Brüssel, Theatre Royal de la Monnaie, Macbeth Underworld – Pascal Dusapin, IOCO Kritik, 24.09.2019

September 24, 2019 by  
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Theatre Royal de la Monnaie Brüssel © Pierre Stubbe

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel © Pierre Stubbe

Theatre Royal de la Monnaie

Macbeth Underworld  – Uraufführung

„Du lässt die Narren glauben, dass aus der Lüge eine Wahrheit entsteht“

von Ingo Hamacher

Diese ersten Worte der Hecate im Shakespeareschen Macbeth, lässt in diesen turbulenten Brexitzeiten ganz Europa, aber natürlich besonders Brüssel, an Boris Johnson denken, der über dieses Zitat hinaus noch überraschend viele andere Gemeinsamkeiten mit der Person Macbeths und dessen Verhalten aufweise, so Peter de Caluwe, Intendant des Theatre Royal de la Monnaie in Brüssel, in seiner Begrüßungsrede zur Premiere der Uraufführung von MACBETH UNDERWORLD.

Pascal Dusapin, Komponist dieser Auftragsarbeit für die Königliche Muntschauburg, verweist ebenfalls mit Blick auf den europäischen Zusammenhalt darauf, daß sowohl die großen Historiendramen, als auch die shakespearschen Tragödien das Kernmaterial des europäischen Geistesleben und somit unser alle kulturelle Wurzeln darstelle, weswegen er sich auch bewußt für den Stoff des Macbeth entschieden habe, den aufzugreifen, zeitgemäß zu interpretieren und zur Diskussion zu stellen, ihm ein besonderes Anliegen gewesen sei.

Macbeth Underworld – Theatre Royal de la Monnaie
youtube Trailer des Theatre Royal de la Monnaie, Brüssel
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Knapp vier Jahre nach Penthesilea, seiner letzten Komposition, liefert Pascal Dusapin dem belgischen Opernhaus La Monnaie / de Munt ein neues Werk. Mit seinem Librettisten Frédéric Boyer taucht er in die dunkelsten Regionen der menschlichen Seele ein und dies mit Hilfe zweier der sinnbildlichsten Charaktere des menschlichen Bösen: dem Macbeth-Paar. Pascal Dusapin, 1955 in Nancy geboren, man hat ihn auch schon als den „französischen Wolfgang Rihm“ bezeichnet, schafft Musik, die schillert, fluktuiert, ständig in Bewegung ist, stets im Wandel und dadurch etwas ungreifbares bekommt.

Ein reguläres Kompositionsstudium hat er zwar nie absolviert, aber mit großer Hingabe hat er vier Jahre lang an der Sorbonne die Vorlesungen von Olivier Messiaen und Iannis Xenakis gehört. Letzterer wurde für Dusapin zu einem „musikalischen Vater“, unter dessen Einfluss er sich mit den mathematischen und akustischen Gesetzmäßigkeiten von Musik beschäftigte. Doch während die Musik von Xenakis wie ein Vulkan, wie ein Erdbeben, wie ein Felssturz über die Zuhörer hereinbricht, kann Dusapins Musik so leicht und licht klingen wie der Wind, die Wellen, die Wolken.

Dusapins Kompositionen umfassen neben Orchesterwerken und Kammermusik auch zahlreiche Opern, etwa Medeamaterial (1990/91) nach Heiner Müller, die Kammeroper To Be Sung für Sänger, Sprecher, Ensemble und Tonband (1993) nach Gertrude Stein oder Faustus. The Last Night (2006) nach Christopher Marlowe. Neben literarischen Vorbildern bezieht sich Pascal Dusapin in seinen Werken immer wieder auch auf Theater, Tanz und bildende Kunst.

 Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld - hier : Georg Nigl als Macbeth © Baus / La Monnaie De Munt

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld – hier : Georg Nigl als Macbeth © Baus / La Monnaie De Munt

Pascal Dusapins Schaffen ist in besonderem Maße angeregt durch außermusikalische Inspirationen aus den Bereichen der Literatur, des Theaters sowie der bildenden Künste. Die starke Betonung des kompositorischen Handwerks schlägt sich nieder in Partituren, in denen sich Polyphonie als Resultat sorgsam gezeichneter Stimmverläufe und ins Einzelne verästelter Kontrapunktik ergibt. Er schafft rhythmisch hochkomplexe, für die Musiker aufwendig zu erlernende Partituren. Seine Musik lässt sich der mathematisch-intellektuellen Strömung zuordnen.

Die Regie lag in den Händen des jungen französische Regisseurs Thomas Jolly, der umfangreich mit Shakespeares Welt vertraut ist. Thomas Jolly, geboren 1982 in Rouen, ist Schauspieler und Regisseur des französischen Theaters und der französischen Oper. Er ist künstlerischer Leiter von La Piccola Familia, einer Theatergruppe mit Sitz in Rouen. Der Dirigent Alain Altinoglu bringt das intensive Drama und den stimmlichen und orchestralen Reichtum der Partitur zum Ausdruck.

Das Ergebnis ist die blutbefleckte düstere Oper Macbeth Underworld, in der das unglückselige Paar dazu verurteilt wird, seine eigene Tragödie zu erleben, und ihre eigenen Erinnerungen zu verfolgen – und unsere!

Macbeth (engl. The Tragedy of Macbeth) ist eine Tragödie von William Shakespeare.   Das Werk handelt vom Aufstieg des königlichen Heerführers Macbeth zum König von Schottland, seinen Wandel zum Königsmörder und nach weiteren Mordtaten, die der Erhaltung seiner Macht dienen sollen, zu seinem Fall. Der Autor verknüpfte in seinem Drama geschichtliche Fakten über den historischen Schottenkönig Macbeth und den zeitgenössischen englischen König Jakob I. mit Aberglauben, Mythologie und Fiktion.

Das Schauspiel Macbeth, eines der bekanntesten Dramen Shakespeares, basiert nicht auf den geschichtlichen Tatsachen, sondern auf einer Darstellung durch den Chronisten Raphael Holinshed aus dem 16. Jahrhundert. Sie schildert Macbeths Wandlung vom Getreuen Duncans zum Königsmörder, der zunehmend dem Wahnsinn verfällt.

Shakespeares Geschichte lässt mehrere, voneinander verschiedene Interpretationen zu: Von der Parabel über die Machtgier der Menschen über die Frage nach Vorherbestimmung des Schicksals bis hin zu Sünde und Schuld als ewiges Menschheitsthema. Ein zentrales Thema des Dramas ist das Divine Right, das göttliche Recht. Macbeth verstößt durch seine gewaltsame Machtergreifung gegen diese Ordnung, was nicht nur Chaos und Schreckensherrschaft in Schottland, sondern schließlich auch Macbeths gewaltsamen Tod zur Folge hat.

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld - hier : Georg Nigl als Macbeth, Magdalena Kozena als Lady Macbeth, K Sigmundsson als Ghost © Baus / La Monnaie De Munt

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld – hier : Georg Nigl als Macbeth, Magdalena Kozena als Lady Macbeth, K Sigmundsson als Ghost © Baus / La Monnaie De Munt

Die Besonderheit von Macbeth ist durch charakteristische Eigenschaften des Werkes bestimmt wie seine besondere Zugänglichkeit und Verständlichkeit. Die einsträngige, klarlinige Handlung ist relativ leicht zu verfolgen; ebenso sind die Hauptcharaktere trotz ihrer Komplexität nicht grundsätzlich rätselhaft oder unbegreifbar. Die Bühnenwelt, in der das Stück spielt, ist zwar mit ihren feudalen Herrschern, Thanen und Hexen von der realen Alltagswelt weit entfernt, zeigt aber Figuren, die nicht fremder sind als die Könige oder Hexengestalten im Märchen.

