Dresden, Kulturpalast, London Philharmonic Orchestra – Vladimir Jurowski – Jan Vogler, IOCO Kritik, 20.11.2019

November 19, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, Kulturpalast

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

  London Philharmonic Orchestra – Vladimir Jurowski – Jan Vogler

Britten – Mahler – Zweites Dresdner Palastkonzert

von Thomas Thielemann

Vieles verbindet das Dresdner Musikleben mit der Dirigentendynastie Jurowski. Der 1945 als Sohn des Komponisten Wladimir Jurowski (1915-1972) geborene Mikhail Wladimirowitsch war seit 1988 Gastdirigent der Semperoper und wäre fast Bürger der Stadt geworden. So aber rief Berlin und Mikhail begrenzte seine Verbindungen zur Stadt mit zahlreichen Gastdirigaten bei der Staatskapelle, der Dresdner Philharmonie und bei den Gohrischer Schostakowitsch-Festtagen. Sein älterer Sohn Vladimir (geboren 1972) nahm 1990 ein Studium an der hiesigen Musikhochschule Carl-Maria-von-Weber unter anderem bei Colin Davis auf, folgte aber dann der Familie. Als Dreißigjähriger debütierte er 2002 mit großem Erfolg mit Pendereckis Oper Der Teufel von London an der Semperoper und ist seit dem als Gastdirigent der Staatskapelle mit außergewöhnlichen Programmen ein Erfolgsgarant. Bei seinen Gastdirigaten im Semperbau war Vladimir Jurowski fast ausschließlich mit den wenig populären schwierigeren Aufgaben betraut gewesen. Erinnert sei hier an Lera Auerbachs Dresdner Requiem im Jahre 2012, an das 11. Symphoniekonzert 2015 mit Werken von Sofia Gubaidulina, Tanjew und Skrjabin, an das 6. Symphoniekonzert 2017 mit Kompositionen von Zemlinski, Schulhoff und Martin? sowie das diesjährige 10. Symphoniekonzert mit den Sommernachtsträumen Henzes und Mendelssohns mit der etwas flippigen Isabel Karajan. Letztere hatte es Jurovski doch etwas schwer gemacht, sein Konzept durchzusetzen.

 Vladimir Jurowski @ Oliver Killig

Vladimir Jurowski @ Oliver Killig

Am 17. November 2019 kam er mit seinem London Philharmonic Orchestra in den Konzertsaal des Kulturpalast von Dresden, um  im Rahmen der Palastkonzerte mit Jan Vogler die Cello-Symphonie op. 68 von Benjamin Britten und Gustav Mahlers fünfte Symphonie zu spielen. Seit Jan Vogler 2007 das Orchester von Kurt Masur übernahm, ist er der Chefdirigent des 1932 gegründeten Klangkörpers.

Benjamin Britten © IOCO

Benjamin Britten © IOCO

Der bedeutende englische Komponist Edward Benjamin Britten (1913-1976) war 1963 von seinem Freund, dem russischen Cellisten, Dirigenten und Humanisten Mstislaw Rostropowitsch (1927-2007), gebeten worden, ihm ein Cellokonzert zu schreiben. Wegen seiner Symphonie-typischen Struktur mit vier Sätzen wird die Komposition üblicherweise als „Symphonie für Cello und Orchester op. 68“ bezeichnet. Erklärt wird diese außergewöhnliche Struktur mit den Umständen, dass sich der erklärte Pazifist und Kriegsdienstverweigerer Britten in den 1960er Jahren mit den Schrecken und Leiden des zweiten Weltkriegs auseinandergesetzt hatte, aber mit seinem bekanntesten Werk War Requiem 1961 unter dem Eindruck des „Kalten Krieges“ noch nicht zum Abschluss seines Anliegens gekommen war.

