Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Trauer um Maria Magdalena Ludewig, IOCO Aktuell, 06.01.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Maria Magdalena Ludewig – Auf Fuerteventura  tödlich verunglückt

Maria Magdalena Ludewig © Wiesbaden Biennale

Maria Magdalena Ludewig © Wiesbaden Biennale

Maria Magdalena Ludewig, Kuratorin und Leiterin der Wiesbaden Biennale, ist tödlich verunglückt. Am 31. Dezember 2018 wurde sie auf Fuerteventura von einer Atlantik-Welle ins offene Meer gezogen. Gemeinsam mit Martin Hammer hatte Maria Magdalena Ludewig 2016 und 2018 die Wiesbaden Biennale des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden künstlerisch gestaltet und dabei international bedeutende Gruppen und Künstler aus den Bereichen Theater, Performance und Bildende Kunst in die hessische Landeshauptstadt geholt, darunter Rabih Mroué, Gob Squad, Romeo Castellucci, Dmitry Krymov, Florentina Holzinger, Roger Ballen, Markus Öhrn oder Dries Verhoeven. Auch die Errichtung der umstrittenen goldenen Erdo?an-Statue auf dem Platz der deutschen Einheit und die Installation eines REWE-Marktes im Foyer des Staatstheaters gehörten zu den von Ludewig und Hammer im Rahmen der Biennale verantworteten Projekten.

Maria Magdalena Ludewig, 1982 in Lübeck geboren, studierte Philosophie in Hamburg und Berlin sowie Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Sie arbeitete als freie Produzentin sowie als Regisseurin und inszenierte u.a. am Hamburger Schauspielhaus und an den Sophiensaelen Berlin, vor allem aber seit 2007 regelmäßig auf Kampnagel Hamburg – zuletzt hatte dort im Oktober 2017 ihr Projekt »Übung in Trauer – Excercise in Mourning« Premiere. 2014 setzte Uwe Eric Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer als Kuratoren der Wiesbaden Biennale ein. Maria Magdalena Ludewig wurde 36 Jahre alt.

Uwe Eric Laufenberg – Zum Tod von Maria Magdalena Ludewig

„Maria Magdalena Ludewig ist tot. Maria Magdalena verunglückte an Silvester, dem 31. Dezember 2018, auf einer kanarischen Insel, in einer Welle, von der sie überrascht und unerwartet von einem Felsvorsprung gerissen wurde.

Alle Mitarbeiter des Hessischen Staatstheaters sind unfassbar traurig über diesen unersetzbaren Verlust. Maria Magdalena hat mit unbändiger Kraft, Energie und Phantasie zwei Wiesbaden Biennalen gemeinsam mit Martin Hammer geleitet und kuratiert, sie hat uns befeuert, begeistert, über alle Grenzen getrieben und ist gleichzeitig immer der gute Geist all ihrer Künstler*innen gewesen.

Sie hat Spuren in uns allen hinterlassen, die unauslöschlich sind. »This ist Not Europe« und »Bad News« hießen ihre, unsere Biennalen. Diese Nachricht ist die traurigste »Bad News«, die wir versenden können. Die christliche, frohe Botschaft, die auch dahinter steht, ist: Jedes Menschenleben ist einzigartig.
Wir enden hier. Wir leben weiter. Maria Magdalena Ludewigs Leben wird einzigartig, vollkommen und unvergesslich sein. Sie ist vorgegangen. Auch wenn sie viel zu früh von uns gegangen ist.“

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Erl, Tiroler Festspiele Erl, Bernd Loebe folgt Gustav Kuhn, IOCO Aktuell, 25.10.2018

Oktober 26, 2018 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Aktuell, Oper Frankfurt

Festspielhaus Erl © Peter Kitzbichler

Festspielhaus Erl © Peter Kitzbichler

Tiroler Festspiele

Bernd Loebe folgt Gustav Kuhn als Intendant

Der Präsident der Tiroler Festspiele Erl, Dr. Hans Peter Haselsteiner, hat im Rahmen einer Pressekonferenz den neuen Intendanten der Festspiele bekannt gegeben. Bernd Loebe, bis 2023 als Intendant der Oper Frankfurt bestellt, wird zusätzlich die Intendanz der Tiroler Festspiele Erl am 1. September 2019 antreten. Der bisherige Amtsinhaber, Gustav Kuhn legte im Sommer 2018 mit sofortiger Wirkung alle Funktionen nieder. Interemistischer Leiter der Festspiele ist zur Zeit Andreas Leisner; Gustav Kuhns bisheriger Stellvertreter.

Bernd Loebe © IOCO

Bernd Loebe © IOCO

Gustav Kuhn hatte die Tiroler Festspiele Erl 1997 ins Leben gerufen. Der Festival-gründer war wegen sexueller Übergriffe, Machtmissbrauch in die Kritik geraten. Unter anderem hatten sich, solche Übergriffe beklagend, in einem offenen Brief Künstlerinnen der Festspiele Erl an die Öffentlichkeit gewandt. Gustav Kuhn weist alle Anschuldigungen von sich.

Bernd Loebe, *1952, leitet die Oper Frankfurt, 1.369 Plätze, eines der führenden Musiktheater Deutschlands, seit 2003. Mit einer Auslastung von 80% (Stand April 2018)  liegt die Oper Frankfurt nur im Mittelfeld deutscher Musiktheater. Schon im benachbarten Hessischen Staatstheater Wiesbaden (Intendant Uwe-Eric Laufenberg) liegt die Auslastung höher, bei 82,5%. Auslastungsspitzenreiter deutscher Musiktheater ist mit 95% die von Klaus Bachler seit 2008 geleitete Bayerische Staatsoper München.   

—| IOCO Aktuell Tiroler Festspiele |—

 

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Parsifal – Ein Bühnenweihfestspiel, IOCO Kritik, 08.09.2018

September 9, 2018 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

PARSIFAL – Ein Bühnenweihfestspiel

– Ein Requiem für Religionen –

Von Karin Hasenstein

Mit dem Bühnenweihfestspiel Parsifal, dem “summum opus” Richard Wagners, wurden am 26. Juli 1882 die zweiten Bayreuther Festspiele eröffnet.

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die ersten Bayreuther Festspiele hatten 1876 stattgefunden, danach war Wagner erst einmal wieder bankrott. Aus diesem Jahr stammen auch die ersten Aufzeichnungen zur Musik des Parsifal, ein Albumblatt As-Dur mit dem Zusatz “Amerikanisch sein wollend”. Der Entschluss, Wolfram von Eschenbachs um 1200 entstandenen Versroman  Parzival zu vertonen, reifte im Januar 1877. Schon am 23.02.1877 wurde der zweite Prosaentwurf abgeschlossen, am 14.03. der Name Parzival in Parsifal geändert. In der Zeit vom 14.-19.03. verfasste Richard Wagner die Urschrift des Textes und Ende September desselben Jahres begann er mit der Orchesterskizze des 1. Aufzuges. Am 25.12. wurde das Vorspiel zum 1. Aufzug im Haus Wahnfried anlässlich Cosimas Geburtstags uraufgeführt. Die Arbeiten am 2. und 3. Aufzug dauerten bis zum Januar 1882. Wagner beendete die Partitur des 3. Aufzuges am 13.01.1882 und kassierte vom Verlag Schott für das fertige Werk ein Honorar von 100.000 Mark.

Am 26. Juli 1882 erfolgte die Uraufführung des Parsifal bei den Bayreuther Festspielen. Die letzte Aufführung dieser Festspiele dirigierte Wagner ab dem Takt 23 der Verwandlungsmusik den 3. Aufzug zu Ende.

