Wien, Oper in der Krypta, DON GIOVANNI  –  Wolfgang Amadeus Mozart, IOCO Kritik, 26.05.2021

Mai 25, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

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 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

 DON GIOVANNI  –  Wolfgang Amadeus Mozart

20. Mai 2021 – Wiedereröffnung – OPER IN DER KRYPTA  –

von Marcus Haimerl

Nach der Corona-Pandemie bedingten Schließung aller Opern- und Theaterhäuser über mehr als ein halbes Jahr in Österreich, feierte auch Oper in der Krypta, gelegen tief unten in der Peterskirche von Wien, am 20.Mai 2021 seine feierliche Wiedereröffnung: mit  Mozarts Don Giovanni in einer neuen Inszenierung von Magdalena Renwart-Kahry, die dem Publikum des Hauses bereits aus zahlreichen Aufführungen von Madama Butterfly bis zur Senta in Richard Wagners Der fliegende Holländer bekannt ist. So fanden sich auch, wie die Intendantin Dorothee Stanglmayr in ihrer Ansprache erwähnte, ausschließlich Freunde und Stammgäste in der ausverkauften Krypta, die auf Grund der gesetzlichen Vorgaben derzeit nur wesentlich weniger Plätze anbieten kann, als Nachfrage besteht.

Aus einem ursprünglich geplanten Konzert mit Ausschnitten aus Mozarts Don Giovanni entwickelte sich bald eine Inszenierung die, ebenfalls auf Grund der Pandemie mit nur fünf Sängern ihr Auslangen findet.

Oper in der Krypta Wien / Don Giovanni  - hier :  Namil Kim als Don Ottavio, Minsoo Ahn als Don Giovanni, Seongchan Bahk als Commendatore und Masetto, Magdalena Renwart-Kahry als Donna Anna und Donna Elvira © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Don Giovanni – hier : Namil Kim als Don Ottavio, Minsoo Ahn als Don Giovanni, Seongchan Bahk als Commendatore und Masetto, Magdalena Renwart-Kahry als Donna Anna und Donna Elvira © Marcus Haimerl

Magdalena Renwart-Kahry befasste sich mit der Figur des Don Giovanni und vermutet in ihm eine Abstammung des griechischen Eros. Nicht jenem pfeilschießenden Kind, sondern der verkörperten Zeugungskraft und dem Willen zum Leben selbst. Durch die von der Kirche zur Sünde erklärten Sinnlichkeit, entspringt die Figur des Don Giovanni den kirchlichen Verboten selbst, weil an ihm gezeigt werden soll, was für ein schreckliches Schicksal jene erwarten, die diese Grenzen überschreiten.

Um damit eine pandemietaugliche Inszenierung auf die kleine Opernbühne zu bekommen, verschmelzen die Figuren des Don Giovanni und Leporello und jener der Donna Anna und Donna Elvira zu jeweils einer Figur.

Magdalena Renwart-Kahry dazu im Vorwort des Programms:  Leporellos Identifikation mit seinem Herrn ist so ausgeprägt, dass ich mich gefragt habe, was er tatsächlich an seiner Stelle machen würde, könnte er wirklich ganz Don Giovanni sein, statt nur ständig dessen Platz einnehmen zu müssen, wenn dieser sich wieder einmal aus dem Staub machen will. Daraus ist die Idee entstanden, die Oper so auf die Bühne zu bringen, dass sowohl Don Giovanni und Leporello als auch Donna Anna und Donna Elvira zu verschiedenen Aspekten jeweils einer Persönlichkeit verschmelzen, während Don Ottavio, Komtur und Zerlina ihrem jeweiligen Charakter treu bleiben. (…)

Oper in der Krypta Wien / Don Giovanni - hier:  vl Minsoo Ahn als Don Giovanni, Masetto, Magdalena Renwart-Kahry als Donna Anna und Donna Elvira © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Don Giovanni – hier: vl Minsoo Ahn als Don Giovanni, Masetto, Magdalena Renwart-Kahry als Donna Anna und Donna Elvira © Marcus Haimerl

