Mannheim, Musikalische Akademie Mannheim, 4. Akademiekonzert – Alpensinfonie, IOCO Kritik, 24.1.2020

Konzerthaus Rosengarten Mannheim © Uschi Reifenberg

Konzerthaus Rosengarten Mannheim © Uschi Reifenberg

Musikalische Akademie Mannheim

Musikalische Akademie Mannheim  – 4. Akademiekonzert

  – Vom Glück des Gipfelstürmers –

von Uschi Reifenberg

Mit dem Konzert für Oboe und kleines Orchester von Richard Strauss eröffnete die Musikalische Akademie Mannheim das 4. Akademiekonzert und setzte mit diesem Strauss‘schen „Juwel“ gleich zu Beginn einen Glanzpunkt dank des Oboisten Jean-Jaques Goumaz, dem 1. Solo-Oboisten des Nationaltheater Orchesters und seinem Dirigenten GMD Alexander Soddy.

Das Oboenkonzert, von Richard Strauss, beendet 1946, gilt als eines der anspruchsvollsten Konzerte für Oboe überhaupt und verlangt seinen Interpreten alle erdenklichen Schwierigkeiten ab, besonders bezüglich Atemtechnik, Durchhaltevermögen und Vielfalt im Ausdruck.

Jean-Jaques Goumaz löst diese Anforderungen allesamt mühelos und breitet die ganze Palette seines Könnens aus, was das Publikum im Mannheimer Mozartsaal in einhellige Euphorie versetzte.

Nach zwei kurzen Cello-Takten zu Beginn führt eine gefürchtete lang ausgedehnte Einleitung des 1.Satzes den Solisten in medias res. Was folgt, ist eine unendliche Melodie, die mit bewegten und fein ziselierten Spielfiguren quasi ohne Unterbrechung den Oboisten 56 Takte lang „in Atem hält“. Goumaz gestaltet unangestrengt, mit feiner Tongebung, intelligenter Phrasierung und stupender Atemtechnik einen Spannungsbogen, der ihm erst nach dem Tutti eine kurze Verschnaufpause gönnt.

Nationaltheazer Mannheim / Jean Jaques Goumaz - Solo-Oboist © Moreno Gardenghi

Nationaltheazer Mannheim / Jean Jaques Goumaz – Solo-Oboist © Moreno Gardenghi

Goumaz‘ Oboenklang ist weich, gesanglich, im zartesten piano noch tragend und verliert auch im forte nichts von seinem warmen Timbre. Innig und beseelt, von leiser Wehmut durchzogen, klingt das Andante-Thema des 2. Satzes. Goumaz taucht in die Tiefen der Strauss‘schen Musik ein und verleiht dem Spätwerk jenen Hauch von Abschiedsschmerz, der später auch in den „Vier letzten Liedern“ anklingt. Die Utopie einer besseren Welt wird hier beschworen, 1946, in Zeiten der Zerstörung und Hoffnungslosigkeit.

Das Zusammenspiel zwischen Solist und Orchester hätte nicht besser sein können, Orchester und Oboe verschmelzen in idealer Harmonie. Alexander Soddy dirigiert mit großer Sensibilität, fühlt jede agogische Wendung einfühlsam mit und lässt besondere Augenblicke im Dialog zwischen Soloinstrument und Orchester sowie mit Klarinette, Fagott und Flöte entstehen.

In den letzten beiden Sätzen schlüpft Goumaz in die Rolle des Till Eulenspiegel und bringt dessen heitere Motive schalkhaft und mit viel Lebendigkeit zum Ausdruck. Weite Intervallsprünge, bewältigt er mit Leichtigkeit, hat sichtlich Freude an Koloraturen, deren opernhafte Virtuosität nie Selbstzweck sind und schickt mit präziser Artikulation und Delikatesse glitzernde Spitzentöne in den Saal.

