Wien, Volksoper Wien, Cabaret – Inspirationen bei Revue und Ragtime, IOCO Kritik, 27.09.2019

September 27, 2019 by  
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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht © IOCO

Volksoper Wien bei Nacht © IOCO

 Cabaret  –  Inspirationen bei Ragtime und Revue

– in Fräulein Schneiders Berliner Pension kulminieren Träume –

von Marcus Haimerl

Grundlage für das im November 1966 in New York uraufgeführte Musical Cabaret von John Kander und Fred Ebb bildet das Theaterstück I am a camera (verfilmt 1955 mit Julie Harris und Laurence Harvey) nach den beiden autobiographischen Romanen Mr. Norris steigt um (Mr. Norris changes trains, 1935) und Leb wohl, Berlin (Goodbye to Berlin, 1939). Die New Yorker Uraufführung sangen Jill Haworth (Sally), Bert Convy (Cliff), Lotte Lenya (Fräulein Schneider) und Joel Grey als Conférencier, jener Rolle, die er auch in der Verfilmung mit Liza Minelli 1972 übernommen hat.

Cabaret – Musical an der Volksoper Wien
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Die Handlung spielt zu Beginn der 1930er Jahre in Berlin. Der junge amerikanische Schriftsteller Cliff Bradshaw reist nach Berlin, um einen Roman zu schreiben und landet in der Pension einer älteren Dame, Fräulein Schneider. Über seine Bekanntschaft mit Ernst Ludwig lernt er auch den Kit-Kat-Club samt seinem Star, der englischen Sängerin Sally Bowles, kennen. Nach ihrer Entlassung aus dem Club sucht sie Zuflucht in Cliffs Zimmer in Fräulein Schneiders Pension. Die beiden werden ein Paar. Aber auch Fräulein Schneider begegnet das Glück: Herr Schultz, ein weiterer Bewohner der Pension, kann ihr Herz erfolgreich erobern. Als sich auf der Verlobungsfeier jedoch herausstellt, dass Ernst Ludwig Nationalsozialist und Herr Schultz Jude ist, auf dessen Obstgeschäft ein antisemitischer Anschlag verübt wird, erkennt Fräulein Schneider die Konsequenzen einer solchen Ehe und löst die Verlobung. Herr Schultz verlässt die Pension und auch Cliff möchte Deutschland verlassen, aber Sally träumt weiter von einer Karriere in Berlin. Als sie aber das gemeinsame Kind abtreiben lässt, hält Cliff nichts mehr. Nach einem letzten Zusammentreffen in der Pension flieht Sally in den Kit-Kat-Club, Cliff verlässt Berlin.

Erstmalig nahm sich die Volksoper Wien nun dieses Musicals an und konnte damit erwartungsgemäß dem Repertoire einen neuen Erfolg hinzufügen. Regisseur Gil Mehmert schuf in seiner Regiearbeit einen Tanz auf dem Vulkan im schillernden Berlin der ´“Roaring Twenties“ mit seinem berühmt-berüchtigten Nachtleben auf der einen und dem bürgerlichen Leben auf der anderen Seite, am Vorabend der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Dazu schuf Heike Meixner ein Bühnenbild auf einer Drehbühne, das wie zwei Seiten einer Medaille funktioniert: Hier die biedere Pension Frau Schneiders mit dem biederen Leben der Kleinbürger auf zwei Wohnebenen, dort der Kit-Kat-Club mit einem überdimensionalen, schrägen Klavier als Bühne mit schrägen,  schillernden, kaum noch Geschlechterrollen beachtenden Gestalten.

Als zentrale Figur geistert der Conférencier durch die gesamte Handlung. Neben seiner Aufgabe im Kit-Kat-Club, wo er mit übergroßen Händen Sänger dirigiert oder am Klavier begleitet, agiert er auch in kleinsten Rollen und ist somit auf der Bühne beinahe allgegenwärtig.

