Mannheim, Nationaltheater, Der Troubadour – Il Trovatore, IOCO Kritik, 25.07.2019

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 DER TROUBADOUR – Giuseppe Verdi  

– Liebe und Rache –  In Zeiten des Krieges –

von Uschi Reifenberg

Kurz vor der Sommerpause setzte das NTM, das Nationaltheater Mannheim,  mit einer Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Der Troubadour einen phänomenalen Schlusspunkt nach einer glanzvollen, an Höhepunkten reichen Spielzeit und stellte wieder einmal seine herausragende Stellung in der Theaterlandschaft unter Beweis.

Il Trovatore gilt mit seiner verworrenen und widersprüchlichen Handlung, seiner langen und komplizierten Vorgeschichte und den dramaturgischen Ungereimtheiten als schwer inszenierbar und stellt so große Herausforderungen. Das Aufeinanderpallen polarer Leidenschaften von Liebe und Hass, Eifersucht und Opferbereitschaft, menschliche Abgründe in vielfacher Ausprägung, Kindesverwechslung, Unterdrückung, Menschen-verbrennung, Folter und Mord sowie das alles beherrschende Trauma der Rache, spitzen sich in Verdis Schauerdrama in einer unaufhaltsam Spirale der Ausweglosigkeit immer weiter zu.

Il Trovatore –  Giuseppe Verdi
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Die Darstellung der entgrenzten Emotionen, die Fülle an melodischen Einfällen, hinreißende Solonummern, Ensembles und Chöre, sowie die Vielfalt an prägnanten und federnden Rhythmen, lassen den Troubadour bis heute auf der Beliebtheitsskala ganz oben rangieren.

Im Schaffen Verdis ist Il Trovatore stilistisch in der Mitte zwischen den genialen Spätwerken und der frühen Schaffensperiode einzuordnen. Mit Rigoletto und La Traviata bildet die Oper die sogenannte „trilogia popolare“ (populäre Trilogie), Höhe- und Wendepunkt in Verdis Schaffen, die ihm weltweite Anerkennung bescherte.

Verdis Weg zum italienischen Musikdramatiker im 19. Jahrhundert nimmt seinen Ausgang in der Tradition des frühromantischen Belcanto im Stil eines Bellini, Rossini oder Donizetti mit deren  artifiziellem Ziergesang, Trillern und Koloraturen. Verdis Bestrebungen galten aber zunehmend der psychologischen Durchleuchtung seiner Figuren, der musikalischen Umsetzung einer inneren Wahrheit, dramatischem Ausdruck und realistischer Darstellung auf der Bühne. Die Gesangstimmen transportieren in bis dahin nie gehörter Weise alle Facetten der menschlichen Seele, ihre Abgründe, Konflikte und Grenzerfahrungen.

Il Trovatore – Arie   Di quella pira – Irakli Kakhidze als Manrico
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1850 hatte Verdi das Drama El trovador (1836) des spanischen Literaten Garcia Gutierrez als Vorlage für eine neue Oper ins Auge gefasst. Er beauftragte Salvatore Cammarano, einen der damals begehrtesten Textdichter, mit dem ihn bereits eine frühere Zusammenarbeit verband, mit der Verfassung eines Librettos. Cammaranos starke Verkürzung und Komprimierung des Stoffes hatte zur Folge gehabt, dass das Endergebnis des Werkes als wenig befriedigend galt. Die Einteilung erfolgte in 4 Akte mit je zwei Bildern mit den Titeln: Das Duell, Die Zigeunerin, Der Sohn der Zigeunerin und Die Hinrichtung. Als Cammarano 1852 überraschend starb, wandte sich Verdi an den Schriftsteller Leone Emanuele Bardare, der die fehlenden Teile des 3. und 4. Aktes nach den vorliegenden Skizzen vollenden sollte. Auch das wiederum war einem einheitlichen Handlungsablauf nicht förderlich. Die Verdichtung der einzelnen Bilder und ihre lose Folge, gaben Verdi aber auch die Möglichkeit, deren Essenz musikalisch unmittelbar und focussiert zu gestalten und die Handlung zwischen die Akte zu verlegen.

