Salzburg, Salzburger Festspiele 2019, Regisseur Andreas Weirich im Gespräch, IOCO Interview, 31.08.2019

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Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel - hier : Schlussapplaus mit vl .Joanna Kedzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange Komponist, Andreas Weirich  Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Schlussapplaus mit vl .Joanna Kedzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange Komponist, Andreas Weirich  Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

  Der Gesang der Zauberinsel oder: wie der Rasende Roland ….  – Kinderoper

Regisseur Andreas Weirich im Gespräch mit Adelina Yefimenko

Die Salzburger Festspiele 2019 eröffneten nicht mit einer großen Operngeschichte sondern mit der zauberhaften Uraufführung der Kinderoper Der Gesang der Zauberinsel oder: wie der Rasende Roland wieder zu Verstand kam. Im Auftrag der Salzburger Festspiele komponierte Marius Felix Lange eine Familienoper nach dem Epos von Ludovico Ariosto Der rasenden Roland, das im Jahre 1516 entstanden ist. Selbstverständlich lehnt sich die Geschichte an Händels Alcina an, die aber einfallsreich für Kinder konzipiert wurde und beinahe autobiographisch, mit Selbstironie und Kinderliebe, wirkte, da die Figur des Rasenden Rolands selber den Komponisten verkörpert.

Georg Friedrich Händel  - der Schöpfer von Alcina © IOCO

Georg Friedrich Händel – der Schöpfer von Alcina © IOCO

Die fantasiereiche und turbulente Handlung, gestaltet mit wunderschönen Bühnenbildern, zeigte auch die magische Kraft und das Können des Regisseurs Andreas Weirich, der diese Kinderoper mit bezauberter Atmosphäre und umfassenden Kenntnissen der Kinderpsychologie gestaltet hat. Der Regisseur hat sich mehrmals als Experte alternativer Regie- und Bühnen- Wunder etabliert – vom Svirz Castle, Ukraine, aus dem 16. Jahrhundert, wo er die Oper Alcide des ukrainischen Komponisten Dmitro Bortniansky inszenierte bis zur Oper Der zerbrochene Krug des jüdischen Komponisten Victor Ullmann, die im KZ komponiert wurde – mit der beeindruckenden Allegorie des Baums.

In seiner Inszenierung der Kinderoper Der Gesang der Zauberinsel von Marius Felix Lange fliegen alle Protagonisten, satteln einen Hippogryph zum Mond. Die lebendige Reaktion des Kinderpublikums auf die Verschwörungen, Zaubereien hat die Inszenierung belohnt. Die Interpretation des Mythos über die Alcina-Insel, die Szenen, voller Hexereien und Überraschungen offenbart in der Kinderpsychologie eine adäquate Reaktion der Liebe zu Märchen, Täuschungen, Reinkarnationen von Tieren, Menschen, natürlichen Elementen, von denen die Erwachsenen viel lernen können.

Andreas Weirich im Gespräch mit Adelina Yefimenko erzählt seine Gedanken zur Inszenierung dieser magischen Oper über Erde und Raum, Alltäglichkeit und Wunder, über den Flug zum Mond: ist es ein Traum oder doch die Wirklichkeit!

 Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel - hier :  Sarah Shine als Angelika, Joel Allison als Roland Angeler, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Sarah Shine als Angelika, Joel Allison als Roland Angeler, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

Adelina Yefimenko (AY): Andreas, inwieweit erschließen sich die Bezüge dieser neuen Geschichte von Marius Felix Lange, der selber das Libretto des Gesangs der Zauberinsel geschrieben hat, auf die Quellen von Ariosto sowie Händel? Was ist das Wichtigste in dieser neuen Geschichte? Was ist der Kern der neuen Oper über Alcina?

