Stuttgart, Staatstheater Stuttgart, Die sieben Todsünden – Seven Heavenly Sins, IOCO Kritik, 16.02.2019

Schauspielhaus Stuttgart, Zuschauerraum © Bjoern Klein

Schauspielhaus Stuttgart, Zuschauerraum © Bjoern Klein

Schauspielhaus Stuttgart

  Die sieben Todsünden – Kurt Weill /  Seven Heavenly Sins – Peaches

Kampf der Geschlechter, der Musik- und Geschmacksrichtungen 

von Peter Schlang

Spartenübergreifende Produktionen haben im größten Dreispartenhaus Europas, den Staatstheatern Stuttgart, eine lange Tradition. Dennoch mussten die Theaterfreunde – und das sind in diesen Fällen (eigentlich) immer Opernfreundinnen und -freunde – 23 lange Jahre warten, bis es am Samstag, dem 2. Februar 2019 unter drei neuen Intendanten wieder zu einer Neu-Inszenierung kam, an der maßgeblich und explizit Vertreter aller drei Sparten, also der Oper, des Balletts und des Schauspiels, beteiligt sind.

Die Staatstheater Stuttgart wuchten in einer Drei-Sparten-Produktion – Die sieben Todsünden von Kurt Weill und Bertolt Brecht – und mehr auf die Bühne

Ausgewählt hatte man dafür das, sieht man von dem dafür benötigten Orchester-Apparat ab, in allen drei Bereichen solistisch wie den Chor- oder das Corps betreffend eher dünn besetzte „Ballett mit Gesang“ Die sieben Todsünden von Kurt Weill und Bertolt Brecht, welches der Choreograf Georges Balanchine bei den zwei deutschen Exilanten für Paris in Auftrag gegeben hatte. Da dieses „ballet chanté“, welches am 7. Juni 1933 am Théâtre des Champs-Élysées in Paris mit Lotte Lenya und Tilly Losch in den Hauptrollen uraufgeführt wurde, jedoch mit nur 35 Minuten Spieldauer selbst für die inzwischen im Stuttgarter Schauspielhaus fast zur Regel gewordenen pausenlosen Kurz-Abende viel zu kurz ist, suchte die für diese Ko-Produktion gewonnene Regisseurin Anna-Sophie Mahler nach Material und Wegen, um aus Brecht-Weills gerade aus Sicht des weiblichen Teils der Gesellschaft noch immer berechtigter Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen einen halbwegs abendfüllenden Theaterabend zu basteln. Fündig wurde sie dabei bei der in den entsprechenden Kreisen zu einer Ikone der Freiheit und des Feminismus gewordenen kanadischen Punk- und Electroclash-Sängerin Peaches, die in ihrem unter dem Topos Seven Heavenly Sins firmierenden Teil der Produktion nicht nur ihre bekannten, teils zwanzig Jahre alten Songs life präsentieren, sondern sich auch sonst intensiv „performen“ und somit auf der Bühne des Schauspielhauses eine maßgebende Rolle einnehmen durfte.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens © Bernhard Weis

Als weitere Erweiterung des Originals fügt die Regisseurin der von Brecht-Weill in zwei Teile gespaltenen Anna noch zwei Abspaltungen hinzu, wobei die beiden Ur-Annas der Haupthandlung der sehr präsenten und zu jeder Zeit äußerst intensiv agierenden und bis an ihre Grenzen gehenden Schauspielerin Josephine Köhler und dem nicht minder überzeugenden Halbsolisten und Nachwuchs-Choreografen der Stuttgarter Compagnie, Louis Stiens, anvertraut sind. Letztgenannter zeichnet auch für die Choreografie dieses Abends verantwortlich und wird so zum wichtigsten Akteur des Stuttgarter Balletts in dieser Ko-Produktion.

