Montepulciano, Roland Böer – Cantiere Internazionale d’Arte, IOCO Interview, 08.08.2020

August 8, 2020 by  
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Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Cantiere Montepulciano

Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano

VIVERE L’UTOPIA!

Roland Böer, künstlerischer Leiter des Cantiere di Montepulciano im Gespräch mit Ljerka Oreskovic Herrmann

Das malerische Montepulicano in der Toskana @ Adrian Michael / Wikipedia Commons

Das malerische Montepulicano in der Toskana @ Adrian Michael / Wikipedia Commons

Roland Böer leitet das Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano seit sechs Jahren als künstlerischer und musikalischer Leiter. Montepulciano ist eine malerische, in der Toskana gelegene  Kleinstadt, nahe Siena. Bis 2019 war Roland Böer Erster Gastdirigent des Mikhailovsky-Theater Sankt Petersburg. Böer gastiert an führenden Opernhäusern, so am Teatro alla Scala, dem Royal Opera House London, der Deutschen Oper Berlin, dem New National Theatre Tokyo und mehr. Als Konzertdirigent leitete Böer das London Symphony, das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, das Orchester des Maggio Musicale Fiorentino, das hr-Sinfonieorchester, das Münchner Rundfunkorchester, die Deutsche Radiophilharmonie und auch die Staatsphilharmonie Nürnberg. Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet ihn mit der Opéra de Nice und der Oper Frankfurt, der er bis heute – nicht nur räumlich, denn Roland Böer lebt im Rhein-Main-Gebiet – besonders verbunden geblieben ist.

Ljerka Oreskovic Herrmann, IOCO, sprach mit Roland Böer über das Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano, dessen von Hans Werner Henze inspirierte Historie und mehr.

Ljerka Oreskovic Herrmann (LOH): Herr Böer,  das Festival Cantiere Internazionale d’Arte in dem schönen Ort Montepulciano, Toskana, wurde von Hans Werner Henze ins Leben gerufen und findet seit 1976 jährlich statt. Es bietet vor allem jungen angehenden Künstlern und Künstlerin die Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln. Ist der „Geist“ von Henze immer noch präsent bzw. spürbar?

 RNCM SYMPHONY ORCHESTRA / Roland Böer dirigiert @ Cantiere Montepulciano / Irene Trancossi

RNCM SYMPHONY ORCHESTRA / Roland Böer dirigiert @ Cantiere Montepulciano / Irene Trancossi

Roland Böer (RB): Henze und der Geist des Cantiere waren, sind und bleiben allgegenwärtig. Nach seinem Tod 2012 wurde das ‚Istituto di Musica di Montepulciano’, mit seiner etwa 300jährigen Geschichte eine der ältesten örtlichen Musikschule Italiens, nach seinem Namen benannt. In der ‚Sala Henze’, dem Raum, in dem 1980 die Proben zur Uraufführung von Pollicino stattfanden, sind die mittlerweile weit bekannten, schwarz-weißen Fotos aus der Produktionszeit ausgestellt. Nach wie vor bildet die Zusammenarbeit international renommierter Künstler mit den Schülern der Musikschule, jungen, herausragenden Talenten und musik-und kunstliebenden Laien einen zentralen Schwerpunkt der alljährlichen Programme. In den vergangenen 45 Jahren haben Tausende Mitwirkende an diesem völlig selbstorganisierten Festival mit großem Erfolg teilgenommen und seine Ziele in aller Welt verbreitet.

LOH: Welche Bedeutung hat das Konzept von Henze für Sie persönlich?
RB: Die Grundidee von Hans Werner Henze ist so einfach wie genial: da jeder von jedem etwas lernen kann, und jeder, wie es Henze selbst formulierte, „Lehrer und Schüler zugleich“ ist, arbeiten alle in einer beispielhaft solidarischen Atmosphäre ausschließlich für Kost und Logis. Keiner der Künstler erhält ein Honorar! Was den professionellen Mitwirkenden im Laufe ihrer Karriere an Erfahrung und Möglichkeiten geschenkt wurde, geben diese den nachfolgenden Generationen weiter, freiwillig, großzügig, um der Kunst willen. Belohnt werden alle gleichermaßen durch die Erfahrung eines besonderen künstlerischen und menschlichen Zusammenhalts, das gemeinsame Erleben von Begeisterung und Hingabe, und nicht zuletzt die Schönheit der Toskana. Damit unterscheidet sich das Cantiere Internazionale d’Arte grundsätzlich von einem typischen Festival kommerzieller Natur und stellt für mich als weltweit einzigartige soziokulturelle Initiative die gelebte Utopie einer besseren Welt dar.

Cantiere Internazionale d’Arte in Motepulciano -italienisch
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LOH: Wie wichtig ist dabei der Austausch mit dem Publikum, mit den Menschen im und vor Ort?
RB: In Henzes Schriften zum Thema Musik und Politik findet sich das Kapitel „Die Kunstwerkstätten von Montepulcian“ aus dem Jahr 1984. Henze schreibt im Hinblick auf die ersten Jahre des Cantiere: ‚Ich meinte, man müsse nun verschiedene Maßnahmen ergreifen, um sicher zu gehen, dass Montepulciano in nächster Zukunft ein eigenes, bodenständiges Kulturleben haben würde, in dem alle, jung und alt, Leidenschaft, oder zumindest Interesse für eine der vielen Formen des künstlerischen Ausdrucks, die in der europäischen Kultur existieren, entwickeln zu können, wenn ihnen nur danach zumute war.’ Und er fährt später fort: ‚Ich hoffte, die Musik könne das wirtschaftliche und gesellschaftliche Niveau der Gemeinde verbessern und könne schließlich dazu beitragen, die Stadt für ihre Einwohner zu einem angenehmeren und lebhafteren Aufenthaltsort zu machen.’

Henze bezieht sich hier auf die Anfangsjahre um 1976, als der es an der Musikschule gerade mal drei Schüler gab. Im Rahmen seiner vielfältigen Projekte der künstlerisch-musikalischen Animation schrieb er 1980 die mittlerweile weltbekannte Oper Pollicino, für genau die Musikerinnen und Musiker, die in gerade dieser Zeit an der Musikschule Unterricht nahmen – was im Nachhinein auch die überaus merkwürdige Partitur erklärt, in der neben einigen Streichern eben auch Klavier, Harmonium, Blockflöten, Orff-Instrumente und Psalter besetzt sind. Die Vorbereitung der Uraufführung steht aber auch exemplarisch für die beispiellose Mitwirkung der örtlichen Bevölkerung, insbesondere derer, die nicht musikalisch aktiv waren, sondern Kostüme nähten, Bühnenbilder mit bauten, Plakate malten oder die Werbetrommel rührten.
Mittlerweile sind an der Musikschule über 1200 Schüler eingeschrieben, was angesichts der nur rund 14.000 Einwohner Montepulcianos eine erstaunlich hohe Zahl ist und ohne das Verständnis und die aktive Anteilnahme und Beteiligung des Publikums vor Ort nicht zu erklären wäre. Ich denke, dass es mittlerweile kaum einen Einwohner gibt, der nicht auf eine aktive Teilnahme beim Cantiere Internazionale zurückblicken kann. Viele derer, die damals als Kinder die Anfänge des Cantiere miterlebten, leben heute noch dort und haben ebenfalls Kinder oder sogar Enkel, die bereits mitgemacht haben.