Mit dem Rostropowitsch zugeeigneten Cellokonzert widmete er sich nochmals den Problemen von Krieg und Frieden. In drei Sätzen, schnell majestätisch-sehr schnell unruhig-langsam, zeichnete er mit der Cello-Komposition mittels düsterer Klangfarben eine Reise vom Dunkeln ins Licht. Wie Nebelschwaden  sind die Cello-Passagen in den Klangteppich eingelagert. Mit einer dem Adagio unmittelbar angeschlossenen langen Kadenz, die wie eine Klammer von den drei trostlosen Sätzen zum hoffnungsvollen Finale überleitet, ist gleichsam organisch die komplexe symphonische Struktur entstanden. Die Komposition ist Brittens größte symphonische Arbeit und ist vor allem von seiner Freundschaft zu Rostropowitsch geprägt. Orchester und Solist agieren auf Augenhöhe. Britten verzichtete auf ein avantgardistisches Klangbild und greift vor allem auf Barockformen zurück.

Jurowski gelingt es, mit dem Orchester lebendig in die Klangwelt des Komponisten einzutauchen und eine überzeugende Deutung der Anti-Kriegs-Komposition Brittens vorzulegen. Dazu besonders aufregend der Klang von Jan Voglers Castelbarco-Fau-Cello von 1707 aus der Werkstatt von Antonio Stradivari (ca 1644-1737), wenn Solist und Orchester besonders im Adagio eine trostlose Landschaft zaubern. Nach der brillanten Kadenz von Jan Vogler wird der Beginn des Finalsatzes von einem grandiosen Trompetenthema, grandios gespielt vom Solo-Trompeter der Londoner  Paul Beniston dominiert.  Auffällig waren der massive Einsatz des präzis gespielten Schlagzeugs und dessen ungewöhnliche Kombinationen mit dem Cello. Für mich war eine höchst aktuelle Auslegung der Gedanken Brittens geboten worden.

 Vladimir Jurowski und das London Philharmonic Orchestra @ Oliver Killig

Vladimir Jurowski und das London Philharmonic Orchestra @ Oliver Killig

Im zweiten Teil des Konzertes brachten Jurowski mit den Londoner Philharmonikern die fünfte Symphonie von Gustav Mahler zu Gehör. Nun waren es gerade zwei Monate her, dass wir Mahlers Werk mit der Staatskapelle unter der Leitung von Daniele Gatti und in der doch kleineren Semperoper hören durften. Da war ein wunderbarer Vergleich zwischen den Orchestern, den unterschiedlichen Temperamenten der Dirigenten und der unterschiedlichen Klangentfaltung in beiden Sälen, möglich.

Nahezu auf Anhieb fiel der gravierend unterschiedliche Orchesterklang auf. Hört man doch oft Klagen, die Orchester würden zunehmend austauschbar klingen. Aber gegenüber dem weichen Klang der „Wunderharfe“ hörte sich das London Philharmonic Orchestra fast etwas ruppig an. Besonders bemerkt man die Unterschiede bei der Qualität der Streicher und der leichten Überfrachtung der Blechbläser bei den Londonern.

Unterschiede der Mahlerdeutung waren besonders deutlich beim Adagietto zu spüren. Gatti war bei seiner Interpretation bemüht gewesen, die Hörerwartungen insbesondere des Abonnenten-Publikums von der Verwendung der Mahler-Melodie in Viscontis „Tod in Venedig“ abzulenken. So blieb in der Erinnerung an das Gatti-Konzert, dass das Adagietto zum Teil zarter, zum Teil aber deutlich prononcierter dargeboten wurde. Jurovski ließ den Ohrwurm nach einer selten langen Satzpause gefälliger ohne Ecken und Kanten durchspielen. Beim Dirigat fiel vor allem Jurovskis Sinn für Balance, rhythmische Präzision und die technische Sicherheit auf, wie er die dramatische Form der komplexen Partitur mit straffen Ansagen bewältigte. Gatti hatte dagegen die Dresdner doch etwas an der „langen Leine“ laufen lassen.

Die Diskussion bezüglich einer eventuellen Übersiedelung der Staatskapelle in den größeren Konzertsaal des Kulturpalastes ist inzwischen zugunsten der Bestandslösung ausgestanden. Die Mahlersymphonie hörte sich bei allen Unterschieden der beiden Spielansätze im Kulturpalast präsentabler an und kam im Semperbau intimer und weniger „Welttheater-mäßig“ zur Geltung. Deshalb wäre es auch interessant, das Britten-Cellokonzert einmal im engeren Rahmen der Semperoper erleben zu können.

