Mannheim, Asli Kilic – gefeierte Pianistin im Gespräch, IOCO Interview, 04.06.2020

Juni 3, 2020 by  
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Piannistin Asli Kilic @ Ivo Kljuce

Piannistin Asli Kilic @ Ivo Kljuce

Asli Kilic – gefeierte Mannheimer Pianistin

 Konzertabsagen, digitaler Unterricht, Kindererziehung – in Zeiten von Corona

  im Gespräch mit Uschi Reifenberg –  IOCO

Uschi Reifenberg (UR): Frau Kilic, Sie sind als gefeierte Pianistin international unterwegs mit verschiedenen Soloprogrammen, treten als gefragte Kammermusikerin auf oder als Solistin mit namhaften Orchestern. Sie sind aber auch in vielfältigen Konstellationen immer wieder in der Region zu erleben, ihr letztes Live-Konzert fand am 7. März 2020 im ausverkauften Mozartsaal im Mannheimer Rosengarten statt, wo Sie zusammen mit dem Stamitz Orchester Mannheim unter der Leitung von Jan-Paul Reinke, das 3. Klavierkonzert von Bartok mit großem Erfolg aufführten. Zwei Tage später begannen die ersten Corona-bedingten Einschränkungen. Wie stellt sich die derzeitige Lage für Sie selbst dar?

Asli Kilic (AK):  Im Rückblick betrachtet ist mein letztes Konzert am 7. März im Rosengarten natürlich ein riesiges Geschenk gewesen, was ich selbstverständlich auch damals so empfunden habe.

Asli Kilic – Leos Janacek – In the Mists 1
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Dass ich diese wunderbare Musik in diesem schönen Saal, vor großem Publikum spielen durfte, hat mich sehr glücklich gemacht und als nach und nach die Corona-bedingten Einschränkungen den Konzertbetrieb lahmlegten, haben mich die Erinnerungen daran die ersten Wochen noch durch diese Krise getragen. Ganz am Anfang habe ich die Zwangspause tatsächlich als angenehm empfunden, da ich zur Ruhe kommen konnte. Ich hatte die Monate davor sehr viele Auftritte und  Probenarbeit, dann begannen die Vorbereitungen zum Bartok Konzert, so dass ich -wie gesagt – in der ersten Zeit die Pause als kreative Möglichkeit erlebt habe, auch wieder mehr zu mir selber zu kommen und in mich zu gehen, was für mich zunächst recht positiv war.

UR:  Der Lockdown traf die meisten freischaffenden Künstler mit unvorbereiteter Härte, viele Konzerte wurden abgesagt, langfristige Pläne zunichte gemacht, Existenzen an den Rand des Ruins getrieben.

Die so entstandene Zwangspause kann aber auch – wie Sie selbst schon erwähnten- als kreativer Stillstand begriffen werden und birgt ebenso Potenzial für Neuausrichtungen wie für veränderte Lösungsansätze. Inwiefern hat die Krise Ihre künftigen Planungen beeinflusst?

AK.:  Leider ist es in der Tat so, dass alle meine Konzerte bis Ende Juni abgesagt worden sind mit wirklich tollen Programmen, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Darunter waren Klavierrecitals mit Werken von Chopin und Brahms, die mir sehr am Herzen liegen, und auch Auftritte mit meinem Ensemble Scriabin Code. Wir haben uns in der Pause wöchentlich über Zoom zusammengesetzt, um unser neues Projekt voranzubringen, das den Titel Aufbruch trägt, das jetzt in der Corona Zeit auch nochmal eine ganz andere Konnotation erfährt.

UR: :  Erzählen Sie uns etwas über dieses Ensemble.

 Asli Kilic @ Ivo Kljuce

Asli Kilic @ Ivo Kljuce

A.K.:  Die Besetzung unseres Ensembles Scriabin Code besteht aus drei Elementen. Da wäre einmal der sogenannte Visual Artist, der Projektionen auf einer Leinwand gestaltet, die mit der Musik korrespondieren. Durch Vernetzung von Sensoren entsteht sozusagen eine Art Live-Malerei. Der zweite „Baustein“ ist das zeitgenössische Jazz- Ensemble mit Bass, Klarinette, Schlagzeug und Klavier. Ich habe den Part der klassischen Pianistin, spiegele die Werke, und das Ensemble antwortet dann auf seine Weise. Dadurch entsteht sozusagen etwas ganz Neues. So komme ich auch mit anderen Genres in Berührung, was für mich sehr spannend ist. Das erste Konzert dieses Projekts wird im November 2020 in Heidelberg stattfinden.

In den Wochen der Zwangspause habe ich natürlich versucht, mich fit zu halten und habe für mich selbst weitergearbeitet, auch ein anderes Repertoire ausgewählt. Oft muss man natürlich, was das Repertoires betrifft, den Konzertveranstaltern Rechnung tragen und ist diesbezüglich gebunden. Ich habe in der Klausur jetzt für mich Franz Schubert „entdeckt“ und beschäftige mich viel mit den „Moments musicaux“, das ist eine ganz wunderbare Musik!

Gott sei Dank kommen aber für den Winter und für 2021 Konzertanfragen herein, was auch wieder konkrete Planungen erlaubt, erfreulicherweise auch sehr kurzfristig wie jetzt der Livestream beim HR, bei dem ich zusammen mit meinem Kollegen, dem Geiger Maximilian Junghans die 4. Sonate für Klavier und Violine von Beethoven spielen konnte. Natürlich empfinde ich die Situation einerseits als sehr bitter, auf alle Konzerte verzichten zu müssen, aber andererseits bekommt man auch die Zeit und die Chance, sich selbst mit seinem künstlerischen Tun und Wollen zu hinterfragen und frei zu entscheiden, welche Schwerpunkte man selbst setzen möchte.

UR: Möglicherweise wird sich für viele Künstler die internationale Tourneetätigkeit verändern. Werden wir nun eine verstärkte Regionalisierung des Musikbetriebs erfahren?

Asli Kilic – Leos Janacek – In the Mists 2
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A.K.:  Das ist schwierig zu beantworten. Sicher werden die ganz großen Namen nach wie vor überall auf der Welt anzutreffen sein. Aber ob es auch ökologisch sinnvoll ist, dass ein großes  Sinfonieorchester für ein Konzert einmal um den ganzen Erdball fliegt, mag dahingestellt sein.

