Dresden, Semperoper, Staatskapelle Dresden – 12. Symphoniekonzert, IOCO Kritk, 10.07.2019

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper in hellem Sonnenschein © Matthias Creutziger

 Staatskapelle Dresden  –   12. Symphoniekonzert

Martinu: Zweites Violinkonzert – Suppé, Strauss: Mit „Wiener Schmäh“

von Thomas Thielemann

Der noch-amtierende „Capell-Virtuos“ Frank Peter Zimmermann und seine wunderbare Geige Lady Inchiquin  verabschiedeten sich im letzten Saisonkonzert in der Semperoper von der Staatskapelle Dresden und deren Stammpublikum mit Bohuslav Martinu´s  Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 H 293. Das Orchester wurde von Manfred Honeck dirigiert.

Semperoper Dresden / Frank Peter Zimmermann und Lady Inchiquin © Harald Hoffmann

Semperoper Dresden / Frank Peter Zimmermann und seine Geige Lady Inchiquin © Harald Hoffmann

Bohuslav Martinu, 1890 in Böhmen geboren, ging 1923 nach Paris um seinen bei Josef Suk begonnenen Kompositionsuntericht bei Albert Roussel zu komplettieren, aber auch um dem Prager „Smetana-Kult“ zu entkommen und sich anderen Einflüssen zu öffnen. Der Impressionismus, der Neoklassizismus Strawinskys sowie der Jazz, aber auch Honegger und Milhaud beeinflussten sein Schaffen. Häufig stellte er die Stilistik seiner Arbeiten um.  In den 1930er Jahren widmete er sich dem Irrationalen und einer von Fantasien bestimmten Traumlogik. Zunehmend bekommen Elemente des Fantastischen Platz in seinen Arbeiten. In seinen letzten Schaffensjahren – Martinu starb  nach  langem USA-Aufenthalt 1959 in der Schweiz, öffnete er sich philosophischen Gedankengängen und kehrte zu den Impressionistischen Harmonien zurück. Nie verblasste aber seine Verbundenheit zur Musik seiner böhmischen Heimat.

Für seine geringe Präsenz in den Konzertsälen dürfte der eigenwillige Formenbau seiner Musik, ihre Beweglichkeit, ihr Mangel an festen Themengebilden und wohlvertrauten Anhaltspunkten verantwortlich sein. Das stellt die Interpreten vor Schwierigkeiten, die sie bei dieser anscheinend so milden Tonsprache kaum vermuten. Die Avantgardisten wenden sich ab, selbst Neo-Barock und Folklorismus werden ihm angehängt.

 Sächsische Staatskapelle Dresden / 12. Symphoniekonzert mit Manfred Honeck © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / 12. Symphoniekonzert mit Manfred Honeck © Matthias Creutziger

Frank Peter Zimmermann ist es zu verdanken, dass Martinus Violinkonzerte in der letzten Zeit häufiger in den Konzertprogrammen auftauchen.

Natürlich gibt es auch eine Anekdote zur Entstehung des Violinkonzerts Nr. 2: der ukrainische Geigenvirtuose Mikhail Elman (1891-1967) wollte sich im Januar 1943 in der Carnegie Hall Schostakowitsch-Musik mit dem Boston Symphonie Orchestra anhören, hatte aber das Datum verwechselt und war in ein Konzert mit Martinus erster Symphonie geraten. Mischa Elman war von der Musik so begeistert, dass er den Komponisten am folgenden Tag aufsuchte, um von Martinu ein auf ihn abgestimmtes Violinkonzert zu erbitten. Erst als Elman für Martinu ein Konzertprogramm improvisierte, um seinen charakteristischen lyrischen und durchsetzungsfähigen Stil zu demonstrieren, änderte der Komponist seine barsche Ablehnung in Schweigen. Nachdem der verunsicherte Geiger längere Zeit von Martinu nichts hörte, überraschte ihn der Komponist eines Tages mit der fertigen Partitur. Noch am 31. Dezember 1943 wurde das Werk mit dem Solisten Mikhail Elman in Boston aufgeführt.

