München, Münchner Kammerspiele, Melancholia – Lars von Trier, IOCO Kritik, 22.06.2019

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Melancholia  –  Lars von Trier

– Im kosmischen Nihilismus der Endzeit –

von Hans-Günter Melchior

Unter der Voraussetzung, dass die Erde demnächst untergeht, etwa an einem auf sie zurasenden Planeten zerschellt, gibt es keinen definierbaren Sinn mehr. Heirat, eheliche Treue, beruflicher Erfolg, ein gelungenes Fest und die kleinen Wichtigkeiten des Alltags, überhaupt das organisierte Leben –, alles ist auf einmal Schall und Rauch, zersplittert in diesem kosmischen Ereignis, es löst sich auf wie das Geschwätz im täglichen Redefluss. In den Münchner Kammerspielen erfand Lars von Trier in Melancholia dafür eindrucksvolle Bilder. Und er unterlegte das Geschehen mit den Klängen des Tristan-Vorspiels, dessen zweiter Takt, mit seinem aus vier Tönen bestehenden Akkord bis heute Rätsel aufgibt. Weil er unauflösbar ist, keiner Tonart zugeordnet werden kann, erratisch und sich einer Ordnung verweigernd im Tongebirge steht. Und damit für die Unauflösbarkeit des Lebensrätsels überhaupt genommen werden kann –, sofern der Deutungsmut sich weit genug vorwagt…

Der Regisseur Felix Rothenhäusler lehnt sich an Lars von Triers Vorlage an, ohne sie vollständig zu übernehmen. Und er verzichtet auf Wagners musikalische Verrätselung. Sein Befund ist indessen eindeutig: die Sinnfrage muss angesichts der Bedrohung radikal gestellt werden –; und der Mensch ist es allein, der sie stellen kann, und er ist allein gelassen damit. Am Ende sitzen die Darsteller einträchtig am Bühnenrand, lassen die Beine in den Zuschauerraum hinein baumeln und werfen sich im Grunde Nebensächlichkeiten zu, Wortbeiträge ohne eigentlichen Zusammenhang, jedenfalls keinen Sinn erzeugenden. Ratlos, abwartend, auf ein sie verschonendes Ende hoffend, auf eine Zukunft, die nach Heidegger das schlechthin Unverfügbare ist. Das der menschlichen Macht wie der je eigene Tod Entzogene.

Münchner Kammerspiele / Melancholia © Armin Smailovic

Münchner Kammerspiele / Melancholia © Armin Smailovic

Aber vielleicht geht es dieses Mal gut aus, das mit dem Planeten, der der Erde näher kommt, möglicherweise aber vorbeizieht. Aber vielleicht auch nicht. Und dann sind alle Fragen offen. Die menschliche Existenz steht ständig auf der Kippe. Ständig kommt ein Planet näher und näher. Und ständig ein Aufatmen, wenn er vorbeizieht. Das Stück in den Kammerspielen bringt uns dieser Erkenntnis näher. Rothenhäusler hat ein Denkspiel inszeniert.

Ich lasse mir nicht einreden, dass diese Inszenierung misslungen sei. Sie ist im Gegenteil höchst gelungen –, freilich für Zuschauer, die sich nicht bequem zurücklehnen und die Bilder auf sich wirken lassen, sondern die sich mit gespanntem Oberkörper nach vorne beugen und versuchen, sich mit den Gedanken ins Bühnengeschehen hineinzubohren, weiterzukommen darin, zum Kern vorzudringen. Eben: ein einziges Gedankenspiel ist es, das bis in die letzte Minute hinein zur Teilnahme auffordert. Eines, das den Zuschauer als Mitdenkenden ernst nimmt, ihn nicht mit dem Firlefanz und Schnickschnack inszenatorischer Einfälle zu betören oder gar einzufangen versucht. Auf das Unwesentliche verzichtet und sich mit Gebärden und Zeichen begnügt.

