Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Anna Nicole – Oper von Mark-Antony Turnage, IOCO Kritik, 19.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

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  Anna Nicole –  von Mark-Antony Turnage

 Turnage: „Es war eine regelrechte Schnapsidee, wenn auch nicht die schlechteste!“

von Ingrid Freiberg

Ein Opernbesuch in Wiesbaden ist aufregend: Architektonisch ist es ein sehr attraktives Haus und die Programmgestaltung ist ausgezeichnet. Herzhaftes unbekümmertes Lachen vom Komponisten Mark-Anthony Turnage und dem Librettisten Richard Thomas und deren Entourage erhöhen die knisternde Spannung am Premierenabend von Anna Nicole. Das Publikum fühlt sich ermutigt, sie im wunderschönen Foyer um ein Autogramm zu bitten.

Turnage ist einer der erfolgreichsten Vertreter der Neuen Musik. Seine Werke sind vom Jazz und der Musik von Miles Davis geprägt. Mit dieser Mischung aus Jazz und klassischen Stilen bahnt er sich einen eigenen Weg zwischen Moderne und Tradition und stellt die Kluft zwischen zeitgenössischen und historischen Spielpraktiken infrage. Seine eigenwillige Tonsprache bereichert die zeitgenössische Musik. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre schrieb Turnage die Oper The Silver Tassie, die 2000 mit großem Erfolg an der English National Opera uraufgeführt wurde. Die Oper Anna Nicole wurde 2011 im Royal Opera House in Covent Garden uraufgeführt. Der Librettist Richard Thomas arbeitete viele Jahre als Musikalischer Leiter und Komponist für das britische Fernsehen mit vielen Top-Comedians zusammen. Bekannt wurde er durch das Schreiben und Komponieren der Jerry Springer Show, die u.a. bei den Olivier Awards 2004 mit dem Best Score Award ausgezeichnet wurde. Fluchen, Provokationen und obszöne Beleidigungen durchdringen seine Arbeit und die Fähigkeit, eine moderne Geschichte mit zeitgenössischem Humor und relevantem Pathos zu präsentieren. Seine Sprache ist klug und auch krass.

Anna Nicole – Oper von Mark-Antony Turnage
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„Wir waren bereits ziemlich betrunken“

Turnage: „Bei unserem ersten Aufeinandertreffen waren Richard Thomas und ich uns auf Anhieb derart sympathisch, dass wir bei ein paar Drinks über die Möglichkeit sprachen, ein gemeinsames Projekt zu realisieren… am Ende hatten wir eine zufällige Übereinstimmung: Anna Nicole. Es war eine regelrechte Schnapsidee, wenn auch nicht die schlechteste!“ Es geht um Variationen „Vorsicht, was Sie sich wünschen“ und „mehr Tränen vergießen über beantwortete Gebete als über unbeantwortete Gebete“ mit deutlicher, teils drastisch-frivoler Sprache. Sicherlich erfordert die nach Berühmtheit verzehrende Persönlichkeit von Anna Nicole einen großen Auftritt auf der Opernbühne, auch das Nebenpersonal ist bizarr besetzt mit dem lächerlichen Lustgreis Howard und einem an der Liebe der Mutter erstickenden Kind, der ewig sensationsgeilen Medienmeute und Annas skrupellosem Anwalt Stern.

The American Dream

Vickie Lynn Marshall, Künstlername Anna Nicole Smith, wird 1967 in einer Provinz in Texas in armselige Familienverhältnisse (White Trash) hinein geboren. Ihr Vater, ein brutaler Säufer, der sie wahrscheinlich missbrauchte, terrorisiert seine Familie. Mit 17 Jahren wird sie das erste Mal Mutter,1993 Playmate des Jahres, 1994 Heirat mit dem Ölmilliardär J. Howard Marshall. Das amerikanische Schmuddel-TV offeriert 2002 der extrem aufgeschwemmten Hundeliebhaberin (Stoffhunde beobachten in Wiesbaden von der Proszeniumsloge aus das Geschehen) die Anna Nicole Show, die den US TV-Pöbel durch peinliches Benehmen mit durchaus bemerkenswerten Quoten zuschalten lässt. 2004 kommt ihre Tochter zur Welt, um deren Vaterschaft sich gleich drei Männer streiten. 2007 starb sie an einer Überdosis Drogen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Uwe Eikötter, Kind, Elissa Huber, Nathaniel Webster, Christopher Bolduc © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Uwe Eikötter, Kind, Elissa Huber, Nathaniel Webster, Christopher Bolduc © Karl – Monika Forster