Die Uraufführung 1853 im Apollo Teatro in Rom war einer der größten Triumphe der italienischen Aufführungsgeschichte und verbreitete sich in Windeseile in ganz Europa. Die historische Vorlage, El trovador, ist um 1410 in Spanien angesiedelt, als ein Thronfolgestreit um die Krone von Aragon zwischen den Häusern Urgel und Kastilien entbrannt war und die Gesellschaft in einem grausamen Bürgerkrieg tief gespalten wurde.

Zwei Brüder, Graf Luna und der Troubadour Manrico, deren Beziehung zueinander erst am Ende der Oper enthüllt wird, kämpfen in gegnerischen Lagern und lieben unglücklicherweise die gleiche Frau. Zentrale Figur in diesem obskuren Nachtstück aber ist die Zigeunerin Azucena, deren Leben nur noch um die unkontrollierbare Obsession der Rache kreist. Ihre Mutter wurde dereinst vom alten Grafen Luna auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Daraufhin raubte sie aus Rache eines der beiden Kinder von Luna und warf im Wahn versehentlich das eigene Kind statt des geraubten ins Feuer. Eben jenen Ziehsohn, den Rebellen und Sänger Manrico, den sie für ihren Rachefeldzug gegen den jungen Graf Luna instrumentalisiert und den sie dennoch abgöttisch liebt.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore -  hier :  Irakli Kakhidze als Manrico und Julia Faylenbogen als Acucena © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore – hier : Irakli Kakhidze als Manrico und Julia Faylenbogen als Acucena © Hans Jörg Michel

Der renommierte Regisseur Roger Vontobel, der am NTM bereits mit großem Erfolg Verdis Aida und Beethovens Fidelio inszenierte, stellt in seiner Deutung des Troubadour den Topos des Scheiterhaufens ins Zentrum der Handlung. Auf der Bühne herrscht undurchdringliches Dunkel, nur spärlich erhellt vom Feuerschein, der auf übergroße Leinwände im Hintergrund gespenstische Schatten projiziert. Die albtraumhafte Atmosphäre wird bereichert durch starke hell-dunkel Kontraste in der beklemmenden Lichtregie von Frank Kraus. Nur wenn Azucena die Flammen des Scheiterhaufens heraufbeschwört, färbt sich das weiße Licht rot, ein magischer Effekt.

Eine kleine Drehbühne in der Mitte unterstützt die gelungenen Bildwechsel im variablen Einheitsbühnenbild von Claudia Rohnert. Die einzelnen Szenen sind zeitlich nicht definiert, das Geschehen changiert zwischen Archaik, Gegenwart oder auch Zukunft.

Vor dem Einsetzen der Musik kommt eine junge Frau im heutigen Outfit mit Jeans und Baseballkappe auf die Bühne, sie trägt ein in Tüchern gewickeltes Bündel auf dem Arm; ein Kleinkind? Das Heulen eines Sturmes ist zu hören, dann windet sich die Frau, lässt die Tücher fallen: sie sind leer!

Der Paukenwirbel beginnt, die junge Frau verwandelt sich nun in das „tanzende Trauma“, eine von Roger Vontobel eingefügte Kunstfigur, die in faszinierenden Choreografien (Zento Haerter) die Protagonisten begleitet, deren Seelenzustände verdoppelt, illustriert oder konterkariert. Nebelschwaden wabern im Raum, gezackte Holzscheite hängen bedrohlich von der Decke, symbolisieren den Scheiterhaufen, Kerkermauern oder formieren sich später auch zu einem riesigen Kreuz. Es herrscht trostlose Dunkelheit, ab und zu blitzt ein Licht auf. Soldaten sitzen auf der Drehbühne, sie sind kriegsversehrt, erinnern an den 1.Weltkrieg, mit bleichen Gesichtern, maskenhaft verfremdet, es fehlen ihnen Gliedmaßen.

