Linz, Landestheater Linz, Die spinnen, die Römer – Stephen Sondheim, IOCO Kritik, 27.02.2020

Februar 26, 2020 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Die spinnen, die Römer   –  Stephen Sondheim

….. in Rom, 200 Jahre vor Christus, vor den Häusern des Lycus, eines Bordell-Besitzers, des Senex, eines lüsternen Patriziers, und des Erronius …..

von Marcus Haimerl

Spätestens seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts gilt Stephen Sondheim in der englischsprachigen Musical-Szene als der führende Musical-Autor was Qualität und Innovation betrifft.

In Kontinentaleuropa ist Stephen Sondheim hauptsächlich mit Leonard Bernsteins „West Side Story“ auf den Bühnen präsent, für welche er einige Liedtexte verfasst hat. Dennoch finden sich immer wieder Intendanten kleinerer Landes- und Stadttheater, die immer wieder seine Werke zeigen. Bereits 2016 präsentierte das Landestheater Linz im großen Saal des Musiktheaters Into The Woods – Ab in den Wald, Stephen Sondheims anspruchsvoll-ironische Auseinandersetzung mit dem Genre Märchen und 2018 am Schauspielhaus Assassins (Attentäter). Hier treffen sich im Rahmen einer Jahrmarktshow alle erfolgreichen und weniger erfolgreichen Mörder und Mörderinnen von US-Präsidenten und propagieren, dass Präsidentenmord die extremste Verwirklichung amerikanischer Freiheit sei.

Die spinnen, die Römer – Stephen Sondheim
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Auf diese beiden Produktionen folgte nun A Funny Thing Happend on the Way to the Forum (Die spinnen, die Römer). Dieses 1962 entstandene Musical gilt als das erste Musical Sondheims, zeichnete er doch damals erstmals für Musik und Liedtexte verantwortlich. Originell ist hier auch der englische Originaltitel, da sich im ganzen Stück ja eigentlich niemand auf dem Weg zum Forum befindet.

Der Arbeitstitel lautete A Roman Comedy, doch wollte man schlussendlich einen Titel finden, der ausdrückt, dass es sich um eine Komödie handelt, ohne das Wort selbst zu verwenden. Also wählte das Kreativ-Team (Stephen Sondheim, Burt Shevelove und Larry Gelbart) eine Phrase, mit der im alten US-Theater des Vaudevilles die Conferenciers ihre Auftrittsnummern einleiteten: A funny thing happened on the way to the theatre. Um die im antiken Rom angelegte Handlung im Titel anzuzeigen, ersetzte man nur das Theater durch Forum. Davon abgesehen war bereits die Grundidee des Musicals ungewöhnlich: eine römische Komödie aus entlehnten Handlungsteilen und Personen aus Stücken, die von Maccius Plautus um rund 200 vor Christus nach griechischem Vorbild verfasst wurde. Von diesen Stücken sind zwanzig vollständig, sowie ein Fragment erhalten, und waren zu ihrer Zeit sehr erfolgreich, sie gelten bis heute als Juwelen des lateinischen Theaters.

Erst 25 Jahre nach der Uraufführung erlebte Sondheims Werk seine österreichische Erstaufführung. Das traditionsreiche Kabarett Simpl in der Wiener Innenstadt brachte sein Musical unter dem Titel „Zuständ‘ wie im alten Rom“ auf die Bühne. Der Leiter des Kabarett Simpl, Martin Flossmann, war nicht nur für die deutsche Übersetzung verantwortlich, sondern führte auch Regie und stand in der Rolle des Pseudolus auf der Bühne.

Landestheater Linz / Die spinnen, die Römer - hier : das Ensemble © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Die spinnen, die Römer – hier : das Ensemble © Reinhard Winkler

Den Inhalt des Stücks fasste Stephen Sondheim wie folgt zusammen: „Die Zeit: Zweihundert Jahre vor der christlichen Epoche, eines Tages im Frühling. Der Ort: eine Straße in Rom vor den Häusern des Lycus, eines Bordell-Besitzers, des Senex, eines lüsternen Patriziers, und des Erronius, eines verwirrten alten Mannes. Die Handlung dreht sich um die beharrlichen Bemühungen des Sklaven Pseudolus, seine Freiheit dadurch zu erlangen, dass er das Liebesleben seines jungen Herrn (Hero) entwirrt, und um das dadurch entstehende Durcheinander.