Das Konzert war bis auf wenige Plätze ausverkauft. Aus dem inzwischen selteneren festlichen Outfit der Besucher und der intensiven Nutzung des Caterings konnte man auf das typische Musikfestspielpublikum schließen. Entsprechend intensiv setzte der Beifall unmittelbar nach den letzten Takten der Musik ein und ging fast unmittelbar in stehende Ovationen über.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

CD-Rezension, Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold, IOCO Rezension, 10.03.2019

März 11, 2019 by  
Filed under Hervorheben, IOCO - CD-Rezension, Kritiken

Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold © NAXOS Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH

Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold © NAXOS Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH

NAXOS – CD : Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold 

Expressionistisches Drama mit packender Wucht wiederentdeckt.

 von Michael Stange

Erich Wolfgang Korngold zählte zu den besten und bekanntesten Filmkomponisten des 20 Jahrhunderts. Seine Filmmusiken für die Errol Flynn-Filme Captain Blood, Robin Hood und Essex haben in den Kinos und im Fernsehen Millionen von Hörern erreicht. Oscar prämiiert lag ihm in den dreißiger Jahren Hollywood zu Füßen.

Der Weg dorthin war ihm als Sohn des Wiener Musikkritikers Julius Korngold nicht vorgezeichnet. Geboren 1897 entpuppte er sich aber früh als eines der größten kompositorischen Talente seiner Zeit. Mit dem Ballett Der Schneemann startete er 11-jährig seine Karriere. Die vom Kompositionslehrer Alexander von Zemlinsky orchestrierte Pantomime wurde am 4.Oktober 1910 an der Wiener Hofoper uraufgeführt. Bei der Uraufführung seiner Oper Die tote Stadt Korngold er erst 23 Jahre alt.

Diese Begabung war aber zugleich auch sein großes Handicap. Von Jugend an Erfolg und Anerkennung gewöhnt, komponierte er nicht gern für die Schublade. Der einflussreiche Musikkritiker und Vater Julius Korngold öffnete ihm die Türen der Musikwelt. Er war gewöhnt, dass seine Werke sofort aufgeführt wurden. Das Wunder der Heliane vollendete er Ende der zwanziger Jahre nach einer längeren Schaffenspause in der er Operetten bearbeitete und dirigierte.

Theater Lübeck / Das Wunder der Heliane - hier : Applausfoto- vl Aris Argiris, Cornelia Ptassek, Zurab Zurabishvili, Katerina Hebelková © Patrik Klein

Theater Freiburg / Das Wunder der Heliane – hier : Applausfoto – vl Aris Argiris, Katerina Hebelkovà, Ian Storey, Annemarie Kremer © Patrik Klein

Als Das Wunder der Heliane 1929 uraufgeführt wurde, wehte aber musikalisch schon ein anderer Wind. Zur schärfsten musikalischen Konkurrenz des Werkes gehörten die von der Handlung wesentlich handfesteren Opern Cardillac von Hindemith, Wozzeck von Berg oder Johnny spielt auf  von Krenek.

Korngold war auch ein Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahnes. In Österreich wurde nach 1933 die Heliane überhaupt nicht, die Tote Stadt nur wenige Male aufgeführt.

Gleichwohl belegen achtzig Aufführungen des Wunders der Heliane bis zum Jahr 1931, dass das Werk früh seinen Weg auf die Bühne gefunden hatte. Anders als sein Lehrer Alexander von Zemlinsky, dessen Opern bis 1980 überhaupt nicht aufgeführt wurden, war Korngold aber nie – auch infolge seiner Filmmusiken – vergessen. Er kehrte oft nach Europa zurück, konnte sich dort aber nicht wieder als „ernsthafter“ Komponist etablieren. Man respektierte ihn zwar als noch als Mitglied der Musikszene, aber ihm haftete zugleich der Makel eines musikalisch unzeitgemäßen tonalen Fossils an.

Gleichwohl wurde seine Tote Stadt vom Bayrischen Rundfunk in einer heute noch hörenswerten Aufnahme mit Maud Cunitz und dem häufig unterschätzten Karl Friedrich unter Fritz Lehmann 1952 aufgenommen und die Oper 1955 mehrfach sehr erfolgreich im Münchner Prinzregententheater aufgeführt.