Die „Anna Nicole Show“  –  nun als Oper

In einer im besten Sinne leidenschaftlichen Inszenierung erzählt Bernd Mottl ohne Skandalisierungsversuche, ohne Spektakel auf Kosten der Heldin, die Oper in Form einer Anna Nicole Show. Etwa vierzig Personen als Abbild der amerikanischen Gesellschaft bilden einen repräsentativen Querschnitt (Mormone, Moslem, orthodoxer Jude, Lederfetischist, Straßenarbeiter, Geschäftsmann, Hausfrau, Kriegsveteran, Miss America, Inder, Hippi, Sportler, Wrastler, verschiedene Ethnien, High School-Absolventin, Stripperin, Polizist…). In einem glitzernden drittklassigen 80er Jahre TV-Studio mit einer Tribüne mit fünf Sitzreihen verfolgen sie ihre Lebensgeschichte, reagieren mit Hochhalten verschiedener Schilder auf die jeweilige Situation. Sie sind zusammengekommen, ein Requiem anzustimmen. Auf einer Totenbahre liegt ein glitzernder Leichensack, der sich bewegt. Mitten im Requiem wird die Tote wieder lebendig und wird zur Hauptdarstellerin ihres Lebens; ihre Karriere mediengemacht, von gnadenlosen Profiteuren vorangetrieben, von der voyeuristischen Gier der Öffentlichkeit gepuscht und niedergemacht. Erzählt wird der rasante Aufstieg von Anna Nicole von der Angestellten in einer Hühnerbraterei zur Supermarktverkäuferin in Houston, der „Stadt der Freude“, bis hin zur zunächst erfolglosen Stripperin, die „größere Talente“ braucht. Nach einer OP bei Dr. Feelgood wird das Busenwunder durch seine Ehe mit einem greisen Öl-Tycoon ein gefundenes Fressen der Boulevardpresse. Der Milliardär gibt Anna alles, außer der Ranch, auf der sie gerne mit ihrem Jungen Daniel leben möchte. Bei ergreifender Musik und nach einem verrichteten blow job ruft Anna gutgläubig „Wir haben die Ranch!“

Menschenverachtende Vermarktung

Anwalt und späterer Geliebter Howard Stern verkauft die Rechte für die Live-Übertragung der Geburt ihrer Tochter an einen Pay-TV-Sender. Selbst ein Auftritt in der berühmten Larry King Show wird möglich. Anna ist randvoll mit Drogen… Sie bekennt sich zu ihren Träumen, telefoniert mit ihren Hunden. Als ihr Sohn Daniel drei Tage nach der Geburt seiner kleinen Schwester im Krankenbett seiner Mutter an einem Drogencocktail stirbt, verliert sie ihren letzten Lebensmut. Von nun an macht sie nur noch durch ihre Party- und Drogenexzesse auf sich aufmerksam, wobei Stern ihren Verfall für die Medien immer gnadenloser vermarktet. Als sie erneut schwanger wird, will sie nur noch fressen. Sie stirbt ein Jahr nach dem Tod ihres Sohnes ebenfalls an einer Überdosis verschiedener Medikamente. Die Oper rollt die Geschichte von hinten auf und beginnt mit dem Tod der Titelfigur. Die New York Times titelte nach ihrem Tod: Sie war berühmt dafür, berühmt zu sein…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Ralf Rachbauer als verliebter Trucker, Chor des Hessischen Staatstheaters © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Ralf Rachbauer als verliebter Trucker, Chor des Hessischen Staatstheaters © Karl – Monika Forster

Garanten eines erfolgreichen Abends

Friedrich Eggert (Bühne, Kostüme) gelingt es hervorragend das Trash-Format einer amerikanischen TV-Show einzufangen, ohne die Mitwirkenden der Lächerlichkeit preiszugeben. Geradezu liebevoll identisch sind die Kostüme der „Jury-Mitglieder“. Fantasievoll, wie die Farben ineinander spielen, das ist sehr hohe Qualität. Dagegen das Strahlen und Funkeln von ganz billigem Tand. Die Jury setzt sich den Strahlenkranz der Freiheitsstatue auf, den amerikanischen Traum demonstrierend. Ein goldener Volant-Bühnenvorhang, eine Sitzecke, die an die Couch von „Wetten das?“ erinnert, eine Bar mit zwei Barhockern und die Möglichkeit rascher Auf- und Abgänge sind Garant des erfolgreichen Abends. Chapeau!