Viel verändern wird sich langfristig sicher nicht, aber vielleicht geht man mit einem veränderten  Bewusstsein weniger leichtfertig mit diesen Fragen um.

UR:   Das Publikum ist nach der langen Abstinenz ausgehungert und verlangt nach Live-Erlebnissen von Konzerten. Der Betrieb wird nun nach und nach wieder hochgefahren, wenn auch in stark reduzierter Form. Können wir nach der Krise einfach dort weitermachen wo wir im März aufgehört haben, oder sollten wir als Künstler nach diesen Erfahrungen auch neue Perspektiven aufzeigen?

A.K.:  Natürlich hoffe ich, dass wir wieder Konzerte in gewohntem Umfang gestalten können, auch wenn es sicher unterschiedliche Reaktionen der einzelnen Musiker auf das Erlebte geben wird. Viele brauchen selbstverständlich die Interaktion mit ihrem Publikum, können ohne diese nicht existieren. Andere mögen dem Konzertbetrieb und seinen Folgen in der Rückschau weniger positive Seiten abgewinnen und verzichten lieber  auf den äußeren Druck. Ich für meinen Teil hoffe jedenfalls sehr, dass die Konzerte wieder in alter Größe stattfinden werden und ich wäre sehr dankbar, wieder mit meinem Publikum in Kontakt treten zu können.

UR:   Wie lange kann man in Klausur produktiv ohne konkrete Konzertziele üben?

A.K.:  Wir als Pianisten kennen das Gefühl der Klausur, in der Abgeschiedenheit zu arbeiten, mit sich selbst alleine zu sein, für sich einen Übeplan zu gestalten. Aber letztendlich wird es auch vom jeweiligen Musiker-Typ abhängen. Manche brauchen sehr stark den Druck von außen, auf einen bestimmten Termin hinarbeiten zu müssen. Andere wiederum setzen  sich selbst persönliche „Deadlines“, da sie sonst  Gefahr zu laufen, sich zu verlieren. Das verlangt jedem einzelnen natürlich viel Disziplin ab. Ich denke, ohne Perspektive ist das aber alles sehr, sehr schwierig.

UR:  Die Digitalisierung  des Musikbetriebs ist mittlerweile Konsens und hat auch dem Konzert- und Opernbetrieb eine neue Qualität hinzugefügt. Sie haben das Streaming Projekt beim HR erwähnt, kann dies ein Ersatz für ein Livekonzert sein?

AK:  Mir fehlt die Interaktion mit dem Publikum schon sehr. Die Energie, die zwischen den Musikern und dem Publikum im Augenblick des Musizierens entsteht, der direkte Austausch in der Live-Situation, die Spiegelung, die berühmten Schwingungen zu spüren, das alles vermisse ich in der Tat.

Asli Kilic – China Gates von John Adams
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UR:  Sie sind auch als engagiere Klavierpädagogin an der Musikschule in Heidelberg tätig. Der Unterricht wurde während der Schließungen bundesweit weitestgehend digital erteilt. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Form des Unterrichts gemacht?

A.K.: Das war eine sehr interessante Erfahrung, da ich eigentlich ein analoger Mensch bin und mich selbst als nicht besonders „technikaffin“ bezeichnen würde. Insgesamt war diese neue Form des Unterrichts für mich und die Schüler eine ziemlich anstrengende Sache. Nichtsdestotrotz war es eine gute Chance, mit den Schülern in Kontakt zu bleiben und gleichzeitig war deutlich zu spüren, mit welcher Freude die Kinder und Jugendlichen auf das digitale Unterrichtsangebot reagiert haben. Neben den Schulschliessungen war der Klavierunterricht auf diesem Wege für viele eine willkommene Abwechslung und die meisten hatten mehr Zeit, am Instrument zu arbeiten und konnten sich weiterentwickeln. Außerdem wurde die Beziehung zwischen Lehrer*in und Schüler deutlich gestärkt. Dennoch bin ich froh, dass die Musikschulen nun auch nach und nach zum Präsenzunterricht in der bisherigen Form zurückfinden.

UR: Sie sind Mutter von drei Kindern im Alter von 8 bis 13 Jahren, die allesamt bereits Preisträger verschiedener Jugend-Musikwettbewerbe sind. Wie schaffen Sie es, sich so erfolgreich aufzuteilen zwischen Konzertpodium, Unterrichtstätigkeit und Kindererziehung?

A.K.: Vielen Dank für das Kompliment! Eigentlich ist Organisation alles. Ich habe das Glück, das alle drei Kinder wirklich sehr gut mitziehen. Sie bekommen natürlich mit, dass man, um bestimmte Ziele zu erreichen, Einsatz bringen muss. Ausserdem werden sie von hervorragenden Pädagogen gefördert, unterstützt und motiviert. Das Üben am Instrument machen sie sehr gern und es gehört für sie ganz selbstverständlich zum normalen Tagesablauf und schafft auch eine gewisse Sicherheit.

Das Unterrichten sehe ich für mich selbst als große Bereicherung an. Gerade wenn man sich mit technischen Problemen der Schüler auseinandersetzen muss, reflektiert man dabei ja auch immer sein eigenes Spiel, was auch eine sehr befruchtende Tätigkeit ist. Man kommt mit der vielfältigsten Klavierliteratur in Kontakt, oder kann in der Vorbereitung auf öffentliche Schüler- Auftritte jede Menge  aus seinem eigenen Erfahrungsschatz beisteuern.

Was mich trägt ist darüberhinaus die Tatsache, dass ich alle drei Bereiche, die Sie angesprochen haben, mit großer Liebe und Leidenschaft mache, anders wäre es gar nicht möglich. Das alles gibt mir auch viel Kraft zurück.

