Dresden, Semperoper, Die Trojaner von Hector Berlioz, IOCO Kritik, 16.10.2017

Oktober 17, 2017 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Ewiger Krieg im Kostümrummel oder Männer gegen Frauen?

Les Troyens von Hector Berlioz

Von Guido Müller

Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO

Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO

Die frühere prächtige Hofoper, dann in der DDR wieder wunderschönhergestellte Semperoper im erneuerten Neo-Renaissance-Stil bringt das große, weit über fünf Stunden dauernde Opern-Schmerzenskind  des französischen Komponisten Hector Berlioz Les Troyens zum Beginn der Spielzeit. Noch Richard Strauss war fasziniert von der Instrumentenkunde und Klangfarbenmagie des Franzosen. So passt die große Anforderung an das Orchester, die Sänger und den Chor stellende Grand Opera  ideal an das sächsische Haus großer Strauss-Uraufführungen.

Die Sächsische  Staatskapelle Dresden sollte sich unter dem Dirigat   des ihr vertrauten Amerikaners John Fiore auch ganz dem schönen Klangfarbenrausch dieser Komposition widmen: Berlioz sozusagen mit üppigem Goldrahmen präsentiert. Auch das Staatstheater Nürnberg hat in dieser letzten Spielzeit des künftigen Intendanten der Sächsischen Staatsoper dieses Werk zur Premiere in einer allerdings dreistündigen Schrumpffassung nur drei Tage nach    der Dresdener Premiere angesetzt.

In Dresden inszeniert die viel beschäftigte und von der Kritik stark beachtete  junge Amerikanerin Lydia Steier das opulente Werk mit ihrem bevorzugten römischen Kostümmodisten Gianluca  Falaschi, der prächtige und aufwändige Kostüme im üppigsten Bonbonière-Stil der Pariser Weltausstellungen entworfen hat und mit ihrem Architekten beeindruckender Bühnenbauten Stefan Heyne.

Der deutsche Bühnenbildner hat fantastische Prospekte mit der alten  Semperoper oder einer Mittelmeerlandschaft malen lassen sowie für die Akte drei bis fünf eine Kombination aus Turm zu Babel (Achtung: Mittelmeer-Vielvölkerproblematik der Trojaner-Oper), Globe-Theater als  Holzkonstuktion  (Achtung: Shakesspeare -Verehrung von Berlioz) oder Mini-Tour-Eiffel im Bau mit Schlafnische für flüchige Liebesnächte (herrlich  gesungenes Duett  „Nuit d’ivresse“,  textlich auf Shakespeares Kaufmann von Venedig basierend, der mit warmem Schmelz  singenden Didon  der Christa Mayer und dem lyrischen Enée des Bryan Register).

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster

Das trojanische Pferd wird in Gestalt des Reiterdenkmals des allerdings so gänzlich unmilitaristischen „guten“ König Johanns von Sachsen vor der Semperoper herein gezogen. Sein Sockel dient am Ende der  Oper  der karthagischen Königin Dido als Grab für ihren Freitod.

Aber darauf kommt es historisch gar nicht so genau an, schließlich gab  es zu Lebzeiten von Berlioz ja dauernd Kriege vom französischen Kaiser Napoleon Bonaparte bis zu Kaiser Napoleon III. Dazu ergänzt die   seit  2002 in Berlin lebende Amerikanerin Lydia Steier im Programmheft  im Gespräch mit der Dramaturgin Anna Melcher dann zu dem mit aktualistischer  Anwandlung: „Plötzlich fliegen Drohgebärden  über atomare Waffen durch die Luft, das politische Klima verändert sich bis    vor die Haustür: Trojanische Pferde sollte man nicht aus den Augen lassen.“ So wird zumindest im Kostüm und Klischee die Geschichte noch bis zur stalinistischen Soldateska im zweiten Weltkrieg weiter erzählt.     Und den Bezug zum tagesaktuell in den Nachrichten immer mal wieder  dank Pegida und Opernball auftauchenden Opernplatzes kann der werte Zuschauer für sich je nach Gusto interpretieren.

Nach dem ersten Teil fragte ich mich nun allerdings verblüfft, ob der zunächst bunte Faschingskostümrummel des trojanisch-offenbachiesken Volks und der abschließende bluttriefende Mordexzess der Frauen untereiner rasenden „keuschen“ „Seherin“ Kassandra im englischen hochgeschlossenen Gouvernantenkostüm ernst gemeint ist als Anklage gegen Krieg, Machismo und dauernd amüsiergeile Gesellschaft?