In Linz inszenierte der deutsche Regisseur Matthias Davids Stephen Sondheims witziges und rasantes Musical im Bühnenbild von Hans Kudlich. Das Bühnenbild zeigt die drei, in einem Halbrund angelegten Häuser des Lycus, Senex und Erronius, dessen Vorplatz mit einer Treppe in den Zuschauerraum reicht, zeigt.

Das Orchester befindet sich sichtbar auf der Bühne, auf den Dächern Roms. Die bunten, teilweise schrillen Kostüme Turnschuhe mit eingebauten Rollen inklusive, die es Gernot Romic als Hysterium ermöglichen, elegant über die Bühne zu schweben, stammen von Susanne Hubrich, für die aufwendige Choreografie zeichnet sich Simon Eichenberger verantwortlich. Matthias Davids Regiearbeit und glaubwürdige Personenführung bietet größtmöglichen Humor ohne in reinen Klamauk abzugleiten und schafft einen Spannungsbogen, der in der wilden Verfolgungsjagd am Ende des zweiten Teils seinen witzigen Höhepunkt findet.

Landestheater Linz / Die spinnen, die Römer - hier : Maria Gschwandtner als Gymnasia © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Die spinnen, die Römer – hier : Maria Gschwandtner als Gymnasia © Reinhard Winkler

Am Pult des Bruckner Orchester Linz sorgte Juheon Han für die üppigen, temporeichen Broadwayklänge der 50er und 60er Jahre. Optimal besetzt ist die zentrale Rolle des Sklaven Pseudolus mit David Arnsperger, der mit überzeugendem Witz stets versucht, die Fäden in der Hand zu behalten. Auch gesanglich bleiben hier keine Wünsche offen. Auf gleich hohem Niveau erlebt man Gernot Romic als wandelbaren und häufig genervten Sklaven Hysterium, der immerzu bemüht ist, die Ordnung im Hause Senex aufrecht zu erhalten. Als Liebespaar Hero und Philia,die Jungfrau, überzeugen Lukas Sandmann und Hanna Kastner.

In der Partie des Hausherrn und Pantoffelhelden Senex glänzt der deutsche Bariton Klaus Brantzen mit viel Humor. Besser als mit Sanne Mieloo kann man die Partie der Domina, Gattin des Senex, kaum besetzen. Witzig schrill und dominant begeistert die gebürtige Niederländerin das Publikum. Beinahe schon luxuriös besetzt ist die Partie des Miles Gloriosus mit Christian Fröhlich, der nicht nur mit gewohnt großer, schöner Stimme, sondern vielmehr auch mit komischem Talent die Partie des römischen Kriegers massiv aufwertet. Als Kurtisanenhändler Lycus kann Karsten Kenzel ebenso unterhalten wie William Mason als Erronius. Mit besonderer Wandlungsfähigkeit und blitzschnellen Kostümwechseln beeindrucken Daniela Dett, Celina dos Santos und Lynsey Thurgar, die als „Chor“ in die Rollen von Eunuchen, Matrosen und Soldaten schlüpfen. Beachtlich auch die Kurtisanen: Timo Radünz als Tintinabula, Hannah Moana Paul als Panacea, Beate Chui und Yuri Yoshimura als die Geminae, Brittany Young als Vibrata und ganz besonders die akrobatischen Leistungen von Maria Gschwandtner als Gymnasia.

Der Jubel und anhaltende Applaus des Publikums beweist, dass das Landestheater Linz mit Stephen Sondheims Musical erneut eine Erfolgsproduktion vorgelegt hat, bei der auch gerne gelacht werden darf, denn: „tragedy tomorrow, comedy tonight!