Elissa Huber ist !!! Anna Nicole. Sie singt und spielt grandios die anspruchsvolle Partie mit dauerhaften Spitzentönen und Koleraturen und wird vom Publikum frenetisch gefeiert. Eine außergewöhnliche Leistung, die viele Jahre in Erinnerung bleiben wird. Es ist ein Höhepunkt, wenn sie meisterhaft die Koloraturarie „Zeit zu träumen und zu fliegen, ich werde siegen“ singt. Als Schutzpatronin der heutigen Trash-Generation lässt sie mit „I want to blow you all… a kiss“ ihr Leben Revue passieren. Stimmlich mit großem Sopran, darstellerisch mit bewegendem Spiel und auch optisch hervorragend ausgefüllt, zeigt sie anfangs eine Koketterie à la Marilyn Monroe, entwickelt sich zu einem wahren Busenwunder, das Männerherzen höher schlagen lässt. Ihr bewegendes Spiel macht glaubhaft, welchen Preis Anna für ihren Ruhm zahlt. Es bleiben Momente, in denen sie im weißen Hochzeitskleid in einem Konfetti-Regen steht oder mit hochhackigen Schuhen selbstverliebt den roten Teppich küsst. Zum Schluss singt sie einen Blues „Amerika, du dreckige Hure, ich gab dir alles, du wolltest mehr.“ Erheblich zum Scheitern von Anna trägt der Anwalt Howard Stern bei. Christopher Bolduc verkörpert glaubhaft und aalglatt diese schmierige Rolle. Es geht ihm ausschließlich um kommerziellen Erfolg. Aus Annas Entgleisungen schlägt er größtmöglichen Profit. Sogar die Geburt ihrer Tochter vermarktet er als Pay-per-view-Ereignis. Mit sicherem hochkultiviertem Bariton ist er ein Parvenü, skrupellos und egoistisch.

Margarete Joswig ist als Virgie eine richtende Instanz. Sichtbar aus der Gosse kommend, sie bedroht ihren Ehemann mit der Waffe „Fuck you, fuck you back“, ist sie eine strenge Mutter, resolut und kämpferisch, die sich auch um ihren Enkel Daniel kümmert „Hatte ein Stück vom Kuchen und will auch den Rest versuchen...“: Es ist Virgie, die ein großes Anti-Männer-Lied singt, eine wütende und triumphale Ballade, kraftvoll glühend. Mit ihrem warmen Mezzo gewinnt sie auch mittels glitzernder Bosheit. Ein Mann, der sich seine Träume erfüllen kann, weil er unermesslich reich ist, ist J. Howard Marshall (Uwe Eikötter). Der greise Öl-Milliardär verliebt sich in Anna Nicole. Mit abstoßender Lüsternheit verlangt er Oralverkehr – zweimal lautes Stöhnen in der Musik! – eine Mischung aus Bosheit und Altmännergeilheit. Er erleidet einen Zusammenbruch, kommt noch einmal zu sich und sinniert über die Vergänglichkeit des Lebens. Ohne ein Testament zu hinterlassen, stirbt er kurz darauf.

