Montepulciano, Roland Böer – Cantiere Internazionale d’Arte, IOCO Interview, 08.08.2020

August 8, 2020 by  
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Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Cantiere Montepulciano

Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano

VIVERE L’UTOPIA!

Roland Böer, künstlerischer Leiter des Cantiere di Montepulciano im Gespräch mit Ljerka Oreskovic Herrmann

Das malerische Montepulicano in der Toskana @ Adrian Michael / Wikipedia Commons

Das malerische Montepulicano in der Toskana @ Adrian Michael / Wikipedia Commons

Roland Böer leitet das Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano seit sechs Jahren als künstlerischer und musikalischer Leiter. Montepulciano ist eine malerische, in der Toskana gelegene  Kleinstadt, nahe Siena. Bis 2019 war Roland Böer Erster Gastdirigent des Mikhailovsky-Theater Sankt Petersburg. Böer gastiert an führenden Opernhäusern, so am Teatro alla Scala, dem Royal Opera House London, der Deutschen Oper Berlin, dem New National Theatre Tokyo und mehr. Als Konzertdirigent leitete Böer das London Symphony, das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, das Orchester des Maggio Musicale Fiorentino, das hr-Sinfonieorchester, das Münchner Rundfunkorchester, die Deutsche Radiophilharmonie und auch die Staatsphilharmonie Nürnberg. Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet ihn mit der Opéra de Nice und der Oper Frankfurt, der er bis heute – nicht nur räumlich, denn Roland Böer lebt im Rhein-Main-Gebiet – besonders verbunden geblieben ist.

Ljerka Oreskovic Herrmann, IOCO, sprach mit Roland Böer über das Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano, dessen von Hans Werner Henze inspirierte Historie und mehr.

Ljerka Oreskovic Herrmann (LOH): Herr Böer,  das Festival Cantiere Internazionale d’Arte in dem schönen Ort Montepulciano, Toskana, wurde von Hans Werner Henze ins Leben gerufen und findet seit 1976 jährlich statt. Es bietet vor allem jungen angehenden Künstlern und Künstlerin die Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln. Ist der „Geist“ von Henze immer noch präsent bzw. spürbar?

 RNCM SYMPHONY ORCHESTRA / Roland Böer dirigiert @ Cantiere Montepulciano / Irene Trancossi

RNCM SYMPHONY ORCHESTRA / Roland Böer dirigiert @ Cantiere Montepulciano / Irene Trancossi

Roland Böer (RB): Henze und der Geist des Cantiere waren, sind und bleiben allgegenwärtig. Nach seinem Tod 2012 wurde das ‚Istituto di Musica di Montepulciano’, mit seiner etwa 300jährigen Geschichte eine der ältesten örtlichen Musikschule Italiens, nach seinem Namen benannt. In der ‚Sala Henze’, dem Raum, in dem 1980 die Proben zur Uraufführung von Pollicino stattfanden, sind die mittlerweile weit bekannten, schwarz-weißen Fotos aus der Produktionszeit ausgestellt. Nach wie vor bildet die Zusammenarbeit international renommierter Künstler mit den Schülern der Musikschule, jungen, herausragenden Talenten und musik-und kunstliebenden Laien einen zentralen Schwerpunkt der alljährlichen Programme. In den vergangenen 45 Jahren haben Tausende Mitwirkende an diesem völlig selbstorganisierten Festival mit großem Erfolg teilgenommen und seine Ziele in aller Welt verbreitet.

LOH: Welche Bedeutung hat das Konzept von Henze für Sie persönlich?
RB: Die Grundidee von Hans Werner Henze ist so einfach wie genial: da jeder von jedem etwas lernen kann, und jeder, wie es Henze selbst formulierte, „Lehrer und Schüler zugleich“ ist, arbeiten alle in einer beispielhaft solidarischen Atmosphäre ausschließlich für Kost und Logis. Keiner der Künstler erhält ein Honorar! Was den professionellen Mitwirkenden im Laufe ihrer Karriere an Erfahrung und Möglichkeiten geschenkt wurde, geben diese den nachfolgenden Generationen weiter, freiwillig, großzügig, um der Kunst willen. Belohnt werden alle gleichermaßen durch die Erfahrung eines besonderen künstlerischen und menschlichen Zusammenhalts, das gemeinsame Erleben von Begeisterung und Hingabe, und nicht zuletzt die Schönheit der Toskana. Damit unterscheidet sich das Cantiere Internazionale d’Arte grundsätzlich von einem typischen Festival kommerzieller Natur und stellt für mich als weltweit einzigartige soziokulturelle Initiative die gelebte Utopie einer besseren Welt dar.

Cantiere Internazionale d’Arte in Motepulciano -italienisch
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LOH: Wie wichtig ist dabei der Austausch mit dem Publikum, mit den Menschen im und vor Ort?
RB: In Henzes Schriften zum Thema Musik und Politik findet sich das Kapitel „Die Kunstwerkstätten von Montepulcian“ aus dem Jahr 1984. Henze schreibt im Hinblick auf die ersten Jahre des Cantiere: ‚Ich meinte, man müsse nun verschiedene Maßnahmen ergreifen, um sicher zu gehen, dass Montepulciano in nächster Zukunft ein eigenes, bodenständiges Kulturleben haben würde, in dem alle, jung und alt, Leidenschaft, oder zumindest Interesse für eine der vielen Formen des künstlerischen Ausdrucks, die in der europäischen Kultur existieren, entwickeln zu können, wenn ihnen nur danach zumute war.’ Und er fährt später fort: ‚Ich hoffte, die Musik könne das wirtschaftliche und gesellschaftliche Niveau der Gemeinde verbessern und könne schließlich dazu beitragen, die Stadt für ihre Einwohner zu einem angenehmeren und lebhafteren Aufenthaltsort zu machen.’