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Detmold, Landestheater Detmold, Der jüngste Tag – Giselher Klebe, IOCO Kritik, 15.02.2020

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Der Jüngste Tag  –  Giselher Klebe

 nach Ödön von Horváth – zum 10. Todestag des Komponisten

von Karin Hasenstein

„Die Hauptsache ist, dass man sich selber nicht verurteilt oder freispricht…“

Das 1937 erschienene Schauspiel von Ödön  von Horvath Der jüngste Tag  ist in einem Spannungsfeld dreier Fragen angesiedelt. Das Libretto von Giselher Klebes gleichnamiger Oper übernimmt den Text Horvaths gekürzt aber beinahe wörtlich. Dabei ist es vor allem im Ansatz und in den zentralen Fragen nahezu gleichlautend.

Die erste und wichtigste Frage ist die nach Schuld und Bewusstsein, nach Verdrängung und Gewissensnot. In der Oper stellt sie die Frau des Stationsvorstehers Hudetz: „Für welche Verbrechen müssen wir büßen?“  fragt sie sich manchmal.

Der jüngste Tag – Giselher Klebe
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Die zweite Frage ist: „Warum sind Menschen oft unfähig, über Wesentliches und Lebensnotwendiges mit jenen zu reden, die ihnen die Nächsten sein sollten?“

Und die dritte Frage lautet:Wer kann beurteilen, wer darf verurteilen? Und damit zusammenhängend: wie sieht es „danach“ aus? “Die Toten, man kann mit ihnen sprechen, sind direkt froh, dass man nicht mehr lebt.

Die handelnden Personen aus von Horváths Drama gehören dem armen Mittelstand an. Gemeinsam ist ihnen, dass sie zur Reflexion, zur Erkenntnis ihrer selbst, ihrer Umwelt und der Tragweite ihres Handelns nicht oder erst viel zu spät fähig sind. Und so verstricken sie sich alle immer tiefer in ihrer Schuld. Es ist keine aktiv begangene, eher eine erlittene Schuld. Dreh- und Angelpunkt des Schicksals des Bahnhofsvorstehers Hudetz ist, dass er die Ehe mit einer dreizehn Jahre älteren Frau eingegangen ist. „Er hätt sich nichts zu überlegen“, sagt er, als er seine dreizehn Jahre ältere Frau heiratet. Dass er sie in dann aber in der Ehe nicht begehrt zeigt, dass er – und auch sie – sich das doch besser vorher hätten überlegen müssen.Aus diesem unreflektierten Verhalten erwächst das unabwendbare Verhängnis, das in dem Zugunglück seinen entsetzlichen Höhepunkt findet.

Schauspiel und Oper erzählen eine Geschichte zwischen böser Kleinstadt-Banalität und menschlichem Sündenfall. Das Erschreckende daran ist, dass Jeder von uns dieser Thomas Hudetz sein kann und jeder von uns steht dann einer Belastungsprobe seiner inneren Mitte gegenüber – vorausgesetzt, das Bewusstsein einer solchen Mitte ist vorhanden.

Die kurze Ouvertüre ist noch deutlich tonal geprägt. Flirrende Streicher dominieren zunächst, ins Pizzicato übergehend.Statt eines Vorhangs öffnet sich ein das ganze Portal abschließende Metalltor, das an ein Fabriktor oder einen Hangar erinnert. Auf der fast vollständig dunklen Bühne erblicken wir ein Gestell, das aus mehreren Ebenen, Leitern und Trittstufen besteht, auf manchen Absätzen befinden sich mit Maschendraht verkleidete Räume, Käfigen ähnlich. Das Ganze wird nur spärlich von zwei oder drei Leuchten erhellt. Auf dem Gestell befinden sich drei Personen, eine Frau und zwei Männer. Sie warten offensichtlich auf etwas.