Volksoper Wien / Cabaret - hier : Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw und Bettina Mönch als Sally Bowles © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Cabaret – hier : Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw und Bettina Mönch als Sally Bowles © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Da man Joel Grey, den überaus charismatischen Conférencier der Verfilmung, nur schwer vergessen kann, setzte Regisseur Gil Mehmert mit einem weiblichen, fast schon androgynen Conférencier, Ruth Brauer-Kvam, einen Kontrapunkt. Aber auch sonst war Mehmert durchaus einfallsreich: Bei dem Song „Two Ladies“ wird die besungene Dreierbeziehung politisch umfunktioniert. Der Conférencier wird kurzerhand zum neuen deutschen „Führer“ und bekommt zwei Figuren, die Mussolini und Stalin darstellen, zur Seite gestellt. Für den Song „Money“ ließ sich Kostümbildner Falk Bauer von einer Figur aus George GroszStützen der Gesellschaft“ (1926) inspirieren: Einem Bankier mit goldenem Gehirn und vergoldeten Gedärmen, die aus seinem Bauch – einem Tresor – entnommen werden. Ein besonders intensives Bild gelingt, als nach der ersten Darbietung des Liedes „Der morgige Tag ist mein“ der immer dem Publikum den Rücken zuwendende Conférencier sich umdreht und ein Totenkopfgesicht enthüllt.

Cabaret – Zwei Traumrollen auf der Bühne
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Neben der gelungenen Regiearbeit kann man auch von einem Erfolg der Künstler sprechen. Der gebürtigen Münchnerin Bettina Mönch gelingt es zweifelsfrei, in ihrer Partie der Sally Bowles aus dem Schatten von Liza Minelli herauszutreten und mit ihrer Darstellung nicht nur zu überzeugen, sondern auch mit ihrer enormen Stimmgewalt der Partie eine neue Intensität zu verleihen.  Als Conférencier setzt Ruth Brauer-Kvam neue Maßstäbe in der Interpretation dieser Figur und bleibt auch vokal mitreißend bei all ihren Songs. Fantastisch auch Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider, sie berührt in ihrer Melancholie zutiefst. Neben diesen Damen haben es die Herren des Abends nicht ganz so leicht: Jörn-Felix Alt gibt sein Volksopern-Debüt in der Partie des sympathischen Schriftstellers Clifford Bradshaw. Auch Volksoper-Hausherr Robert Mayer tritt in Cabaret auf, als Herr Schultz. Peter Lesiak als Ernst Ludwig überzeugen in ihren Partien, müssen sich aber rollenbedingt dennoch anstrengen, um mit den Damen mithalten zu können.

Am Pult des hervorragenden Orchesters der Volksoper gestaltet Lorenz C. Aichner die Hits dieses Musicals zwischen Ragtime, Jazz und Revue.

Keine Überraschung, dass am Ende dieses Abends zwischen Freude und Beklemmung fast nicht endenwollender Jubel des Publikums stand. Eine präzise Punktlandung bereichert das Repertoire der Wiener Volksoper.

 

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Berlin, Renaissance Theater, LENYA STORY – Hommage an Lotte Lenya und Kurt Weill, IOCO Kritik, 25.11.2018

November 25, 2018 by  
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Renaissance Theater Berlin / LENYA STORY © Moritz Schell

Renaissance Theater Berlin / LENYA STORY © Moritz Schell

Renaissance Theater

LENYA STORY – Hommage an Lotte Lenya und Kurt Weill

Von Torsten Fischer, Herbert Schäfer –  Kurt Weill (Musik)

Von Kerstin Schweiger

„Hoppla!“ – Als Jahrhundert-Seeräuberjenny hat Lotte Lenya, geborene Karoline Charlotte Blamauer aus Wien, Theatergeschichte mitgeschrieben. Die Sängerin und Schauspielerin lebte in vier Ländern auf zwei Kontinenten – nie ohne ihren Ehemann und Lebensfreund, den Komponisten Kurt Weill, dessen Musik sie intuitiv und erfolgreich interpretierte. Sie waren eines der innovativen Künstlerpaare, die in den späten 1920er Jahren ihr Leben und ihre künstlerische Tätigkeit untrennbar in einer blühenden Theater- und Musikszene vernetzten.

LENYA STORY  –  Musik Torsten Fischer, Herbert Schäfer und Kurt Weill 
Youtube Trailer des Josefstadt Theater Wien
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Als Weill viel zu früh gestorben war, wurde sie zur Agentin seiner Musik und begann eine zweite Karriere und zwei weitere Ehen. Sie spielte im James-Bond-Film Liebesgrüße aus Moskau, in der Musical-Uraufführung von Cabaret verkörperte sie am Broadway 1.000 Abende lang die Rolle der Pensionswirtin Fräulein Schneider. Lotte Lenya gründete die Kurt Weill Foundation for Music, die bis heute das Erbe Weills pflegt.