Solistenrollen durchweg glänzend besetzt

Die drogensüchtige Cousine Shelley, „fünf Kinder und keine Zähne“, singt die Mezzosopranistin Lena Haselmann, die durch ihre besondere Spielfreude imponiert. Gelungen in Maske und Gesang ist der sensationslüsterneTalkmaster Larry King des Tenors Christopher Diffey. Kaum zu glauben, dass ein so junger Interpret eine solche Rolle meistern kann. Der Tenor Ralf Rachbauer profiliert sich auf hohem Niveau in drei Rollen: als verliebter Trucker in der Dancing-Bar, als Mitglied der Marshall Family und als Doctor Feelgood, der die menschliche Selbstoptimierung, wenn nötig mit chirurgischer Unterstützung vornimmt. „Wer arm, hässlich und dumm bleibt, der trägt selbst die Verantwortung für das ausbleibende Lebensglück: Why be average, when you could be a sensation?“ Letztendlich ist er der Schuldige an Annas Drogensucht… Bariton Daniel Carison ist der gewalttätige Daddy Hogan, vor dem alle Angst haben. Die in Wiesbaden vielfach gefeierte Annette Luig ist Kay, die fürsorgliche Tante, bei der Anna aufwächst und etwas Liebe erhält. Schon nach kurzer Zeit erfolgreich im Ensemble verankert ist die Mezzosopranistin Fleuranne Brockway (Melissa, News Reporter). Nathaniel Webster ist Annas erster Ehemann Billy, der sie schon nach einem Jahr verlässt und sich ihrer verlotterten Familie zuwendet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Uwe Eikötter, Elissa Huber als Anna Nicole, Chor des Hessischen © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Uwe Eikötter, Elissa Huber als Anna Nicole, Chor des Hessischen © Karl – Monika Forster

Die abwechslungsreiche Oper wird durch tänzerische Einlagen von „Annas Notorius Showcrew“ (Sofia Romano, Anna Heldmaier, Sarah Steinemer, Jasper H. Hanebuth, Soeren Niewelt, Max Menendez-Vazquez, Nathalie Gehrmann (Swing), Choreografie: Myriam Lifka) revuehaft aufgelockert. Vier heiße Lap Dancer (Radoslava Vorgic, Karolina Lici, Maike Menningen, Jessica Poppe) sorgen für scharfe Einlagen an Pole Stangen, weisen Anna in den Stangentanz ein und verweisen darauf, um bei Männern Erfolg zu haben, braucht es „schöne Ansichten“. Als Meat Rack Quartet agieren gekonnt Petra Heike, Lena Naumann, Ines Behrendt, Ayako Daniel. Bei Annas Sohn Daniel denkt man zunächst, es sei eine stumme Rolle, doch hat auch er etwas zu sagen. Bariton David Krahl zählt in einer Art Registerarie in schwer fassbarer, dunstiger Musik alle nur denkbaren Schmerz- und Betäubungsmittel auf.

Unter der Leitung von Albert Horne steht sowohl der Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden als auch das Hessische Staatsorchester Wiesbaden. Ihm gebührt großes Lob… Durch die prägnanten Chorszenen, in denen die Masse Anna Nicoles Geschichte mit ihren Kommentaren immer weiter treibt, hat Turnage dem Chor eine zentrale Rolle zugedacht. Er souffliert, wenn Anna nicht mehr weiß: „Wo war ich noch stehen geblieben?“ „F.U.C.K.“ Auch um Kotze, Titten und Schwänze geht es… In den unterschiedlichen Lebensstationen dieser Story fasziniert der Chor als heimlicher Star mit rasantem Spiel und stimmlicher Brillanz.

„Ich denke, die Leute werden überrascht sein, wenn sie die Oper hören“, so Turnage. „Der letzte Teil ist sehr ernst und sehr traurig… Es wird fast wie eine traditionelle Oper.“ Der 1. und der 2. Akt sind zwei Seiten einer Medaille. Albert Horne lässt die vielseitigen Klangwelten prägnant erklingen. Es gelingt ihm, eine derbe Abrechnung mit dem American Way of Life erklingen zu lassen. Turnage verbindet seine kompositorische Arbeit mit der Klangwelt von Jazz und Popmusik. Seiner dritten Oper Anna Nicole hat er eine Form gegeben, die mit ihren Songs und Tanzeinlagen ans Musical erinnert, an Vorbilder wie Kurt Weill und Leonard Bernstein. Neben dem klassischen Orchester sind eine E-Gitarre, E-Bass, Banjo, Saxophon, Jazz-Drummer und Trompeten im Big-Band-Sound zu hören.

Das Opernmagazin, Detlef Obens, schrieb 2013 zur Aufführung von Anna Nicole  in Dortmund: „Die anspruchsvolle Partitur der Turnage-Oper, herausfordernd für Musiker wie auch für den Dirigenten, war von Angebinn ein Erlebnis der besonderen Art. Tempi, Rhythmen, große orchestrale Ausbrüche, zarte und leise Töne in den emotionalen Momenten der Oper –  all das war hohe Musikkunst.