Andreas Weirich (AW): Marius Felix Lange bezieht sich in seiner neuen Oper Der Gesang der Zauberinsel…  allein auf die literarische Vorlage des Versepos Der rasende Roland von Ludovico Ariosto aus dem Jahr 1516. Händels Oper Alcina hat in seiner Vorbereitung keine Rolle gespielt. Er hat ein ganz eigenständiges Werk geschaffen, das in wunderbarer Weise den mitunter sehr anarchischen Charakter und die Sprunghaftigkeit in der Erzählweise bei Ariosto sehr gut einfängt. Im Mittelpunkt der neuen Geschichte steht nicht Alcina, sondern der rasende Komponist Dr. Roland Angeler mit seiner Tochter Angelika. Roland Angeler schreibt eine neue Oper Der rasende Roland, seine Tochter soll darin eine Hauptrolle singen.

Die Komposition und Einstudierung der Oper zehrt sehr an seinen Nerven, er ist kurz vor dem Durchdrehen und dabei, seinen Verstand zu verlieren. Angelikas Mutter hat sich erst mal auf Kur aus dem Familienleben verabschiedet. Der Haushalt droht zusammenzubrechen. Mirza, ein junger Sänger aus Persien, soll für eine Rolle vorsingen, wird von Roland als völlig untalentiert eingestuft sofort wieder fortgeschickt. Sein Schlaflied hat Angelika so berührt, dass sie ganz verzaubert einschläft. Über den Traum Angelikas finden sich alle Beteiligten auf der Zauberinsel Alcinas wieder und treffen aufeinander. Rolands Verstand, abgefüllt in einer übergroßen Flasche, kann erst über eine Reise zum Mond wiedergefunden werden. Am Ende der Oper wacht Angelika wieder auf. Zurück in der Wirklichkeit tauchen einzelne Elemente der Traumhandlung nochmal auf, etwas vom Zauber des Traums bleibt. Es wirkt wie eine Parallele zum Ende von Shakespeares Sommernachtstraum: Der Schwebezustand zwischen Traum und Wirklichkeit hält sich über eine Nacht der Verwirrung hinaus und beeinflusst das Verhalten aller. Der Kern des Stückes ist für mich Verzauberung, Verzauberung durch Musik. Das schließt die Verführung durch Alcina mithilfe des Gesangs der Zauberinsel genauso mit ein wie Mirzas Schlaflied, das Angelika verzaubert.

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel -  hier :  Sarah Shine als Angelika, Iurii Iushkevich als Hippogryph, Benson Wilson als Mirza / Medoro © SF / Erika Mayer

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Sarah Shine als Angelika, Iurii Iushkevich als Hippogryph, Benson Wilson als Mirza / Medoro © SF / Erika Mayer

AY: Also, die Märchengeschichte über die Hexe Alcina korrespondiert mit der Realität, in der der Komponist Dr. Roland seine neue Oper mit der Tochter Angelika für die kommende Premiere probt. Die Mutter ist nicht da. Sie ist in der Kur, die sie wahrscheinlich unbedingt braucht, um vom Chaosleben ihres Mannes – des Komponisten Dr. Roland Angeler – zu erholen. Wenn Alcina gleichfalls die Mutter von Angelika ist, wen verhext sie „in Felsen, Pflanzen, oder Tiere…“? Und weshalb erinnert sie an der Königin der Nacht? Im Text des Librettos sagt die Bradamante einmal: „Wer den Gesang der Zauberinsel höret, verfällt Alcinas dunkler Macht sogleich“.