Für Bravorufe und donnernden Applaus dankte  Jean-Jaques Goumaz mit einer Zugabe. Es folgte die Alpensinfonie

Die  Alpensinfonie –   von biografischen Erlebnissen geprägt

Wenn Richard Strauss, der begeisterte Bergsteiger und Naturfreund in seiner Villa in Garmisch Partenkirchen, umgeben vom Zugspitzmassiv und dem Wettersteingebirge, aus dem Fenster  blickte, so kann man sich lebhaft vorstellen, dass ihm die Komposition seiner Alpensinfonie geradezu aus der Feder geflossen sein muss. Tatsächlich aber durchlief die Entstehung der Alpensinfonie einen fünfzehnjährigen wechselhaften Schaffensprozess und war inspiriert von Strauss eigenen biografischen Erlebnissen, der Philosophie Friedrich Nietzsches und der Künstlertragödie eines Schweizer Malers.

Diese drei Bedeutungsebenen verweisen aufeinander, durchdringen sich gegenseitig und erschließen das innere Programm, das der äußeren Einteilung der 22 Stationen einer  Bergwanderung zu Grunde liegt. Ein Jugenderlebnis mag ihm wohl in deutlicher Erinnerung geblieben sein: Als vierzehnjähriger geriet Strauss bei einer ganztägigen Bergtour in ein Unwetter, verirrte sich und kehrte erst nach Stunden, völlig durchnässt, nach Hause zurück. Um 1899 beabsichtigte Strauss, das tragische Schicksal des Schweizer Porträtmalers Karl Stauffer zu vertonen, der ebenfalls passionierter Bergsteiger war und nach einer tragischen Liebesgeschichte dem Wahnsinn verfiel und in Selbstmord endete. Es sollte eine 4-sätzige Sinfonie entstehen mit dem Titel: Die Alpen.

Richard Strauss Institut Garmisch Partenkirchen © Uschi Reifenberg

Richard Strauss Institut Garmisch Partenkirchen © Uschi Reifenberg

Dazwischen schob sich die Beschäftigung mit Friedrich Nietzsches Philosophie und seinen Thesen aus dem „Antichrist“ von 1888 mit dem Postulat der Befreiung der Menschheit von den Zwängen der christlichen Dogmen. Bereits in Also sprach Zarathustra hatte Strauss seiner Affinität zu Nietzsche ein Denkmal gesetzt. Strauss schreibt 1911: „Ich will meine Alpensinfonie den Antichrist nennen, als da ist: sittliche Reinigung aus eigener Kraft, Befreiung durch die Arbeit, Anbetung der ewigen herrlichen Natur.“ Später streicht Strauss allerdings den Zusatz „Der Antichrist“ wieder, übrig bleibt Eine Alpensinfonie mit der Verherrlichung der Natur als Ersatzreligion, die sich manifestiert im Programm einer abenteuerlichen Bergbesteigung.

Die Stationen dieser Gebirgsroute führen den einsamen Wanderer im Morgengrauen Richtung Bergesgipfel und lassen ihn die Schönheiten, aber auch die Unwägbarkeiten eines unübersichtlichen Weges erfahren. Er erlebt einen Sonnenaufgang, kommt vorbei an Bächen, Blumen und Wiesen und erklimmt schließlich den Gipfel, der ihn die atemberaubende Schönheit und Allmacht der Natur bestaunen lässt. Auf dem Rückweg gerät er in Gewitter und Sturm und erreicht in der Nacht endlich wieder seinen Ausgangspunkt.

Strauss vertont hier nicht in trivialer Weise die Naturphänomene einer alpinen Postkartenidylle, wie ihm oft vorgeworfen wurde, sein provokanter Aphorismus: „Ich habe einmal komponieren wollen wie die Kuh Milch gibt,“ hat diesen Vorbehalt aber sicher noch verstärkt. Der Aufbruch des Bergsteigers auf den Gipfel könnte auch als Metapher für das menschliche Leben schlechthin angesehen werden, das ebenfalls einer Wanderung mit allen erdenklichen Höhen und Tiefen, Zielen und Hindernissen gleicht. Der Abstieg vom Gipfel wird auch zur Metapher einer für immer vergangenen Epoche. Ebenso entledigt sich der Gipfelstürmer der Fesseln repressiver Traditionen und strebt nach Erneuerung, höchster Vollendung und künstlerischen Identität.

Die Uraufführung erfolgte 1915, mitten im 1.Weltkrieg; der Weg in die Abgeschiedenheit der Bergwelt wird, symbolisch, zur Abkehr von den Niederungen von Politik und Gesellschaft. Die unberührte Natur wird Gegenwelt einer als „erbärmlich“ erlebten Realität.