Oder ist dies zu verstehen als eine Parodie auf den gescheiterten Versuch von Hector Berlioz eine Grand Opera  zu komponieren, mit der er bei Jacques Offenbachs Pariser Vorstadtbühne mit dem Versuch einer zu lang geratenen Opéra bouffe durchgefallen ist? Oder beides zugleich?

Die Sänger – wie der für die äußerst anspruchsvolle Rolle des Aeneas zunächst noch zu Spielzeitbeginn angekündigte Gast-Tenor Eric Cutler – haben wohl teilweise schon während der Proben aufgegeben.

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster

Die Ausnahme-Mezzosopranistin Christa Mayer von der Semperoper, die diesen Sommer bei den Richard Wagner Festspielen in Bayreuth als Brangäne aufhorchen ließ, ist ob ihrer stoischen Professionalität zu bewundern, mit sie ihr mitreißendes und tief berührendes Profil der karthagischen Königin Didon durchgezogen hat, da sie die große ihr wie auf den Leib und das Stimmprofil geschneiderte Rolle darstellen wie       exemplarisch singen KANN und WILL. Und dies dazu noch in perfekter französischer Diktion!

Die zunächst auch eher keusch als sinnlich singende amerikanische Sängerin der Cassandre Jennifer Holloway fügt sich im Spiel und Gesang perfekt in das Regiekonzept ein. Sie gewinnt im Schlußtableau des zweiten Aktes noch erheblich an dramatischer Tiefe und stimmlichem Ausdruck.

Das gilt leider nicht durchgehend für den Sänger der überaus schweren  Partie des Enée, der in einer Art Operetten-Offiziersuniform sichtlich ohne Sympathie der Regie agieren muss. Im ersten Teil eher schwach, sucht Bryan  Register, der die Rolle auch an der Oper Frankfurt singt, sich in einer der anspruchsvollsten Tenorpartien des 19. Jahrhunderts zunächst  zu   profilieren, indem er in dieser zweiten Vorstellung seit der   Premiere ab und zu nach unten transponiert singt. Das große Liebesduett mit Christa Mayer gelingt ihm in dieser Vorstellung sehr fein. In seiner großen Schlussszene hat ihn die Regie und die Stimme manchmal etwas in  Stich gelassen. Steier mag sichtlich keine Helden und das trifft seine Stimme.

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster

Kriegsgemetzel zu zeigen hingegen scheint der Regisseurin Spaß  zu machen,  auch wenn es in Berlioz‘ Oper nicht vorkommt. So gerät die berühmte „Chasse royale et Orage“ zum sowohl handwerklich wie historischen Missgriff, obwohl es eine ausführliche detaillierte Anweisung zu einer Pantomime von Berlioz gibt.

Lydia Steier zeigt statt Jagd, Gewittersturm und knisternder Erotik zwar natürlich so halb (!) politisch korrekt keine schwarzen Numider- Afrikaner,wie eigentlich in der bei Berlioz zuvor erwähnten, aber nicht gezeigten Schlacht, sondern musulmanische Krummsäbel-Osmanen mit Bärten à la  IS (sic!) werden durch heroische Russen-Franzosen-Krimkrieger mit Gewehren und Bajonetten abgeschlachtet, während die Posaunen und   Hörner der Staatskapelle effektvoll beleuchtet mit dem begleitenden Festfernchor in den Seitenlogen dazu musizieren.

Laut dem von der Oper Frankfurt zitierten Dramaturgen-Beitrag im  Programmheft wollte Berlioz sich mit seiner Oper, in der Militärterminologie als „Phalanx“ und „Avantgarde“ quasi kompositorisch selber ständig ins kriegerische Feuer stürzen.

Die Musik der Trojaner als ständige Kriegsanführung: ewigen Hass und endlosen Krieg verherrlichend durch über fünf Stunden Oper und Militärkapelle? Oder doch nur ein großer langer Kostümspaß im Stil einer  Operette von Jacques Offenbach?