In einem abstrakten geometrischen Raum setzt Magdalena Renwart-Kahry Mozarts Meisterswerk in Szene und visualisiert große Themen und Konflikte der Oper. So weicht beispielsweise der Geist des toten Commendatore nicht von der Seite seiner Tochter und steht als stille aber immer präsente Mahnung und Aufforderung zur Rache zwischen Donna Anna und Don Ottavio. Hier erklärt sich auch die immer wieder kehrende Abkehr der trauernden Donna Anna von ihrem Verlobten und ihr Kippen in die Rolle der Donna Elvira, die verzweifelt die Beziehung zu Don Giovanni sucht. Aber auch in witzigen Kleinigkeiten zeigt sich die liebevolle Umsetzung des Werkes: so ist beispielsweise der „catalogo“ mit Don Giovannis Eroberungen ein Fotobuch, in welchem sich ausschließlich Fotos von Magdalena Renwart-Kahry befinden, die sich nicht nur für die Regie verantwortlich zeigt, sondern vielmehr auch die beiden Rollen der Donna Anna und Donna Elvira übernommen hat. Da der Commendatore im ersten Akt auch die Partie des Masetto übernommen hatte, musste dieser auch im zweiten Akt der Bühne fernbleiben. Mit einem eleganten Trick singt Don Giovanni vor Zerlinas Arie „Vedrai carino“ die Arie „Donne mie, la fate a tanti“, der Arie des Guglielmo aus Così fan tutte. Dieser kleine Eingriff fügte sich so gut ein, dass niemand im Publikum die Änderung bemerkte.

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © Daniela Zimmermann

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO Daniela Zimmermann

Neben der spannenden Regiearbeit ließ aber auch die musikalische Seite keine Wünsche übrig. In der Partie der Donna Anna und Donna Elvira erlebte das Publikum Magdalena Renwart-Kahry in stimmlicher Höchstform. Mit klarem, kräftigem Sopran und sicherer Höhe bewältigt sie die beiden anspruchsvollen Partien mit Leichtigkeit und überzeugt auch darstellerisch.

Die junge russische Sopranistin Katharina Schamschula ist eine bezaubernde Zerlina die mit glockenhellem Sopran begeistert.

Die Herrenpartien lagen in dieser Produktion fest in koreanischer Hand. Mit seinem schönen tiefen, besonders intensiven Bassbariton ist Minsoo Ahn eine ideale Besetzung sowohl für die Partie des Don Giovanni als auch jene des Leporellos. Namil Kim, der das Publikum der Krypta schon in der Partie des Alfredo in Verdis Traviata zu begeistern wusste, ist mit der Strahlkraft seines Tenors optimal in der Partie des Don Ottavio. Auf ebenso hohem Niveau gestaltet Seongchan Bakh die Partien des Commendatore / Masetto.

Die musikalische Leitung lag bei Maximilian Schamschula, der den Sängern nicht nur ein erstklassiger Begleiter war, sondern vielmehr der Musik Mozarts mit unglaublicher Leichtigkeit und Präzision Leben einhauchte.

Das Publikum danke den Künstlern für diesen unglaublichen Abend mit langanhaltendem Applaus. Am 27.5.2021 gibt es eine Wiederholung dieses Abends. In weiterer Folge dürfen die Besucher mit vielversprechenden Konzertabenden rechnen; bis Ende Juli 2021 wird die nächste Neuproduktion – Vincenzo Bellinis Norma, mit Magdalena Renwart-Kahry in der Titelpartie – auf dem Spielplan von Oper in der Krypta stehen.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—


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Münster, Theater Münster, LE NOZZE DI FIGARO – Premiere, 25. & 27.09.2020

Juli 29, 2020 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

 LE NOZZE DI FIGARO – Wolfgang A. Mozart

Premiere – Freitag, 25. September 2020 (1./2. Akt), 19.30 Uhr

 Konzertante Aufführung (Auszüge) in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Graf Almaviva hat das »ius prima noctis« (Das Recht der ersten Nacht) abgeschafft. Jedoch bereut er seine Entscheidung, denn er begehrt Susanna, die Zofe seiner Ehefrau und Figaros zukünftige Braut. Graf Almaviva setzt alles daran, die Hochzeit platzen zu lassen, um Susanna zu verführen. Er zwingt Figaro per Dekret, die ältere Haushälterin von Doktor Bartolo, Marcellina, zu heiraten. Mit Unterstützung der Gräfin Rosina gelingt es dem Hochzeitspaar, dem Grafen eine mitternächtliche Falle zu stellen. Zwar weiß im Dunkeln des Schlossparks zuletzt kaum noch einer, wer eigentlich wer ist, trotzdem wird die Hochzeit mit Hindernissen »ein toller Tag«, an dessen Ende Figaro überraschend seine Eltern wiederfindet und seine Susanna endlich heiraten kann.