Das Bayreuther Festspielhaus wurde eigens für das Bühnenweihfestspiel Parsifal erbaut. Doch könnte umgekehrt gelten, Parsifal wurde für das Festspielhaus geschrieben: Es heißt, nirgends könne man ihn so vollkommen hören wie hier. Wer den Vergleich zu anderen Häusern zieht, mag das bestätigen. Nach Wagners Wunsch sollte der Parsifal für das Festspielhaus reserviert bleiben und niemals an anderem Ort erklingen. “Dort darf der Parsifal in aller Zukunft einzig und allein aufgeführt werden”, schrieb er 1880 an König Ludwig II. von Bayern. “Nie soll der Parsifal auf irgendeinem anderen Theater zum Amüsement dargeboten werden: und dass dies so geschehe, ist das einzige, was mich beschäftigt und zur Überlegung dazu bestimmt, wie und durch welche Mittel ich diese Bestimmung meines Werkes sichern kann.” Er konnte es nicht.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Amfortas, Kundry und Klingsor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Amfortas, Kundry und Klingsor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Seit Ablauf der Urheberrechte 1913 ist der Parsifal nun frei für Aufführungen an anderen Opernhäusern. Mit einem speziellen “Lex Parsifal” sollte die Schutzfrist verlängert werden. Als Trotzreaktion auf das Scheitern dieses Vorhabens wurde im Jubeljahr 1913, zu Wagners 100. Geburtstag, auf Festspiele verzichtet! Vergebens. Bereits 1901 hatte die Witwe Richard Wagners, Cosima, einen ersten Vorstoß im Reichstag gewagt. Dieser schmetterte die als “Lex Cosima” betitelte Eingabe mehrheitlich ab. Auch der zweite Versuch scheiterte, obwohl Cosima dafür sogar Kaiser Wilhelm II. bemühte.

So versiegte mit dem 1. Januar 1914 auch die größte Einnahmequelle der Familie Wagner, nämlich die Tantiemen aus den Werken Richard Wagners, die – einschließlich des Weltabschiedswerks Parsifal, nun überall kostenfrei gespielt werden durften.
Am 24. Dezember 1903 hatte Heinrich Conried, der Impresario der New Yorker Metropolitan Opera, bereits gewagt, Parsifal erstmals außerhalb von Bayreuth aufzuführen. Ein Vorgang, der damals als “Gralsraub” bezeichnet wurde. Conried ließ einfach Stimme für Stimme aus der Studienpartitur des Mainzer Schott-Verlages abschreiben und umging damit das Aufführungsverbot und den Umstand, dass die Familie Wagner sämtliches Aufführungsmaterial streng unter Verschluss hielt.

Doch der Siegeszug des Parsifal außerhalb von Bayreuth lies sich nicht aufhalten. Gott sei Dank! möchte man ausrufen. Das Deutsche Opernhaus Charlottenburg, der Vorläufer der heutigen Deutschen Oper Berlin, bringt den Parsifal am Neujahrstag 1914, viele andere Häuser folgen.

Thomas Mann musste nach seinem Parsifal-Besuch in Bayreuth im August 1909 zugeben, dass er von dem Werk überwältigt war: “Obgleich ich recht skeptisch hinging und das Gefühl hatte, nach Lourdes oder zu einer Wahrsagerin oder an sonst einen Ort suggestiven Schwindels zu pilgern, war ich schließlich tief erschüttert. Eine so furchtbare Ausdruckskraft gibt es wohl in allen Künsten nicht wieder.” Damit mag der Autor Recht gehabt haben: Der Kraft des Parsifal kann man sich nur schwer entziehen.

So war es auch an jenem 25. August 2018, als die Rezensentin erwartungsvoll zum Grünen Hügel pilgerte. Die von Uwe Eric Laufenberg  geschaffene Produktion  ist die  zehnte Inszenierung  des Parsifal bei den Bayreuther Festspielen seit der Uraufführung Das Publikum erlebte eine hochkarätige Sängerbesetzung in bewährter homogener Zusammensetzung unter dem erstmaligen Dirigat von Semyon Bychkov, der die Produktion in ihrem dritten Jahr von Hartmut Haenchen übernommen hatte.

Eine häufig diskutierte Frage, ob man nach dem ersten Aufzug des Parsifal applaudieren darf, entschied die Mehrheit des Publikums für sich mit konkludentem Beifall. Die meisten applaudierten, einige wenige zischten um Ruhe. Ja, der Parsifal ist ein Bühnenweihfestspiel, nicht mehr und nicht weniger. Er ist kein Gottesdienst, keine Liturgie, “nur” Theater, die Kunst des “So tun als ob”.

Wolfram von Eschenbach - hier : zu Füßen Richard Wagners © Rainer Maass

Wolfram von Eschenbach – hier : zu Füßen Richard Wagners © Rainer Maass

Richard Wagner erfindet nichts; er bedient sich mittelalterlicher Epen und Dramen, wie hier des Parzival Wolfram von Eschenbachs. Wagner benannte die Figur des Parzival, wie er bei Wolfram von Eschenbach heißt, eigenmächtig in Parsifal um. Er begründete das mit einer etymologischen Herleitung aus dem Arabischen, in dem das Wort “fal” in etwa “rein” bedeutet und “parsi” dem deutschen Wort “Tor” entspricht. Diese Etymologie, die er von dem Publizisten Joseph Görres übernommen hatte, stellte sich später jedoch als falsch heraus, klingt aber nett.
Wagner bedient sich hier einer speziell christlichen Stofftradition aus dem Artussagenkreis, nämlich der Suche nach dem Heiligen Gral, in dem das Blut Christi aufgefangen worden sein soll. Bei Eschenbach war der Gral noch ein wundertätiger Stein. Kundry hat Balsam aus Arabien hergeführt. Die Kombination “Stein” und “Balsam” lässt das Gedankenspiel zu, mit dem Heiligen Gral könnte die Kaaba in Mekka gemeint sein.

Im ersten Akt des Parsifal erzählt Gurnemanz die umfangreiche Vorgeschichte der beiden wichtigsten Symbole, des Grals und des Speers. Dabei steht der Gral als Gefäß für das Weibliche und der Speer für das Männliche.
Die Gralsritter müssen keusch sein (warum eigentlich?); und so kommt die Moral in die Welt. Klingsor möchte besonders keusch sein (auch hier fragt man sich: wozu?) und weil er fürchtet, dass er das nicht kann, entmannt er sich selbst, aus tiefer innerer Überzeugung, nicht durch Gewalt. Er errichtet ein Gegenreich, Klingsors Zaubergarten, eine Art botanisches Bordell, in dem die Blumenmädchen die Ritter verführen sollen.

Amfortas bewaffnet sich mit dem Heiligen Speer und missbraucht die Reliquie als Waffe.
Kundry verlachte einst Christus am Kreuz und wird dafür zu ewiger Wiedergeburt verdammt. Sie muss immerzu lachen und erst wenn sie weinen kann, kann sie erlöst werden. In ihr vereinen sich polare Gegensätze des Weiblichen: die Dienerin und die Femme fatale.

Amfortas leidet an einer Wunde, die sich niemals schließen will. Die Wunde des Amfortas an Seite und Schenkel ist synonym zu Klingsors Kastrationswunde.