Im Oktober 2018 hätte sie ihren 120. Geburtstag gefeiert:  „Er gab ihrer Stimme Musik, sie gab seiner Musik eine Stimme“. Sona MacDonald und Tonio Arango sind als Lenya und Weill hinreißende Protagonisten in dieser Ko-Produktion des Berliner Renaissance-Theaters mit dem Theater in der Josefstadt in Wien. Zusammen mit Harry Ermer am Klavier und seiner dreiköpfigen Band – allesamt großartige Verteidiger Weill‘scher Musik – machen sie diesen Abend nach dem Buch und in der Regie von Torsten Fischer auf einer abgeschrägten leeren Bühne mit Neon-Schriftzug (Herbert Schäfer) mit wenigen Kostümen und Requisiten zu einer packenden biografischen Revuestory. Pumps, eine rote Federboa, ein Mantel, Zigarre und Whiskeyflasche und der Mond über Soho – eine Holzscheibe an einem Draht – über einer weißen Schneefläche sind die Dreigroschen-Requisiten dieser dichten und anrührenden Revue.

Renaissance Theater Berlin / LENYA STORY © Moritz Schell

Renaissance Theater Berlin / LENYA STORY hier Sona MacDonalds als Lotte Lenya und Kurt Weill © Moritz Schell

Lotte Lenya (1898-1981) kam aus ärmlichen Verhältnissen, geboren in einem Wiener Arbeiterbezirk gelangte sie als Jugendliche dank einer Tante als Elevin ans Zürcher Theater. Zusammen mit Elisabeth Bergner stand sie in Minirollen auf der Bühne, als Zwerg im Rheingold oder Page im Tannhäuser. 1921 eroberte sie dann Berlin, 10 Jahre vor Christopher Isherwoods seelenverwandter Romanfigur Sally Bowles aus „Goodbye to Berlin“. Dort lebte sie zunächst bei einer Pensionswirtin, die ihr sicherlich Inspiration für ihre spätere Interpretation des Fräulein Schneider im Welterfolg Cabaret war. „Die Ehe mit dem Komponisten Kurt Weill und die Mitwirkung in der Uraufführung der Dreigroschenoper 1928 waren ihr künstlerischer Durchbruch. Am Tag der Uraufführung stand ihr Name nicht im Programmzettel. Lenya war sich sicher: „Wenn sie auch heute meinen Namen nicht kennen, morgen werden sie wissen, wer ich bin“.

Die Songs von Kurt Weill – überwiegend aus den in Deutschland entstandenen Stücken Dreigroschenoper, Happy End und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny sind Rückgrat der Aufführung und die Lebensreise-Route ihrer Protagonisten mit den Stationen der Emigration durch alle drei Schaffensphasen Weills und Lenyas. Vom Barbara-Song über die Zuhälterballade aus der Dreigroschenoper, über die leisen Emigrantensongs aus Paris geht es an den Broadway in die USA bis zum Resümee eines langen Lebens, dem „Lied von der Seeräuberjenny“, das Lotte Lenya so sehr entsprach. Die Songfolge ist eingebettet in eine textliche Collage mit Zitaten aus dem intensiven Briefwechsel Lotte Lenyas und Kurt Weills, der in einem wunderbaren Band von Weills ehemaliger Korrepetitorin am Broadway und späteren Präsidentin der Kurt Weill Foundation for Music herausgegeben worden ist, und Rezensionen zu und Dialogen aus Weills Stücken. Dies funktioniert ähnlich wie in Joachim Langs 2018 herausgebrachten „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“, wo Brecht nur in eigenen Zitaten spricht.

Tonio Arango ist Dreh- und Angelpunkt für Sona MacDonalds wunderbare Verinnerlichung von Lotte Lenya. In einem Vorspiel präsentiert er sie als Tierbändiger mit Auszügen aus Frank Wedekinds Erdgeist-Prolog als „die unbeseelte Kreatur (…) gebändigt durch das menschliche Genie“. Den größten Teil des Abends ist er als Kurt Weill an ihrer Seite und zeigt viele Facetten des verschlossenen Komponisten Kurt Weill. Von der ersten Begegnung mit Lenya im Ruderboot auf dem Weg nach Grünheide zu Weills Librettisten Georg Kaiser bis zu seinem Lenya trostlos zurücklassenden frühen Tod in Amerika ist er lakonisch, übermütig, ernsthaft und selbstbewußss, leise und immer an Lenyas Seite. Im zweiten Teil bleibt er seiner Bühnenpartnerin als Lenyas Ehemänner Nr. 2 und 3 treu.