Mit der Alpensinfonie beendet Strauss die Reihe seiner sinfonischen Dichtungen, die er mit „Aus Italien“ 1886 begonnen hatte und führte damit das Genre zu einem absoluten Höhepunkt.

Er knüpft an die Tradition von Hector Berlioz und vor allem Franz Liszt, der in seinen sinfonischen Dichtungen durch die Einbeziehung der Literatur die musikalische Aussage erweitern wollte; nicht zuletzt auch an die Tradition von Ludwig van Beethoven, der in seiner Pastoralsinfonie forderte: „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ und detaillierte Naturschilderungen plastisch in Töne setzte.

 Von Strauss` Villa Blick auf die Alpen, die Zugspitze © Reifenberg

Von Strauss` Villa Blick auf die Alpen, die Zugspitze © Reifenberg

Strauss entwickelte diese Ästhetik weiter und gestaltete die musikalischer Darstellung poetischer und realer Vorgänge in einzigartiger Weise, er schreibt dazu an Romain Rolland: „Für mich ist das poetische Programm nichts weiter als der Form-bildende Anlass zum Ausdruck und zur rein musikalischen Entwicklung meiner Empfindungen-nicht wie Sie glauben, nur eine musikalische Beschreibung gewisser Vorgänge des Lebens“. Das musikalische Kunstwerk sollte für sich selbst stehen und erschließt dem Hörer auch ohne erläuterndes Programm den Gehalt der Komposition.  Dennoch sind in der Alpensinfonie die tonmalerischen Kunstgriffe beispielhaft für eine programmatische Kompositionsweise.

Strauss steigerte die Orchesterbesetzung in der Tradition Wagners ins Monumentale, forderte mindestens 129 Musiker, darunter 64 Streicher, vierfach besetzte Holz-und Blechbläser, achtfache Hörner, ausgedehntes Schlagwerk, ein Fernorchester mit zusätzlich 12 Hörnern, Trompeten und Posaunen. Unter Einbeziehung besonderer Instrumente wie Heckelphon, Tenortuben, Windmaschine, Donnerblech, Herdengeläut, Celesta und Orgel, wuchs das Orchester nicht nur quantitativ, sondern erreichte auch in punkto Farbigkeit eine neue Qualität.

Strauss‘ Instrumentationskunst ist bekanntermaßen exemplarisch, sein Zitat nach Fertigstellung der Alpensinfonie:Jetzt hab ich endlich instrumentieren gelernt“, verweist in typischer Selbstironie auf das Bewusstsein seiner uneingeschränkten Meisterschaft.

Generalmusikdirektor Alexander Soddy und das Nationaltheater Orchester ließen mit der  Alpensinfonie die Zuhörer ein Klang-Abenteuer erleben, welches die einzelnen  Sektionen der  Bergbesteigung in vielfältige Farbnuancen tauchte. Er findet für die dichte Dramaturgie des Stückes einen klaren Ansatz und arbeitet die Binnenstrukturen detailliert heraus. Soddy steht zu Strauss‘ Überwältigungsmusik, erlaubt das Schwelgen in den weiträumigen Tableaus, und bricht die Klangmassen herunter, um an den entsprechenden Kammermusikalischen Stellen sensibel ausgehörte Instrumentalsoli hervorzuheben. Die Emotionen hält er mit beeindruckender Balance auch an den Gipfelpunkten unter Kontrolle. Manche Übergänge hätte man sich vielleicht etwas straffer und spannungsgeladener vorstellen können.

Dirigent Alexander Soddy © Gerard Collett

Dirigent Alexander Soddy © Gerard Collett

Dunkel, wie aus mystischen Tiefen, schälte sich nach einer absteigenden Linie  in „Nacht“ aus dem nebelverhangenen Anfangsakkord der gedämpften Streicher, Fagotte und Klarinetten das verhaltenen angestimmte Berg- Thema der Posaunen und Tuben. Die Steigerung, die wachsende Bewegung vom Dunkel zum Licht, gelingt Soddy überzeugend. Den triumphalen  Sonnenaufgang intonierten die hohen Blechbläser mit gleißender Strahlkraft, das schwungvolle Aufstiegsthema mit seinen weit ausholenden Intervallschritten, das sich leitmotivisch durch das ganze Werk zieht, wurde von den Streichern und Harfen zunächst etwas verhalten in Angriff genommen, gewann aber später immer mehr an Energie.