AW: Dass Alcina die Mutter Angelikas ist, erfährt der Zuschauer erst am Ende. Zunächst ist sie einfach die böse und mächtige Zauberin, die sich eine Zauberinsel geschaffen hat. Sie verführt alle Männer und wenn sie ihrer überdrüssig wird, verwandelt sie sie in Felsen, Pflanzen oder Tiere. Die Verbindung zwischen der Figur Alcina und Angelikas Mutter – die in der Realität übrigens Annabelle heißt, alle anderen haben im Traum und der realen Welt dieselben Namen – ist in der Oper nicht so klar und bleibt bis zum Ende in der Schwebe. Über die Inszenierung wollte ich mit ihrem ersten Auftritt durch die magische Tür mit ihrem Reisekoffer, als Angelika einschläft, und ihren letzten Auftritt wieder mit Reisekoffer, wenn Angelika aufwacht, klar erzählen, dass Alcina / Annabelle eine Figur sind. Tiefenpsychologisch hat sich Annabelle als Alcina mit ihrer Insel eine Parallelwelt geschaffen, vielleicht um dem Chaos von zu Hause zu entfliehen und dem doch sehr einnehmenden Wesen ihres Mannes etwas entgegenzusetzen. Das kann eine Erklärung für ihre „dunkle Macht“ sein, „dunkel“ mehr im Sinne von anders und im Vergleich zur „hellen“ Realität ein „dunkler“ Traum. Im Deutschen gibt es interessanterweise die Formulierung „einen Kurschatten haben“, was soviel heißt, dass Alcina, während sie auf Kur ist, eine Affäre mit Ruggiero hat. Die Nähe zur Königin der Nacht ist vor allem durch Marius Felix Langes Wahl des Stimmfaches – hoher Koloratursopran – begründet. Manche musikalische Phrase wie Alcinas Lachen gleich im Vorspiel erinnert sehr stark an die Koloraturen von MozartsDer Hölle Rache kocht in meinem Herzen.“

AY:  Händels Alcina ist eine Zauberoper – eine sehr populäre Gattung im 17. Jahrhundert. Der Einsatz von Verwandlungsszenen, Pantomimen, Täuschungen, die die Handlung auf verschiedenen Ebenen durchdringen, sind auch in Deiner Inszenierung präsent – verwandelte Tiere, verkleidete Protagonisten Mirza, Bradamante und Ruggiero u.a. und eine Gestalt des Hippogryphes –  eine witzige Mischung aus Pferd und Vogel, der ab und zu pinkeln muss. All diese lustigen Gestalten sind aber nicht nur zum Lachen. Was ist das Ernsthafte in dieser Geschichte?

AW: Wenn man Marius Felix Langes Oper auch in eine Gattung einordnen möchte, so wäre der Titel moderne Zauberoper für die ganze Familie auch sehr treffend. Alle Verwandlungen in andere Wesen geschehen durch Alcina, immer mit der Absicht, die anderen unschädlich zu machen, sie loszuwerden und mit ihnen die Insel zu verschönern. Alcina lässt sich, je nachdem, wer verzaubert wird, jedes Mal etwas neues und passendes einfallen: Mirza – schönes Wortspiel – wird in einen Myrtenstrauch verwandelt, bei Astolfo konnte sie sich nicht entscheiden und hat ihn in eine Mischform aus vorne Adler, hinten Pferd, verzaubert, Bradamante wird zum Esel und aus Ruggiero ein Schwein. Was alle Verwandlungen in Tiere gemeinsam haben, ist, dass sie für alle Verzauberten sehr traurige Auswirkungen haben. Myrten-Mirza und Hippogryph teilen das gleiche gemeinsame Schicksal „Ach, ach, ach wie das Schicksal mit uns verfuhr…“, das eigenwilligste und zugleich anrührendste Pärchen der Oper. Schon traurig, aber situativ irgendwie auch komisch. Nur ernsthafte Komik ist lustig.

AY:  Ein Motiv zeigt in der Oper soziale Probleme und zwar – die Flüchtlinge. Auch musikalisch hören wir stilisierte orientalische Motive! Benson Wilson als persischer Flüchtling Mirza singt mit seinem klangschönen Bariton ein Schlaflied seines Heimatlandes. Dabei ist der Komponist – Dr. Roland – zuerst ein bisschen skeptisch, ob Mirza in seiner Oper singen kann. Inwieweit wollt ihr die Integrationsfragen in eurer Kinderoper erläutern.

AW:  Die Kunst von Marius Felix Lange ist, diese soziale Thematik in seiner Oper mit zu erzählen – die auch bei Ariost eine Rolle spielt, im Konflikt der christlichen Paladine Karls des Großen auf der einen Seite und der Sarazenen (heute Muslime) unter König Agramant auf der anderen, – ohne sie dabei zu sehr zu betonen. Marius und ich haben uns während des Entstehungsprozesses der Oper lange über den Begriff „Flüchtling“ ausgetauscht, ihn zeitweise auch raus genommen, um uns dann doch bewusst für ihn zu entscheiden. Wichtig war mir bei der Inszenierung, das Thema des Kulturkonflikts und der Integration nicht auszuklammern – es darf jederzeit mitgedacht werden, – ohne dabei konkrete aktuelle Bezüge zu schaffen, die das Ganze auf eine banale Ebene bringen würden. Die Kraft der Musik schafft Integration. Mirzas Schlaflied verzaubert alle, Mirza verkörpert in der Oper die Utopie der möglichen Integration durch Musik.