Die anspruchsvolle Partitur, herausfordernd für Musiker wie auch für den Dirigenten, ist von besonderer Art: Tempi, Rhythmen, große orchestrale Ausbrüche, zarte und leise Töne in den emotionalen Momenten sind hohe Kunst. Wiederholt kommt es zu schroffen Wechseln zwischen Musicalsound und Realityshow einerseits und klassisch-jazzigen wie opernhaften Elementen, eine dauernd fetzige Flut von grell bebilderten Szenen und mitreißenden Songs und Ensembles, die an Emotionalität nichts vermissen lassen.

Ein außergewöhnlicher Opernabend: frenetischer Jubel, Standing Ovations für alle Beteiligten

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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2019 – Idomeneo – Titus, IOCO Kritik, 08.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

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Idomeneo – La clemenza di Titus – Wolfgang Amadeus Mozart

Internationale Maifestspiele 2019

von Ingrid Freiberg

Die Internationalen Maifestspiele 2019 in Wiesbaden stehen unter dem Motto „Die Stille dazwischen“. Das Genie Mozart ist Mittelpunkt der Festspiele. „Die Stille dazwischen“ ist ein Kerngedanke des Komponisten: „Die Musik steckt nicht in den Noten, sondern in der Stille dazwischen…“

Mit dem Mozart-Doppelprojekt Idomeneo und Titus, in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg, der Musikalischen Leitung von Mozartspezialist Konrad Junghänel und der Ausstattung von Rolf und Marianne Glittenberg wird sein Schaffen vom Anfang und vom Ende her beleuchtet. Zwei Opern über zwei Herrscher, die auch das Heutige reflektieren: Machtstrukturen, Heimat haben und nehmen… Kreta ist vom Krieg verwüstet, trojanische Flüchtlinge und Naturkatastrophen bedrohen Idomeneos Insel. Titus hingegen ruft im glänzenden Machtzentrum Rom gegen die destruktiven politischen Ränkespiele Gnade und Vergebung als oberste Staatsräson aus. In beiden Werken verzweifeln Menschen an den Prüfungen, die ihnen auferlegt werden. Mozarts Musik lässt Utopie und Abgrund als zwei Seiten einer Medaille erscheinen.

Idomeneo – Wolfgang Amadeus Mozart
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Idomeneo

Mit 24 Jahren ließ Mozart noch keine „Köpfe“ rollen. Als er Idomeneo, ein Auftragswerk für den Münchner Fürst Karl Theodor schreibt (Uraufführung 1. Fassung 1781 in München, 2. Fassung 1786 in Wien), fügt er sich noch den Zwängen übergeordneter Autoritäten und komponiert als Dramma per musica auf ein vorgegebenes Libretto. Freilich nur nach außen hin – hinter der steifen Formfassade brennt sein Unabhängigkeitsfeuer längst lichterloh. Idomeneo ist Mozarts Sturm-und-Drang-Oper, womöglich sein wildestes Werk überhaupt. Mozart hielt sie für seine beste: ein spannungsgeladenes Menschwerdungsdrama. Seine enormen seelischen Emotionen vermochte der Komponist musikalisch in lyrischen wie in melancholischen Stimmungen zu spiegeln, in eruptiven Koloraturen und groß angelegten Chören. Es sind Botschaften der Aufklärung und des humanistischen Gedankens.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo hier Netta Or als Elettra, Mirko Roschkowski als Idomeneo, Kangmin Justin Kim als Idamante © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo hier Netta Or als Elettra, Mirko Roschkowski als Idomeneo, Kangmin Justin Kim als Idamante © Karl Monika Forster

Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung

Idomeneo ist die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, den die Zerstörung bis in die Heimat verfolgt. Als Preis für die glückliche Heimkehr hat er dem Gott des Meeres einen Menschen als Opfer versprochen. Mozarts große Choroper ist eine Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung, in der Naturgewalten und Kriege unter großen Entbehrungen überstanden werden müssen. Immer noch aktuell: Der Generation der Kinder wird auferlegt, Prüfungen zu bestehen und das Leben in eine heilere Welt zu überführen.