Die Uraufführung von LE NOZZE DI FIGARO 1786 am Wiener Burgtheater war Mozarts erste Zusammenarbeit mit Lorenzo da Ponte, der auch die Libretti für DON GIOVANNI und COSÌ FAN TUTTE schrieb. Da Beaumarchais‘ Komödie LE MARIAGE DE FIGARO in Wien verboten war, strich Da Ponte zwar einen Großteil des politischen Inhalts, doch gelang ihm ein komödiantisches Meisterwerk voller Intrigen, Verkleidungen und doppelter Absichten. Der Erfolg beim Publikum war so überwältigend, dass ein kaiserliches Verbot verhängt wurde, dass fortan das Wiederholen von Arien und Duetten verbot. Mit seiner bemerkenswerten Partitur durchdringt Mozart sämtliche Emotionen und balanciert meisterhaft zwischen Menschlichkeit und Witz.

Aufgrund der Hygiene- und Schutzkonzepte zum Coronavirus ist diese Inszenierung geteilt und für zwei Abende konzipiert. Sobald die Möglichkeit besteht, die Inszenierung an einem Abend präsentieren zu können, werden wir dies selbstverständlich umsetzen. Bitte achten Sie auf die aktuellen Informationen in den Monatsleporellos!

Musikalische Leitung: Golo Berg
Dramaturgie und Moderation: Ronny Scholz

Mitwirkende:
Conte Almaviva (Filippo Bettoschi), Contessa di Almaviva (Kristi Anna Isene), Susanna (Marielle Murphy), Figaro (Gregor Dalal), Cherubino (Chrysanthi Spitadi), Marcellina (Suzanne McLeod), Bartolo (Christoph Stegemann), Basilio (Mark Watson Williams), Barbarina (Kathrin Filip), Sinfonieorchester Münster

Weitere Vorstellungen im Oktober :
Freitag, 2. Oktober (1./2. Akt), 19.30 Uhr und
Sonntag, 4. Oktober  (3./4. Akt), 18.00 Uhr, jeweils Großes Haus
Freitag, 23. Oktober (1./2. Akt) und
Sonntag, 25. Oktober (3./4. Akt), 18.00 Uhr, jeweils Großes Haus

—| Pressemeldung Theater Münster |—

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Flensburg, Schleswig-Holsteinisches Landestheater, DON GIOVANNI – Wolfgang A. Mozart, 18.01.2020

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Schleswig-Holsteinisches Landestheater

Stadttheater Flensburg © Stadttheater Flensburg

Stadttheater Flensburg © Stadttheater Flensburg

DON GIOVANNI – Wolfgang Amadeus Mozart

 Faszinierend und unwiderstehlich, aber auch rücksichtslos und brutal

Premiere 18.01. und  21.1.2020 | 19.30 Uhr Theater Flensburg; 5.2.2020 Stadttheater Rendsburg; 7.2.2020 Intzehoe

Don Giovanni weiß um seine Wirkung auf Frauen und braucht die ständige Bestätigung, ein umwerfender Liebhaber zu sein. Umgarnung, Täuschung und rohe Gewalt bereiteten ihm schon den Weg in so manches Schlafzimmer. Hat er eine erobert, zieht es ihn sofort zur nächsten. Der Diener Leporello führt eifrig Buch über den sinnlichen Rausch seines Herren. Doch Don Giovannis Zenit als erfolgreicher Verführer ist nunmehr überschritten. Seine erotischen Unternehmungen werden vereitelt, sei es durch den Komtur, der seiner von Don Giovanni bedrängten Tochter Donna Anna zur Hilfe eilt, oder der verlassenen Donna Elvira, die zwischen Rache und bedingungsloser Liebe zu Don Giovanni schwankt. Selbst Zerlina, eine junge Frau, die kurz vor der Hochzeit steht, ist vor seinem Jagdtrieb nicht sicher – doch auch dieser Plan wird durchkreuzt. Sein grenzenloser Übermut soll Don Giovanni schließlich zum Verhängnis werden….