Zu den Wartenden gesellt sich der Stationsvorsteher. Der Kaufmann beklagt sich, er habe heute nur eine einzige Kundin gehabt, Anna, die Tochter des Wirts. Die Frau des Bahnhofsvorstands kommt hinzu und klagt, dass ihr Mann nichts mehr von ihr will. Ihr Bruder kommentiert das nur damit, dass sie wusste, dass sie dreizehn Jahre älter ist als ihr Mann. Anna bringt ihren Freund zum Zug. Er ist Fleischhauer, „aber ein sanfter“. Alle diese Paare stehen in einer besonderen Konstellation zueinander, was für den weiteren Verlauf der Handlung von Bedeutung ist. Als der Bahnhofsvorsteher das Signal gibt, stellen sich alle hintereinander in Reih‘ und Glied auf und steigen in den Zug. Alle, bis auf Anna. Sie bleibt allein zurück.

Anna spricht den Bahnhofsvorsteher an, was diesem offensichtlich unangenehm ist. Anna bemerkt auch, dass alle Leute sagen, dass er Krach mit seiner Frau bekommt, wenn er mit ihr spricht. Er bestreitet das, geht aber trotzdem nicht auf ihre Avancen ein. Schließlich stellt sie sich auf die Zehenspitzen und küsst ihn einfach. Von Ferne hört man das Pfeifen des herannahenden Eilzuges 405, der Vorsteher stürzt los, um das Signal zu geben, doch es ist bereits zu spät. Tiefe Streicher künden Bedrohliches an. Mit kreischenden Bremsen überfährt Eilzug 405 das Signal und stößt mit einem Güterzug zusammen. Das Unglück ist geschehen. Doch wer ist Schuld?

Das Gerüst auf der Bühne wird langsam weitergedreht.

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag - hier : Emily Dorn als Frau Hudetz © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag – hier : Emily Dorn als Frau Hudetz © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Aus dem Off erklingt der Chor mit einer Vokalise. Nebel breitet sich aus. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wird ersichtlich: der Zusammenstoß zwischen Eilzug 405 und dem Güterzug hat über 100 Tote gefordert, heißt es. Oder waren es doch nur 18?

Klar scheint: Hudetz hat einen Fehler gemacht, das Signal zu spät gegeben. Der Staatsanwalt erscheint und verkündet: das Signal selbst ist in Ordnung, es wurde nur zu spät geschaltet. Frau Hudetz wird verhört, ebenso der Heizer Kohut. Er sagt aus, er habe kein Signal gesehen. Vom Lokführer heißt es, er habe noch nie ein Signal überfahren, noch nie! Es meldet sich der Wirt, der behauptet, seine Tochter Anna sagt, sie habe gesehen, dass der Hudetz das Signal rechzeitig gestellt hat. Erst das Läutwerk, dann das Signal, dann der Zug, dann… ein Donnern.

Der Staatsanwalt wundert sich, Hudetz hat diese Zeugin verschwiegen, warum? Frau Hudetz, die zunächst nichts gesehen haben will, macht nun erneut eine Aussage. Sie habe alles gesehen, auch den Kuss zwischen Anna und ihrem Mann. Anna bestreitet das und infolgedessen bezichtigen sich beide gegenseitig des Meineids. Hudetz erklärt „Alles ist Lüge!“  Der Kommissar nimmt Hudetz in Haft aufgrund der belastenden Aussage seiner Frau.

Das Gestell wird wieder gedreht.  Bis auf eine Reihe paralleler Leuchtstoffröhren ist alles dunkel. Die Einheitsbühne – eben noch der Bahnhof – ist nun das Wirtshaus. In der nächsten Szene ist Hudetz aus der Untersuchungshaft zurück. Nach vier Monaten wird er freigesprochen. Was mit Frau Hudetz ist? Wird wohl geschieden werden… Leni schwärmt nun für den StationsvorsteherFerdinand, Annas Freund, ist zurückgekehrt.

Eine unsichtbare Bühnenmusik erklingt (wie sich später herausstellt, aus dem Foyer im ersten Rang hinter der Fremdenloge) und erinnert in Klang und Funktion ein wenig an die Banda aus Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk.