Stringente Herleitung aus der Musik

Dramaturgisch ist das Werk nach wie vor schwer zu knacken. Eric Uwe Laufenberg verbindet die erste Fassung (1781, München) mit der zweiten (1786, Wien), streicht bzw. ergänzt, nimmt aus beiden das Beste. Er überträgt Arien und Rezitative des Arbace auf den Oberpriester und erhöht damit das Geschehen. Schwerpunkt seiner Regie ist die stringente Herleitung aus der Musik. Laufenberg jongliert souverän in einem ästhetisch stark reduzierten Streifzug, erzählt eine zeitnahe Geschichte von komplexen Verwirrungen aus Schicksalsschlägen und Liebesleiden. Sein Idomeneo ringt um Macht, will trotz Krieg und Naturgewalten daran festhalten – bis hin zum Undenkbaren, seinen Sohn für eine bessere Zukunft zu opfern. Es ist eine rätselhafte Welt, in der der Meeresgott Neptun das Geschehen zu lenken scheint. Erst am Ende, wenn die Stimme des Orakels aus dem Off den Machtwechsel als überirdischen Kompromiss zwischen Meeresgott und Erdenwelt anordnet, überträgt Idomeneo seine Macht auf Idamante. Eric Uwe Laufenberg gelingt es, durch die vielfältigen Gefühlswelten zu führen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo © Karl Monika Forster

Schöpferische Phantasie und szenische Ästhetik

Seit langem stehen die Ausstattungen von Rolf und Marianne Glittenberg für schöpferische Phantasie, szenische Ästhetik und handwerkliche Perfektion. Die ethnologisch betonten Kostüme in vielgestaltigen Farben von Marianne Glittenberg für den Chor, und nicht zuletzt die prächtigen Gewänder von Idomeneo und Idamantes sind eine Augenweide. Der Bühnenrundraum von Rolf Glittenberg zeigt eindrucksvoll eine auseinandergeborstene Weltordnung. Es ist eine trostlose Trümmerwüste zwischen kaltem Beton, ein vor- bzw. nachzivilisatorischer Raum mit einem von Bomben zerschossenen Durchbruch, der erlaubt, auf das sich langsam wie auch stürmisch bewegte Meer zu blicken. Gérard Naziri (Video) und Andreas Frank (Licht) unterstützen diese Konzeption aussagekräftig.

Überzeugende Leistungen

Das Sänger-Ensemble bleibt den anspruchsvollen szenischen Herausforderungen nichts schuldig; hervorzuheben sind dabei die schauspielerischen Leistungen. Mirko Roschkowski, ein „Tenor zwischen Samt und Drama“, fesselt als Idomeneo durch seine intensive Verkörperung des traumatisierten Königs. Er ist keiner der femininen Mozart-Tenöre. Sein viriler Kern bekommt der Titelrolle ebenso gut wie die sanfte Belcanto-Politur, mit der er seine Partie veredelt.

Idamante und Ilia sind ein Paar, das seine Liebe hingebungsvoll lebt. Beide verschmelzen auf betörende Weise in den Liebesduetten. Der koreanisch-amerikanische Countertenor Kangmin Justin Kim (Idamante) betört mit seinem dunkelrubinroten Timbre. Patriotisch. Bewegt. Erotisch. Im Lauf des Abends wird er immer mehr zu einer männlichen Figur, der man alle innere Zerrissenheit zwischen Folgsamkeit und Liebespassion abnimmt. Er emanzipiert sich… Slávka Zámecníková (Ilia) singt bei ihrem Rollendebüt berückend mit fulminant aufblühendem Sopran. Aus der Barbarin wird ein menschliches Wesen. Ihre feenhafte Interpretation, die zarte Vielfalt der Farben, verbunden mit ihrer stimmlichen Beweglichkeit überzeugen. Die furiose Elettra von Netta Or ist fordernd, leidend, zerbrochen. Nach ihrem bewegenden „Idol mio, se ritroso“ wünscht man ihr Liebe und Krone, und nicht, dass sie am Ende von Leichen umgeben in der Versenkung verschwindet. Ihre Furien-Dramatik gipfelt rachelüstern mit beachtlicher Koloraturtechnik in einer wild ausfahrenden Hass-Arie.