Uschi Reifenberg, IOCO —  Liebe Frau Kilic, herzlichen Dank für dies Gespräch

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Asli Kilic  –  Biografie einer Künstlerin

Musik begreifen, sie zu gleichen Teilen zu fühlen und zu verstehen ist die große Stärke von Asli Kilic. Der Notentext wie auch der historische Kontext spielen hierfür eine essentielle Rolle und so „…[scheinen ihr] technisch und emotional keine Grenzen gesetzt zu sein.“ so die FAZ

„Ein Stück völlig zu durchdringen, es für den Zuhörer „durchsichtig“ zu machen und alle Schichten offenzulegen sind mir besonders wichtig. Aber auch zu zeigen, dass die Klassik kein Relikt vergangener Zeit ist, sondern nie an Aktualität verliert. Das ist es, was ich durch meine Interpretationen verdeutlichen möchte.“ –  Asli Kilic

Asli Kilic, geboren in Frankfurt am Main, beginnt bereits im Alter von 5 Jahren mit dem Klavierunterricht in ihrer Heimatstadt. Ihre außerordentliche Begabung führt sie zum Studium an die Musikhochschulen Mannheim und Köln, wo sie bei den Professoren Ragna Schirmer, Paul Dan und Arbo Valdma ihre Studien absolviert. Von Jewgeni Malinin, Peter Feuchtwanger, Paul Badura-Skoda und Thérèse Dussaut holt sie sich in Meisterkursen Inspiration.

Nationale und internationale Musikpreise und Stipendien bestätigen Asli Kilics hervorragendes Können. Um ihre Vision von der „Durch“-Sichtigkeit der Musik weiterzuentwickeln, holt sich Asli Kilic wesentliche Impulse bei der Pianistin Natalia Zinsadze. Die Georgierin ist eine der letzten Schülerinnen des legendären Heinrich Neuhaus, Begründer der Russischen Klavierschule und Verfasser der Klavierbibel „Die Kunst des Klavierspiels“.

Bereits zu diesem Zeitpunkt ist Asli Kilic eine viel gefragte Pianistin, Recitals und Klavierkonzerte führen sie unter anderem an die Alte Oper Frankfurt, aber auch internationale Tourneen sind Teil ihres künstlerischen Lebens.

2018 folgte sie einer Einladung nach Mailand, wo sie beim Klavierfestival Piano City Milano einen fulminanten Klavierabend gab, was eine erneute Einladung für die Saison 2020 zur Folge hatte.

Ihre zwei CD Veröffentlichungen mit Klavierwerken von Leoš Janácek (siehe auch Video oben) fanden bei der Fachpresse großen Anklang. Das Fono Forum bescheinigt ihr eine „excellence pianistische  Technik“ und hebt Ihre klangliche Reife und große musikalische Sensibilität hervor.

Piano News bestätig der Künstlerin ihr „großartiges Klavierspiel“ und lobt ihr Gespür, musikalische Formen offen zu legen und für den Hörer sichtbar zu machen.

Eine enge Verbundenheit zur Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz sowie zu den  Orchestern des Nationaltheaters Mannheim und des Hessischen Rundfunks sind für die Pianistin ebenso wichtig wie ihre kammermusikalischen Projekte.

Einen besonderen Stellenwert nimmt auch das Projekt Scriabin Code in ihrem musikalischen Schaffen ein. Hier hat Asli Kilic die Gelegenheit, die Aktualität und Relevanz klassischer Musik neu zu denken sowie neu zu kontextualisieren. Auf diese Weise erreicht sie mit ihrem klassischen Klavierspiel auch Nicht-Klassikhörer. Der große Erfolg des Ensembles führte sie auf wichtige Bühnen und zu namhaften Festivals.

2019 veröffentlichte das Kollektiv ein neues Projekt zum 100-jährigen Jubiläum der Bauhaus Schule mit Werken von Bach, Satie, Wolpe, Hindemith und Bartók, das u.a. bei den Kurt Weill Festspielen und der Konzertreihe Klassik Clash des SWR zu hören sein wird.

—| IOCO Interview |—

Mainz, Staatstheater Mainz, Premiere KATJA KABANOVA, 19.01.2019

Januar 8, 2019 by  
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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

KÁTJA KABANOVÁ
von Leos Janácek

Premiere am 19. Januar um 19.30 Uhr im Großen Haus

Gefühlskalte Menschen und die heuchlerische Moraleiner bigotten Gesellschaft umgeben Kátja wie eine Zwangsjacke. Mit ihrem willensschwachen Ehemann Tichon lebt sie unter dem Regiment von dessen eifersüchtiger und dominanter Mutter Kabanicha. Mit Boris kommt ein Mann in die Stadt, der Sehnsüchte weckt und in den Kátja sich verliebt. Während einer Reise ihres Mannes kann sie ihr Bedürfnis nach Liebe nicht länger unterdrücken und gibt sich Boris in zehn aufeinanderfolgenden Nächten hin. Nach der Rückkehr ihres Mannes deutet Kátja ein starkes Gewitter als übersinnliches Zeichen. Aufgewühlt beichtet sie ihren Fehltritt inaller Öffentlichkeit. Die Ächtung durch ihre Umwelt und der Verlust von Boris, der die Stadt wieder verlassenmuss, sind ihr unerträglich. Sie geht in die Wolga und setzt ihrem Leben ein Ende.Zur Charakterisierung seiner Opernfiguren hat Leos Janácek die Tonfälle und Nuancen der tschechischen Sprache eingefangen und sie in Sprachmelodien übersetzt.Ungewöhnliche rhythmische Strukturen, eineausdrucksstarke Orchesterbehandlung und Anklänge slawischer Volksmusik lassen das eindringliche Portrait einer jungen Frau entstehen, die an den Konventionen ihrer Zeit zerbricht.Lydia Steier, die bereits mit großem Erfolg Perelà, Armide und Saul in Mainz inszeniert hat, wird Kátja Kabanová als Neuproduktion auf der Grundlage ihrer Arbeit für das Oldenburgische Staatstheater auf die Bühne des Großen Hauses bringen.

Musikalische Leitung: Paul-Johannes Kirschner
Inszenierung: Lydia Steier
Co-Regie: Milo Pablo Momm
Bühne: Flurin Borg Madsen
Kostüm: Ursula Kudrna
Kostümadaption: Sebastian Helminger
Licht: Ulrich Schneider
Chor: Sebastian Hernandez Laverny
Dramaturgie: Lars Gebhardt, Christin Hagemann
Savjol Prokofjevitsch Dikoj: Derrick Ballard
Boris Grigorjevitsch: Steven Ebel
Marfa Ignatjevna Kabanová (Kabanicha): Gundula Hintz
Tichon Ivanytsch Kabanov: Alexander Spemann
Katherina (Kátja): Nadja Stefanoff
Vanja Kudrjasch: Johannes Mayer
Varvara: Linda Sommerhage
Kuligin: Dennis Sörös
Glascha: Maria Dehler
Fekluscha/Zena: Danaila Dimitrova
Muz: Igor Loseev / Anton Monetkin
Das Kind: Lotta Yilmaz / Emma-Sophie König

Chor des Staatstheater Mainz
Statisterie des Staatstheater Mainz
Philharmonisches Staatsorchester Mainz

Weitere Spieltermine: 27.1., 13.2., 12.3., 10. und 23.4.