Der Chor, ebenfalls aus dem Off, lässt wieder Vokalisen erklingen. Zum Empfang Hudetz‘ erscheint der Chor auf der Bühne. Zum Gesang des Chores „Hoch, Anna!“ lässt der Wirt Hudetz hochleben. „Hoch klingt das Lied vom braven Mann wie Orgelton und Glockenklang!“  Angesichts der ungeklärten Situation klingt das völlig absurd.

Der Wirt ruft alle in den Saal zum Essen. Zum Leni-Thema der Klarinette bleibt Leni allein zurück. Anna sucht Hudetz auf, will mit ihm reden. Sie verabreden sich für den nächsten Abend, am Viadukt. Der Schwager von Thomas kommt, Alfred. Er will sich von seiner Schwester lossagen. Es kommt zu Übergriffen der Leute auf ihn, aber Hudetz verteidigt ihn, „Sonst gibt es noch ein Unglück!“

Die nächste Szene zeigt Anna und den Stationsvorsteher zusammen im Käfig hinter Maschendraht. Die beiden gestehen sich endlich ihre Gefühle ein: „Aber jetzt erkenne ich dich genau! Geht es dir auch so wie mir?Anna erwidert: „Wenn ich mal sterben werde, dann werde ich auch noch zu dir gehören!“ Thomas küsst Anna, worauf sie zu Boden sinkt.

Nach der Pause wird das Gerüst auf der Bühne und zwei weitere, kleinere Gerüstteile rechts und links an den Proszeniumslogen erweitert. Der Vorhang bleibt zunächst geschlossen zum Vorspiel des Orchesters. Nun dominieren Orffsche Instrumente wie das Xylophon, das homophon mit dem Klavier zusammengeht. Bläser und Pauken durchbrechen den Klang, ein Trommelwirbel und Chromatik im Crescendo deuten Veränderung an. Der Vorhang hebt sich und auf der dunklen Bühne sehen wir das Gerüst, wie es leicht nach rechts gedreht wird. Oben rechts ein einzelnes Licht. Leni und ihr Bruder sind oben auf dem Gerüst. Der Vorsteher geht langsam zu Leni, er trinkt einen Roten.

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag - hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag – hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Wir erfahren den Grund für die düstere Stimmung: Anna ist seit drei Tagen verschwunden…Resigniert bekennt der Bruder: „Ich glaube, sie lebt jetzt nicht mehr… ich glaube, sie hat sich was angetan.“  Sie sagen, sie sei verschwunden, weil die Leute ihr nicht glauben.  Sie sagen, die Anna hätt‘ den Tod gesucht. Sie sagen, sie hätt‘ einen Meineid geschworen, weil der Vorstand das Signal nicht rechtzeitig gestellt hat.

Die Glocke schlägt sechs. Der Inspektor kommt. Ohne Umschweife kommt er zur Sache: „Ist der Herr zuhaus‘? Wir haben die Anna gefunden, sie ist tot. Sie wurde ermordet. Sie ist beim Viadukt gefunden worden!“ Der Inspektor konfrontiert Hudetz mit den Fakten: „Das war in derselben Nacht, als wir uns getroffen haben, unten am Viadukt…“  Leni ist verdutzt: „Sie waren damals am Viadukt? Was haben Sie beim Viadukt getan?Hudetz antwortet, dass er sich mit dem Fräulein Anna verlobt hat. Während er das sagt, dreht sich das Gerüst immer schneller und schneller. Einmal mehr erweist sich dieses multifunktionale Gebilde als ein kluges Element, das viele Möglichkeit bietet und ungemein wandelbar ist (Bühne: Sonja Füsti)