Cantiere International D Arte Motepulciano @ Cantiere International Montepulciano

Cantiere International D Arte Motepulciano @ Cantiere International Montepulciano

LOH:  Was bedeutet das diesjährige Festival für den Ort? Zeigt sich angesichts der Pandemie-Situation nicht vielmehr, dass Musik (CD, Streaming etc.) zwar aufgenommen werden kann und damit jederzeit abrufbar wird, aber dass es Raum und Zeit braucht, in der sie sich richtig entfalten kann, weil der unmittelbare Kontakt zum Publikum da ist.
RB: Alles, was in den vergangenen Monaten an rührenden, tröstlichen und bemerkenswerten Versuchen unternommen wurde, trotz aller Widrigkeiten musikalisch aktiv zu kommunizieren, hatte letztlich den schalen Nachgeschmack des Surrogats und hinterließ viele Menschen im Gefühl der Abgeschiedenheit und Einsamkeit.
Musik ist wahrscheinlich die Kunst mit dem größten sozialen Anspruch, was deren Aufführung durch Orchester und Chöre und deren Aufnahme durch das Publikum in den Opernhäusern und Konzertsälen anbetrifft. Das gemeinsame, gleichzeitige Erleben von Musik mit allen Sinnen, das kollektive Verbundensein durch die in Tönen und Klängen schwingende Luft, das instinktive Teilen von Emotionen und nicht zuletzt der Austausch im spontanen Gespräch im Foyer ist durch nichts zu ersetzen.
Dass wir in diesem Jahr tatsächlich das 45. Cantiere veranstalten grenzt an ein Wunder, für das wir gar nicht genug dankbar sein können. Es stillt unsere unermessliche Sehnsucht nach menschlicher Nähe im gemeinsamen Schaffen und Musizieren und der direkten Begegnung mit unserem Publikum.

LOH: Inwiefern wurde Ihre Planung von den diesjährigen Bedingungen beeinflusst?
RB: Bereits im April zeichnete sich ab, dass viele der bereits engagierten ausländischen Künstler nicht kommen können würden – das Royal Northern College of Music in Manchester, dessen beste Studenten alljährlich unser Residenzorchester bilden, hatte seine Türen bis über den Sommer hinaus geschlossen, ein Ensemble aus Österreich, das eigentlich eine klassische Oper gespielt hätte, hatte abgesagt und viele weitere europäische und sonstige internationale Künstler schreckten vor den bestehenden Einreiseregelungen und der drohenden Quarantäne zurück.
Vor diesem Hintergrund war klar: es würde keine Opernproduktion, keine großen Sinfoniekonzerte und auch keine Theaterveranstaltungen mit Beteiligung einer größeren Gruppe örtlicher Laienschauspieler geben. Ich habe sofort, nachdem die aktuellen Dekrete der italienischen Regierung es ausdrücklich zuließen, ein neues Cantiere-Gesamtprogramm entwickelt und es geschafft, doch immerhin 35 von ursprünglich 50 Veranstaltungen zu retten. Um die Notwendigkeit der Abstandswahrung der Musiker zueinander in künstlerischen Ausdruck zu verwandeln, habe ich sogar ein neues Projekt erdacht und vier Komponisten beauftragt, sich mit den Themen ‚Verlust und Einsamkeit’, ‚Innerer Dialog’ sowie den Möglichkeiten der Kommunikation über weite Distanzen zu beschäftigen.
Insgesamt kamen uns zwei wesentliche und Cantiere-spezifische Gegebenheiten sehr entgegen. Zum einen hätten wir ohnehin einen Großteil der Konzerte open-air veranstaltet, so wie wir dies nun konsequent auf drei verschieden großen Bühnen tun werden, zum anderen sind wir, im Vergleich zu kommerziellen Festivals, nicht auf die Einnahmen an der Abendkasse angewiesen und können es uns sogar leisten, unsere Eintrittskarten als Zeichen der Solidarität zu stark reduzierten Preisen zu verkaufen.

Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Da das Cantiere Internazionale d’Arte laut dem ‚Giornale della Musica’ seit Jahren zu den zehn wichtigsten Festivals in Italiens zählt, entsprach es auch ausdrücklich dem politischen Willen des Bürgermeisters und des Stadtparlaments, das Cantiere so reichhaltig und umfangreich zu veranstalten wie nur irgend möglich. Neben der langjährigen großzügigen Unterstützung seitens des Italienischen Kultusministeriums werden wir in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal auch durch das Deutsche Auswärtige Amt gefördert. Immerhin sind wir wie nur wenige Veranstalter in der Lage, Beethovens 250. Geburtstag gebührend, d.h. mit Orchester- und Kammerkonzerten und namhaften Solisten zu feiern. Weitere Bezüge zu Deutschland stellen wir im übrigen mit einer Hommage à Detlev Glanert, einem neuen Theaterprojekt des Regisseurs Marco Tullio Giordana auf der Grundlage des Briefwechsels Henze/Bachmann und dem Cantiere-Debüt des jungen Zeisig-Trios (Bundespreisträger ‚Jugend musiziert’) her.

LOH: Wofür steht das Motto Caos e Creazione – Scienca Arte Utopie oder anders gefragt, was ist darunter zu verstehen?
RB: Ursprünglich sollte der Titel etwas anders lauten, nämlich Scienza, Arte, Utopie – Prometheus reloaded. Er beschließt eine Trilogie, die vor drei Jahren mit Vita, Morte, Meraviglie begann und sich mit den Fragen der persönlichen Identität und der Rolle jedes einzelnen im ‚großen Welttheater’ befasste, dann im vergangenen Jahr in das Thema Amore, Passione, Follia mündete, in dem es um die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Beziehungen zwischen mindestens zwei Menschen ging, und die schließlich hinführen sollte zu der Frage der sozialen und politischen Verantwortung des Individuums innerhalb der Gesellschaft und der Auslotung von Utopien einer besseren Welt.
Vor dem Hintergrund der allgemeinen Situation (und dem praktischen Umstand, dass einige bedeutende Orchesterwerke zum Thema Prometheus nicht mehr aufführbar waren), habe ich der diesjährigen Ausgabe den neuen Übertitel Caos e Creazione – Chaos und Schöpfung gegeben. Ich gehe dabei davon aus, dass wahre Kreativität ihren Ursprung in der Suche nach Ordnung und Sinn inmitten der Unordnung, des Chaos und damit der Formlosigkeit hat.
Das ‚Prometheus-Prinzip’ ist dabei, dass nur der durch Wissenschaft und Kunst sensibilisierte und gebildete Mensch in der Lage ist, neue Konzepte des Zusammenlebens zu entwickeln, Träume Wirklichkeit werden zu lassen und Utopien tatsächlich zu leben.
Vivere l’utopia! – das war und bleibt das Ur-Motto Henzes!