Henze bezieht sich hier auf die Anfangsjahre um 1976, als der es an der Musikschule gerade mal drei Schüler gab. Im Rahmen seiner vielfältigen Projekte der künstlerisch-musikalischen Animation schrieb er 1980 die mittlerweile weltbekannte Oper Pollicino, für genau die Musikerinnen und Musiker, die in gerade dieser Zeit an der Musikschule Unterricht nahmen – was im Nachhinein auch die überaus merkwürdige Partitur erklärt, in der neben einigen Streichern eben auch Klavier, Harmonium, Blockflöten, Orff-Instrumente und Psalter besetzt sind. Die Vorbereitung der Uraufführung steht aber auch exemplarisch für die beispiellose Mitwirkung der örtlichen Bevölkerung, insbesondere derer, die nicht musikalisch aktiv waren, sondern Kostüme nähten, Bühnenbilder mit bauten, Plakate malten oder die Werbetrommel rührten.
Mittlerweile sind an der Musikschule über 1200 Schüler eingeschrieben, was angesichts der nur rund 14.000 Einwohner Montepulcianos eine erstaunlich hohe Zahl ist und ohne das Verständnis und die aktive Anteilnahme und Beteiligung des Publikums vor Ort nicht zu erklären wäre. Ich denke, dass es mittlerweile kaum einen Einwohner gibt, der nicht auf eine aktive Teilnahme beim Cantiere Internazionale zurückblicken kann. Viele derer, die damals als Kinder die Anfänge des Cantiere miterlebten, leben heute noch dort und haben ebenfalls Kinder oder sogar Enkel, die bereits mitgemacht haben.

Cantiere International D Arte Motepulciano @ Cantiere International Montepulciano

Cantiere International D Arte Motepulciano @ Cantiere International Montepulciano

LOH:  Was bedeutet das diesjährige Festival für den Ort? Zeigt sich angesichts der Pandemie-Situation nicht vielmehr, dass Musik (CD, Streaming etc.) zwar aufgenommen werden kann und damit jederzeit abrufbar wird, aber dass es Raum und Zeit braucht, in der sie sich richtig entfalten kann, weil der unmittelbare Kontakt zum Publikum da ist.
RB: Alles, was in den vergangenen Monaten an rührenden, tröstlichen und bemerkenswerten Versuchen unternommen wurde, trotz aller Widrigkeiten musikalisch aktiv zu kommunizieren, hatte letztlich den schalen Nachgeschmack des Surrogats und hinterließ viele Menschen im Gefühl der Abgeschiedenheit und Einsamkeit.
Musik ist wahrscheinlich die Kunst mit dem größten sozialen Anspruch, was deren Aufführung durch Orchester und Chöre und deren Aufnahme durch das Publikum in den Opernhäusern und Konzertsälen anbetrifft. Das gemeinsame, gleichzeitige Erleben von Musik mit allen Sinnen, das kollektive Verbundensein durch die in Tönen und Klängen schwingende Luft, das instinktive Teilen von Emotionen und nicht zuletzt der Austausch im spontanen Gespräch im Foyer ist durch nichts zu ersetzen.
Dass wir in diesem Jahr tatsächlich das 45. Cantiere veranstalten grenzt an ein Wunder, für das wir gar nicht genug dankbar sein können. Es stillt unsere unermessliche Sehnsucht nach menschlicher Nähe im gemeinsamen Schaffen und Musizieren und der direkten Begegnung mit unserem Publikum.

LOH: Inwiefern wurde Ihre Planung von den diesjährigen Bedingungen beeinflusst?
RB: Bereits im April zeichnete sich ab, dass viele der bereits engagierten ausländischen Künstler nicht kommen können würden – das Royal Northern College of Music in Manchester, dessen beste Studenten alljährlich unser Residenzorchester bilden, hatte seine Türen bis über den Sommer hinaus geschlossen, ein Ensemble aus Österreich, das eigentlich eine klassische Oper gespielt hätte, hatte abgesagt und viele weitere europäische und sonstige internationale Künstler schreckten vor den bestehenden Einreiseregelungen und der drohenden Quarantäne zurück.
Vor diesem Hintergrund war klar: es würde keine Opernproduktion, keine großen Sinfoniekonzerte und auch keine Theaterveranstaltungen mit Beteiligung einer größeren Gruppe örtlicher Laienschauspieler geben. Ich habe sofort, nachdem die aktuellen Dekrete der italienischen Regierung es ausdrücklich zuließen, ein neues Cantiere-Gesamtprogramm entwickelt und es geschafft, doch immerhin 35 von ursprünglich 50 Veranstaltungen zu retten. Um die Notwendigkeit der Abstandswahrung der Musiker zueinander in künstlerischen Ausdruck zu verwandeln, habe ich sogar ein neues Projekt erdacht und vier Komponisten beauftragt, sich mit den Themen ‚Verlust und Einsamkeit’, ‚Innerer Dialog’ sowie den Möglichkeiten der Kommunikation über weite Distanzen zu beschäftigen.
Insgesamt kamen uns zwei wesentliche und Cantiere-spezifische Gegebenheiten sehr entgegen. Zum einen hätten wir ohnehin einen Großteil der Konzerte open-air veranstaltet, so wie wir dies nun konsequent auf drei verschieden großen Bühnen tun werden, zum anderen sind wir, im Vergleich zu kommerziellen Festivals, nicht auf die Einnahmen an der Abendkasse angewiesen und können es uns sogar leisten, unsere Eintrittskarten als Zeichen der Solidarität zu stark reduzierten Preisen zu verkaufen.

Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Da das Cantiere Internazionale d’Arte laut dem ‚Giornale della Musica’ seit Jahren zu den zehn wichtigsten Festivals in Italiens zählt, entsprach es auch ausdrücklich dem politischen Willen des Bürgermeisters und des Stadtparlaments, das Cantiere so reichhaltig und umfangreich zu veranstalten wie nur irgend möglich. Neben der langjährigen großzügigen Unterstützung seitens des Italienischen Kultusministeriums werden wir in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal auch durch das Deutsche Auswärtige Amt gefördert. Immerhin sind wir wie nur wenige Veranstalter in der Lage, Beethovens 250. Geburtstag gebührend, d.h. mit Orchester- und Kammerkonzerten und namhaften Solisten zu feiern. Weitere Bezüge zu Deutschland stellen wir im übrigen mit einer Hommage à Detlev Glanert, einem neuen Theaterprojekt des Regisseurs Marco Tullio Giordana auf der Grundlage des Briefwechsels Henze/Bachmann und dem Cantiere-Debüt des jungen Zeisig-Trios (Bundespreisträger ‚Jugend musiziert’) her.

LOH: Wofür steht das Motto Caos e Creazione – Scienca Arte Utopie oder anders gefragt, was ist darunter zu verstehen?
RB: Ursprünglich sollte der Titel etwas anders lauten, nämlich Scienza, Arte, Utopie – Prometheus reloaded. Er beschließt eine Trilogie, die vor drei Jahren mit Vita, Morte, Meraviglie begann und sich mit den Fragen der persönlichen Identität und der Rolle jedes einzelnen im ‚großen Welttheater’ befasste, dann im vergangenen Jahr in das Thema Amore, Passione, Follia mündete, in dem es um die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Beziehungen zwischen mindestens zwei Menschen ging, und die schließlich hinführen sollte zu der Frage der sozialen und politischen Verantwortung des Individuums innerhalb der Gesellschaft und der Auslotung von Utopien einer besseren Welt.
Vor dem Hintergrund der allgemeinen Situation (und dem praktischen Umstand, dass einige bedeutende Orchesterwerke zum Thema Prometheus nicht mehr aufführbar waren), habe ich der diesjährigen Ausgabe den neuen Übertitel Caos e Creazione – Chaos und Schöpfung gegeben. Ich gehe dabei davon aus, dass wahre Kreativität ihren Ursprung in der Suche nach Ordnung und Sinn inmitten der Unordnung, des Chaos und damit der Formlosigkeit hat.
Das ‚Prometheus-Prinzip’ ist dabei, dass nur der durch Wissenschaft und Kunst sensibilisierte und gebildete Mensch in der Lage ist, neue Konzepte des Zusammenlebens zu entwickeln, Träume Wirklichkeit werden zu lassen und Utopien tatsächlich zu leben.
Vivere l’utopia! – das war und bleibt das Ur-Motto Henzes!

LOH: Seit zwölf Jahren leiten Sie das Festival als musikalischer Direktor, die letzten sechs Jahre als künstlerischer Gesamtleiter. Welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?
RB: Schon als ich 2009 als musikalischer Leiter an der Seite von Detlev Glanert als künstlerischem Leiter anfing, war für uns beide wichtig, jedes Cantiere-Jahr unter ein bestimmtes Motto oder Thema zu stellen, das uns relevant für die Zeit erschien und uns einerseits zu bestimmten Projekten inspirierte, andererseits aber die Auswahl der unendlich scheinenden Möglichkeiten musikalischer Programme erleichterte.
Da die Verträge mit der Fondazione Cantiere immer auf drei Jahre beschränkt sind, habe ich gelernt, in Dreierschritten zu denken und zu planen. Für die ersten drei Jahre standen nach kürzester Zeit die Themenfelder Inferno, Purgatorio und Paradiso fest – frei nach Dante. Nach meiner Verlängerung und an der Seite des künstlerischen Leiters Vincent Monteil widmeten wir uns den Elementen Wasser, Luft und Feuer – im vollen Bewusstsein, dass das vierte Element, die ‚Erde’, fehlte.
Als ich dann ein weiteres Mal verlängert wurde und mir sogar die künstlerische Gesamtleitung angetragen wurde, beschloss ich, das Element ‚Erde’ zum neuen Ausgangspunkt meiner programmatorischen Überlegungen zu machen. So entstanden die Ausgaben Terra, Guerra e Pace, Natura e Tecnologia und schließlich Contemplazione ed Estasi.
Die sinfonischen und sonstigen musikalischen Programme standen jeweils in engem Zusammenhang mit den betreffenden Themen, so wie auch jedes Cantiere zu einem in sich geschlossenen kleinen Gesamtkunstwerk wurde. Es würde definitiv den Rahmen dieses Interviews sprengen, wollte ich auch nur eine Auswahl dessen erwähnen, was wir innerhalb der letzten zwölf Jahre auf die Bühne gebracht haben.
Wichtig erschien mir jedenfalls immer und ganz im Sinne Henzes, möglichst alle Genres vertreten zu sehen, Oper, Theater, Tanz, Sinfonik, Kammer- und Kirchenmusik, Recitals, Performance, Ausstellungen mit Musik und vieles mehr, dabei eine gute Balance zwischen traditionellem Repertoire, Vergessenem und Zeitgenössischem zu wahren, junge Menschen als neues, nachwachsendes Publikum zu begeistern und jungen Talenten die größtmögliche Unterstützung zu Teil werden zu lassen.

LOH: Nach zehn Jahren sind Sie zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden.
RB: Tatsächlich war dies eine der größten und auch schönsten Überraschungen während meiner Zeit in Montepulciano. Nachdem ich eigentlich schon längst zum ‚mezzo-Italiano’ geworden war, wurde ich vom damaligen Bürgermeister Andrea Rossi für ‚herausragende Verdienste um das kulturelle Leben der Stadt Montepulciano’ öffentlich mit der Verleihung des Grifo Poliziano geehrt, was einer Ehrenbürgerschaft entspricht.