—| Pressemeldung Staatstheater Mainz |—

Lyon, Opéra de Lyon, Premiere Aus einem Totenhaus – Leos Janacek, 21.01.2019

Dezember 21, 2018 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

  Aus einem Totenhaus –  Leos Janácek

– Ohne Helden –

Premiere 21.01.2019 weitere Termine: 23., 25., 27., 29., 31.01., 02.02.2019

Als Bearbeitung von Dostojewskis Aufzeichnungen Aus einem Totenhaus (1862) stellt Leos Janaceks letzte Oper auch den Höhepunkt seiner Opernkunst dar. Der russophile, patriotische tschechische Komponisthat Dostojewskis Werk selbst übersetzt und dessen halbdokumentarischen Charakter auf der Bühne beibehalten. Sein Libretto kommt ohne Hauptfiguren undohne durchgehende Handlung aus. Die Protagonisten sind die Gefangenen eines sibirischen Straflagers und jeder Akt enthält Schilderungen des Gefängnisalltags sowie Geschichten, die mit einem der Häftlinge im Zusammenhang stehen: Skuratov hat einen Deutschen umgebracht, mit dem seine Liebste zwangsverlobt wurde; Siskov hat seine Frau ermordet, die sichin einen anderen Mann verliebt hat …

Spannungsgeladene Harmonien

Die Abfolge der verschiedenen Episoden, die die schrecklichen Schicksale im grauen Lageralltag erzählen, entspricht den Kompositionsprinzipien Janaceks. Er versuchte in seiner Musik, eine objektive Tonwahrheit umzusetzen, bevorzugte die freie Aneinanderreihung von Akkorden. Die Motive folgen aufeinander und werden ständig variiert. Sie sind stark von der gesprochenen Sprache beeinflusst, für deren Formen und Strukturen, Betonungen undIntonationen sich der mährische Komponistsein ganzes Leben lang interessierte.Seine knappe und für ihn typisch sparsame Orchestrierung wird hier mit erstaunlichenFarbwerten verstärkt, wobei er beiden einzelnen Instrumentengruppen zu extremen Klangkombinationen neigt. In der Opéra de Lyon wird der argentinische Dirigent Alejo Perez diese ungewöhnlich dichte Partitur zum Klingen bringen. Der ehemalige Assistent von Péter Eötvös, der das Ensemble intercontemporain geleitet und sein Debut in Frankreich 2005 in Lyon mit Pollicino von Hans Werner Henze gegeben hat, ist ein profunder Kenner des Repertoires des 20. Jahrhunderts.

Eine große Herausforderung für Warlikowski

Dieses markante Werk aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist heute von Patrice Chéreaus Regiearbeit geprägt. Bei den Wiener Festwochen 2007 brachte dieser unter der musikalischen Leitung von Pierre Boulez eine Inszenierung heraus,bei der ein ausgeprägter theatralischer Realismus mit dem großartigen Bühnenbild zusammen traf. Dieses wies über die unterschiedlichen Formen von Konzentrationslagern hinaus – von den zaristischen Kerkern Dostojewskis bis zu den sowjetischen Arbeitslagern der 1920er Jahre, die schließlich im Gulag enden sollten. Das Gefängnis selbst nahm vom Werk Besitz und wird neben den Sträflingen zur Protagonistin. Die Arbeit von Krzyzstof Warlikowski beruht auf denselben Grundlagen. Seine Nähe zum Theater ist offensichtlich. Die Sänger sind auch bei ihm Schauspieler, deren Darstellung ständig hinterfragt und perfektioniert wird. Seine Arbeit mit der Sopranistin Barbara Hannigan bei Lulu oder La Voix humaine liegt weit jenseits von dem, was Opernproduktionen gemeinhin an Dramatik an sich haben. Und schließlich verleiht seine Fähigkeit, widersprüchliche Raum-Zeit Begegnungen auf der Bühne herbeizuführen, seiner Arbeit eine Tiefe, die im schlechtesten Fall fasziniert, im besten Fall Tore zu einem neuen Verständnis aufstößt. Wie wird sich der Regisseur aus dem erdrückenden Erbe Chéreaus lösen, dem so viele anderegefolgt sind, und seinen persönlichen Zugang unter Beweis stellen?

Die Hölle und das Licht
Über die Produktion von Krzysztof Warlikowski

Ganz bewusst wollte Krzysztof Warlikowski während der Vorbereitungsphase dieser Inszenierung die Erzählung vonDostojewski nicht noch einmal lesen. In seinen Zwanzigern war das Werk des russischen Dichters, genau wie die Werke anderer großer europäischer Autoren, für ihn von essenzieller Bedeutung gewesen. Einige der Figuren aus Die Brüder Karamasow, Der Idiot und Schuld und Sühne sind tief in sein Gedächtnis eingeschrieben und bilden eine Gesamtheit faszinierenderCharaktere, anhand derer er die Welt zu begreifen lernte.Doch gerade diese Faszination für Dostojewski wollte er beidieser Arbeit außen vor lassen, um sich ganz auf die Adaption von Janácek konzentrieren und anhand des Librettos und der Partitur eine Welt erschaffen zu können, die nicht eigentlich „russisch“, sondern vielmehr universal ist. Seine Gefängniswelt ist so, wie wir sie in der Türkei, in Brasilien, in Mexiko oder China genau wie in unseren westlichen Demokratien vorfinden.Sie zeichnet sich durch eine Universalität des Leidens undeinen Willen aus, denjenigen, der sich schuldig gemacht hat, auf schlimmste Weise sühnen zu lassen, der auf allen Kontinenten dieser Welt gleichermaßen zu finden ist. Erniedrigung, Gewalt, Einsamkeit und Angst sind ständige Mitbewohner in jedem Gefängnis, von welchem politischen Regime es auch betrieben wird. Zweifellos mit gewissen, manchmal gewichtigen Nuancen. Doch immer haben wir es mit Männern und Frauen zu tun, denen man die Freiheit genommen hat. Im Französischen hat das Wort „peine“ nicht zufällig eine zweifache Bedeutung: Es steht für die Schmerzen einer Person, die leidet,und gleichzeitig für die Strafe, die ein Gefangener zu verbüßen hat. Eine Gefängnisstrafe ist also Leiden und Verurteilung gleichermaßen. Die Verurteilung zum Leiden.