Hörner und Posaunen leiteten mit dem rhythmisch markanten Wandererthema  zu den Jagdhörnern über, die als Fernorchester einen Dialog mit dem Bühnenorchester aufnahmen. Kleine Koordinationsprobleme der  Blechbläser trübten für einen kurzen Moment die Idylle. Im „Eintritt in den Wald“, den Soddy mit andächtiger Hingabe zelebrierte, breiteten die Musiker das Strauss’sche Farbspektrum aus und imaginierten die Natur in ihrer vielfältigen Schönheit. Glitzernde Kaskaden der hervorragend disponierten Streicher und Holzbläser ließen einen Wasserfall plastisch entstehen, Naturlaute, Blumen und Vogelrufe begleiteten den Wanderer in noch ungetrübter Erwartungsfreude bergaufwärts, vorbei an Almen, Gletscher und unwägbaren Stellen.

Den Gipfel besingt zunächst eine einsame Oboe, tastend, fast verschämt, bis dann das Orchester die Erhabenheit der Bergwelt in einem grandiosen Hymnus feiert. Die Gipfeleuphorie wandelt sich zur „Vision“, der Soddy mit viel Pathos und Dramatik begegnet und in satte Farben kleidet.

„Die Ruhe vor dem Sturm“ lässt die Spannung fast körperlich spürbar werden, einzelne Klarinetten-Tropfen lösen sich zögernd, bis sich die Klangmassen kontrolliert, mit orchestraler Wucht im „Gewitter und Sturm“ entladen. Hier ließ Soddy Strauss’ kontrapunktische Verwebung aller bisherigen Motive transparent erlebbar werden und führte das Orchester im letzten Aufbäumen der Naturgewalten bis an die Grenzen der Dynamik. Im „Sonnenuntergang“ konnte man im Abendrot glühende Streicher vernehmen, bevor im „Ausklang“ der Wanderer, der talwärts strebt, das Erlebte reflektiert und nach diesem Erlebnis nun verändert, als ein Anderer, zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt.

Soddy und das Nationaltheater Orchester ließen  noch einmal mit großer Intensität, im fahlen Abglanz, die wichtigsten Themen anklingen. Die Streicher intonierten hier das variierte Sonnenaufgangsthema, dessen Themenkopf an Wagners Erlösungsmotiv des Fliegenden Holländer erinnert. Erlösung des Menschen durch die Überwindung seiner selbst ?                    „Anbetung der ewigen, herrlichen Natur.“

Ein großer Abend der  Musikalische Akademie Mannheim  Begeisterungsstürme, Jubel

—| IOCO Kritik Musikalische Akademie Nationalorchester Mannheim  |—

Münster, Picasso Museum, „Im Rausch der Farben“ – Ausstellung, IOCO Aktuell, 16.10.2019

Oktober 15, 2019 by  
Filed under IOCO Aktuell, Museen Münster

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso

„Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“

  Französische Moderne  –  Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

von Hanns Butterhof

Dem Kunstmuseum Pablo Picasso Münster ist wieder ein Glücksgriff gelungen. In seiner Ausstellung „Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“ zeigt es sehenswert über sechzig Meisterwerke aus dem Musée d’Art moderne de Troyes, die bisher außerhalb ihres Stammhauses nur in Seoul zu sehen waren. Aus eigenen Beständen würdigt es den Namensgeber mit der Sonderausstellung „Wie Gott in Frankreich – Picasso kulinarisch“.

Die Ausstellung positioniert sich gleich zu Anfang mit einem kurzen schwarz-weiß-Film auf der Gewinnerseite der Kunstgeschichte. Der Reihe nach präsentieren sich die Künstler der „Fauves“, die Wilden, mit einschlägigen Kunst-Parolen, um dann in Boxkämpfen ihren Gegnern punktgenau den knock out zu versetzen. Warum sich die Fauves als Sieger im Kampf gegen die akademische und Salon-Malerei fühlen durften, zeigt die Ausstellung dann mit ihrem Farbrausch eindringlich.

 Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung Im Rausch der Farben - hier : André Derain, Big Ben, 1906, Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung Im Rausch der Farben – hier : André Derain, Big Ben, 1906, Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die Werke entstammen dem Teil der Sammlung, die das Textilindustriellen-Paar Denise und Pierre Lévy dem französischen Staat für das  Musée d’Art moderne von Troyes, der Stadt in der Champagne, vermacht haben. Freund und künstlerischer Anreger der Lévys war André Derain (1880 – 1954), deren „Hausgott“, wie ihn der Direktor des Picasso-Museums, Dr. Markus Müller, im Gespräch nennt. Derain hatte mit seinen Künstlerfreunden um Henri Matisse (1869 – 1954) auf dem Pariser Salon d’Automne 1905 den Skandalerfolg gefeiert, der die lose Maler-Gruppe als „Les Fauves“ etablierte.

Entsprechend bildet Derain einen Schwerpunkt der mit Gemälden, Grafiken und Skulpturen bestens bestückten Ausstellung. Einen besonderen Blickfang im großen Ausstellungsraum bildet sein an Monet erinnerndes Gemälde „Big Ben“, und sein „Hafen von Collioure“ trägt deutliche Spuren seines Zusammenseins mit Matisse 1904 in der katalonischen Hafenstadt nahe der Kapitale Perpignan. Von der Erfindung ihrer völlig neue Bildsprache aus dem Licht Südfrankreichs spricht auch Chaim Soutinés (1893 – 1943) „Das Kapuzinerkloster von Céret“, das auf ein unweit von Collioure gelegenes Städtchen verweist, dessen Musée d’art moderne Céret noch viele Zeugnisse aus der frühen französischen Moderne und eine Vielzahl von Keramiken Pablo Picassos mit Stierkampfszenen besitzt.

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstyellung : Im Rausch der Farben - hier : Félix Vallotton, Afrikanerin, 1910, Öl auf Leinwand, Foto Ville de Troyes, Carole Bell © Domaine public 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstyellung : Im Rausch der Farben – hier : Félix Vallotton, Afrikanerin, 1910, Öl auf Leinwand, Foto Ville de Troyes, Carole Bell © Domaine public 2019

Der Ausstellung im westfälisch verregneten Münster eignet ein Hauch von Leichtigkeit, als atme sie die helle Luft des französischen Südens, und vermittelt jenseits von systematischem Sammlertum etwas von den sympathisch persönlichen Neigungen der Lévys. So fallen Werke von Jean Metzinger (1883 – 1956) wie seine  sanft kubistische „Frau von vorne und im Profil“ oder von Robert Delaunay (1885 – 1941) „Die Läufer“ ins Auge, daneben von Amado Modigliani (1884 – 1020) das Portrait „Jeanne Hébuterne“, von Max Ernst (1891 – 1976) eine Landschaft, und dazwischen überrascht die nahezu fotorealistisch gemalte „Afrikanerin“ von Félix Valloton (1865 – 1925). Im Kontrast dazu steht das Portrait “Junge Kreolin“ von Paul Gauguin (1848 – 1903), und wieder anders strahlen die Pointilisten Paul Signac (1863 – 1935) mit dem lichten Aquarell „Venedig“ oder Georges Seurat (1859 – 1891) mit dem „Vorort“.

Erstaunlich sind auch Sujet-Ähnlichkeiten zu entdecken. Atelierszenen oder Blicke aus dem Fenster auf die Straße wie von Maurice Marinot (1882 – 1960) erinnern frappant an Bilder der Ausstellung „Raoul Dufy – Les Ateliers de Perpignan 1940 – 1950“,  wie sie letztes Jahr im Musée d’art moderne Hyacinthe Rigaud in Perpignan zu sehen waren. Dort läuft gegenwärtig noch die sehenswerte Ausstellung „Rodin – Maillol – face à face“ mit charakteristischen Skulpturen der beiden Bildhauer, die auch in der Ausstellung im Picasso-Museum zu sehen sind. Auguste Rodin (1840 – 1917) etwa ist mit dem stolzen Kopf „Balzac“, Aristide Maillol (1861 – 1944) mit der hübschen „Krabbenfrau“ vertreten. Weitere Skulpturen finden sich verstreut in der Ausstellung, darunter Pferde- und Frauen-Motive von Edgar Degas (1834 – 1917).