Das besuchte Konzert begann mit der pointierten Andante-Einleitung durch das von Manfred Honeck geleite Orchester, der sich Zimmermann betont und ruhig mit einem Solo entgegen stellte. Den Hauptteil des ersten Satzes bildete eine lyrisch-musikalische Kommunikation bis der Solist mit einer Kadenz das Orchester moderater zum Andante des Satzbeginns zurückführte. Den Mittelsatz spielten Solist und Orchester sanft, einer schönen Kadenz und mit einem ruhigen Zusammenspiel, bevor Manfred Honeck die Darbietung in das Poco Allegro  überleitete. Zimmermann spielte schnell, lebhaft und dramatisch, erhöhte, gemeinsam mit Honeck, zum Satzende das Tempo, um den Abschluss als furioses Finale zu erreichen.

Klaus Peter Zimmermann hatte mit seiner Interpretation mit Elan die süffigen Lyrismen der Komposition ausgeschöpft und mit schlanken, klaren Ton ein fulminantes Plädoyer für diese gewaltige Musik geboten. Er hatte spürbar viel Arbeit in die Verdaulichkeit des Stückes investiert. Seine Bogenarbeit ist charakteristisch durchdacht, insbesondere seine Liebe zum Detail. Andererseits schlich sich der Eindruck ein, dass Orchester und Solist kaum miteinander, eigentlich, ob der Schwierigkeiten der Komposition, mehr nebeneinander gespielt hätten. Das mag aber auch an der mangelnden Klarheit des Klangspektrums gelegen haben. Der Orchesterklang wirkte stellenweise matschig, expressionistisch und gelegentlich atonal.

Dementsprechend war auch der Beifall, gemessen an der Leistung der Agierenden, recht matt. Eingerahmt war das Violinkonzert von Antonin Dvoráks Karneval-Ouvertüre op. 92  von 1891 und einer Zusammenstellung Wiener Musik.

Dvorák komponierte am Beginn der 1890er Jahre drei Konzertouvertüren unter dem Titel „Natur, Leben und Liebe“. Später erst wies er jedem der Teile einen Titel zu, offenbar um ihnen einen leichteren Zugang zu den Konzertsälen zu ermöglichen. Der erste Teil wurde „In der Natur“, der zweite „Karneval“ und der dritte „Othello“  benannt. Das karnevalistische

Sächsische Staatskapelle Dresden / 12. Symphoniekonzert © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / 12. Symphoniekonzert © Matthias Creutziger

Treiben steht für rauschhafte Feste und Partys, alle Lust und Schönheit des Lebens, und für den Komponisten als offenen Raum für unsere Inspiration. Mit vollem Orchestereinsatz und vielen Beckenschlägen ließ Manfred Honeck die Ouvertüre beginnen. Ausgelassen und nahezu unkontrolliert hielt das Leben Einzug. Bis dann die Streicher den Genuss des Lebens mit viel Romantik kontrastierten. Die Solo-Klarinette übernahm ein Motiv aus der „Natur“ und veranlasste ein Nachdenken. Immerhin ist irgendwann Aschemittwoch. Mit differenziert instrumentiertem Tschingderassabum klang die Ouvertüre aus und bereitete so die Stimmung für das Violinkonzert.

Wer im Haus die Idee umsetzte, die Konzertsaison mit Wienerischem von Franz von Suppé und den Strauss-Brüdern abzuschließen, bleibt einer Überlegung wert. Zumal die Freunde der Staatskapelle derzeit nicht gut auf die Donau-Metropole zu sprechen sind. War es der Wunsch von Franz Welser-Möst, der ursprünglich dies Konzert dirigieren sollte? War es dem Umstand geschuldet, dass Orchester und Dirigent am Abend der Generalprobe ihr Open-air-Konzert  Klassik Picknickt zu bestreiten hatten?

Jedenfalls entwickelte sich der zweite Teil des Konzertes eher zu einem Gaudi, als zu einem ernst zunehmendem Symphoniekonzert. Die Musiker hatten offensichtlich Freude und Spaß; auch das Publikum war nach dem schwer verdaulichen ersten Konzert-Teil  von der leichten Muse angetan. Mit dem gebürtigen Österreicher Honeck war auch ein Fachmann, der die „Wiener Musik“ mit ihrem raffinierten Schmäh mit der Muttermilch aufgesogen hat, am Pult tätig.

