Landshut, Landestheater Niederbayern, 30.11. – Kundgebung für Theatererhalt, IOCO Aktuell, 23.11.2019

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Landestheater Niederbayern

Stadttheater Landshut / Theaterzelt © Peter Litvai - Landestheater Niederbayern

Stadttheater Landshut / Theaterzelt © Peter Litvai – Landestheater Niederbayern

Abschlusskundgebung zur Theater-Petition – 30.11.2019

Landestheater Niederbayern und Theaterfreunde Landshut in der Altstadt

Im Oktober 2019 informierte IOCO – Kultur im Netz, www.ioco.de, daß der Betrieb des Stadttheater Landshut, des Niederbayerischen Landestheater und damit die Vielfalt der Kultur der ganzen Region gefährdet ist. Über eine Petition (link hier) wird für den Erhalt des Stadttheater Landshut geworben. IOCO unterstützt diese Petition. Der Stadtrat von Landshut wird am 6. Dezember 2019 über die Zukunft des Theaters entscheiden. NB: Landshut ist mit 72.000 Einwohnern die größte Stadt Niederbayerns (größer als Passau).

Abschlußkundgebung zum Erhalt des Theater Landshut – 30.11.2019

Innerhalb weniger Wochen haben über 18.300 Menschen die Petition „NEIN ZUM AUS für das Landestheater! JA zur Sanierung“ unterschrieben – fast 9.000 davon aus der Stadt und dem Landkreis Landshut. Die Einschreibungs-Frist endet am 1. Dezember 2019 – anschließend soll in der ersten Dezember-Woche die Petition offiziell an den Landshuter Oberbürgermeister Alexander Putz übergeben werden. Bevor es soweit ist, laden das Landestheater Niederbayern und die Theaterfreunde Landshut alle Unterschreiber aber auch solche, die sich noch eintragen wollen, am Samstag, 30. November ab 12.00 Uhr in die Landshuter Altstadt (neben der Martins-Kirche) zu einer großen Abschlusskundgebung ein.

Stadttheater Landshut / HIER : ein Entwurf für neue Theater Landshut © bächlemeid architekten

Stadttheater Landshut / HIER : ein Entwurf für neue Theater Landshut © bächlemeid architekten

Mit den verschiedenen Mitteln des Theaters werden Mitarbeiter des Landestheaters, der Theaterfreunde aber auch viele weitere Unterstützer noch einmal deutlich machen, wie wichtig die zügige Weiterplanung und Sanierung des Theaters im Bernlochner-Komplex ist. Die Niederbayerische Philharmonie spielt den ersten und vierten Satz aus Antonin Dvoraks Sinfonie Aus der neuen Welt sowie die Ouvertüre zu den Meistersinger von Nürnberg. Gesangs-Solisten der Opern-Abteilung unterstützt von Mezzosopranistin Franziska Rabl singen thematisch zum Inhalt der Petition passende Arien und Ensembles wie Der Hölle Rache oder Nessun dorma und laden alle Besucher der Kundgebung zu einem gemeinsamen Va pensiero (Gefangenenchor aus Nabucco) ein.

Echte Welturaufführungen bringen die Schauspieler des Landshuter Ensembles und des Theaterjugendclubs zur Aufführung, darunter den „Gebäude-Stimmtisch“, im dem der Bernlochner, St. Martin und das Zelt die aktuelle Situation diskutieren. Auch die „Moritat vom Finanzloch“ und das „Märchen von der Theaterstadt“ werden erstmals vor Publikum vorgetragen. Schüler des Gymnasiums Seligenthal melden sich zu Wort und spielen als BrassMachine die Gemüter warm. Nico Torretta wird mit Michael Ausserbauer, Siegmar Zerrath und weiteren Musikern für Stimmung sorgen. Beim „Open Mic“ dürfen auch die anwesenden Besucher der Kundgebung (nach vorheriger Anmeldung) Ihre Sicht auf die Dinge schildern.

Das Dschungelbuch – eine herrliche Schauspielproduktion des Landestheater Niederbayern
youtube Trailer Landestheater Niederbayern
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Als Redner werden Intendant Stefan Tilch und sein Amtsvorgänger Johannes Reitmeier, Ursula Weger, Mitglied im Vorstand der Theaterfreunde Landshut, Dieter Fischer, früheres Mitglied im Schauspiel-Ensemble und inzwischen weit über die Grenzen Bayerns als Kaiser von Schexing bekannt, Regisseur und Kulturjournalist Thomas Ecker sowie weitere bekannte Gesichter aus der Landshuter Kulturszene und Bürgerschaft in kurzen Statements nochmals an die Stadt Landshut appellieren, die Sanierung zügig fortzusetzen.