1. Aufzug

Regisseur Uwe Eric Laufenberg verlegt den Gralstempel in den Irak, nach Mossul, also wieder in ein orientalisches Umfeld. Der erste Aufzug spielt in einer christlichen Kirche, so wird das Christentum in Bedrängnis, in der Diaspora thematisiert. Laufenberg hinterfragt, wie Christentum unter Bedrohung funktionieren kann. Mossul, am Ufer des Tigris, ist die zweitgrößte Stadt des Irak und besitzt eine 2.000 Jahre alte christliche Tradition. Der sogenannte Islamische Staat hat die Christen vor die Wahl gestellt, zum Islam zu konvertieren oder hingerichtet zu werden. So haben im Juli 2014 die Christen die Stadt verlassen. 2015 hat der IS die christliche Kirche in Mossul gesprengt und weitere christliche Kirchen im Land zerstört.
Der Vorhang öffnet sich, wir sehen eine Art Flüchtlingsasyl, Menschen, die auf der Flucht sind und in der Kirche Zuflucht finden. (Bühne: Gisbert Jäkel). Die Gralsritter werden als ein fiktiver christlicher Orden gezeigt, der die Schutzbedürftigen aufnimmt und versorgt. Sie stehen für Pazifismus, die christlichen Eigenschaften Agape, Caritas und Empathie, sie leben Gemeinschaft und Gemeinde. Auf der anderen Seite thematisiert Laufenberg das Leiden, Schuld und Sühne, Buße und Dogma.

Ist dies nun Islamkritik, wie nach der Premiere 2016 behauptet wurde? Ist es Provokation? Nein, es ist Freiheit der Kunst, die Themen aufgreift, die unsere Zeit beschäftigen. Es geht Laufenberg nicht um das Trennende, vielmehr um das verbindende und versöhnende Element. Würde man seine Inszenierung auf das Anprangern islamitischen Terrors reduzieren, begäbe man sich auf eine interpretatorische Schlagseite. Am Ende ist es mehr Nathan der Weise, ein “Finger in die Wunde legen”.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal : hier Gralsritter, Amfortas, Gurnemanz, Kundry © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal : hier Gralsritter, Amfortas, Gurnemanz, Kundry © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Nach der Erzählung des Gurnemanz nimmt ein großes Taufbecken eine zentrale Bedeutung ein. Es steht für Reinigung und Erneuerung. Über der Bühne sinniert  auf einer Galerie sitzend eine mystische Figur; jedes Jahr in neuer Gestalt. 2018 hält sie einen Hirtenstab. Im ersten Jahr der Produktion saß ein alter Mann auf einem Stuhl, im zweiten Jahr eine dunkelhäutige Frau, in diesem Jahr nun eine Hirtenfigur, die von oben auf das Geschehen herabschaut. Wer das ist? Wir wissen es nicht. Vielleicht Gott, der in verschiedenen Gestalten erscheint…

Kundry erscheint in einer Art Kutte oder Tschador, halb Nonne, halb arabisch. (Kostüme: Jessica Karge) Wir mögen uns erinnern, dass Arabien im 19. Jahrhundert positiv besetzt war, es war ein exotisch-erotisches Paradies, das Morgenland, der Ort des Heils.

Als die Ritter einen verwundeten Schwan herein tragen, kümmern sich alle nur um den Schwan. Fast unbemerkt betritt ein kleiner Junge den Raum, schaut sich um und bricht zusammen. Die Einzige, die sogleich zu ihm eilt, ist Kundry. Die Parallele zu dem syrischen Flüchtlingsjungen, der im September 2015 tot am Strand angespült wurde, ist durchaus beabsichtigt und in der Kleidung (rotes T-Shirt, blaue Hose) zitiert.

Parsifal, der aus Übermut den Schwan erlegt hat (“Im Fluge treff’ ich, was fliegt”) ist nicht der Hellsten einer. Auf die Fragen des Gurnemanz weiß er keine Antwort. Gurnemanz glaubt, in ihm den reinen Toren zu erkennen, der “durch Mitleid wissend” ist und Erlösung bringen kann. Er lädt ein, dem Gralsritual beizuwohnen, das ein archaisches Blutritual ist.
Zur Verwandlungsmusik sieht der Zuschauer eine große Projektion, mittels derer eine Identifikation von Raum und Zeit hergestellt wird. Aus dem Dach der kleinen Kirche wird der Blick heraus ins All gelenkt, der Flug geht an Planeten und Milchstraße vorbei ganz in die unendlichen Weiten… und genauso geht es wieder zurück, bis wir wieder in dem Kirchenraum angekommen sind.

Amfortas, der Schmerzensmann, erklimmt den Altar wie eine Schlachtbank. Das Blut, das erneut aus seinen Wunden strömt, ist das Blut Christi, Amfortas selbst wird zum Gral. Was sich hier vollzieht, ist eine ritualisierte sinnentleerte Handlung, der Gral ist defizitär und vollständig in Ideologie erstarrt. Parsifal versteht von all dem nichts und Gurnemanz wirft ihn enttäuscht raus, schließt ihn aus der eingeschworenen Gemeinschaft aus.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Klingsor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Klingsor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

2. Aufzug

Wir sehen Klingsor in einem Raum hoch über der Szene inmitten von Kreuzen, einer sinnentleerten Ansammlung von Symbolen ohne Bedeutung. Dass er sich entmannt hat, reicht anscheinend noch nicht, er geißelt sich mit einer Peitsche. Als Gegenwelt unten auf der Bühne der Zaubergarten, ein farbenfroh gekachelter Hammam hinter Gittern. Diesmal erleben wir die islamische Variante des Wassers als Motiv der Reinigung. Blumenmädchen betreten die Szene, sie tragen Tschador, ihre Gesichter sind verhüllt. Uniformierung als Symbol von Ent-Individualisierung, sie sind reine Funktionsträgerinnen.

Kundry dringt in Parsifals Seele ein (“Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust”) und schlägt die Brücke von der Mutterliebe zur erotischen Liebe, “…sie beut dir heut als Muttersegens letzten Gruß der Liebe ersten Kuss…”

Dieser erkennt, dass er Schuld auf sich geladen hat und zum Ausbruch “Amfortas! Die Wunde!” zerbricht er den Speer und formt daraus das Kreuzzeichen. Mit dem Grals-Motiv zerstört Parsifal Klingsors Zauberreich.

3. Aufzug

Viele Jahre sind vergangen. Die Musik ist suchend, die Tonika wird nicht erreicht, was Parsifals Irrfahrten symbolisiert. Das ausdrucksvolle, sehr langsame Vorspiel trägt seine weihevolle Stimmung in die erste Szene hinein. Das einst so schmetternde Parsifal-Motiv ordnet sich dieser Statik unter. Genau wie Kundry muss auch Parsifal leiden, es gibt keinen Umweg, er muss seinen Weg gehen.

Wieder führt eine breit anwachsende Verwandlungsmusik, dominiert vom archaischen Glocken-Motiv, in den Gralstempel.
Die Kirche ist mittlerweile noch weiter verfallen, riesige Pflanzen wachsen hinein, die Natur erobert sich die Architektur zurück. Kundry und Gurnemanz sind zu Greisen gealtert, Gurnemanz braucht zeitweise einen Rollstuhl zur Unterstützung, Kundry ist gebeugt und leidet an einem üblen Tremor. Sie warten auf etwas. Titurel ist inzwischen gestorben. Kundry wird wieder von ihrer Bestimmung zu dienen getrieben, unentwegt putzt sie Dinge und hilft Gurnemanz. In diese Szene hinein platzt Parsifal, ein Ninja-Kämpfer in einem schwarzen Kampfanzug, schwer bewaffnet. Er schaut sich um und legt die Waffen ab. Gurnemanz erkennt ihn schließlich. Als erstes Amt tauft Parsifal Kundry, die ihm die Füße wäscht, eine biblische Szene zwischen Jesus und Maria Magdalena, und nun kann Kundry endlich weinen. Gurnemanz salbt Parsifal zum neuen Gralskönig. Mit der Melodie des Karfreitagszaubers erwacht die Natur zu neuem Leben. Gurnemanz erklärt Parsifal den Sinn des Karfreitags, die Passion, die Hingabe von Gottes Sohn und damit den Erlösungsgedanken. Ein Wasserfall ergießt sich auf der Hinterbühne in einem paradiesähnlichen Garten. Nackte Menschen tanzen unter dem Wasserfall, symbolisieren die entsühnte Natur, Sexualität ist plötzlich ohne Sünde. Laufenberg zeichnet hier die Weltfamilie als Bild der Versöhnung, der Erlösung von Sünde und Leid.