Die Schluss-Ovationen des Publikums waren ebenso intensiv 

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Dvorák, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 31.01.2019

Januar 31, 2019 by  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester- Zürich

Antonin Dvorák, Dmitri Schostakowitsch

von Julian Führer

Innerhalb von zwei Wochen präsentierten sich in Zürich drei Dirigenten mit dem Tonhalle Orchester. Juanjo Mena mit Britten und Bruckner, der künftige Chefdirigent Paavo Järvi mit Messiaen, Mozart und Beethoven (IOCO berichtete jeweils), am 23. Januar 2019  Manfred Honeck mit einem Programm aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert.

Programm aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert

Antonin Dvoráks bekanntestes und meistgespieltes Werk ist heute sicherlich die Symphonie Nr. 9 e-Moll mit dem im Laufe der Zeit geläufig gewordenen Titel Aus der Neuen Welt. Der Abend präsentierte jedoch zunächst Ausschnitte aus der Oper Rusalka, die vom Dirigenten Manfred Honeck zu einer Suite zusammengestellt wurden. In Honecks Version übernehmen teilweise Soloinstrumente die Singstimmen (speziell Oboe und Violine). Die ins Phantastische zielende Geschichte von dem verliebten Wasserwesen, der Hexe Ježibaba und der Unmöglichkeit der Liebe zwischen Menschenwelt und Märchenwelt ist von Dvorák zu einer Oper vertont worden, die durchaus gespielt wird, aber die man gern noch häufiger hören würde.

Der Ansatz, sie durch eine solche Suite im Konzertsaal zu etablieren, hat natürlich vieles für sich. Gleichzeitig sitzt das Orchester nun auf dem Podium und nicht in einem Graben, manchmal vermisst man etwas die Bühne. Wie bei jeder Zusammenfassung dieser Art sind die Übergänge heikel – abrupte Wechsel von Stimmungen, Tempi und Tonarten haben oft etwas Gewaltsames. Am problematischsten war an diesem Abend aber einmal mehr der Saal. Das breit aufgestellte Orchester mit einem Respekt einflößenden Bläserapparat spielte präzise (man sah es an den Gesten des Dirigenten und an den Bewegungen der Musiker genau), nur dass das direkt vor einer Holzblende sitzende Blech wie durch eine Klangmuschel verstärkt wirkte. Bei den in der Rusalka-Suite vorkommenden schnellen Läufen auch bei diesen Instrumenten führen dieser verstärkende Effekt und der lange Nachhall dazu, dass das Klangbild ins Diffuse wechselt. Von diesen Problemen bei Fortissimostellen einmal abgesehen, überzeugte das Orchester in diesem ersten Teil mit engagiertem Spiel.

Das erste Cellokonzert Es-Dur op. 107 von Dmitri Schostakowitsch hat sich einen Stammplatz im Konzertrepertoire sichern können. Ursprünglich für Mstislaw Rostropowitsch komponiert und von diesem 1959 zur Uraufführung gebracht, ist es einerseits technisch anspruchsvoll, gleichzeitig aber auch kompositorisch und klanglich reizvoll. Als Solist wählte der erst 1992 geborene Kian Soltani einen sehr zurückhaltenden Einstieg, fast zu leise schien die Einleitung, doch wurde rasch deutlich, dass Dirigent und Solist hier planvoll vorgingen. Manfred Honeck begleitete mit dem Tonhalle Orchester gerade im Kopfsatz erstaunlich leise und stets präzise (etwa bei den Einsätzen der Holzbläser in den ersten Takten).

Dieser Schostakowitsch kam nicht so gepanzert daher wie andere Stücke aus dieser Schaffensperiode, jedenfalls bei manchen Interpretationen. Im ersten Satz ließen auch die Bratschen aufhorchen. Der zweite Satz wurde langsam und besonders elegisch gespielt. Der dritte Satz (die Kadenz) war ein Höhepunkt: die rätselhaften und in manchen Interpretationen etwas eklektisch daherkommenden Pizzicati nahm Kian Soltani als strukturierendes Element mit einem betonten Decrescendo innerhalb ihrer Abfolge. Wie bereits zu Beginn, hörte man im Finalsatz die charakteristische Galligkeit, die Schostakowitsch immer wieder einflicht, wenn seine Musik ins vermeintlich Affirmative übergeht. Der im ersten und letzten Satz intensiv geführte Dialog mit dem Horn wurde, durch die akustischen Verhältnisse nochmals verstärkt, am Schluss dynamisch ins Groteske überhöht. Das Publikum reagierte mit spontanem Jubel insbesondere für den jungen Solisten.