AY: Was den Komponisten selbst betrifft – er stellt interessante Fragen der Schaffens-Psychologie. Der Grund, warum der Vater mit der Tochter allein bleibt und die Mutter von Zuhause geflüchtet ist: Roland hat seinen Verstand verloren (und dazu noch Hut und Lesebrille). Kommt die Mutter zurück nach Hause, wenn er wieder sein Verstand findet? Oder hilft sie ihm den Verstand zu finden? Was ist dieser Verstand des Komponisten? Ist es gefährlich den Verstand zu verlieren?

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel -  hier :  Schlussapplaus mit vl Joanna Kadzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange _ Komponist, Andreas Weirich _Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Schlussapplaus mit vl Joanna Kadzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange _ Komponist, Andreas Weirich _Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

AW:  Eine sehr spannende Frage, ob Alcina / Annabelle zurück nach Hause oder zugespitzt formuliert nur wieder nach Hause kommt, wenn Roland seinen Verstand wieder findet. Alcina hilft in der Oper, besser in der Traumhandlung, überhaupt nicht dabei, Rolands Verstand wiederzufinden, im Gegenteil, sie verführt ihn mit Hilfe des Gesangs der Zauberinsel und bringt ihn dabei eher um den Verstand. Auf der anderen Seite schafft die Figur der Alcina in ihrem Sonett kurz vor Ende der Oper etwas, was vermutlich Annabelle in der Realität nicht geglückt ist: sie öffnet Roland die Augen und wird zu seiner Inspirationsquelle. Er nimmt sie ganz anders wahr als zuhause und verliebt sich in sie.

Den Verstand zu verlieren ist natürlich gefährlich, auch wenn man gerne sagt, der Künstler muss „außer sich“ sein, um „von sich“ etwas erzählen zu können. Der Verlust des Verstandes bedeutet Kontrollverlust, der Komponist Roland Angeler ist nicht mehr Herr seiner selbst, wenn er am Anfang der Oper wütet. Er sieht nicht nur ohne Lesebrille nichts, sondern ist auch im übertragenen Sinn gegenüber seinem gesamten Umfeld blind. Damit scheitert er als Mensch im Familienkontext und als Komponist, der sein Werk nicht mehr sieht. Erst über den Traum seiner Tochter Angelika kommt er wieder zu Verstand, die Tochter träumt ihm den Verstand zurück. Das Ausleben des Unterbewussten führt wieder zur Klarheit. Am Ende erkennt Roland die sängerische Begabung Mirzas und möchte auch an seiner komponierten Oper etwas ändern.

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel -  hier :  James Ley als Ruggiero, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel … hier James Ley als Ruggiero, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

AY: Und auf dem Mond findet sich alles wieder, was auch andere Kinder und Erwachsene verloren haben… Die Szene ist für sich nicht lustig, sondern sehr nachdenklich. Ist es die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit, nach verpassten Chancen, nach fehlenden Träumen, die von der Realität vertrieben wurden?

AW:  Ein schöner Gedanke, die Mondszene mit der Sehnsucht nach der verloren Kindheit zu überschreiben. „Unerfüllte Versprechen“, „Vergebliches Hoffen“, „Verblichene Schönheit“, „Ungehörte Seufzer“, das alles findet sich auf dem Mond wieder, neben dem in milliarden Flaschen abgefüllten Menschenverstand, „eine Flasche pro Person“. Die Vorstellung ist aber schon auch lustig und zugleich eine bittere Erkenntnis, dass sich fast der gesamte Menschenverstand auf dem Mond befindet und nicht mehr auf der Erde. Und jedem Menschen, der seinen Verstand verloren hat, steht nur eine Flasche zu, mehr Platz für Verstand gibt es nicht.

