Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Premiere IDOMENEO – Wolfgang A Mozart, 22.03.2020

März 10, 2020 by  
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Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

 IDOMENEO – Wolfgang Amadeus Mozart

David McVicar,  Andrew Staples, Anna Prohaska, Olga Peretyatko

Premiere 22. März 2020 18:00 Uhr

in der Inszenierung von David McVicar und unter der musikalischen Leitung von Simon Rattle – mit Andrew Staples, Magdalena Kožená, Anna Prohaska und Olga Peretyatko

Am 22. März feiert Wolfgang Amadeus Mozarts IDOMENEO in der Inszenierung von David McVicar und unter der musikalischen Leitung von Simon Rattle Premiere an der Staatsoper Unter den Linden. Das Bühnenbild entwirft Vicki Mortimer, die Kostüme stammen von Gabrielle Dalton. In der Titelpartie ist Andrew Staples zu erleben, in der Rolle des Idamante Magdalena Kožená. Anna Prohaska und Olga Peretyatko geben ihre Rollendebüts als Ilia und Elettra. Es spielt die Staatskapelle Berlin.

Im Alter von 25 Jahren schuf Mozart mit IDOMENEO seine experimentellste Oper, in der er mit der traditionellen Form der Barockoper an vielen Stellen brach. Die archaische Geschichte handelt vom kretischen König Idomeneo, der seinen Sohn Idamante opfern muss, um den Gott Neptun zu besänftigen. Eindringlich schildert Mozart in der Musik sowohl den Sturm auf dem Meer als auch die aufwallenden Gefühle, denen die Figuren hilflos ausgeliefert sind. David McVicar überträgt die von den Göttern entfesselten Naturgewalten mithilfe eines 10-köpfigen Tänzerensembles, choreographiert von Colm Seery, auf die Bühne.

Die Zauberflöte – noch inzeniert von August Everding
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Wolfgang Amadeus Mozart ist in dieser Spielzeit ein Schwerpunkt gewidmet: Am 5. April feiert mit COSÌ FAN TUTTE im Rahmen der FESTTAGE, inszeniert von Vincent Huguet und dirigiert von Daniel Barenboim, ein weiteres seiner Werke Premiere an der Staatsoper Unter den Linden. Darüber hinaus wird ab dem 13. April DIE ZAUBERFLÖTE in der Regie von August Everding wieder zu erleben sein, ab dem 10. Mai Claus Guths Inszenierung von DON GIOVANNI und ab dem 28. Juni Jürgen Flimms Inszenierung von LE NOZZE DI FIGARO. Auch im Konzert- und Jugendprogramm spiegelt sich der verstärkte Fokus auf Mozart wider.

Le Nozze di Figaro – noch inzeniert von Jürgen Flimm
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Zum Ensemble gehören Andrew Staples (Idomeneo), Magdalena Kožená (Idamante), Anna Prohaska (Ilia), Olga Peretyatko (Elettra), Linard Vrielink (Arbace), Florian Hoffmann (Oberpriester des Neptun), Jan Martiník (Die Stimme) sowie Anna Malesza, Ireene Ollino, Matthew Peña, Martin Gerke (Kreterinnen und Trojaner). Darüber hinaus singt der Staatsopernchor, einstudiert von Martin Wright.

Simon Rattle ist regelmäßiger Gast an der Staatsoper Unter den Linden. Zuletzt dirigierte er u. a. HIPPOLYTE ET ARICIE, die BAROCKTAGE-Premiere 2018, LA DAMNATION DE FAUST (2017), KATJA KABANOWA (2014) und AUS EINEM TOTENHAUS (2011). Bei IDOMENEO arbeitet Rattle, der diese Oper zu seinen Lieblingswerken zählt, erstmals mit Regisseur David McVicar zusammen.

David McVicar, geboren in Glasgow, studierte Schauspiel am Royal Conservatoire of Scotland. Inszenierungen führten ihn u. a. an die Metropolitan Opera in New York, ans Royal Opera House Covent Garden in London, ans Teatro Real Madrid, an die Wiener Staatsoper, ans Théâtre des Champs-Elysées in Paris, ans Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, an die Scottish Opera, ans Sydney Opera House, an die Lyric Opera of Chicago, ans New National Theatre Tokyo, zum Glyndebourne Festival, zum Festival d’Aix-en-Provence sowie zu den Salzburger Festspielen. 2012 wurde David McVicar im Zuge der Diamond Jubilee Honours List zum Ritter geschlagen und von der französischen Regierung zum Chevalier de L’Ordre des Arts et des Lettres ernannt.

Die britische Kostüm- und Bühnenbildnerin für Schauspiel, Ballett und Oper Vicki Mortimer studierte an der Slade School of Fine Art und arbeitet seither mit namhaften Regisseuren wie David McVicar, Katie Mitchell und Dominic Cooke zusammen. Zu den Entwürfen für David McVicar gehören das Kostüm- und Bühnenbild für DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG, DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL für das Glyndebourne Festival und DEATH IN VENICE am Royal Opera House Covent Garden, London, sowie WOZZECK an der Lyric Opera of Chicago. Für Katie Mitchell entwarf sie die Ausstattung für WRITTEN ON SKIN beim Festival d’Aix-en-Provence sowie LESSONS IN LOVE AND VIOLENCE am Royal Opera House Covent Garden und THE WAY BACK HOME an der English National Opera. An der Berliner Staatsoper war Vicki Mortimer zuletzt für das Bühnen- und Kostümbild bei AL GRAN SOLE CARICO D’AMORE (Koproduktion mit den Salzburger Festspielen) und FOOTFALLS/NEITHER, ebenfalls Inszenierungen von Katie Mitchell, zu Gast. Für das National Theatre in London hat Vicki Mortimer für mehr als 30 Produktionen Kostüm- und Bühnenbilder entworfen. Für ihre Arbeit wurde Vicki Mortimer bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Critics’ Circle Award for Design 2018, der Olivier Award für das beste Kostümdesign 2018 und der International Opera Award for Design 2016.

Gabrielle Dalton hat im Laufe ihrer Karriere bei zahlreichen Opernproduktionen mitgewirkt. 2018 gab sie ihr Debüt am Royal Opera House Covent Garden mit der Uraufführungsproduktion von Mark-Anthony Turnages CORALINE, die ebenfalls an der Opéra de Lille und dem Theater Freiburg aufgeführt wurde. Regelmäßig zu Gast ist Gabrielle Dalton an der Opera North, wo sie schon für zahlreiche Projekte Kostüme entwarf. Ihre Kreationen waren darüber hinaus bei den Salzburger Festspielen (CARMEN), an der Wiener Staatsoper in Zusammenarbeit mit David McVicar (FALSTAFF), an der Grange Park Opera, an der Opéra national de Lorraine, am Savoy Theatre London und an De Nederlandse Reisopera zu sehen. Ihre Arbeit im Theater- und Musiktheaterbereich führte sie mit »Richard III« an das Leeds Playhouse und mit »Magical Night« und »The Red Balloon« an das ROH2 des Royal Opera House Covent Garden. Die von ihr ausgestattete Produktion »A Doll’s House« am Young Vic Theatre London war zudem am West End Theatre und an der Brooklyn Academy of Music in New York zu sehen.

Zur Vorbereitung auf die Premiere findet am Sonntag, dem 15. März um 11 Uhr im Apollosaal der Staatsoper Unter den Linden eine Einführungsmatinee statt. Der Eintritt ist frei.


IDOMENEO
Dramma per musica in drei Akten (1781)
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart
Text von Giambattista Varesco nach Antoine Danchets Libretto für die Tragédie lyrique »Idoménée« von André Campra
Premiere am Sonntag, den 22. März 2020 um 18:00 Uhr

Weitere Vorstellungen am 27., 29. und 31. März sowie 2. April 2020
Staatsoper Unter den Linden

Eine Werkeinführung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Apollosaal statt.