Als die beiden weiteren Inkorporationen Annas fungieren der bereits erwähnte Stargast Peaches, welche auch die meisten der in Weills Partitur enthaltenen Songs Annas übernimmt, und die mit dieser Produktion aus dem aktiven Tänzerinnendienst scheidende Melinda Witham, die der Stuttgarter Compagnie seit über vier Jahrzehnten angehörte und sich selbst als „eine der letzten Nachkömmlinge Crankos“ bezeichnet. Peaches ergänzt das Brecht’sche Original, das die in der katholischen Morallehre als die sieben Todsünden gebrandmarkten Untugenden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid vorstellt, um sieben mit den gleichen Titeln versehene, aber nun eben als „himmlische Sünden“ bezeichnete Eigenschaften, die sich allerdings – entgegen der Verheißung in Titel und Begleit-Leporello – auf eine einzige reduzieren lassen, nämlich die Wollust oder eine uneingeschränkte sexuelle Freizügigkeit. Diese wird dann auch von den vier Anna-Abspaltungen in aller Freiheit und Ausführlichkeit demonstriert, wobei die Regie allerhand zusätzliches Text- sowie Ausstattungsmaterial bemüht und nicht nur die Bühnentechnik des Schauspielhauses gehörig in Bewegung bringt. Dies gilt im ersten Teil des Abends auch für die vier Sänger Elliot Carlton Hines, Christopher Sokolowski (Beides Mitglieder des internationalen Opernstudios), Gergely Németi und Florian Spiess, welche nicht nur die ihre Tochter immer anpeitschenden wie ausnehmenden Eltern Annas und deren zwei Brüder darstellen, sondern auch allerhand Personen verkörpern, denen die „vier Annas“ während ihrer unmoralischen Anschaffungstour für die Familie ausgeliefert sind.

Als Scharnier zwischen diesem mehr oder weniger originalen ersten Teil und dem beschriebenen „Peaches-Intermezzo“ fungiert ein von Josephine Köhler mit viel Verve und allen darstellerischen Raffinessen vorgetragener Monolog der französischen Existenzialistin Virginie Despentes aus deren die Frauen stärkendem und verteidigendem Text „Die King-Kong-Theorie“, dessen ambitioniertes Programm im folgenden Peaches-Teil jedoch leider nicht aufgegriffen wird.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens, Christopher Sokolowski, Gergely Nemeti © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens, Christopher Sokolowski, Gergely Nemeti © Bernhard Weis

Interessanter und viel ergreifender gelingt der vierte und abschließende Teil dieses Patchwork-Abends. Hier lässt uns die äußerst realitätsnah und sehr berührend auftretende 64jährige Melinda Witham als gealterte Anna zu den Klängen von Charles Ives‘ „The unanswered question“ nicht nur an ihrem Abschied von der Bühne und damit vom öffentlichen gesellschaftlichen Leben teilhaben, sondern gewährt uns insgesamt anrührende Einblicke in die letzten und entscheidenden Phasen menschlichen Lebens und deren Wertigkeit. Diese Szene wird in Erinnerung bleiben und entschädigt auch für manche Ohren-Pein, welche zumindest dem älteren und  der eher klassischen Theaterkunst anhängenden Teil der Zuschauer an nicht wenigen Stellen des ohne Pause gespielten, neunzigminütigen Abends zugemutet wurde.

Dieser hat durchaus seine Reize und großen Momente, so etwa, wenn die Regisseurin den Lebenswandel Annas, genauer der ersten beiden Ihrer Alter-Egos, als Boxkampf arrangiert und dazu einen echten Boxring mit allem erforderlichen Beiwerk auf die Bühne stellt (Bühne: Katrin Connan, Kostüme Marysol del Castillo und Charlie Le Mindu sowie Courtesy of Peaches Collection) oder diesen nach Weills/Brechts Beitrag mit viel Rauch und Licht in den Bühnenhimmel aufsteigen lässt. Zuvor aber agieren die beiden erwähnten Anna-Darsteller Josephine Köhler und Louis Stiens auf ihm mit sportlichem Fleiß und zeitweise akrobatischer Meisterschaft, während das an drei Seiten um den Boxring platzierte Staatsorchester nicht nur das Publikum des Boxkampfes simuliert, sondern dem ersten Teil des Abends eine jederzeit verlässliche musikalische Basis verleiht. Unter der umsichtigen und souveränen Leitung Stefan Schreibers lassen die Musikerinnen und Musiker alle Nuancen und genre-überschreitenden Anspielungen der Weill‘schen Musik perlend, tänzerisch und mitreißend hörbar werden und verwandeln die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses so musikalisch in ein Tanzlokal oder Varieté der späten Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts, während Peaches in ihrem Teil das Theaterpublikum eher in einen jetzt-zeitlichen, total angesagten Club entführt.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler und Peaches © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler und Peaches © Bernhard Weis