Nächste Szene, es sind ein paar Tage vergangen. Die Leute stellen fest: das Begräbnis war schon großartig! Der Leimbrecher erzählt dem Bruder des Vorstehers von Annas Beerdigung. Am Schluss macht er ihm Vorwürfe. Wieder ist ein Tag vorbei. Wieder hat er seinen Schwager in Schutz genommen. Seine Schwester fragt sich und uns alle: „Für welche Verbrechen müssen wir am Ende büßen?“ und gibt gleichzeitig die Antwort: „Für unsere eigenen!“ Der Vorwurf: „Du hast seine Liebe erpressen wollen!“ Er entgegnet: „Du tust ja so, als hätte ich das Signal verpasst!“ Ja, sagt sie, das hängt alles zusammen…  Hudetz drängt sie, ihm zu helfen. „Ich brauche einen Anzug, zivil. Ich muss fort! Ich bin unschuldig! Ich trete die Strafe nicht an! Ich habe mich mit der Anna verlobt, beim Viadukt. Dann war sie weg… Ich weiß, dass ich sie umgebracht habe, aber ich weiß nicht, wie, wie…

Alfons weist seine Schwester an: „Bring‘ ihm meinen braunen Anzug!“
„Halte still du Wandersmann, und sieh dir meine Wunden an.“
„Nimm dich in Acht und hüte dich, was ich am Jüngsten Tag über dich ein Urteil sprech!“
Die Ex-Frau holt Hudetz den Anzug ihres Bruders, er geht.

Das Gerüst dreht weiter, die Bühne ist dunkel. Im Chor erklingt eine Art Orgelpunkt, düstere Bläser, ein Solo-Horn, eine Tuba. Klebe setzt die Instrumentierung hier sehr lautmalerisch ein. Hudetz sitzt im Dunklen in einem der Maschendraht-Käfige. Er ist verzweifelt, voll innerer Qual. Schließlich fängt er im Käfig an zu toben wie ein tollwütiges Tier. Die Trommeln steigern sich im Crescendo. Der Wirt kommt hinzu, der Käfig ist leer. Hudetz ist es irgendwie gelungen zu fliehen. Der Schwager berichtet, dass er hier war und einen Anzug von ihm verlangt hat, dann aber verzichtete. Er ging den Weg zum Viadukt… Gott steh‘ ihm bei. Ich fürchte, dass er sich selber richtet.

Es erklingt ein Quartet aus Vater, Annas Freund, dem Inspektor und dem Schwager. Unisono singen sie „Das lassen wir nicht zu!“ Diese bedrohliche Stimmung in der Musik wird kongenial unterstrichen von der Lichtregie. Von hinten rechts hüllt ein Lichtkegel die Vorderbühne in fahles (Mond-) Licht, alles andere ist dunkel und verschwimmt im Nebel.

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag - hier : Bejamin Lewis als Thomas Hudetz, Sheida Damgani als Anna © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag – hier : Bejamin Lewis als Thomas Hudetz, Sheida Damgani als Anna © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Der Vater fragt: „Irdische Gerechtigkeit, wo findet man die?“ Der Chor singt aus dem Off im Foyer: „Ist er schon hinunter?“  Der tote Lokführer Pokorny erscheint. „Kann man mit den Toten sprechen? Man kann schon, aber nur, wenn der Tote möcht‘!“ Uns allen wird die Frage gestellt: „Kann man sich der irdischen Gerechtigkeit entziehen?“ Wir ahnen die Antwort…

Die tote Anna klagt an: „Er hat das Signal vergessen, weil ich ihm einen Kuss gegeben habe!“ Aber wen klagt sie eigentlich an, Thomas Hudetz oder sich selbst?  „Wie damals, als wir fort mussten. Jetzt kommt bald der Zug.“  Anna fragt den Lokführer Pokorny: „Wie ist es denn eigentlich drüben?“  „Friedlich, sehr friedlich“, antwortet dieser.

„Jetzt kommt der Zug.“
„Er will dich ja nur holen, weil er nicht mehr lebt…“
Der Zug kommt, das Licht wird intensiver, greller.
Der Vater ruft: „Im Namen des Gesetzes, jetzt kommt dein Kopf dran!“
Vier Lichtkegel aus den vier Ecken der Bühne sind auf Hudetz gerichtet in deren Schnittpunkt dieser steht.
„Waren das jetzt nicht Posaunen?“ fragt er sich.
„Das war der Wind“, raunt jemand.
„Das glaubst du ja selber nicht!“
Ende.