Tickets sowie weitere Informationen unter Telefon 030 20 35 45 55 und www.staatsoper-berlin.de

—| Pressemeldung Staatsoper unter den Linden |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Der Rosenkavalier – Richard Strauss, IOCO Kritik, 07.03.2020

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

 Der Rosenkavalier  – Richard Strauss

– Jedes Ding hat seine Zeit –

von Karin Hasenstein

Die Uraufführung des Rosenkavalier fand am 26. Januar 1911 im Königlichen Opernhaus in Dresden statt, die Berliner Uraufführung am 9. November 1911.  Ort und Zeit der Handlung: Wien um 1740

Richard Strauss selber war von dem Titel Rosenkavalier zunächst gar nicht begeistert. Es war auch „Ochs auf Lerchenau“ oder „Die silberne Rose“ für den Titel im Gespräch. Weibliche Bekannte rieten jedoch von Ochs auf Lerchenau ab und plädierten für Rosenkavalier. Den Ausschlag gab aber Strauss‘ Ehefrau, so dass dieser schließlich eingelenkt hat: „Also Rosenkavalier, der Teufel hol‘ ihn.“

Der Abend begann zunächst mit einem jener gefürchteten Momente, wie sie gerade in der kalten Jahreszeit schon einmal vorkommen, eine Mitarbeiterin der Staatsoper trat vor den Vorhang der annähernd ausverkauften Staatsoper und kümdete Bariton Roman Trekel (Faninal) als mit einem Infekt kämpfend an.

the Making of  –  Rosenkavalier
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Die musikalische Leitung liegt in den Händen des indischen Dirigenten Zubin Mehta. Der inzwischen fast 84-Jährige hat noch im Dezember zwei Auftritte aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Er wirkt tatsächlich etwas fragil, als er sich seinen Weg durch den Orchestergraben bahnt und seinen Platz am Pult einnimmt. Der begrüßende Applaus des Publikums ist warm und überschwänglich, es gibt gar vorab vereinzelt stehende Ovationen. Der Maestro nimmt das Vorspiel mit sattem vollen Orchesterklang, fast scheint es nur eine Dynamik, forte, zu geben. Angenehm fällt das Blech auf, namentlich die Hörner.

Vom Portal blicken die Portraits von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal von einem königsblauen Hintergrund einander an und ins Publikum.

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf die erste Szene, die im Schlafzimmer der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg spielt. Auch im Inneren des Schlafzimmers herrscht die Farbe blau vor (Bühne: Xenia Hausner). Die blauen Wände erstrecken sich bis in den Schnürboden und werden auf der Rückseite durch eine rot angestrahlte Wand mit großem floralen Tapetenmuster verbunden. Nach vorne und zu den Seiten hin werden diese Wände bis in den Proszeniumsbereich herumgezogen und verschmelzen so mit dem Zuschauerraum. Außer mit dem großen Bett ist das Zimmer nur spärlich möbliert, etwa mit einem Frisiertisch, ein paar Sesseln und einem Paravent. Das Blumenmuster auf der Rückwand wechselt je nach Stimmung auf der Szene die Farbe und erscheint mal blaugrundig, mal rot oder gelb-grünlastig. Die Ausstatter stellen damit eine Reminiszenz an den Exotismus und Japonismus her, der in der damaligen Zeit Mode war.

Die Idylle der Feldmarschallin und ihres jungen Liebhabers Octavian wird jäh durch Lärm auf dem Korridor gestört. Doch es ist nicht der Feldmarschall, wie zunächst befürchtet, sondern nur ein Verwandter der  Marschallin, ihr Vetter, der Baron Ochs auf Lerchenau, der zu früher Stunde der Gräfin einen Besuch abstatten will. In aller Eile weist sie Octavian an, sich zu verstecken, und als dieses nur mäßig gelingt, beschließt dieser, die Flucht nach vorn anzutreten und schlüpft in Frauenkleider. Da hat er nun die Rechnung ohne Vetter Ochs gemacht. Der ausgemachte Weiberheld ist außerordentlich entzückt von dem reizenden „Mariandl“, dem sogleich seine ganze Aufmerksamkeit gilt: „Pardon, mein hübsches Kind!“

Währenddessen wird das übliche Morgenprogramm in der Marschallin Schlafgemach abgespult. Die erste große Massenszene auf der Bühne ist schrill, lebhaft, wuselig, vor allem aber eines: bunt. Es ist ein wahrer Sinnenrausch und man weiß gar nicht, wohin man zuerst und zuletzt schauen soll. Bei zuviel knallbunter Reizüberflutung bleibt immer noch die  Besinnung auf den Rausch der Strauss’schen Partitur.

Die Marschallin trägt nun anstelle des Morgenmantels ein Kleid in schwarz-weiß, mit Blockstreifen und Schachbrettmuster. Der Diener erscheint und ein kleiner Frühstückstisch wird aus der Unterbühne herauf gefahren.

Sie stellt fest „Jedes Ding hat seine Zeit“ und in den großen Fenstern erscheinen riesige Blumenmuster, die heller werden und die Farben verändern. Die simple Technik des Serviertischchens wird im Laufe der Szene etwas überstrapaziert, so spannend ist es nun auch nicht, den Tisch in der Versenkung verschwinden zu lassen. Aber vielleicht sollte man sich auch nicht zu lange fragen, was der tiefere Sinn dahinter sein könnte.

Der Auftritt des Baron Ochs kündigt sich mit einem Walzer an. „Es ist ein Besuch! Das ist ja der Ochs!“  Dieser verkündet dem aufgebrachten Personal „Ein Ochs antechambriert nicht!“ Da ist sie, Hugo von Hofmannsthals herrlich blumenreiche wienerische Sprache. Die Rezensentin erinnert sich an ein Programmheft einer Rosenkavalier-Inszenierung, das ein Glossar enthielt mit Erklärung von antechambrieren bis Kongestion. Für Nicht-Wiener durchaus hilfreich!

Mit dem gebürtigen Österreicher Günther Groissböck (aus Waidhofen an der Ybbs) hat die Berliner Staatsoper geradezu die Idealbesetzung des Baron Ochs. Groissböck hat diese Rolle bereits an der New Yorker Metropolitan Opera (mit Renée Fleming als Marschallin und Elina Garanca als Oktavian) verkörpert und 2014 bei den Salzburger Festspielen in Harry Kupfers Rosenkavalier-Inszenierung, des Weiteren in Berlin, München und Wien. Günther Groissböck spielt nicht Ochs, er IST Ochs. Zumindest solange er im Kostüm auf der Bühne steht und singt. Das Wienerische kommt bei ihm besonders authentisch und überzeugend rüber und es ist einfach nur eine Freude, ihm zuzuhören und zu -sehen.

Er ist nicht der ältere, dicke, leicht schmierige Typ, als der der Ochs häufig gezeichnet wird, sondern ein durchaus attraktiver, charmanter und witziger Frauentyp, der seinem verarmten Landadel ein bisschen auf die Füße helfen will, indem er entsprechend einheiratet. Die Erwählte ist die blutjunge Sophie, Tochter des Herrn von Faninal und wie es sich unter Leuten von Stand gehört, braucht Ochs dafür einen Rosenkavalier, der die silberne Rose übergibt und in seinem Namen um die Hand der Auserwählten anhält.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier - hier : Nadine Sierra (Sophie), Michèle Losier (Octavian) _ Ensemble © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier – hier : Nadine Sierra (Sophie), Michèle Losier (Octavian) _ Ensemble © Ruth Walz

In der Folge ist Ochs nun ganz hin und hergerissen zwischen der Braut, dem Fräulein Faninal, und dem erfrischend einfachen Mariandl. „Ich ließ ein solches Goldkind“ und „Hat sie schon einmal mit einem Kavalier…“.  Als die Marschallin ihn an seine Heiratspläne erinnert, kontert er „Macht das einen lahmen Esel aus mir?“ Überhaupt hat der Ochs eine Menge Weisheiten parat: „Schöner ist Juni, Juli, August…  da hat’s Nächte!“ oder „Wollt, ich könnt‘ sein wie Jupiter, in 1.000 Gestalten.“

Dabei gibt er auch im Original schon eine sehr ansehnliche Erscheinung ab, groß, stattlich, heller Anzug, weißes Hemd, grüne Weste. Ansonsten scheint der Baron nicht anspruchsvoll zu sein: „Muss halt a Heu in der Nähe dabei sein…!“ Schon klar.

Im folgenden Terzett überzeugen die Solisten durch Textverständlichkeit. Dieser kommt zugute, dass Zubin Mehta das Orchester leicht zurücknimmt und die Soli gut ausbalanciert nach vorne kommen lässt. Die Balance gerät perfekt und die Solisten kommen sehr gut über das Orchester.  Mittlerweile sind die zahlreichen Besucher aus der Antechambre bis ins Schlafzimmer der Marschallin vorgedrungen. Hier beeindrucken trotz der Kürze des Auftritts die drei adeligen Waisen (Olga Vilenskaia, Anna Woldt, Verena Allertz), bei denen man sich schon fragen kann, wieso sie eine Mutter dabei haben. Wieder ein Hinweis darauf, dass Strauss und von Hofmannsthal uns eigentlich die ganze Zeit auf den Arm nehmen… oder es sind hier wohl eben Halbwaisen.

In der Lever-Szene bieten die Kostümabteilung und die Werkstätten der Staatsoper alles auf, was dem Auge Freude macht. Der Tierhändler mit seinen Tieren, der Notari, der Papierkünstler mit immer größer wachsender Papierblume, die Modistin, der Friseur – alle sind liebevoll und mit viel Phantasie und Liebe zum Detail ausgestattet. Während einer nach dem anderen der Marschallin seine Aufwartung macht, separieren sich der Notari und der Baron auf die linke Seite und verhandeln den Ehevertrag.