Die Kundgebung findet bei jedem Wetter statt

—| IOCO Aktuell Landestheater Niederbayern |—

Landshut, Stadttheater Landshut, Petition – Erhalt des Theater Landshut, IOCO Aktuell, 07.11.2019

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Landestheater Niederbayern

Stadttheater Landshut / Theaterzelt © Peter Litvai - Landestheater Niederbayern

Stadttheater Landshut / Theaterzelt © Peter Litvai – Landestheater Niederbayern

Stadttheater Landshut / Theaterzelt © Peter Litvai – Landestheater Niederbayern

Petition für den Erhalt des Stadttheater Landshut und des Niederbayerischen Landestheater

Machen Sie mit : HIER !

Am 3. Oktober 2019 informierte IOCO – Kultur im Netz, www.ioco.de, darüber, daß der Betrieb des Stadttheater Landshut und des Niederbayerischen Landestheater gefährdet ist, ebenso wie dadurch Reichtum und Vielfalt der Kultur der Region. Über eine Petition (link hier) wird für den Erhalt des Stadttheater Landshut geworben. IOCO unterstützt diese Petition. Der Stadtrat von Landshut wird am 6. Dezember 2019  über die Zukunft des Theaters entscheiden. NB: Landshut ist mit 72.000 Einwohnern die größte Stadt Niederbayerns (größer als Passau).

Nun, am 6.11.2019 informierten Stefan Tilch, Intendant des Landestheaters Niederbayern und Dominik Godde, Vorsitzender der Theaterfreunde Landshut e.V.,  daß die auch von IOCO gestützte Petition erfolgreich angenommen wurde. Im Folgenden  berichten Stefan Tilch und Dominik Godde über die Resonanz der Petition:

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Bereits über 10.000 Unterschriften für die Sanierung des Stadttheaters Landshut!

Lieber Unterstützerin, lieber Unterstützer unseres Theaters!

Was macht die Petition?

Unsere Petition haben nun innerhalb von einer Woche bereits über 10.000 besorgte Bürgerinnen und Bürger unterschrieben. Und Sie haben mit Ihrer Unterschrift zu diesem großartigen Erfolg beigetragen. Die Reaktionen seitens der Stadtverwaltung und verschiedener Stadträte haben gezeigt, dass die große Beteiligung Eindruck macht. Wir fühlen uns dadurch in unserem Kurs bestätigt. Zahlreiche Gespräche mit Entscheidungsträgern auf kommunaler und überregionaler Ebene haben bereits stattgefunden. Presse, Radio und Fernsehen schenken dem Thema große Aufmerksamkeit.

Stadttheater Landshut / HIER : ein Entwurf für neue Theater Landshut © bächlemeid architekten

Stadttheater Landshut / HIER : ein Entwurf für neue Theater Landshut © bächlemeid architekten

Wie geht es weiter?

Noch ist aber nichts gewonnen. Vor uns stehen noch wichtige Termine mit Hürden, die zu nehmen sind. Zum einen sind da die Beratungen im Haushaltsausschuss am 13. November 2019 und zum anderen der entscheidende Termin am 6. Dezember 2019, wenn der Haushalt im Stadtrat verabschiedet werden soll. Wir werden mit zahlreichen Aktionen in der Stadt diese Zeit nutzen, um für unser Theater zu kämpfen. Am 30. November, also kurz vor der Haushaltsverabschiedung, werden wir eine große Kundgebung in Landshut veranstalten.

Wie können Sie uns noch unterstützen?

Neben den zahlreichen Unterschriften unter unserer Petition macht die große Zahl von Mitgliedern unseres Theatervereins „Theaterfreunde Landshut e. V.“ Eindruck auf die Verantwortlichen in Stadtverwaltung und Stadtrat, von denen eine stattliche Zahl auch Mitglied ist. Die Theaterfreunde Landshut zählen heute fast 1.200 Mitglieder, das entspricht einer Quote von 16 Mitgliedern pro 1.000 Einwohnern; das ist Rekord in Bayern und unterstreicht, dass das Theater Landshut ein Theater der Bürgerschaft ist. Besonderen Eindruck macht sicherlich, dass die Mitgliederzahlen gerade jetzt noch einmal ansteigen und auch Theaterfreunde aus dem überregionalen Raum zum Verein stoßen. Informationen über die Theaterfreunde Landshut finden Sie unter
www.landestheater-niederbayern.de/content/freundeskreis-la-%C3%BCber-uns.