LOH: Seit zwölf Jahren leiten Sie das Festival als musikalischer Direktor, die letzten sechs Jahre als künstlerischer Gesamtleiter. Welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?
RB: Schon als ich 2009 als musikalischer Leiter an der Seite von Detlev Glanert als künstlerischem Leiter anfing, war für uns beide wichtig, jedes Cantiere-Jahr unter ein bestimmtes Motto oder Thema zu stellen, das uns relevant für die Zeit erschien und uns einerseits zu bestimmten Projekten inspirierte, andererseits aber die Auswahl der unendlich scheinenden Möglichkeiten musikalischer Programme erleichterte.
Da die Verträge mit der Fondazione Cantiere immer auf drei Jahre beschränkt sind, habe ich gelernt, in Dreierschritten zu denken und zu planen. Für die ersten drei Jahre standen nach kürzester Zeit die Themenfelder Inferno, Purgatorio und Paradiso fest – frei nach Dante. Nach meiner Verlängerung und an der Seite des künstlerischen Leiters Vincent Monteil widmeten wir uns den Elementen Wasser, Luft und Feuer – im vollen Bewusstsein, dass das vierte Element, die ‚Erde’, fehlte.
Als ich dann ein weiteres Mal verlängert wurde und mir sogar die künstlerische Gesamtleitung angetragen wurde, beschloss ich, das Element ‚Erde’ zum neuen Ausgangspunkt meiner programmatorischen Überlegungen zu machen. So entstanden die Ausgaben Terra, Guerra e Pace, Natura e Tecnologia und schließlich Contemplazione ed Estasi.
Die sinfonischen und sonstigen musikalischen Programme standen jeweils in engem Zusammenhang mit den betreffenden Themen, so wie auch jedes Cantiere zu einem in sich geschlossenen kleinen Gesamtkunstwerk wurde. Es würde definitiv den Rahmen dieses Interviews sprengen, wollte ich auch nur eine Auswahl dessen erwähnen, was wir innerhalb der letzten zwölf Jahre auf die Bühne gebracht haben.
Wichtig erschien mir jedenfalls immer und ganz im Sinne Henzes, möglichst alle Genres vertreten zu sehen, Oper, Theater, Tanz, Sinfonik, Kammer- und Kirchenmusik, Recitals, Performance, Ausstellungen mit Musik und vieles mehr, dabei eine gute Balance zwischen traditionellem Repertoire, Vergessenem und Zeitgenössischem zu wahren, junge Menschen als neues, nachwachsendes Publikum zu begeistern und jungen Talenten die größtmögliche Unterstützung zu Teil werden zu lassen.

LOH: Nach zehn Jahren sind Sie zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden.
RB: Tatsächlich war dies eine der größten und auch schönsten Überraschungen während meiner Zeit in Montepulciano. Nachdem ich eigentlich schon längst zum ‚mezzo-Italiano’ geworden war, wurde ich vom damaligen Bürgermeister Andrea Rossi für ‚herausragende Verdienste um das kulturelle Leben der Stadt Montepulciano’ öffentlich mit der Verleihung des Grifo Poliziano geehrt, was einer Ehrenbürgerschaft entspricht.

LOH: Nach zwölf Jahren äußerst erfolgreicher Arbeit hören Sie auf? Warum? Entsteht langsam Wehmut?
RB: Montepulciano ist ein magischer Ort, der Berg vielleicht, an dem Noahs Arche strandete, oder gar das Paradies. Niemand, der dort einmal war, möchte freiwillig so schnell wieder gehen.
Was das Cantiere anbetrifft, gehört eine ständige Erneuerung jedoch zu den Grundvoraussetzungen seines Weiterbestehens und seines Erfolges. Für mich war es von größter Bedeutung, den richtigen Zeitpunkt zu finden und vor allem meinem Nachfolger ein bestelltes Feld zu hinterlassen. Daher habe ich bereits vor drei Jahren meinen Rücktritt angekündigt und damit mir selbst und allen meinen fantastischen Mitarbeitern die Gelegenheit gegeben, wirklich vorzusorgen für die Zukunft nach meinem letzten Konzert am 2. August.
Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, die natürlich wie im Fluge vergangen ist, aber gleichzeitig mehr als ein Viertel der Geschichte des Cantiere ausmacht. Niemand unter meinen Vorgängern war so lange engagiert. Ich bin unendlich dankbar für all das, was ich erfahren und lernen und zum ‚großen Ganzen’ beitragen durfte und ich gehe erfüllt und glücklich, um eines Tages als Freund wiederzukommen.

LOH: Welche Projekte haben Sie für die Zukunft? Werden Sie auch in Frankfurt wieder am Pult stehen?
RB: Im Moment herrscht eine allgemeine Unsicherheit. In der Tat ist es ja leider so, dass keiner genau weiß, ob und wie es nach der Sommerpause weitergehen wird. Viele Engagements, gerade die im Ausland, sind noch in der Schwebe. Ich hege die große Hoffnung, dass ich (zusammen mit allen anderen ausübenden Künstlern) wieder anfangen können werde zu arbeiten. Die nächsten zukünftigen Engagements sind an der Oper Frankfurt, Opéra de Nice, Teatro Regio di Torino und bei den Tiroler Festspielen Erl.
Als Dirigent hat man natürlich immer zu tun, am Schreibtisch vor der Partitur und am Klavier, das ist oft mit soviel Muße wie jetzt gar nicht möglich. Außerdem: Seit einiger Zeit habe ich wieder angefangen, mit größter Freude und Hingabe zu komponieren, tue das aber im Moment (noch) unter einem (französischen) Pseudonym, mit geplanten Uraufführungen und einigem Erfolg im In- und Ausland – sehr spannend! Und als Komponist wüsste ich etwaige Lücken im Kalender sehr gut zu nützen.

LOH: Lieber Roland Böer, im Namen unserer IOCO Community wie unserer Leser möchte ich mich herzlich für dies so inhaltsreiche Gespräch bedanken. Natürlich wünschen wir Ihnen wie Ihren kunstschaffenden Kollege/nnen auch, daß die so belastenden derzeitigen Unsicherheiten bald enden.