Ein weiterer Schelmenstreich von Richard Strauss ist die Figur des italienischen Sängers. Wenn man sich beim ersten Hören des Rosenkavaliers vielleicht noch wundert, was ein solcher in einer romantischen Oper vom Anfang des 20. Jahrhunderts verloren hat, so lernt man doch bei näherer Beschäftigung mit der Oper, dass Strauss sich hier einmal mehr lustig macht über die italienische üppige Oper voller Effekte. Eigentlich ist diese kunstvolle italienische Arie eine einzige Parodie. Der italienische Sänger (Atalla Ayan) im roten Samtanzug und mit absurder grauer Tolle gibt jedenfalls alles und wird zum Dank dafür von allen verlacht und von Ochs rausgeschmissen. Der Inhalt dieser Arie Di rigori armato il seno“ (deren Text nicht einmal in den Übertiteln übersetzt wird) und die heute nicht zufriedenstellende Arbeit ihres Friseurs machen die Marschallin nachdenklich und sie schickt alle Besucher und Bittsteller hinaus, während Ochs dem Notari die letzten Anweisungen diktiert „Als Morgengabe… acte de présence zu machen… bin ich verstanden? Als Morgengabe!“

Erwähnt werden müssen an dieser Stelle auch Karl-Michael Ebner (Valzacchi) und Katharina Kammerloher (Annina). „Ik kann dienen, ik kann besorgen!“, „Wir sind da! Unter die Bette…“– beide sind so überzeugend komisch und authentisch in ihrer Rolle, dass es eine Freude ist. Das wundert sogar Baron Ochs: „Was es alles gibt in diesem Wien…!“

Der Rosenkavalier – Richard Strauss
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Er lässt das Futteral mit der silbernen Rose schon einmal für den Bräutigamsaufführer zurück. An der Stelle „Eurer Gnaden haben heute durch unversiegte Huld mich tiefst beschämt“ lässt Groissböck mit dem tiefen C den tiefsten Ton der Rolle und der gesamten Partitur erklingen. Dies geschieht absolut souverän und unangestrengt. Die Marschallin bleibt zurück und stellt fest „Da geht er hin, der aufgeblas’ne schlechte Kerl, und bildet sich was ein… s’ist doch der Lauf der Welt.“

Sie erinnert sich ihrer Jugend „Kann mich auch an ein Mädel erinnern…“ doch sie ruft sich zur Ordnung, weil sie weiß, dass es müßig ist „Such dir den Schnee vom vergangenen Jahr“. Camilla Nylund singt stets ruhig und sehr nobel, ihr warmer dramatischer Sopran fließt hier rund und voll und sie gestaltet unglaublich nuanciert, klug und liebevoll. Sie verkörpert eine stolze und geachtete Frau, die genau weiß, was kommen wird: „Und man ist dazu da, dass man’s ertragt. Und in dem „Wie“, da liegt der ganze Unterschied.“

Octavian hat jetzt seinen roten Rock, weiße Hosen und schwarze Stiefel angelegt. Michèle Losier verfügt über einen traumhaft klaren Mezzo, leicht metallisch und mit einer phantastischen Höhe, der besonders gut zur Geltung kommt, wenn sich Octavian aufregt „Sie haben dich mir ausgetauscht, Bichette!“

Im nun folgenden Zeit-Monolog („Die Zeit ist ein sonderbar Ding“) wandert Camilla Nylund über eine Brücke über den Graben auf die rechte Bühnenseite, nur von einem Spot ausgeleuchtet.  Die Stelle „Auch sie ist ein Geschöpf des Vaters, der alles erschaffen hat“ ist so zauberhaft zart und lyrisch, dass die Zeit stillzustehen scheint. Es ist einer dieser unwirklichen Momente, die man für immer festhalten möchte.  Octavian versteht nicht, dass die Marschallin ihn zurückweist, er liebt sie doch. „Will sie sich traurig machen mit Gewalt? Ich will den Tag nicht denken!“ Unterstützt wird diese schmerzhaft-schöne Stimmung vom fabelhaften tiefen Blech und den Hörnern.

Sie gibt dem Diener Mohamed das Futteral mit der silbernen Rose und weist ihn an, es zum Grafen Octavian zu bringen. „Da drin ist die silberne Rose“ ist auch wieder so eine Stelle, die einem das Herz zerreißt. Resigniert schließt sie „Der Herr Graf weiß ohnehin…“ – hat er doch alles mit angehört.  –   Zu den Klängen der Solo-Violine und der Flöte fällt der Vorhang.

Dieser hebt sich alsbald zum zweiten Aufzug und wir erblicken einen großen Ballsaal mit einer Freitreppe. Säulen rechts und links sind in blau und gold gehalten. Die Wände zieren übergroße Klimt-Gemälde, die Livrée steht Spalier, Sophie erscheint in einem zartrosa Brautkleid mit Glitzer und alles wartet auf den Auftritt des Rosenkavaliers, der mit den Rufen „Rofrano! Rofrano!“ begrüßt wird.  Als dieser schließlich den Saal betritt, ist es wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit: da steht ein Rosenkavalier, der Prototyp eines Rosenkavaliers, wie man ihn sich nur denken kann –  ganz in Silber, silberner Mantel, silbernes Beinkleid, Schuhe, Perücke, einfach alles, dazu in der Hand die silberne Rose… unweigerlich denkt die Rezensentin an ihren ersten Rosenkavalier im Fernsehen der 1970er oder ’80er Jahre, Anneliese Rothenberger. Michèle Losier ist nicht weniger als die Reinkarnation auf der Bühne der Staatsoper.

Als sie dann anhebt „Mir ist die Ehre widerfahren…“ ist das so schön, dass im Saal Tränen fließen. Harfen und Celesta unterstreichen das Bittersüße dieser Aussage zur Überreichung der silbernen Rose, denn der Jüngling Octavian wird sich vom Fleck weg in die junge Sophie verlieben und die Prophezeiung der Marschallin wird sich erfüllen. „Heut oder morgen… oder am übernächsten Tag.“ Dass es allerdings so schnell gehen würde, damit hatte sie dann doch nicht gerechnet.  Dass nicht ein Übermaß an Rührung aufkommen kann, liegt am recht zügigen Tempo, das an dieser Stelle überrascht, wählt Zubin Mehta doch im Verlaufe des Abends überwiegend eher sehr ruhige Tempi, bisweilen vielleicht ein wenig zu ruhig. Warum er das macht, ist nicht immer schlüssig. An der einen oder anderen Stelle hätte etwas Bewegung der Sache gut getan.

„Wie himmlische, nicht wie irdische… wie Rosen vom Paradies“.  Immer wieder erklingt das Motiv der Rose in der Oboe. „Ist wie ein Gruß vom Himmel, dahin müsst‘ ich zurück“ ist so zart und zerbrechlich. Auch das Duett Sophie / Octavian ist so lieblich, dass man schon ganz gespannt auf den Schluss des dritten Aufzuges ist.  Da kündigt sich Großes an!

Binnen kürzester Zeit vollzieht sich die dramatische Wendung, Sophie und Octavian verlieben sich vom Fleck weg ineinander und die Pläne des Baron Ochs geraten ins Wanken, kaum dass er den Raum betreten hat. In Begleitung der Lerchenauer fühlt er sich stark. Herausgeputzt hat er sich, nun im anthrazitfarbenen Anzug mit hellgrauer Weste und rotem Einstecktuch, ein Bräutigam. Seine Lerchenauer benehmen sich schlecht, kaum dass sie den Ballsaal betreten haben.  Ochs findet seiner Art gemäße Worte der Bewunderung für das Fräulein Braut „Deliziös!“ und für seinen Schwiegervater in spe, Faninal: „Brav, Faninal, er weiß, was sich gehört! Serviert einen alten Tokajer mit einem jungen Madl!“

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier - hier :  Michèle Losier (Octavian) und Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg) © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier – hier : Michèle Losier (Octavian) und Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg) © Ruth Walz

In der ganzen Szene im Ballsaal läuft Groissböck zu Höchstform auf, was auch zu einem guten Teil an seinem unnachahmlichen Wiener Akzent liegt. „Geht alls so wie am Schnürl, I hab halt grad ein lerchenauisch Glück!“ Gierig grabbelt Ochs die junge Sophie an und zieht sie eng an sich. Ihren Widerstand tut er ab „Wird kommen über Nacht… kennt sie das Liedl?“  Hier hat Strauss für den Ochs einen der schönsten Walzer im Rosenkavalier geschrieben. „Mit mir, mit mir, keine Kammer dir zu klein…“ und endet mit „Mit mir, mit mir…. keine Nacht dir zu lang.“ Als wäre das nicht ohnehin schon im Text überdeutlich, wird die Aussage des Ochs hier noch mit dezenten Kopulationsbewegungen unterstrichen.  Aber noch ist es nicht soweit, „Doch gibt’s Geschäfte jetzt.“

Die Aussichten für Sophie werden immer ungünstiger, denn Ochs zeigt nun sein wahres Gesicht. Dem jungen Vetter erklärt er, er könne sich ruhig bei Sophie bedienen: „Ist wie bei einem jungen ungerittenen Pferd, kommt all’s dem Gatten zugute…“ Alle gehen ab, nur Sophie und Octavian bleiben zu den letzten Tönen des Walzers allein zurück. Die Lerchenauischen sind vom Branntwein besoffen und fallen über das weibliche Personal her.     Das Licht wird gedimmt, es gibt nur noch einen Spot auf die beiden.