Männer vergewaltigen, mehr oder weniger ständig betrunken, wie sowjetische Klischee-soldaten (drastisch gut gesungen von Jiri Rajnis und Matthias Henneberg) dauernd –  angezogen (!!!) – Frauen oder berauben sie ihrer Habseligkeiten (historisch-kritische Reminiszenz an die sowjetische Besatzung in Dresden nach 1945 oder doch eher             Krimkrieg oder Lumpenproletariat von Paris?).

Man fragt sich dann nur immer wieder, warum deren operettiger, französisch-russischer Offiziersanführer Aeneas  denn nun ausgerechnet dann nach Italien soll. Irgendwie scheint auch immer malerisch der Vollmond und leuchtet eine Staßenlampe. (Effektvolle und stimmige Lichtregie Fabio Antoci). Eine Spielzeugkanone ziert symbolisch pittoresk das Kriegsidyll.

Statt der Ballette gibt es zur gepflegten Unterhaltung Akrobaten und Seifenblasen- kunststücke für die feine Hofgesellschaft. Man spart an nichts in Dresden, wie schon Berlioz zu Lebzeiten konstatiert hatte: „Seit ich in Deutschland weilte, hatte ich noch nie eine solche Ansammlung von Reichtümern gesehen.“ ( Siehe Programmheft S. 42) Am Ende kommt das Gespenst der aus dem Leben geschiedenen untoten Cassandre-Gouvernante samt totem Familienanhang zurück um sich malerisch zusammen mit ihrer „Freundin“ Didon, die nun plötzlich ein festliches altrussisches Brautgewand (sic!) anlegt, schwesterlich zum erneuten gemeinsamen Freitod zu begeben.

Semperoper / Die Trojaner - hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster

Semperoper / Die Trojaner – hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster

Die Regisseurin verachtet den Opernkomponisten Hector Berlioz und seine Grand opéra wohl noch mehr als die Männer in diesem Werk. Daran vermögen auch nichts zu ändern der sehr nobel und besonders glaubwürdig singende Chorèbe des Baritons Christoph Pohl und der mit besonders schöner fundierter Belcantostimme ausgestattete junge    amerikanische Charakter-Bassbariton Evan Hughes als Narbal, der Liebhaber von Didons Schwester Anna. Sie wird hervorragend  gesungen und gespielt von der jungen polnischen Mezzosopranistin Agnieszka Rehlis im lila Blaustrumpfkostüm, die in dieser Rolle sehr überzeugend an der Semperoper debütiert). Sogar für das fein durch den stimmschönen Tenor Simeon Esper gesungene Heimwehlied des Hylas vermag die Regie sich kaum zu erwärmen.

Die Inszenierung verfolgt ganz offensichtlich vor allem den Zweck, uns tolle, aus dem Vollen schöpfende bunte Kostüme an singenden Menschen vorzuführen, vor allem an einem üppigen und mit sehr  individuellen Portraits gezeichneten Riesenchor. Der eigentliche Hauptakteur dieser Inszenierung sind ja die Trojaner, Griechen und Karthager, überaus packend und präzise gesungen und gespielt vom Sächsischen Staatsopernchor, Sinfoniechor  Dresden, Extrachor und Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden unter der Chorleitung von Jörn Hinnerk  Andresen und für den Kinderchor Claudia Sebastian-Bertsch. Dazu spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden unter John Fiore in gewohnt höchster  Qualität schwelgerisch und verführerisch dauerschön. Nicht nur die mir an dem Abend besonders positiv aufgefallenen vier, oft solistischen Harfen und die Hörner verdienten Extralob.

Alleine dieses Spitzenorchester und der Spitzenchor sowie Christa Mayer als Didon lohnen den Besuch der optisch wie akustisch opulenten Produktion der Semperoper.

Die Trojaner von Hector Berlioz an der Semperoper: Die nächste Vorstellungen am 21.10., 27.10., 3.11.2017.