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Als Zugabe präsentierte Kian Soltani eine weitere Facette Schostakowitschs, nämlich den Komponisten von Filmmusik, hier für The Gadfly von 1955. Dieser Aspekt in dem Werk des sowjetischen Komponisten harrt zum Teil noch seiner Wiederentdeckung, denn anders als die Symphonien 1, 5, 7, 8, 9 und 10, die Oper Lady Macbeth von Mzensk oder die Jazzsuiten werden die Filmmusiken selten aufgeführt (eine CD unter Riccardo Chailly präsentiert glücklicherweise einige Ausschnitte, nicht aber die Musik zu The Gadfly). Soltani hat aus Schostakowitschs Filmmusik ein Arrangement hergestellt, das von der Cellogruppe des Tonhalle Orchesters an diesem Abend uraufgeführt wurde. Es wurde deutlich, dass Schostakowitsch quasi auf Bestellung Musikstücke abliefern konnte, sehr gekonnt und sehr effektvoll. Von Soltani selbst wurde in seiner kurzen Präsentation die Frage aufgeworfen, in welchem Teil seines Werkes wir nun den eigentlichen Dmitri Schostakowitsch erkennen können – eine Frage, die offenbleiben muss.

Die 8. Symphonie in G-Dur von Antonin Dvorák wurde nach der Pause präsentiert. Dieses etwa 40 Minuten dauernde Werk ist ganz klassisch in vier Sätze gegliedert. Breit, teils üppig instrumentiert, enthält es gerade im Finalsatz viele tanzartige Partien, so dass man hier auch den Komponisten der Slawischen Tänze erkennt. Streicherfiguren gemahnen an Tschaikowsky, volksliedhafte Passagen an Bedrich Smetana, und die Behandlung der Hörner ist insbesondere im Schlusssatz (mit nach oben gerichteter Mündung und fast vulgären Trillern) gar nicht weit entfernt von Gustav Mahler in seiner ersten Symphonie. Manfred Honeck, der diese Symphonie auswendig dirigierte, und das Orchester schienen hier im Einklang. Eine der Qualitäten des Tonhalle Orchesters, das beeindruckende technische Niveau, kam bei dieser Symphonie zur Geltung. Das Adagio strahlte große Ruhe aus, und das bekannte Allegretto grazioso des dritten Satzes wurde entsprechend der Anlage der Partitur breit ausmusiziert.

Die in sich geschlossene Interpretation traf beim Publikum auf breite Zustimmung. Das Tonhalle Orchester hat im Monat Januar seine große technische Flexibilität unter Beweis gestellt – der Start ins neue Jahr ist gelungen

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

Stuttgart, Oper Stuttgart, Cambreling Abschied – Haas und Bruckner, 08./09.07.2018

Juli 5, 2018 by  
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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Jubiläum:  425 Jahre Staatsorchester Stuttgart

7. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart mit Miranda Cuckson (Violine) und der Europäischen Erstaufführung des 2. Violinkonzerts von Georg Friedrich Haas am 08. und 09. Juli 2018 im Beethovensaal der Liederhalle

Im letzten Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart in dieser Spielzeit am Sonntag, 08. Juli, um 11 Uhr und am Montag, 09. Juli 2018, um 19.30 Uhr im Beethovensaal der Liederhalle verabschiedet sich Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling mit Werken von Haas und Bruckner von seinem Sinfoniekonzert-Publikum.

Oper Stuttgart / Sylvain Cambreling © Marco Borggreve.

Oper Stuttgart / Sylvain Cambreling © Marco Borggreve.