Anders als die Tote Stadt hat sich die Heliane nach dem Zweiten Weltkrieg – wie Die Ägyptische Helena von Richard Strauss – infolge des kulturpolitischen Gegenwindes der Avantgarde und der interpretatorischen Herausforderungen schwer behaupten können.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Das Wunder der Heliane in London 1959 und 1968 aufgeführt. Das Jahr 1970 brachte eine szenische Produktion in Ghent und eine weitere 1988 in Bielefeld. Edo de Waart nahm sich des Werkes 1995 in Amsterdam an. Vladimir Jurowski präsentierte es mit dem London Philharmonic Orchestra 2008 in Abu Dhabi, Taipei, Hong Kong, Sejong, Wien und London. Spätestens danach war der Bann gebrochen und es begann eine Welle der Wiederentdeckungen.

Hinderungsgrund für Aufführungen sind zudem die schwer zu besetzenden Hauptpartien. Richard Wagners Äußerung bei den ersten Bayreuther Festspiele 1875 gegenüber dem Gesangspädagogen Julius Hey: „Was hilft es mir, wenn ich noch so schöne Noten schreibe und keinen Sänger finde, der sie zu singen versteht?“ gilt auch für Korngolds Heliane. Die Hauptpartien verlangen Stimmen, die nahezu unmögliches leisten müssen. Weiteres Handicap für die Oper sind Handlung und Libretto. Sie gehören zum Absurdesten, was die Opernbühne zu bieten hat.

Korngolds Mysterienspiel fußt auf der Grundlage des früh verstorbenen österreichischen Dichters Hans Kaltneker. Die Handlung spielt im Reich eines grausamen Herrschers, der seinen Untertanen Freude und Lust verbietet. Hintergründe sind seine innere Einsamkeit, seine Lieblosigkeit und dass sich ihm seine Gattin, die Königin Heliane verweigert. Ein Fremder, der im Reich Freude predigen wollte, wird dafür zum Tode verurteilt und eingesperrt. Die Königin besucht ihn und ist von ihm fasziniert. Nach seinem Ausruf: „O gebt mir Euren Leib! Gebt mir das Wunder…“, lässt sie ihr Gewand fallen und zeigt sich ihm fast unverhüllt. Es erscheint der Herrscher, der den Fremden unter der Voraussetzung begnadigen will, dass er ihn lehre, wie er die die Liebe Helianes gewinnen könne.

Theater Lübeck / Das Wunder der Heliane - hier : Applausfoto vl Aris Argiris, Cornelia Ptassek © Patrik Klein

Theater Freiburg / Das Wunder der Heliane – hier  vl Nutthaporn Thammathi, Frank van Hove, Aris Argiris, Katerina Hebelkovà, Ian Storey, Annemarie Kremer  © Patrik Klein

Als er die leicht bekleidete Königin bemerkt, gerät er außer sich und vermutet Ehebruch. Bevor es auch zu einer Verhandlung gegen Heliane kommt, begeht der Fremde Selbstmord, um nicht gegen sie aussagen zu müssen. Die Königin wird, um selbst der Todesstrafe zu entgehen, aufgefordert, den Toten durch Gottesurteil wieder auferstehen zu lassen. Sie willigt zunächst ein.  Als aber zum Gottessurteil kommt verweigert sie die Anrufung Gottes mit den Worten: „Ja! Ja! Ich hab‘ ihn geliebt! An seinem Mund hab‘ ich Süße getrunken! Begnadet und schuldig sind wir zusammen gesunken.“ Unbeschadet dessen, wird der Fremde wieder zum Leben erweckt.

Darauf tötet der Herrscher Heliane und flieht, anschließend. Eng umschlungen, gehen Heliane und der Fremde in den Himmel. Die Welt verwandelt sich und der Vorhang schließt sich über Licht und Schönheit.