Dem Staatsorchester, vor allem seinen Disponenten und sonstigen Verantwortlichen muss man für diesen Abend aber noch ein weiteres großes Lob aussprechen, leisten doch seine Mitglieder nicht nur bei der dieser Besprechung zu Grunde liegenden ersten Repertoire-Aufführung der Sieben Todsünden im Schauspielhaus ihren Dienst. Im Opernhaus ging vielmehr zur selben Zeit eine Aufführung von Puccinis Madame Butterfly über die Bühne, und am Premierenabend war dort Cherubinis Medea gezeigt worden. Zwei Opern in nicht gerade kleiner Orchester-Besetzung zur gleichen Zeit – das verlangt nach größtem Respekt und zeugt von der großen organisatorischen wie personellen und musikalischen Substanz der Stuttgarter Staatsoper!

Dramaturgisch-theatralisch hinterließ diese, die Sparten vereinende Produktion wie schon angedeutet beim Berichterstatter einen zwiespältigen Eindruck. Zum einen bietet sie in etlichen Momenten durchaus gute Unterhaltung, zeugt von dem enormen technischen wie qualitativen Potential der drei Abteilungen der Stuttgarter Staatstheater und belegt darüber hinaus das hohe Niveau, auf dem hier für ein breites Publikum Theater gemacht werden kann. Andererseits hinterlässt die Aufführung beim kritischen Besucher doch einige Zweifel, ob man sie als ernsthaften Einwurf in der Me-Too-Debatte und als mutigen Beitrag zur Einforderung von Respekt für und vor Frauen oder gar zu deren Emanzipation betrachten kann.

So wird die im Programm-Leporello formulierte Ankündigung, die Inszenierung wolle Antworten auf die Frage geben, „wie man (als Frau?) raus aus der systematischen Gewalt und den strukturellen Zwängen komme“, ja überhaupt die „großen Fragen nach der Möglichkeit von individueller Freiheit und den Bedingungen für ein selbstbestimmtes Leben stellen“, an kaum einer Stelle umgesetzt. Wenigstens in Teilen wird dagegen ein anderes, im Programm gegebenes Versprechen eingelöst, nämlich, dass man (als Zuschauer/in) an diesem Abend „eine gute Zeit haben“ werde. Doch dies ist für ein solches Projekt und den dafür betriebenen immensen Aufwand dann doch etwas wenig, denn sowohl die Inszenierung des Brecht-Teils als auch das Arrangement der Peaches-Songs zur gleichnamigen Show bieten bestenfalls gehobenes Varieté- oder Revue-Niveau, bleiben aber leider eine tragfähige inhaltliche oder gar gesellschaftspolitische Aussage schuldig.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler und Peaches. Louis Stiens © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler und Peaches. Louis Stiens © Bernhard Weis

Wenn man sich allerdings das volle Haus bei den beiden ersten Aufführungen und den offenkundig bestens laufenden Vorverkauf für die kommenden Vorstellungen anschaut, dürfte dieses Defizit das Publikum keineswegs vom Weg ins Stuttgarter Schauspielhaus abhalten, sondern diesem vielmehr auch weiter ausverkaufte Abende und zudem eine Zielgruppe als Besucher bescheren, die man sonst in den Vorstellungen der Stuttgarter Staatstheater meist vergeblich sucht. Denn wann hat der Rezensent schon einmal die Begeisterung der neben ihm sitzenden jüngeren Frauen an deren Jauchzen und den von ihnen mitgesungenen Songs sowie sogar über den Boden spüren können, den das Trappeln der Füße eines begeisterten Teils des Publikums zum Beben brachte, dem man sonst eher in den Discos und Clubs der baden-württembergischen Landeshauptstadt begegnen dürfte?