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung : Im Rausch der Farben - hier : Pablo Picasso, Drei Sardinen, 1948, Keramik (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung : Im Rausch der Farben – hier : Pablo Picasso, Drei Sardinen, 1948, Keramik (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

In der Sonderausstellung  „Wie Gott in Frankreich – Picasso kulinarisch“ würdigt das Picasso-Museum in der 2. Etage aus eigenen Beständen Pablo Picasso (1881 – 1973) mit Linolschnitten, Lithografien, Keramiken und Gemälden rund um das Thema Essen und Trinken. Frisch gefangener Fisch, Artischocken und Wein lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Manche Bilder vermitteln aber auch eine Ahnung von den Phantasien, die von der Lebensmittelknappheit in Frankreich zur Zeit der deutschen Besatzung angeregt wurden.

In beiden Ausstellungen kommt den Besuchern eine außerordentlich nahe Moderne entgegen, bei der erstaunen lässt, vor wie langer Zeit ihre Protagonisten gewirkt haben. Und dazu gesellt sich das Erschrecken, wie vorbei diese Epoche ist.

Die Ausstellung „Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“ im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster läuft noch bis zum 19.1.2020.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag und Feiertage: 10.00 bis 18.00 Uhr. Freitag: 10.00 bis 20.00 Uhr.  Der ausführliche, umfassend bebilderte Katalog zur Ausstellung kostet an der Museumskasse 29,80 €, im Buchhandel 38,00 €.

—| ioco-art Kunstmuseum Pablo Picasso Münster |—

Perpignan, Musée d´Art, Auguste Rodin – Aristide Maillol, IOCO Aktuell, 10.09.2019

 Die Méditerranée Skulptur von Aristide Maillol im Patio des Rathauses von Perpignan © Anne Engelhardt

Die Méditerranée Skulptur von Aristide Maillol im Patio des Rathauses von Perpignan © Anne Engelhardt

Musée d’Art Hyacinthe Rigaud de Perpignan

Musée d’Art de Perpignan – Auguste Rodin – Aristide Maillol

 – Antipoden der Skulptur  – Auf Augenhöhe –

von Hanns Butterhof

Mit seiner Ausstellung Rodin – Maillol, face à face ist dem Musée d’Art Hyacinthe Rigaud in Perpignan wieder eine großartige, im besten Sinne spannende Ausstellung gelungen. Sie stellt die beiden grundverschiedenen französischen Skulptur-Großmeister der frühen Moderne, Auguste Rodin (1840 -1917) und Aristide Maillol (1861 – 1944), einander auf Augenhöhe gegenüber. Ohne selbst Partei zu ergreifen, provoziert die Ausstellung mit der Anmutung eines Vergleichs der beiden Künstler ein Urteil der Besucher.

In seiner zweiten, den Wechselausstellungen vorbehaltenen Etage stellt das  Musée d’Art Hyacinthe Rigaud in neun Kabinetten Skulpturen unterschiedlicher Größe und einige Zeichnungen Auguste Rodins ebensolchen von Aristide Maillol gegenüber. Die thematischen Schwerpunkte: Der Mann, Der Torso, Die Gruppe, Das öffentliche Monument, Die Zeichnungen und in beispielloser Breite Die Frau bilden das Spektrum des Schaffens beider Künstler umfangreich ab. Dabei gelingt es der Ausstellung, das Gefühl zu vermitteln, dass sich hier nicht nur Kunstwerke, sondern gegensätzliche Persönlichkeiten Auge in Auge gegenüberstehen.