Soweit unsere Informationen für heute. Wir halten Sie informiert.

Mit den besten Grüßen,   Stefan Tilch & Dominik Godde, (Intendant des Landestheaters Niederbayern & 1. Vorsitzender der Theaterfreunde Landshut e.V.)

Landestheater Niederbayern & Theaterfreunde …

—| IOCO Aktuell Landestheater Niederbayern |—

Landshut, Stadttheater Landshut, Niederbayerisches Landestheater gefährdet – Petition für Erhalt, IOCO Aktuell, 03.11.2019

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Landestheater Niederbayern

Stadttheater Landshut / Theaterzelt © Peter Litvai - Landestheater Niederbayern

Stadttheater Landshut / Theaterzelt © Peter Litvai – Landestheater Niederbayern

Kulturelle Vielfalt in Niederbayern in Gefahr

Online-Petition: Zum Erhalt des Landestheater Niederbayern

von  Sylvie Döring

Seit dem Oktober 2019 steht auf dem Spielplan des Stadttheater Landshut eine ganz besondere Tragödie: Nahezu fünf Jahren ist das Stadttheater Landshut wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. Aufführungen finden seither in einem Notbehelf, einem großen Theaterzelt am Stadtrand von Landshut statt. Seit Beginn der Odyssee: 2014 müssen die kulturell notleidenden Bürger von Landshut in die Zeltnotlösung, Foto, „Theater erleben.“ Diese Ersatzspielstätte wurde mittlerweile ebenfalls zum Sanierungsfall; man kämpft dort mit großen Temperaturschwankungen, gegen Ungeziefer aus einer nicht funktionierenden Kanalisation, gegen Wetterunbillen und gegen störende Lärmbelästigung. Diese nur schwer erträgliche Unbill hatten die Bürger bisher weitgehend klaglos in Kauf genommen.

Stadttheater Landshut / HIER : das seit 2014 bestehende Provisorium © Konrad Krukowski / Landestheater Niederbayern

Stadttheater Landshut / HIER : das seit 2014 bestehende Provisorium © Konrad Krukowski / Landestheater Niederbayern

Nun hat der Stadtrat von Landshut die Mittel für die Sanierung des Theaters erneut blockiert:  Noch im Februar 2019 wurde zur Neugestaltung des Theaters Vorschläge eines Architekturwettbewerbs gefeiert; mit einer voraussichtlichen Fertigstellung schon 2024 wurden gerechnet: Tempi passati: Die Stadt Landshut erklärt nun, die Kosten für die Sanierung des Stadttheaters nicht mehr finanzieren zu können. Eine große Enttäuschung für die Bürger der Stadt Landshut wie die Mitarbeiter des Stadttheater Landshut.

Petition für den Erhalt des Theater Landshut und des Niederbayerischen Landestheater

Machen Sie mit – unterzeichnen auch Sie die Petition:  HIER !

Mit dieser Entscheidung der Stadt Landshut ist auch der Bestand des Landestheater Niederbayern als Ganzes gefährdet. Denn das Stadttheater Landshut ist mit dem Stadttheater Passau und Theater am Hagen, Straubing in einem kulturellen Städtebund als Landestheater Niederbayern verbunden: Nur gemeinsam, als Landestheater Niederbayern, schaffen sie es, der Bevölkerung der Region  vielseitiges, modernes und faszinierendes Theater, den Bürgern der Region kulturelle Vielfalt zu bieten. Das Verhalten des Stadtrats der Stadt Landshut gefährdet so die Bereitstellung eines modernen, vielfältigen Kulturangebots für die Bevölkerung der gesamten Region. Zudem sind die Arbeitsplätze der im Theater Landshut und im Niederbayerischen Landestheater tätigen Mitarbeiter  gefährdet.

IOCO stützt diese Petition – IOCO wird auch unterzeichnen

Kulturelle moderne Vielfalt ist grundsätzlich bedeutsam und prägend für Bild, Umgang und Erscheinung einer Bevölkerung, einer Stadt. Weite Teile der Bevölkerung identifizieren sich heute mit ihrem Theater Landshut. Viele Landshuter wollen jetzt kämpfen; sie erhalten Unterstützung sogar vom Bayerischen Kunstminister Bernd Sibler, der gegenüber dem BR und der PNP äußerte, wie wichtig das Theater Landshut für die Kultur und Bevölkerung dieser Region ist und dass es zum kulturellen Reichtum im Freistaat Bayernbeiträgt.

