Münster, Theater Münster, UNKNOWN TERRITORIES – Tanz-Theater, IOCO Kritik, 27.11.2018

November 28, 2018 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Hans Henning Paar – Pathetisch düster – Unknown Territories

Von Hanns Butterhof

Bald sind es 100 Jahre, dass das Staatliche Bauhaus in Weimar am 12. April 1919 mit Walter Gropius als erstem Direktor gegründet wurde. Unter politischem Druck wurde es 1933 zur Selbstauflösung gezwungen, viele Bauhäusler emigrierten, vorzüglich nach Amerika. Das Landesmuseum Münster, das vom 9.11. bis 10.3.2019 die Ausstellung „Bauhaus und Amerika“ zeigt, regte Hans Henning Paar, Chef des TanzTheatersMünster, zu dem Stück Unknown Territories an, das Grundintentionen des Bauhauses aufnimmt und Fremdheit sowie Migration thematisiert.

UNKNOWN TERRITORIES –  Hans Henning Paar
Youtube Trailer des Theater Münster
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Paar trägt vor allem der Maxime des Bauhauses Rechnung, die herkömmlichen Gattungsgrenzen der Kunst zu sprengen. Er integriert mit zwei Schauspielern die Sprache und räumt dem variablen Bühnenbild von Luis Crespo mit den quirligen Videoeinspielungen Sven Stratmanns und dem manchmal dominanten Soundtrack von Fabian Kuss nahezu gleichen Rang wir dem Tanz ein.

100 Jahre BAUHAUS – Westfälisches Landesmuseum – IOCO Bericht HIER!

Auch bezieht sich Paar mit seinem 12-köpfigen Ensemble auf die Bauhaus-Tendenz, den Tanz zu entindividualisieren und die Wahrnehmung vom Tänzer weg auf die Bewegung in Licht und Raum zu lenken. So tragen die Tänzer, wenn sie Migranten darstellen, einheitlich weiße Overalls aus Ballonseide, die den Körper bei Gegenlicht durchscheinen lassen. In blickdicht schwarzen, die Körper modellierenden Ganzkörpertrikots und zusätzlich vereinheitlichenden Glatzkopf-Masken (Kostüme: Bernd Niechotz) stellen sie Bürokraten dar.

Die Szenen von Unknown Territories werfen Schlaglichter auf Migration und Fremdheit, nennen Gründe und zeigen nicht ohne Pathos Wege und Situationen von Flüchtlingen.

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater - hier : Bálint Tóth und Tarah Malaika Pfeiffer © Oliver Berg

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater – hier : Bálint Tóth und Tarah Malaika Pfeiffer © Oliver Berg

Die Migranten sind unter uns. Schon vor dem offiziellen Beginn der Aufführung wandeln Ensemblemitglieder weißgewandet, stumm und etwas merkwürdig wie Aliens zu sphärischer Musik durch Foyer und Zuschauerraum. Die Begründung für ihr Hiersein trägt aus dem Rang Simon Mantei – er ist mit Bálint Tóth der in die Aufführung eingebundene Schauspieler – mit Zeilen aus dem Gedicht „Folter“ von Wislawa Szymborska vor: “Geändert hat sich nichts, der Körper ist schmerzempfindlich …“ Dazu verbiegt sich Tarah Malaika Pfeiffer dramatisch wie gemartert mit zitternden Händen.

Die Folgeszene zeigt, dass die Migranten nach ihrer Flucht in fremdes Land nicht willkommen sind. Nachdem das Ensemble mit schmerzverzerrten Mienen nach vorn gerollt, dann aufgesprungen und dicht an die Zuschauer herangestürmt ist, prallen alle, wie von einer unsichtbaren Wand gestoppt, zurück.

Was geschieht, wenn man es doch ins Land geschafft hat, zeigt die nächste Szene. Zu dem entspannt plauderndes Grüppchen, das sich gebildet hat, möchte Elizabeth Towles gehören, die als einzige abseits geblieben war. Mehrere ihrer kraftvoll verzweifelten Versuche, in die sich zuerst bloß abwendende Gruppe aufgenommen zu werden, scheitern. Schließlich wird sie von allen gepackt und brutal gegen die Wand geknallt.

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater - hier : Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater – hier : Ensemble © Oliver Berg

Selbst unter den Migranten herrscht keine Harmonie. Alle kämpfen gegen einander und jeder für sich. Wenn die Tänzer neben den Kampfsport-Figuren auch die traditionelle japanische Harakiri-Geste, den Stich in den Bauch und der Schnitt hinauf in den Brustkorb wiederholen, wird das Selbstmörderische dieser Selbstbezogenheit deutlich.

