Wien, Volksoper Wien, Das Gespenst von Canterville – Marius Felix Lange, IOCO Kritik, 14.11.2019

November 14, 2019 by  
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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

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Das Gespenst von Canterville –  Marius Felix Lange

– Komödie über einen Gespenst, dem der Zeitgeist suspekt ist –

von Marcus Haimerl

Mit der österreichischen Erstaufführung von der Familienoper Das Gespenst von Canterville von Marius Felix Lange gelang der Volksoper Wien erneut ein veritabler Erfolg mit dem Potenzial das Repertoire langfristig zu bereichern.

Das Gespenst von CantervilleMarius Felix Lange
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Vorlage des gelungenen Librettos von Michael Frowin ist die gleichnamige Erzählung und Gesellschaftssatire des irischen Schriftstellers Oscar Wilde (1854-1900), der bereits mit der Vertonung seines Dramas Salome durch Richard Strauss Operngeschichte schrieb.
Die Geschichte des Gespenstes Sir Simon von Canterville, der am modernen amerikanischen Zeitgeist scheitert und selbst Angst vor den neuen Bewohnern des Schlosses bekommt, wurde von Maris Felix Lange und Michael Frowin in die Gegenwart geholt.

Aus der Familie des amerikanischen Gesandten Hiram B. Otis rückt die Familie des Immobilien-Unternehmers Georg König in den Mittelpunkt der Handlung. Dieser kauft das Schloss Canterville und zieht mit seinen drei Kindern, der Tochter Virginia und den Brüdern Leon und Noel (ein gelungenes Wortspiel), im Anwesen ein. Mit von der Partie ist auch die Assistentin und neue Liebe Frauke-Beeke Hansen, sehr zum Leidwesen von Tochter Virginia, die den Tod der Mutter noch nicht verkraftet hat. Mit der Familie König hat weder das Gespenst Sir Simon noch Mrs. Cecilia Umnay, die Haushälterin des Schlosses, gerechnet.

Volksoper Wien / Das Gespenst von Canterville - hier : Morten Frank Larsen als Sir Simon von Canterville © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Das Gespenst von Canterville – hier : Morten Frank Larsen als Sir Simon von Canterville © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der 400 Jahre alte Blutfleck wird von Frauke-Beeke einfach mit einem Universalreiniger entfernt und der in der Nacht herumgeisternde Sir Simon wird von Georg König kurzerhand aufgefordert seine Ketten zu ölen und mit Zahnpasta seinen Mundgeruch zu beseitigen. Obwohl am nächsten der Tag der Blutfleck zurück ist, diesmal grün, ist Frauke-Beeke gut gelaunt. Der Kaufvertrag ist bestätigt, dem Umbau steht nichts im Wege und auch Mrs. Umnay und ihr Sohn David sollen nun aus dem Schloss geworfen werden. Virginia ist entsetzt, als sie dies hört und Sir Simon beschließt, die lästigen Bewohner schon tagsüber zu erschrecken, was einen hysterischen Anfall Frauke-Beekes nach sich zieht.

Sir Simon belauscht ein Gespräch zwischen Georg König und Virginia, der die Mutter fehlt. Auch möchte Virginia verhindern, dass die Umbaupläne durchgeführt werden. In Gedanken hört Virginia die Stimme ihrer Mutter, die sie in den Schlaf singt. Im Traum sieht sie, wie das Gespenst einst seine Frau getötet hat. Als sie erwacht, steht Sir Simon vor ihr und sie geraten in Streit über diese Untat. Doch schon erscheinen die beiden Brüder und misshandeln das Gespenst erneut. Sir Simon flieht über den Kamin zurück in sein Bild.