Octavian erkennt und gesteht Sophie seine Liebe „Was sie ist“ und sie erwidert „Da war er mir nah! Er muss mir seinen Schutz vergönnen.“ Die beiden werden jäh gestört von Ochs, der hinzukommt. „Was hat sie mir zu sagen?“ Da Sophie stumm vor Angst und völlig überfordert ist, ergreift Octavian das Wort. „Euer Liebden muss ich halt vermelden… Die Fräulein… die Fräulein… mag Sie nicht!“  Ganz der souveräne weltmännische Baron tut Ochs das ab „Sei er da außer Sorg, wird schon lernen mich zu mögen.“ Wieder einmal läuft es einem kalt den Rücken herunter bei diesem Frauenbild, aber so war das wohl im Wien des 18. Jahrhunderts und nicht nur da… Aber er kann ja gar nichts dafür, der Ochs, denn: „Man ist halt, was man ist!“

Da gehen sie mit dem jungen Octavian durch und er verletzt Ochs mit dem Degen am Arm: „Mord! Mein Blut, zu Hilfe, Mörder! I hob ein hitzig Blut!“ Auf sein Jammern und Rufen kommen alle herzu „Gestochen ist einer!“ und es ist ungeheuer komisch, wie Groissböck den Leidenden gibt, dabei ist kaum ein Kratzer zu sehen. Das nun folgende Ensemble ist wiederum ganz großartig, alles greift harmonisch und perfekt abgestimmt ineinander. Octavian versucht zurückzurudern: „Er muss mich pardonieren!“ und Sophie erklärt „Der Herr dort hat sich nicht so, wie er soll, betragen“.

Vater Faninal (im goldenen Anzug) erkennt bereits, was die Stunde geschlagen hat „Mir auseinander meine Eh'“, will aber nicht so schnell aufgeben: „So heirat‘ sie ihn als Toter, und wenn er sich verbluten tät“. Ochs schimpft immer noch vor sich hin „Luderei“, beruhigt sich dann aber „Is guat… is guat.“ Wie gut, dass sich in der rechten Bühnenwand eine Bar auftut, so kann Faninal den Baron mit einem stärkenden Getränk beruhigen: „Ein Wein? Ein Bier? Ein Hippokras mit Ingwer?“ Wer denselben nicht kennt und auch gerne einmal seine kräftigende Wirkung erfahren möchte, dem sei das Rezept auf Seite 74 im Programmheft empfohlen….

Aber Ochs protestiert: „Bin Manns genug… is guat. Weiß, was Satisfaktion ihm schuldig bin.“ Aber so richtig fassen kann er seine Situation nicht: „Da lieg‘ i… Was einem Kavalier nit alles passieren kann! Wär nicht mein Gusto hier… dich sollt‘ i nur erwischen!“ donnert Ochs im forte-fortissimo in Richtung Octavian. „Im Hühnerstall! Wenn i dich erwisch…!“ Aber er wäre nicht der Baron Ochs, wenn er nicht etwas Gutes an der Situation finden würde: „’s gibt auf der Welt nichts, was mich so enflammiert als wie ein rechter Trotz!“ Er weist den Wirt an: „Mach er das Bett aus lauter Federbetten. Ein Federbett… zwei Stunden noch zu Tisch…“

Im Orchester erklingt die Melodie des Walzers und Ochs fällt ein „Ohne mich, jeder Tag… mit mir, mit mir… keine Nacht dir zu lang“ und trotz der schweren Verletzung tanzt er einen Walzer bis er alle mit den Worten „Luft da!“ rausschmeißt, denn nun muss er sich um das Mariandl kümmern.  Annina auf seinem Schoß liest den Brief Mariandls vor. Ochs macht sich darüber lustig „Sie wart‘ auf Antwort!“ und freut sich, dass sein Plan scheinbar aufgeht „’s geht alls recht am Schnürl wie z’haus.“ Wieder erklingt ein Walzer-Quodlibet aus „Ich hab halt ein lerchenauisch Glück“ und „Mit mir… keine Nacht dir zu lang“, das hier auf dem tiefen e endet und von Groissböck extra lang ausgehalten wird. Im Walzerschritt durchmisst Ochs die ganze Halle, der Walzer verklingt und der Vorhang schließt sich zur Pause.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier - hier :  Christian Schönecker (Leopold), Michèle Losier (Octavian), Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau) und Erik Rosenius (Ein Polizeikommissar) © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier – hier : Christian Schönecker (Leopold), Michèle Losier (Octavian), Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau) und Erik Rosenius (Ein Polizeikommissar) © Ruth Walz

Zu Beginn des dritten Aufzuges ziert ein Text von Hugo von Hofmannsthal das Portal.

„Die Musik ist unendlich liebevoll und verbindet alles: ihr ist der Ochs nicht abscheulich – sie spürt, was hinter ihm ist und sein Faunsgesicht und das Knabengesicht des Rofrano sind ihr nur wechselweise vorgebundene Masken, aus denen das gleiche Auge blickt. Ihr ist die Trauer der Marschallin ebenso süßer Wohllaut wie Sophiens kindliche Freude, sie kennt nur ein Ziel: die Eintracht des Lebendigen sich ergießen zu lassen, allen Seelen zur Freude.“

Damit ist eigentlich alles gesagt, besser kann man die Musik im dritten Aufzug kaum beschreiben. Fast wundert man sich, dass die Musik zu Salome und Elektra vom selben Komponisten stammt wie die zum Rosenkavalier und Arabella. Doch soweit sind wir noch nicht, der Beginn des dritten Aufzuges ist lebendig, spritzig, Mehta wählt ein gutes bewegtes Tempo.

Der Ochs und das Mariandl betreten einen Raum, der von einem marokkanisch inspirierten Zelt bestimmt wird, im Hintergrund sind riesige Palmenhäuser zu erkennen. Ein Tropenhaus oder eine Orangerie. André Heller mag sich hier von den Palmenhäusern im Schönbrunner Schlosspark und im Burggarten in Wien haben inspirieren lassen. Verinzelt konnte die Rezensentin vernehmen, dass Zuschauer den Beisl vermissten, aber letztlich ist der obsolet. Wo der Baron Ochs das Mariandl verführt, ist doch nebensächlich. Eine schöne exotische Kulisse geben die riesigen Palmen allemal ab.

Baron Ochs hat nun das Bräutigamsgewand abgelegt und trägt quasi Tracht, eine kurze Lederhose, rote Kniestrümpfe, rosa Weste, Sakko – ein Mannsbild zum Niederknien. Das findet Mariandl anscheinend nicht: „Nein, nein, i trink kein‘ Wein“ wehrt sie sich gegen die Avancen des begehrlichen Ochs. Sie blickt in das Zelt und stellt fest „Jesus Maria! Steht a Bett drin, a mordsmäßig großes!“  Diener bringen noch große Laternen, im Vordergrund liegen bequeme Kissen, alles ist vorbereitet, „Kommt glei‘ wer mit’m Essen.Ochs ist in seinem Element. „Hier sitzt mit seiner Allerschönsten ein Verliebter beim Souper.“

Die Musik wird schwelgerisch, die Stimmung ist geradezu schwül aufgeheizt, man meint, die Papierpalmen tragen das Ihre dazu bei. Mariandl weiß gar nicht, wie ihr geschieht. „Mir scheint, ich hab die Kongestion! Die schöne Musi…“  „Macht sie der Wein ‚leicht immer so?“ fragt Ochs, um sogleich festzustellen „Jetzt wird’s bei mir a bissl heiß“

Auf der nur noch von den Laternen erleuchteten Bühne tanzen Geister, laufen Spinnen und Ratten umher, gruselige Schatten gleiten über die Wände und durch den Nebel als plötzlich zehn Kinder auftauchen und laut „Papa! Papa! Papa!“ schreien, begleitet von ihrer Mutter, die Ochs identifiziert: „Er ist es, das ist mein Mann!“  Und Ochs läuft angesichts der Konfrontation noch einmal zu Höchstform auf: „Der Teufel frequentier sein verflixtes Extrazimmer! Debarassier er mich von denen da!“ sucht er Hilfe beim Wirt.