 Cambreling Abschied  –   Georg Friedrich Haas und Anton Bruckner

Zum Abschluss seiner Amtszeit als Generalmusikdirektor der Oper Stuttgart setzt Sylvain Cambreling noch einmal einen starken Akzent mit seinem Einsatz für die Aufführung zeitgenössischer Musik, die eines der herausragenden Kennzeichen seiner musikalischen Arbeit ist: Das 2. Violinkonzert des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas – ein Auftragswerk der Suntory Hall Tokio, der Staatstheater Stuttgart und der Casa da Música Porto – wird mit dem Staatsorchester Stuttgart seine Europäische Erstaufführung erleben. Als Solistin gibt Miranda Cuckson (Violine) ihr Debüt beim Staatsorchester. Sie ist international nicht zuletzt als Interpretin zeitgenössischer Musik gefragt und brachte das Werk im September vergangenen Jahres in Tokio zur Uraufführung. Kombiniert wird das Haas-Konzert mit der 7. Sinfonie von Anton Bruckner, die bis heute zu dessen beliebtesten Werken zählt.

Programm  – Georg Friedrich Haas: 2. Konzert für Violine und Orchester (2017), Europäische Erstaufführung  (Auftragswerk der Suntory Hall Tokio, der Staatstheater Stuttgart und der Casa da Música Porto),  Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur (1881-83)

Einführung  – Rafael Rennicke, Dramaturg der Oper Stuttgart, jeweils 45 Minuten vor Konzertbeginn, sonntags im Mozartsaal, montags im Silchersaal der Liederhalle

Komponistenpodium mit Sylvain Cambreling:  Samstag, 07. Juli 2018, Zu Ehren von Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling versammeln sich komponierende Weggefährten und reflektieren über Faszination und Herausforderung von Konzert und Musiktheater.

Mit: Mark Andre, Philippe Boesmans, Georg Friedrich Haas, Toshio Hosokawa und Xaver Paul Thoma

 Samstag, 07. Juli 2018, 15.30 Uhr bis 17 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang (Eintritt frei)

Jubiläums-Filmdokumentation:

„Das Glück erfüllter Gegenwart – 425 Jahre Staatsorchester Stuttgart“

ab Juli 2018 erhältlich – Dramaturg Rafael Rennicke und Filmer Philippe Ohl haben in den vergangenen drei Spielzeiten die Geschichte und die Geschichten der 425-jährigen Staatsorchester-Historie gesammelt und erzählen sie jetzt in einer 90-minütigen Filmdokumentation, die exklusiv zum Orchesterjubiläum entstanden ist. In einer Komposition aus historischen Abbildungen, Archivaufnahmen und aktuellen Konzertmitschnitten kommen auch die Generalmusikdirektoren Dennis Russell Davies, Gabriele Ferro, Lothar Zagrosek, Manfred Honeck, Sylvain Cambreling und Cornelius Meister zu Wort, außerdem Ballettmusikdirektor James Tuggle, die Intendanten Jossi Wieler, Reid Anderson, Marc-Oliver Hendriks, Viktor Schoner und Tamas Detrich sowie Komponist Helmut Lachenmann. Erhältlich ist die Filmdokumentation im Rahmen des Sinfoniekonzerts im Foyer des Beethovensaals sowie im Theatershop in der Theaterpassage (Königstr. 1D) und bei den Opern- und Ballettvorstellungen im Opernhaus-Foyer. (DVD 14,90 EUR, Blu-Ray 19,90 EUR.)

Jubiläums-Broschüre „So klingt Vielfalt!“
Anlässlich des 425-jährigen Bestehens des Staatsorchesters Stuttgart ist die 120 Seiten umfassende Jubiläums-Broschüre „So klingt Vielfalt!“ erschienen. Konzipiert vom Konzertdramaturgen Rafael Rennicke und reich bebildert mit Fotografien des Orchestermitglieds Sebastian Klein, erzählt sie nicht nur die so wechselvolle Geschichte des Staatsorchesters Stuttgart, eines der ältesten und traditionsreichsten Klangkörper Deutschlands, sondern auch dessen Geschichten. Dabei kommen die Musiker selbst sowie bislang unveröffentlichte Stimmen aus dem „Goldenen Buch“ des Orchesters und auch das Publikum zu Wort. Die Vielfalt, die das Staatsorchester Stuttgart als Opern-, Ballett- und Konzertorchester heute auszeichnet, wird als Teil und Ergebnis seiner Geschichte erlebbar. Die Broschüre ist kostenlos bei den Opern- und Ballett-Vorstellungen sowie bei den Konzerten des Staatsorchesters Stuttgart und im Theatershop in der Theaterpassage erhältlich.