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Roland Böer, Dirigent und künstlerischer Leiter in Montepulciano @ Marco Mazzolai

Roland Böer, Dirigent und künstlerischer Leiter in Montepulciano @ Marco Mazzolai

Roland Böer  ist ein international freischaffender Opern- und Konzertdirigent. Als erster Gastdirigent war er am Mikhailowsky-Theater in Sankt Petersburg bis 2019 engagiert. Seit sechs Jahren ist er künstlerischer und musikalischer Leiter des Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano. Nachdem er 2009 an der Seite des Komponisten Detlev Glanert zunächst als musikalischer Leiter engagiert worden war, wurde ihm 2015 auch die künstlerische Gesamtleitung der 1976 von Hans Werner Henze gegründeten „Internationalen Kunstwerkstatt“ anvertraut; er ist für die Planung und Durchführung von rund fünfzig Veranstaltungen mit bis zu 400 Mitwirkenden pro Saison, darunter Oper, Musical, Theater, Performance und Ballet, sowie Sinfonie- und Chorkonzerte, Kammermusik, Recitals, Kurse und Ausstellungen verantwortlich

Nach seinem Studium bei Prof. Peter Falk und Prof. Günther Wich an der Staatlichen Hochschule für Musik Würzburg war Roland Böer von 1996 bis 1999 zunächst Solorepetitor an der Oper Frankfurt, von 1999 bis 2002 Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung an der Deutschen Oper am Rhein und gleichzeitig persönlicher Assistent von Antonio Pappano bei den Bayreuther Festspielen, am Théâtre de la Monnaie in Brüssel und am Royal Opera House Covent Garden in London, bevor er von 2002 bis 2008 als Kapellmeister an die Oper Frankfurt zurückkehrte. Während dieser Zeit erarbeitete er sich ein breitgefächertes Repertoire mit Werken, Verdi, Puccini, Strauss und Wagner, von Händel bis Henze, aber auch zeitgenössische Opern.

Seit seinem Debüt an der English National Opera London 2005 mit La Clemenza di Tito und beim Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom mit Così fan tutte ist Roland Böer einer der meist gefragten Mozart-Interpreten seiner Generation. So leitete er beispielsweise Produktionen von Die Zauberflöte am Teatro alla Scala, Milano, am Royal Opera House, London und der Deutschen Oper Berlin, Idomeneo und Die Entführung aus dem Serail an der Oper Frankfurt, Le Nozze di Figaro an der Opéra du Rhin in Straßburg, der Polnischen Staatsoper in Warschau, am Teatro dell’Opera di Roma, Don Giovanni mit dem Philharmonischen Orchester Bergen, Thamos mit dem Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino Così fan tutte an der Opera di Firenze.

Er gastierte an der Komischen Oper Berlin (Salome), dem Theater Bonn Der fliegende Holländer und der Wiener Volksoper Salome, Rusalka, Tiefland, dem Teatro Regio di Torino, dem Teatro Petruzzelli di Bari, dem Stadttheater Bern Hänsel und Gretel, an der Opéra National du Rhin Straßburg und der Opéra de Lyon, dem Théâtre de la Monnaie Brüssel L’Heure espagnole, L’enfant et les sortilèges, den Königlichen Opernhäusern Kopenhagen Albert Herring, Tannhäuser, dem Stockholm Manon Lescaut, Der Rosenkavalier, der Ungarischen Staatsoper Budapest und dem Tschechischen Nationaltheater Prag Elektra, sowie am New National Theatre Tokyo Die Zauberflöte.

Eine langfristige und besonders erfolgreiche Beziehung pflegt Roland Böer mit der Opéra de Nice. Hier leitete er ausschließlich Neuproduktionen. Im Bereich der zeitgenössischen Oper leitete er Produktionen von Pollicino (Hans Werner Henze), Tri Sestri (Peter Eötvös), Nacht (G. F. Haas) und Enrico (Manfred Trojahn), sowie die Uraufführung von Icarus (David Blake und Keith Warner). Auch an der Oper Frankfurt ist er regelmäßig  Gast, unter anderem für Arabella, Die verkaufte Braut, Hoffmanns Erzählungen und La Damnation de Faust. Für die Spielzeit 2021/22 ist die Uraufführung der neuen Oper von Hauke Berheide und Amy Stebbins, The People out there, im Auftrag der Oper Frankfurt und gemeinsam mit dem Ensemble Modern geplant.

Als Konzertdirigent leitete Roland Böer die Filarmonica della Scala, das London Symphony Orchestra, das Oslo Philharmonic Orchestra, das Radiosinfonieorchester Frankfurt und das Rundfunkorchester des Bayerischen Rundfunks, die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken /Kaiserslautern, das Philharmonische Orchester Erfurt und die Staatsphilharmonie Nürnberg, das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra und das Bournemouth Symphony Orchestra, das Orchestre Philharmonique de Luxembourg und das Sinfonieorchester des Mikhailovsky-Theater Sankt Petersburg. Er dirigierte außerdem das Ensemble Modern, Northern Sinfonia, das Scottish Chamber Orchestra und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Nach seinem erfolgreichen Debüt bei den Tiroler Festspielen Erl im Dezember 2019 wurde er für drei weitere Konzerte in den nächsten Spielzeiten engagiert.

Neben dem Hauptschwerpunkt seines symphonischen Repertoires, den Werken von Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms, Anton Bruckner, Gustav Mahler, Richard Strauss und Hans Werner Henze, widmet sich Roland Böer regelmäßig der Aufführung oder Uraufführung zeitgenössischer Werke, etwa von Kalevi Aho, Francesco Antonioni, Detlev Glanert, Moritz Eggert, Mauro Montalbetti, Hannes Pohlit, Rolf Rudin und Ludger Vollmer.

Roland Böer verbindet mit dem Royal Northern College of Music in Manchester (RNCM) eine nunmehr zwölfjährige, intensive Zusammenarbeit. Mit dem RNCM Symphony Orchestra, dem Orchestra-in-Residence des Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano, erarbeitet er alljährlich zwei bis drei große sinfonische Programme, aber auch Opernproduktionen und Ensemblekonzerte. Mit der Verleihung des „Congregation Award“ und der offiziellen Aufnahme als Fellow RNCM wird sein langjähriger, erfolgreicher Beitrag zur Ausbildung dieses quasi professionellen Hochschulorchesters im Dezember 2020 eine besondere Würdigung erfahren. In Mailand arbeitete er mit dem Orchester der Accademia della Scala in Mailand und war Leiter eines großangelegten Gemeinschaftsprojekts mit ausgewählten Studierenden der Hochschulen Brüssel, Antwerpen und Maastricht. Er war außerdem mehrfach Vorsitzender der Jury internationaler Gesangswettbewerbe, wie Giulio Neri in Torrita di Siena und Lauritz Melchior in Aalborg, und dirigierte die Finalkonzerte der internationalen Gesangswettbewerbe Queen Sonia und Queen Elisabeth in Oslo und Brüssel.