Goethe konstatierte, diese Oper habe man sich unmöglich einfach ausdenken können – sie müsse Mozart von „einem dämonischen Geist seines Genies“ zugetragen worden sein. LE NOZZE DI FIGARO, ebenfalls eine Da-Ponte-Oper, hatte 1786 in Prag Furore gemacht; mit DON GIOVANNI sollten Mozart und sein Librettist an diesen Erfolg anknüpfen. Keine Oper aus dem 18. Jahrhundert hat so nachhaltig die Gemüter bewegt, dabei war der Don-Juan-Mythos schon zu Wolfgang Amadeus Mozarts Zeiten keineswegs neu. Dunkel glühendes Pathos, tiefgreifende Emotionen und erotische Energien bestimmen die klangliche Atmosphäre des Werkes, das in einer musikalisch einzigartigen Höllenfahrt endet.

Premiere 18.01.2020 | 19.30 Uhr | Flensburg, Stadttheater

—| Pressemeldung Schleswig-Holsteinisches Landestheater |—


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Bremen, Theater Bremen, Don Giovanni – Wolfgang A Mozart, IOCO Kritik, 23.10.2019

Oktober 22, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Bremen

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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart

– Die große Leere absoluter Freiheit –

von Thomas Birkhahn

Nachdem das Bremer Theater den komödiantischen Rosenkavalier von Richard Strauss in der ersten Neuproduktion der Saison als Drama inszeniert hatte, durfte man gespannt sein, ob es jetzt bei Don Giovanni – von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte im Untertitel als Drama giocoso (Heiteres Drama) betitelt – etwas zu lachen gab.

Das Bühnenbild, ganz in schwarz-weiß gehalten, stellt eine Straße dar, die ins Nichts führt, und den Lebensweg symbolisieren könnte. Sie wird gesäumt von einem tristen grauen Acker mit Kohlköpfen. Ganz vorne ist eine Grube, in die später die beiden Toten fallen werden, und in die manchmal auch die Lebenden steigen.

Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart
youtube Trailer Radio Bremen- buten un binnen
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Für Regisseurin Tatjana Gürbaca und ihr Team (Bühnenbild: Klaus Grünberg, Kostüme: Silke Willrett) ist Don Giovanni absolut frei. Er kennt keine Konventionen, keine Moral und keine Gesetze. Er ist ein Rastloser, der zwei Akte lang ohne Halt durch das Geschehen taumelt, ohne eine Bindung zu einer der drei Frauen zu finden, die er erfolglos zu verführen versucht. Die Freiheit, die er als Lebensstil auslebt, führt zu großer innerer Leere – ständig muss ein neuer Kick her.

Der einzige Mensch, dem er sich scheinbar verbunden fühlt, ist der Komtur. Liegt es daran, dass dieser das Gesetz und die Ordnung verkörpert, nach dem sich Don Giovanni doch heimlich sehnt? Zumindest ist es später auch der Komtur – und nicht die Kammerzofe – dem er sein berühmtes Ständchen singen wird, und dem er am Schluss lieber ins Jenseits folgt als sein Leben zu ändern. Bei Gürbaca tötet er den Komtur auch eher unabsichtlich, was bei ihm ein kurzes Innehalten bewirkt. Es wird der einzige Moment dieser Art an einem Abend voll rastloser Energie bleiben.

Doch der Reihe nach: Die Aufführung wird dominiert vom darstellerisch brillianten Birger Radde als Titelhelden Don Giovanni und seinem ebenso großartig aufspielenden zappeligen Sidekick Christoph Heinrich als Leporello. Was diese beiden Sängerdarsteller dem Publikum bieten, ist beste Unterhaltung. Es wird geprügelt, gestritten, gesoffen, gelacht und oftmals auch auf Kosten des schönen Gesangs gebrüllt. Die beiden singen und spielen ihren Part nicht nur hervorragend, sie „sind“ an diesem Abend Don Giovanni und Leporello.Sie gehören bei Gürbaca zusammen wie Laurel & Hardy und sorgen gelegentlich mit slapstickhaftem Klamauk für manchen Lacher.