Schirmherr der Jubiläums-Spielzeit des Staatsorchesters Stuttgart ist der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg Winfried Kretschmann.

—| Pressemeldung Oper Stuttgart |—

Zürich, Tonhalle Maag, Beethoven, Schumann, Brahms, IOCO Kritik, 27.06.2018

Juni 27, 2018 by  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters  © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Beethoven – Schumann – Brahms

– Manfred Honeck – Frank Peter Zimmermann –

Von Julian Führer

Die 1895 vollendete Tonhalle in Zürich gilt zu Recht als architektonisches und akustisches Juwel. Der komplexe Bau am Zürichseeufer mit dem Konzertsaal und dem unmittelbar anschließenden Kongresshaus von 1939 wird derzeit saniert, so dass die Konzerte des Tonhalle-Orchesters in einem Ausweichsaal stattfinden, der Tonhalle Maag im Zürcher Industriequartier. Innerhalb weniger Monate wurde dort aus einer Fabrikhalle ein Konzertsaal für gut 1200 Besucher geschaffen. Der Saal wirkt hell, der Zuschauer sieht das Orchester auf einem Podium in einem schlicht wirkenden Raum, der mit Fichtenholz verkleidet ist.

Das Orchester seinerseits befindet sich in einer Umbruchphase. Nach dem Ende der fast 20 Jahre währenden Arbeit mit dem Chefdirigenten David Zinman, der den Klangkörper unbestritten auf ein neues Niveau gehoben hatte, stand in den Jahren 2014-2018 Lionel Bringuier an der Spitze. Ab der Saison 2019/2020 wird Paavo Järvi das Orchester leiten, bis dahin wird das Orchester keinen Chef haben. Das letzte Konzert unter Bringuier ist bereits Geschichte. In welchem Zustand befindet sich Zürichs bekanntestes Orchester nun?

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet das Orchester mit Bernard Haitink. Leider musste er seinen geplanten Auftritt in Zürich absagen. Dankenswerterweise erklärte sich Manfred Honeck bereit, kurzfristig einzuspringen. Das Programm blieb fast unverändert: Auf Beethovens Egmont-Ouvertüre op. 84 folgte sein Violinkonzert in D-Dur op. 61. Bernard Haitink hatte mit Schumanns zweiter Symphonie in C-Dur ein anderes opus 61 angekündigt, das nun durch die vierte Symphonie in e-Moll von Johannes Brahms op. 98 ersetzt wurde.

Bei der Egmont-Ouvertüre spielte das Orchester in großer Besetzung, unter anderem mit nicht weniger als sechs Kontrabässen, die der dramatischen Grundstimmung in f-Moll ein breites Fundament verliehen. Diese ersten Minuten des Konzerts zeigten einige Irritationen bei den Einsätzen und der Klangbalance, letztere vielleicht der Saalakustik geschuldet: Beethovens teilweise schroffe Komposition mit scharfen Ausbrüchen und folgenden kurzen Generalpausen passen nicht zum Klangbild des Saales mit langem Nachhall, zumal Manfred Honeck die Hörner- und Paukeneinsätze mit echt Beethovenscher Dramatik herausstrich. Während der komponierten Viertelnote Pause liefen immer noch die Schallwellen um, so dass der nächste Einsatz nicht in eine erwartungsvolle Stille, sondern in einen Resthall erfolgte – dieses Problem zeigte sich mehrfach. Hinzu kamen kleinere Abstimmungsprobleme in der Klangbalance und auch bei den Einsätzen. Zu Zeiten David Zinmans war das Orchester präziser! Am besten gelang die Coda mit der Wendung zu C-Dur und gut aufgebauten Trompeteneinsätzen im Crescendo. Gänzlich befriedigend war dieser Auftakt dennoch nicht.