Und in eine solche Märchenwelt entführt uns Bruno de Lavenère, der für die Bühne verantwortlich ist. „HERE MAY YOU SEE THE TYRANT“ verkündet eine Leuchttafel, die im Bühnenhintergrund steht. Zu Beginn schon ist der Vorhang offen und gibt den Blick frei auf knorrig gewachsene riesige Zauberbäume, bei denen gar nicht vorstellbar ist, dass dort keine Hexen wohnen würden. Die die gesamte Aufführung hindurch nur eine spärlich beleuchtete Bühne, deren wabernde Nebel und stroboskopische Lichteffekte uns in die mittelalterliche Welt Schottlands versetzen. „Die Hölle kann es nicht sein, dafür ist es hier zu kalt“, werden wir im Verlauf der Handlung hören. Ein interessanter Hinweis, denn denkbar wäre auch das gewesen.

Banquo, sein späteres Schicksal schon verkündend, tritt direkt zu Anfang bereits als Geist auf. Blut klebt in seinem Haar; Blut fließt von seiner Schulter; ein Dolch steckt in seinem Rücken. Macbeth und seine Gattin erscheinen in strahlendem Weiß. Sie erscheinen so unendlich rein, in dieser düsteren Welt. Das wird sich jedoch noch ändern…

Macbeth Underworld – mit Magdalena Kozena als Lady Macbeth
youtube Trailer des Theatre Royal de la Monnaie, Brüssel
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Die gesamte Bühne ist mit verschiedenen Dreh- und Schiebeelementen in ständiger Bewegung. Alles dreht, alles wandelt sich; nichts bleibt, wie es ist. Ebenso unmerklich, wie Bäume verschwinden, tauchen turmhohe Schlosselemente auf der Bühne auf. Auf mehreren Ebenen bespielbar sind die einzelnen Ebenen durch Wendeltreppen mit einander verbunden. Die Handlung nimmt seinen Lauf und die Bühnenelemente wandeln sich in ständigen Fluss, ganz wie es die Musik Dusapins tut. Auf sehr ungewöhnliche Art leicht-zu-hören, aber ganz Emotion und Gefühl, lässt sie uns das Seelenleben der Protagonisten sinnlich erleben.

Magdalena Kožená, (* 1973 in Brünn), in der Rolle der Lady Macbeth ist eine tschechische Mezzosopranistin. Georg Nigl (* 1972), Interpret der Titelfigur des Macbeth, ist österreichischer Opern- und Konzertsänger (Bariton). Beide verbindet eine langjährige Zusammenarbeit mit Pascal Dusapin, der die Beiden bereits zu Beginn des Projektes für die Rollen vorgesehen hatte, und ihnen die Partien auf den Leib geschrieben hat.

Für alle Sänger seien Uraufführungen immer eine große Herausforderung, weil es weder Vorbilder für den Gesang, bzw. in der Produktionsphase über viele Monate keine genauen Vorstellungen über die Strukturen des Werkes gäbe, da diese ja erst noch erarbeitet werden müsste, verraten sie uns. Als um so spannender und herausfordernder hätten sie es jedoch erlebt, Teil dieses Projektes zu sein, und zunehmend in die Bühnenfiguren hinein zu wachsen. Vollumfänglich können sie ihn ihren nicht leicht zu singenden Partien überzeugen. Aber wenn sie zum Schlussapplaus auf der Bühne stehen, sieht man ihnen an, welche Kraft es sie gekostet hat. Auch die anderen Sängerinnen und Sänger, sowie der Frauenchor der La Monnaie lassen stimmlich nichts zu wünschen übrig.

Macbeth Underworld:  Die Handlung folgt der literarischen Vorlage

Die Schlacht ist erfolgreich beendet, Schottland kann einem neuen Frieden entgegensehen. Aber auf dem Weg zu ihrem König Duncan begegnen den Feldherren Macbeth und Banquo  drei Hexen.

Than von Glamis, Than von Cawdor – und schließlich gar König von Schottland soll Macbeth, Banquo der Stammvater von Königen werden, so orakeln die Hexen. Than von Glamis weiß er sich schon, als Than von Cawdor huldigen ihm im nächsten Augenblick die Abgesandten des Königs. Da kann doch die Erfüllung der dritten Verheißung nicht mehr weit sein. Doch diesen Schritt tun, heißt einen Königsmord begehen.