Renaissance Theater Berlin / LENYA STORY © Moritz Schell

Renaissance Theater Berlin / LENYA STORY © Moritz Schell

Sona MacDonald verleiht Weills Songs Lenyas Stimme. Sie beherrscht den typischen Sprechgesang, die harte Akzentuierung und den Wiener Arbeiterdialek der Lenya. Sie imitiert Lenya nicht, sondern gibt ihr mit Können und Stimme laute wie leise Töne und ein Standing als Mensch und Künstlerin. Man wünscht sich einen ganzen Abend mit Weill und Zeitgenossen mit ihr. Im Stück heißt es „Lenya, die Callas des Songs“. Mit Fräulein Schneiders herzzerreißendem starken Lied „What would you do“ aus Cabaret (Kander/Ebb) sichert sich Sona MacDonald schon jetzt ein künstlerisches „Vorkaufsrecht“ für diese Rolle in einer zukünftigen Produktion von Cabaret. Soviel „Krach und Wonne“ (Bilbao Song) war seit der legendären Kurt Weill Revue 1985 im Theater des Westens nicht mehr. Ein starker Abend und ein Kleinod im Dickicht der Berliner Theaterproduktionen.

Wer Weills und Lenyas Spuren folgen möchte, sollte sich Anfang März auf den Weg in die Geburtsstadt des Komponisten, das anhaltische Dessau, machen. Dort findet seit 28 Jahren ein Musikfestival statt, das Leben und Werk Weills und seiner Zeitgenossen gewidmet ist: www.kurt-weill-fest.de

Berlin, Renaissance Theater – LENYA STORY, die weiteren Termine 18.12.; 19.12.; 20.12.; 21.12.; 22.12.2018; täglich vom  7.1. – 13.1.2019

Fotos: Moritz Schell, Pressestelle Renaissance-Theater

—| IOCO Kritik Renaissance Theater Berlin |—

Berlin, Berliner Ensemble, Oliver Reese folgt Claus Peymann, IOCO Aktuell, 05.12.2017

Dezember 5, 2017 by  
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Berliner Ensemble / (Theater am Schiffbauer Damm) © Moritz Haase

Berliner Ensemble / (Theater am Schiffbauer Damm) © Moritz Haase

Berliner Ensemble

BERLINER ENSEMBLE – Großes Theater – Neue Intendanz

Max Reinhardt, E.J. Aufricht, Rudolf Platte, Bertolt Brecht,  Helene Weigel

 Von Anna Moll

Berliner Ensemble / Intendant Oliver Reese © Jonas Holthaus

Berliner Ensemble / Intendant Oliver Reese © Jonas Holthaus

Ich liebe dieses Theater! Oliver Reese, der neue Intendant des Berliner Ensembles spricht mir aus der Seele, wenn er sagt, dieses Theater sei “unfassbar schön“. Aber es ist nicht nur eines der schönsten Theater, es ist auch eines mit theatergeschichtlich bedeutsamer Tradition und über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und bewundert! 180.000 Besucher zieht das Berliner Ensemble, meist nur kurz BE bezeichnet, jährlich in seinen Bann.

Die Spielstätte des BERLINER ENSEMBLE, das Theater am Schiffbauerdamm, wurde 1892 in herrlichem Neobarock mit einem Theatersaal für etwa 700 Personen erbaut (Foto) und mit Goethes Iphigenie auf Tauris eröffnet. Die Weber von Gerhard Hauptmann wurden hier uraufgeführt, Stücke von Frank Wedekind und Maurice Maeterlinck standen auf dem Programm sowie andere wichtige Dramen der damaligen zeitgenössischen Theaterliteratur.

Berliner Ensemble / Theater am Schiffbauer Damm - hier der herrliche Zuschauerraum in prächtigem Neobarock © Moritz Haase

Berliner Ensemble / Theater am Schiffbauer Damm – hier der herrliche Zuschauerraum in prächtigem Neobarock © Moritz Haase

Von 1903 bis 1906 war der große Max Reinhardt Direktor des Hauses, der hier  Shakespeares Ein Sommernachtstraum zur Musik von Mendelson-Bartholdy, Hofmannsthals Elektra, Oscar Wildes Salome inszenierte, um nur einige Produktionen zu nennen.  Nach dieser theatergeschichtlich wichtigen Zeit wurde das Haus bis 1925 unter verschiedenen Direktoren zum Operetten- und Unterhaltungstheater. 1926 wird es zur zweiten Spielstätte der Volksbühne. 1928 wird E.J. Aufricht Intendant. Im selben Jahr wird Brecht/Weills  Die Dreigroschenoper in der Regie von Erich Engel uraufgeführt – die Weimarer Republik erlebt ihren größten Theatererfolg!!