Zentral ist dann eine an das Stück „Fremdkörper“ von Aiat Fayez angelehnte bittere, nahezu kabarettistische Szene. In einem Ausländeramt bemühen sich Migranten darum, ein notwendiges Aufenthalts- und Arbeitsdokument zu erlangen. Bálint Tóth versucht es mit Unterwürfigkeit, Elizabeth Towles, indem sie auf ihrem Anspruch besteht, und Kana  Mabuchi mit lächelnder Verführungskunst. Doch Simon Mantei, der durch eine Glatzkopf-Gesichtsmaske als entpersönlichter Bürokrat gezeichnet ist, und seine ihm gleichenden, sich spinnen- , affen- und krakenartig bewegenden Kollegen weisen alle hämisch und kalt zurück.

Nur einmal, als Fátima López Garcia die Maske von Keelan Whitmore herunterzieht, scheint eine zaghaft von der Musik melodisch gestützte Beziehung zwischen der Weißgekleideten und dem Schwarzkostümierten möglich. Doch rasch zieht er sich hinter seine Maske zurück.

Die Schluss-Szene zeigt zu harten Perkussions-Schlägen die Aufnehmergesellschaft als einen Insektenstaat, in dem das Ensemble in seinen schwarzen Ganzkörpertrikots grotesk krabbelnd, aber wohlorganisiert durcheinander wimmelt. Organisation ist hier alles, das Individuelle, Menschliche ist ausgeschaltet. Und so endet der Abend, wie er begonnen hat, mit der bitteren Feststellung, dass sich nichts geändert hat an den Ursachen für Folter und Flucht.

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater - hier : Balint Toth und Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater – hier : Balint Toth und Ensemble © Oliver Berg

Unknown Territories mahnt daran, dass wir von Alters her Kains Abkömmlinge und somit Mörder und Folterer sind. Aber die pathetische Ästhetisierung des Schreckens der Migration wird ihr als ganzer nicht wirklich gerecht wie auch nicht der Parallele zum Bauhaus. Wenn die Bauhäusler auch wegen politischer Repression emigrierten, so versanken sie doch nicht in Ablehnung und Depression; zumindest zeigt die Ausstellung im Museum deren spielerisch-heitere Seite nicht nur bei der experimentellen Produktion, sondern auch in den Werken.

Nach achtzig durchgetanzten Minuten und einer kurzen Pause der Betroffenheit starker, von Bravos und Trampeln begleiteter Beifall für das beeindruckend tanzende Ensemble und Paars Choreographie, die starke musikalische und Bühnen-Gestaltung von Fabian Kuss und Luis Crespo mit den ausdrucksstarken Videos von Sven Stratmann. Ob der Bauhaus-Bezug so zwingend war, steht dahin.

UNKNOWN TERRITORIES – TanzTheater am Theater Münster; die nächsten Termine: 7. und 22.12., 6.2., 3. und 23.3. 2019, jeweils 19.30 Uhr

 —| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, UNKNOWN TERRITORIES – Uraufführung, 19.10.2018

Oktober 18, 2018 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Uraufführung UNKNOWN TERRITORIES

Konzept & Inszenierung – Hans Henning Paar &  Michael Letmathe

Premiere: Freitag, 19. Oktober 2018, 19.30 Uhr, Kleines Haus

Ein spartenübergreifender Tanz-Theater-Abend In Kooperation mit der Ausstellung »Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung« im LWL-Museum für Kunst und Kultur (9.11.2018 – 10.3.2019)

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES © Oliver Berg

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES © Oliver Berg

Mit seinem innovativen Anliegen, die strengen Gattungsgrenzen ­zwischen bildender, darstellender und angewandter Kunst ­aufzulösen, prägte das 1919 von Walter Gropius gegründete Bauhaus zahlreiche KünstlerInnen der Moderne. Es entstanden neue experimentelle ­Theaterformen wie z.B. die Bauhausbühne unter der Leitung von ­Oskar Schlemmer, welche in Form von Bewegungs- und Raumexperimenten unter Einbeziehung von Licht- und Filmprojektion u.a. mit der Aufhebung des Theaterraumes spielte.

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES © Oliver Berg

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES © Oliver Berg

Angeregt durch das LWL-Museum für Kunst und Kultur im Rahmen der Ausstellung BAUHAUS UND AMERIKA entstand die Idee für ein spartenübergreifendes Theaterprojekt mit der Lust am interdisziplinären, intermedialen Experiment: In kollektiver Autorenschaft von Choreograf, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, Videokünstler, Komponist und DarstellerInnen entsteht ein Gesamtkunstwerk, bei dem die Interaktion zwischen visueller, auditiver und darstellender Kunst im Zentrum steht. Sowohl im Zusammen- als auch im Widerspiel der verschiedenen Disziplinen und Gattungen werden Grenzen ausgelotet und die Wahrnehmung des Eigenen und des Anderen hinterfragt. Es kommt sprichwörtlich zu einer Auseinandersetzung mit »Fremdkörpern und Denkräumen«.