Der Mond kann aber auch als pars pro toto für die Möglichkeiten des Theaters stehen. Hier können vergessene oder verlorene Gedanken, die für unsere Realität so wichtig und wesentlich sind, gedacht und geträumt werden.

AY: Kannst Du über die Besonderheiten der praktischen Realisation auf der Bühne mit Meer, Mond, Kosmos und anderen Zaubereien Deiner Inszenierung erzählen? Solche Bilder, Raum-Projektionen, Farben-Paradiese in der Großen Universitätsaula zu schaffen und nicht im Theater mit Vorhang, Orchestergraben und Bühnenmaschinerie, kostet nicht nur viel Fantasie, sondern auch viele Mühen. Ich habe die beschränkten Möglichkeiten der Bühne kaum bemerkt. Auch die fantastischen Kostümen von Katja Rotrekl, beeindruckende Videoeinblendungen von Fabian Kapo haben die Inszenierung unvergesslich gemacht. Wie schafft man eine solche faszinierende Zauberatmosphäre mit kleinen Mitteln?

AW:  Es freut mich sehr, dass Du die beschränkten Möglichkeiten kaum wahrgenommen hast. Da ist meiner Ausstatterin und mir doch einiges geglückt, wenn sich bei Dir der Theaterzauber eingestellt hat. Als ich vor einem Jahr Die Zauberflöte für Kinder bei den Salzburger Festspielen 2018 gesehen habe, war mir sofort klar, ich muss irgendwie mit dem weißen Raum umgehen, ohne ihn zuzubauen. Dabei entwickelten Katja und ich sehr schnell die Idee, mit Projektionen zu arbeiten, um unterschiedliche Atmosphären zu kreieren. Zudem stellte uns Marius Felix Lange vor die große Herausforderung, innerhalb von 75 Minuten neun sehr rasche Ortswechsel zu meistern: die erste Szene spielt bei Roland Angeler, dann kommen wir auf der Straße, als nächstes folgt der Überflug auf Alcinas Zauberinsel mit Gewitter und Sturm, später befinden wir uns am Strand, in Alcinas Palast, auf dem Mond… das wäre ohne filmische Mittel im Rahmen der Großen Universitätsaula nicht möglich gewesen.

Wichtig war mir auch von Anfang an, nicht zu viel zu verraten, sehr puristisch zu beginnen, um dann immer mehr entstehen zu lassen und hervorzuzaubern. Ich bin sehr glücklich über unser riesiges Luftkissen, auf das Katja und ich gekommen sind. Es hat in seiner Abstraktion so viele unterschiedliche Bedeutungsmöglichkeiten, ob Meer, Wasser, Insel, überdimensioniertes Schlafkissen. Es kann ganz konkret für etwas stehen und von Szene zu Szene auch seine Bedeutung verändern – je nachdem wie es beleuchtet und was darauf projiziert wird –, ohne beliebig zu werden. Bei den Kostümen hingegen haben wir uns entschieden, sehr farbig und konkret zu werden: Ein Ritter tritt in Ritterrüstung auf, eine Zauberin im Glitzerkleid, ein Hippogryph hat Adlerflügel und ein Pferdehinterteil.

Adelina Yefimenko: Andreas, vielen Dank für die wunderbare Inszenierung dieser zauberhaften Kinderoper und für das spannende Gespräch.

—| IOCO Interview Salzburger Festspiele |—

 

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Premiere: ALCINA von Friedrich Händel, 09.04.2016

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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Premiere: ALCINA von Georg Friedrich Händel (1685 – 1759)

Dramma per musica in drei Akten | Libretto: unbekannt, nach dem Epos Orlando furioso (1516) von Ludovico Ariosto | Uraufführung: 1735 in London
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Premiere am Sa, 09.04.2016, 19:30 Uhr, Weitere Vorstellungen:, Do, 14.04.2016
So, 17.04.2016, Do, 21.04.2016, Sa, 23.04.2016, Mi, 27.04.2016, Fr, 29.04.2016

Alcina, die immer nur mit den Männern gespielt hat, verliebt sich unsterblich in Ruggiero und bindet ihn mit einem Zauber an sich, der ihn seine Verlobte Bradamante vergessen lässt. Doch diese macht sich auf den Weg, ihn zu finden, verkleidet als ihr eigener Bruder. Zu spät merkt Alcina, dass Ruggiero sich aus ihrem Bann lösen konnte, und geht mit ihrem Zauberreich unter.