So kann man diese neue Ko-Produktion der drei Stuttgarter Staatstheater-Sparten auch als äußerst gelungenen Marketing-Gag sehen, was angesichts eines sonst eher grauhaarigen Publikums in den „normalen“ Vorstellungen – zumindest von Schauspiel und Oper – keineswegs kleinzureden oder gar zu verurteilen ist.

Die sieben Todsünden von Kurt Weill / Bertolt Brecht im Schauspielhaus Stuttgart; weitere Vorstellungen am 17. und 25. 02. sowie am 02., 10., 23. und 30.03. 2019

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Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Die Fantastischen Fünf – Reid Anderson, IOCO Kritik, 27.03.2018

März 29, 2018 by  
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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Die Fantastischen Fünf  –  Stuttgarter Ballett

Von Anfang und Abschied – Letzter Ballettabend in Reid Andersons Intendanz

Von Peter Schlang

Wenn die 22 jährige Dienstzeit Reid Andersons als Intendant des Stuttgarter Balletts im Juli mit einer ihm gewidmeten Festwoche zu Ende geht, wird die Liste der unter bzw. von ihm aus der Taufe gehobenen Uraufführungen weit über 100 Choreografien umfassen, darunter sage und schreibe elf abendfüllende Handlungsballette. Die meisten dieser Kreationen stammen aus den Köpfen und Händen von „hauseigenen Stuttgarter Kräften“, seien es Choreografinnen und Choreografen, die, häufig aus der Compagnie hervorgegangen, am Haus tätig waren, oder Tänzerinnen und Tänzer, die diesen Weg gerade eingeschlagen hatten oder im Begriff waren, dies zu tun.

Die Fantastischen Fünf  –  Im Schauspielhaus

Eine Frau und vier in diese Kategorien gehörenden Männer wurden nun vom seit 1969 dem Stuttgarter Ballett angehörenden Anderson zu einem Choreografen-Quintett zusammengespannt, um seinem Entdecker und Förderer unter dem beziehungsreichen Titel Die Fantastischen Fünf ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk zu machen. Dieses durfte der Beschenkte am Freitag, dem 23. März auf der „kleinen“ Stuttgarter Ballettbühne im Schauspielhaus vor vollen, mit glücklichen und vielfach auch jubelnden Ballettfans besetzten Rängen auspacken.

Stuttgarter Ballett / Die fantanstischen Fünf - hier Under the Surface mit Fernanda Lopez De Souza Lopes, Alessandro Giaquinto, Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantanstischen Fünf – hier Under the Surface mit Fernanda Lopez De Souza Lopes, Alessandro Giaquinto, Ensemble © Stuttgarter Ballett

Den Anfang dieses letzten Uraufführungs-Reigens dieser Spiel- und Amtszeit machte Roman Novitzkys Under the Surface, in dem das Multitalent (Novitzky ist nicht nur erster Solist und damit tanzender Choreograph der Stuttgarter Compagnie, sondern inzwischen auch deren Fotograf.) drei Tänzerinnen und fünf Tänzer verschiedene Formen und Stadien von Beziehungen und Begegnungen interpretieren lässt. Zu Musik von Ólafur Arnalds, Stephin Merritt und einer Auftragskomposition Marc Strobels entwickeln Fernanda De Souza Lopes, Jessica Fyfe, Veronika Verterich, Timoor Afshar, Matteo Crockard-Villa, Allessandro Giaquinto, Alexander Mc Gowan und Matteo Miccini ein wahres Feuerwerk an Charakter- und Gruppenstudien, die sich kurz mit fünf großen „ A“ zusammenfassen lassen: A wie Anmache, Annäherung, Anfang, Abstand und Abschied. In diesem halbstündigen Feuerwerk unter einer aus Glühbirnen geformten geometrischen Figur, unter der sich die gerade pausierenden Tänzer um einen großen Tisch versammeln, führt Novitzky dem Publikum verschiedene Stationen menschlicher Kontakte vor Augen. Diese kleidet er in ein originelles wie differenziertes Spektrum von Bewegungen und Figuren, welche die Tänzer kraftvoll und temporeich und nicht selten mit artistischem Aplomb auf die ganz in schwarz gehaltene Bühne bringen.