In dem nun folgenden Tumult verliert der Ochs seine Perücke, die Polizei eilt herzu und Mariandl verkündet „I geh‘ ins Wasser!“ Faninal ist aufgebracht, „in ein Palmhäusl (nicht Beisl!) depeschiert zu werden“ und Ochs stellt wiederholt fest „Man kriegt die Kongestion davon!“  Faninal sieht nun endgültig seine Felle schwimmen, „Kein Hund nimmt mehr ein Stuck Brot von mir!“  Als Ochs beschließt, sich aus dem Staub zu machen „I zahl… I geh'“ erscheint die Frau Feldmarschallin, nun im schwarzen langen Kleid und einem Umhang, außen lila, innen rot und einem weißen Hut, ganz Grande Dame.  Octavian wird verlegen „War anders abgemacht. Marie Theres, ich wunder‘ mich. Mein Gott, es war nicht mehr als eine Farce…“

Jeder versucht nun eine Erklärung zu finden „Das Ganze war nur eine Farce, weiter nichts.“ Oder  „Is schon aso. Is eine wienerische Maskerad‘ und weiter nichts.“ Die Feldmarschallin bewahrt in dem ganzen Durcheinander als Einzige die Contenance. „Er ist, mein ich, ein Kavalier. Da wird er sich halt gar nichts dabei denken. Das ist’s, was ich von ihm erwart!“ Der Ochs greift die Vorlage auf: „Bin von soviel Finesse charmiert. Ein Lerchenauer war noch nie kein Spielverderber net.“ Und die Marschallin versucht zu den leichten Walzerklängen des Orchesters, dem Ochs den Abgang zu erleichtern: „Er darf in aller Still‘ sich retirieren. Versteht er nicht, wenn eine Sach‘ ein Ende hat? Was drum und dran hängt, ist mit dieser Stund‘ vorbei.“

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier - hier :  Staatsopernchor, Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau), Christian Schönecker (Leopold) und Wassil Penkov (Medicus) © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier – hier : Staatsopernchor, Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau), Christian Schönecker (Leopold) und Wassil Penkov (Medicus) © Ruth Walz

„Mit dieser Stund’… vorbei….? Ochs erkennt schließlich, dass er verloren. „Ist halt vorbei. Leopold, mir gehen.“ Das Walzer-Motiv des Ochs erklingt noch einmal und mit seinem Motto „Ich hab halt schon einmal ein Lerchenauisch Glück!“ Zu den Worten „Platz da“ Kreuzmillion!“ tragen ihn seine Lerchenauer raus. Zurück bleiben die Marschallin, Sophie und Octavian. Sophie stellt schüchtern fest „Wie er bei ihr steht…“ Der Marschallin kommen ihre Worte vom Anfang wieder in den Sinn „Heut oder morgen…“ – sie hat es die ganze Zeit gewusst.  Leider erschließt sich die ganze Poesie der folgenden Szene nur, wenn man alle drei Textpassagen parallel mitliest, jede Figur sinniert einzeln über ihr Schicksal, und dennoch geht es perfekt zusammen.

Sophie: „Vergess‘ er nicht…“      Octavian: Hab allzu lieb ihr lieb Gesicht.“    Marschallin: „Der Bub… so schnell hat sie ihn gart so lieb? Red sie nur nicht so viel, sie ist ja hübsch genug.“

Zu den Worten von OctavianMarie Theres, wie gut sie ist!“ ordnen sich die Drei zum Schlussterzett. Etwas hinten in der Mitte steht die Marschallin, vorne links Sophie und vorne rechts Octavian.

Diese Schlussterzett gehört für die Rezensentin zum Schönsten, was die Opernwelt hervorgebracht hat, ganz sicher zum Schönsten, was Richard Strauss komponiert hat. In dieser luxuriösen Besetzung Nylund – Losier – Sierra und als Höhepunkt dieser Rosenkavalier – Aufführung war es ein Moment von überirdischer Schönheit.

Strauss hat darüber an von Hofmannsthal geschrieben:  „Dass es beim Vorlesen abflaut, ist klar. Dass der Musiker dagegen an dem Schluss, wenn ihm überhaupt was einfällt, gerade seine besten und höchsten Wirkungen erzielen kann – dies zu beurteilen, können Sie beruhigt mir überlassen (…) Für den Schluss vom Abgesang des Barons garantiere ich.“

Jeder, der das Final-Terzett, den üppig schwelgerischen und doch bitter-süßen Höhepunkt der Partitur, gehört hat, wird zustimmen, dass Strauss sein Versprechen mehr als eingelöst hat. Auch hier muss man eigentlich wieder den Text aller drei Figuren parallel verfolgen, denn jeder ist für sich völlig eigenständig komponiert.

Marschallin: „Hab mir’s gelobt, dich lieb zu haben, in der richtigen Weis‘, dass ich selbst deine Lieb‘ zu einer anderen lieb habe.“   Sophie: „Weiß gar nicht, wie mir ist.“    Octavian: „Und spür nur dich.“

An der Stelle „Da steht der Bub, und da steh ich“ wird die Musik so dicht, schwelgerisch und pompös, dass es fast weh tut. Zubin Mehta befeuert die Staatskapelle noch einmal so richtig und lässt das Blech erstrahlen.  Die Musik bäumt sich geradezu auf, die Personen auf der Bühne wechseln noch einmal die Positionen und nun ist Octavian hinten in der Mitte zwischen den beiden Frauen, aber näher an Sophie als zuvor.  Nach einer kleinen Modulation geht die Musik in das Duett Sophie – Octavian über. Mit den Worten „In Gottes Namen“ geht die Marschallin langsam nach links ab, Sophie und Octavian bleiben alleine in der Mitte der Bühne zurück, nur von einem Verfolger beleuchtet. Die Celesta mischt sich mit ihrer bitonalen Akkordfolge aus der Rosenübergabe in die harmonisch einfache Idylle und sprengt diese mit ihrer komplexen Harmonik.

„Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein.“ Beide bringen noch einmal das zum Ausdruck, was sie bewegt, und was sie bisher gar nicht formulieren konnten, ein Liebesgeständnis ganz am Schluss der Oper.  Nach diesem Gespinst aus Harmonien und leichten Dissonanzen von Harfe und Celesta, dolce e pianissimo, schwingt sich die Partitur ganz zum Schluss noch einmal in rasantem Tempo und fortissimo auf und endet mit einem von der Klarinette eingeleiteten und den Bläsern aufgenommen fanfarenartigen Ruf in einer pompösen Kadenz.

Wahrscheinlich war das selbst für Richard Strauss zuviel Zuckerguss auf der silbernen Rose. Der Mohr (hier tatsächlich eine „person of colour“) findet das Taschentuch der Marschallin, winkt damit und das Letzte, was wir sehen, ist eine Art Andromedanebel oder Sternenstrudel. So bleibt nach diesen fast vier Stunden festzustellen, dass es mit Sicherheit einer der besten Rosenkavalier – Aufführung war, die die Rezensentin erlebt hat  – und das waren schon einige.

Die Solisten nur zu loben, hieße Eulen nach Athen tragen. Was an diesem Abend aber besonders zu spüren ist, ist die allumfassende Spielfreude. Günther Groissböck als Baron Ochs auf Lerchenau wurde bereits an der New Yorker Metropolitan Opera gefeiert als „an Ochs for the ages“ und das ist er ganz sicher. In puncto Spielfreude ist er an diesem Abend jedoch unübertroffen. Durch seinen wienerischen Charme und originären Akzent füllt er die Rolle einfach perfekt aus. Allein vom Habitus her bietet er alles, was die Rolle braucht. Kommt dann noch sein an diesem Abend absolut präsenter und bestens disponierter Bass dazu, bleiben keine Wünsche offen. Mit Witz, Charme und absolutem Wohlklang gestaltet er die so textreiche und dadurch nicht ganz einfache Rolle sehr eindrucksvoll. Und dann der Genuss dieser tiefen Töne im Walzer, das ist wie Zartbitterschokolade. Immer wieder eine große Freude ist seine außerordentliche Bühnenpräsenz und Liebe zum Detail.

Camilla Nylund überzeugt ebenfalls vollends als Marschallin. Man muss sich einmal vergegenwärtigen, dass die Marschallin keineswegs eine alte Frau ist. Es war einmal zu lesen, dass sie etwa 37 ist. Das ist nicht alt, wenn auch etwas älter als ihr jugendlicher Liebhaber mit seinen vielleicht 17 Jahren. Sie ist also eine erfahrene verheiratete aber dennoch unglückliche Frau, die sich mit Octavian ein Stück Lebensfreude und Jugend zurückholt und die sich ihrer Situation absolut bewusst ist. Deshalb wirkt die Figur auch überhaupt nicht lächerlich, im Gegenteil. Sie ist eigentlich die, die allzeit den Überblick hat und behält und souverän mit der Situation umgeht. Camilla Nylund verkörpert darstellerisch wie stimmlich eine phantastische Marschallin. Sie ist ruhig und überlegen, strahlt Größe und Grazie aus und ist in jeder Situation beherrscht und überlegen. Zu ihrer anmutigen Erscheinung kommt ihre unglaubliche Stimme. Ihr warmer lyrisch-dramatischer Sopran passt ideal zur Rolle der Marschallin. Für die Rezensentin steht sie damit auf einer Stufe mit Renée Fleming, die diese Rolle in der bereits erwähnten Robert-Carsen-Inszenierung an der Metropolitan Opera mit Günther Groissböck, Elina Garanca und Erin Morley interpretiert hat.