Harter Tobak, dieser Jüngste Tag von Giselher Klebe. Ein unglückliches Ehepaar, eine junge Frau, die mit ihrem Verhalten Unglück über ein ganzes Dorf bringt, ein folgenschwerer Unfall mit vielen Toten und Verletzten, ein Mord, ein Selbstmord, ein gebrochener Vater. Eine Menge Drama für zweieinhalb Stunden. Der Komponist und die Librettistin, seine Ehefrau Lore Klebe, halten sich eng an das Schauspiel von Ödön von Horvath. Das ist es eigentlich auch, ein Schauspiel in Musik. Keine ausführlichen Rezitative, keine stimmungsvollen Arien, kein schwelgerischer Orchesterklang. Stattdessen ein Psychogramm des Scheiterns.

Alle Hauptpersonen, also Hudetz, Anna, Hudetz‘ Frau, deren Bruder, Annas Vater, sind ausnahmslos sehr klug von der Personenregie geführt. Jede und jeder Einzelne ist absolut authentisch und handelt, wie er der Logik nach handeln muss.

Sonja Füsti und ihr Team schaffen dafür eine schlichte Bühne, deren einziges beherrschendes Element dieses Gerüst ist. Es ist offen, durchschaubar aber auch wieder nicht durchschaubar. Wandelbar, so dass immer neue Perspektiven und Räume entstehen können. Die Kostüme entwickelt Nora Johanna Gromer aus den Hautfarben bis hin zu Erdfarben. So wirkt alles natürlich und organisch. Einzig Anna (blutrot) und Leni (geblümt) stechen aus diesem Farbkanon heraus. Die Dramaturgin Elisabeth Wirtz spinnt den Spannungsbogen von der ersten bis zur Schlussszene in einem nie abreißendem Kontinuum des Schreckens, wie in einer guten Kriminal-Verfilmung.

Die Musik des 2009 verstorbenen Klebe bewegt sich auf einer Bandbreite von Metaphysik bis Volkstümlichkeit. Sie ist farbenreich und vielfältig und GMD Lutz Rademacher realisiert die Partitur mit dem Symphonischen Orchester, dem Opernchor und Extra-Chor des Landestheaters Detmold und der hervorragenden Solisten-Riege auf gewohnt hohem Premieren-Niveau. Hochkonzentriert führt er das Orchester sicher durch den Abend und ist dabei den Solisten stets zuverlässiger Begleiter.

Die Einstudierung der Chöre lag wieder in den Händen von Chordirektor Francesco Damiani. Der Chor hat hier keine großen Nummern zu singen, sorgt aber mit den zahlreichen kniffligen Auftritten aus dem Foyer und der Seitenbühne für die so wichtige Atmosphäre. Er ist immer zugegen, wenn es dramatisch wird oder die Stimmung kippt.

Auf der anschließenden Premierenfeier dankte der Intendant des Landestheaters Detmold allen voran dem Regisseur Jan Eßinger (der in der Spielzeit 2018/19 am Theater Bielefeld eine zauberhafte Hänsel und Gretel –Produktion inszeniert hat) für die Umsetzung des schwierigen Stoffes.

Von den Solisten sollen an dieser Stelle einige besonders hervorgehoben werden, das aber nur stellvertretend für das gesamte Ensemble, das wieder wie gewohnt spielfreudig und konzentriert agierte.

Anna, gesungen und gespielt von Sheida Damghani, muss genauso sein. Jung, verführerisch, unwiderstehlich, zwischen Mädchen und Schicksalsgöttin. Damghani singt mit Leichtigkeit, verführerischem Charme und einer Portion Durchtriebenheit. Hudetz ist ihr verfallen und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Benjamin Lewis singt den unglücklichen Stationsvorsteher Thomas Hudetz. Der Bariton verfügt über ein wohlklingendes und warmes Timbre, das in allen Lagen stets ausgeglichen ist. Mit großer Überzeugung singt und spielt er den pflichtbewussten Beamten, der doch nie ein Signal vergessen hat und dieses eine Mal scheitert. Auch diesen Bruch vermittelt Lewis absolut überzeugend.