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Premiere Die Trojaner von Hector Berlioz, 03.10.2017

September 1, 2017 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

 Die Trojaner von Hector Berlioz

Jennifer Holloway, Christa Mayer, Eric Cutler, Christoph Pohl

Mit einem monumentalen Werk, einer betörend farbenreichen Grand opéra von Hector Berlioz eröffnet die Semperoper Dresden am 3. Oktober 2017 ihre Saison 2017/18. Lang hattet es gedauert, bis nach der Uraufführung des zweiten Teils (!) dieses komplexen Werkes im Jahr 1863 der erste Teil auf die Bühne kam – ganze 16 Jahre sollten vergehen, Berlioz erlebte diese Aufführung nicht mehr. Der Komponist betrachtete in seinem Monumentalwerk das gesamte Orchester als ein großes Instrument, als Farbpalette mit immensen Möglichkeiten. Bei der Anlage der Orchesterbesetzung war er kaum zu stoppen und zeichnete mit seinen schier unermesslichen Klangfarben von gesellschaftlichen Umwälzungen, von Zerstörung und brüchigem Frieden – und von der großen Liebe auf der Schlachtbank der Geschichte.

Hector Berlioz Grabstätte in Paris © IOCO

Hector Berlioz Grabstätte in Paris © IOCO

Troja und Karthago – in beiden Städten herrscht trügerischer Friede. Zwei Völker befinden sich nach Belagerung, Krieg und stürmischer Zeit in Erwartung friedlicher Prosperität. In Zerstörung und Niedergang werden beide Völker enden, die deutlichen Vorzeichen ignorierend. Im Zentrum stehen zwei starke Frauenfiguren: Cassandre, die Sehende, die ihre siegesgeblendeten Trojaner vergeblich vor den Gefahren des hölzernen Pferdes warnt und sich nach der Eroberung Trojas durch die Griechen das Leben nimmt, und die karthagische Königin Didon, die über ihre Liebe zu Enée ihr Volk und sich selbst vergisst.

In Dresden wird die US-amerikanische Regisseurin Lydia Steier dieses großdimensionierte Epos über Krieg und Frieden mit seinen klanggewaltigen, 120 singende Menschen starken Chören im Zeichen der Jahrhundert- und Zeitenwende in Szene setzen. Das Bühnenbild entwirft Stefan Heyne, die Kostüme stammen von dem mehrfach ausgezeichneten italienischen Kostümbildner Gianluca Falaschi. Am Dienstag, den 3. Oktober wird die Grand opéra an der Semperoper ihre Premiere erleben. Beginn ist um 16 Uhr. Eine Premierenkostprobe am 26. September um 18 Uhr gibt erste Einblicke in das Werk.

In den Hauptpartien sind Jennifer Holloway als Cassandre, Christa Mayer als Didon, Eric Cutler als Énée und Christoph Pohl als Chorèrbe zu erleben. Es singt der Sächsische Staatsopernchor Dresden, unterstützt vom Sinfoniechor DresdenExtrachor der Sächsischen Staatsoper Dresden und dem Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden. Es spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der musikalischen Leitung von John Fiore.

Die Trojaner von Hector Berlioz:  Premiere 3.10.2017, weitere Vorstellungen 6.10.; 9.10.; 21.10.; 27.10.; 3.11.2017

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

 

Frankfurt, Oper Frankfurt, Die Trojaner von Hector Berlioz, IOCO Kritik, 13.03.2017

März 13, 2017 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

„DIE GRÖSSE DER FRAUEN“
Les Troyens von Hector Berlioz an der Oper Frankfurt

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Paris / Grabstätte Hector Berlioz © IOCO

Paris / Grabstätte Hector Berlioz © IOCO

Es ist eine Binsenwahrheit, aber deswegen nicht unwahr, wenn man sie wiederholt: Oper ist eine Gesamtkunstwerk und nur durch das Zusammenwirken aller Abteilungen eines Opernhauses möglich. Am Premierenabend von Berlioz’ Les Troyens  – nach über 34 Jahren erstmals wieder – in der Oper Frankfurt konnte sich jeder von der Meisterleistung der Bühnentechnik überzeugen. Ohne das präzise arbeitende Team der Bühnenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter wäre diese Vorstellung so nicht realisierbar gewesen. Die große Drehbühne, im Dauereinsatz, eröffnet Außen- und Innenräume sowohl der Protagonisten als auch der dramatischen Handlung. Aber dazu später, zuvor soll die Leistung der Schneiderei (170 Kostüme), des hervorragenden Chores (100 Personen zuzüglich des Extra- und Kinderchores) und des großen und großartigen Orchesters zuvorderst gewürdigt werden.