Wer kann schon von sich behaupten, dass er niemals eine Nacht im Gefängnis verbringen wird? Wer kann von sich behaupten, dass er niemals eine Straftat begehen wird? Selbst die Formulierung eines Gedankens oder die Verteidigung einerArgumentation können unter bestimmten Umständen als Verstoß gegen Moral, Religion oder die sogenannte Sicherheit eines Staates angesehen werden. Demokratie, die Gleichbehandlungaller, die in ein und demselben Land leben, die sexuelle Freiheit, das Recht der Frau, allein und frei über ihren Körper zu bestimmen, die Unabhängigkeit und Freiheit der Kunst einzufordern, kann zu Verurteilung und Inhaftierung führen. Die Kontrolle über das menschliche Denken in verschiedenen mitteleuropäischen Staaten, um nur über Länder in der unmittelbaren Nachbarschaft zu sprechen, die Teil der Europäischen Union sind, nimmt teils schwer vorstellbare Formen an. Dasideologische Gefängnis geht dem tatsächlichen voraus. Ineinigen unserer so „bewundernswerten“ Demokratien kannschnell vor Gericht und im Wiederholungsfall auch im Gefängnis landen, wer es wagt, einem Geflüchteten Hilfe zuleisten, der alles zurückgelassen hat, der unter unvorstellbaren Umständen das Mittelmeer überquert hat und versucht, in ein Land zu gelangen, das die „Menschenrechte“ hochhält, um endlich auf ein Leben in Würde hoffen zu können. Nicht nur in Istanbul, Moskau oder Peking hat mancher schon teuer für die Meinungsfreiheit bezahlt. Der Aufstieg des Populismus undder identitären Bewegungen mehrt die Gefahren innerhalb unserer eigenen Grenzen. Die unglaubliche Serie The Handmaid’s Tale macht deutlich, dass das Schlimmste nicht weit entfernt ist, dass es nur wenig braucht, um eine Demokratie wie die Vereinigten Staaten in den Totalitarismus kippen zu lassen, dass es nur wenig braucht, damit das, was wir heute am meistenschätzen, uns morgen in den Kerker bringen kann.

In der denkwürdigen Oper von Janácek gibt es nicht wirklicheine Hauptfigur oder eine lineare Erzählung. Man lerntMenschen kennen, die alle eine schreckliche, gewalttätige Vergangenheit mit sich tragen. Nur Zeit und Ort bringen die Erzählungen und Erinnerungen zusammen. Die Ankunft von Gorjancikov führt uns in ein hochgesichertes Straflager. Erstellt sich als politischer Gefangener vor. Er hat sich keines anderen Verbrechens schuldig gemacht, so scheint es, als anders zu denken, frei zu denken. Anders als die von Dostojewski geschaffene Figur, an die er entfernt erinnert, hat er kein Blut anden Händen. Sein Aufenthalt in diesem Gefängnis verdankt erscheinbar nur seiner Neigung, die Dinge auf eine andere Weisezu sehen. Und so findet er sich in einer Welt wieder, auf die ihn nichts vorbereitet hat, in der sein Leben permanent bedroht ist, in der alles den jeweiligen Machtverhältnissen unterliegt. Doch genau dort erlebt er auch die Vielfältigkeit des menschlichen Seins, trifft er zweifellos zum ersten Mal in seinem Leben auf Männer, deren Biografien in nichts der seinen ähneln. Brutale und unbarmherzige Männer, verzweifelte und verlorene Männer, eine Gemeinschaft mit ihren eigenen Gesetzen, Gruppen und Hierarchien, die niemand in Frage stellt, dem sein Lebenlieb ist. An diesem abgeschlossenen Ort erlebt er aber auch einige seiner schönsten Begegnungen, der Art, die unseren Blick auf die, die wir gestern noch für die schlimmsten Mistkerle hielten, für immer verändert. Schmerz durchdringt diese Welt. Hinter all diesen Erlebnissen, all diesen Geschichten, all diesen Erinnerungen ist ein Schmerz, der nie überwunden werdenkann. Nicht nur der Schmerz des Eingesperrtseins, sondern ein ganz existenzieller, tieferer Schmerz, der ein Schicksal, häufig schon in der Jugend, prägt. Es gibt aber auch die Geister der Frauen in dieser männlichen Welt. Angebetete, Betrogene, Betrügerinnen, Mütter. Der Intellektuelle Gorjancikov entdeckt,welches Gold im Schlamm zu finden ist, um das Bild von Jean Genet aufzunehmen. Das glänzendste Gold, das aber immer bedroht ist vom nächsten Stiefel, von der nächsten Faust oder dem nächsten Messer. In jeder der Figuren ist dieses Gold zu finden. Ob Mörder oder Dieb. Selbst der, den wir für den miesesten Schuft halten, trägt dieses Licht in sich.