Musée d'Art de Perpignan / Iris, messagère des dieux - Iris, Botin der Götter / Skulptur von Auguste Rodin © Anne Engelhardt

Musée d’Art de Perpignan / Iris, messagère des dieux – Iris, Botin der Götter / Skulptur von Auguste Rodin © Anne Engelhardt

Der  1840 nahe bei Paris in Meudon geborene Auguste Rodin ist, wohl selbst im französischen Katalonien, wo Aristide Maillol 1861 unweit von Perpignan in Banyuls-sur-Mer geboren wurde, der berühmtere von beiden. Und mit dem Gips-Modell seines populärsten Werkes, dem 180 cm großen Le Penseur monumental (Der Denker) von 1904, beginnt die Ausstellung spektakulär. Nur ganze 18 cm misst dagegen die dem Denker konfrontierte weibliche Tonfigur La Douleur (Das Leid) von 1921, deren ausgeführte Skulptur auf dem Marktplatz des nahen Städtchens Céret das Kriegerdenkmal ziert. Beide Figuren verbindet ihre nachdenkliche Haltung mit dem auf die Hand gestützten Kopf. Gleichzeitig trennt sie ihr Ausdruck fundamental. Er ist beim Denker gespannt, nach außen auf das Ergebnis und die darauffolgende Handlung gerichtet, während La Douleur völlig nach innen gerichtet, leidend am Ende jeglichen Handelns angekommen ist.

Expression bei Rodin und Impression bei Maillol, Dynamik und Gesammeltsein stehen sich in der ganzen Ausstellung gegenüber. Überdeutlich bestätigen das die beherrschenden Skulpturen des nächsten Kabinetts, Rodins bronzene Iris, messagère des dieux (Botin der Götter) von 1890, und Maillols Gips-Modell der Méditerranée (Mittelmeer) von 1905. Die Iris, ein kopfloser, jede klassische Form sprengender Torso, stellt mit gespreizten Beinen provokant Geschlechtlichkeit und Lebenskraft aus und springt die Betrachter nahezu an. Die Méditerranée, deren ausgeführte Form den Patio des Rathauses von Perpignan beherrscht, ist dagegen eine auf der Erde sitzende Frauenfigur, die völlig in sich ruht, die kräftigen Glieder entspannt und von einem Gleichmaß bestimmt, das wie aus der Natur übernommen scheint.

 Musée d'Art de Perpignan / Les Nymphes de la prairie - Skulptur von Aristide Maillol © Anne Engelhardt

Musée d’Art de Perpignan / Les Nymphes de la prairie – Skulptur von Aristide Maillol © Anne Engelhardt

Bei den männlichen Einzel-Figuren kommen sich beide Bildhauer scheinbar am nächsten, Maillols Bronze Le Cycliste (Der Radfahrer) von 1907 könnte fast eine Hommage an Rodins daneben stehendes bronzenes L’Age d’airain (Das eherne Zeitalter) von 1903-04 sein. Aber auch hier weichen die exakt nach ihren jeweiligen Modellen gearbeiteten Figuren in Haltung und Ausdruck deutlich von einander ab, diejenige Rodins in dramatischer Pose, die Maillols in nachdenklicher Entspanntheit.

 Musée d'Art de Perpignan / Les trois Ombres - Skulptur von Auguste Rodin © Anne Engelhardt

Musée d’Art de Perpignan / Les trois Ombres – Skulptur von Auguste Rodin © Anne Engelhardt

Wie sehr Maillol der beruhigten, nahezu klassischen Form verbunden bleibt, zeigt sich in der Gegenüberstellung zweier Paar-Motive, seiner mit 119 x 113 nahezu quadratischen Bronze Le Désir (Das Begehren) mit Rodins populärem Le Baiser (Der Kuss). Le Désir zeigt in einem klaren Aufbau ein unbekleidetes Paar, begehrlich fragend der Mann, in sanfter Abwehr, den Kopf abgewandt, die Frau. Auch das Paar in Rodins Le Baiser ist nackt, alle Bewegung zielt auf die Berührung der Lippen im Kuss. Doch hat die Skulptur etwas Arrangiertes, einen pathetischen Gestus, an dem in der Konfrontation mit Le Désir etwas leicht Süßliches aufleuchtet.

Ähnlich ist es mit den Frauen-Zeichnungen der beiden Künstler, die in getrennten Kabinetten gezeigt werden. Auch die 13 zum Teil leicht aquarellierten Zeichnungen Rodins wirken, obwohl schwungvoll skizziert, arrangiert und  sind nicht ohne pornographische Anmutung. Den angehobenen Kleidern und gespreizten Beinen ihres Modells stehen zumeist nahezu unerotisch züchtig Rückenansichten der Maillolschen Frauen gegenüber. Nur bei genauer Betrachtung aller Exponate wird man in Maillols Dina, einer kleinen, mit gespreizten Beinen auf dem Rücken liegenden Frauen-Figur aus Ton von 1937, eine dem gestaltenden Zugriff Rodins ähnliche Figur finden.