Alcina ist eine Zauberin, die erkennen muss, dass sie jene Kräfte verloren hat, die sie außergewöhnlich machten. In seinem Dramma per musica von 1735 gab Georg Friedrich Händel dem Publikum die erwarteten, prachtvoll überwältigenden und verblüffenden Theatereffekte und Verwandlungen – doch immer in verkehrter Richtung: Die üppige, verwunschene Insel der Zauberin wird als Illusion enttarnt. Alcinas die Sinne der Männer umnebelnde Wirkung lässt nach, die Trugbilder, die sie den auf ihrer Insel Gestrandeten vorgaukelt, um sie zu manipulieren, lösen sich in Rauch auf. Zurück bleibt eine einsame Frau, die ihre Wut heraussingt – ohne Zweifel in manchen der schönsten Arien, die Händel je für sein Londoner Publikum schrieb.

Musikalische Leitung Konrad Junghänel, Inszenierung Ingo Kerkhof
Spielleitung Tobias Ribitzki, Bühne Anne NeuserKostüme,  Stephan von Wedel
Fechtchoreografie Klaus Figge, Chor Albert Horne
Licht Ralf Baars, Dramaturgie Katja Leclerc

BESETZUNG:
Alcina: Heather Engebretson, Ruggiero: Franziska Gottwald
Morgana: Katharina Konradi, Bradamante: Silvia Hauer
Oronte: Benedikt Nawrath, Melisso: Wolf Matthias Friedrich
Oberto: Victoria Lambourn, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Essen, Aalto Musiktheater, Premiere: ARIODANTE, 19.04.2014

April 15, 2014 by  
Filed under Aalto Theater Essen, Premieren, Pressemeldung

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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Aalto-Theater-Essen © IOCO

 Ariodante von Georg Friedrich Händel

nach Antonio Salvi,  italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Premiere Samstag, 19. April 2014,  Weitere Vorstellungen 21., 26., 30. April; 2., 4., 10., 13., 15., 18. Mai; 13., 18. Juni 2014, Aalto-Theater
 
Das Epos Orlando furioso – im Deutschen in der Regel mit Der rasende Roland übersetzt – hat seit seiner Entstehung durch Ludovico Ariosto Anfang des 16. Jahrhunderts maßgeblich die Künste inspiriert. Nicht nur in den Dichtungen von Spenser und Dramen von Shakespeare, auch in den Schriften von Lope de Vega und Cervantes findet es ebenso Eingang wie in den Erzählungen von la Fontaine bis zu modernen Autoren wie Calvino, Borges und Rushdie. Auffällig ist, dass sich der deutsche Sprachraum diesem Einfluss – trotz Bewunderung des Werkes durch Einzelne wie Goethe, Hegel und Keller – weitgehend entzogen hat. 
In einer musikdramatischen Form findet der Stoff seine Umsetzung nicht nur bei Lully, Rossi, Haydn und doppelt bei Vivaldi, sondern sogar drei Mal bei Georg Friedrich Händel: Nach seinem Orlando (1733 am King’s Theatre) wurden die beiden anderen Stoffumsetzungen im Jahre 1735 am Londoner Covent Garden Theatre uraufgeführt: Ariodante im Januar und Alcina im April.
London / Grab Georg Friederich Händel © IOCO

London / Grab Georg Friederich Händel © IOCO

Die Oper Ariodante ist ein dreiaktiges dramma per musica, das auch den Tanz in sich zu integrieren weiß – waren doch Szenen speziell für die berühmte Tänzerin Marie Sallé komponiert; bei der Wiederaufnahme 1736 hat Händel jedoch auf diese Einlagen verzichtet.