—| IOCO Interview |—

Arlene Saunders, 1930 – 2020, eine Würdigung, IOCO Portrait, 14.05.2020

Mai 13, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Portraits, Staatsoper Hamburg

Arlene Saunders © Wolfgang Schmitt / Lead Technologies

Arlene Saunders © Wolfgang Schmitt / Lead Technologies

ARLENE SAUNDERS – Ein Mensch – EINE KARRIERE

5. Oktober 1930 – 17. April 2020

von Wolfgang Schmitt

In den 1960er und 70er Jahren war sie die „Primadonna assoluta“ der Hamburgischen Staatsoper während der Liebermann-Ära. Nun wurde auch Arlene Saunders ein prominentes Opfer der zur Zeit grassierenden Corona-Pandemie.

Geboren am 5. Oktober 1930 in Cleveland, Ohio, als Arlene Pearl Soszynski, entdeckte sie schon als 10jährige ihre Leidenschaft für die Oper, und so studierte sie nach der High School Gesang am dortigen Baldwin-Wallace College of Arts. Ein erstes Engagement führte sie an die National Opera Company in Raleigh, North Carolina, wo sie u.a. die Rosalinde in der Fledermaus, Donna Elvira in Don Giovanni und sogar die Titelrolle in Cole Porters Musical Kiss me Kate sang.

Bei einem Wettbewerb amerikanischer Opernsänger in New York errang sie den ersten Platz und erhielt ein Stipendium, mit dem sie nach Italien ging, wo sie ihre Gesangsstudien vervollkommnete und am Mailänder Teatro Nuovo ihr Rollendebüt als Mimi in Puccinis La Boheme geben konnte. Zurück in Amerika engagierte Julius Rudel sie an die New York City Opera, wo sie als Giorgetta in Puccinis Il Tabarro debütierte und in Partien des lyrischen Sopranfachs besetzt wurde, u.a. in Charpentiers Louise. Mit der New Yorker Metropolitan Opera ging sie auf die jährliche MET-Tour quer durch die USA und sang das Evchen in den Meistersingern und Rosalinde in der Fledermaus (alternierend mit Beverly Sills).

1963 war Rolf Liebermann, Intendant der Hamburgischen Staatsoper, auf Talentsuche in New York, Arlene Saunders sang für ihn die Arie der Magda aus Puccinis La Rondine und wurde vom Fleck weg engagiert. Hamburg wurde nun ihr Zuhause und ihr künstlerischer Lebensmittelpunkt. Mit ihrem neu erworbenen weißen Karmann-Ghia liebte sie es, die Stadt und das Hamburger Umland zu erkunden. Ihre Hamburger Debüt-Partie war die Pamina in der Zauberflöte, für die sie dann auch gleich gastweise ans Staatstheater Stuttgart engagiert wurde, auch für die Mimi luden die Stuttgarter sie sogleich ein. In Hamburg folgten Rollendebüts als Marzelline in Fidelio, Marie in Die verkaufte Braut, Liu in Turandot (mit Birgit Nilsson und James McCracken), Iphis in Jephta, Antonia in Hoffmanns Erzählungen, Fiordiligi in Cosi fan tutte, und Ann Truelove in The Rake’s Progress (die Premierenserie dirigierte Igor Strawinsky persönlich).

Arlene Saunders als Manon in Manon Lescaut 1982 © Colin Graham

Arlene Saunders als Manon in Manon Lescaut 1982 © Colin Graham

Ihr Hamburger Festvertrag ließ ihr jedoch genügend Freiraum für internationale Gastspiele, und so sang sie 1965 die Micaela in Carmen (mit Marilyn Horne, Franco Corelli und Justino Diaz) in Philadelphia, 1966 die Pamina beim Glyndebourne Festival, 1967 die Marguerite in Faust (mit Alfredo Kraus) an der San Francisco Opera, dort folgten Charpentiers Louise und Freia in Rheingold. Sie gastierte als Mimi in Florenz und an der Mailänder Scala, und gab in Toronto ihr Kanada-Debüt in Glucks Orfeo ed Eurydice. An der Wiener Staatsoper debütierte sie als Marzelline in Fidelio, sang dort auch Eva und Donna Elvira.

Mit der Deutschen Oper Berlin schloß sie einen Gastvertrag und debütierte dort als Nedda in einer Neuinszenierung des Bajazzo. In Hamburg erweiterte sie ihr Repertoire um Partien wie Tatjana in Eugen Onegin, Figaro-Gräfin, Agatheim Freischütz, um mit der Elsa in Lohengrin endgültig ins jugendlich-dramatische Sopranfach zu wechseln (in dieser Premiere sang Placido Domingo seinen ersten Lohengrin). Es folgten Neuinszenierungen von Arabella, Ariadne auf Naxos (mit dieser Produktion gastierte die Hamburgische Staatsoper auch beim Edinburgh Festival), Tannhäuser / Elisabeth (in der Regie von Harry Meyen, dem damaligen Ehemann von Romy Schneider, was dem Premierenabend einen besonderen Glamour verlieh, denn auch Magda Schneider und viele andere Größen des deutschen Films waren zugegen), Die Walküre / Sieglinde, sowie ihre erste Tosca. Die Tosca sang sie kurz darauf in Cincinnati, dort auch die Mimi. Es folgte eine Arabella-Neuproduktion in Amsterdam, und an die San Francisco Opera kehrte sie zurück als Eva für eine Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg (mit Theo Adam und James King als Partner). An der Oper in Boston debütierte sie als Natascha in der amerikanischen Erstaufführung von Prokoffievs Krieg und Frieden (inszeniert und dirigiert von Sarah Caldwell), und in Washington sang sie die Uraufführung der eigens für sie von Alberto Ginastera komponierten Oper Beatrix Cenci, mit der das J.F. Kennedy Center for the Performing Arts 1971 feierlich eröffnet wurde, diese Produktion wurde später von der New York City Opera übernommen.