 Musée d'Art de Perpignan / Pomone - Skulptur von Aristide Maillol © Hanns Butterhof

Musée d’Art de Perpignan / Pomone – Skulptur von Aristide Maillol © Hanns Butterhof

Bei aller Verschiedenheit des Ausdrucks sind die ausgestellten Gruppen- wie der Einzel-Skulpturen  vom gleichen künstlerischen Ernst geprägt. Maiolls bronzene, 163 cm hohe Frauenfigur Pomone, mit der er 1910 im Salon d’Automne seinen ersten großen Publikumserfolg erzielte, bietet aufrecht und in absoluter Ruhe ihre Äpfel dar, während sich neben ihr Rodins 173 cm hohe bronzene Ève von 1881 voller Scham und Reue über ihre Verführbarkeit in sich verkriechen zu wollen scheint. Und ebenso aufrecht und gelöst wie Pomone reichen sich Maillols Les Nymphes de la prairie (Die drei Wiesen-Nymphen) die Hand, wie Rodins Les Trois Ombres (Die drei Schatten), der Ève gleich, bedrückt und wie geschlagen in sich zusammensinken.

Von den beiden öffentlichen Monumenten, denen ein eigenes Kabinett gewidmet ist, geht nicht das Strahlen des Gelingens aus. Maillols 215 cm hohe Bronzeplastik L’Action enchaînée – monument à Auguste Blanqui (Die angekettete Aktion) für den Revolutionär und Kommunarden Blanqui ist ein männlich muskulöser Frauenakt mit auf dem Rücken gefesselten Händen. Rodins La Muse Whistler, eine 223,5 cm hohe Bronzestatue, ist ein weiblicher Torso der Muse des Malers James McNeill Whistler, wie sie den Gipfel des Ruhms erklimmt, ohne Arme und Hände. In der Gestaltung von Ideen wie Rebellion und Erfolg können beide Künstler kaum überzeugen.

 Musée d'Art de Perpignan / Eve - Skulptur von Auguste Rodin © Hanns Butterhof

Musée d’Art de Perpignan / Eve – Skulptur von Auguste Rodin © Hanns Butterhof

Wo der direkte öffentliche Bezug fehlt, überzeugen die schließlich präsentierten weiblichen Torsi. In ihrem Unvollendetsein umgibt sie die Aura des Gelingens wie Rodins Méditation ou Voix  intérieure (Meditation oder Innere Stimme) von 1886 und Maillols Harmonie von 1940, die den Schlusspunkt der begeisternden Ausstellung setzen, in der noch viele kleine Kostbarkeiten wie Maillols bezaubernde Tonfigur Leda von 1900 zu entdecken  sind.

Die Ausstellung Rodin – Maillol, face à face stellt Rodin und Maillol auf Augenhöhe gegenüber, vielleicht nicht ganz ohne etwas mehr Sympathie für den Katalanen. Bei dem Urteil, das sie gleichwohl provoziert, mag es sehr auf den Betrachter ankommen. Jüngere mag die Dynamik und Expressivität Rodins besonders ansprechen, während sich Ältere durch sie eher bedrängt und durch die geerdete Ruhe Maillols erlöst und beglückt fühlen mögen. So verlässt niemand diese Ausstellung unberührt.

Die sehenswerte Ausstellung Rodin – Maillol, face à face ist bis 3.11.2019 im Musée d’Art Hyacinthe Rigaud, 21 rue Mailly, F 66000 Perpignan, zu sehen. Dreisprachige Beschilderung der Exponate in Französisch, Katalan und Englisch. Weitere Informationen unter www.musee-rigaud.fr Ein umfassend bebilderter, 215-seitiger französischsprachiger Katalog zur Ausstellung kostet im Museumsladen 25,00 €.

—| IOCO Ausstellungen |—

ioco-art, Antonio Pauciulo, Malerei, Juli 2016

Juli 6, 2016 by  
Filed under Hervorheben, ioco-art, Pressemeldung

der maler antonio pauciulo 

www.pauciulo.com

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—| ioco-art Antonio Pauciulo |—

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