Christian Longchamp Dramaturg


Biographien


Alejo Pérez  –  Musikalische Leitung

Der gebürtige Argentinier Alejo Pérez studierte Klavier, Komposition und Orchesterleitung in Buenos Aires. Als Assistentvon Peter Eötvös gab er sein Debüt mit der Uraufführung dessen Opern Angels in America und Lady Sarashina. Er assistierte Christoph von Dohnányi beim NDR-Rundfunkorchester. Er arbeitete mit dem London Philharmonic Orchestra, dem Orchestrede la Suisse Romande, dem SWR Symphonieorchester,dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem EnsembleModern, dem Ensemble InterContemporain, dem KlangforumWien und anderen.Von 2009 bis 2012 war er musikalischer Leiter des Teatro Argentino de La Plata (Nabucco, Verdi; Tristan und Isolde und Rheingold, Wagner). Ab 2010 dirigierte er am Teatro Real de Madrid und arbeitete dort mit dem Symphonieorchester zusammen (Konzerte mit Plácido Domingo, Teresa Berganza und Ian Bostridge; Der Tod in Venedig, Britten; Die Eroberung vonMexico, Rihm). An der Opéra de Lyon dirigierte er Pelleas undMelisande (Debussy), Die Gezeichneten (Schreker) und Ger-MANIA (Raskatow).Er trat bei den Salzburger Festspielen auf, (Faust, Gounod), am Teatro Colón de Buenos Aires (Parsifal, Wagner und Der Rosenkavalier, R. Strauss), in der Semperoper in Dresden(Carmen, Bizet), der Lyrischen Oper in Chicago (Eugen Onegin,Tschaikowski) und arbeitete mit dem Teatro dell’Opera diRoma. 2017/2018 trat er an der Vlaamse Oper auf (Pelleas und Melisande,Debussy), an der Oper Stuttgart (Medea, Cherubini), mit der Tokyo Nikikai Opera Foundation (Der Freischütz, Weber)usw. In dieser Spielzeit dirigiert er Lohengrin (Wagner) an der Vlaamse Oper, er tritt erneut an den Opern in Stuttgart (DieLiebe zu den drei Orangen, Prokofjew), Rom (Der feurige Engel,Prokofjew) und Buenos Aires auf (Ariadne auf Naxos, R.Strauss) und dirigiert das Orchestre Philharmonique de Radio France sowie das Symphonieorchester der Präfektur Tokio.

Krzysztof Warlikowski  –  Regie

Krzysztof Warlikowski gehört zu den Erneuerern der europäischenTheatersprache. Mit seinen Shakespeare-Inszenierungen,basierend auf der Lesart von Jan Kott, hat er deren Interpretation auf spektakuläre Weise verändert. Zu seinen bemerkenswertesten Umsetzungen gehören Aniocy / Angels in America (Kushner), Madame de Sade (Mishima), Krum (Levin)und Koniec / Das Ende (nach Kafka, Koltès und Coetzee),Un Tramway (mit Isabelle Huppert) und Afrikanische Erzählungennach Shakespeare. Warlikowski schmiedet ein neuesBündnis mit dem Zuschauer, indem er das Publikum in einenoriginellen Prozess der Sinn- und Sinnessuche einbindet, vorallem mit Verweisen auf die Welt des Kinos oder einer sehr originellenVerwendung der Videotechnik wie beispielsweise beider Inszenierung (A)pollonia, die 2009 in Brüssel präsentiertwurde und bei der die Oper La Monnaie als einer der Koproduzentenfungierte.Warlikowski beschäftigt sich seit seinem Debüt im Jahr 2006an der Opéra de Paris mit Iphigenie auf Tauris (Gluck) intensivmit dem Genre Oper und hat es geschafft, seine theatralen Erkenntnisseauf diesen Bereich zu übertragen. An der Oper LaMonnaie inszenierte er Medea (Cherubini), Macbeth (Verdi),eine Inszenierung, die von der Fachzeitschrift Opernwelt zur„Besten Produktion des Jahres 2009/10“ gekürt wurde, Lulu(Berg) und Don Giovanni (Mozart). In Paris präsentierte erinsbesondere Die Sache Makropulos (Janá?ek), Parsifal (Wagner),Król Roger (Szymanowski), Die menschliche Stimme /Herzog Blaubarts Burg (Bartók, Poulenc) sowie Don Carlos(Verdi). Er inszenierte außerdem mehrere Produktionen derBayerischen Staatsoper München: Eugen Onegin (Tschaikowski),Die Gezeichneten (Schreker) und, anlässlich des 50. Jahrestagesder Wiedereröffnung des Hauses, Die Frau ohne Schatten(Strauss). Er präsentierte The Rake’s Progress (Strawinsky) ander Staatsoper Berlin, Poppea e Nerone (Monteverdi / Boesmans)und Alceste (Gluck) am Teatro Real de Madrid, Pelleasund Melisande (Debussy) bei der Ruhrtriennale und im letzten Sommer The Bassarids (Henze) bei den Salzburger Festspielen.Im späteren Verlauf der Spielzeit wird er in Paris eine Produktion von Lady Macbeth von Mzensk (Schostakowitsch) inszenieren, dann in Stuttgart Iphigenie auf Tauris und schließlich in München Salome (Strauss). Krzysztof Warlikowski leitet das Nowy Teatr in Warschau, ein interdisziplinäres Kulturzentrum, dessen Gründer er ist.

Die Hölle und das Licht oder die Universalität des Leidens nach Krzysztof Warlikowski

Neuinszenierung in der Opéra de Lyon: Leos Janácek/ Aus einem Totenhaus  21.01.2019 weitere Termine: 23., 25., 27., 29., 31.01., 02.02.19)
(Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden und dem De Munt/ La Monnaie)

Musikalische Leitung: Alejo Pérez, Regie: Krzysztof Warlikowski, Bühnenbild und Kostüme: Malgorzata Szczesniak, Licht: Felice Ross, Choreographie: Claude Bardouil
Video: Denis Guéguin, Dramaturgie: Christian Longchamp

Mit:  Alexandre Petrovitch Gorjantchikov: Sir Willard White, Aljeja, ein junger Tatar: Pascal Charbonneau, Filka Morozov, Gefangener, unter dem Namen Luka Kuzmic: Stefan Margita, Der große Sträfling: Nicky Spence, Der Kommandant: Alexander Vassiliev, Der ganz alte Sträfling: Graham Clark, Skouratov: Ladislav Elgr Cekunov: Ivan Ludlow, Der betrunkene Sträfling: Jeffrey Lloyd-Roberts, Ein Sträfling (in der Rolle des Don Juan und des Priesters): Ales Jenis, Der junge Sträfling : Grégoire Mour, Eine Dirne: Natascha Petrinsky, Kedril : John Graham-Hall, Sapkin: Dmitry Golovnin, Siskov und der Pope: Karoly Szemeredy, Cerevine : Alexandr Gelah

Orchester und Chöre der Opéra de Lyon

Aus einem Totenhaus  –  Leoš Janácek

—| Pressemeldung Opéra de Lyon |—

Bern, Theater Bern, Katja Kabanowa – Leos Janacek, IOCO Kritik, 18.06.2018

Juni 19, 2018 by  
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Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

