im Düsseldorfer Opernhaus zu erleben ist, formuliert er in „Cellokonzert“ tänzerische Antworten auf Dmitiri Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll op.126. Den Auftakt des vierteiligen Programms macht Ji?í Kyliáns „Forgotten Land“, ein Stück über Untergang und Verlust von Heimat, das der tschechische Künstler 1981 im Auftrag von Marcia Haydée für das Stuttgarter Ballett geschaffen hat. Mit Martha Grahams Solo „Lamentation“ und „Steps in the Street“ zeigt das Ballett am Rhein erstmals zwei Werke der Grande Dame des American Modern Dance, die mit ihrer Tanztechnik seit den späten 1920er Jahren die Ästhetik des Bühnen­tanzes revolutionierte. Die musikalische Leitung des Programms b.41 haben GMD Axel Kober sowie Wen-Pin Chien.

Eine weitere Uraufführung kreiert Ballettdirektor Remus ?uchean?: „Symphonic Poem“ zur Komposition „Metacosmos“ von Anna Thorvaldsdottir heißt sein neues Ballett, in dem er sich von den Musik gewordenen Kraftfeldern der Isländerin inspirieren lässt. ?uchean?s Uraufführung steht im Zentrum des Programms b.42, das mit „Square Dance“ außerdem eine selten zu sehende, tänzerisch höchst anspruchsvolle Balanchine-Einstudierung präsentiert. Erstmals seit 2012 wieder mit dem Ballett am Rhein zu erleben ist Martin Schläpfers „Reformationssymphonie“ zur gleichnamigen Komposition von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die gefeierte Choreographie bildet den Schlusspunkt des Programms b.42, das ab 10. Januar unter der musikalischen Leitung von Martin Braun im Theater Duisburg auf die Bühne kommt.

Der kanadische Choreograph Robert Binet, der mit seiner Uraufführung „New World“ im November letzten Jahres das Publikum für sich eingenommen hat, zeigt im Programm b.43 mit „Dark with Excessive Bright“ ein neues Stück zu drei Kompositionen der Grammy Award-nominierten Amerikanerin Missy Mazzoli. Mit „Notations I–IV“ und „Siebte Sinfonie“ nimmt das Ballett am Rhein zum ersten Mal seit 2002 Choreographien von Uwe Scholz ins Repertoire auf. Einen filigranen Gegenpart zu Scholz‘ Solo „Notations I–IV“ bildet das 2005 für die Ballerina Marlúcia do Amaral kreierte Solo „Ramifications“ von Martin Schläpfer. Es komplettiert das Programm b.43, das ab 13. März in Düsseldorf unter der musikalischen Leitung von Finnegan Downie Dear und ab 4. April in Duisburg unter dem Dirigat von Stefan Klingele zu sehen ist.

Mit dem 1992 für das New York City Ballet kreierten „Herman Schmerman“ präsentiert das Ballett am Rhein erneut ein Stück von William Forsythe. In Kostümen des Designers Gianni Versace nehmen die Tänzerinnen und Tänzer das Publikum mit auf ein Tanzabenteuer, über das Forsythe scherzte, es habe genauso wenig zu bedeuten wie sein Titel, sondern sei einfach ein Stück über das Tanzen, das sehr viel Spaß macht. Nicht fehlen darf ein Stück von Hans van Manen – mit „Short Cut“ zeigt das Ballett am Rhein eine Choreographie des Meisters, die er 1999 für das Nederlands Dans Theater in Den Haag geschaffen hat. Für sein „Streichquartett“ zur Musik von Witold Lutos?awski erhielt Martin Schläpfer 2007 den als Oskar der Tanzwelt begehrten Prix Benois de la Danse. Als Finale des Programms b.44 ist dieses zentrale Werk ab 9. Mai erneut mit dem Ballett am Rhein zu erleben.

Zum Ende der Spielzeit 2019/20 heißt es Abschied nehmen von Martin Schläpfer. b.ye heißt deshalb das letzte Programm der Ära Schläpfer. Es schließt sich der 44-teiligen b-Reihe an, die bis dahin unter seiner künstlerischen Direktion für Düsseldorf und Duisburg entstanden ist. Mit einer Ballett-Gala, bei der neben Werken von Weggefährten auch Schläpfers „Ulenspiegeltänze“ zu erleben sind, einer exklusiven Reprise seines Gustav Mahler Balletts „7“ sowie einer letzten Vorstellung von „Schwanensee“ feiert das Ballett am Rhein vom 24.  bis zum 28. Juni 2020 Martin Schläpfer und dessen Kunst, bevor er sich als Direktor dem Wiener Staats­ballett und der Wiener Ballettakademie widmet.