Das Theater bleibt weiterhin erfolgreich. Autoren wie Ernst Toller, Ödön von Horvath, Marieluise Fleißer, Jean Cocteau, mit dessen Orpheus Gustav Gründgens seinen Einstand als Regisseur gibt, werden zur Aufführung gebracht. Zum Ensemble gehören in dieser Zeit große Künstler und Künstlerinnen wie Lotte Lenya, Carola Neher, Helene Weigel, Hilde Körber, Ernst Busch, Ernst Deutsch, Peter Lorre, Kurt Gerron, Erich Ponto.

1931 endet Aufrichts Intendanz. Unter wechselnden  Bühnennamen gibt es wieder eher leichtere Unterhaltung, ab 1933 dominieren nationalsozialistische Vorgaben. 1944 wird das Theater geschlossen. Nach dem Krieg übernimmt zunächst Rudolf Platte als Intendant, abgelöst wird er 1946 von Fritz Wisten.

1949 hatte sich um Bertolt Brecht eine Gruppe von Theaterkünstlern formiert, die sich den Namen Berliner Ensemble gibt. Ohne eigenes Haus kommt sie auf Einladung von Thomas Langhoff am Deutschen Theater unter. Als Wisten 1954 mit seiner Kompanie in die wiederaufgebaute Volksbühne zieht, übernimmt das Berliner Ensemble das Theater am Schiffbauerdamm, nachdem Brecht bei Otto Grotewohl erfolgreich gegen Pläne Einspruch erhoben hatte, das Theater dem Ensemble der Kasernierten Volkspolizei zu überlassen. Die Bühne wurde zum BE, zum BERLINER ENSEMBLE mit Helene Weigel als Intendantin und Bertolt Brecht als Künstlerischem Leiter. Der Einfluss des Brecht‘schen epischen Theaters, auch international, sollte man nicht unterschätzen. Lange Jahre war Brechts Truppe das weltweit am meisten bewunderte deutsche Theater und hat  Regisseure wie Giorgio Strehler, Patrice Chereau, Juri Ljubimow, Roger Planchon, Ariane Mnouchkine, Peter Stein u.a.m. inspiriert und beeinflusst.

Mit Brechts Mutter Courage und ihre Kinder geht das BE 1954 zum Theaterfestival der Nationen nach Paris, wo es den ersten Preis für das beste Theaterstück und die beste Inszenierung (Erich Engel) erhält. Ebenfalls 1954 inszeniert Brecht Der kaukasische Kreidekreis. Bei der Premiere gibt es 52 Vorhänge und 4 vor dem eisernen Vorhang! Nach dem Tod von Bertolt Brecht im Jahre 1956 übernimmt Erich Engel die Künstlerische Leitung, Helene Weigel bleibt Intendantin.

Einen weiteren großen Erfolg erobert das BE mit der Inszenierung von Brechts Stück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (Regie Peter Palitzsch und Manfred Wekwerth). Mit Ekkehard Schall als Arturo Ui wird das Stück 1974 nach 532  Aufführungen abgesetzt. Eine Neuinszenierung von Die Dreigroschenoper, wieder mit Engel als Regisseur, knüpft an alte Erfolge an. Beeindruckend auch die Leistung von Helene Weigel, die 1961 nach 405 Aufführungen zum letzten Mal die Mutter Courage gibt.

Die CoriolanInszenierung durch Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert wird ebenfalls ein großer Erfolg, zu dem Ruth Berghaus mit ihrer Choreographie der Schlachtszenen beiträgt. Sie wirkt ab 1970 als Stellvertreterin Helene Weigels und übernimmt nach deren Tod in 1971 die Intendanz. In den folgenden Jahren holt Ruth Berghaus B.K. Tragelehn und Einar Schleef als Regisseure ans Haus, setzt sich ein für neuere dramatische Literatur der DDR von Autoren wie Peter Hacks und Karl Mickel. Sie inszeniert Zement von Heiner Müller, der 1961 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen worden war. Sie bekommt Schwierigkeiten wegen ihres experimentellen Ansatzes und wird entmachtet. Manfred Wekwerth folgt als Intendant. Stücke von Volker Braun und weiterhin von Heiner Müller werden erfolgreich aufgeführt. Die Inszenierungen von Goethes Faust Szenen (Urfaust) 1984 und Heiner Müllers Germania Tod in Berlin 1989 bekommen Aufmerksamkeit.