Anders als der wohl begehrlich empfindende, aber zögerlich reflektierende Macbeth, ist seine Frau sogleich klar denkend zur Tat bereit, den Gatten anstachelnd und ermutigend, als das Schicksal auch noch die Gelegenheit schafft: König Duncan verbringt die Nacht in Macbeth‘ Schloß.

Macbeth tötet den wehrlosen Schlafenden; mit Hilfe der Lady wird der Verdacht auf die Wächter gelenkt. Von Grauen gepackt fliehen Duncans Söhne ins Ausland. Macbeth wird König von Schottland. Aber wenig Freude wird ihm an der Frucht der Tat. Keinen Moment sehen wir Macbeth seine Herrscherwürde genießen, seine Macht auskosten.

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld - hier  : Magdalena Kozena als Lady Macbeth © Baus / La Monnaie De Munt

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld – hier : Magdalena Kozena als Lady Macbeth © Baus / La Monnaie De Munt

Sorgen und Angst überschatten seine Zeit. Bald dingt er Mörder, um den Mitwisser der Hexenwahrsagungen, Banquo, zu töten, auch dessen Sohn Fleance. Den kinderlosen Macbeth, besonders abscheulich, hatten die Hexen doch darauf hingewiesen, daß aus Banquos Nachkommenschaft ein Geschlecht von Königen erwachsen werde. Banquo freilich fällt unter den Mörderdolchen, sein Sohn Fleance kann entkommen.

Und Banquos ruheloser Geist erscheint mahnend auf dem Gastmahl vor Macbeth‘ Augen. Die Lady Macbeth beschwichtigt die ob des Königs eigentümlichen Verhaltens beunruhigten Thans, aber längst haben sich die Wahrnehmungen von Macbeth und seiner Lady um Welten entfernt.

Von neuem sucht Macbeth die Hexen auf, sie um seine Zukunft zu befragen. Sie versichern ihm, daß er keinen Mann zu fürchten habe, der vom Weibe geboren sei und Macbeth niemals Gefahr drohe, bis der Birnamwald zum Berg von Dunsinane marschiert.

Doch während sich Macbeth sicherer fühlt, zerfällt die seelische Kraft von Lady Macbeht; schlafwandelnd versucht sie sich immerzu das unsichtbare Blut von den Händen zu waschen – das Blut des gemordeten Königs Duncan. Die Lady stirbt an ihrem Schuldgefühl.

Gegen Macbeth haben sich unter der Führung von Duncan Sohn Malcolm und Macduff, des Thans von Fife, Engländer und Schotten verbündet, die Truppen nähern sich getarnt mit den Zweigen des Birnamwaldes an Macbeth‘ Schanze. Im Zweikampf gegen Macduff, der vor der Zeit aus dem Mutterleib geschnitten wurde und so die Prophezeihungen der Hexen erfüllt, fällt Macbeth. Malcolm wird neuer König von Schottland.


Langanhaltender Applaus für eine rundum gelungene Uraufführung. Ovationen für das Produktionsteam und eine besondere Würdigung für Pascal Dusapin. Reichlich Blumen für alle Mitwirkenden

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 Macbeth – von Shakespeare zu Verdi, Strauss, Bloch, Chelard, Schostakowitsch, Pascal Dusapin

Die bekannteste musikalische Bearbeitung der Shakespeareschen Vorlage komponierte Giuseppe Verdi. Uraufführung 1847 in Florenz. Richard Strauss schrieb 1886–1888 seine erste Tondichtung Macbeth. Ernest Bloch schuf 1910 ein gleichnamiges lyrisches Drama, Uraufführung in Paris. Eine in der Handlung sehr frei an Shakespeares Macbeth anknüpfende Oper von Hippolyte Chelard wurde unter gleichem Titel 1927 an der Pariser Oper uraufgeführt. Der russische Komponist Dmitri Schostakowsch gestaltete 1930–32 die Oper Lady Macbeth von Mzensk, Uraufführung 1934, Leningrad.