Eine besondere Rolle kommt dem Charaktertenor Rouwen Huther (Oberpriester) zu. Er übernimmt Arien und große Teile der Rezitative des Arbace und kann Idomeneo, der ihm von seinem Schwur erzählt, dominieren. Fein ausdifferenziert und nuanciert gewinnt seine Stimme mit exquisitem Timbre. Young Doo Park (Stimme des Orakels) vermittelt mit seiner Riesenstimme und sonoren Tiefe die Autorität Neptuns. Neben den vor Eifersucht getriebenen Rachegesängen Elettras, den lyrisch eindringlichen Arien Ilias und den Reflexionen Idomeneos steht das Quartett im 3. Akt „Andrò ramingo e solo“ mit Eka Kuridze, Barbara Schramm, Koan-Sup Kim und Slawomir Wielgus im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. Mehr als durch Albert Horne ist aus dem Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden kaum herauszuholen: Er ist mit hoher Intensität ein wuchtiges Metaphern-Kollektiv, ein echter Hauptrollen-Gegenpart – klanglich wie darstellerisch souverän.

Konrad Junghänel lässt das Hessische Staatsorchester Wiesbaden auf Festspiel-Niveau mit Klangkultur und federnder Geschmeidigkeit aufblühen. Dezent, zielgerichtet und sensibel blüht Mozarts experimentellste Opernpartitur in all ihren Facetten auf: die machtvolle Feierlichkeit der Ouvertüre, die fast schon impressionistisch getönte Empfindsamkeit Ilias etwa in ihrer „Zephyretten-Arie“ oder die expressive Wucht der großen Chorszenen… fein, von den Celli bis zu den Hörnern in der kleinsten Phrase ausformuliert. Das ist schlicht großartig!

Das Publikum spendet allen Mitwirkenden herzlichen Applaus. Die Vorfreude auf den kommenden Opernabend ist geweckt, auf Titus, der inhaltlich mit Idomeneo verbunden wird und doch Raum lässt für eine Einzelbetrachtung: zwei Herrscher in prekären Situationen, die sich redlich Mühe geben, das Richtige zu tun, und dabei unter dieser Bürde leiden. Der eine soll den eigenen Sohn töten, weil er in Lebensgefahr den Göttern ein unkluges Versprechen gab, der andere soll selbst sterben, weil eine enttäuschte Frau ein rachedurstiges Komplott plant. Es bleibt spannend!

 La Clemenza di Tito  – Wolfgang Amadeus Mozart
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La Clemenza di Tito – Die Milde des Titus

La clemenza di Tito (Die Milde des Titus) ist eine Lobeshymne, eine Huldigungsoper, ein Dramma per musica in zwei Akten. Die Uraufführung fand 1791 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater Prag aus Anlass der Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen statt. Sie erzählt die Geschichte um Macht, Intrigen und das milde Vergeben des römischen Herrschers Titus, der sein Volk versöhnt, den Staat befriedet und selbst dem Attentäter Sesto verzeiht. Damit brachte Mozart seine Vision des friedvollen Zusammenlebens musikalisch zum Ausdruck.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier Mirko Roschkowski als Titus und Silvia Hauer als Sesto © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier Mirko Roschkowski als Titus und Silvia Hauer als Sesto © Karl Monika Forster

Bomben auf das Wiesbadener Kurhaus

In einer durchorganisierten sterilen Zentrale übt Titus seine Macht in Form von Milde aus und gerät in Konflikte, weil seine Gnade als Zumutung gesehen wird. Seine unbegrenzte Gnade geht soweit, dass er auch jenen verzeiht, die ihn töten wollen. Er macht sich zu einem gottähnlichen Herrscher. In seinem Machtsystem gibt es keinen, der das aushält. Im inneren System des Staates sind Umsturz, Attentate und Machtübernahmen bis hin zur Folter möglich. Herrschaft mit Gnade kann auch grausam sein. Uwe Eric Laufenberg erzählt den Titus-Stoff packend, dicht an unserer gesellschaftlichen Realität. Es gelingt ihm aufzuzeigen, wie zeitlos Machtmissbrauch und Intrige, die eigentlichen Inhalte von Mozarts Oper, immer waren und immer sein werden. Das Rezitativ „Oh Dei, che smania è questa“ singt Silvia Hauer (Sesto) – sehr passend aus der Kaiserloge – und wirft per Videoprojektion Bomben auf den römischen Titusbogen /Wiesbadener Kurhaus, dessen Inschrift in „Divo Vespasiano Augusto“ umgewidmet wird. Die Flammen lodern hell auf… Ein toller Regieeinfall und einer der Höhepunkte des Abends. Ein guter Ausgang war der Regie offenbar unheimlich. Vitellia trinkt Gift!