Im Gralstempel soll nun die letzte Enthüllung des Grals stattfinden. Amfortas will endlich den Tod, der Gral muss noch einmal enthüllt werden! Parsifal betritt die Szene, nun nicht mehr im Kampfanzug sondern in ziviler Kleidung. Er bringt den Heiligen Speer zurück und heilt damit Amfortas (“Den heil’gen Speer, ich bring ihn euch zurück!”)

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Amfortas und die Gralsritter © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Amfortas und die Gralsritter © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Musik wandelt sich zu einem unendlichen zeitlosen Melodiefluss, der die Erlösung beschreibt. Mit dem Glaubens-Motiv legen die Anhänger der verschiedenen Glaubensgemeinschaften ihre religiösen Symbole in den Sarg, sie sind nicht mehr erforderlich. Zu den letzten Worten Parsifals Nicht soll er mehr verschlossen sein: Enthüllet den Gral, öffnet den Schrein!” und einem klaren As-Dur-Dreiklang wird das Licht im Zuschauerraum langsam aufgeblendet, der Gralstempel wird aufgelöst, die Bühne leert sich, alle gehen nach hinten ab.
Es erklingt vom Chor die zentrale Botschaft “Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!” Es ist eine gnostische Botschaft; die Idee von der Selbsterlösung des Menschen, der Mensch wird nicht erlöst, sondern erlöst sich selbst und den leidenden Gott in sich. Es ist eine Befreiung von Dogmen und Institutionen. Uwe Eric Laufenberg gibt mit seiner Deutung keine Antworten. Er verweist uns an uns selbst zurück.

Wie wirken sich nun ein neuer Dirigent und zahlreiche Umbesetzungen auf die Produktion 2018 aus?  Die Übernahme der musikalischen Leitung durch Semyon Bychkov erweist sich als äußerst positiv. Hartmut Haenchen zeichnete sich durch ein kühles, klares Dirigat aus, Bychkov geht das Werk etwas emotionaler an.

Er wählt insgesamt ein etwas langsameres Tempo, zeichnet große Bögen, die Musik atmet über weite Strecken eine große Ruhe. Dadurch verlängert sich die Gesamtaufführungsdauer gegenüber Hartmut Haenchen 2017 um etwa 10 Minuten. Wer sich nun fragt, wie der Dirigent es schafft, sich mit seinem (langsameren) Tempo dem Video in der Verwandlungsmusik anzupassen, wird mit der Information überrascht: Es geht genau umgekehrt, nämlich dass sich das Video der Musik anpasst. Das Video besteht aus mehreren Clips, die in Entsprechung zur Musik mit dem musikalischen Moment auch bei Bychkovs langsamerem Tempo manuell auf musikalische Stichworte synchronisiert werden.

Das Vorspiel zum 1. Aufzug gestaltet er ruhig, so dass man wirklich von “weihevoll” sprechen kann. Wobei sich “Weihe” hier nicht zwingend durch Langsamkeit vermittelt. Das Tempo atmet, ist ruhig fließend, insgesamt wirkt das Dirigat unaufgeregt-professionell. Hier ist jemand am Werk, der weiß, was er tut. Orchester und Solisten sind bei ihm in guten Händen. Die Horngruppe klingt sehr organisch, das Tempo ist getragen, die Motive der Flöte wirken manchmal leicht verzögert, wie ausgeweitet über dem Streicherteppich.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Günther Groissböck als Gurnemanz © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Günther Groissböck als Gurnemanz © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

In der Rolle des Gurnemanz (eine Neubesetzung gegenüber Georg Zeppenfeld in den Jahren 2016 und 2017) überzeugt der im österreichischen Waidhofen an der Ybbs geborene Günther Groissböck mit kraftvollem wohltimbriertem Bass.
Im Hintergrund ertönt von der Bühnenmusik das Gralsmotiv, die Streicher klingen wunderbar ruhig, gehen vom Mezzoforte ins Mezzopiano, so dass das Gralsmotiv hervortreten kann. Groissböcks außerordentlich deutliche Diktion (in anderen Produktionen dieser Festspielsaison bei manchen Kollegen schmerzlich vermisst!) trug jedes Wort auch bis in die hinteren Reihen, was bei einer so großen Partie von enormer Wichtigkeit ist. Im Monolog des Gurnemanz über Kundry bei “als unser Herr den Speer verlor” oder “Oh, wundenwundervoller heiliger Speer”, “den Zaub‘rer zu beheeren” ist wirklich jede Silbe deutlich artikuliert. “Dem Heilthum baute er das Heiligthum” gerät relativ zügig ohne jedoch zu eilen.

Allein schon durch den Umfang der Rolle, aber nicht nur, wird Groissböck zum zentralen Element des Abends. Gurnemanz kümmert sich um die Ritter und Knappen, um Kundry, erkennt Parsifal als den “reinen Thoren”, sorgt dafür, dass Amfortas versorgt und der Gral enthüllt wird, ohne Gurnemanz geht hier eigentlich nichts und ohne Groissböck auch nicht. Im ersten und dritten Aufzug ist er stets gefordert und füllt diese große Partie souverän aus, stimmlich und auch darstellerisch. Präsent von der ersten bis zur letzten Note meistert er die enormen Anforderungen der Rolle und überzeugt wie immer durch exzellente Textverständlichkeit, was bei dieser Menge an Text wirklich zentral ist.

Amfortas erlebt 2018 ebenfalls eine Neubesetzung. Nach Ryan McKinney singt nun Thomas Johannes Mayer die Partie. Wohlklingend und voller Überzeugung vermittelt er glaubwürdig die Verzweiflung des Geplagten, dessen Wunde sich nicht schließen will. “Durch Mitleid wissend, der reine Tor” gerät fragil und fragend. An der Stelle “aus Dank für Deine Treue” kommt Mayers tiefe Lage gut zur Geltung. Auch darstellerisch überzeugt er als Schmerzensmann und berührt vor allem in den Abendmahlszenen, als er wie der gekreuzigte Christus mit Lendenschurz und Dornenkrone auf dem Altar steht und ein Ritter die Wunden erneut öffnet, damit die Gralsritter von seinem Blut trinken können.

In der Rolle des Klingsor erlebt das Publikum den australischen Bariton Derek Welton, seit Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, wo er bereits einige bedeutende Wagnerrollen gesungen hat. Gerade in den Szenen mit Kundry beeindruckt Welton durch einen entschlossenen zupackenden Klang von großer Substanz und Farbenreichtum.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier: Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier: Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der österreichische Tenor Andreas Schager glänzte nach 2017 erneut in der Rolle des Parsifal, die im ersten Jahr mit Klaus Florian Vogt eher lyrisch besetzt war. Schager konnte sich 2018 jedoch in Intensität und Ausdruck gegenüber dem Vorjahr noch enorm steigern. Insbesondere an den zentralen Stellen wie bei “Amfortas! Die Wunde!” und “Den heil’gen Speer, ich bring’ ihn euch zurück” oder “Nur eine Waffe taugt” ist Schager absolut präsent und auf den Punkt. “Amfortas! Die Wunde!” ist von einer derartigen Intensität, dass der Zuhörer völlig in seinen Bann gezogen wird. Der etwas abgenutzte weil inflationär zitierte “Gänsehautmoment” – hier ist er wirklich da. In diese Worte legt Schager soviel Kraft und Ausdruck, dass es einem Angst machen kann, er könnte seiner Stimme schaden. Dennoch wirkt er stets kontrolliert und dosiert, so dass man sich doch wieder auf dem Holzklappsitz zurücklehnen und weiteratmen kann. Für die Rezensentin war es einer der ganz großen Momente an diesem Abend.