Theater Bremen / Don Giovanni - hier :  Hyojong Kim, Birger Radde, Mima Millo © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Don Giovanni – hier : Hyojong Kim, Birger Radde, Mima Millo © Joerg Landsberg

Es ist seit der Uraufführung vor über 200 Jahren eine offene Frage, was denn nun genau zwischen Don Giovanni und Donna Anna zu Beginn der Oper stattgefunden hat. Wurde sie von ihm verführt? Muss Don Giovanni sich überhaupt maskieren, im Dunkeln auftreten, um Frauen zu erobern? Ist das das Merkmal eines großen Womanizers, der – nach Angaben seines Dieners – über 2000 Frauen erobert hat? Gürbaca meint nein, und zeigt ganz offen, wie Donna Anna sich mit verbundenen Augen willig vom Titelhelden verführen lässt. Sie wird auch den ganzen Abend nicht von Don Giovanni loskommen, was ihre Darstellerin Mima Millo sehr glaubhaft verkörpert. Er ist ja auch wirklich aufregender als ihr verlässlicher Verlobter Don Ottavio, der mit der nötigen Biederkeit von Hyojong Kim gespielt wird. Sein „Dalla sua pace“ – von Mozart für die Wiener Erstaufführung dazukomponiert – war zudem einer der musikalischen Höhepunkte des Abends. Mit tenoralem Glanz und wunderschönem Legato gestaltete er eine der populärsten Arien Mozarts.

Bei Tatjana Gürbaca kreisen alle Figuren ständig um den Titelhelden. Er ist nie allein auf der Bühne. Sie werden von ihm magisch angezogen, er soll ihr durchschnittliches Leben aufpeppen. Da aber Don Giovanni – wie schon erwähnt – vergeblich die Leere in seinem Leben zu füllen versucht, sind alle Protagonisten ständig auf der Suche nach ihrem Lebensglück..

Auch Donna Elvira kann nicht vom Titelhelden loslassen. Sie reist ihm viele hundert Kilometer nach. Entweder, um sich zu rächen, weil Don Giovanni sie sitzen ließ, oder um seine Liebe zurück zu gewinnen. Das weiß sie vermutlich selber nicht genau. Patricia Andress macht die Unsicherheit dieser Figur deutlich, und gestaltet die drei Arien dieser Partie sehr anrührend. Bei Gürbaca ist sie zudem schwanger, was ihre Chancen beim Ex nicht gerade erhöht…

Gürbaca lässt Leporello die „Registerarie“ mit großartiger Gleichgültigkeit und Emotionslosigkeit vortragen. Klar, er hat diese Arie bei einem Register von über 2000 Frauen ja auch schon hunderte Male gesungen. Die spult man irgendwann nur noch gelangweilt herunter.

Theater Bremen / Don Giovanni - hier :  Christoph Heinrich, Birger Radde als Don Giovanni , Loren Lang © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Don Giovanni – hier : Christoph Heinrich, Birger Radde als Don Giovanni , Loren Lang © Joerg Landsberg

Mit der bäuerlichen Gesellschaft von Masetto und Zerlina kommt nicht nur musikalisch ein volkstümlicher Kontrast hinzu, sondern in dieser Aufführung auch durch die Kostüme. Während Don Giovanni ständig sein Outfit wechselt, mal im Anzug, mal in pinkfarbener Leggings und Damenschuhen auftritt, und seine Gegenspieler business-like gekleidet sind, erinnert die Kleidung der bäuerlichen Gesellschaft eher an osteuropäische Bauern-Kostüme. Offenbar ist aber auch auf dem Land der Fernseh-Empfang sehr gut, denn ihre Moves für die Hochzeitsfeier scheinen die Gäste direkt von einem MTV-Video abgeguckt zu haben.

KaEun Kims Zerlina ist ein weiterer musikalischer Höhepunkt des Abends. Mit ihrem glockenhellen Sopran singt sie vor allem ihre erste Arie („Batti, batti“) mit zauberhafter Leichtigkeit. Stephen Clarks Masetto ist darstellerisch ein angemessem aggressiv auftretender Bräutigam, der nicht akzeptieren will, wie ihm nicht nur von Don Giovanni sondern auch von Zerlina übel mitgespielt wird. Leider erreicht er stimmlich diese Aggressivität nicht ganz. Sein Tenor klingt oftmals noch zu freundlich für diese Partie.

Im Finale des ersten Aktes kommen alle Figuren in den Genuss der Freiheit, die der Titelheld ihnen vorlebt: Don Giovanni lässt Kokain verteilen, und es beginnt eine Orgie, in deren Verlauf auch die scheinbar so tugendhaften Paare Masetto / Zerlina und Anna / Ottavio eindeutig Gefallen an der vorherrschenden sexuellen Freizügigkeit finden.