Arlene Saunders als Marschallin © Seattle Opera

Arlene Saunders als Marschallin © Seattle Opera

Auch an der Hamburger Oper wirkte Arlene Saunders bereits in zwei Opern-Uraufführungen mit, in Giselher Klebes Jakobowsky und der Oberst (Marianne) – mit der die Hamburger Staatsoper eine Gastpielreise an die New Yorker MET unternahm, gemeinsam mit The Rake’s Progress -, und in Giancarlo Menottis Hilfe, Hilfe, die Globolinks (Madame Euterpova), welche auch verfilmt wurde. Weitere Opernfilme der Rolf-Liebermann-Produktionen, in denen Arlene Saunders mitwirkt, sind Figaros Hochzeit (Gräfin), Der Freischütz (Agathe), Die Meistersinger von Nürnberg (Eva), und Arabella (bei Arthaus auf DVD erhältlich). Im Dezember 1972 gab es an der Hamburger Staatsoper die Uraufführung von Paul Burkhards Oper Ein Stern geht auf aus Jaakob, in der Arlene Saunders die Maria und Vladimir Rudzak den Josef sang, diese Oper wurde fürs Fernsehen aufgezeichnet und am Weihnachtsabend ausgestrahlt. Ein weiterer Fernsehfilm ist Carl Millöckers Gasparonemit Arlene Saunders als Carlotta, Barry MacDaniel in der Titelpartie, sowie Martha Mödl und Benno Kusche (als Zenobia und Nasoni). In dieser Zeit nahm Arlene Saunders für Philips die Operetten Der Zarewitsch und Der Graf von Luxemburg auf. Bei RCA waren bereits Mendelssohns Sommernachtstraum unter Erich Leinsdorf, und Mozarts Il Re Pastore (mit Arlene Saunders als Tamiri sowie Lucia Popp, Reri Grist und Luigi Alva) erschienen.

Auch als Konzertsängerin war Arlene Saunders stets aktiv, so sang sie u.a. Beethovens Missa solemnis unter Leonard Bernstein beim Tanglewood Festival, Richard Strauss‘ Vier letzte Lieder und Franz Schrekers Lieder von Walt Whitman“ unter Erich Leinsdorf in der Berliner Philharmonie, Haydns Schöpfung unter Igor Markevitch in Monte Carlo, Beethovens Neunte in der Hamburger Musikhalle, Geoffredo Petrassis Orationes Christi unter Massimo Freccia in Berlin; auch Liederabende gab sie u.a. in Hamburg, Hannover und Oslo mit Liedern von Richard Wagner, Richard Strauss, Franz Liszt, Heitor Villa-Lobos, Silvestre Revueltas, Aaron Copland und Samuel Barber.

Die 1970er und 80er Jahre verliefen weiterhin höchst erfolgreich für Arlene Saunders: An der Hamburgischen Staatsoper folgten weitere Rollendebüts als Marschallin im Rosenkavalier, als Gräfin in Capriccio, und als Chrysothemis in Elektra. An der Opéra de Paris debütierte sie in einer Tosca-Neuinszenierung (mit Placido Domingo und Gabriel Bacquier als Partner unter der Leitung von Charles Mackerras), sang die Sieglinde in einer Neuinszenierung der Walküre in der Regie von Peter Stein, in späteren Spielzeiten dort auch die Chrysothemis / Elektra und die Marschallin. Eine besonders beachtete Produktion war die Ballett-Inszenierung von Richard Strauss‘ Vier letzte Lieder, von Maurice Béjart choreogrphiert und mit Arlene Saunders singend und agierend inmitten der Tänzerinnen und Tänzer ins Bühnengeschehen integriert. An der Seattle Opera sang sie die Marschallin in einer Neuproduktion des Rosenkavalier, diese Partie auch in Brüssel und in Stuttgart. Am Opernhaus Köln sang sie ihre erste Senta im Fliegenden Holländer sowie eine weitere Tosca-Neuinszenierung. Als Tosca war sie ebenfalls Gast am Teatro Nacional Sao Carlos in Lissabon. In Turin wirkte sie mit in einer RAI-Rundfunkproduktion von Hindemiths Cardillac (Partie der Tochter).

An die Wiener Staatsoper kehrte sie zurück als Donna Elvira und als Elsa. Es folgten Auftritte an der New Yorker Metropolitan Opera als Eva in den Meistersingern (mit Thomas Stewart und Jean Cox), und als Elsa in einer Lohengrin –Neuproduktion in Hartford (mit Karl-Walter Böhm und Mignon Dunn). Schließlich gab sie ihr Rollendebüt als Minnie in Puccinis La Fanciulla del West an der Boston Opera. Die Minnie wurde zu einer ihrer Lieblingspartien, mit der sie auch an die New York City Opera zurückkehrte und die sie 1979 ans Teatro Colón Buenos Aires (mit Placido Domingo und Gianpiero Mastromei als Partner) und schließlich 1980 ans Londoner Royal Opera House Covent Garden führte. An der English National Opera North in Leeds gastierte sie als Senta (mit Norman Bailey als Holländer) und sang dort 1982 höchst erfolgreich ihre erste Manon Lescaut. In London sang sie die Titelpartie in Richard Strauss‘ Die Liebe der Danae in einer BBC-Rundfunkproduktion unter der Leitung von Charles Mackerras, die auf CD erschienen ist. Am Grand Théatre de Genève sang sie zur Saisoneröffnung 1980-81 die Elsa im „ Lohengrin  und die Marschallin im „ Rosenkavalier. Weitere Rollendebüts gab Arlene Saunders als Nadia in der amerikanischen Erstaufführung von Michael Tippets The Ice Break in Boston, als Santuzza in Cavalleria rusticana in Buenos Aires, als Marquise in Verdis Un Giorno di Regno beim Verdi-Festival in San Diego, und als Giulietta in Les Contes d’Hoffmann an der Hamburger Staatsoper, wo sie im Rahmen ihres Gastvertrages weiterhin die Mimi, Tosca, Senta, Chrysothemis, sowie während der Weihnachtszeit stets die Gertrud in Hänsel und Gretel sang (sie war 1972 die Premieren-Gertrud).

Arlene Saunders als Senta in Leeds © Colin Graham

Arlene Saunders als Senta in Leeds © Colin Graham

Es folgten weitere interessante Engagements beim Maggio Musicale Fiorentino, Florenz, als Tannhäuser – Elisabeth (mit Wolfgang Neumann, Hermann Prey und Brenda Roberts in den anderen Hauptpartien), als Tosca am Teatro dell’Opera in Rom, als Marschallin in Neuproduktionen des Rosenkavalier in Boston, Bordeaux und Bonn sowie beim Viennese Festival in Minneapolis, und als Senta im Holländer beim Wolf Trap Festival. Ihr australisches Debüt gab sie in der Saison 1983-84 an der Oper in Sydney in ihrer Paraderolle, der Minnie in La Fanciulla del West, der Rundfunkmitschnitt dieser Premiere ist auf CD erschienen. Ihren Abschied von der internationalen Opernbühne nahm sie 1985 als Marschallin in einer Neuinszenierung des Rosenkavalier am Teatro Colón in Buenos Aires, um sich ins Privatleben zurückzuziehen, sich ihren zahlreichen Hobbies zu widmen – unter anderem der Aquarell-Malerei -, und von Hamburg nach New York umzuziehen. Dort lebte sie mit ihrem Ehemann, dem Psychologen Dr. Raymond Raskin bis zu dessen Tod 2017 in einer schönen großen Wohnung mit Blick auf den East River. Am 17. April starb Arlene Saunders, 89jährig, in einer New Yorker Seniorenresidenz. Als unvergleichliche Interpretin insbesondere von Strauss-, Wagner- und Puccini-Partien wird sie uns unvergesslich bleiben.