Alle Personen sind vom Bürgerkrieg schwer gezeichnet, auch Graf Lunas Waffenbruder Ferrando hat nur noch einen Arm, seine Erzählung an die Soldaten ist eine Rückblende der vormaligen Geschichte des alten Grafen Luna, seiner beiden Söhne und der unseligen Zigeunerin, die zur Rächerin ihrer auf dem Scheiterhaufen verbrannten Mutter wird. Die Szene wird wieder von riesigen gruseligen Schattenbildern im Hintergrund bebildert.

Leonora, Objekt der Begierde der beiden verfeindenden Brüder, ist zunächst in Spiel und Gestik ein junges, verliebtes Mädchen, das mit einem Messer spielt und dieses trotzig mal gegen ihre Freundin Inez oder gegen sich selbst richtet, nichtsahnend, welch grausame Wendung ihr Schicksal nehmen wird.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore - hier :  Bartosz Urbanowicz als Ferrando und Ensemble © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore – hier : Bartosz Urbanowicz als Ferrando und Ensemble © Hans Jörg Michel

Graf Luna erscheint nicht nur als die Inkarnation des Bösen, sondern wird ebenfalls von seinen Traumata beherrscht. Eine zweifelnde Gestalt, die zwischen seiner unglücklichen Liebe zu Leonora und dem Versprechen, den verschwundenen Bruder zu finden, hin-und hergerissen ist. Auch Manrico befindet sich in einer zwiespältigen Situation. Er ist der Rebell, der mit den Aufständischen gegen die Herrschenden kämpft und gleichzeitig der Troubadour, der mit der Kraft seiner Stimme eine Gegenwelt der Poesie und Schönheit in der grausamen Realität des Krieges schafft, aber von Leonora geliebt wird. Manrico und Luna ähneln sich auch äußerlich, sie haben die gleiche Frisur, Statur und Mantel, nichts ahnend von ihrer Herkunft.

Die einzigen Farbtupfer im düster dräuenden Dunkel sind Azucena und die Zigeuner mit ihren bunten und lebenslustigen Kostümen (Nina von Melchow). Diese handeln mit Arm-und Beinprothesen, ein einträgliches Geschäft in Zeiten des Krieges. Die alte Zigeunerin Azucena mit Gehstock und wirren grauen Haaren, quälen die immer gleichen wahnhaften Visionen vom Feuertod ihrer Mutter auf dem Scheiterhaufen und ihrer entsetzlichen Tat, das eigene Kind versehentlich ins Feuer geworfen zu haben.

Die Klosterszene wird wieder beherrscht vom Kontrast der gleißend weißen Kutten der Nonnen im dunklen Bühnenbild, das vom Schein der Kerzen schwach erleuchtet wird und der Szene eine sakrale Aura verleiht. Leonora, die sich vom schwärmerischen jungen Mädchen zur liebenden Frau entwickelt, ist bereit, den Opfertod für Manrico zu sterben und verspricht dem verhassten Luna, ihn zu lieben, wenn  dieser Manrico die Freiheit schenkt. – Eine Vorläuferin der Tosca 

Luna, der sich am Ziel seiner Wünsche wähnt, willigt ein. Ein beeindruckender Regieeinfall ist,  wenn Luna das Lager für sich und Leonora auf seinem mit Blumen übersäten Mantel vorbereitet.

Leonoras Opfertod entspringt keinem spontanen Entschluss, sondern wird immer wieder von Zweifeln und Momenten der Hoffnung überlagert. Die Flasche mit dem Gift trinkt sie erst nach langem Bangen und Zögern, eine psychologisch glaubhafte Haltung, die ihr fast antike Größe im Angesicht des nahenden Todes verleiht. Der Regie gelingt eine überwältigende Schlusswirkung,  wenn der jetzt rot leuchtende Scheiterhaufen unheilvoll die Schatten der Vergangenheit beschwört und Azucena in Erwartung ihrer und Manricos Hinrichtung in einer Wahnsinnszene über sich hinauswächst, während das Trauma sie fest umschlungen hält. Nachdem Manrico von Luna exekutiert wurde, nimmt das Trauma Luna in seinen Besitz, Azucena schleudert ihm ihren letzten Rache-Triumph entgegen: Er war dein Bruder!