LOH: Nach zwölf Jahren äußerst erfolgreicher Arbeit hören Sie auf? Warum? Entsteht langsam Wehmut?
RB: Montepulciano ist ein magischer Ort, der Berg vielleicht, an dem Noahs Arche strandete, oder gar das Paradies. Niemand, der dort einmal war, möchte freiwillig so schnell wieder gehen.
Was das Cantiere anbetrifft, gehört eine ständige Erneuerung jedoch zu den Grundvoraussetzungen seines Weiterbestehens und seines Erfolges. Für mich war es von größter Bedeutung, den richtigen Zeitpunkt zu finden und vor allem meinem Nachfolger ein bestelltes Feld zu hinterlassen. Daher habe ich bereits vor drei Jahren meinen Rücktritt angekündigt und damit mir selbst und allen meinen fantastischen Mitarbeitern die Gelegenheit gegeben, wirklich vorzusorgen für die Zukunft nach meinem letzten Konzert am 2. August.
Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, die natürlich wie im Fluge vergangen ist, aber gleichzeitig mehr als ein Viertel der Geschichte des Cantiere ausmacht. Niemand unter meinen Vorgängern war so lange engagiert. Ich bin unendlich dankbar für all das, was ich erfahren und lernen und zum ‚großen Ganzen’ beitragen durfte und ich gehe erfüllt und glücklich, um eines Tages als Freund wiederzukommen.

LOH: Welche Projekte haben Sie für die Zukunft? Werden Sie auch in Frankfurt wieder am Pult stehen?
RB: Im Moment herrscht eine allgemeine Unsicherheit. In der Tat ist es ja leider so, dass keiner genau weiß, ob und wie es nach der Sommerpause weitergehen wird. Viele Engagements, gerade die im Ausland, sind noch in der Schwebe. Ich hege die große Hoffnung, dass ich (zusammen mit allen anderen ausübenden Künstlern) wieder anfangen können werde zu arbeiten. Die nächsten zukünftigen Engagements sind an der Oper Frankfurt, Opéra de Nice, Teatro Regio di Torino und bei den Tiroler Festspielen Erl.
Als Dirigent hat man natürlich immer zu tun, am Schreibtisch vor der Partitur und am Klavier, das ist oft mit soviel Muße wie jetzt gar nicht möglich. Außerdem: Seit einiger Zeit habe ich wieder angefangen, mit größter Freude und Hingabe zu komponieren, tue das aber im Moment (noch) unter einem (französischen) Pseudonym, mit geplanten Uraufführungen und einigem Erfolg im In- und Ausland – sehr spannend! Und als Komponist wüsste ich etwaige Lücken im Kalender sehr gut zu nützen.

LOH: Lieber Roland Böer, im Namen unserer IOCO Community wie unserer Leser möchte ich mich herzlich für dies so inhaltsreiche Gespräch bedanken. Natürlich wünschen wir Ihnen wie Ihren kunstschaffenden Kollege/nnen auch, daß die so belastenden derzeitigen Unsicherheiten bald enden.

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Roland Böer, Dirigent und künstlerischer Leiter in Montepulciano @ Marco Mazzolai

Roland Böer, Dirigent und künstlerischer Leiter in Montepulciano @ Marco Mazzolai

Roland Böer  ist ein international freischaffender Opern- und Konzertdirigent. Als erster Gastdirigent war er am Mikhailowsky-Theater in Sankt Petersburg bis 2019 engagiert. Seit sechs Jahren ist er künstlerischer und musikalischer Leiter des Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano. Nachdem er 2009 an der Seite des Komponisten Detlev Glanert zunächst als musikalischer Leiter engagiert worden war, wurde ihm 2015 auch die künstlerische Gesamtleitung der 1976 von Hans Werner Henze gegründeten „Internationalen Kunstwerkstatt“ anvertraut; er ist für die Planung und Durchführung von rund fünfzig Veranstaltungen mit bis zu 400 Mitwirkenden pro Saison, darunter Oper, Musical, Theater, Performance und Ballet, sowie Sinfonie- und Chorkonzerte, Kammermusik, Recitals, Kurse und Ausstellungen verantwortlich

Nach seinem Studium bei Prof. Peter Falk und Prof. Günther Wich an der Staatlichen Hochschule für Musik Würzburg war Roland Böer von 1996 bis 1999 zunächst Solorepetitor an der Oper Frankfurt, von 1999 bis 2002 Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung an der Deutschen Oper am Rhein und gleichzeitig persönlicher Assistent von Antonio Pappano bei den Bayreuther Festspielen, am Théâtre de la Monnaie in Brüssel und am Royal Opera House Covent Garden in London, bevor er von 2002 bis 2008 als Kapellmeister an die Oper Frankfurt zurückkehrte. Während dieser Zeit erarbeitete er sich ein breitgefächertes Repertoire mit Werken, Verdi, Puccini, Strauss und Wagner, von Händel bis Henze, aber auch zeitgenössische Opern.

Seit seinem Debüt an der English National Opera London 2005 mit La Clemenza di Tito und beim Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom mit Così fan tutte ist Roland Böer einer der meist gefragten Mozart-Interpreten seiner Generation. So leitete er beispielsweise Produktionen von Die Zauberflöte am Teatro alla Scala, Milano, am Royal Opera House, London und der Deutschen Oper Berlin, Idomeneo und Die Entführung aus dem Serail an der Oper Frankfurt, Le Nozze di Figaro an der Opéra du Rhin in Straßburg, der Polnischen Staatsoper in Warschau, am Teatro dell’Opera di Roma, Don Giovanni mit dem Philharmonischen Orchester Bergen, Thamos mit dem Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino Così fan tutte an der Opera di Firenze.