Volksoper Wien / Das Gespenst von Canterville – hier : Rebecca Nelsen als Frauke-Beeke Hansen, Regula Rosin als Mrs. Cecilia Umney, Paul Schweinester als David Umney © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Am nächsten Tag reist Georg König ab, nicht ohne sich vorher von Frauke-Beeke versprechen zu lassen, die Hotelpläne zu verwerfen. Doch kaum ist er weg, lässt sie die Bauarbeiter für die Vorbereitungen zum Abriss des Schlosses zur Tür herein. Entstehen soll ein Halloween-Event-Hotel mit echtem Schlossgespenst. Die Kinder, Mrs. Umnay und ihr Sohn David verschwören sich gegen Frauke-Beeke, packen sie in eine Umzugskiste und lassen sie abtransportieren. Sir Simon, der sich seit 400 Jahren nach Schlaf sehnt, vertraut sich Virginia an, die bereit ist ihm zu helfen, den Fluch zu brechen. Der zurückgekehrte Georg König erfährt vom erlösten Gespenst und der entsorgten Assistentin und möchte nur noch das Schloss rasch sanieren und verkaufen. Doch da erfährt er von Mrs. Umnay, dass der Kaufvertrag gegenstandslos ist, denn die Grafen von Canterville sind gar nicht ausgestorben…

Regisseur Philipp M. Krenn lässt die Handlung im Eingangs- und Wohnbereich des Schlosses (Bühnenbild Walter Schütze) spielen, welches über eine zentrale Wendeltreppe zur Ahnengalerie und den Schlafräumen verfügt. Mit kluger Personenführung und den erstklassigen Videos von Roman Hansi, welche die Zuseher schon zu Beginn auf eine spannende und rasante Reise durch einen Wald in Richtung Schloss mitnimmt und im Anschluss den Ahnen in den Gemälden Leben einhaucht, gelingt es Philipp M. Krenn, die Mischung aus Ironie und tiefen Emotionen hervorragend herauszuarbeiten. Das Ergebnis ist eine Inszenierung, die nicht nur dem jungen Publikum große Freude bereitet.

Morten Frank Larsen glänzt in der Partie des Sir Simon, dem Gespenst von Canterville und spukt mit seinem wohltönenden Bariton mit vollem Körpereinsatz. Aber auch in den ernsten Momenten der Oper vermag er in seinem Leid zutiefst zu berühren. Ideal besetzt ist die Rolle der empathischen Virginia mit der Wiener Sopranistin Anita Götz, die nicht nur mit der notwendigen jugendlichen Frische überzeugt, sondern vielmehr auch musikalisch zu begeistern vermag. Die beiden Hausdebütanten Lukas Karzel und Stefan Bleiberschnig als ihre Brüder Leon und Noel erfreuen mit ihrer unerschöpflichen Energie das Publikum ebenso wie mit der kleinen Rap-Einlage im zweiten Teil.

Das Gespenst zwischen Ironie und Innigkeit
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Mit der fordernden Partie der Mrs. Umnay brilliert Regula Rosin, langjähriges Ensemblemitglied der Volksoper, musikalisch auf höchstem Niveau und ist auch in ihrer Darstellung als steife britische Haushälterin unübertroffen. Eine hervorragende Leistung auch von Paul Schweinester als ihr wunderbar schüchterner Sohn David.
Brillant auch die vielseitige Sopranistin Rebecca Nelsen als zickig-böse Assistentin Frauke-Beeke Hansen, die hier nicht nur ihre darstellerischen Qualitäten, sondern erneut ihr großes Talent für zeitgenössische Werke aufs Neue beweist. Als Einspringer zeigt Reinhard Mayr, dass er die Rolle des Georg Königs seit der Uraufführung 2013 immer noch mit Leichtigkeit bewältigen und das Publikum begeistern kann.

Großartig auch der Chor der Volksoper Wien (Choreinstudierung Thomas Böttcher), der in dieser Inszenierung über eine Vielzahl von gruseligen Charakteren verfügt. Ein Idealfall auch Dirigent Gerrit Prießnitz am Pult des Orchesters der Volksoper Wien. Mit unglaublicher Dynamik lässt Gerrit Prießnitz die Partitur von Marius Felix Lange zwischen kammermusikalischen Momenten, Filmmusik und Moderne, akustisch in den intensivsten Farben erstrahlen.