Da irrlichtert die Justine der bravourös aufspielenden Julia Riedler über eine Bühne, die aus nichts als zwölf Scheinwerfern und einem die Personen auf den Kopf stellenden Boden aus Glas besteht. Justine kommt ver-spätet zum eigens für sie ausgerichteten Hochzeitsfest mit Michael (den Thomas Hauser duldsam, nachsichtig und zuweilen lasziv verkörpert) auf den Landsitz ihrer reichen Schwester Claire, die von Eva Löbau äußerst überzeugend, bald lustig verspielt, bald ängstlich, bald mit sich selbst überredendem Optimismus dargestellt wird. Sie ist mit John, dem Chef einer Werbeagentur, verheiratet. Majd Feddahs John spricht ausschließlich englisch (mit arabischem Akzent?), er agiert souverän und mit Herrschaftswillen –, und tötet sich dennoch am Ende selbst. Wohl aus Angst vor dem nahenden Ende, das er konstant leugnet? Oder aus Verzweiflung über den Zusammenbruch seiner Geschäftsidee, die nichts mehr gilt. Eine widersprüchliche Figur. John macht Justine sofort nach ihrer Ankunft zum Art Director seines Unternehmens. Und er macht ganz nebenbei keinen Hehl daraus, dass ihn die Ausrichtung der Hochzeit Justines und Michaels ein Vermögen gekos-tet hat. Als käme es angesichts der Gefahr noch aufs Geld an.

Aller Glanz verblasst vor der Aussicht des möglicherweise nahenden Endes. Alle Rücksichten und Sitten werden obsolet. Justine entzieht sich just in der Hochzeitsnacht dem Ehemann. Sie bittet darum, er möge ihr Zeit lassen. Andererseits lässt sie sich jedoch mit einer Zufallsbekanntschaft, einem gewissen, nie auftretenden Tim, ein, mit dem auf einem nahen Golfplatz den Geschlechtsverkehr ausübt.

Alles ist auf einmal Widerspruch und Uneindeutigkeit. Langsam löst sich alles im bloßen Gerede auf. Nichts bietet Halt im unfrohen, gänzlich misslingenden Fest. In zunehmender Angst vor dem der Erde nahenden Planeten, flüchtet sich Justine gegen Ende des Stücks in den Zuschauerraum, wo sie geraume Zeit still und untätig verharrt, bis sie zum Schluss an den Bühnenrand zurückgerufen wird.

Die einzige Bezugsperson ist für sie im ganzen Stück der geliebte Leo, Claires und Johns Sohn, der von Gro Swantje Kohlhof höchst anmutig. teils bubenhaft, teils altklug und doch mit gekonnter Zurückhaltung gespielt wird. Wie überhaupt die schauspielerische Leistung der Akteure höchst beachtlich ist. Rothenhäusler lässt sie überwiegend im Erzählton reden. Auch dort, wo Handlungen eine Rolle spielen, werden diese erzählt, be-schrieben, statt gespielt. Dies ist unter dem Aspekt der Bedrohung verzweifelt einsichtig. Durch die Befürchtung des nahenden Endes findet eine Entpersönlichung statt, die die Personen ihrer Fähigkeit beraubt, Agierende zu sein. Wie der Bühnenboden die Darsteller verdoppelt und auf den Kopf stellt, so ist ihr Handeln nichts als eine Verdoppelung des Bewusstseins, ohne wirkliches Handeln sein zu können. Der Mensch als tönende Hülse spricht als spreche – vereinzelt – nur noch zu sich selbst.

Dazu passt die über weite Strecken des Bühnengeschehens im Hinter-grund dröhnende Geräuschkulisse, ein stetiger, wummernder, manchmal freilich ein etwas zu lauter und die Stimmen überdeckender, sich ins Bewusstsein bohrender Ton. Er verdeutlicht die existentielle Gefahr, die das gesamte Geschehen durchherrscht und nervös macht. Die Erde als durchs Weltall leer tönender Planet, kreisend und kreisend, gefährdet und endlich durch einen Zusammenprall erlöst werdend. Am Ende verstummt der Ton. Als wären die Menschen auf einmal im Weltall allein.