1992 entsteht ein Fünfer-Direktorium: Die Leitungsgruppe Langhoff, Marquardt, Müller, Palitzsch, Zadek zerfällt allerdings bald durch Unstimmigkeiten und Machtkämpfe. Heiner Müller setzt sich durch, wird alleiniger Intendant und prägt eine neue Epoche. Mit seiner letzten Inszenierung (1995) von Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui mit Martin Wuttke in der Hauptrolle entsteht ein bis heute andauernder Theatererfolg. Nach Müllers Tod 1995 folgen bis 1999 Martin Wuttke und nach ihm Stephan Suschke als Intendanten.

1996 wurde die vom Dramatiker Rolf Hochhuth gegründete Ilse-Holzapfel-Stiftung Eigentümerin der Immobilie Theater am Schiffbauerdamm. Vertraglich wurde für Hochhuth ein Rahmen festgelegt, innerhalb dessen er in beschränktem Maße das Theater für mögliche Aufführungen eigener Stücke nutzen darf. Daraus sich ergebende, oft auch öffentlich ausgetragene Streitereien, unter anderem mit Claus Peymann, besitzen in vielen Facetten, bis heute den Charakter einer eigenen Theatergroteske.

Claus Peymann, Intendant so wichtiger Bühnen wie Stuttgart, Bochum und Wien, übernimmt das BE 1999. In den 18 Jahren seiner Intendanz setzt Peymann auf Autoren wie William Shakespeare, Thomas Bernhard, Peter Handke, Bertolt Brecht und pflegt eine enge Zusammenarbeit mit George Tabori. Peymanns eigene Inszenierung von Shakespeares Richard II wird im Jahr 2000 vom französischen Kritikerverband zur besten fremdsprachigen Inszenierung gewählt. Einer der wichtigen Regisseure, die unter Peymann für das BE arbeiten, ist Robert Wilson, dessen Inszenierung von Die Dreigroschenoper großen Eindruck macht, ebenso wie  die von Sonnette von Shakespeare mit Musik von Rufus Wainright oder von Leonce und Lena mit musikalischen Assoziationen von Herbert Grönemeyer.

Im September 2017 endete die BE – Intendanz des inzwischen 80jährigen Claus Peymann. Oliver Reese, Jahrgang 1964, löst ihn ab. Ein Mann einer anderen Generation. Wie bei fast allen Intendantenwechseln gab es auch bei diesem Stabwechsel Reibereien, meist ausgehend von Peymann. Doch schlugen die Wellen der Aggression am BE nicht so hoch wie 2016, bei dem Stabwechsel von Frank Castorf zu Chris Dercon bei der Volksbühne Berlin.

Oliver Reese kehrt mit der Spielzeit 2017/18 sozusagen nach Berlin zurück. Denn bevor er das Schauspiel Frankfurt ab 2009/2010 als Intendant bis zur Spielzeit 2016/17 leitete,  war er als Chefdramaturg bereits sieben Jahre (1994-2001) am Maxim Gorki Theater und danach weitere acht Jahre am Deutschen Theater u.a. als Interimsintendant tätig.  Ihm dürfte sehr bewußt sein, in was für eine ausgeprägte Traditionslinie er sich am BE einreiht. Vom ehemaligen Ensemble übernimmt Reese lediglich zwei Mitglieder. Mitglieder des neuen Ensemble sind u.a.: Constanze Becker, Corinna Kirchhoff, Bettina Hoppe, Annika Meier, Stephanie Reinsperger, Ingo Hülsmann, Niko Holonics, Felix Rech, Andreas Döhler, Tilo Nest, Patrick Güldenberg.

Berliner Ensemble / Eine Frau - Mary Page Marlowe - hier v.l. Ruby Commey, Bineta Hansen, Carina Zichner, Corinna Kirchhoff © Julian Roeder

Berliner Ensemble / Eine Frau – Mary Page Marlowe – hier v.l. Ruby Commey, Bineta Hansen, Carina Zichner, Corinna Kirchhoff © Julian Roeder

Ein Coup dürfte Reese gelungen sein, indem er Frank Castorf, dessen (eher unfreiwilliger) Abschied von der Volksbühne die Gemüter Berlins bewegte, als Regisseur gewinnen konnte. Castorf wird am BE jedes Jahr ein Stück inszenieren. Seine erste Produktion, für Dezember 2017 angesetzt, wird eine Adaption von Les Misérables von Victor Hugo sein. Ein großer Gewinn für Berlin!