Trotz der vordergründig verworrenen und sperrigen Handlung bietet das Libretto, wenn man sich näher damit beschäftigt, tiefgründige psychologische Studien der Charaktere. Daneben prunkt die Oper mit immensem musikalischem Reichtum. Korngold befand es später für seine größte Komposition. Die Klangfülle des Orchesters, die Klangfarben und die musikalischen Einfälle vereinen packende Dramatik und inwendige lyrische Melodien. Korngold zeigte hier, über welchen Reichtum orchestraler Ausdrucksmöglichkeiten und Einfälle er verfügte.


Wer sich mit dem Libretto auf die Reise zu Erich Wolfgang Korngolds Heliane macht wird eine bedeutende Neu- oder Wiederentdeckung machen. Tablet- oder PC-Nutzern sei dazu folgender externe Link empfohlen:
[ es gilt die DSGVO der Zielseite : http://operagazet.be/ ]

http://operagazet.be/wp-content/uploads/2017/10/libretto_das_wunder_der_heliane.pdf


Die Firma Naxos hat einen wichtigen Dienst zur Verbreitung des Werks gemacht. Die zweite Veröffentlichung auf CD bietet ein lyrisch entschlacktes Korngold Bild. Die Aufnahme ist dramatisch wuchtig, packend und durchleuchtet den sinnlichen Melodienfluss mit feurigem Klang. Fabrice Bollon gelingen fließende meditativen Momente und auflodernde dramatische Szenen. Dadurch erhält die Oper ein eigenständiges Klangbild und scheint nicht als Plagiat von Strauss oder Puccini. Bollon baut immense Spannungen auf und kostet die Oper sinnlich aus.

Korngolds polytonale Klangsprache vereint Lyrik und dramatische Wucht und lässt Manches der späteren Filmmusiken vorausahnen. Aris Argris als Herrscher ist ein weiterer wesentlicher Pluspunkt dieser Aufnahme. Er verfügt über einen wuchtig dramatisch ausladenden schwarzen Heldenbariton mit einem enormen Stimmumfang. Auch die höchsten Lagen erreicht er mühelos. Gestalterisch gelingen ihm die Momente des sich nach Liebe sehnenden und vor Rache brennenden Herrschers mit glühender Leidenschaft und packend bösartiger Kraft. Er ist eine Idealbesetzung für diese Partie, da er heldenbaritonales Gewicht mit Belcanto-Gesang verbindet.

Annemarie Kremer ist eine glänzende Heliane. Mit lyrischem, farbenreichem Timbre und dramatischer Attacke gestaltet sie die Titelrolle. Sie überbewältigt in den dramatischen Szenen mit Feuer und Intensität. Die Arie „Ich ging zu ihm..“ klingt berührendem inwendig. Ian Storey als Fremder bietet in großen Teilen ein überzeugendes Rollenportrait, hat aber im Finale hörbare Mühe. Katerina Hebelkovà als Botin singt die Partie mit leuchtendem Mezzosopran. Frank van Hove ist ein stimmstarker Pförtner mit lyrischem Bass. Nutthaporn Thammathi ist ein gewichtiger und imposanter Schwertrichter.

Die Tonqualität der Aufnahme ist überragend. Orchesterklang und die Balance zwischen Orchester und Stimmen sind hervorragend. Die CDs lassen Orchester, Chor und Ensemble glänzend zur Geltung kommen und bieten endlich die Gelegenheit, das in einer hervorragenden Aufnahme kennen zu lernen.

—| IOCO CD-Rezension |—

Essen, Philharmonie Essen, London Philharmonic Orchestra, Vladimir Jurowski – Anne Schwanewilms, IOCO Kritik, 14.12.2015

Dezember 17, 2015 by  
Filed under Kritiken, Philharmonie Essen

logo_philharmonie_essen

Philharmonie Essen

London Philharmonic Orchestra und Vladimir Jurowski

Anne Schwanewilms, Sopran, 14.12.2015

Philharmonie Essen / Jurowoski Vladiamir © Gontcharov Roman

Philharmonie Essen / Jurowoski Vladiamir © Gontcharov Roman

So zu sagen, als Tribut an die Vorweihnachtszeit, eröffnete das London Philharmonic Orchestra, kurz LPO genannt, sein Konzertprogramm am letzten Montag in Essen mit der Ouvertüre zu Humperdincks Oper Hänsel und Gretel. Das war eine wunderschöne Einstimmung auf einen außerordentlich befriedigenden Abend.