Wo bleibt dieser Ton, fragt man sich. Ist jetzt Friede oder absolute Ratlosigkeit? Der plötzliche Friede, durch die Geräuschlosigkeit verdeutlicht, mutet falsch an. Er ist eher Schicksalsergebenheit als selbstgewisse Ruhe. Allenfalls noch bange Hoffnung auf Rettung.

 Münchner Kammerspiele / Melancholia - hier :  Julia Riedler, Thomas Hauser © Armin Smailovic

Münchner Kammerspiele / Melancholia – hier : Julia Riedler, Thomas Hauser © Armin Smailovic

Justine fügt sich in ihr Schicksal. Ihr nervöser Zustand ist vieldeutig. Es könnte eine Art Schizophrenie sein, ein manisches Irresein. Oder einfach Ergebenheit ins Unausweichliche. Oder ist es die kranke Freude an der Selbstzerstörung? Während Claire in der Angst verharrt – und, wie gesagt, John sich bereits davongemacht hat. Dies alles wirkt höchst durchdacht und fordert zur intensiven intellektuellen Beteiligung auf. Freilich ist es auch schwierig. Ja zuweilen anstrengend.

Doch warum soll es nicht das Recht eines Regisseurs sein, seine Zuschauer intellektuell ernst zu nehmen, statt sie flach zu unterhalten? Ich bleibe dabei: das Projekt (ein solches ist es vielleicht mehr als ein bloß die Zeit vertreibendes Schauspiel) ist gelungen. Ein fordernder, jedoch bereichernder Abend. Respektvoller Beifall des Publikums.

Melancholia an den Münchner Kammerspielen; die weiteren Vorstellugnen am 23.6.; 7.7.; 12.7.; 16.7.; 26.7.2019

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

München, Münchner Kammerspiele, Dionysos Stadt – Christopher Rüping, IOCO Kritik, 16.10.2018

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Dionysos Stadt –  Christopher Rüping

10 Stunden Antike  –  Absturz ins Allzumenschliche

Von Hans-Günter Melchior

Wer hält heute abend durch?, fragt Nils Kahnwald im Prolog. Und wer hält überhaupt durch unter den Mühseligen und Beladenen im Zuschauerraum. Mal ehrlich, so die Frage an die Anwesenden, wer von Ihnen glaubt, in einem Jahr noch zu leben? Und wer in zehn Jahren? Und wer in 50? Schwache Meldungen. Statistisch sterben unter einer größeren Anzahl von Menschen zwei in einem Jahr, in zwei…, und so weiter.

Aber im Theater geht es um Jahrtausende. Dreitausend Jahre braucht Herakles, Prometheus zu befreien, hier gelten andere Dimensionen. Der Geist fliegt ins Weltall des Denkens. Wir aber, die Zuschauer, sind Sterbliche.

Und dann geht es los im Stück, das von 13.00 Uhr bis 23.00 Uhr dauert am Samstag, während die Sonne scheint und die Stadt im gewohnten Optimismus badet. Extravagante Gestalten auf der Maximilianstraße, international, blasiert, naserümpfend am Theater vorbei…

10 Stunden sind lang. Und viel zu kurz für das Leben, das hier aufsteigt und fällt und wieder aufsteigt und ist, wie es ist: klein und groß und so richtig – ja: wörtlich – beschissen wie der an einen Felsen gekettete Prometheus vom Adler, und dann wieder in die Höhe geschleudert vom Pathos der Sieger und Überlebenden.

Dionysos Stadt  –  Der Abend ist aufgeteilt in vier Abschnitte:

– Prometheus, die Erfindung des Menschen
– Troja, der erste Krieg
– Orestie, Verfall einer Familie
– Was hat das mit Dionysos zu tun?

Die beiden ersten Teile sind ganz großes Theater. Welttheater. Bewegend, ergreifend, anrührend. Man bebt ein wenig innerlich mit. Sprachlich auf höchstem Niveau.