Dieses Finale hat als musikalische Besonderheit die Gleichzeitigkeit von drei Taktarten, was für damalige Ohren unerhört geklungen haben muss: Wir hören im Orchestergraben einen 3/4-Takt, und von den beiden Bühnenorchestern einen 2/4-Takt bzw. einen 3/8-Takt. Dieses komponierte „Chaos“ wird es erst im 20. Jahrhundert wieder geben. Hier hätte man sich gewünscht, dass die Musiker der Bühnenorchester nicht im schwarzen Anzug am Rand der Bühne spielen, sondern wirklich auf der Bühne mitten im Geschehen agieren. Warum nicht auch die Musiker Kokain nehmen lassen und an der Orgie teilnehmen? Es hätte den Charakter des Anarchischen dieses Festes noch erhöht.

Im zweiten Akt ragt an diesem Abend musikalisch besonders Don Giovannis Ständchen heraus. Birger Raddes innig vorgetragene Liebeserklärung wird von der Mandolinistin vom Bühnenrand aus ebenso einfühlsam begleitet. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob es dem Regiekonzept nicht mehr entspräche, die Mandolinistin auf der Bühne am Geschehen teilhaben zu lassen; so wirkt es etwas brav.

Theater Bremen / Don Giovanni - hier :  Andress, H Kim, Heinrich, Millo, Clark, K Kim © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Don Giovanni – hier : Andress, H Kim, Heinrich, Millo, Clark, K Kim © Joerg Landsberg

Als „Oper aller Opern“ bezeichnete E. T. A. Hoffmann den Don Giovanni, und bezog sich damit vermutlich hauptsächlich auf das Finale des 2. Aktes, in dem Mozart Don Giovannis Höllenfahrt in nie zuvor gehörter Art und Weise in Töne setzt. Diese Musik weist weit in die Zukunft, und erst Carl Maria von Weber wird über 30 Jahre später in seinem Freischütz wieder solch düstere „Horrormusik“ komponieren. Hier hätte man sich einen klangvolleren Komtur gewünscht. Loren Langs Bass fehlte es etwas an Durchschlagskraft. Das Bedrohliche der bevorstehenden Höllenfahrt seines Mörders erschloss sich nicht ganz. Dafür konnten hier die Bremer Philharmoniker voll überzeugen. Waren sie in der Ouvertüre noch zu zaghaft, steigerten sie sich unter der Leitung ihres Kapellmeisters Hartmut Keil im Laufe des Abends, um bei der Rückkehr der Musik der Ouvertüre den ganzen Schrecken dieser Horrorszene hörbar zu machen.

Die im 19. Jahrhundert meist gestrichene letzte Szene wird in dieser Aufführung gespielt, und das ist auch gut so, zeigt Gürbaca doch, wie sehr den Überlebenden jetzt der Lebensmittelpunkt fehlt. Sie räumen die Bühne auf, das aufregende Partyleben ist mit Don Giovannis Tod vorbei, es beginnt wieder der Alltag. Nur Donna Elvira schlägt einen anderen Weg ein. Sie hat ihr Kind bekommen, gibt es aber Zerlina und geht lieber ins Kloster.

Besondere Erwähnung verdienen noch die Rezitative. Selten waren sie so unterhaltsam wie an diesem Abend. Sie wurden von den Darstellern nicht nur mit viel Tempo und Witz gespielt, sondern auch von Hartmut Keil mit Phantasie und Humor am Hammerklavier begleitet. Ein besonderer Leckerbissen war seine Idee, im Rezitativ der Friedhof-Szene nochmal die Champagner-Arie zu zitieren.

Dieser Abend ließ sängerisch und szenisch kaum Wünsche offen. Die Regie machte überzeugend die Doppelmoral der Protagonisten deutlich, bei denen der Titelheld gleichzeitig zwei konträre Emotionen hervorruft: Einerseits verurteilen sie Don Giovannis Tun als verwerflich, gleichzeitig haben sie aber auch den Wunsch, diesem Schurken zu folgen. Wer dazu Parallelen in der Politik sucht, wird sicher schnell fündig werden…

Begeisterter Applaus für alle Mitwirkenden und das Regieteam war verdienter Lohn für diese Don Giovanni  Aufführung.

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—


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