Auch die Partie des Titurel ist mit Tobias Kehrer (geboren in Dessau, seit der Spielzeit 2012/13 Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin) exzellent besetzt. Der junge Bass interpretierte die Rolle sehr glaubwürdig und mit beeindruckender Intensität sowohl sängerisch als auch darstellerisch. Bereits mit den Worten “Mein Sohn Amfortas, bist du am Amt? Soll ich den Gral heut’ noch erschau’n und leben?” hat er die Gunst des Publikums auf seiner Seite. “Wie hell grüßt uns heute der Herr” gerät besonders schön und ausdrucksvoll.

Eine weitere “Hauptrolle” stellt neben den durch die Reihen großartigen Solisten an diesem Abend der Chor dar. Die Chöre haben auch im Parsifal eine zentrale Rollen, seien es die kleinen Ensembles aus Knappen und Rittern (allesamt sehr gut besetzt!) oder die großen Herrenchöre und die Tutti-Chöre. Der phantastische Chor der Bayreuther Festspiele (Einstudierung: Eberhard Friedrich) stellt auch an diesem Abend seine hohe Qualität erneut unter Beweis. Dynamisch differenziert und stets präzise ist er einer der Höhepunkte der Vorstellung, er trägt ganz maßgeblich zum großen Erfolg dieser Produktion bei. Besonders berührend sind die Chöre der Gralsritter “Zum letzten Liebesmahle”, feierlich sakral vom Orchester begleitet. Von großer Präzision auch die Frauenstimmen bei “Der Glaube lebt, die Taube schwebt, des Heilands holder Bote”, eine Stelle, die gerne mal intonationsgefährdet ist, hier jedoch absolut präzise erklingt.

Die Knaben aus der Höhe verzaubern bei “Wein und Brod des letzten Mahles wandelt’ einst der Herr des Grales durch des Mitleids Liebesmacht” mit Zartheit und Leichtigkeit, einem berückenden Piano, das sich poco a poco crescendo steigert, in der Dynamik ebenso wie im Ausdruck. Als die Ritter einsetzen, steigert sich der Pathos weiter bei “Froh im Verein, brudergetreu zu kämpfen mit seligem Muthe!” Diese Steigerung wird unterstrichen durch die Holzbläser (Flöte) und die Streicher, das Motiv der Gralsglocken wird stetig wiederholt, bis schließlich einzelne Glocken übrig bleiben. An dieser Stelle bleibt  Parsifal allein auf der Bühne zurück und nimmt einen einzelnen Tropfen Blut vom Boden auf, eine scheinbar kleine Szene, aber von großer Intensität.

Im zweiten Aufzug kann Elena Pankratova der Kundry eine andere Färbung geben als im ersten. Hier ist sie nicht die Dienende, sondern die Verführerin. Vor dem Hintergrund einer rauschhaften unruhigen Musik in den Streichern ruft Klingsor Kundry: “Herauf! Herauf! Zu mir! Dein Meister ruft dich Namenlose…!” Pankratova überzeugt vom ersten Klagen über die stimmlich mörderischen Kundry-Rufe, die sie technisch beeindruckend meistert. Ihr Sopran ist voll und warm, dunkel timbriert in der Tiefe, kein bisschen forciert, stets perfekt geführt und farbenreich in allen Registern. “Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust” berührt zutiefst, ist von großer Brillanz und Strahlkraft, vermittelt aber auch eine große Zartheit als Kundry Parsifal von seiner Mutter erzählt und ihm seinen Namen in Erinnerung ruft.

Auch im zweiten Aufzug erfreuen und begeistern die kleineren Solorollen wie die Blumenmädchen. Zunächst noch von schwarzen Tschadors verhüllt, legen sie diese bald ab – zum Vorschein kommen orientalische Bauchtanz-Kostüme – und ziehen Parsifal ins Bad. Dass er sich nur allzu gerne von ihnen zum Spielen auffordern lässt, überrascht nicht, ist doch ihr Gesang betörend-entrückend schön, Bychkov nimmt das Orchester wenn nötig zurück, so dass die Stimmen von Ji Yoon, Katharina Persicke, Mareike Morr, Alexandra Steiner, Bele Kumberger und Sophie Rennert nicht nur Parsifal, sondern auch das Publikum verführen können.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Parsifal und die Zaubermädchen © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Parsifal und die Zaubermädchen © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Im dritten Aufzug können Groissböck und Schager noch einmal richtig aufdrehen und tun es auch. Mit “So segne ich dein Haupt! Als König dich zu grüßen…” ist Groissböck auch nach der langen Pause (zweiter Aufzug plus zwei Stunden Pause) sofort wieder präsent.
Schager singt und spielt absolut berührend “Mein erstes Amt verricht’ ich so. Die Taufe nimm, und glaub’ an den Erlöser!” Eine weitere zentrale Stelle zwischen beiden ist “Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön!” und “Das ist Karfreitagszauber, Herr! … Das dankt dann alle Kreatur, was all’ da blüht und bald erstirbt, da die entsündigte Natur heut ihren Unschuldstag erwirbt.” Der Text wird unterstrichen von sanfter Musik, Seufzermotive erklingen im Piano in den Holzbläsern, bis die Glocken wieder einsetzen.
Ein weiteres Video (Gérard Naziri) wird abgespielt, wiederum angepasst auf die Musik (Immer feierlich das Zeitmass zurückhaltend), und wir erblicken das Portal ausfüllend die Gesichter von Winifred und Wolfgang Wagner und schließlich die Totenmaske Richard Wagners. Ein Wasserfall und die Glocken beenden das Video.

Die von Laufenberg so bezeichnete “Weltfamilie” kommt zusammen und der Herrenchor beeindruckt noch einmal mit ergreifend interpretiertem “Geleiten wir im bergenden Schrein den Gral zum heiligen Amte…” Auch der Chor besticht durch sehr gute Textverständlichkeit.

Die Ritter wenden sich an Amfortas mit den Worten “Wehe! Du Hüter des Grals! Sei deines Amtes gemahnt zum letzten Mal! Zum letzten Mal! Zum letzen Mal!”, was durch die mehrfache Wiederholdung und die Chromatik sowie das stetige Crescendo und die Pauken seine Wirkung nicht verfehlt.

Amfortas stolpert und bricht am Sarg Titurels zusammen. Thomas Johannes Mayer gestaltet diese Szene eindringlich; man glaubtdie Schmerzen des Amfortas selbst zu spüren und wünscht ihm und sich sehnlichst Erlösung sehnlichst. “Könnt ihr doch Tod nur mir geben! Hier bin ich, die offne Wunde hier!”
Endlich naht die Erlösung in Gestalt Parsifals und Schager schmettert die ersehnte Botschaft “Nur eine Waffe taugt! Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug” Amfortas und den Rittern entgegen. Mit den Worten “Den heil’gen Speer, ich bring’ ihn euch zurück!” legt er diesen in den Sarg. Die Aufgabe ist vollbracht, er verwaltet jetzt Amfortas’ Amt und der Gral kann enthüllt werden. Die letzten Worte erklingen “Nicht soll er mehr verschlossen sein: Enthüllet den Gral, öffnet den Schrein!”