Mit wohlverdientem Jubel bedachte das Publikum eine Produktion die, wie die Bezeichnung „Familienoper“ schon ausdrückt, Jung und Alt gleichermaßen begeisterte.

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Wien, Volksoper Wien, Marilyn Forever – Gavin Bryars, IOCO Kritik, 02.05.2018

Mai 2, 2018 by  
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Volksoper Wien

Kasino am Schwarzenbergplatz © Mag. Konstanze Schäfer | Mag. (FH) Angelika Loidolt

Kasino am Schwarzenbergplatz © Mag. Konstanze Schäfer | Mag. (FH) Angelika Loidolt

Marilyn Forever – Oper von Gavin Bryars

Von Marcus Haimerl

Seit 2017 bespielt die Volksoper Wien neben ihrem Stammhaus an der Währinger Strasse auch das Kasino am Schwarzenbergplatz mit zeitgenössischer Oper. Im Vorjahr war es Limonen aus Sizilien von Manfred Trojahn, heuer erlebte das Wiener Publikum die europäische Erstaufführung der einaktigen Kammeroper Marilyn Forever des britischen Komponisten Gavin Bryars (Uraufführung am 13. September 2013 im MacPherson Playhouse Theatre, Victoria, British Columbia, Kanada). Bereits mit 20 Jahren war der Komponist kurze Zeit von Marilyn Monroe besessen. 1963 sah er als Student The Misfits („Nicht gesellschaftsfähig“). Es war der letzte fertiggestellte Film der Monroe, sie spielte an der Seite Clark Gables, das Drehbuch schrieb Noch-Ehemann Arthur Miller. Die Ehe der beiden zerbrach während der Dreharbeiten. Für Gavin Bryars war der Film voll dunkler Melancholie, das Ende einer Filmära und das Hauptthema: der Abschied vom Leben selbst.

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever - hier : Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever – hier : Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Verändert wurde sein Leben durch den Komponisten John Cage, dessen Assistent er wurde. Beeinflusst wurde er auch stark durch die Minimal Music im Stile von Philipp Glass. 1998 lernte Bryars bei Kompositionen zu dem kanadischen TV-Film Last Summer die in Kanada lebende Regisseurin Anna Tchernakova kennen, die seine Frau wurde. In seiner nunmehr zweiten Heimat Kanada lernte er das Aventa Ensemble kennen, welches ihm den Kompositionsauftrag für Marilyn Forever erteilte. In seiner Nachbarin, der Schriftstellerin Marilyn Bowering, fand er die ideale Librettistin. Bereits 1987 veröffentlichte sie unter dem Titel „Anyone can see I love you“ poetische Monologe, die sie Marilyn Monroe in den Mund gelegt hatte. Bryars entschied sich für eine Kammeroper: zwei Gesangssolisten, Männerchor, ein Jazztrio (Klavier, Tenorsaxophon und Bass) sowie ein Orchester bestehend aus acht Instrumentalisten.

Das Kasino am Schwarzenbergplatz ist somit bestens geeignet für dieses kleine aber feine Werk, welches mit einer Spielzeit mit knapp 75 Minuten ziemlich knapp ist. Das Bühnenbild von Jörg Brombacher beschränkt sich auf ein Sofa, eine Bar und ein großes rundes Bett. Eine Figur die Marilyn in der klassischen Pose aus dem Film Das verflixte 7. Jahr zeigt und ein großes Porträtfoto der Protagonistin als Marilyn. Der Kern der Oper ist nach den Worten des Regisseur Christoph Zauner der Zwiespalt der Schauspielerin, zwischen Selbstaufgabe als öffentliche Person und privaten Schicksalsschlägen hin- und hergerissen. Diese Umsetzung ist ihm weitestgehend auch gelungen.