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Chemnitz, Theater Chemnitz, GUILLERMO GARCÍA CALVO – GMD bis 2023, IOCO Aktuell, 18.11.2019

November 18, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

GUILLERMO GARCÍA CALVO – GMD bis 2023

Guillermo García Calvo hat seinen Vertrag als Generalmusikdirektor der Theater Chemnitz und der Robert-Schumann-Philharmonie bis zum Ende der Spielzeit 2022/2023 verlängert.

Seit Beginn der Spielzeit 2017/2018 ist GMD Guillermo García  Calvo an den Chemnitzer Theatern tätig. Seither widmet er sich in gleichem Maße den Konzerten und den Opernproduktionen, wobei vor allem seine große Leidenschaft für das Schaffen Richard Wagners zum Tragen kommt. Seine musikalischen Leitungen der Neuproduktionen des Ring des Nibelungen sorgten überregional für Aufmerksamkeit und Begeisterung. Die über die vergangenen Jahre gewachsene vertrauensvolle und fruchtbare Zusammenarbeit mit den Musikerinnen und Musikern der Robert-Schumann-Philharmonie führte zu großer gegenseitiger Wertschätzung und zu eindrucksvollen künstlerischen Ergebnissen .„Es ist für uns eine große Freude, dass wir bereits jetzt die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Guillermo García Calvo vereinbaren konnten“, sagt Dr. Christoph Dittrich, Generalintendant der Theater Chemnitz. „Die zahlreichen Erfolge in Oper und Konzert an unserem Haus sind getragen von seinem internationalen Renommee und einer menschlich charismatischen Ausstrahlung, die Künstler und Publikum gleichermaßen schätzen. Wir sehen damit das Musiktheater und die Robert-Schumann-Philharmonie künstlerisch für die nächsten Spielzeiten hervorragend aufgestellt.“

Theater Chemnitz / GMD Guillermo García Calvo © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz / GMD Guillermo García Calvo © Dieter Wuschanski

Biografie – Guillermo García Calvo

Guillermo García Calvo wurde 1978 in Madrid geboren und studierte er an der Universität für Musik und Darstellende Kunst, Wien. Seine Ausbildung rundete er als Assistent von Iván Fischer beim Budapest Festival Orchester ab und er fungierte 2007 als Assistent von Christian Thielemann für den Ring des Nibelungen bei den Bayreuther Festspielen. 2003 debütierte er als Operndirigent mit Hänsel und Gretel im Schlosstheater Schönbrunn. Seitdem ist er regelmäßig an der Wiener Staatsoper zu Gast, wo er mehr als 200 Vorstellungen dirigierte. 2011 gab er mit der Premiere von Tristan und Isolde am Teatro Campoamor in Oviedo sein Operndebüt in Spanien. An diesem Theater leitete er ab 2013 die dortige Erstaufführung der Ring-Teile DasRheingold, Die Walküre und Siegfried. Für Siegfried wurde ihm 2019 der Preis Ópera XXI in der Kategorie „Beste musikalische Leitung“ verliehen.

Bereits 2013 wurde Guillermo García Calvo von der spanischen Musikzeitschrift Codalario als „Bester Künstler 2013“ ausgezeichnet. Die von ihm geleitete Produktion von Curro Vargas in der Inszenierung von Graham Vick am Teatro de la Zarzuela in Madrid erhielt 2014 die renommierte spanische Auszeichnung „Premio Campoamor“. Weitere wichtige Dirigate im Musiktheater führten ihn nach Essen, Berlin, Bukarest, Madrid, Nizza, Florenz, Palma de Mallorca und Parma. Im Juli 2019 gab er mit Don Giovanni sein Hausdebüt an der Opéra National de Paris.

Mefistofele – Arrigo Boito
youtube Trailer des Theater Chemnitz mit dem Drigat von G G Calvo
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Außerdem  verfügt Guillermo García Calvo über ein umfangreiches Konzertrepertoire und arbeitete mit Orchestern wie dem London Symphony Orchestra, dem Orchester des Maggio Musicale Fiorentino, dem Orquesta Sinfónica Nacional de Mexico, dem Orquestra Simfònica de Barcelona y Nacional de Cataluñya, dem Orquesta Sinfónica de Galicia, dem Orquesta  Sinfónica de la RTVE, dem Orquesta Sinfónica de Madrid, der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, den Hamburger Symphonikern, den Essener Philharmonikern und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin.Im April 2019 dirigierte er im Gran Teatre del Liceu in Barcelona das Gedenkkonzert  „The Smile Of Montserrat Caballé“ als Hommage an die legendäre Sopranistin. Seit Beginn der Saison 2017/2018 ist Guillermo García Calvo Generalmusikdirektor an den Theatern Chemnitz. Wichtige Dirigate hier umfassen u. a. die vielbeachteten Neuproduktionen von Wagners Ring des Nibelungen, Verdis Ein Maskenball, Beethovens Fidelio und  Boitos Mefistofele sowie weitere Opern-und Ballettproduktionen und Konzerte mit der Robert-Schumann-Philharmonie.

—| IOCO Aktuell Theater Chemnitz |—

 

Berlin, Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko – Dukas, Prokofjew, Schmidt, IOCO Kritik, 18.04.2018

April 18, 2018 by  
Filed under Berliner Philharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie Foto: © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Kirill Petrenko, Yuja Wang –  Berliner Philharmoniker 

12.April 2018  –   Berliner Philharmonie

Von Karola Lemke

Kirill Petrenko, der feinfühlige designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und vielleicht der gefragteste Drigent unserer Zeit, präsentierte gemensam mt den Berliner Philharmoniker zwei klangvolle Raritäten: Paul Dukas‘ irisierende Tondichtung La Péri und Franz Schmidts  Vierte Symphonie. Dazwischen erklang Sergej Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3, mit der Pianistin Yuja Wang.