Er gastierte an der Komischen Oper Berlin (Salome), dem Theater Bonn Der fliegende Holländer und der Wiener Volksoper Salome, Rusalka, Tiefland, dem Teatro Regio di Torino, dem Teatro Petruzzelli di Bari, dem Stadttheater Bern Hänsel und Gretel, an der Opéra National du Rhin Straßburg und der Opéra de Lyon, dem Théâtre de la Monnaie Brüssel L’Heure espagnole, L’enfant et les sortilèges, den Königlichen Opernhäusern Kopenhagen Albert Herring, Tannhäuser, dem Stockholm Manon Lescaut, Der Rosenkavalier, der Ungarischen Staatsoper Budapest und dem Tschechischen Nationaltheater Prag Elektra, sowie am New National Theatre Tokyo Die Zauberflöte.

Eine langfristige und besonders erfolgreiche Beziehung pflegt Roland Böer mit der Opéra de Nice. Hier leitete er ausschließlich Neuproduktionen. Im Bereich der zeitgenössischen Oper leitete er Produktionen von Pollicino (Hans Werner Henze), Tri Sestri (Peter Eötvös), Nacht (G. F. Haas) und Enrico (Manfred Trojahn), sowie die Uraufführung von Icarus (David Blake und Keith Warner). Auch an der Oper Frankfurt ist er regelmäßig  Gast, unter anderem für Arabella, Die verkaufte Braut, Hoffmanns Erzählungen und La Damnation de Faust. Für die Spielzeit 2021/22 ist die Uraufführung der neuen Oper von Hauke Berheide und Amy Stebbins, The People out there, im Auftrag der Oper Frankfurt und gemeinsam mit dem Ensemble Modern geplant.

Als Konzertdirigent leitete Roland Böer die Filarmonica della Scala, das London Symphony Orchestra, das Oslo Philharmonic Orchestra, das Radiosinfonieorchester Frankfurt und das Rundfunkorchester des Bayerischen Rundfunks, die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken /Kaiserslautern, das Philharmonische Orchester Erfurt und die Staatsphilharmonie Nürnberg, das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra und das Bournemouth Symphony Orchestra, das Orchestre Philharmonique de Luxembourg und das Sinfonieorchester des Mikhailovsky-Theater Sankt Petersburg. Er dirigierte außerdem das Ensemble Modern, Northern Sinfonia, das Scottish Chamber Orchestra und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Nach seinem erfolgreichen Debüt bei den Tiroler Festspielen Erl im Dezember 2019 wurde er für drei weitere Konzerte in den nächsten Spielzeiten engagiert.

Neben dem Hauptschwerpunkt seines symphonischen Repertoires, den Werken von Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms, Anton Bruckner, Gustav Mahler, Richard Strauss und Hans Werner Henze, widmet sich Roland Böer regelmäßig der Aufführung oder Uraufführung zeitgenössischer Werke, etwa von Kalevi Aho, Francesco Antonioni, Detlev Glanert, Moritz Eggert, Mauro Montalbetti, Hannes Pohlit, Rolf Rudin und Ludger Vollmer.

Roland Böer verbindet mit dem Royal Northern College of Music in Manchester (RNCM) eine nunmehr zwölfjährige, intensive Zusammenarbeit. Mit dem RNCM Symphony Orchestra, dem Orchestra-in-Residence des Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano, erarbeitet er alljährlich zwei bis drei große sinfonische Programme, aber auch Opernproduktionen und Ensemblekonzerte. Mit der Verleihung des „Congregation Award“ und der offiziellen Aufnahme als Fellow RNCM wird sein langjähriger, erfolgreicher Beitrag zur Ausbildung dieses quasi professionellen Hochschulorchesters im Dezember 2020 eine besondere Würdigung erfahren. In Mailand arbeitete er mit dem Orchester der Accademia della Scala in Mailand und war Leiter eines großangelegten Gemeinschaftsprojekts mit ausgewählten Studierenden der Hochschulen Brüssel, Antwerpen und Maastricht. Er war außerdem mehrfach Vorsitzender der Jury internationaler Gesangswettbewerbe, wie Giulio Neri in Torrita di Siena und Lauritz Melchior in Aalborg, und dirigierte die Finalkonzerte der internationalen Gesangswettbewerbe Queen Sonia und Queen Elisabeth in Oslo und Brüssel.

—| IOCO Interview |—

Baden-Baden, Festspielhaus, En suite-Festival – Tamestit, Tjeknavorian, Zassimova, 18.07. – 30.8.2020

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

En suite – Festival – 18.7. – 30.8.2020

  Antoine Tamestit – Telemann, Bach – 18.7. – 19.7.2020

Die Festspiele Baden-Baden finden im Sommer 2020 in Hotels und dem Museum Frieder Burda statt. Unter dem Motto En suite gibt es ein Konzert-Programm mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern sowie fest eingeplanten „Aha- Effekten“ vom 18. Juli bis zum 30. August 2020.

„Wer die Begriffe Baden-Baden, Musik und Hotel zusammenfügt, erzeugt angenehme Bilder in den Köpfen der Menschen“, so Stampa. Der Intendant möchte die durch die Corona-Pandemie erzwungene Spielpause auf diese angenehme Weise beenden. „Wir tasten uns langsam wieder an Live-Veranstaltungen heran – derzeit in kleinem Rahmen, der in Baden-Baden aber auch immer die Begriffe Sicherheit und Wohlergehen mitschwingen lässt“.

Das vollständige  Programm – En suite und mehr – HIER!