Die Akzeptanz in der Bevölkerung für das Landestheater Niederbayern ist immens: die  Auslastung beträgt über 70% in Landshut und 90% extrem hohe in Passau. Intendant Stefan Tilch  führte hierzu im Interview mit dem BR aus: „Wir haben wachsende Zuschauerzahlen, 5.000 mehr in der letzten Spielzeit. Wir haben entgegen jedem Trend auf Bundesebene wachsende Abonnenten-Zahlen, allein der Freundeskreis des Theaters ist auf über 1.000 gestiegen.“

So klein das Theater Landshut allein auch sein mag, es stemmt in Zusammenarbeit mit dem Landestheater Niederbayern immer wieder fast Unmögliches. Unter anderem umjubelte Produktionen von Tristan und Isolde, Der Rosenkavalier mit Juliane Banse als Marschallin, sowie aktuell Der Ring des Nibelungen lassen auch über die Grenzen von Niederbayern hinaus von sich hören.

Stadttheater Landshut / HIER : ein Entwurf für neue Theater Landshut © bächlemeid architekten

Stadttheater Landshut / HIER : ein Entwurf für neue Theater Landshut © bächlemeid architekten

Es ist nicht auszumalen, welch eine kulturpolitische Tragödie es wäre, wenn es das Landestheater Niederbayern oder das Theater Landshut nicht mehr gäbe. Man entzieht damit einer ganzen Region den Zugang zu Kultur, zu kultureller Bildung und Teilhabe am kulturellen Leben. Auch Kultur ist Infrastruktur und Infrastruktur ist immer auch Staats- und Stadtaufgabe.  Am 6. Dezember 2019 wird über den nächsten Haushalt und damit über ein Überleben dieser wunderbaren Theater entschieden. „Wenn dieser Stop beschlossen wird, gibt es dieses Theater nicht mehr!“, so Stefan Tilch im Interview mit BR2.

Damit das nicht geschieht, haben Verantwortliche des Landestheater Niederbayern und der Bevölkerung eine Online-Petition gestartet. Diese richtet sich an Landshuts Oberbürgermeister Alexander Putz mit der Forderung, die Sanierung des Stadtheater nicht weiter zu verschleppen, Mittel für die Sanierung bereit zu stellen, gegebene Versprechen und die Pflicht, die Bevölkerung mit kultureller Vielfalt zu versorgen einzuhalten.    Zeichnen auch Sie diese Petition:  HIER!

Noch gibt es Hoffnung. Bitte zeichnen Sie für den Erhalt des Landestheaters Niederbayern:  Hier!

—| IOCO Aktuell Landestheater Niederbayern |—

 

Linz, Landestheater Linz, The rape of Lucretia – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 12.10.2019

Oktober 11, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Landestheater Linz, Oper


Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

 The rape of Lucretia – Benjamin Britten

– Too late, Lucretia, too late! – or –  I refuse! –

von  Elisabeth König

 Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

Benjamin Brittens dritte Oper, die Kammeroper rund um Ehre und Vernichtung einer treuen Frau wurde 1946 in Glyndebourne mit Kathleen Ferrier in der Titelrolle uraufgeführt. Das Libretto der Oper in zwei Akten schrieb Ronald Duncan nach dem Schauspiel Le Viol de Lucrèce von André Obey. Die Kammeroper arbeitet mit minimalen Mitteln zu großem Effekt; der griechische Chor ist auf zwei Erzähler reduziert und auch das nur 14 Instrumente umfassende Kammerorchester erzielt überraschend volle große Klangmomente.

Dennoch sollte der Oper historisch nur geringer Erfolg beschieden sein. Die Abstraktion der Handlung, die hochkomplexe Tonwelt, in die nur selten melodische Stimmführung einbricht, und die Bezugnahme auf christliche Mythologie und Erlösungsmetaphern (in einer Handlung ca 500 Jahre vor Christi Geburt), schaffen ein höchst vielschichtiges Werk, in welchem Britten nicht nur die Geschichte einer Vergewaltigung erzählt, sondern auch anschließt an den Gründungsmythos der römischen Republik und des christlichen Abendlandes.

In der in der Black Box des Landestheater Linz zur Aufführung gebrachten Produktion der Oberösterreichischen Opernstudios gelingt es der Inszenierung von Opernstudiochef Gregor Horres, mit simplen Mitteln szenenweise ungeheuer starke Momente auf die Bühne zu bringen.