KATJA KABANOWA –  Leoš Janácek

– Frauen – Von Konventionen und Ängsten weggesperrt –

Von  Julian Führer

Das Konzert Theater Bern ist ein Dreispartenhaus – einerseits scheint dies für die Bundesstadt der Eidgenossenschaft selbstverständlich, doch andererseits ist Bern eine Stadt mit gerade einmal 130 000 Einwohnern und liegt damit in der Größenordnung von Fürth, Ingolstadt und Wolfsburg. Das innen wie außen sehr schöne Theater ist daher nicht überdimensioniert; es zählt nur 650 Sitzplätze. Für gewichtige Stücke des Musiktheaters kann das Parkett noch weiter verkleinert werden, so wie es auch bei der Oper Katja Kabanowa von Leoš Janácek geschah. Dies Stück wurde in dieser Saison auch in Freiburg herausgebracht (vgl. die IOCO Kritik – HIERDer Ansatz der Regie (Freiburg: Tilman Knabe, Bern: Florentine Klepper) unterscheidet sich erheblich.

Theater Bern / Katja Kabanowa hiier Marionetten verwandeln sich in Menschen v.l.: Todd Boyce als Kuligin, Nazariy Sadivskyy als Wanja Kudrjasch, Alessandro Liberatore als Boris Grigorjewitsch und Toos van der Wal als Glascha © Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa hiier Marionetten verwandeln sich in Menschen v.l.: Todd Boyce als Kuligin, Nazariy Sadivskyy als Wanja Kudrjasch, Alessandro Liberatore als Boris Grigorjewitsch und Toos van der Wal als Glascha © Annette Boutellier

Katerina (Katja) Kabanowa ist eine der vielen Frauengestalten auf der Opernbühne des beginnenden 20. Jahrhunderts, die aus Konventionen ausbricht, an gesellschaftliche Tabus rührt und daran zugrundegeht. Zwischen 1900 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs publizierte Sigmund Freud zentrale Schriften, die auf lebhaftes Interesse stießen und auch künstlerische Auseinandersetzung mit den Tiefen und Abgründen menschlicher Seelenzustände anregten. Das Ergründen dieser Zustände gerade weiblicher Figuren auf der Bühne, musikalisch von Wagner bereits weit vorangebracht, war ein großes Thema der Zeit, man denke nur an Richard StraußSalome (1905) und Elektra (1909). Das von Janácek vertonte Drama Gewitter von Alexander Ostrowskij von 1860 wurde für die 1921 uraufgeführte Oper erheblich verdichtet und gestrafft, der Wortlaut dennoch meist beibehalten. Sehr viel schärfer als die Dramenvorlage schildert die Oper die psychische Disposition Katjas, die permanent in Angst lebt (hier in der Renata im fast zeitgleich entstandenen Werk Der feurige Engel von Sergej Prokofiew sehr nahe): Angst vor sich selbst, vor den eigenen Abgründen, vor der eigenen Schwäche, vor der Gesellschaft. Janácek liebt seine Figur und schenkt ihr als einziger lange ausgesungene Kantilenen, während die anderen Gestalten meist entweder grob daherpoltern oder drauflosschwatzen. Die Sympathien mit einer Ehebrecherin werden musikalisch subtil in raffinierten Klangfarben komponiert, so dass die teilweise durchaus schroffe Partitur viele abrupte Wechsel und damit ein sehr waches Orchester erfordert.

Theater Bern / Katja Kabanowa v.l.: Johanni van Oostrum als Katerina (Katja) Kabanova, Andries Cloete als Tichon Ivanytsch Kananov, Todd Boyce als Kuligin und Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha)© Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa v.l.: Johanni van Oostrum als Katerina (Katja) Kabanova, Andries Cloete als Tichon Ivanytsch Kananov, Todd Boyce als Kuligin und Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha) © Annette Boutellier

Wie wird diese Konstellation nun in Bern auf die Bühne gebracht? Wir sehen (Bühne: Martina Segna) ein Theater auf dem Theater; Zuschauer sind manchmal nur ein einzelner (Todd Boyce als Kuligin, der im Stück seit Jahrzehnten die Wolga betrachtet und hier wie in Brechts epischem Theater einen manchmal ironischen Kommentar liefert), manchmal auch der ganze Chor. Auf der Bühne tauchen Marionetten auf; überdimensionierte, unbewegliche Köpfe haben sie und singen. Großes Lob den Solisten für die choreographische Präzision, mit der die marionettenhaften Bewegungen umgesetzt wurden – ganz besonders an Toos van der Wal als Glascha. In der nächsten Szene schwingen sich die ersten Marionetten über den Rand ihrer Bühne und verwandeln sich in die einzelnen Menschen, um die das Drama kreist. Das namenlose Dorf an der Wolga ist ökonomisch vom boshaften Fabrikanten Dikoj (Andreas Daum, der die Riesenhände seiner Marionette lange anbehält) abhängig. Die Familie der Kabanows ist ihrerseits der herrischen Kabanicha unterworfen, deren Sohn Tichon mit Katja verheiratet ist. Tichon (stimmlich und szenisch stark von Andries Cloete gegeben) interessiert sich weniger für seine Frau als für den Alkohol. Als sich die Gelegenheit zu einer Reise ergibt, ist er froh, seiner Mutter zu entkommen und ohne seine Frau tagelang ungestört trinken zu können. Im Hause lebt noch die Pflegetochter der Kabanicha namens Warwara (Eleonora Vacchi), die zwar noch nicht verheiratet ist, aber doch eine Liebschaft mit Kudrjasch (Nazariy Sadivskyy) pflegt und Katja überhaupt erst auf die Idee bringt, die Abwesenheit des Ehemannes für ein Abenteuer zu nutzen. Die Dialoge zwischen Katja und Warwara leben vom charakterlichen Kontrast zweier junger Frauen mit unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben (wie Elektra und Chrysothemis bei Strauss oder später Blanche und Constance bei Poulenc in den Dialogues des Carmélites).