Beethovens Violinkonzert wurde von Frank Peter Zimmermann interpretiert. Der Zugriff von Dirigent und Solist kann insgesamt als eher zügig, eher technisch und im Gegenzug wenig emotional beschrieben werden. Die fünf Viertelschläge der Pauke in der Introduktion waren fast verhuscht; Zimmermann spielte die Tutti-Passagen mit, so dass das Soloinstrument nicht erst bei Takt 89 mit einem A einsetzt, sondern diese Stimme sich aus der Tuttigruppe zu lösen schien. Ab der Durchführung des ersten Satzes hatten sich Dirigent, Orchester und Solist endgültig gefunden, auch wenn abermals in den Übergängen, etwa vom zweiten Satz zum Rondo, nicht alle Stimmen gleich in Rhythmus und Tempo ganz ‚zusammen‘ waren.

Man wird dem Dirigenten als Einspringer da kaum einen Vorwurf machen können, die Probenzeit wird wahrscheinlich knapp gewesen sein, doch scheint es, als würde das Orchester einen strengen Erzieher in Zukunft (wieder) gut gebrauchen können. Zimmermann nun verfügt über eine stupende Technik und Brillanz und meisterte scheinbar mühelos alle Schwierigkeiten. Nach dem ersten Satz, in dem er die Kreisler-Kadenz spielte, gab es spontanen Applaus. Bei dieser Interpretation, die Beethovens Komposition eher zerklüftet als kantabel deutete, kam der ruhigere Mittelsatz weniger zur Geltung. Die straffen Tempi im Rondo und ein wirklich brillanter Schluss ließen das Publikum stark applaudieren; Zimmermann revanchierte sich mit einem Präludium von Rachmaninow als Zugabe.

Johannes Brahms in Wien © IOCO

Johannes Brahms in Wien © IOCO

Die vierte Symphonie von Johannes Brahms wurde in Zürich 2017 mit der Philharmonia Zürich unter Fabio Luisi gegeben und war im Mai 2018 schon im keine 50 Kilometer entfernten Luzern mit der Sächsischen Staatskapelle unter Christian Thielemann zu hören. Das Stück, jetzt kurzfristig aufs Programm gesetzt, konnte in der Interpretation Manfred Honecks dem Vergleich standhalten. Die vor der Pause bei Beethoven problematischen Eigenschaften des Saales erwiesen sich jetzt als Vorteil: Der lange Nachhall und die (zumindest vom Platz des Rezensenten) gedämpften Holzbläser passten zu Brahms und dem verfolgten Klangbild, das eher flächig (im positiven Sinn) und breit angelegt war. Auch war jetzt die vorher nicht immer gegebene Präzision da (die Pizzicati in den Violinen in den Takten 80-90 des Kopfsatzes waren buchstäblich auf die Hundertstelsekunde genau). Brahms arbeitet in dieser Symphonie weniger mit ganzen Motiven als mit kurzen Phrasen und Variationen; ein Dirigent muss hier klug disponieren, um vor allem den ersten und vierten Satz nicht als amorphe Blöcke erscheinen zu lassen. Dies ist in diesem Fall geglückt. Im zweiten Satz (Andante moderato) wurde das zarte E-Dur mit großer Ruhe zur Geltung gebracht. Auch das Allegro giocoso im dritten Satz gelang. Im vierten Satz (Allegro energico e passionato) setzen dann die bis dahin stummen drei Posaunen ein, von Manfred Honeck mit gehöriger Schärfe versehen. Eine überzeugende Interpretation, von abermals sechs Kontrabässen grundiert, mit fehlerlosen und perfekt legato spielenden Hörnern und vielen starken Einzelleistungen (etwa Simon Fuchs an der Oboe und Sabine Poyé Morel an der Flöte).

Am Ende gab es viel Applaus für Dirigent, Orchester und einzelne Musikerinnen und Musiker. Ein nicht ganz einheitlicher Konzertabend, bei dem das Positive überwog. Dem Orchester ist zu wünschen, dass es gut durch die kommende Spielzeit ohne Chefdirigent und ohne den angestammten Saal kommen wird. Das Potential, der Abend hat es gezeigt, ist weiterhin vorhanden.

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

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