Das zweite Stück des gut dreistündigen Abends wurde Fabio Adorisio anvertraut, dem Jüngsten aus dieser verheißungsvollen Fünfer-Bande, der aber auch schon neun Choreografien geschaffen und seinem jüngsten Werk den Titel Or Noir gegeben hat. Damit spielt er auf die japanische Porzellan-Reparatur-Technik „Kintsugi“ an, was auf Deutsch „Goldverbindung“ oder „Gold flicken“ bedeutet.

Dabei verdecken die aufgebrachten Goldbänder nicht die Risse oder Brüche, sondern betonen und veredeln diese. Adorisio macht diesen Bezug durch raffinierte zweifarbige Trikots deutlich, in die er seine fünf Paare kleidet und die ebenso von ihm entworfen wurden wie der Bühnenraum. An dessen hinterem Ende sitzt das aus Streichern des Staatsorchesters gebildete Streichquintett, welches das von der Komponistin Nicky Sohn als Auftragswerk gelieferte einsätzige Werk „Even in the oddest time“ packend und akzentuiert zur Uraufführung brachte. Obgleich der Choreograf seine je fünf Tänzerinnen und Tänzer zu schönen, meist an klassischen Vorbildern orientierten Figuren und Bildern gruppiert, welche diese souverän auf die Bühne setzen, wirkt diese Arbeit etwas ermüdend und weniger inspirierend als das Vorgängerstück, welches vielleicht auch – zumindest beim Publikum – manche Energie aufgesaugt hat.

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf - hier Take your Pleasure seriously mit Alicia Amatriain und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf – hier Take your Pleasure seriously mit Alicia Amatriain und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Diese ist – und das auf allen Seiten – beim Mittelstück des Abends wieder uneingeschränkt zu spüren. Es wurde, gendermäßig völlig korrekt, der einzigen Frau dieses Choreografen-Teams anvertraut, der nach dieser Spielzeit sich von der Stuttgarter Compagnie verabschiedenden Halbsolistin Katarzyna Kozielska. Ihr und sich selbst wünscht man nach ihrem fulminanten Beitrag Take Your Pleasure Seriously, dass Tamas Detrich, Stuttgarts designierter neuer Ballettchef, sie als Gastchoreographin wieder einmal an ihre bisherige Wirkungsstätte holen möge. Die aktuelle Arbeit der gebürtigen Polin ist ihr Resümee über ihre fast zwanzigjährige Zugehörigkeit zur Stuttgarter Compagnie und gleichzeitig eine große Verbeugung vor der Leistung aller Ersten Solistinnen. Folgerichtig lässt Kozielska Alicia Amatriain alle Haltungen, Positionen und Figuren vorführen, die das klassische Ballett kennt, wirkungs- und eindrucksvoll wie dienend und unterstützend begleitet von ihren Kolleginnen Rocio Aleman, Diana Ionescu, Mizuki Amemiya, Joana Romaneiro und Aiara Iturrioz Rico sowie den zu gewaltigen Hebe- und Stemmfiguren angehaltenen Tänzern Jason Reilly, Martí Fernández Paixà, Daniele Silingardi, Adrian Oldenburger, Fraser Roach und Noan Alves. Es ist ein live vorgeführtes, mit Fleisch und Blut versehenes Vademekum der Tanzkunst und Ausdrucksmittel verschiedener Epochen und Genres, welche die sechs Paare in höchster Vollendung und mit größter Leidenschaft auf die Bretter stellen.