Ein häufig kolportierter Ausspruch von Enrico Caruso lautet: „es ist sei, den Troubadour aufzuführen, man braucht lediglich die vier besten Sänger der Welt“. Das zeigt, welche immensen Anforderungen an die vier Hauptrollen gestellt werden. Das NTM besteht diese Herausforderung mit Bravour und punktet mit einem erlesenen Solisten-Quartett, das sich auf extrem hohem Niveau präsentiert und für eine Sternstunde im ausverkauften Opernhaus sorgt.

Der georgische Tenor Irakli Kakhidze ist als Manrico eine Idealbesetzung. Sein heldischer Tenor besitzt Schmelz, Kraft und Metall, er berührt in der lyrischen Arie „Ah! si, ben mio“ mit wunderbar phrasierten Bögen und inniger Verhaltenheit und darf anschließend seine Stretta an der Rampe stehend ins Publikum schmettern. Seine hohen C’s waren strahlend, leidenschaftlich und absolut mitreißend, was vom Publikum mit begeistertem Applaus honoriert wurde.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore - hier :  Miriam Clark als Leonore © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore – hier : Miriam Clark als Leonore © Hans Jörg Michel

Die Sopranistin Miriam Clark besticht mit einem beeindruckenden Rollendebüt der Leonora. Die junge Sängerin verfügt über einen weichen ausgeglichenen lyrischen und sehr beweglichen Sopran, der nach oben keine Grenzen zu kennen scheint. Mit ihren Koloraturen und Trillern in „D‘amor sull‘ ali rosee“ sorgte Miriam Clark für Gänsehauteffekt. Hinreißend Ihre hohen piano Töne, die fast unhörbar im Nichts verhauchen. Mühelos und mit verblüffender Präzision gerieten die halsbrecherischen Schwierigkeiten dieser Arie. Auf ihre weitere Entwicklung darf man gespannt sein.

Als Graf Luna überzeugte Evez Abdulla mit seinem kernigen, virilen und edel timbrierten Bariton sowohl als Schurke als auch in seinen introvertierteren und schwachen Momenten. In der  Arie “Il balen“, brachte er alle Facetten einer klangschönen und höhensicheren Stimme zur Geltung. Die Zigeunerin Azucena wurde von Julia Faylenbogen mit Magie, Dämonie und der nötigen Portion Fanatismus ausgestattet. Ihr voluminöser Mezzo trägt ideal im tiefen Register und steigerte sich auch in den Höhen zu dramatischem Ausdruck und großer Expressivität.

Bartosz Urbanovic füllte die Rolle des Ferrando mit tragfähigem, sonorem Bass wunderbar aus und gestaltete seine Erzählung am Anfang spannungsgeladen und mit perfekter Diktion. Natalija Cantrak als kraftvolle Inez, Koral Güvener als wohlklingender Ruiz, sowie Xuecheng Zhang als Bote und Daniel Claus Schäfer als Zigeuner überzeugten ebenfalls in ihren Rollen. Wie zuletzt die fabelhafte Trauma-Tänzerin Delphina Parenti, die der Handlung einen spannenden und schillernden Aspekt hinzufügte.

Roberto Rizzi Brignoli am Pult entlockte dem bestens disponierten Nationaltheater Orchester nicht nur das lodernde Feuer der typisch schwungvoll – federnden Verdi Rhythmen, es gelangen ihm auch groß angelegte Steigerungen mit rasanten Tempowechseln, fein gesponnene, schwebende  Melodiebögen, sensibel durchgehörte Übergänge in den lyrischen Szenen und eine wunderbar einfühlsame Grundierung der Gesangsstimmen. Der Chor unter der Leitung von Danis Juris präsentierte sich homogen, differenziert und klangschön in jeder Szene.

Begeisterungsstürme, Jubelrufe und tosender Applaus nach einer grandiosen Opernpremiere.