Mehr noch: Der kurzfristig für die Titelpartie eingesprungene Kastrat Gioacchino Conti, genannt Gizziello, konnte die Händel’schen Arien nicht mehr lernen und fügte stattdessen ihm bekannte italienische Arien ein. Die Hauptpartie der Händel-Oper bestand in dieser Aufführungsserie also aus Notenmaterial von allen möglichen Komponisten – im Barockzeitalter war dies gar nicht so ungewöhnlich, denn der hohe Konkurrenzdruck und das Starsystem der italienischen Oper in London forderten eine ungewöhnlich pragmatische Flexibilität von allen Beteiligten. 
Auch im organisatorischen Teil seines Arbeitsalltags benötigte Händel Flexibilität, galt es doch, im eng mit der Politik und den wechselnden gesellschaftspolitischen Machtverhältnissen verknüpften Opernbetrieb durch kluges Interessen- und Gunst-abwägen einen diplomatischen Mittelweg zwischen Königshaus, Adel und aufstrebendem Bürgertum zu finden. Die meisten Opern blühten und vergingen in großer Geschwindigkeit – es wurde für den schnellen Genuss und nicht im Angesicht der Ewigkeit komponiert. Wie auch die anderen Opern von Händel verschwand Ariodante, sein wohl düsterstes Musikdrama, von den Spielplänen und wurde erst knapp 200 Jahre später erneut aufgeführt.
Aalto Theater 2014 © IOCO

Aalto Theater 2014 © IOCO

Die Geschichte um den fürstlichen Vasall Ariodante, seine Verlobte, die schottische Königstochter Ginevra, und seinen Rivalen Polinesso, der wiederum heimlich von Ginevras Dienerin Dalinda geliebt wird, nimmt musikalisch neuartige Gestalt an, durchbricht die strenge Formensprache des Arienaufbaus und verleiht den Gefühlen berührend Ton.

 
Musikalische Leitung Matthew Halls  Inszenierung Jim Lucassen  Bühne und Kostüme Ben Baur  Dramaturgie Alexander Meier-Dörzenbach 
 
BESETZUNG:
Der König von Schottland: Almas Svilpa , Ariodante, Vasall des Königs: Michaela Selinger 
Ginevra, Tochter des Königs: Olga Pasichnyk, Lucanio, Ariodantes Bruder: Michael Smallwood , Polinesso, Herzog von Albany: Ieva Prudnikovaite 
Dalinda, Hofdame Ginevras: Christina Clark, Odoardo, Günstling des Königs: Albrecht Kludszuweit 
 
Premiere Samstag, 19. April 2014, 19:00 Uhr, Aalto-Theater
Weitere Vorstellungen 21., 26., 30. April; 2., 4., 10., 13., 15., 18. Mai; 13., 18. Juni 2014,
—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, Premiere Alcina, IOCO Kritik, 23.03.2014

März 25, 2014 by  
Filed under Kritiken, Wuppertaler Bühnen

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Wuppertaler Bühnen

 Alcina von Georg Friedrich Händel begeistert in Wuppertal

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen - Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen – Uwe Stratmann

Am vergangenen Sonntag ging im derzeit stark gebeutelten Wuppertaler Opernhaus Georg Friedrich Händels Oper Alcina über die Bühne. Die Premiere am frühen Abend war ausverkauft.

Händel, gebürtiger Hallenser (1685) und Wahlengländer (1712 übersiedelte er nach London), war einer der Großmeister der Barockmusik. Innerhalb von nur wenigen Jahren schuf er mehr als ein halbes Dutzend Opern. 1727 wurde er englischer Staatsbürger.

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen - Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen – Uwe Stratmann

Alcina wurde am 8. April 1735 vollendet und am 16. April im Londoner Covent Garden Theatre mit stürmischem Erfolg uraufgeführt. Das Libretto ist von Antonio Fanzaglia nach Ludovico Ariosto, bearbeitet von Antonio Marchi. Es fußt auf eine Episode aus Ariosts Vers-Epos Orlando furioso, das eine unerschöpfliche Quelle für die barocke Operndichtung bot und auch Born für weitere Opern Händels war.