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

An dieser Stelle hat Wagner die Anweisung „Sehr langsam und feierlich“ in die Partitur geschrieben; Bychkov befolgt dies.  Die religiösen Symbole sind obsolet geworden und werden im Sarg “beerdigt”, dichter Nebel hüllt die Bühne ein, zurück bleibt Parsifal, am Sarg kniend legt er noch einen schweren Stein auf den Speer im Sarg, geht sodann nach hinten ab und verschwindet im Nebel. Im Orchester erklingt ein strahlendes As-Dur, während das Licht im Saal langsam aufgeblendet wird. Die letzten Streicherklänge im Piano verklingen, es breitet sich tatsächlich ein Moment absoluter Stille aus. Der Hirte schaut von der Galerie herab auf die Bühne.

Nach der kurzen Stille bricht das begeisterte Publikum in Jubel aus, zwei kurze Buhs gehen im frenetischen Applaus unter und die Zuschauer feiern mit Recht ein großartiges Ensemble und ein phantastisches Festspielorchester unter Semyon Bychkov sowie einen beeindruckenden Festspielchor.

(Die Produktion wird im Jahr 2019 erneut gezeigt.)

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

 

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Götterdämmerung – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.05.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

GÖTTERDÄMMERUNG  –  Richard Wagner

– Der Untergang der Götter – Durch Menschenhand –

Von Ingrid Freiberg

Der Ring des Nibelungen ist die Überforderung der Operngeschichte schlechthin. Es wird erlitten, zerrissen, verflucht, geliebt, bewundert, abgesessen, verehrt und verteufelt.

Scheitern ist das Mantra der Götterdämmerung

Regisseur Uwe Eric Laufenberg hat sich mit der Inszenierung des Rings einen Lebenstraum erfüllt. Seine Götterdämmerung beschreibt den Untergang der Götter mit aktuellen Gegebenheiten und den Entwicklungen in einer realen Welt. Er erzählt von Hoffnung und Enttäuschung, Traum und Wirklichkeit, Utopie, Krieg und Untergang. Szenen von verstörender Intensität kulminieren beständig und enden in der Darstellung eines sich auflösenden Weltalls.

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Die Welt kennt wenige bedeutende Dichterkomponisten. Einzig und allein Richard Wagner ist es gelungen, zehn Bühnenwerke zu schaffen, die zum eisernen Bestandteil des Opernrepertoires gehören und gleichzeitig Sternstunden der Poesie sind.  „Vollendet in Wahnfried am 21. November 1874. Ich sage nichts weiter!“ mit diesen Worten schloss Wagner die Partitur der Götterdämmerung ab. Die Uraufführung fand am 17. August 1876 im Rahmen der Richard-Wagner-Festspiele statt. Wagner übernahm die künstlerische Gesamtleitung, gab täglich neue Anordnungen, seine Regieanweisungen konterkarierend „Die großen Noten kommen von selbst, die kleinen Noten und der Text sind die Hauptsache!“

Feuerzauber in einer Schale

Die drei Nornen spinnen keine goldenen Schicksalsfäden, sondern schießen grüne Laserstrahlen aus ihren mit Präsentationspointern präparierten Handschuhen. Nach ihrer Weissagung, dass Walhall verbrennen wird, sobald die Rheintöchter den Ring wieder besitzen, verlöschen die Strahlen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier : die drei Rheintöchter und Siegfried  im Lokal ZUM RHEINGOLd © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier : die drei Rheintöchter und Siegfried  im Lokal ZUM RHEINGOLd © Karl Monika Forster

In einem mit Designermöbeln ausgestatteten Glas-Bungalow haben sich Siegfried und Brünnhilde eingerichtet. Die in einer kleinen Schale flackernde Flamme ist eine Reminiszenz an den Feuerzauber auf dem Walkürenfelsen, an dem – laut Libretto – des Nachts die drei Nornen lagern. Siegfried betritt „sein Haus“ sich ausgiebig räkelnd, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einem Elektrorasierer im Gesicht. Kurz darauf erscheint Brünnhilde im Negligé und zieht ihm, ganz fürsorgliche Ehefrau, seine Jacke an, stellt ihm die Schuhe bereit. Die beiden albern herum und küssen sich zärtlich.

Siegfried wird die traute Zweisamkeit langweilig. Er will auf zu neuen Taten. Vorahnend beschwört Brünnhilde ihn Gedenk‘ der Eide, die uns einen; gedenk‘ der Treue, die wir tragen; gedenk‘ der Liebe, der wir leben Brünnhilde brennt dann ewig heilig dir in der Brust!“ Sie übergibt Siegfried ihr Pferd Grane als Liebespfand. Es ist riesig groß, ein Machtsymbol, ein trojanisches Pferd, mit dem die Menschheit in die Vernichtung rast. Siegfried gibt ihr den Ring, den er Alberich vom Finger gezogen hat. Stürmisch nehmen die Liebenden Abschied. Amüsant: Händeringend und kopfschüttelnd kommt Siegfried noch einmal zurück, um sein Schwert zu holen, das er vergessen hat…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier : Alberich und Hagen im Zwiegespräch © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier : Alberich und Hagen im Zwiegespräch © Karl Monika Forster

Die Halle der Gibichungen am Rhein

Siegfrieds Rheinfahrt endet am Hof von Gunther und Gutrune, dem ledigen Gibichungen-Geschwisterpaar. (Die Fahrt wird durch Videostreifen illustriert – erkennbar die nahegelegene Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub.) In der Gibichungenhalle steht der große rechteckige Konferenztisch, der schon Wotans Walküre-Kriegsrat zur Verfügung stand. Haben die Gibichungen diesen von Wotan erworben? Haben die weltlichen Herrscher die Macht bereits übernommen?

Modebewusst und selbstsicher tritt Gunthers Schwester Gutrune auf. Gunther und sie werden als inzestuöses Geschwisterpaar gezeigt. Den machtbesessenen Hagen erkennt das Geschwisterpaar neidlos als Ratgeber an. Hagen hält Siegfried für eine ebenbürtige Partie für seine Halbschwester Gutrune. Dass der „herrlichste Held der Welt“ sie begehren könne, glaubt diese hingegen nicht. Da erinnert sich  Hagen an einen Vergessenstrunk, der einerseits die Vergangenheit auslöscht „dass je ein Weib ihm genaht“, andererseits die Liebe zu einer neuen Frau weckt.

Gunther erzählt Siegfried, er kenne ein starkes Weib und würde es gerne zur Frau nehmen, traue sich aber nicht. Der dem Zauber Verfallene verspricht ihm, für ihn zu werben und drängt „Frisch auf die Fahrt!“ „Um die Rückkehr ist’s mir jach!“.

Siegfried und Gunther schließen Blutsbrüderschaft, die von Hagen an dem langen Konferenztisch zu Papier gebracht und vertraglich besiegelt wird. Ihm geht es ausschließlich um den Ring, den Brünnhilde noch trägt. Seine Träume flackern über die Leinwand, Alberich schleicht sich sichtbar in diese hinein. Die beiden Blutsbrüder eilen davon. Hagen bleibt zurück und bewacht die Halle. In einem Selbstgespräch höhnt er ihnen nach „Ihr freien Söhne, frohe Gesellen, segelt nur lustig dahin! Dünkt er euch niedrig, ihr dient ihm doch, des Niblungen Sohn.“ (überzeugend diabolisch Albert Pesendorfer)

Walkürenfelsen – Ein Glasbungalow

Brünnhilde wartet, modern bekleidet, gelangweilt Magazine lesend, den Ring betrachtend, auf Siegfried. Sie ist beunruhigt und ahnungsvoll. Allein der Ring, Siegfrieds Liebespfand, gibt ihr Halt. Das Feuer in der Schale ist erloschen. Wotan sitzt stumm vor dem Haus. Der Speer, einst das Symbol seiner Macht, für den er ein Auge gegeben hat, ist zerbrochen Er sieht nur noch auf einem Auge, dem der Macht und derer Erhaltung.