Musikalische Leitung: Alain Altinoglu, Inszenierung: Thomas Jolly, Bühne: Bruno de Lavenère, Kostüme: Sylvette Dequest, Licht: Antoine Travert, Dramaturgie: Katja Krüger, Künstlerische Mitarbeit: Alexandre Dain, Chor: Martino Faggiani, Alberto Moro, Symphonisches Orchester und Frauenchor der Oper La Monnaie / de Munt

Mit:  Lady Macbeth: Magdalena Kozena, Macbeth: Georg Nigl, Drei Hexen: Ekaterina Lekhina, Lilly Jorstad, Christel Loetzsch, Geist: Kristinn Sigmundsson, Hecate/Narr: Graham Clark, Archiluth: Christian Rivet, Kind: Naomi Tapiola, Elyne Maillard

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MACBETH UNDERWORLD

Auftragswerk, komponiert von Pascal Dusapin, Text: Frédéric Boyer, Vorlage: Macbeth von William Shakespeare (um 1608), Uraufführung: 20.09.2019 an der Oper Theatre Royal de la Monnaie, Brüssel, Sprache: Englisch,

Spieldauer: ca. 1 Stunde, 45 Minuten; keine Pause, Ort und Zeit der Handlung: Schottland, 11. Jahrhundert, Koproduktion Opéra Comique und Opéra de Rouen Normandie., Übertitel in Niederländisch und Französisch, Einführung 30 Min. vor Vorstellungsbeginn

Macbeth Underworld im Theatre Royal de la Monnaie / De Mun; die weiteren Vorstellungen: 20.09.; 22.09. (15:00); 24.09.; 26.09.; 29.09. (15:00); 01.10.; 03.10.; 05.10.2019

—| IOCO Kritik Théâtre Royal de la Monnaie |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2019 – La Donna del Lago, IOCO Kritik, 13.06.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

La Donna del Lago – Gioacchino Rossini

  Internationalen Maifestspiele 2019

von Ljerka Oreskovic Herrmann     

Ein musikalisches selten gespieltes Kleinod von Gioacchino Rossini präsentierten die diesjährigen Internationalen Maifestspiele in Wiesbaden – leider nur ein einziges Mal. Es war ein Gastspiel der Opéra de Lausanne in Koproduktion mit dem Nationaltheater Zagreb.

La Donna del Lago – Gioacchino Rossini
youtube Trailer Opéra de Lausanne zur Inszenierung
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1810 schrieb Walter Scott The Lady of the Lake und erzielte einen weltweiten Erfolg. Gioacchino Rossini war von  dessen Gedicht aus sechs Cantos – Gesängen – so berührt, dass er daraus die Oper La Donna del Lago komponierte.  Nicht nur durch La Donna del Lago (The Lady of the Lake) führte Sir Walter Scott (1771 – 1832) die englischsprachige Literatur auch auf die italienische Opernbühne. 1819 fand in Neapel die Uraufführung statt, mit der damaligen primadonna assoluta Isabella Colbran in der weiblichen Hauptpartie. Der zunächst künstlerischen Beziehung von Rossini und Colbran folgte auch eine private Entsprechung: 1822 heirateten der Komponist und die berühmte Sängerin bei Bologna in einer Villa, die diese von ihrem Vater geerbt hatte. 1837 trennten sich die beiden, musikalisch waren sie aber bis dahin ein unschlagbares Paar. Eine „Premiere“ bot dann diese Produktion auf: die Hosenrolle des Malcolm – für eine Mezzosopranistin geschrieben – wurde von einem Countertenor übernommen. Max Emanuel Cencic, als Chevalier de L‘Ordre des Arts et des Lettres in Frankreich geehrter und verehrter österreichischer Altus, war als Malcolm zu hören.