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES © Oliver Berg

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES © Oliver Berg

Konzept & Inszenierung: Hans Henning Paar &  Michael Letmathe, Choreografie: Hans Henning Paar, Bühne: Luis Crespo Portero, Kostüme: Bernhard Niechotz, Video: Sven Stratmann, Musik: Fabian Kuss, Dramaturgie: Esther von der Fuhr

Besetzung
Maria Bayarri Pérez, Adam Dembczynski, Fátima López García, Kana Mabuchi, Simon Mantei, Matteo Mersi, Tarah Malaika Pfeiffer, Adrián Plá Cerdán, Bálint Tóth, Elizabeth Towles, Leander Veizi, Keelan Whitmore

Weitere Vorstellungen:  Mittwoch, 24. Oktober, 19.30 Uhr, , Samstag, 3. November, 19.30 Uhr, , Freitag, 9.November, 19.30 Uhr,

—| Pressemeldung Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Premiere Recortes von Gustavo Sansano, IOCO Kritik, 26.1.2017

Januar 27, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Tanzabend „Recortes“  Gustavo Ramirez Sansano

„Beziehung als vergänglicher Sonderfall“

VON HANNS BUTTERHOF

Eine vielbejubelte Premiere feierte das TanzTheaterMünster mit dem 70minütigen Stück Recortes des spanischen Gastchoreographen Gustavo Ramirez Sansano. Im Zentrum des aus Fragmenten älterer Stücke zusammengesetzten Recortes steht  die Frage nach Beziehung, die Sansano rein tänzerisch beantwortet.

Theater Münster / Tanzabend Recortes - Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Tanzabend Recortes – Ensemble © Oliver Berg

Die Bühne des Kleinen Hauses, die Luis Crespo für „Recortes“ (Ausschnitte, Reduktionen) gestaltet hat, ist erst ganz in Schwarz gehalten und in ihrer ganzen Tiefe offengelassen. Schwarz sind auch die sechs Tänzerinnen und fünf Tänzer gekleidet, die meist solistisch oder als Paare tanzen.

Fast immer steht ein Einzelner im Zentrum, der sich tänzerisch seiner selbst zu vergewissern sucht. Dann zuckt der Körper, die Gliedmaßen bewegen sich reflexhaft wie selbstgesteuert.

Wenn dann andere ins Spiel kommen, passieren sie auf ihrem Weg den Tanzenden, ohne ihm mehr als flüchtig Beachtung zu schenken. Einer mag sich dann für ihn interessieren und eine zeitlang spiegelbildlich seine Bewegungen mitzuvollziehen. Doch das bleibt nicht so, sobald der Kontakt enger wird, gar einer vertraulich den Kopf auf den Arm des anderen bettet. Wie wenn sich die Partner bei zu großer Nähe wieder auf sich selber besinnen müssten, kommt es zu Gewaltsamkeiten und daraus folgender Trennung. Beziehung erscheint in diesen Tänzen als vergänglicher Sonderfall in einer Gesellschaft von grundsätzlich Fremden.

Wenn das Ensemble später weiß gekleidet ist, weiße Wände mit schwarzen Türöffnungen ausklappt und den Bühnenraum damit ganz zustellt, ändert sich an der Aussage wenig. Dass alle wellenförmig auf eine der weißen Wände zulaufen und sie mit individuellen Absichtserklärungen bemalen, ist choreographisch wenig überzeugend.

Theater Münster / Tanzabend Recortes - Anna Caviezel , Jason Franklin © Oliver Berg

Theater Münster / Tanzabend Recortes – Anna Caviezel , Jason Franklin © Oliver Berg

Eine Szene sticht aus dem Muster misslingender Beziehungen heraus. Während Elvis Presley schmalzig Love Me Tender singt, kommentieren Ako Nakanome, Alessio Sanna, Elizabeth Towles und Keelan Whitmore sehr witzig dessen Liebesversprechen. So körperlich eng ihre Beziehung ist, so wenig fest und tief ist sie. Die Paare wechseln, rollen übereinander oder hängen wie kopulierende Tiere einer auf dem Rücken des anderen, so dass es kaum möglich ist, dies anders denn als gelungene Parodie aufzufassen.

Als wollte  Sansano nach dem insgesamt eher düster atomistischen, damit aber eine sehr kräftige Zeittendenz treffenden Tanzabend das Publikum heiter entlassen, ohne aber seiner pessimistischen Sicht auf die menschlichen Beziehungen untreu zu werden, stellt er einen revuehaften Tanz des Ensembles an den Schluss. Er enthält in seinem fröhlichen Schwung von Gemeinsamkeit das ganze falsche Glücksversprechen reiner Unterhaltung. Dem folgte großer, szenetypisch zum Trampelbeifall gesteigerter Applaus für das fesselnde Ensemble und das Regieteam.

Recordes im Theater Münster: Die nächsten Termine: 28.1., 18., 22. und 25.2.2017, jeweils 19.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—