Waltraute  beschwört  Brünnhilde

Statt Siegfried kommt Waltraute zu Besuch. Brünnhilde glaubt zunächst an ein Versöhnungsangebot Wotans, der ihr noch immer zürnt. Doch Waltraute beschwört Brünnhilde, den geraubten verfluchten Ring den Rheintöchtern zurückzugeben und

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier - Catherine Foster als Brünnhilde © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier – Catherine Foster als Brünnhilde © Karl Monika Forster

damit auch dem lebensmüden Göttervater Frieden zu verschaffen. (Die beiden Sängerinnen meistern ihre Partien bravourös, obwohl sie bisweilen im Inneren des Bungalows zu singen haben.)

 Brünnhilde, keine Walküre mehr, ist nichts wichtiger als ihre Liebe zu Siegfried. Empört lehnt sie ab, den Ring zu opfern Geh hin zu der Götter heiligem Rat! Von meinem Ringe raune ihnen zu Die Liebe ließe ich nie, mir nähmen nie sie die Liebe, stürzt‘ auch in Trümmern Walhalls strahlende Pracht!“

„Nun, Nothung, zeuge du, dass ich in Züchten warb“

Siegfried betritt den Bungalow. (Wo bleibt hier die Intensität von Wagners genialem Feuerzaubermotiv, in vielen Inszenierungen auch optisch eine Augenweide?) Entsetzt erblickt Brünnhilde einen Fremden „Zur Schande zwingst du mich nicht, so lang’ der Ring mich beschützt.“ Drohend streckt sie ihm den Ring entgegen.

Der vermeintlich Fremde macht kurzen Prozess. Mit einer Latex-Gesichtsmaske verkleidet, die ihn täuschend echt wie Gunther aussehen lässt, überwindet der erinnerungslose? Siegfried seine Frau, um sie für den Schwächling Gunther zu erobern. Er knöpft sich die Hose auf, schiebt verächtlich Brünnhildes Beine auseinander und missbraucht die Ohnmächtige zu den düster schneidenden h-Moll-Klängen. Es ist ein bestürzender Akt. Nothung, sein Schwert, müsste Abscheuliches bezeugen!

„Schläfst du, Hagen, mein Sohn?“

Alberich erscheint seinem Sohn Hagen im Schlaf. Der alte Nibelung wird durch eine Projektion verdoppelt. Hagen sitzt in einem Drehstuhl auf dem langen Konferenztisch, nur von einem Spot erhellt. Neben dem Tisch sitzt Alberich, der in Echtzeit gefilmt überdimensional hinter Hagen projiziert wird. Die Bilder unterstreichen intensiv den Traumcharakter der Szene.

Alberich giert, anders als Wotan, weiter nach Ring und Macht Ich – und du! Wir erben die Welt. Trüg‘ ich mich nicht in deiner Treu‘, teilst du meinen Gram und Grimm“. Alberich schwört Hagen auf den Kampf um die Ring-Welt ein. Schlaftrunken antwortet dieser „Den Ring soll ich haben […] Mir selbst schwör’ ich’s; schweige die Sorge!“ (Das Zwiegespräch ist einer der Höhepunkt des Abends.)

„Du lügst, du bist bereits mit mir vermählt“

Unvermittelt steht Siegfried neben Hagen. Er berichtet von „Gunthers“ erfolgreichem Brautzug und fordert Hagen und Gutrune auf „drum rüstet jetzt den Empfang!“ Die Doppelhochzeit soll endlich gefeiert werden! Auch Gunther und Brünnhilde treffen ein. Feierlich schreitet er mit Brünnhilde „welche bleich und gesenkten Blickes ihm folgt,“ in die Halle. Als Gunther Gutrune und Siegfried als Brautpaar ankündigt, blickt Brünnhilde erschrocken auf „Siegfried – kennt mich nicht?“ Als sie den Ring an Siegfrieds Finger entdeckt, erahnt sie den Betrug. Siegfried erzählt „Den Ring – empfing ich nicht vom ihm, von keinem Weib kam mir der Reif… genau erkenn‘ ich des Kampfes Lohn, den vor der Neidhöhl‘ einst ich bestand, als den starken Wurm ich erwürgt.“ Verzweifelt schreit Brünnhilde ihm entgegen Du lügst, du bist bereits mit mir vermählt“.

Aufgewühlt sitzt Gunther in der Ecke „Betrüger ich – und betrogen! Verräter ich – und verraten! Zermalmt mir das Mark! Zerbrecht mir die Brust! Hilf, Hagen! Hilf meiner Ehre! Hilf deiner Mutter, die mich – auch ja gebar!“ Brünnhildes grenzenlose Liebe zu Siegfried verwandelt sich in Hass. (Das Rachemotiv gehört zu den stärksten Momenten. Catherine Forster elektrisiert das Publikum.) Brünnhilde verrät Hagen und Gunther die einzige Stelle, an der Siegfried verwundbar ist.

Im Wasser wie am Lande lernte nun ich Weiberart…“

Erneut ist das Augenlid-Oval  auf der Bühne zu sehen – diesmal mit gefranstem Glamour-Vorhang und der geschwungenen Leuchtüberschrift „Zum Rheingold“. Die Rheintöchter – in Netzstrümpfen -scheinen sich dem horizontalen Gewerbe verschrieben zu haben. Aufreizend, sich an der Bar rekelnd, becircen sie Siegfried. Wollen sie den Ring oder Bezahlung für gewisse Dienste?

Doch schnell wird klar Die Rheintöchter versuchen, ihm den Ring abzuschmeicheln. Als er das verweigert, warnen sie ihn vor dem Fluch, dem er noch heute zum Opfer fallen werde. Munter entgegnet Siegfried  Im Wasser wie am Lande lernte nun ich Weiberart, wer nicht ihrem Schmeicheln traut, den schrecken sie mit Drohen; wer dem nun kühnlich trotzt, dem kommt dann ihr Keifen dran.“  Die Androhung des baldigen Todes lässt ihn furchtlos trotzig auf den Besitz des Rings beharren.

Hagen träufelt den Saft eines Krautes in sein Trinkhorn

Während die Rheintöchter entschwinden, um Brünnhilde aufzusuchen, trifft die Jagdgesellschaft mit Hagen und Gunther ein. Hagens Mannen haben ordentlich viel Wild erjagt, das stolz auf dem Boden der Bühne präsentiert wird. Ausgelassen prosten sie sich zu. Siegfried versucht, den verunsicherten Gunther mit Berichten seiner Taten zu unterhalten.

Damit Siegfrieds Erinnerung zurückkehrt, mischt Hagen einen Trunk. Schwärmend erzählt Siegfried von seiner Liebesbegegnung mit Brünnhilde und unbekümmert von den Wasservögeln, die ihm seinen heutigen Tod angekündigt hätten „Auf Waldjagd zog ich aus, doch Wasserwild zeigte sich nur. War ich dazu recht beraten, drei wilde Wasservögel hätt‘ ich euch wohl gefangen, die dort auf dem Rhein mir sangen, erschlagen würd‘ ich noch heut.“ (Die „Waldvogel-Höhen“ zitiert Lance Ryan mit bewundernswerter Genauigkeit.)