In der Hosenrolle des Octavian erlebt das Staatsopern-Publikum mit Michèle Losier eine junge kanadische Mezzo-Sopranistin, die mit der Partie des Octavian ihr Debüt an der Staatsoper Unter den Linden gibt.

Vom Kostüm perfekt unterstützt gelingt ihr die Verkörperung des jungen Liebhabers großartig und sehr überzeugend. Ihr warmer voller Mezzo, der auch in der Höhe über eine große Strahlkraft verfügt, setzt sich in den Ensemble- und Orchesterstellen stets gut durch und ist sowohl kraftvoll als auch zart und sehr wandlungsfähig. Michèle Losier gewinnt das Publikum mit ihrer starken Bühnenpräsenz und ihrer Leidenschaft sowohl als junger Liebhaber der Marschallin als auch als Bräutigamsaufführer und letztlich als verliebter junger Mann, der in Sophie sein Gegenüber gefunden hat. Aber auch die Verwandlung zum etwas derben Mariandl gelingt ihr vorzüglich. Die Innigkeit schließlich, die zwischen ihr und ihrer Partnerin Nadine Sierra im Schluss-Duett entsteht, ist beeindruckend.

Nadine Sierra, die junge US-amerikanische Sopranistin, gestaltet die Sophie hingebungsvoll und ebenfalls sehr authentisch. Ihr klarer, leicht metallischer Sopran verfügt über eine große Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten. Leider hat Richard Strauss ihr dazu mit dieser Rolle nicht so viele Möglichkeiten gegeben. Zu oft wird Sophie auch von der Regie auf das dumme kleine Mädchen reduziert, das einfach nur an den Baron Ochs verschachert wird. So ist Sophie in erster Linie jung, hübsch und lieblich anzusehen. Lediglich als sie Ochs heiraten soll und dieser sein wahres Gesicht zeigt, begehrt sie auf, dass sie ihn nie wieder ansehen wird. Ihr schönsten musikalischen Passagen hat Sophie im Duett mit Octavian und im Terzett. Hier hinein legt Nadine Sierra dann auch alle Leidenschaft, so dass die letzte Viertelstunde zum Höhepunkt des fast vierstündigen Opernabends wird. Alle drei Damen zeigen hier im Zusammenklang welch großartigen Künstlerinnen sie sind.

In der besuchten Vorstellung leider von den Auswirkungen einer Erkältung leicht beeinträchtig aber doch souverän gestaltet Roman Trekel die Rolle des Edlen von Faninal. An einigen wenigen Stellen merkt man ihm die Erkältung ein wenig an, jedoch tat das der Wirkung der Rolle und dem Gesamtergebnis keinen Abbruch. Sein lyrischer Bariton strömt warm und voll und verleiht dem Brautvater eine gewisse Würde. Erwähnt werden sollen hier auch sehr gerne Katharina Kammerloher als Annina und Karl-Michael Ebner als Valzacchi. Mit großer Spielfreude und stimmlicher Wandlungsfähigkeit geben sie das intrigante Paar, das insbesondere in der Lever-Szene zu Hochform aufläuft.

Mit Erik Rosenius, Linard Vrielink, Jaka Mihelac, Andrés Moreno García und Viktoria Randem sind zudem fünf junge Mitglieder des Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden auf der Bühne, die man gerne in der Zukunft weiter begleiten möchte.

Der Staatsopernchor (Einstudierung: Anna Milukova) und die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Maestro Zubin Mehta runden das durchweg positive Bild ab. Der Chor trägt durch die großen Szenen entscheidend dazu bei, dass hier eine Atmosphäre erzeugt wird, die den Zuschauer mitnimmt, auch wenn der Rosenkavalier selbstverständlich keine große Choroper ist. Präzise und mit großer Spielfreude präsentiert sich das Chor-Kollektiv.

Zubin Mehta führt die Staatskapelle Berlin mit sicherem Dirigat durch den langen Strauss-Abend und ist dabei stets verlässlicher Begleiter für die Solisten. Warum er über weite Strecken sehr ruhige Tempi wählt, bleibt unklar. Bisweilen hätte ein wenig mehr Bewegung der Sache gut getan.

Das Schwelgerische und Opulente in Strauss‘ Partitur arbeitet er hervorragend heraus, so dass der Abend musikalisch ein großer Genuss wird. Die dynamische Bandbreite vom zarten Pianissimo bis zum Fortissimo der Schlusskadenz kostet Mehta voll aus und spart dabei auch nicht die darin liegende Brüchigkeit aus. Die Sänger agieren wie erwähnt durchweg auf hohem bis höchstem Niveau, so dass dieser Rosenkavalier sicher jedem, der ihn im Haus Unter den Linden erlebt hat, in besonderer Weise im Gedächtnis bleiben wird.

Die Figuren erfüllen die Erwatungshaltung, die man an sie hat. Die Personenregie von André Heller ist nachvollziehbar und schlüssig, die Wege und Handlungen sind plausibel. Raum für Überraschungen bleibt da wenig.

Das Ganze findet in einem bunten und opulenten Bühnenbild statt, das die Strauss’sche Üppigkeit der Partitur gut unterstreicht. Die Kostüme unterstreichen die wohlhabende Gesellschaft, in der wir uns bewegen, ebenso wie die herrschaftlichen Räume, die Lerchenauer sind rustikal, wie man es vom Landadel erwartet und der Rosenkavalier ist so sehr Klischee, wie man es sich nur vorstellen kann. Der einzige Bruch, den Heller vornimmt, ist, dass er den dritten Aufzug nicht in einem Gasthaus, einem Beisl spielen lässt, sondern das Tête-à-tête mit Mariandl vor ein marokkanisches Zelt und vor die Kulisse einer Orangerie oder eines Palmenhauses verlegt. Aber auch das funktioniert und wird nur von wenigen traditionell orientierten Opernbesuchern hinterfragt. Wem das keine Ruhe lässt, der kann im reich bebilderten und wirklich gut gestalteten Programmheft den diesem Thema gewidmeten Teil studieren.

Einzig das etwas spacige komplett goldene Kostüm des Herrn von Faninal lässt einen grübeln, was uns André Heller damit sagen will, passt dieses doch so gar nicht zu den anderen, die alle sehr passend und schlüssig sind.

Das Publikum in der Lindenoper dankte allen Beteiligten mit üppigem Beifall nach jedem Aufzug und stehenden Ovationen am Schluss. Etliche Vorhänge fielen, bis die Zuschauer bereit waren, die Sänger und Musiker in den wohlverdienten Feierabend zu entlassen. Man kann der Produktion und dem Publikum nach nur sieben Vorstellungen im Februar 2020 nur eine baldige Wiederaufnahme wünschen. Verdient hätte sie es.

Der Rosenkavalier in der Staatsoper Unter den Linden; für die Spielzeit 2019/20 sind keine weiteren Vorstellungen mehr vorgesehen.

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Die lustigen Weiber von Windsor – Otto Nicolai, IOCO Kritik, 18.10.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden © Max Lautenschläger

Die lustigen Weiber von Windsor  –  Otto Nicolai

Gefangen in Suburbia ?  Brexit – Unter den Linden ?

von Kerstin Schweiger

An der Staatsoper Unter den Linden in Berlin scheint der Brexit fast schon vorweg genommen. Die Neu-Produktion der Spieloper Die lustigen Weiber von Windsor zeichnet zumindest szenisch ein ebenso buntes wie tristes, in die 1980er Jahre zurückgeworfenes englisches Vorstadtszenario. Was sich hier bewegt, sind zuerst einmal die Wäschespinnen in den Vorgärten.

Die lustigen Weiber von Windsor –  Otto Nicolai
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
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In der komisch-phantastischen Opern-Komödie von Otto Nicolai nach der Vorlage von William Shakespeare führt ein gealterter abgestürzter Sir John Falstaff (Boris Johnson nach dem No-Deal-Brexit?) in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit verschwunden als Außenseiter eine Art Sozialhilfe-Dasein, das er durch MeToo-Attacken monetär und amourös aufzupeppen versucht. Dies wäre eine Lesart der Spielzeit-Eröffnungsproduktion, die am 3. Oktober2019  unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim in der Regie von David Bösch Premiere feierte. Die andere wäre z.B. eine überdrehte Sozialkomödie in einer bürgerlichen Vorort-Siedlung. Die aktuelle Produktion hat von beidem etwas, doch wird sie damit der Vorlage gerecht?