 

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago - eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago – eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Inszenierung – Überfrachted mit Psychologie und „Femme fatale-Mythen“

Cencic, zugleich Regisseur dieser Inszenierung, tat sich allerdings keinen Gefallen damit, mit Freudschen Mitteln die Seele und Gelüste der Frauen erkunden zu wollen. Schon Dr. Freud hatte seine liebe Not mit der weiblichen Erotik, die er nicht zu fassen vermochte, und so blieb es auch beim Regisseur ein männlicher Blick von außen. Wobei die Grundidee, eine Frau liest ein Buch, dass sich dann als (ihr imaginiertes) Geschehen auf einer zweiten Ebene entwickelt, durchaus als  Ausgangspunkt interessant ist, aber die Überfrachtung mit Psychologie und „Femme fatale-Mythen“ – verkörpert durch barbusige Frauen – überladen das Stück unnötig. Wie so oft gilt der Spruch: „Weniger ist mehr.“ Die sozial unterdrückte Frau im 19. Jahrhundert zu zeigen, über die er im Programmheft räsoniert, ist zwar an löbliches Ansinnen, allerdings kein neuer, spritziger oder gar verwegener Erkenntnisgewinn. Hätte Cencic das Geschehen stärker zugespitzt und ironisch aufgeladen, um diesen männlichen Blick zu denunzieren und zu brechen, hätte seine Deutung mehr Wirkung entfalten können: Sie wäre quasi verpackt in wunderschöne Rossini-Musik glatt unter die – auch männliche – Haut gegangen. So wirkte es etwas bemüht.

Nichtsdestotrotz gelingen Cencic berührende Bilder, so z.B. das Duett von Malcolm und Elena, bei ihrem ersten Aufeinandertreffen, in dem beide ihre Liebe beschwören. Ganz oben auf der Treppe sitzen sie dicht beieinander, jederzeit bereit, sofort aufzuspringen. Es ist kein geräumiger oder gar romantischer Ort, und doch erzeugt er eine innige Situation. Die glückliche Begegnung dauert nur kurz, dann trennen sich ihre Wege wieder; er entschwindet über die Balustrade, sie nach unten in den Salon. Überhaupt sind die Duette in La Donna del Lago von Rossini mit einer derartigen musikalischen Präzision der menschlichen Gefühle komponiert, dass einem der Atem stocken kann angesichts der Zartheit und Feinheit des Ausdrucks. In diesen Momenten gewinnt Cencics Personenführung deutlichere Konturen. Eingerahmt – im sprichwörtlichen Sinne – wird die Handlung von einem überdimensionalen Rahmen an der Rampe am Anfang und Ende der Inszenierung. Dahinter ist eine Art Salon mit Wendeltreppe und Möbeln im Stil des Fin de siècle des 19. Jahrhunderts zu sehen, in dem sich das Geschehen, wie in einem Kammerstück, abspielt.

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago - eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago – eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Auch die Kostüme verweisen auf diese Epoche, die Frauen sind frivoler gekleidet, die Männer verschanzen ihre Gefühle eher hinter Uniformen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind vertrackt, weil Elena einen anderen liebt, als ihr Vater für sie vorgesehen hat, andererseits die Politik bzw. Kämpfe zwischen König und Aufständischen in das private Leben aller Beteiligten hineinwirken. Die Handlung ist im schottischen Hochland angesiedelt, wo Elena als die „Dame vom See“ auf König Giacomo trifft, der als Uberto verkleidet, sich sofort in sie verliebt; enttäuscht muss er feststellen, dass ihr Vater Douglas zu den gegen ihn kämpfenden Rebellen gehört. Elena soll den von ihr ungeliebten Clan-Führer Rodrigo heiraten. Ihr Herz jedoch gehört Malcolm. Drei Männer, die um eine Frau kreisen, zugleich aber in die Schlacht müssen, da die Königstruppen nahen. Uberto alias König Giacomo begibt sich auf das schwierigste Kriegsfeld, nämlich das der Liebe, und öffnet Elena sein Herz. Sie kann ihn nur zurückweisen, Uberto – ganz Gentleman – verzichtet, schenkt ihr gleichwohl einen Ring, der ihr in der Stunde der Not hilfreich sein soll. Die beiden überrascht Rodrigo, und rasend vor Eifersucht fordert er Uberto zum Zweikampf auf. Das Kampfglück – Cencic hat daraus eine durchaus packende und komische Balletteinlage gemacht – hat sich gegen die Aufständischen gewendet. Rodrigo ist ums Leben gekommen, und Malcolm macht sich auf den Weg zu Elena, um ihr zur Seite zu stehen. Douglas derweil sucht König Giacomo in seinem Schloss auf, um ihn um Gnade zu bitten, doch dieser weist sein Gesuch zurück. Als aber Elena mit dem Ring erscheint und dabei erstaunt erkennt, dass sich hinter Uberto der König verbirgt, lässt sich dieser erweichen. Nun können die beiden Liebenden zueinanderfinden.