Das En suite – Festival begrüßt Solistinnen und Solisten wie den französischen Ausnahme-Bratschisten Antoine Tamestit, ein Streich-Trio um den gefeierten österreichischen Geiger Emmanuel Tjeknavorian, die in Baden lebende russische Pianistin Anna Zassimova sowie die international gefeierten Ensembles delian::quartett und das Schumann-Quartett.

Spielorte sind der Maler-Saal des Hotels Maison Messmer, die Orangerie des Brenners Park Hotel sowie das Museum Frieder Burda (in Zusammenarbeit mit dem Hotel „Kleiner Prinz“).

Den Auftakt macht im Malersaal des Hotels Maison Messmer der international als einer der einzigartigsten Bratschisten gefeierte Antoine Tamestit. In seinen Konzerten am Samstag 18. Juli, 16 Uhr, und Sonntag 19. Juli, 11 Uhr, stellt er auf reizvolle Weise Werke Johann Sebastian Bachs denen seines Zeitgenossen Georg Philip Telemann gegenüber. Festspielhaus-Dozent Dariusz Symanzski wird in das Konzert einführen und so für zusätzliche Aha-Effekte beim Musikgenuss sorgen.

Festspielhaus Baden - Baden / Antoine Tamestit à Paris en octobre 2016 © Julien Mignot / harmonia-mundi

Festspielhaus Baden – Baden / Antoine Tamestit à Paris en octobre 2016 © Julien Mignot / harmonia-mundi

Sowohl als Solist, Rezitalist und Kammermusiker ist Antoine Tamestist für seine unübertroffene Technik und die vielgerühmte Schönheit seines farbenreichen Bratschentons bekannt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen bei renommierten Instrumentalwettbewerben, wie bei den New Yorker Young Concert Artists Auditions und dem Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Und auch sein Instrument ist einzigartig: Antoine Tamestist spielt die vielleicht wertvollste Viola der Welt:

Er konzertiert auf der 1672 von Stradivari gebauten „Mahler“- Bratsche, die vermutlich erste Viola, die von Stradivari stammt. Sein Repertoire reicht von der Barockzeit bis zur Gegenwart. In der aktuellen Saison sollte er mit einem umfangreichen Programm an Solo- und Kammerkonzerten „Portrait  Artist“ des London Symphony Orchestra sein, was die Corona-Pandemie unmöglich gemacht hat. Seine Residenz an der Kammerakademie Potsdam konnte er mit zwei Konzerten zumindest teilweise in Anspruch nehmen.

Er spielte mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dem Orchestre de Paris, den Wiener Symphonikern, dem Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra und dem São Paulo Symphony Orchestra. Neben Sir John Eliot Garniner arbeitet er regelmässig mit den Dirigenten Valery Gergiev, Riccardo Muti, Marek Janowski, Antonio Pappano, François-Xavier Roth und Franz Welser-Möst zusammen.

In der Zeit Bachs und Telemanns hatte die Bratsche im Ensemble der Streichinstrumente noch sehr viel mehr zu tun, als viele ihr heute zutrauen: Die Unterwerfung der Mittelstimmen kam erst im Rokoko und in der Wiener Klassik. War die Bratsche zuvor gleichberechtigter Partner im polyphonen Stimmgeflecht, verschwand sie nun in der vernachlässigten Mitte zwischen den Geigen, die oben jubilierten, und den Celli und Bässen, die unten Halt gaben. Tamestit deutet in seinem Programm die Bratsche wieder um: aus der lauen Mitte wird der wandlungsfähige, nach vielen Seiten offene Mittler: Denn es ist eine Stärke seines Instruments, dass auf ihm spieltechnisch alles möglich ist, was auch die Geige kann, wenn auch deren brillante Höhe fehlt. Zudem hat die Bratsche im tieferen Register mehr zu bieten als ihre zierliche Schwester – sie betört mit warmem, vollem Ton.

Festspielhaus Baden - Baden / Malersaal Baden-Baden © Maison Messmer

Festspielhaus Baden – Baden / Malersaal Baden-Baden © Maison Messmer

In den Konzerten am 18. und 19 Juli erklingen im Malersaal des Maison Messmer Fantasien von Georg Philipp Telemann und Suiten von Johann Sebastian Bach. Entstanden sind Bachs Suiten wie auch Telemanns Fantasien in den 1720er und 30er Jahren. Waren Telemanns Fantasien im Aufbau von Bach gar nicht so weit entfernt – auch in ihnen verbergen sich kleine Tanzsuiten und flotte Gigues im Dreiachteltakt.

Doch während bei Bach die Musik voranschreitet wie in einem Selbstgespräch oder einer Meditation, hört man bei Telemann das „Publikum“ immer gleich mit. Er bevorzugte klar umrissene, eingängige Melodien und folkloristische Rhythmen und komponierte mit Blick auf musikalische Laien, die seine Noten kauften oder Unterricht bei ihm nahmen. Damit stieß er eine Tür auf zur bürgerlichen Musikkultur, die nicht mehr für Gott oder den König, sondern für sich selbst musizierte.