Das Stück, von Salomon Hermann Mosenthal und Otto Nicolai nach Shakespeares The Merry Wives of Windsor adaptiert, führt den gesellschaftlich abgestürzten füllig gewordenen und dem Wein zugeneigten adeligen Sir John Falstaff vor, der gleich zwei verheirateten Bürgerfrauen – Frau Fluth und Frau Reich – ein Rendezvous verspricht, um sie anschließend um ihr Geld zu betrügen. Die beiden sind nicht auf die Nase gefallen und stellen Falstaff gleich mehrere Fallen, ihrerseits verfolgt von den eigenen eifersüchtigen Ehemännern, die den prekär auffälligen Nebenbuhler und Schnorrer unschädlich machen wollen, und flankiert von den Bemühungen mehrerer Bewerber um die Hand der Tochter Anna aus dem Hause Reich, die ihrerseits nur den nicht wohlhabenden Fenton liebt und geschickt auf ein persönliches Happyend zusteuert, unabhängig von Stand oder Konvention. Nachdem Falstaff ordentlich vorgeführt wurde, bietet die verzauberte Sommernacht, in der die Dinge kulminieren, Ausflucht und Happyend für eine friedliche Co-Existenz, die Ursprungsfamilien ziehen sich jeweils auf ihre Terrain zurück. Demokratisches Fazit: es gibt kein Recht der ersten Nacht für Adlige, egal wie tief sie gesunken sind, die bürgerliche Form der Ehe bleibt gültiger Standard. Und Otto Nicolai konterkariert schließlich mit leichter Hand auch das, indem sich schließlich in den Verwirrungen der Sommernacht die beiden unerwünschten Verehrer Annas versehentlich in die Arme schließen.

Gleich vorweg: Der Star des Abends ist Otto Nicolai und der war musikalisch gesehen  Europäer! Welch ein Melodienreichtum, mühelos wechselnd zwischen der italienischen Opera Buffa und der deutschen romantischen Musik in der Tradition eines Carl Maria von Weber. Nicolai dirigierte die Uraufführung seiner Oper vor 170 Jahren im damaligen Königlichen Opernhaus Unter den Linden auf Wunsch des Königs, der ihn ein Jahr zuvor zum Hofkapellmeister ernannt hatte. Wer weiß, was Nicolais früher Tod 1849, nur wenige Wochen nach der Uraufführung verstarb er überraschend, für eine Weiterentwicklung des so leichten wie anmutigen und humorbegabten Genres verhindert hat, wie viel wunderbare Musik noch dazu! Nicolais Die lustigen Weiber von Windsor sind bis heute sein bekanntestes Werk geblieben. Wie Mozarts Entführung aus dem Serail und Zauberflöte, später Albert Lortzings Wildschütz oder Zar und Zimmermann, Friedrich von Flothos Martha oder Carl Maria von Webers Abu Hassan entspringt das Stück der deutschen Spielopertradition, die nach Mitte 19. Jahrhunderts jedoch von Wagners Dramen und der italienischen Oper in der Tradition Verdis überstimmt wurde.

Im Unterschied zur Opera Buffa enthalten Spieloper und Singspiel keine Rezitative, sondern gesprochene Dialoge. Spielopern wurden oft von Wanderbühnen gegeben, in deren Repertoire es keine scharfe Abgrenzung zwischen Schauspiel und Oper gab.

Nicolais Verdienst ist es, dass er mit seiner Oper zugleich auch ein Gegengewicht gegen die Grand Opéra im französischen Stil und die italienische Oper sowie gegen die Bestrebungen einer deutschen Nationaloper setzte, wie Wagner sie in Angriff nahm. Bereits 1837 notierte er Gedanken zu einem Operngenre, das die guten Seiten der italienischen Oper mit denen des deutschen romantischen Repertoires verknüpfen sollte: „Die deutsche Opernmusik enthält demnach Philosophie genug – aber nicht Musik genug: die italienische dagegen enthält Musik genug, aber nicht Philosophie genug. Sollte es denn ganz unmöglich sein, einer Vereinigung beider Anforderungen zu genügen?“

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor - hier : Mandy Fredrich als Frau Fluth und Michaela Schuster als Frau Reich © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor – hier : Mandy Fredrich als Frau Fluth und Michaela Schuster als Frau Reich © Monika Rittershaus

Als musikalischer Wanderarbeiter durch das Europa seiner Zeit (Wien, Berlin, Rom, Mailand) ziehend, konnte sich Nicolai mühelos in alle gängigen Opernformen einarbeiten und dieser europäischen Fähigkeit zur Aneignung ließ er den Lustigen Weibern mit Witz und parodistischem Talent freien Lauf. Shakespeare bot den perfekten Nährboden dafür. Schon die Ouvertüre, eine schwungvolle Angelegenheit, nimmt die Melodien des Stückes in einem Potpourri vorweg: Lyrische Arien wie die des Fenton „Horch die Lerche“, atemlos-rossiniesken witzigen Ensembles, die beiden großen Nachtchorstücke mit Mondanbetung und Elfentrick, die Eifersuchtstöne der Herren Fluth und Reich und die unbekümmerten spitzfindigen leichten Koloraturen der Frau Fluth.

So spielerisch die Form anmutet, umso politischer erscheint jedoch die Entstehungsgeschichte des Stücks. Otto Nicolai hatte die Musik bereits 1846 in groben Zügen skizziert als er noch erster Kapellmeister an der Wiener Hofoper war und dort mit einem Akademiekonzert 1842 die heutigen Wiener Philharmoniker aus der Taufe gehoben hatte. In Wien wurde jedoch die Uraufführung der Lustigen Weiber abgelehnt und Nicolai folgt dem Ruf des Preußen-Königs Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin. Dort trat er 1848 seine Stelle als Hofkapellmeister und Leiter des königlichen Domchores an. Die geplante Uraufführung fiel jedoch den 1848 ausbrechenden Märzunruhen zum Opfer, die junge demokratische Bewegung ging auf die nahe der Oper aufgerichteten Barrikaden und dem König gelang erst in den folgenden Monaten die Konsolidierung der Monarchie und damit auch seines Hoftheaters. Erst am 9. März 1849 gelangten die Lustigen Weiber zur Uraufführung und fanden in den folgenden Jahren Eingang in das deutschsprachige und europäische Opernrepertoire.

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : René Pape als Sir John Falstaff, Chor und Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : René Pape als Sir John Falstaff, Chor und Ensemble © Monika Rittershaus

Überhaupt steht an diesem Abend die Form der Deutschen Spieloper der Staatsoper Unter den Linden gut zu Gesicht und dringend in den Startlöchern zur Wiederentdeckung eines ganzen Genres. Dies gilt ganz besonders für die musikalische Seite des Stückes. Und hier setzt der etwas schwieriger einzuordnende Teil des Abends an. Die auf der Kante zwischen stellenweise übertrieben wirkendem, Comedy getriebenem Slapstick- und Brechstange-Humor und ernstgenommener Empathie für die Nöte der handelnden Figuren angelegte Inszenierung balanciert das Kreativteam stellenweise zu flach aus.

Denn so unpolitisch der Inhalt der Oper ist, hat sie doch nicht nur eine vordergründigen vergnügliche Seite. Insbesondere die zentrale Figur des verarmten Ritters John Falstaff, immerhin mit einem Sir geadelt, hat durchaus tragische Züge von Einsamkeit, Alter und gesellschaftlichem Absturz, einer Selbstentäußerung mit Flirts um Geld, und das wirtschaftliche Überleben. Eine Außenseiterrolle, die durchaus auch das Zeug zum Mobbingopfer hat. Die saturierte Langeweile der gut situierten bürgerlichen Damen, deren Jammern auf hohem Niveau einzig der Eifersucht der Ehegatten gilt und auch die romantische Versponnenheit deren behüteter Kinder ist durchaus mokante Gesellschaftskritik von Nicolais komödiantischem Geist in Noten gefasst.

Doch die als Konzeptansatz der Inszenierung explizit zugrunde gelegte nostalgische Erinnerungswelt des Kreativteams an das eigene Aufwachsen in den 1970er und 80er Jahren, die sich in einer stilistisch entsprechenden Ausstattungs- und Requisitenschlacht Bahn bricht, macht diese Gratwanderung stellenweise arg platt. So erscheint Falstaff (René Pape) in einem gigantischen Fatsuit, Hängebauch über der Hose, Billigsandalen mit Tennissocken und strähnigen langen Haaren eher als bedauernswertes Opfer der Ausstattungsabteilung, denn seiner eigenen durchaus charmanten Schwachstellen. Der Rest eigener Würde verschwindet in einer Art Adelsprekariat. Dieser arme Ritter ist nicht auf Hartz IV, sondern – zumindest optisch – schon auf Hartz VIII angekommen.