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier das Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier das Ensemble © Karl Monika Forster

Entgegen dem Bühnenrundraum von Idomeneo, in dem Empathie ausgelebt werden kann und der durch Farben bestimmt ist, strahlt der gleiche Raum in Titus Kühle aus. Durch eine große weiße Treppe wird hierarchisch geregelt, wer oben und wer unten steht. Auf dieser monumentaler Treppe kommt der Chor vortrefflich zur Geltung. Rolf Glittenberg gelingt ein überzeugender – optisch vergleichender – Übergang zwischen den beiden „Herrscher-Opern“. Die Kostümdesignerin Marianne Glittenberg unterstreicht die römischen Machtstrukturen mit schwarz-weißer Businesskleidung, die Zuordnungen zulässt.

Emotional und spannend

Mirko Roschkowski ging das Wagnis ein, an zwei aufeinanderfolgenden Abenden beide Titelpartien zu singen, was ihm voll umfänglich gelingt. Er ist als Titus ein Aggressor als Vergebungskaiser mit klarer und eleganter Definition, wie für Mozart notwendig, dabei mit sorgfältig dosiertem Schmelz ausgestattet. Martialisch schmettert er die emotionalen Ausbrüche des Kaisers heraus und beweist an anderer Stelle mit langem Atem und großer Beweglichkeit seine Qualitäten. Auch szenisch, mit zerrissener Präsenz, kann er punkten.

Olesya Golovneva als machtgierige Vitellia glänzt mit blitzsauberen nuancenreichen Koloraturen und lebt ihre Rachsucht und Lüsternheit darstellerisch voll aus. Besonders eindrucksvoll ihr Rezitativ „Ancora mi schernisce?“, mit dem sie Sesto davon überzeugt, Titus zu ermorden. Außerordentlich und fast zu Tränen rührend ist der Sesto von Silvia Hauer. Mit großer Stimme, die sie biegsam und fein abgestuft durch alle Register führt, sprüht sie vor Energie, körperlicher Bühnenpräsenz und emotionsstarker Gestaltungskraft. Ihre Fermaten und Pianomomente betonen „Die Stille dazwischen“. Lena Haselmann singt den Annio mit Grandezza, Schönheit, apart mit schauspielerischer Fantasie. Ihr schlanker Mezzosopran mischt sich im Liebesduett ideal mit dem frischen, brillierenden Sopran und dem feinsinnig lustvollen Spiel von Shira Patchornik als Servilia.

Young Doo Park (Publio) repräsentiert die Macht des Volkes, verfügt über die Durchsetzungskraft, die Titus fehlt. Mit sicher geführter Stimme, markig, aber auch samtig weich, ist er auffällig präsent. Die sängerischen und schauspielerischen Leistungen des Chores des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden bei diesem Mozart-Doppelprojekt über ca. sechs Stunden sind eine beeindruckenden Glanzleistung. Unter der Leitung von Albert Horne gewinnt er immer mehr an Kontur.

Besonders berührt der Soloklarinettist Adrian Krämer, der auf die Treppe kommt und atemberaubend die Arie „Parto, ma tu ben mio“ des Sesto begleitet. An dieser Stelle leuchtet Mozarts Musik herrlich auf. Im zweiten Akt spielt er das Bassetthorn zu Vitellias Arie „Non più di fiori“ von einer der beiden Proszeniumslogen.

Auch am zweiten Abend gelingt es Konrad Junghänel das Hessische Staatsorchester Wiesbaden transparent, elegant, präzise – immer im Sinne einer mitreißenden Mozart-Konturierung aufleuchten zu lassen. Er lässt immer wieder Stille zwischen die Takte, verlangsamt oder beschleunigt zu exzellierenden Genussstrecken, die Eingangs- und Schlussphrasen mottoartig verlangsamend, den motorischen Hauptteil kräftig angezogen. Diese Höchstleistung war nur zu realisieren, indem die Mitglieder des Orchesters für beide Opern aufgeteilt wurden, somit wurde eine effektivere Probenarbeit ermöglicht.

Aufwühlende, inspirierende Opernabende mit viel Beifall.

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