Oper Frankfurt / Die Trojaner - Tanja Ariane Baumgartner als Cassandre, Chor, Extrachor © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Die Trojaner – Tanja Ariane Baumgartner als Cassandre, Chor, Extrachor © Barbara Aumüller

Und dann war es ein Abend der Frauen. Cassandre und Didon sind die Heldinnen der Oper und ihre Sängerinnen, die des Abends. Tanja Ariane Baumgarten und Claudia Mahnke sind Kolleginnen an der Oper Frankfurt, und ein Vergleich der beiden Mezzosoprane liegt nahe. Aber Cassandre und Didon sind zu unterschiedlich in ihrer Rollenbiographie und einzig, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, in ihrem Schmerz vereint.

Tanja Ariane Baumgarten ist eine gepeinigte Cassandre, die nirgendwo dazugehört – weder in den an die 1920er Jahre erinnernden Art Déco-Salon der trojanischen Elite – noch in die antikisierende Außenwelt des Volkes, das sich über das trojanische Pferd zunächst noch freut. Sie schaut die Zuschauer zu Beginn – projiziert auf einen Zwischenvorhang – und auch später direkt an, ihr Inneres nicht verbergend, doch auch wissend, dass alle Wehklage umsonst sein wird (Video: Bernd Zander). Sie ist der Dreh- und Angelpunkt des ersten Teils, und Tanja Ariane Baumgarten spielt und singt mit großer Intensität. Ihr auch in die Tiefe gehender Mezzosopran verleiht der Cassandre die notwendige psychologische Dunkelheit, die diese Figur mit ihren Vorahnungen auszeichnet. Sie stattet dieser Seherin mit einer Würde aus, um nicht vollends wie die anderen in der Opferrolle zu erstarren. Um sie herum herrscht Rat- und Tatlosigkeit und insbesondere die Männer scheinen den Verlust, nicht nur der verlorenen Endschlacht, sondern der bisherigen Lebensweise nicht zu verstehen und zu verkraften. Wie Schatten ihrer selbst irren sie durch die zunehmend zerstörten antiken Landschaften vor und in ihrem Salon, unfähig ihre Frauen zu beschützen oder einen anderen Ausweg zu finden. Die Kostüme spielen mit Farben, so wie Berlioz für jede Person eine eigene Klangfarbe entwickelte, tragen die Damen – Cassandre sei hier exemplarisch erwähnt lila-violett – Gewänder in verschiedener Couleur. Das Farbenspiel setzt sich auch bei den Männern fort, die allerdings in kurzen Hosen (mit oder ohne Jackett) und antik anmutenden Sandalen zu sehen sind; vielleicht als Hinweis auf die bereits erwähnte irrlichternde Laissez-faire-Attitude, die sehenden Auges dem Untergang entgegensteuert.

Oper Frankfurt / Die Trojaner - Claudia Mahnke als Didon, Chor, Extrachor, Chorgäste © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Die Trojaner – Claudia Mahnke als Didon, Chor, Extrachor, Chorgäste © Barbara Aumüller

Im zweiten Teil hat sich das Bühnenbild geweitet, der Salon ist leicht verändert, aber doch der passende Rahmen für eine Königin, die mit ihrem Witwendasein hadert. Und hier entwickelt die Regisseurin Eva Maria Höckmyer eine größere emotionale Dichte – was im schönen „Kontrast“ zur Musik steht, die die Emotionalität zunächst nicht vordergründig bescheinigt und erst langsam, dann aber deutlich entfaltet. Insbesondere in den intimen Momenten der Zweisamkeit von Didon und Enée beweist sie eine gut geführte Personenregie. Die von Liebe zerrissene Didon wird von Claudia Mahnke stimmlich (mit einer schönen Höhe ) und darstellerisch jederzeit beglaubigt und sehr beeindruckend dargestellt. Sie zeigt eine erwachsene Frau – im Gegensatz zu ihrer etwas unbekümmerten jüngeren Schwester –, wissend, dass eine neue Liebe den ganzen Menschen, also auch die Monarchin, fordert. Das Scheitern ist unausweichlich, da Enée nicht aufrichtig ist. Berlioz scheint Frauen nicht nur stimmlich mehr aufzubürden, er sieht sie als starke Persönlichkeiten, die trotz ihres individuellen Untergangs Haltung bewahren. Das Farbenspiel der Kostüme ist hier einer Zurückhaltung gewichen, es überwiegt ein blau-grau bei den Damen, Didon trägt noch eine Jacke mit Gürtel, die sie als Königin ausweist. Die inzwischen langen Hosenbeine der Herren sind farblich intensiver gewählt. Nur Enée fällt aus dem Rahmen mit seiner Lederjacke und verbeulten Hose: Er ist ja „ein Flüchtling“, der weiter will und daran ermahnt wird, dass er einem göttlichen Auftrag folgen muss – wie auch seine Partie zunehmend die dritte Hauptrolle im Stück wird und von Bryan Register allmählich an Entfaltung gewinnt.