Dass er in Leipzig aus geselligem Musizieren unter Studenten die öffentlichen „Kollegiumskonzerte“ formte, passt in diese neue Musikkultur. Sein Nachfolger als Leiter dieser Konzerte war dann gleichwohl kein Geringerer als Bach. Der Malersaal aus der Zeit der Belle Époque ist das Herzstück unter den festlichen Sälen, die das traditionsreiche Hotel Maison Messmer für außergewöhnliche und exklusive Veranstaltungen bereithält. Schon im alten „Messmer“ war der Malersaal Ort für festliche Events, hier gab sich die High Society von Baden-Baden ein Stelldichein. Aufwendig restauriert, mit über sieben Metern Raumhöhe und einem geradezu imperialen Ambiente, knüpft der Malersaal heute wieder an diese Tradition an und bietet einen idealen Rahmen für den En suite- Auftakt.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Baden-Baden, Festspielhaus, Simon Rattle – London Symphony Orchestra, 20. & 21.02.2020

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

 Simon Rattle zurück – London Symphony Orchestra

 Zwei Konzerte in Baden-Baden

Donnerstag, 20 Februar 2020, 20 Uhr
Freitag, 21. Februar 2020, 20 Uhr

Sir Simon Rattle ist in Baden-Baden besonders beliebt. Schließlich war er einer der Protagonisten im Wechsel der Berliner Philharmoniker 2013 zu den Osterfestspielen nach Baden-Baden. Am 20. und 21. Februar 2020, jeweils 20 Uhr, kehrt Simon Rattle mit seinem neuen Orchester, dem London Symphony Orchestra, nach Baden-Baden zurück. Auf dem Programm der kleinen Residenz des britischen Spitzenorchesters in Baden-Baden steht ein besonders selten gespieltes Werk von Ludwig van Beethoven.

Festspielhaus Baden Baden / LSO, Rattle, Barbican © Candice Wittion

Festspielhaus Baden Baden / LSO, Rattle, Barbican © Candice Wittion

Sein einziges Oratorium Christus am Ölberge zählt zu den Wiederentdeckungen dieses „Beethoven-Jahres“ 2020. Diese Aufführung krönt das erste Konzert des London Symphony Orchestras am Donnerstag, 20. Februar 2020 um 20 Uhr im Festspielhaus Baden-Baden. Solistinnen und Solisten sind Elsa Dreisig (Sopran) und Pavol Breslik (Tenor). Pavol Breslik hat wie Sir Simon Rattle eine besondere Geschichte in Baden-Baden. Er war der Tamino der ersten Osterfestspiel-Oper „Die Zauberflöte“ 2013.
Beethovens einziges Oratorium

Bereits 1803 wurde Christus am Ölberge Werk uraufgeführt, jedoch erst 1811 in Notenform veröffentlicht. Darum trägt es die relativ hohe Opus-Zahl 85. Nach den 1790 in Bonn komponierten Vokalwerken „Kantate auf den Tod von Kaiser Joseph II.“ und „Kantate zur Erhebung von Leopold II.“ war Christus am Ölberge der Forschung nach das erste Vokalwerk des Komponisten. Er wählte die Gattung des Oratoriums, weil auf Grund der Fastenzeit die Aufführung von Opern verboten war. Das Libretto stammt vom Wiener Literaten Franz Xaver Huber, der auch Herausgeber der Wiener Zeitung war.

Festspielhaus Baden Baden / LSO, Rattle, Barbican © Candice Wittion

Festspielhaus Baden Baden / LSO, Rattle, Barbican © Candice Wittion

Christus am Ölberge wurde in Wien, am 5. April 1803, einem Dienstag in der Karwoche, innerhalb einer Akademie uraufgeführt, in der auch die erste und zweite Sinfonie Beethovens und sein Klavierkonzert Nr. 3 erklangen. Akademien waren Sammelbegriffe für kleine Festivals, in denen „Klassiker“ und neue Musik aufgeführt wurden. Beethoven soll noch am Morgen des Premierentages seinen Schüler Ferdinand Ries mit den Posaunenstimmen zum probenden Orchester geschickt haben, nachdem er diese noch in der Nacht ausgearbeitet hatte – so sehr standen die letzten Vorbereitungen unter Zeitdruck.

Festspielhaus Baden Baden / Lisa Batiashvili © Sammy Hart /DG

Festspielhaus Baden Baden / Lisa Batiashvili © Sammy Hart /DG

[Von Lisa Batiashvili wurden verschiedene Aufnahmen bei der deutschen Grammophon veröffentlicht.]

Sir Simon Rattle macht sich für eine Wiederentdeckung dieses Oratoriums stark: „Als ich Christus am Ölberge zum ersten Male hörte, war ich einfach verwirrt und fragte mich: Warum wird dieses Werk nicht häufiger aufgeführt? Natürlich sind darin einige Ecken und Kanten, aber die gibt es auch in Beethovens neunter Sinfonie. Aber: Wir begegnen hier Beethoven an einem entscheidenden Punkt seines Lebens, an dem er sich zum ersten Male mit seiner schwindenden Hörkraft auseinandersetzt. Er reflektiert, und auch Jesus reflektiert am Ölberg darüber, wie er diese dunkle Stunde überstehen kann.“ Vor diesem Oratorium interpretieren die Geigerin Lisa Batiashvili, Sir Simon Rattle und das London Symphony Orchestra Alban Bergs Violinkonzert Dem Andenken eines Engels aus dem Jahr 1935. Mit diesem „Engel“ ist Manon Gropius gemeint, die gemeinsame Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius. Sie war 18-jährig an Kinderlähmung gestorben. Ein Tod, der die Wiener Gesellschaft erschütterte.

Am zweiten Abend, dem 21. Februar, dirigiert Sir Simon Rattle Beethovens neunte Sinfonie d-Moll und stellt ihr Alban Bergs sinfonische Stücke aus der Oper Lulu voran.

Dieses Konzert ist seit Wochen ausverkauft. Ab 18 Uhr werden Stehplatzkarten zum Preis von 15 Euro an der Abendkasse des Festspielhauses verkauft.

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Baden-Baden, Festspielhaus, Hamburg Ballett – Orphée et Eurydice, 27.09.2019

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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 John Neumeier / Hamburg Ballett – Orphée et Eurydice

 Saison 2019/2020 – Beginn mit Grundpfeiler europäischer Kulturgeschichte  

Im Festspielhaus Baden-Baden beginnt am 27. September 2019 um 19 Uhr eine neue Ära. Intendant Benedikt Stampa begrüßt das Publikum an diesem Abend als neuer Hausherr in Deutschlands größtem Opernhaus. Zur Eröffnung der Spielzeit 2019/2020 zeigen das Festspielhaus und das Hamburg Ballett John Neumeier die Oper Orphée et Eurydice von Christoph Willibald Gluck. Im Rahmen der Premierenfeier wird der neue Intendant an diesem Abend sein Publikum persönlich begrüßen.