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt - hier Benjamin Radjaipour als Prometheus und: Nils Kahnwald, Maja Beckmann, © Julian Baumann

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt – hier Benjamin Radjaipour als Prometheus und: Nils Kahnwald, Maja Beckmann, © Julian Baumann

1. Teil: Prometheus bringt den Menschen das Feuer

Sie werden gleichsam als freie Menschen geboren und vom Sklavenstand befreit (jedenfalls ist dies das im Stück angelegte Hoffnungsprojekt: erhabene Selbstermächtigung). Ermächtigt nämlich, sie selbst zu sein, frei: Unabhängige Forscher, Denker, Eroberer der Natur, befähigt zur Errichtung gesellschaftlicher Systeme, die Ordnung und Organisation verheißen. Und vor allem: in die Lage versetzt, sich von der Allmacht der Götter zu befreien.

Prometheus (Benjamin Radjaipour) verscherzt sich die Gunst der Götter (Zeus: Majd Feddah). Er wird an einen Felsen geschmiedet. Im Stück in einen Käfig gesperrt, der hochfährt und ihn der Erde entrückt. Ein Adler frisst seine täglich nachwachsende Leber und Milz, entleert sich über ihm, er muss sich vom Kot des Adlers ernähren. Schließlich wird er mit großer Mühe von Herakles befreit. Gegen seinen Willen in die existentiellen Zweifel menschlichen Daseins gestoßen.

Die „ersten Menschen“ werden also geschaffen (Nils Kahnwald und Wiebke Mollenhauer). Die wirklichen Menschen. In einer Jubelszene ohnegleichen lassen sich die beiden Schauspieler von der Bühne herab voller Vertrauen, eben in die Menschlichkeit der Menschen, in die ausgestreckten Arme des aufgestandenen Publikums fallen, das sie von der ersten bis zur letzten Reihe auf Händen weiterbefördert. Ein ergreifender Augenblick.

 Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt - hier die Erschaffung der ersten Menschen © Julian Baumann

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt – hier die Erschaffung der ersten Menschen © Julian Baumann

2. Teil: Der trojanische Krieg

Verwendet werden die literarische Vorlagen: die Ilias von Homer, die Troerinnen von Euripides in den Übersetzungen von Kurt Steinmann und Walter Jens, John von Düffel und Ernst Buschor.

Der Text darf als bekannt vorausgesetzt werden. Wunderbar herausgearbeitet wird in dieser Inszenierung der tiefe Fall der Menschen auf das Niveau ihres schlechten Menschseins: Grausamkeit, Blutrünstigkeit, Habgier, Rache, Ruhmsucht. Der unmenschliche Mensch verleugnet sich selbst, enttäuscht die Hoffnungen, die sich an seine Befreiung von den Göttern knüpften.

Ein großartiges Panorama historischen Verfalls. Geradezu bedeutend in der filigranen, äußerst fein- und tiefsinnigen Herausarbeitung der menschlichen Konflikte: der Streit der Frauen Helena (Maja Beckmann), Andromache (Gro Swantje Kohlhof) und Kassandra (Wiebke Mollenhauer) um Schuld und Sühne und um die Tötung des Kindes, das Andromache, die Witwe des von Achill (Wiebke Mollenhauer) getöteten trojanischen Helden Hector (Majd Feddah) auf dem Arm hält. Es geht um letzte Fragen menschlicher Moral; sie wird politisch-strategischem Kalkül geopfert. Das Kind wird von einem Felsen gestürzt, um einen möglichen künftigen Rächer zu beseitigen.

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt - hier : Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Maja Beckmann, Majd Feddah Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Maja Beckmann, Majd Feddah (v.l.n.r.)  © Julian Baumann

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt – hier : Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Maja Beckmann, Majd Feddah Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Maja Beckmann, Majd Feddah (v.l.n.r.)  © Julian Baumann

3. Teil: Die Orestie

wird – leider – ein wenig der Perfomance geopfert. Gags drängen sich zuweilen vor. Alltagssprache und Vordergründiges, Flapsiges und Kleinliches beherrschen den Tonfall. Allenfalls angelehnt sind die Texte an „Agamemnon“ und „Die Choephoren“ von Aischylos, an „Elektra“ von Sophokles, „Iphigenie in Aulis“, „Elektra“ und „Orestes“ von Euripides und „Thyestes“ von Seneca.