The rape of Lucretia – Benjamin Britten
youtube Trailer des Landestheater Linz
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Auf der als Laufsteg zwischen zwei Publikumstribünen konzipierten Bühne mit dem Orchester an der einen Längsseite und einem simplen Bühnenbild bestehend aus drei Zugtüren auf der anderen, spielten die SängerInnen mehr oder minder von allen Seiten umzingelt. Dies ermöglichte gewisse szenische Freiheiten und band das Publikum gelungen in das Stück mit ein, ließ es sozusagen zu Mitleidenden und Mittätern werden. Es erschwerte jedoch auch in manchen Momenten die emotionale und dramatische Steigerung. Die schauspielerische Stringenz war stellenweise unterbrochen durch Momente nicht inszenierten Stillstands bzw. Spannungsabfalls. In den Momenten der inszenierten Paralyse jedoch beginnt das Stück zu atmen und die SängerInnen schaffen große emotionale Momente, die sich auf das Publikum übertragen.

Die jungen SängerInnen waren durchweg von hohem Niveau, und meisterten akustische Herausforderungen des nicht unkomplizierten und trockenen Raumes ebenso mit Bravour wie mit musikalischer Präzision.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

Rafael Helbig-Kostka in der Rolle des Erzähler /Männerchores beeindruckte mit perfekter nahezu britisch-klarer Diktion, eleganter Phrasierung und einem schönen, weichen Tenor, den man sich sowohl als Rodolfo in La Bohème als auch auf einer Lied-Bühne überzeugend vorstellen kann. Obgleich nur Beobachter und Berichterstatter, vermochte er es doch, mit emotionaler Tiefe und berührender Empathie mit den handelnden Personen auch dem Publikum als emotionaler Haltepunkt im Stück zu dienen.

Svenja Isabella Kallweit als sein weiblicher Gegenpart in der Rolle der Erzählerin /Frauenchores, zeigte nach einer kurzen Einsingphase einen klaren Sopran mit runder dramatischer Mittellage. Ihre perfekte Umsetzung der anfänglich unemotional beobachtenden und kommentierenden „Nachrichtenlady“ wich mit den Gräueln gegen die weiblichen Charaktere immer mehr einem Mitleiden und empathischer Identifikation.

Generell war die Verbindung von Erzähler und Erzählerin mit den handelnden Charakteren ihres jeweiligen Geschlechtes, die ja auch von Britten so komponiert ist, szenisch gelungen umgesetzt; besonders, wenn der Erzähler zum Sprachrohr der inneren Vorgänge des Tarquinius wird, und auch im Außen als sein szenischer Spiegel dient.

Als Prinz Tarquinius wusste Timothy Connor mit einer reifen und erwachsen-profunden Stimme zu überzeugen. Er vermochte es, von Anfang an eine gewaltbereite Virilität zu präsentieren, die in ihrer Aggression jeden Augenblick hervorzubrechen droht. Hieraus seine geifernd-lechzende Anziehung zu Lucrezia zu entspinnen, setzte das Publikum von Anfang an gekonnt unter psychologischen Druck und warf die Schatten der Tat voraus.

Philipp Kranjc in der Rolle des Collatinus, des mit Lucretia verheirateten römischen Generals, besticht mit schöner, weicher Stimme, und überzeugender und eleganter schauspielerischer Leistung. Der koreanische Bariton Seunggyeong Lee überzeugte in der Rolle des moralisch unambizionierten und maliziös stichelnden römischen Generals Junius.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Ensemble © Petra Moser

Florence Losseau in der Titelpartie der keuschen Lucretia begeistert mit schönem, warmen Alt, der sich stückbedingt nur selten zu dramatischen Ausbrüchen aufschwingen darf, jedoch mit klar verständlicher Diktion und Emotionalität punktet. Ihre großartige schauspielerische Leistung geht Hand in Hand mit Verständnis für die Menschlichkeit Lucretias und berührt in ihrer würdevollen Verzweiflung umso mehr. In der Rolle ihrer Amme Bianca weiß Sinja Maschke zu überzeugen und Etelka Sellei als Dienerin Lucia zeigt flötende Höhen und zierliche Piani.