Der Troubadour am Nationaltheater Mannheim; die nächsten Vorstellungen 15.9.;  22.9.; 28.9.; 5.10.2019

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Il trovatore – Giuseppe Verdi, 13.07.2019

Nationaltheater Mannheim

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Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

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 Il trovatore / Der Troubadour – Giuseppe Verdi

Premiere  Samstag, 13. Juli  2019

Als Geschichte eines großen Traumas und zerstörerischer Missverständnisse inszeniert Regisseur Roger Vontobel Giuseppe Verdis Oper Il trovatore / Der Troubadour und stellt dabei den angsteinflößenden Blick auf das Fremde in den Mittelpunkt. Claudia Rohner gestaltet die Bühne, Nina von Mechow die Kostüme. Die musikalische Leitung hat Roberto Rizzi Brignoli.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Das erlesene Sängerensemble setzt sich aus Irakli Kakhidze als Manrico, Miriam Clark als seiner Geliebten Leonora und Evez Abdulla als seinem Rivalen Graf Luna zusammen sowie außerdem aus Julia Faylenbogen als Azucena, der vermeintlichen Mutter Manricos, Bartosz Urbanowicz als Hauptmann Ferrando und Natalija Cantrak sowie Koral Güvener aus dem Opernstudio. Das Trauma verkörpert die Tänzerin Delphina Parenti.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Weitere Vorstellungen finden am 18., 21. und 25. Juli sowie in der kommenden Spielzeit ab 15. September statt.

Karten sind ab 12 Euro (ermäßigt 9 Euro) erhältlich.

 

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, Il Trovatore – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 21.09.2018

September 21, 2018 by  
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Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège

Il Tovatore  –  Giuseppe Verdi

Lütticher Inszenierung in der Tradition der „Grand Opéra“

Von Ingo Hamacher

Premiere von IL TROVATORE in Zusammenarbeit mit dem Teatro Lirico Giuseppe Verdi de Trieste am 16.09.2018 an der Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Mit Giuseppe Verdis Troubadour startet die Oper Lüttich in die neue Saison. Nach drei Paukenwirbeln öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine nächtlich düstere Bühne, und das verworrene, ans grausame reichende Stück nimmt seinen Lauf.

Seit vielen Jahren verfolgt die lütticher Oper ein einfaches aber funktionierendes Konzept: Man überlässt Wagner den Deutschen, die Zeitgenossen und die Mutigen dem Brüsseler La Monnaie und Lüttich zeigt die Italiener: die klassischen Stücke, klassisch vorgetragen, mit den entsprechenden Kostümen und dem vornehmen Dekor.

Il Trovatore
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Stefano Vizioli verzichtet in seiner Regie auf zeitgenössische Bezüge oder eine moderne Interpretation. Statt dessen zeigt er eine Inszenierung, die dem Werk als Uraufführung zur Ehre gereicht hätte. Der international renomierte Opernregisseur Stefano Vizioli hatte sein Debut 1979 und hat seitdem zahlreiche Produktionen an bedeutenden Theatern und Opernhäusern in und außerhalb Europa aufgeführt. Im Januar 2017 wurde er künstlerischer Leiter des Teatro Verdi di Pisa.

Mit Begeisterung war das blutrünstige Bühnenstück EL TROVADOR von Antonio García Gutiérez bei seiner Uraufführung 1836 aufgenommen worden. Eine Liebesgeschichte und ein Bruderzwist. Ein idealer Plot für eine Oper. Verdi wandte sich an Cammarano, ein Libretto daraus zu machen.

Nach Reduktion der Schauplätze, Vereinfachung der Charaktere und Hinzufügung eines historischen Hintergrunds: Der Kampf des aragonischen Adels gegen Rebellen entstand dann mit Zigeunerromantik, Burgen- und Klostermotiven das verworrene, aber großartig vertonte Werk, das neben RIGOLETTO und LA TRAVIATA als Verdis Erfolgstrias berühmt geworden ist.

Die Uraufführung von Verdis Oper Il Trovatore, Der Troubadour, fand in Rom im Januar 1853 statt. Die Handlung dreht sich um die bittere Rivalität zwischen dem Grafen Luna, einem aragonischen Adeligen, und dem Troubadour Manrico, die beide in Leonora, eine Hofdame, verliebt sind.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Trovatore - hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Trovatore – hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Diese Dreiecksgeschichte wird durch die politische Gegnerschaft der beiden Rivalen und durch die Geschichte der Zigeunerin Azucena, die im Wahn ihren eigenen Sohn getötet und Manrico, den geraubten 2. Sohn des Grafen, als ihren eigenen Sohn erzogen hat, verkompliziert.