Des Weiteren hat Reese Michael Thalheimer als Hausregisseur und Mitglied des Leitungsteams gewonnen, der zwei Inszenierungen pro Spielzeit erarbeiten wird.

Seine erste Saison 2017/18 am BERLINER ENSEMBLE läutete Reese an einem September Wochenende mit gleich drei unmittelbar aufeinander folgenden Premieren ein: Caligula von Albert Camus mit der großartigen Constanze Becker in der Titelrolle (Regie: Antú Romero Nunes); Nichts von mir von Anre Lygre (Regie: Mateja Koležnik); Der Kaukasische Kreidekreis (Regie: Michael Thalheimer).

Das Repertoire wird ergänzt mit 13 weiteren Neuinszenierungen sowie mehreren Übernahmen vom Schauspiel Frankfurt am Main, darunter einige Inszenierungen, bei denen Reese in Frankfurt  selbst Regie geführt hat sowie zwei Inszenierungen von Michael Thalheimer: Kleists Penthesilea und die Medea des Euripides, jeweils mit Constanze Becker in der Titelrolle, die für ihre Medea den Deutschen Theaterpreis erhielt.

Berliner Ensemble / Der Gott des Gemetzels - hier v.l. Corinna Kirchhoff, Doerte Lyssewski, Thilo Nest, Michael Maertens © Matthias Horn

Berliner Ensemble / Der Gott des Gemetzels – hier v.l. Corinna Kirchhoff, Doerte Lyssewski, Thilo Nest, Michael Maertens © Matthias Horn

Die erste Inszenierung des Intendanten Reese selbst am BE, die von ihm erarbeitete Bühnenfassung von Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz, ist für Februar 2018 geplant. Reese übernimmt auch fünf Stücke aus Claus Peymanns Ära:  Der Prinz von Homburg, Peymanns Abschiedsinszenierung am BE – vielleicht zu verstehen als die Andeutung einer Verbeugung gegenüber seinem Vorgänger; Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza in der Regie von Jürgen Gosch; Robert Wilsons Inszenierungen von Die Dreigroschenoper und Becketts Endspiel und den Dauerbrenner, die Heiner Müller Inszenierung von Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.

Die Programmgestaltung ist geprägt durch ein deutliches Interesse an zeitgenössischen Themen und Texten ganz in der Tradition von Brecht und Heiner Müller. 12 der 17 Premieren in der ersten Saison stammen von lebenden Autoren, etwa vom amerikanischen Pulitzer Preisträger Tracy Letts, vom britischen Dramatiker Dennis Kelly oder von Rainald Goetz.

Ein weiteres ambitioniertes Projekt des Intendanten Reese ist das neue BE-Autorenprogramm, zu dessen Chef der Schriftsteller und Theaterschreiber Moritz Rinke gemacht wurde. Reese erinnert an die Zeit, als “der deutschsprachige Raum die stärksten Theaterschreiber zu bieten hatte: Heiner Müller, Thomas Bernhard, Botho Strauß, Franz Xaver Kroetz“. Das Projekt hat sich die Förderung von Autoren zum Ziel gesetzt. In einer künftigen Autorenwerkstatt sollen darüber hinaus zeitgenössische Autoren gemeinsam mit Regisseuren neue Stücke erarbeiten, die dann am BERLINER ENSEMBLE auch aufgeführt werden.

Eine von Oliver Reese bereits am Schauspiel Frankfurt installierte Gesprächsreihe wird nun auch an das BE übernommen, mit Michel Friedmann als Gastgeber: Ein Forum für intellektuelle Diskussionen. Die Gesprächsreihe hatte zuerst Joschka Fischer zu Gast, dann Nicole Deitelhoff und nun folgt Robert Menasse.

Jenseits der künstlerischen Pläne gibt es noch wesentliche Pläne, was  Umbauten, Renovierungen und Modernisierungen betrifft. Ab 2018/19 soll es zwei neue Spielstätten geben, sprich: das BERLINER ENSEMBLE hätte dann drei feste Spielstätten: das Große Haus, das Kleine Haus, den Werkraum.

Insgesamt vielfältige und ehrgeizige Absichten und Pläne  für den Beginn einer neuen Epoche. Man darf gespannt sein!