Die feinfühlige und dynamische musikalische Leitung des Abends oblag Leslie Suganandarajah, dem neuen musikalischen Leiter des Salzburger Landestheaters, der mit seinem klaren, verständlichen Dirigat und hoher Energie Orchester wie Sänger sicher durch die trügerischen Klippen von Brittens Musik führte und dabei auch sichtbar gute Laune hatte und verbreitete. Das Linzer Bruckner Orchester spielte an diesem Abend souverän, wenn auch leider mit ein, zwei kleinen „Verstimmungen“. Sehr gelungen war auch das Wechselspiel von Orchestern und Sängern, das durch die räumliche Aufteilung entstand und das Publikum in das Bühnengeschehen miteinzubinden vermochte.

Die Bühnengestaltung von Jan Bammes, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, war schlicht, aber effektvoll: drei Türen, die Einblicke in das Leben der Charaktere ermöglichen, wie auch Brittens Oper in ihrer periodenhaften Behandlung des Stoffes Einblicke in deren Seelen bietet. Das Bühnenbild dient zusätzlich als Projektionsfläche für zwei Schlüsselszenen der Oper und wird von Regisseur Gregor Horres multifunktionell eingesetzt.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Hervorzuheben sind zwei Momente dieser Oper, die notorisch schwierig darzustellen sind  und vom Regisseur meisterhaft gelöst wurden. Tarquinius‘ lustgeifernder nächtlicher Ritt nach Rom ist als projizierte Autofahrt durch die reizüberflutenden Straßen Roms dargestellt, deren stilisierte Bilder mehr und mehr den Fokus verlieren, bis er schließlich bei Lucretia ankommt.

Die Vergewaltigungsszene fand – entgegen befürchteter Gewaltexzesse im Stil des deutschen Regietheaters – hinter verschlossenen Türen statt. Lucretia wird an den Haaren von der Bühne geschleift, und die Türe schließt sich, um einer Projektion eines eine Gazelle jagenden Geparden Platz zu machen. Die Gleichsetzung der Vergewaltigung mit einem Tötungsakt im Tierreich ist ein eindrucksvolles Bild und kann als Metapher für den ganzen Abend dienen.

Männer werden hier mit Raubtieren gleichgesetzt, die in ihrem Egoismus über Leben und Ehre, Frauenschicksale und Tod verfügen. Die Tyrannei der etruskischen Regierung Tarquinius über das wehrlose römische Volk ist widergespiegelt in der Tyrannei seines Sohnes über die wehrlose und schuldlose Frau.

Vergewaltigung ist nicht nur körperlicher Besitz, es ist Besitzergreifung der Identität und Seele des Opfers und absolute Macht über dieses. Lucretias Integrität und Charakter muss nicht nur in Frage gestellt werden, sie muss vernichtet und ausgelöscht werden durch private Schmach und öffentlich-politische Demütigung. Auch die Liebe ihres Gatten vermag den traumatischen Übergriff nicht auszulöschen. Die Vergewaltigung bedeutet für sie nicht nur Schande, sie bedeutet die komplette Eradikation alles Guten in ihrer Welt, und angesichts dieser Auslöschung ist ihr einziger Weg der Tod.

Generell hervorzuheben ist die szenische Eleganz, mit der das schwierige Thema behandelt war. In einer Zeit, in der #metoo aus dem Theatergeschehen auf vielfältige Weise nicht wegzudenken ist, versetzte der Regisseur den Gewaltakt in die Vorstellung und Fantasie des Publikums, anstatt ihn tatsächlich auf der Bühne stattfinden zu lassen.

So dankbar das Publikums schien, nicht mit der rohen Brutalität einer aktiv sichtbaren Vergewaltigung umgehen zu müssen, und so gelungen die Bilder Ersatz und Erklärung boten, so erstaunlich wenig Schockwirkung schien die Szene tatsächlich auszulösen. Erst das Erwachen Lucretias am Morgen danach und ihre Reaktion lösten diese aus. Ob dies genug Appell gegen die Schändung und Auslöschung einer Frau war, möge sich jeder in den kommenden Vorstellungen selbst beantworten.

Das Nachspiel, in welchem die menschliche und drückende Hoffnungslosigkeit der Figuren durch die Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz gelindert und überhöht wird, scheint angesichts der weltweiten Realität nahezu zynisch zu klingen. Und doch kann der Mensch angesichts der erschütternden Tragödie nur mit dem Glauben und der Hoffnung auf ein besseres Morgen weiterleben.

Mit diesem Hoffnungsschimmer endete ein aufwühlender und doch toller Opern-Abend

The rape of Lucretia am Landestheater Linz; die weiteren Vorstellungen 12.10.; 17.10.2019

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

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