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : Linard Vrielink als Junker Spärlich, Anna Prohaska als Jungfer Anna Reich, Pavol Breslik als Fenton, David Oštrek als Dr. Cajus © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : Linard Vrielink als Junker Spärlich, Anna Prohaska als Jungfer Anna Reich, Pavol Breslik als Fenton, David Oštrek als Dr. Cajus © Monika Rittershaus

Die Requisitenabteilung der Staatsoper hatte gut zu tun. Vom Gymnastikball bis zum Knochenhandy, der Alarmanlage an der Einheitsbetonbungalowhälfte bis zu Plastikgartenstühlen, eine Orgie in Suburbia-Vorstadt-Tristesse. Für in Puschelhaus-schuhen schon vormittags gegen die Langeweile ein Sektchen pichelnde Hausfrauen liegen Maniküreset und Hornhauthobel auf dem Gartentisch bereit. Die junge Generation erscheint in zerrissenen Jeansshorts, Springerboots und Schlabber-T-Shirts, den Walkman am Gürtel eingeklinkt. Swimmingpool hinterm Haus, akkurate Hecken nebst Gartenschere, der Garten-Grill und schließlich ein Meer von Wäschespinnen bieten jede Menge Aktionseinsatz. Schließlich macht Herr Fluth im Wäschetrog mit der Kettensäge Jagd auf Falstaff. Man fragt sich ab und zu schon, wo sind die armen „Jungs“ David Bösch (Regie), Patrick Bannwart (Bühne) und Falko Herold (Kostüme) nur aufgewachsen?

In diesem Über-Spaß-Kontext bleibt die Regie jedoch recht konventionell. In der einleitenden Briefszene zum Beispiel wird die kompromittierende Doppel-Post brav abgelesen. Ansonsten agiert die gesamte Besetzung in bestens gestimmter Spiellaune. Hier liegt das Glück in einer durchweg grandiosen Besetzung, die jeder Wagner-Oper angemessen wäre.

Allen voran Michael Volle als vor mühsam unterdrückter Eifersucht kochender und umso beherrschter herrlich schlank akzentuiert bassbaritönend singender Herr Fluth. Mandy Fredrich als seine schwangere Ehefrau geht die koloraturreiche Partie mit Leichtigkeit und durchaus bestimmt an, altstimmlich sehr angenehm co-kuratiert von ihrer „Sister in Crime“ Michaela Schuster als Frau Reich, die mit dem Habitus einer Zarah Leander der Vorstadt stets mit einem Glas zur Hand über den Rasen schreitet. Wilhelm Schwinghammer ist ihr resoluter Ehemann mit stimmstarkem Bass. Anna Prohaska und Pavol Breslik zaubern beide dem jungen Paar jugendlich strahlende, höhensichere Töne in die Kehlen. Erfrischend komisch und stimmlich mit Schmackes gestalten Linard Vrielink (Tenor) und David Ostrek (Bariton) das Verehrerpaar Spärlich und Dr. Cajus. Schade, dass sie eine eher platte Travestienummer am Ende als Paar zusammenführt.

Dreh- und Angelpunkt der Oper ist Sir John Falstaff, dem René Pape mit geschmeidigem Bass und profund Ausdruck verleiht – ganz im Gegensatz zu seinem dermaßen prekären Erscheinungsbild, das die Figur –anders als bei Shakespeare – hier szenisch und optisch etwas zu sehr reduziert.

Der Chor des Hauses begleitet im ersten der beiden großen Chorstücke das Aufgehen eines riesigen Mondes über den selbständig rotierenden Wäschespinnen der Vorstadt wunderbar uptempo gesungen aus dem Off.

Und was machen Daniel Barenboim und die Staatskapelle? In der – zum Glück szenisch unbespielten – Ouvertüre schon werfen sie mit flirrenden Streichern, volltönenden Bläsern und Schlagwerk einen verheißungsvollen transparenten sommernachtstraumhaften Blick auf das alles klärende Finale. In breiten Bögen herrscht hier allerseits „Witz, heit‘re Laune“, wie es Frau Fluth später in ihrer großen Arie benennt. Es steht Nicolais Musik nach 170 Jahren absolut zu, auf diesem hohen Niveau zu erklingen.

Die lustigen Weiber von Windsor; 19.10.2019; weitere Termine sind noch nicht festgelegt,  voraussichtlich in der kommenden Spielzeit

Besuchte Vorstellung 11. Oktober 2019

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR – Otto Nicolai, 03.10.2019

September 25, 2019 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Unter den Linden

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

  DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR – Otto Nicolai

  Regie  David Bösch, musikalische Leitung Daniel Barenboim

Eröffnungspremiere 3. Oktober 2019

Am 3. Oktober findet mit Otto Nicolais DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR in der Regie von David Bösch, der mit dieser Produktion sein Hausdebüt gibt, die Eröffnungspremiere der Saison 2019/20 an der Staatsoper Unter den Linden statt. Im März 1849 an der Berliner Staatsoper (der damaligen Königlichen Hofoper Berlin) unter dem Dirigat des Komponisten uraufgeführt, kehrt das Werk nun mehr als 30 Jahre nach der letzten Inszenierung wieder ans Haus zurück. Die musikalische Leitung übernimmt Daniel Barenboim, es spielt die Staatskapelle Berlin. Das Bühnenbild hat Patrick Bannwart entworfen, die Kostüme stammen von Falko Herold. René Pape gibt als Sir John Falstaff sein Rollendebüt, daneben sind u. a. Michael Volle (Herr Fluth), Pavol Breslik (Fenton), Mandy Fredrich (Frau Fluth), Michaela Schuster (Frau Reich) sowie Anna Prohaska (Anna Reich) zu erleben.

Als Vorlage diente Otto Nicolai die Shakespeare Komödie THE MERRY WIVES OF WINDSOR. Regisseur David Bösch verlegt diese Oper, an der Grenze zwischen Ordnung und Chaos, in eine bürgerliche Vorgartenszenerie. Die vermeintliche Idylle droht durch das Auftauchen von Falstaff zu kippen, der Unordnung und damit auch Freiheit in die Bürgerwelt bringt. Das führt für ihn zu Abenteuern, aber auch zu großer Einsamkeit und Melancholie.

Das Falstaff-Thema ist auch im weiteren Programm der Staatsoper Unter den Linden präsent, mit der Wiederaufnahme von Verdis FALSTAFF (ab 26. Januar 2020) sowie mit dem I. Abonnementkonzert der Staatskapelle Berlin am 14. und 15. Oktober (Staatsoper / Philharmonie), bei dem u. a. Elgars Symphonische Studie »Falstaff« erklingt.

David Bösch, geboren 1978, gehört zu den führenden Regisseuren seiner Generation. Nach seinem Studium der Theater- und Filmregie inszenierte er bei den Salzburger Festspielen 2004 im Rahmen des Young Directors Special. Seitdem arbeitet er an bedeutenden deutschsprachigen Bühnen, u. a. am Burgtheater Wien, am Hamburger Thalia Theater, am Deutschen Theater Berlin, am Bayerischen Staatsschauspiel München sowie am Berliner Ensemble. Von 2010 bis 2013 war Leitender Regisseur am Theater Bochum, von 2013 bis 2016 Hausregisseur am Burgtheater. 2010 begann er mit einer Inszenierung von Donizettis L’ELISIR D’AMORE an der Bayerischen Staatsoper München seine Tätigkeit als Opernregisseur. In den folgenden Jahren inszenierte er u. a. Wagners DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG in München, Humperdincks KÖNIGSKINDER an der Oper Frankfurt, LE NOZZE DI FIGARO in Amsterdam, ELEKTRA in Antwerpen, IL TROVATORE am Royal Opera House Covent Garden London, Schrekers DIE GEZEICHNETEN in Lyon sowie Korngolds DIE TOTE STADT und Verdis NABUCCO an der Dresdner Semperoper. Mit Nicolais DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR debütiert er an der Staatsoper Unter den Linden.

Zum weiteren Ensemble gehören Wilhelm Schwinghammer (Herr Reich), Linard Vrielink (Junker Spärlich) sowie David Oštrek (Dr. Cajus). Darüber hinaus singt der Staatsopernchor, einstudiert von Martin Wright.

Zur Vorbereitung auf die Premiere findet am Sonntag, dem 29. September um 11 Uhr im Apollosaal der Staatsoper Unter den Linden eine Einführungsmatinee mit Prof. Dr. Ulrich Konrad von der Universität Würzburg statt, einem der besten Kenner der Musik Otto Nicolais. Der Eintritt ist frei.


DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR
Komisch-phantastische Oper in drei Akten (1849)
Musik von Otto Nicolai
Text von Salomon Hermann Mosenthal nach William Shakespeares »The Merry Wives of Windsor«
Premiere am Donnerstag, den 3. Oktober 2019 um 18:00 Uhr
Weitere Vorstellungen am 5., 9., 11., 13. und 19. Oktober 2019
Staatsoper Unter den Linden

Eine Werkeinführung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Apollosaal statt.

Die Produktion wird unterstützt durch den Verein der Freunde und Förderer der Staatsoper Unter den Linden

Tickets sowie weitere Informationen unter Telefon 030 20 35 45 55 und www.staatsoper-berlin.de

—| Pressemeldung Staatsoper unter den Linden |—

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