Die Oper beginnt in der Nacht vom 5. auf den 6. August 1962. Marilyn stirbt und in Flashbacks zieht das Leben der Ikone nochmals am Publikum vorüber. Ein Probenregisseur wartet auf die notorisch Zuspätkommende. Als sie erscheint, verliert sie sich in Erinnerungen an einen von der Sonne beleuchteten Stein und beschreibt wie sie sich aus dem Waisenkind Norma Jean selbst geschaffen hat. In der zweiten Szene sucht sie Jobs als Schauspielerin und ein Produzent lädt sie zu sich nach Hause ein. Ihre Arbeit hat Auswirkung auf ihr Leben, Marilyn und ihr Mann entfremden sich zunehmend. Sie fühlt sich als Mensch und Künstlerin nicht respektiert, ihr Mann kommt mit dem Begehren der vielen Männer nicht zurecht. Arthur Miller schließlich, scheint ihr ein echter Partner zu sein. Marilyn wird zwei Mal schwanger, verliert die Babies. Die Ehe zerbricht, sie hat Affären, nimmt Tabletten. Ihre Mutter Gladys geistert immer wieder durch ihr Leben. Marilyn verfällt, kann sie ihre Rolle weiterhin spielen? Kann sie in das Scheinwerferlicht treten und dem Präsidenten ein Geburtstagständchen singen? Der Probenregisseur beschreibt ihre Faszination: Sie ist das Licht, die Männer sind wie Motten. Auch ihr neues Leben gelingt nicht. Fremde Männer dringen in ihr Haus ein. In der letzten Szene versucht der Probenregisseur wieder das Set vorzubereiten. Doch es ist zu spät. Die Oper endet wie sie begonnen hat: mit Marilyns Tod.

Gavin Bryars schuf eine zeitgenössische, jedoch sehr melodiöse Oper zwischen Jazzelementen und traurigen Streicherklängen. Als Marilyn erlebt man Rebecca Nelsen. Die texanische Sopranistin ist ein Juwel der Wiener Volksoper. Sie reüssiert in Operette und Musical ebenso erfolgreich wie auch in der klassischen und zeitgenössischen Oper und verfügt über einen sehr schönen Sopran mit absolutem Wiedererkennungswert. Wie sie selbst sagt, freut sie sich, nicht die Ikone, sondern vielmehr die fehlerhafte, gebrochene Frau darstellen zu können. Glaubhaft zeigt sie hier eine depressive Frau, die in Dunkelheit fällt. Besser kann man eben jenes Gefühl des Komponisten beim Sehen des Films The Misfits nicht umsetzen. Und dies gelingt ihr nicht nur darstellerisch, sondern auch musikalisch. Sie wechselt ohne hörbaren Übergang von Brust- in Kopfstimme und fühlt sich auch in der vielschichtigen Musik von Gavin Bryars sichtlich wohl. Völlig zurecht wurde sie vom Publikum stürmisch bejubelt.

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever - hier : Morton Frank Larsen als Arthur Miller und Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever – hier : Morton Frank Larsen als Arthur Miller und Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Alle Männerrollen werden von Morten Frank Larsen verkörpert. Mit Inbrunst singt er vom Probenregisseur über einen Produzenten bis hin zu Arthur Miller die Männer in Marilyns Leben mit schönem, kräftigen Bariton. Bemerkenswert auch die sechs Herren des Jugendchors der Volksoper Wien (Philip Fichtner, Stefan Himsl, Lukas Karzel, Max Montocchio, Martin Schlatte, Michael Thauer, Christian Tomsits), die hier all ihr Können beweisen durften, wurde doch der Chor, welcher eigentlich für den Orchestergraben vorgesehen ist, von Regisseur Christoph Zauner mitinszeniert und in das Geschehen eingebunden. Ebenso beeindruckend die Leistung des Jazztrios und des Orchesters der Volksoper Wien unter der Leitung von Wolfram-Maria Märtig. Der Jubel am Ende dieser Kammeroper bewies, dass die Volksoper mit zeitgenössischen Werken eine weitere Sparte des Musiktheaters erfolgreich für sich gewonnen hat. Somit kann man sich auf die nächste Saison freuen, wenn Thomas Adès Kammeroper Powder her face auf dem Spielplan steht.