Oper Frankfurt / Die Trojaner - vlnr Claudia Mahnke als Didon, Irene Bauer (Tänzerin), Martin Dvorák (Tänzer) © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Die Trojaner – vlnr Claudia Mahnke als Didon, Irene Bauer (Tänzerin), Martin Dvorák (Tänzer) © Barbara Aumüller

Eva Maria Höckmeyer gelingt es, zwischen der Geschichte um Krieg in Troja einerseits und die Flucht der übriggebliebenen Trojaner andererseits einen Bogen zu spannen. Auch weil beide Teil im gleichen antikisierenden Bühnenbild (Jens Kilian) spielen und die farbenprächtigen Kostüme (Saskia Rettig) zeitlos wirken und eine Kontinuität auch durch die Choreografie (Martin Dvo?ák) zwischen den beiden Teilen herstellen. Und trotzdem bleibt ein kleiner Wehmutstropfen, da das unablässige Drehen der Bühne sich mit der Zeit erschöpft – etwas mehr Ruhe und weniger Sinneseindrücke hätten der Umsetzung durchaus gut getan. Denn die Wucht des Werkes – musikalisch, dramaturgisch und bühnentechnisch – braucht eine gewisse Reduktion, keine Vereinfachung, aber die Besinnung auf das Wesentliche: die Figuren. Wohltuend ist, dass die Regisseurin nicht auf Aktualisierung setzt – und doch konnte jeder die Nachrichtenbilder aus Syrien sich in Erinnerung rufen, so man sich auf die Geschichte einließ. Krieg und Vertreibung ist keine aktuelle Erfahrung, es ist das Grundrauschen der gesamten europäischen Kultur. Auch Berlioz’ Musik und Libretto, vom ihm selbst verfasst, ist von diesem Wissen (und man muss hinzufügen von der Liebe Berlioz’ zu dem antiken Dichter Vergil und seiner Aeneis) durchdrungen. Im 19. Jahrhundert gehörten die antiken Mythen noch zum Allgemeingut.

Oper Frankfurt / Die Trojaner - Tanja Ariane Baumgartner als Cassandre und Ensemble © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Die Trojaner – Tanja Ariane Baumgartner als Cassandre und Ensemble © Barbara Aumüller

Die große Besetzung der Troyens stellt für jedes Opernhaus eine Herausforderung dar, die hier meisterlich bewältigt wurde von: Gordon Bintner (Chorèbe), Daniel Miroslaw (Panthée), Alfred Reiter (Narbal), Martin Mitterutzner (Iopas), Elisabeth Reiter (Ascagne), JuditaNagyová (Anna), Michael Porter (Hylas / Hélénus), Dietrich Volle (Priam), Thomas Faulkner (ein Soldat / der Schatten Hektors / Merkur), Brandon Cedel (ein griechischer Führer / erster trojanischer Soldat), Thesele Kemane (zweiter trojanischer Soldat), Alison King (Polyxène), Britta Stallmeister (Hécube) sowie die Tänzer und Tänzerinnen Martin Dvorák, Irene Bauer und Gal Feffermann.

Der Dirigent John Nelson, ein ausgewiesener Berlioz-Kenner, führt das Orchester sicher, große Gesten meidend, jederzeit souverän, präzise und unaufgeregt durch den Abend. Dem musikalischen und durchaus auch szenischen tableauhaften des Werks verleiht Nelson den übergreifenden Rahmen, die Spannung bis zum Schluss haltend und damit dieser Grand opéra die Rechtmäßigkeit im Opernrepertoire zuweisend. Nicht nur dafür gab es großen bis stürmischen Applaus.

Die Trojaner an der Oper Frankfurt; weitere Vorstellungen: 18.3.2017, 26.3.2017.

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

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