—| IOCO Aktuell Berliner Ensemble |—

Cottbus, Staatstheater Cottbus, Premiere AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY, 11.03.2017

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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY
Oper Kurt Weill, Text Bertolt Brecht

Mahagonny: Premiere 11.3.2017 weitere Vorstellungstermine:  Do 16.3., Do 23.3., Fr 07.4., Do 18.5. und Mi 31.5.2017, jeweils 19.30 Uhr

Am Samstag, 11. März 2017, 19.30 Uhr, kommt im Großen Haus des Staatstheaters mit Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny die einzige Oper des genialen Duos Kurt Weill / Bertolt Brecht zur Premiere. In der Regie von Matthias Oldag (Ausstattung: Barbara Blaschke, Choreografie: Dirk Neumann) verwandelt sich die Drehbühne in ein Zentrum scheinbaren Glücks. Das hinfällige Gerippe eines alten Karussells wird Ausgangspunkt der harten Realität, die mit dem Versprechen von Glückseligkeit einhergeht.

Staatstheater Cottbus / AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY - Szenenfoto © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus /
AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY –
Szenenfoto © Marlies Kross

Gegründet wird diese Stadt Mahagonny als letzter Coup der Ganoven Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses, die in einem maroden Vergnügungspark stranden. Die drei versuchen es mit dem großen Geschäft der Vergnüglichkeiten und für einen kurzen Moment blüht Mahagonny auf. Auch Jimmy Mahoney zieht es nach harten Jahren in den eiskalten Wäldern Alaskas in die Metropole der Freuden. Mädchen, Whisky und Boxkämpfe versprechen dort endlich eine Chance auf das süße Leben. Aber mit all den Müßiggängern und Glücksrittern treffen die unterschiedlichsten Vorstellungen von Glück, Liebe und Gerechtigkeit aufeinander. Auf lange Sicht kann dieses „Mahagonny“ mit seiner glitzernden Fassade und den Verheißungen der Zufriedenheit nicht bestehen. Das Geschäft mit dem anarchischen Vergnügen fordert seine Opfer.

Kurt Weills Komposition ist durchsetzt mit Elementen von Jazz und Blues, aber auch Parodien zeitgenössischer Schlager und „Hits“ klassischer Musik. Der Sound der Oper, der unnachahmlich vom Berlin der 20er Jahre erzählt, hat auch heute einen riesigen Unterhaltungswert. Brechts Libretto ist ebenso vielschichtig – sarkastisch, lustvoll, maßlos. Dabei ist das Werk immer auch große, wilde Unterhaltungskultur und dieser Aspekt ist zentral für die Umsetzung durch Regisseur Matthias Oldag. Brecht und Weill schufen mit dieser Zusammenarbeit ein Werk, das zu den wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss. Besonders große Popularität hat der „Alabama Song“ gewonnen, im Stück der Abgesang Jennys und der Mahagonny-Mädchen, heute beliebt in Versionen von Lotte Lenya, The Doors oder David Bowie.

Staatstheater Cottbus / AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY - Szenenfoto mit: (im Vordergrund v.l.n.r.) Liudmila Lokaichuk (Jenny), Jens Klaus Wilde (Jim) und Christian Henneberg (Bill) sowie Herren des Opernchores; (im Hintergrund rechts) Carola Fischer (Witwe Begbick) © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY – Szenenfoto mit: (im Vordergrund v.l.n.r.) Liudmila Lokaichuk (Jenny), Jens Klaus Wilde (Jim) und Christian Henneberg (Bill) sowie Herren des Opernchores; (im Hintergrund rechts) Carola Fischer (Witwe Begbick) © Marlies Kross

Mit Carola Fischer (Witwe Begbick), Debra Stanley/Liudmila Lokaichuk (Jenny), Matthias Bleidorn/Dirk Kleinke (Jack), Hardy Brachmann (Fatty), Thorsten Coers (Tobby Higgins), Christian Henneberg (Bill), Ulrich Schneider (Dreieinigkeitsmoses), Jens Klaus Wilde (Jim), Ingo Witzke (Joe), dem Opernchor (Einstudierung: Christian Möbius) sowie den Damen und Herren des Balletts des Staatstheaters  Das Philharmonische Orchester spielt unter der Leitung von GMD Evan Christ.

Mahagonny: Premiere 11.3.2017 weitere Vorstellungstermine:  Do 16.3., Do 23.3., Fr  07.4., Do 18.5. und Mi 31.5.2017, jeweils 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Staatstheater Cottbus |—

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