Misslaunig kommt Agamemnon (Peter Brombacher) nach Hause, behauptet, freilich, sich wohl zu fühlen. Isst wie ein „Scheunendrescher“ (so Klytaimnestra: Maja Beckmann), sieht sich um und versucht, nach 12-jähriger Abwesenheit in Kriegsangelegenheiten wieder Anschluss zu finden. Man weiß es: er wird nicht lange glücklich sein zu Hause. Aigisthos (Majd Feddah) und seine Geliebte Klytaimnestra machen ihm in der Badewanne den Garaus.  Orestes (Nils Kahnwald) rächt den Vater –, Tatbegehung wie gehabt in der Badewanne. Foto.

Das Publikum darf auf die Bühne und zuschauen. Es gibt was zu trinken. Grad lustig ist es an diesem Samstag vor der dräuenden Wahl auf der noblen Maximilianstraße.

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt - hier : Benjamin Radjaipour, Nils Kahnwald (v.l.n.r.) © Julian Baumann

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt – hier : Benjamin Radjaipour, Nils Kahnwald (v.l.n.r.) © Julian Baumann

4 Teil: Nun ja – Eine Zutat zur Linderung des Schmerzes. Spiel im Spiel

Das Programmheft rechtfertigt diesen Teil mit der Erwägung, auch im antiken Griechenland habe dem tragischen Hauptteil einer Aufführung zur Auflockerung und Entspannung ein leichtes, unterhaltsames und meist lustiges Stück angehängt. Da sei gesoffen und mit deftigen Ausdrücken um sich geworfen worden. Eine vertretbare Ansicht.

Zunächst spielen die Protagonisten ein wenig Fußball auf zwei kleine Tore. Etwas zu lange, wenn auch engagiert. Dann trägt Nils Kahnwald einen Text vor, der in gekonnt hoher Sprache schwingt. Mit Dionysos hat er gar nichts zu tun. Jedenfalls bedarf es einer etwas zwanghaften Interpretation, um ihn in das bisherige Theatergeschehen einzuordnen.

Held ist das Fußballgenie Zinedine Zidane in der Textvorlage „La Mélancholie de Zidane“ von Jean-Philippe Toussaint, der sich literarisch schon verschiedene Male über Fußball ausließ.

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt - hier : Majd Feddah als Hector © Julian Baumann

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt – hier : Majd Feddah als Hector © Julian Baumann

Zidane wurde beim Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft am 9. Juli 2006 in Berlin zwischen Italien und Frankreich (Italien gewann im Elfmeterschießen nach der Verlängerung) vom Platz gestellt, weil er seinem Gegner einen Kopfstoß gegen die Brust oder den Magen versetzte.

Toussaint ordnet dieses Geschehen in einen melancholischen Weltzusammenhang ein: Zidane hat nicht mehr die Kraft und den Willen, die Niederlage abzuwehren, eine Wolke allgemeiner Vergeblichkeit senkt sich über sein Gemüt und lässt in verzagen.

Das Geschehen ist literarisch deutlich überhöht. Der Rezensent war bei dem Spiel in Berlin am 9. Juli 2006 im Stadion. Der Vorfall war ausgesprochen prosaischer Natur. Er ereignete sich abseits vom aktuellen Spielgeschehen, der Ball war woanders, es handelte sich nicht um eine Zweikampfszene. Zidane oder dessen Schwester – wie man später erfuhr – wurde von seinem Gegenspieler durch eine Beleidigung gereizt. Zunächst wussten nur wenige, was überhaupt geschehen war. Auch der Schiedsrichter musste sich beim Linienrichter erst informieren. Zidane verließ mit gesenktem Kopf den Platz. Aus der Sicht eines Fans vielleicht ein Drama…Was solls. Eine Auflockerung nach 9 Stunden. Mehr nicht.

Insgesamt ein denkwürdiger Abend, nein: ein Theatertag. Viel Beifall. Zu Recht

Dionysos Stadt an den Münchner Kammerspiele; die weiteren Vorstellungen:  24.11.; 25.11.; 29.12.; 30.12.2018; 5.1.2019; 6.1.2019

 

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