Diese Ouvertüre ist fast eine symphonische Dichtung. Alle Melodien der Oper wurden vom Komponisten darin verarbeitet. Vladimir Jurowski und das exzellente, in aller Welt bekannte Orchester, brachten das Stück zum Klingen.

Gelegentlich war man geneigt mitzusummen. Die Lautstärke hielt sich gottlob in Grenzen, denn der Komponist war ein bekennender Wagnerianer, was sich in seiner Oper häufig in expressiven Klangwogen niederschlägt. Der Dirigent und das Orchester bevorzugten eine moderate Klangstärke.

Philharmonie Essen / Schwanewilms © Javier del Real

Philharmonie Essen / Schwanewilms © Javier del Real

Nach dieser schönen Einstimmung ging es im Schönklang weiter. Die renommierte Sopranistin Anne Schwanewilms sang 6 Lieder von Richard Strauss in den Orchesterfassungen.

Die Sopranistin ist sowohl im Konzertsaal wie auch auf der Opernbühne eine gefragte Solistin. Sie gilt als Richard Strauss-Spezialistin. Sie sang seine Marschallin, seine Kaiserin und wird in dieser Spielzeit in München auch die Chrysothemis singen.

An diesem Abend in der Essener Philharmonie stellte sie beeindruckend unter Beweis, dass diese vielfach diffizilen, technisch anspruchsvollen Lieder ihr hörbar gut in der Kehle liegen. Auch hat sie den großen Atem dafür und die souveräne Mühelosigkeit in der Höhe. Aber es gibt auch ein wenig zu mäkeln.

Gelegentlich schleichen sich im Vortrag einige Manierismen ein, wie auch Vokalverfärbungen. Ähnlich wie bei der großen, 2006 verblichenen Kollegin, deren 100. Geburtstag heuer in aller Welt gedacht wird. Doch das schmälert nur minimal ihre wunderbare Leistung.

Nach der Pause ging es weiter mit Sibelius. Das London Philharmonic unter Vladimir Jurowski spielte die Sinfonie Nr. 2 in Des-Dur. Die Sinfonie wurde 1902 in Helsinki unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt.

Jurowski und das LPO bestachen durchgängig durch expressive Noblesse. Was besonders auffiel war, dass die volksliedhaften Einwürfe im ersten Satz sehr kantabel gerieten.  Aber Jurowski verstand es auch, alle vier Sätze mit drängender Energie und Spannung zu versehen. Das Orchester ließ farbigste Klangintensität hören.

Das war ein wunderbarer, höchst befriedigender Abend und wurde vom Publikum mit herzlichem Beifall bedacht.

IOCO / UGK  / 14.12.2015

—| IOCO Kritik Philharmonie Essen |—

Essen, Philharmonie Essen, London Philharmonic Orchestra, Yannick Nezet-Seguin , IOCO Kritik, 22.11.2014

November 25, 2014 by  
Filed under Kritiken, Philharmonie Essen

logo_philharmonie_essen

Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / London Philharmonic Orchestra - Yannick Nézet-Séguin - Lars Vogt, Piano © Sven Lorenz

Philharmonie Essen / London Philharmonic Orchestra – Yannick Nézet-Séguin – Lars Vogt, Piano © Sven Lorenz

London Philharmonic Orchestra  und  Yannick Nézet-Séguin
Lars Vogt am  Piano

Es war wirklich ein überwältigendes Konzert, das am vergangenen 22.11.2014 Heerscharen von Besuchern in die Philharmonie Essen lockte. Schlicht und einfach, der Saal mit seinen 1900 Plätzen war so gut wie ausverkauft. Lag es am Programm? Das trug sicherlich dazu bei. Oder lag es an dem einzigartigen Orchester und dem fabelhaften Solisten? Sicherlich auch!