Gioacchino Rossini Pere Lachaise © IOCO

Gioacchino Rossini Pere Lachaise © IOCO

Endlich vereint, friert das Geschehen ein, der Rahmen kündigt das Ende an. Doch zum Schluss sehen wir Elena erneut mit ihrem Buch umhergehend und ihren Zeitung lesenden Mann – der ehrbare, aber wohl wenig geliebte Rodrigo – davor. Es ist die „biedere“ Eheidylle des 19. Jahrhundert. Der Rahmen schafft eine Distanz zwischen Traum und Wirklichkeit, unerfüllten Sehnsüchten und Wünschen, überwunden wird sie allein durch die Musik: „Tanti affetti in un momento“ – so viele Gefühle in einem einzigen Augenblick! Kaum einer hätte das musikalisch treffender zum Ausdruck bringen können, als Rossini in seinem Schluss-Rondo voller brillanter Koloraturen. Eine gleichsam wunderbare Diagnose (der Zustände) und klangvolle Behauptung, der man nicht widersprechen möchte.

Für das ansprechende Bühnenbild und die Kostüme zeichnete Bruno de Lavenere, für Videoprojektionen war Étienne Guiol verantwortlich. Der Chor des Nationaltheater Zagreb unter der Leitung von Luka Vukšic zeigte sichtlich eine Spiel- und Sangesfreude, wie auch alle Solisten überragend waren: kurzum grandios. Nian Wang als Elena steigert sich im Lauf des Abends immer mehr, beide Tenöre – Daniel Behle als Giacomo V./ Uberto und Antonio Garés als Rodrigo – waren vokal wie darstellerisch glänzend aufgelegt. Die weiteren Solisten sind Sonja Runje als Vertraute Elenas – eine junge Mezzosopranistin, die bei den diesjährigen Pfingstfestspielen in Salzburg auftritt und eine beeindruckende Präsenz besitzt. Neven Palecek gibt einen sonoren und stimmgewaltigen Vater Douglas. Ivo Gamulin und Nikša Radovanovic sind die als komische Figuren angelegten Serano und Bertram. Und last but not least Max Emanuel Cencic als Malcolm, der perfekt zu dieser Rolle passte und damit einen vokalen Höhepunkt des Abends bildete.

Der junge griechische Dirigent George Petrou beweist sicheres Gespür für die Melodien, Dynamik und Rhythmik der Musik Rossinis. Nie forcierend, den Stimmen Raum zur Entfaltung lassend, nie nur schöne Begleitmusik, im Gegenteil! Petrou besitzt die Fähigkeit, Rossinis musikalische Ausdrucksfülle zum Blühen zu bringen, sie wie ein klangliches Füllhorn auszuströmen, es gelingt ihm mit dem Orchester des Nationaltheater Zagreb eine starke musikalische Interpretation. Allein schon, dieses frühe Rossinische Meisterwerk präsentiert zu haben, ist dankenswert. Das Publikum sah es genauso und belohnte Solisten und das Team mit einhelligem Applaus. Mit Rossinis Melodien im Ohr verließ man beschwingt das Hessische Staatstheater Wiesbaden.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—