Insgesamt stellt Il Trovatore weniger ein folgerichtiges Drama, als vielmehr eine dramatische Szenenfolge dar, und steht damit in der Tradition der „Grand Opéra“. Dies aufgreifend erleben wir eine Bühne, auf der zwei verschiebbare hohe Treppenelemente im Bühnenhintergrund wechselnde Szenen andeuten, teils festungsähnlich vertäfelt, teils ein schlichtes Zigeunerlager andeutend. Dabei sind die verschiedenen entstehende Treppenanlagen Ausgangspunkt für die Tableau-artigen Chorszenen, vereinzelt verstärkt durch das Ballett. Verschiebbare Gaze-Elemente im Vordergrund deuten Szenenwechsel an und ermöglichen kurzfristige Umbauten. Die Kostüme sind zeitgenössisch. Bühne & Kostüme: Alessandro Chiammarughi, Licht: Franco Marri

Die größte Spannung, die einem Abend in klassischer Inszenierung erwächst, stammt aus der Musik. Verdi bleibt der Tradition des Dreiecksverhältnisses zwischen Sopran-Tenor-Bariton verpflichtet, wie er auch der italienischen Tradition: Kavantinen mit virtuosen Kabaletten und Ensembles mit ausgreifenden ‚Concertati‘ treu bleibt.

Der in Deutschland ausgebildete israelische Dirigent Daniel Oren, der weltweit an fast allen Großen Häusern gearbeitet hat (2014 wurde er Nachfolger von David Stern als Leiter der Israeli Opera in Tel Aviv), zeichnet mit dem bestens aufgelegten Orchester der Königlichen Oper der Wallonie/Lüttich ganz hervorragend die oft atemlose Nervosität und den drängenden Charakter der Musik. Den großartigen und klangschönen Chor und Extrachor (Einstudierung: Pierre Iodice) lässt er oft im Piano singen, und selbst die großen Ausbrüche behalten bei aller Klanggewalt eine Binnenstruktur.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Trovatore - hier : Yolanda Auyanet als Leonora und Fabio Sartori als Manrico © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Trovatore – hier : Yolanda Auyanet als Leonora und Fabio Sartori als Manrico © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Wenn Fabio Sartori als MANRICO seine Stimme zum Gesang erhebt, erleben wir ihn als beeindruckenden Verführer und tollkühnen Kämpfer. Der international gefeierte italienische Tenor hat Kraft ohne Ende und macht er eine sehr gute Figur. Im deutschsprachigen Raum wird er in Kürze in einigen Rollen erlebbar sein: AIDA in Wien, als NORMA sowie als TOSCA an der Deutschen Oper Berlin. LEONORA Yolanda Auyanet, in Las Palmas de Gran Canaria geboren, ist derzeit eine der bekanntesten spanischen Sopranistinnen ihrer Generation. Nach ihrem Debut in Bari als Musetta in Bohème erarbeitete sie sich ein umfangreiches Repertoir, mit dem sie inzwischen international gastiert. Sie hat einen gedeckten Sopran von großer Intensität, mit leuchtender Höhe, bei aller Beweglichkeit in den Verzierungen. Beide gaben in Lüttich ihr Bühnen-Debut.

IL CONTE DI LUNA Der 44-jährige Bariton Mario Cassi gab sein Operndebüt 2001 im Rahmen des Laboratorio „Voci in Musica“ der Stiftung „Musica per Roma“. Das Repertoire von Mario Cassi, der auch ein Wirtschaftsstudium absolvierte, reicht vom Barock bis zur zeitgenössischen Musik, wobei Belcanto-Werke einen Schwerpunkt bilden. Er ist ein stimmgewaltiger Graf Luna von hoher Präsenz, der einen sehr virilen Bösewicht abgibt.