Ballettgastspiele 2019/20: Japan, Österreich und NRW

Auch an anderen Spielstätten präsentiert das Ballett am Rhein wieder Ausschnitte aus seinem vielschichtigen Repertoire: Die weiteste Reise macht in der kommenden Spielzeit Martin Schläpfers „Schwanensee“, den die Compagnie im September 2019 sowohl in Tokyo als auch in Osaka auf die Bühne bringt. Unter der musikali­schen Leitung von Motonori Kobayashi werden die Tänzerinnen und Tänzer vom Theater Orchestra Tokyo sowie vom Osaka Symphony Orchestra begleitet. Eine weitere Bühne für Martin Schläpfers „Schwanensee“ ist im März 2020 die des Festspielhauses St. Pölten, wo das Tonkünstler Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Axel Kober den musikalischen Part übernimmt. Beim Festival „Highlights des Internationalen Tanzes Oper Bonn“ schließlich zeigt das Ballett am Rhein im Mai 2020 „Streichquartett“ und „Ulenspiegeltänze“ von Martin Schläpfer sowie „Herman Schmerman“ von William Forsythe.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Dances at a Gathering – Initialen R.B.M.E., IOCO Kritik, 19.01.2018

Januar 20, 2018 by  
Filed under Ballett, Hervorheben, Kritiken, Staatsoper Stuttgart

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Begegnungen –  Reid Anderson – Stuttgarter Ballett

 Fazit einer Ära und Verheißung für die Zukunft

Von  Peter Schlang

Als eine der letzten Premieren seiner 22jährigen Amtszeit als Intendant des Stuttgarter Balletts und seiner dann insgesamt 44jährigen Zugehörigkeit zu dieser Compagnie setzte Reid Anderson einen Ballettabend aufs Programm, der erstmals zwei wahre Edelsteine an Choreografien an einem Abend vereint: Jerome Robbins am 22. Mai 1969 am New York City Ballett herausgekommene Dances at a Gathering, die seit  29. November 2002 zum Repertoire des Stuttgarter Balletts gehören, und John Crankos unübertroffener Klassiker Initialen R.B.M.E., welcher vor genau 46 Jahren, am 19. Januar 1972, in Stuttgart seine umjubelte Uraufführung erlebte.

„Plädoyer für Freundschaft und respektvolles Miteinander auf die Bühne“

Beide Ballette sind unbestritten choreografische Meisterwerke und widmen sich, jedes auf seine unnachahmliche bzw. ihres Schöpfers individuell-geniale Weise, dem Lob der Freundschaft und des menschlichen Zusammenhalts.  Gemeinsam ist ihnen aber nicht nur das Thema, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Melancholie und Leichtigkeit, mit der sie das menschliche Miteinander charakterisieren und das Leben mit reichen, vielschichtigen Emotionen feiern.

 Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering von Jerome Robbins © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering von Jerome Robbins © Stuttgarter Ballett

Robbins‘  Dances at a Gathering erzählt in einer virtuos-zarten Choreografie von Abschied und Aufbruch sowie von der Wertschätzung des Einzelnen und dessen Gemeinschaft  mit anderen Menschen. Crankos Initialen R.B.M.E. ist sein persönlichstes Ballett; in ihm würdigt er seine Freundschaft zu seinen  Ersten Solisten, Musen und Partnern Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen und deren wunderbare Beziehung zueinander. Mit diesem Stück hinterließ der Gründer des Stuttgarter Balletts, der im vergangenen August  90 Jahre alt geworden wäre, nicht nur eine ‚Ode an die Freundschaft‘, in der die Verehrung für seine Tänzer weiterlebt, sondern auch ein Werk, in dem sich ebenso Kern und Essenz seines künstlerischen Schaffens konzentrieren.

Jerome Robbins, der nicht nur als Choreograf, sondern auch als Musical-Autor und Regisseur große Erfolge feierte, stellt in seinen sechzehn Szenen für insgesamt je fünf Tänzerinnen und Tänzer Studien des reinen Tanzes in ländlichem Milieu vor und kombiniert darin klassisches Ballett mit Elementen des Volkstanzes. Dabei wirkt Vieles improvisiert, offenbart aber stets eine tiefere Ebene, so etwa, wenn Momente des Abschieds und Umbruchs oder festliche Zitate von Freundschaft und Begegnung zu exemplarischen Studien des Lebens werden. Dabei überrascht noch immer die Leichtigkeit dieser Petitessen, die in starkem Gegensatz zu der Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten herrschenden zerrissenen, kalten Atmosphäre steht, in welcher der Vietnamkrieg und Morde an Politikern und Bürgerrechtlern das Klima vergifteten. Diese Leichtigkeit und Unbeschwertheit rührt sicherlich auch von der von Robbins für sein Ballett ausgewählten Musik, sechzehn Klavierstücken Frédéric Chopins. Diese, in der Mehrheit Etüden, Mazurkas und Walzer, wurden am Premierenabend von Alexander Reitenbach, einem einfühlsamen Begleiter und „Tanz-Ermöglicher“, so leichthändig, federnd und dennoch tiefgründig interpretiert, dass es für die zehn Mitglieder der Stuttgarter Compagnie das reine Vergnügen gewesen sein muss, darauf ihre Pirouetten zu drehen, Sprünge zu absolvieren, die zahlreichen Hebefiguren zu bewältigen und Gruppenbilder zu komponieren.