Siegfrieds Meineid ist aufgedeckt. Hinterlistig stößt Hagen dem Ahnungslosen den Speer in den Rücken. Mit Brünnhilde im Herzen stirbt Siegfried. Hagen greift nach der Hand des „Helden?“, die dieser noch einmal drohend emporstreckt.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier : Siegfried wird durch Hagen ermordet © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier : Siegfried wird durch Hagen ermordet © Karl Monika Forster

Siegfried erhält  eigenes Bühnenbild

Das Geschehen unterstützend erhält Siegfried in seiner letzten Stunde ein eigenes Bühnenbild. Gegenstände als Symbole für Stationen aus Siegfrieds Leben werden ausgestellt Sein Jugendzimmersofa mit den Kopfhörern, Mimes speckiger Kühlschrank, der Tarnhelm, eine Warnlichtsäule aus Fafners Goldlager, der Amboss und die Schmiede mit denen er Nothung schmiedete… Die Szene bekommt etwas Unwirkliches durch ein Video. Man sieht Siegfrieds Bewegungen und das Bühnenbild als Endlos-Lichttunnel. Der tote Siegfried wird zu den toten Tieren gelegt. Der größte Held, der reichste und mächtigste Mann der Welt, ist auch nur ein Kadaver.

Hagen wird in der Gibichungenhalle ertränkt

Nach verborgener Szenenverwandlung wird Siegfried auf dem symbolträchtigen Konferenztisch der Gibichungenhalle aufgebahrt. Der Schicksalsfaden ist gerissen. Siegfried, Wotans Enkel, der den Ring des Nibelungen am Finger trägt, der die Welt retten sollte, starb im Wald. Hagen brüstet sich trotzig mit dem Mord, weil der Tote „Meineid sprach“. Er macht „Heiliges Beuterecht“ geltend und fordert den Ring. Gunther stellt sich ihm – zum ersten Mal – mutig in den Weg. Obwohl sich die Mannen dazwischen werfen, gelingt es Hagen ihn mit einem Streich zu erschlagen. Die zurückgekehrte Brünnhilde ergreift den Ring und nimmt ihn sinnend betrachtend an sich. In tiefer Erschütterung, mit überwältigender Wehmut, wendet sie sich Siegfried zu und preist  noch einmal den Toten.

Von den Rheintöchtern weiß Brünnhilde um den fluchbeladenen Ring. Sie dankt ihnen für „redlichen Rat“. Inzwischen errichten die Mannen  einen mächtigen Scheiterhaufen. Brünnhilde steckt sich den Ring an und wendet sich dem Scheiterhaufen zu. Auf Siegfrieds Leiche ausgestreckt, entreißt sie einem der Männer seine Fackel und zündet sich an. Aus der Asche sollen die Rheintöchter  den durch Feuer vom Fluch gereinigten Ring an sich nehmen. Hagen versucht die Rheintöchter zu verjagen. Doch sein Bemühen, ihnen den wiedererlangten Ring abzunehmen, scheitert. Die Rheintöchter ertränken ihn in der wasserlosen Gibichungenhalle.

Die Erde entfernt sich aus unserem Sonnensystem

Am Ende gerät die Welt aus den Fugen. Alberichs Ring-Fluch ist wahr geworden. Die Götter sind schutzlos seinem Machtanspruch ausgeliefert. Die Schlussprojektionen entfernen sich von der Erde, unserem Sonnensystem, unserer Galaxie – bis alles wieder ein riesiges Auge bildet, in das Gutrune durch ein Fernrohr sieht. Das Auge ist der Anfang und das Ende. Am Anfang haben die Menschen die Welt, in die sie geworfen wurden, zu betrachten begonnen, nun haben sie sie erobert. Sucht Gutrune jetzt beim Publikum – im hell erleuchteten Theater – Unterstützung für eine bessere Zukunft?

 Ein großer Abend – Schlüssige Inszenierung

Catherine Foster begeistert das Publikum. Es gelingt ihr, Glück und Traurigkeit Brünnhildes mit großer Innigkeit darzustellen. Überragend gestaltet sie den Schlussmonolog, den sie glühend aussingt. Lance Ryan kann seinen starken Tenor wunderbar schattieren und wandeln. Er zeigt glaubhaft die verunsicherten, verletzlichen Seiten des ebenso großen wie tumben Helden Siegfried auf. Das „Bayreuther“ Liebespaar überzeugte auch in Wiesbaden.

Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten, zu seinen Füßen Wolfram von Eschenbach © Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten, zu seinen Füßen Wolfram von Eschenbach © Rainer Maass

Thomas de Vries gibt einen vokal wuchtigen Zwerg Alberich mit überzeugender Intensität. Das Zwiegespräch mit Albert Pesendorfer gehört zu den Spitzenleistungen des Abends. Albert Pesendorfers körperlich und stimmlich überragender Hagen ist in seiner Gefährlichkeit glaubwürdig. Anfangs fast jovial, bald mit bröckelnder Fassade kann er seine Gier kaum verstecken.

Betsy Horn überzeugt gesanglich und darstellerisch mit ihrem klaren Sopran als glitzernd-lässige Gutrune, die zwar den Aufstieg will, aber die Dimensionen der Bosheit, die dazu gehören, nicht erreicht. Ihre Dritte Norn ist wunderbar einfühlsam. Johannes Martin Kränzles Stimme hat Kraft und Fundament. Seine differenzierte Darstellung des Gunther als Weichling wurde zu Recht stark bejubelt. Margarete Joswig sang sich als Waltraute mit ihrem sinnlich satten Mezzo in die Zuschauerherzen. Ihre Warnung an Brünnhilde ist eindrucksvoll.

Die drei Nornen, Margarete Joswig/ Erste Norn, Silvia Hauer/ Zweite Norn, Betsy Horn/ Dritte Norn agieren sehr weiblich, wunderbar kammermusikalisch, stringent und kompakt. Die drei Rheintöchter, gesungen von Heather Engebretson/ Woglinde, Marta Wryk/ Wellgunde, Silvia Hauer/ Flosshilde harmonieren wunderbar. Verrucht verführen sie Siegfried, gesanglich überzeugend gelingt es ihnen sogar, Hagen wasserlos zu ertränken.

Chor- und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, bestens disponiert von Albert Horne, schenkt den Theaterbesuchern erlesenen Wagnergesang.

Zu Recht gefeiert wird das Staatsorchester unter der Leitung von Alexander Joel. Sein Dirigat ist ausgewogen und transparent. Mit seiner von dramatischen Zuspitzungen geprägten Interpretation leistet das Orchester Bemerkenswertes. Von düsterer Blechgewalt bis hin zu brillanten Violinen gibt es schöne Abstufungen der einzelnen Instrumentengruppen.

Gisbert Jäkel zeigt mit seinem klassisch-modern inspirierten Bühnenbild den Untergang unserer Zivilisation mit Nuklearraketen, Atompilzen und Naturkatastrophen. Ohne die Videos von Falko Sternberg wäre der Abend nicht zu denken. Um von Hoffnung und Enttäuschung, Traum und Wirklichkeit, Utopie und Untergang erzählen zu können, bedient er sich ideologischer digitaler Mittel. Manchmal irritieren sie allerdings durch ihre Beliebigkeit.

Die eleganten Kreationen von Antje Sternberg/Kostüme erweisen sich als echte Hingucker, wie auch die stilistisch passenden Mobiliar-Accessoires. Über die bewaffneten, Fähnchen schwenkende Mannen kann man hinwegsehen; gelungen, die attraktiven halbseidenen Rheintöchter des Etablissements „Zum Rheingold“.

Bravo-Rufe vor allem für Catherine Foster, Albert Pesendorfer, Johannes Martin Kränzle, das Staatsorchester und Alexander Joel. Mit rhythmischem Applaus zwangen die Besucher Dirigent und Sänger immer wieder vor den Vorhang.

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