Die musikalische Grundlage liefert neben zeitgenössischer Musik vom Band Johann Sebastian Bachs Italienisches Konzert, das von Paul Lewis am langsam von links nach rechts fahrenden Flügel akzentuiert wie tänzerfreundlich gespielt wurde.

Der Unterschied, ja Bruch zum nächsten und vorletzten Stück dieses denkwürdigen Ballettabends hätte kaum radikaler ausfallen können, denn Louis Stiens, ebenfalls Halbsolist und von Reid Anderson schon mehrfach mit Choreografien betraut, ist sowohl in seiner Formensprache als auch musikalisch eindeutig der Gegenwart zugewandt und hier wiederum leicht der Generation Twitter und Instagram zuzuordnen. Sein Bekenntnis, die Musik zu seinen Arbeiten ständig online zu suchen, wird durch die lauten, zumindest für einen älteren Zuhörer die Schmerzgrenze überschreitenden Beats und Rhythmen als absolut richtig eingestuft. Skinny, der Titel dieses Werks, wird vom Rezensenten deshalb weniger als „Unter die Haut gehend“, denn als nichts für „Dünnhäutige“ und für Klang-Ästheten gedeutet. Zwar gelingen dem Jung-Choreografen, der sich im Programmheft auch als Hobby-DJ outet, durchaus eindrucksvolle und teils sensible Körperbilder, doch die meisten der zu dieser aktuellen Clubmusik kreierten Tableaus und Szenen führen seelenlose, kalte Maschinenmenschen, ja zu Zombies dressierte Wesen vor, die den Verfasser dieses Textes an Chaos und Apokalypse denken lassen. Und wenn der Rezensent die Reaktionen vieler anderer Zuschauerinnen und Zuschauer richtig gedeutet hat, fand nicht nur er keinen richtigen Zugang zu der von Stiens gewählten Ausdrucksform.

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf - hier Or Noir und Rocio Aleman und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf – hier Or Noir und Rocio Aleman und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Die gleiche Analyse dürften viele Besucher der Premiere auch in Bezug auf die letzte Arbeit des Abends treffen, auch wenn der Jubel für den scheidenden Haus-Choreografen Marco Goecke zumindest in manchen Ecken des Zuschauerraums orkanartige Dimensionen annahm und sich der etwas exzentrisch gebärdende, aber sichtbar gerührte Goecke einem regelrechten Blumenregen ausgesetzt sah. In der Tat polarisiert seine Tanzsprache auch in diesem letzten für das Stuttgarter Ballett geschaffenen Stück Almost Blue wohl wie die keines anderen zeitgenössischen Choreografen: Während die einen ob der konvulsivischen Zuckungen und der Tierwelt entlehnten Laut-Untermalungen verzückt und begeistert applaudieren, mögen andere eher verständnislos und ablehnend das Geschehen auf der Tanzbühne verfolgen. Zweifellos sind die von den vier Tänzerinnen und fünf Tänzern vorgeführten Bewegungen in ihrer Präzision äußerst bewundernswert, zumal die Beleuchtung, zusammen mit den von Thomas Mika geschaffenen Kostümen, für eindrucksvolle Momente und überraschende Effekte sorgt. Allerdings erschließen sich nicht alle der von Goecke eingesetzten Stilmittel und Kunstgriffe, sondern lassen den Berichterstatter an vielen Stellen eher ratlos und unberührt zurück.

Dieser natürlich sehr subjektive Eindruck schmälert indes die Kunst und Wirkung dieses abwechslungsreichen und spannungsgeladenen Ballettabends in keiner Weise. Und so sind Die fantastischen Fünf ein würdiges und bleibendes Vermächtnis des großen Tanz-Ermöglichers und Talente-Entdeckers Reid Anderson, dessen von ihm geförderte Choreografie-Talente mit ziemlicher Sicherheit weiter von sich reden machen werden – in Stuttgart und erst recht an anderer Stelle.

Die Fantastischen Fünf des Stuttgarter Ballett im Schauspielhaus; weitere Vorstellungen am 28. März, am 10., 21., 25. und 29. April sowie am 17. Juli 2018 im Stuttgarter Schauspielhaus