Petrenko begann seine internationale Karriere nach dem Weggang von der Komischen Oper (2001-2007). Freischaffend wirkte  Petrenko in 2000 am Maggio Musicale Fiorentino, 2001 an Wiener Staatsoper und der Semperoper Dresden, 2003 am Gran Teatre del Liceu in Barcelona, Opéra National de Paris, Royal Opera House Covent Garden in London, Bayerische Staatsoper, Metropolitan Opera in New York, 2005 an Oper Frankfurt. Seit 2013 ist Kirill Petrenko Generalmusikdirektor der Bayrischen Staatsoper

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko und Orchester © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko und Orchester © Monika Rittershaus

Die chinesische Pianistin Yuja Wang  hatte 2003 ihr Europadebüt. Im Jahr 2009 spielte sie mit Claudio Abbado und dem Lucerne Festival Orchestra das Klavierkonzert des heutigen Abends. 2016 war sie Artist of the Year 2017 der US-amerikanischen Zeitschrift Musical America

Paul Dukas  –  La Péri, Poème dansé

Dukas war Komponist, Kritiker und Mitglied der Fakultät am Pariser Konservatorium. Er war als Komponist sehr selbstkritisch und vernichtete zahlreiche seiner Werke, so dass er nur 25 Kompositionen hinterlassen hat.
La Péri wurde 1911 geschrieben und wurde von den Ballets Russes in Auftrag gegeben. Die Fanfare für Blechbläser, die das Werk öffnet, wurde zu einem späteren Zeitpunkt komponiert und zu Beginn des Werkes eingefügt, da das ursprüngliche Tongedicht sehr leise beginnt. Dukas nannte das Stück ein „Tanzgedicht in einer Szene“ und es ist sein letztes veröffentlichtes Werk. Die Uraufführung war am 22.04.1912.
Die Geschichte des Balletts stammt aus einer alten persischen Legende. Ein Prinz namens Iskender (Prinzenthema in den Holzbläsern) reist auf der Suche nach der „Blume der Unsterblichkeit“ ans Ende der Welt. Er findet einen gefallenen Engel (La Péri), der mit einer Lotusblume in der Hand eingeschlafen ist. Er stiehlt die Blume, die Péri wacht auf, tanzt und durch ihren Tanz nimmt den Lotus zurück. Peri´s Tanz nimmt die Hälfte des Stückes ein. Die Lotusblume war die Blume der Unsterblichkeit und ohne sie stirbt der Prinz langsam.Seit 50 Jahren wurde dieses Werk nicht mehr von Berliner Philharmonikern gespielt.
Petrenko breitet einen musikalischen Zauberteppich aus den drei Ebenen der Peri, des Prinzen und der Zauberwelt aus. Nach einem fast unhörbaren Beginn entfaltet sich das 19 minütige Werk tänzerisch, spärisch. Das Beeindruckendste ist die Art, wie Petrenko dieses Werk präsentiert und mit wieviel Engagement die Berliner Philharmoniker ihm folgen.

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko, Yuja Wang und Orchester © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko, Yuja Wang und Orchester © Monika Rittershaus

Sergej Prokofjew  –  Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26
Yuja Wang Klavier

Das 3. Klavierkonzert ist das mit Abstand am meisten gespielte Konzert Prokofjews.
Nach der zärtlich schwelgerischen Eröffnung durch die Klarinetten setzt nach kurzer Weiterführung durch die Streicher das Klavier ein und steigert sich nach Durchführung in der Reprise zu einem wahnwitzigen Tempo.
Yuja Wang spielt den Klavierpart technisch virtuos. So virtuos, daß es ungewöhnlichen Beifall nach dem ersten Satz aus dem Publikum gibt. Diese technische Perfektion blieb das Herausragende am Spiel Yuja Wang´s an diesem Abend. Man hätte sich ein engeres Zusammenwirken mit dem Orchester gewünscht.
Petrenko stellt dem eine fast durchsichtige Orchesterführung gegenüber, die im Orchesterklang auch die Raffinessen des Stückes hörbar macht.

Franz Schmidt  –  Symphonie Nr. 4 C-Dur

Die Sinfonie in C-Dur ist die vierte Sinfonie des östereichischen Komponisten Franz Schmidt (1874-1939) wurde 1933 komponiert und am 10. Januar 1934 in Wien uraufgeführt. Diese Sinfonie ist ein Requiem für seiner Tochter Emma, die bei der Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 1932 starb. Der gesundheitlich angeschlagene Schmidt erlitt danach einen totalen Zusammenbruch.Dirigent der Uraufführung (46min.) mit d en Wiener Symphonikern war Oswald Kabasta, der das Autograph der vierten Symphonie an das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gab.

Der erste Satz beginnt mit einem Solotrompeten-Thema (Gábor Tarkövi), der Stimme des Schicksals.  Franz Schmidt äußerte dazu lt. Karl Trötzmüller: Es ist sozusagen die letzte Musik, die man ins Jenseits hinübernimmt.“

Ein Solo-Cello (Ludwig Quandt) führt in das Adagio mit seiner Tonart B-Dur, der Mittelteil steigert sich zu immensem Ausdruck, ehe das Solo-Cello in das ursprüngliche Adagio-Tempo zurück führt, und es ist das Cello, das die elegische Bewegung zu einem Ende bringt, gefolgt vom Echo der gedämpften Trommeln.
Das Scherzo, in b – moll, scheint eine Fuge vorzuschlagen, wobei das Viola – Thema von den zweiten Violinen beantwortet wird, bevor andere Ideen eingreifen, wobei das bahnbrechende Anfangsthema erneut erscheint.
Das Thema kehrt mit dem ersten Horn über einem begleitenden Trommelwirbel zurück und wird von vier Hörnern fortgesetzt. Dieses bildet die Reprise, die mit dem Trompetensolo des Anfangs, jedoch auf höherem geistigen Niveau endet.

Bei dieser Symphonie Nr. 4 zeigt Petrenko erneut, was intelligentes, emphatisches Dirigat bedeutet. Er spannt einen so dichten Bogen über die vier Sätze der Symphonie, in deren genauer Mitte der Todesmarsch für Emma liegt, dass die Aufführungsdauer nur 40 Minuten beträgt.  Konzentriert führt er die Berliner Philharmoniker zum ersten, zweiten, dritten Aufschrei der Trauer. Diese tragischen Ausbrüche sind erschütternd.
Zart leitet die Trommel im weiteren Verlauf zur Solotrompete über, aufkeimende Hoffnung in den Steichern, weitergefürt von der Solovioline und endet im Trugschluß ehe das Trompetensolo des Anfangs das Werk beendet.

Besonderer Dank gilt ebenso Gábor Tarkövi, Ludwig Quandt wie allen anderen Solisten der Berliner Philharmoniker, deren großartige Leistung vom Publikum gewürdigt wurde. Im August 2019 nimmt Kirill Petrenko seine Tätigkeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker auf. Man darf gespannt sein. An 12. Aprilo 2018 harmonierten der designierte Chef und die Berliner Philharmoniker ganz wunderbar.

 

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