Philharmonie Essen / London Philharmonic Orchestra - Yannick Nézet-Séguin - Lars Vogt, Piano © Sven Lorenz

Philharmonie Essen / London Philharmonic Orchestra – Yannick Nézet-Séguin – Lars Vogt, Piano © Sven Lorenz

Doch der größte Teil des Publikums wollte wohl den außerordentlichen Shootingstar am Pult erleben. Der Name Yannick Nézet-Séguin ist binnen kürzester Zeit zu einer Marke geworden. Der charismatische kanadische Dirigent weiß die Massen zu fesseln und zu faszinieren.

Er kam in Montreal zur Welt, studierte dort und später bei dem italienischen Maestro Carlo Maria Giulini Dirigieren. Eine steile Karriere bahnte sich an. Heute ist der Enddreißiger Music-Director des Philadelphia Orchestra und in gleicher Position beim Rotterdam Philharmonic Orchestra.

Auch war er einige Zeit erster Gastdirigent bei den Londoner Philharmonikern und tritt auch weiterhin mit diesem Orchester auf, wie jetzt in Essen und am Tag zuvor in Dortmund. Man kann es wirklich nicht anders ausdrücken, der junge Dirigent ist ein Tausendsassa am Pult. Und das hat sich herumgesprochen. Somit wäre die Frage nach dem gewaltigen Publikumszuspruch hinreichend beantwortet.

Philharmonie Essen / London Philharmonic Orchestra - Yannick Nézet-Séguin - Lars Vogt, Piano © Sven Lorenz

Philharmonie Essen / London Philharmonic Orchestra – Yannick Nézet-Séguin – Lars Vogt, Piano © Sven Lorenz

Bei dem zentralen Stück trafen zwei Berserker aufeinander. Der fast gleichaltrige Pianist Lars Vogt spielte überwältigend gut das 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms, kongenial von Nézet-Séguin und den exzellenten Londoner Philharmonikern begleitet. Allein schon der Anfang des ersten Satzes mit den wunderbaren Horn-Soli im Dialog mit dem Klavier bleibt unauslöschlich haften.

Das Klavier ist hier ein gleichberechtigtes Orchestermitglied. Solo und Tutti bilden weniger ein Gegen- oder Nebeneinander, vielmehr ein Mit- und Ineinander. Lars Vogt und der Dirigent demonstrierten das sehr eindringlich und überzeugend. Grandios wie Solist, Dirigent und Orchester den Finalsatz gestalteten. Funkelnde Eleganz pur war da zu hören bis zum lebendig-schwungvollen Abschluss. Das Publikum war begeistert und Lars Vogt bedankte sich mit einem innig gespielten Nocturne von Chopin.

Nach der Pause zeigten der Dirigent und das englische Orchester, dass bei Franz Schuberts “Unvollendeter“ noch nicht alles gesagt ist.

Nézet-Séguin lässt mit einer phänomenalen Durchsichtigkeit musizieren, die es möglich machte, Nebenstimmen und instrumentale kurze Momente, die sonst untergehen, hörbar werden zu lassen. Und das alles bei zügigem Tempo. Sehr gut sind die Stimmungsschwankungen heraus modelliert. Schöner und ergreifender kann man das nicht bringen.

Philharmonie Essen / London Philharmonic Orchestra - Yannick Nézet-Séguin - Lars Vogt, Piano © Sven Lorenz

Philharmonie Essen / London Philharmonic Orchestra – Yannick Nézet-Séguin – Lars Vogt, Piano © Sven Lorenz

Furios und rasant geriet das letzte Musikstück an diesem Abend, die Tondichtung “Don Juan“ von Richard Strauss, die der Komponist auf eine Versdichtung von Nikolaus Lenau 1888 komponiert hatte.

Das Stück wurde von Strauss selber im November 1889 in Weimar uraufgeführt und es ist ein ganz großer Wurf. Hinreißender, jugendlich ungestümer Elan befeuert diese Musik. Yannick Nézet-Séguin und das prächtige Orchester ließen dies kühn konzipierte Werk des jungen Strauss facettenreich funkeln.

Der Beifall für den jungen, temperamentgeladenen Maestro und das fabelhafte Orchester wollte nicht enden. Verständlich bei dieser Sternstunde.

IOCO / UGK / 22.11.2014

—| IOCO Kritik Philharmonie Essen |—

Nächste Seite »