Die Abreise Tichons wird zu einem Demütigungsritual seitens der Kabanicha, wie es Dmitri Schostakowitsch 1934 in der Lady Macbeth von Mzensk zwischen Katerina Ismailova und ihrem Schwiegervater Boris ganz ähnlich zeigt: Die Frau muss dem eigentlich widerstrebenden Ehemann öffentlich Treue schwören. In beiden Stücken dauert es keine halbe Stunde, bis dieser Schwur gebrochen wird. Doch ist Katja hier selbst nicht unbeteiligt, denn sie möchte zunächst Tichon auf der Reise begleiten (was dieser sichtlich nicht will) und dann wenigstens ihm das Versprechen geben müssen, dass sie keinen anderen auch nur anschauen wird. Tichon findet seine Frau hier wohl etwas albern, die Kabanicha platzt in die Szene und nötigt ihren Sohn dazu, jetzt doch den Eid zu fordern. Die Musik macht die zerrütteten Zustände ebenfalls deutlich: Als das Muttersöhnchen Tichon genötigt ist, von Liebe zu sprechen, blitzt im Orchester das Motiv der Kabanicha auf.

Theater Bern / Katja Kabanowa hier vorne: Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha), Andreas Daum als Savjol Prokofjewitsch Dikoj © Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa hier vorne: Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha), Andreas Daum als Savjol Prokofjewitsch Dikoj © Annette Boutellier

Ohne Tichon sehen wir Katja und Warwara mit ihren bunten Kopftüchern der Kabanicha folgen. Das nächtliche Treffen der Frauen mit ihren Liebhabern verläuft seltsam pragmatisch: Katja ist auf Boris aufmerksam geworden, einen Neffen des Dikoj, Warwara arrangiert das Treffen (jetzt ohne Kopftücher). Beide meinen, sie seien ineinander verliebt, Katja ringt mich sich, aber man wird sich „einig“, wie es heißt. Zehn Tage später kehrt Tichon zurück, unerwartet früh. Katja, in Angst vor dem niedergehenden Gewitter, gesteht vor der Gesellschaft ihren Fehltritt. Der Chor sitzt als Publikum vor der Puppenbühne, wir sehen Katjas Marionette (mit Kopftuch) und vorne Katja selbst (ohne Kopftuch). Psychologisch gesehen besonders interessant ist der Moment, als die Marionette ihrerseits ihre Bühne verlässt und mit Katja einen angedeuteten (inneren) Kampf ausficht. Katja, die sich ihre Sünde nicht verzeihen kann, stürzt sich in die Wolga und stirbt – hier verschwindet sie wenig spektakulär hinter der Marionettenbühne. Tichon trauert, die Kabanicha hingegen herrscht ihn an, er solle lieber erleichtert sein und dankt – auf einmal freundlich – den Umstehenden für ihre Hilfe beim Herausziehen der Leiche.

Katja kämpft nicht mit ihrem Mann. Sie sucht auch nicht die Konfrontation mit ihrer Schwiegermutter (ganz anders als Elektra, deren schrankenlose Aggression gegenüber Klytämnestra den Kern der Strauss’schen Oper bildet). Über Boris, ihren Liebhaber, erfahren wir so gut wie nichts, außer dass er nach der Entdeckung des Skandals von Dikoj nach Sibirien geschickt wird und sich nicht auflehnt. Gesanglich ist sein Part dennoch beachtlich, und Alessandro Liberatore absolviert die Rolle mit kraftvoller Stimme, die auch die Höhen gut meistert. Die zentralen Partien sind gleichwohl die der Kabanicha und der Katja: Ursula Füri-Bernhard verkörpert die garstige Schwiegermutter so, dass keine Wünsche offenbleiben. Die „Giftspritze“, die manche Inszenierungen aus ihr machen, ist sie nicht, eher eine ältere Dame, die die Konventionen der dörflichen Gesellschaft verkörpert und den Schein nach außen um jeden Preis wahren will. Die Hauptrolle liegt in den Händen eines Gastes, nämlich der Südafrikanerin Johanni van Oostrum, die in nächster Zeit in Deutschland und Österreich auch als Marschallin, Elsa und Salome zu erleben sein wird. Die musikalischen Anforderungen der Partie meistert sie scheinbar spielend, und auch szenisch wirkt sie glaubhaft. Eine Stimme, die man gerne häufiger in Bern hören möchte!

Im Vergleich zur Freiburger Lesart wird in Bern weniger auf die Verkommenheit der Gesellschaft fokussiert als auf den psychologischen Konflikt; auch ist der Einsatz szenischer Mittel deutlich reduziert. Der fast filmischen Bilderwelt in Freiburg steht in Bern eine innere Perspektive gegenüber. Die aus Buchstabentafeln zusammengesetzten Textkommentare, die Kuligin immer wieder neu arrangiert, sind hierbei meist verzichtbar; die Zahlen 23,1 und 69,1-33 deuten hingegen offensichtlich auf die Psalmen: Katja erzählt aus ihrer Kindheit, wie gerne sie in die Kirche ging (vgl. Ps. 23,1: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“) – und quält sich selbst ob ihrer Sünden, wie auch in Psalm 69 geklagt wird („Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele.“). Beide szenischen Varianten können als geglückt bezeichnet werden und beleuchten unterschiedliche Facetten eines komplexen Werks, das in Bern ohne Pause gegeben wurde (und mit etwa 80 Minuten Spieldauer auch problemlos ohne Unterbrechung gezeigt werden kann).

Im Graben war ein für die Dimensionen des Hauses großes Orchester am Werk. Das Berner Symphonieorchester wurde von seinem Chefdirigent Musiktheater geleitet, dem Bielefelder Kevin John Edusei. In einem eher kleinen Haus Janácek zu zeigen, ist ein Wagnis, und tatsächlich wurde es manchmal laut; auch hätte man sich in manchen Momenten eine stärkere Abstufung der Pianograde gewünscht. In der ersten Szene singen die Solisten von der etwas zurückgesetzten Marionettenbühne und durch ihre Pappmachéköpfe, wobei sie vom Orchester manchmal zugedeckt wurden. Dennoch überzeugte die Präzision im Zusammenspiel der Musiker, für die der Dirigent am Ende vom Publikum gefeiert wurde. Dem Berner Haus ist zu danken, dass es sich an Leoš Janáceks Katja Kabanowa gewagt hat, und man würde ihm wünschen, dass das Publikum bei den ausstehenden Vorstellungen noch zahlreicher strömt.

Katja Kabanowa am Theater Bern: Die folgenden Termine 19.6.; 27.6.2018

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