Die Zauberin Alcina verführt reihenweise Männer, die auf ihrer Insel landen. Liebhaber, deren sie überdrüssig ist, werden verwandelt in Steine, Tiere oder auch Pflanzen. Auch der Ritter Ruggiero verfällt der Zauberin und vergisst darüber seine Verlobte Bradamante.

Dies ist die Ausgangssituation. Nun geschieht einiges an Verwechselungen, Enttarnungen und Eifersüchteleien. Am Ende des dritten Aktes zerstört Ruggiero Alcinas Zauberkraft, befreit dadurch deren ehemalige Liebhaber und gibt ihnen ihre menschliche Gestalt zurück. Alcinas Macht ist endgültig gebrochen.

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen - Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen – Uwe Stratmann

Der Aufbau der Story ist typisch für den Spätbarock. Aus einer ohnehin komplizierten Ausgangssituation entwickelt sich eine aus Missverständnissen, Intrigen und Temperamentausbrüchen verwirrend geknüpfte Handlung. Diese wird fast ausschließlich in den Rezitativen vorangetrieben. Die Arien geben fast nur Stimmungen und Befindlichkeiten wieder.

Der Regisseur Johannes Weigand bemühte sich, meist erfolgreich, die fantastische Geschichte spielerisch umzusetzen und den Handlungsablauf plausibel und nachvollziehbar zu gestalten.

Moritz Nitsche lieferte ihm dazu ein schlichtes Einheitsbühnenbild. Hinter der von jedweden Versatzstücken befreiten Spielfläche ist nur ein mit mehreren Öffnungen versehener Vorhang, auf der nicht ganz eindeutig erkennbare Projektionen erfolgen.

Phantasievoll, der Geschichte und dem überbordenden Barock geschuldet, waren die Kostüme von Judith Fischer. Kompliment!

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen - Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen – Uwe Stratmann

Dem Sinfonieorchester Wuppertal, für dieses Werk auf ein Barockensemble (mit einigen historischen Instrumenten) reduziert, gelang es sehr gut unter der Leitung seines Dirigenten Boris Brinkmann, zumindest im zweiten Teil, barocke Klangpracht zu entfalten.

Tadellos sang der Opernchor der Wuppertaler Bühnen seine hier wenigen Aufgaben (Einstudierung: Jens Bingert).

Die Solisten setzten sich mit den Schwierigkeiten barocken Ziergesangs durchwegs achtenswert auseinander. Es wurde ausgezeichnet gesungen. Noch ist derzeit in Wuppertal ein Ensemble von Sängern vorhanden, das allen Anforderungen des Repertoires gerecht wird.

Die Titel gebende dramatische Koloraturpartie der Zauberin Alcina wurde von Elena Fink mit großer Bravour und stimmlicher Attacke (Ombre pallide) gesungen. Kleine Unstimmigkeiten in den Verzierungen der hohen Stimmlage fielen da nicht ins Gewicht.

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen - Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen – Uwe Stratmann

Fabelhaft in Kostüm und Maske war Joslyn Rechter ein “rechtes Mannsbild“.

Mit warm getöntem Mezzosopran und intensivem Spiel gestaltete sie den Ruggiero. Die Arie “Verdi prati, selve amene“ wurde zum vokalen Höhepunkt des Abends.

Dorothea Brandt sang die Morgana (Schwester Alcinas) mit milder Sopran-Stimme, in guter Relation zu der dramatischeren Titelgestalt. Sie legte eine bemerkenswerte Spielfreude an den Tag.

Nohad Becker in der Rolle der Bradamante, verfügt über einen feinen, ausdrucksstarken Mezzosopran. Zugewinne im Volumen wären wünschenswert.

Bei Martin Js. Ohu als Bradamantes Erzieher Melisso ist zwar die Basswuchtigkeit vorhanden, wird aber zu klobig eingesetzt.

Gefallen konnten auch Christian Sturm als Alcinas Feldherr Oronte, sowie Annika Boos (mit feinem lyrischem Sopran) als Alcinas Stiefsohn Oberto.

Großen, lang anhaltenden Jubel gab es im Haus für alle Beteiligten.

IOCO / UGK / 23.03.2014

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