AZUCENA Violeta Urmana, eine litauische Opernsängerin (Mezzosopran, dramatischer Sopran). Im März 2016 wurde Violeta Urmana in Paris von Irina Bokowa, der Generaldirektorin der UNESCO, zur „UNESCO Künstlerin für den Frieden“ ernannt. Die Ehrung erfolgte als Anerkennung ihrer ständigen Bemühungen, Kultur als Mittel des Dialogs und zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses einzusetzen, und für ihren Einsatz zur Verwirklichung der Ziele der Organisation UNESCO, insbesondere in Afrika. SIe gestaltet die Rolle der Zigeunerin Azucena mit abgründiger Farbe und gibt ihr damit die brodelnden Unruhe, die der Figur ansteht. Auch sie ist erstmalig in Lüttich zu hören.

Opéra Royal de Wallonie-Liège - Der wunderbare Innenraum © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège – Der wunderbare Innenraum © Opéra Royal de Wallonie-Liège

FERRANDO Wird vom italienischen Baß Luciano Montanaro gesungen, INÉS Julie Bailly, eine international tätige belgische Mezzo-Sopranistin, RUIZ Xavier Petithan, Tenor
EIN ALTER ZIGEUNER Alexei Gorbatchev, Bass, EIN BOTE Sefano De Rosa, Tenor
Production : Opéra Royal de Wallonie-Liège, Teatro Lirico Giuseppe Verdi de Trieste

Enrico Caruso hat einmal gesagt, für Verdis Oper Il Trovatore brauche man nicht viel mehr als die vier besten Sängerinnen und Sänger der Welt. Ihm hätte diese Aufführung sicher gefallen, und seine Freude wäre das angemessene Kompliment für die großartigen Sänger gewesen. Die herausragenden Leistungen vor ausverkauftem Haus werden mit reichlich Szenenapplaus gewürdigt. Standing ovations, großer Jubel, Ovationen und nicht enden wollender Applaus ist der Dank für dieses großartige Erlebnis.

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Verona, Arena di Verona, Verdi Opera Night, 26.08.2018

August 6, 2018 by  
Filed under Arena di Verona, Oper, Pressemeldung

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Arena di Verona

Verona / Arena di Verona Vorplatz © IOCO

Verona / Arena di Verona Vorplatz © IOCO

Verdi Opera Night

Sonntag 26. August um 21.30 Uhr findet im Rahmen des Opernfestivals Verdi Opera Night statt: dieses magische, dem “Schwan aus Busseto” gewidmete Gala-Event huldigt der Opernwelt mit einer wahren Starparade unter der musikalischen Leitung von Andrea Battistoni, Regie und Bühnenbild von Stefano Trespidi und Lichtdesign von Paolo Mazzon.

Musikalische Leitung Andrea Battistoni
Regie und Bühnenbild Stefano Trespidi
Licht Paolo Mazzon

Orchester, Chor, Balletkorps und Techniker der Arena di Verona

1. Teil 40′ – Intervall – 2. Teil 25′ – Intervall – 3. Teil 35’
Zuschauer sind eingeladen, weit im Voraus zu kommen, um die Sicherheitskontrollen zu erleichtern.


La Forza del destino (Sinfonia)
Choreographie Gheorghe Iancu
mit dem Balletkorps von Arena di Verona

Rigoletto (Zweiter Akt)
Rigoletto Luca Salsi
Il Duca di Mantova Rame Lahaj
Gilda Lisette Oropesa
Marullo Biagio Pizzuti
Matteo Borsa Carlo Bosi
Il Conte di Ceprano Romano Dal Zovo
Il Conte di Monterone Nicolò Ceriani
Usciere di corte Enrico Marchesini

Il Trovatore (Dritter Akt)
Manrico Francesco Meli
Leonora Serena Gamberoni
Azucena Violeta Urmana
Il Conte di Luna Simone Piazzola
Ferrando Romano Dal Zovo
Ruiz Carlo Bosi

La Traviata (Dritter Akt)
Violetta Valéry Maria Mudryak
Alfredo Germont Luciano Ganci
Giorgio Germont Simone Piazzola
Annina Martina Gresia
Il Dottor Grenvil Romano Dal Zovo

—| Pressemeldung Fondazione Arena di Verona |—

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