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering © Stuttgarter Ballett

In jedem Fall und zu jeder Zeit verkörpern Veronika Verterich, Alicia Amatriain, Hyo-Jung Kang, Elisa Badenes und Sinéad Brodd als Tänzerinnen sowie ihre Kollegen Adhonay Soares da Silva, Friedemann Vogel, Jason Reilly, Moacir de Oliveira und Martí Fernández Paixà  die im Titel Dances at a Gathering versprochenen Gruppen-  und Freundschaftsbande und –szenen auf lebendigste und äußerst anrührende Weise. Sie geben aber auch dem Humor und dem in menschlichen Beziehungen angebrachten ironisch-sanften Zweifel den nötigen Raum. Für letzteren sorgt bei ansonsten kahlem Bühnenraum die ständige und einheitliche Projektion eines blauen Himmels mit sich leicht verändernden Formationen von federleichten Schleierwolken, die auch einen stimmungsvollen, stimmigen und poetischen Hintergrund schafft und den in zarten Pastellfarben gehaltenen Kostümen zu einer träumerisch-heiteren Wirkung verhilft.

Crankos nach der Pause zu bestaunende, bereits erwähnte Verneigung vor seinen vier herausragenden Solisten und Säulen seiner Compagnie wirkt auch mit der aktuellen Besetzung durch die Kraft und Selbstbewusstsein, aber auch Zerbrechlichkeit und Demut demonstrierenden jungen Tänzerinnen und Tänzer radikal wie betörend.

Adhonay Soares da Silva als „R“ichard, Elisa Badenes als „B“irgit, Alicia Amatriain als „M“arcia und Moacir de Olveira als „E“gon  (R.B.M.E.) verdeutlichen  auf  eindrucksvolle Weise, dass Crankos Vermächtnis auch 46 Jahre nach seiner Entstehung noch jene Kraft und Wärme entfaltet, die seinerzeit Publikum wie Kritik in Begeisterung versetzt hatten. Und der Berichterstatter, der Mitte der siebziger Jahre die Original- bzw. Erstbesetzung erlebt hatte, kann dem aktuellen Solistenquartett die gleiche Authentizität, Glaubwürdigkeit, Originalität und Überzeugungskraft bescheinigen, die er damals bei den vier Widmungsträgern bewundert hat.

 

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett hier_ Initialen R.B.M.E. von John Cranko © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett hier_ Initialen R.B.M.E. von John Cranko © Stuttgarter Ballett

Mag sein, dass die aktuelle Generation der Tänzerinnen und Tänzer die Sache athletischer und akrobatischer angeht als die Generation Crankos und seiner vier Solistenfreunde. Die für sie geschaffene Choreografie  wirkt dennoch  zeitlos modern, und die Längen in einigen  auf den Beobachter weniger spannend und interessant wirkenden Passagen im dritten Teil sind vermutlich weniger ein Problem der verstrichenen Zeit als dem hier zu hörenden Andante aus Brahms’ zweitem Klavierkonzert geschuldet. Dessen einleitendes Allegro und das folgende Scherzo werden vom Choreografen und den ausführenden Tänzerinnen und Tänzern genauso lustvoll und stimmig interpretiert wie das abschließende Rondo. In allen vier Sätzen des mehr an eine Sinfonie als an Solokonzert erinnerndes Werks überzeugen das Staatsorchester Stuttgart unter der bewährt-traumhaft-sicheren Leitung seines Ballettdirigenten James Tuggle und der höchst aufmerksam und feinfühlig agierende Pianist Andrej Jussow mit sinfonischer Präzision und höchster dynamischer Abstufung und sind ein bewährter wie einfühlsamer Begleiter und musikalischer Illustrator aller auf der Bühne zu sehenden Emotionen und Bewegungen.  Von dieser sensiblen wie flexiblen musikalischen Unterstützung profitieren nicht nur die vier beschriebenen Tänzer der Titelfiguren und ihre anderen solistischen Partner, sondern auch das Corps de Ballett, das in den vier Teilen des Werks bis in bühnenfüllender Stärke im Einsatz ist. Zusammen mit den Solisten demonstrieren seine Mitglieder sensibel und glaubhaft  die verschiedenen Facetten von Freundschaft und Beziehungen, ob es sich nun um Zurückhaltung oder Leidenschaft,  Solidarität oder Gewähren von Freiräumen, Achtung und Respekt oder Treue und Begeisterung für einander handelt.

Der neue Ballettabend Begegnungen des Stuttgarter Balletts auf Frédéric Chopins beschwingte Klavierstücke und Johannes Brahms‘ grandioses zweites Klavierkonzert bietet nicht nur tänzerisch und musikalisch ein exquisites Programm. Mit den beschriebenen zwei Pretiosen an wundervollen „Begegnungsballetten“ kann es in einer Zeit wachsender Ungleichheit, zunehmender Vereinzelung und digitaler Entfremdung auch Mut dazu machen, traditionelle menschliche Bindungen zu pflegen und Werte wie Freundschaft, Begegnung, Solidarität und gegenseitige Unterstützung neu und stärker zu gewichten als kurzfristigen Erfolg und persönliche Dominanz.

Stuttgarter Ballett – Begegnungen: Weitere Vorstellungen 20. und 21. Januar, 10., 11., 16. und 17. Februar sowie 19. Juli 2018.