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée - © Kiran West

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée – © Kiran West

Weitere Vorstellungen der Oper sind am Samstag, 28. September um 18 Uhr sowie am Sonntag, 29. September um 17 Uhr. Eintrittskarten gibt es unter www.festspielhaus.de oder Tel. 07221 / 30 13 101.

Der Salon des 21. Jahrhunderts in Baden-Baden
„Glucks ‚Orphée‘ ist eine Oper, die uns noch heute direkt ins Herz trifft“, sagt der neue Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa. Er möchte mit dem Publikum Meisterwerke neu entdecken und nachspüren, was Europa im Innersten zusammenhält. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es Mythen wie diese sind, die maßgeblich dazu beitragen, dass wir so sind, wie wir sind“, sagt der Intendant. Den Sehnsuchtsort Baden-Baden zu einem Salon des 21. Jahrhunderts entwickeln – das hat sich Benedikt Stampa mit Künstlern aus aller Welt auf die Fahnen geschrieben. Zu ihnen zählen in den kommenden Monaten Dirigenten wie Teodor Currentzis, Yannick Nézet-Séguin, Sir Simon Rattle,

Thomas Hengelbrock, Kirill Petrenko und Andris Nelsons sowie Sängerinnen und Sänger wie Cecilia Bartoli, Marlis Petersen, Renée Fleming, Diana Damrau und Jonas Kaufmann. Orchester wie die Berliner Philharmoniker, die Wiener Philharmoniker, das London Symphony Orchestra und das Gewandhausorchester Leipzig kommen 2019/2020 in rascher Folge nach Baden-Baden, der wiedererwachenden Kulturstadt im Herzen Europas.

Orphée et Eurydice – Christoph Willibald Gluck
youtube Trailer des Hamburg Ballett _ John Neumeier
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Grundpfeiler der europäischen Kultur
Die Baden-Badener Premiere der ersten Opernarbeit von Jahrhundert- Choreograf John Neumeier nach langer Zeit trägt verschiedene Botschaften in sich: „Es ist mir wichtig, dass wir mit dem Orpheus-Mythos einen Grundpfeiler der europäischen Kultur neu betrachten“, so Benedikt Stampa. Er ist sich sicher: Die Kunst kann unser Leben verändern, ja, verbessern, wenn wir sie ernst nehmen.

Visionär im Dienste des Publikums
Die aus der griechischen Mythologie erwachsene Geschichte der Oper Orphée et Eurydice handelt vom besten Sänger der Welt, der den Tod seiner Frau beklagt. Durch die Musik gerührt, gestatten die Götter dem Künstler, ins Reich der Toten zu kommen, und geben ihm die Chance, seine Frau Eurydike zu befreien. Der Gesang, der die Herzen der Götter erweicht, steht dabei für die Kunst an sich.

Viele Komponisten wurden durch die Orpheus-Sage angeregt. Nach Claudio Monteverdi, einem der ersten Opernkomponisten überhaupt, schuf Christoph Willibald Gluck Mitte des 18. Jahrhunderts gleich mehrere Fassungen seiner „Orpheus-Oper“, darunter 1774 die nun in Baden-Baden aufgeführte Pariser Fassung. Christoph Willibald Gluck (1714–1787) war der einflussreichste unter den Komponisten, die versuchten, die Oper damals wieder zu dem zu machen, was sie 100 Jahre zuvor schon einmal war: eine Kunst, deren Erzählform  realistischen Prinzipien folgte und nicht allein den technischen Möglichkeiten der Sängerinnen und Sänger. Glucks Ziele waren dramatische Wahrhaftigkeit und die Anteilnahme des Publikums am Gefühlsleben und Schicksal der Charaktere. Die Oper sollte keine leere Rhetorik, sondern dramatische Handlung entwickeln, keine starren Charaktere auf die Bühne stellen, sondern Menschen und ihre Leidenschaften porträtieren.

John Neumeier © IOCO

John Neumeier © IOCO

Getreu der primären Intention des Komponisten, menschliche Gefühle intuitiv erfahrbar zu machen ohne sie hinter musikalischer oder gesangstechnischer Virtuosität zu verstecken, entwickelte der Hamburger Ballettintendant und Chefchoreograf ein „Gesamtkunstwerk“, das die unmittelbare Kommunikation mit dem Publikum mittels wiedererkennbarer, nahbarer Emotionen in den Vordergrund stellt: „Wir alle haben Verlusterfahrungen gemacht –auch wenn sie nicht die Dimension des Wahnsinns erreichen, wie sie meiner Ansicht nach in Orphée gezeigt werden“, so John Neumeier.

Hamburg Ballett trifft Freiburger Barockorchester
Zur Eröffnung der Festspielhaus-Saison 2019/2020 trifft das Hamburg Ballett John Neumeier in Baden-Baden auf ein eigens für diese Aufführungen zusammengestelltes Solistenensemble. Die Musikalische Leitung hat Alessandro De Marchi. Dmitry Korchak (27./29.9.) und Maxim Mironov (28.9.) singen die Partie des Orphée. Arianna Vendittelli ist Eurydice und Marie- Sophie Pollak übernimmt die Rolle des Amour. Im Baden-Badener Orchestergraben nimmt das Freiburger Barockorchester Platz. Das Vocalensemble Rastatt stellt den Chor dieser szenischen Aufführungen.

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