Der Bass Andreas Jören zeigt als Annas Bruder bzw. Schwager seine große Erfahrung. Er verleiht der Rolle Glaubwürdigkeit und Tiefe, und das nicht nur in der Stimmlage. Als besonders anrührend bleibt die Szene im Gedächtnis, als Hudetz den Anzug leihen will. Seungweon Lee gestaltet den Vater. Sehr subtil verleiht er der Rolle ebenfalls eine große Glaubwürdigkeit. Sein sonorer Bass strömt warm und wohltönend, mal donnernd, mal verzweifelt brüchig, aber immer authentisch und nobel im Klang.

Die Musik von Giselher Klebe bietet viele Facetten. Von reduziert subtil, fast minimalistisch bis schwelgerisch wie bei Strauss‘ Elektra umfasst sie viele Farben, die er je nach dramatischer Intensität gekonnt einsetzt.

Dem Topos angemessen ist sie hier eher düster und bedrohlich, jedoch macht Der Jüngste Tag Lust darauf, diesen Komponisten näher zu entdecken. In Detmold war dies sicher nicht das letzte Mal.

Seitens der Rezensentin eine klare Empfehlung, nach Detmold zu fahren und sich eine der weiteren Vorstellungen anzuschauen. Die runde Ensembleleistung wurde am Premierenabend im ausverkauften Haus vom Publikum dankbar und begeistert aufgenommen mit lang anhaltendem Beifall und standing ovations gefeiert. Bravi tutti!

Besprochene Vorstellung: Premiere vom Freitag, 7. Februar 2020

Der jüngste Tag im Landestheater Detmold; die nächsten Vorstellungen 28.2.; 14.3.; 8.4.; 18.4.; 8.5.; 4.6.2020

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

Detmold, Landestheater Detmold, Der Wildschütz – Albert Lortzing, IOCO Kritik, 09.01.2020

Januar 8, 2020 by  
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Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Der Wildschütz – Albert Lortzing

– Die Anti-Oper des Biedermeier –

von Karin Hasenstein

Der Premierenabend im Landestheater Detmold begann mit einer Ansage. Meist verheißt es ja nichts Gutes, wenn vor der Vorstellung ein Mitarbeiter vor den Vorhang tritt. An diesem Abend hatte Eungdae Han sein überraschendes Debüt als Baron Kronthal. Eigentlich war er als Mitglied des Opernstudios als Studienbesetzung vorgesehen und sollte erst eine der späteren Vorstellungen singen. Aufgrund der Erkrankung von Stephen Chambers hatte er seinen großen Auftritt nun schon in der Premiere.

Vor dem geschlossenen Vorhang erblicken wir Geweihe (oder sind es Gehörne? Die Waidmänner unter den Leserinnen mögen mir verzeihen) und englische und deutsche Begriffe in Leuchtschrift: „Lovedom“ und „Aureal“, „Liebe“, „Phantasie“, „real“. György Mészáros nimmt die Ouvertüre unaufgeregt in ruhigem Tempo. Der Charakter der Waldidylle wird unterstrichen von Hörnern und Flöten.

Der Wildschütz – Albert Lortzing
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Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf sechs Figuren, die noch im Dunkeln stehen. Auf eine Gaze wird ein dichter Wald projiziert, durch den ein Jäger mit seiner Flinte streift. Die Melodie von „Auf des Lebens raschen Wogen“ erklingt und der Jäger und die weiteren Figuren bewegen sich. Die Personen tragen „moderne“, also heutige Kostüme mit poppig bunten Elementen und Versatzstücken. Der Jäger erschießt einen Hirsch und wird der Wilderei überführt. Auf der Bühne fällt der Blick auf ein technisches Gerät, das am ehesten an eine große Radio-Antenne oder ein Radar erinnert.

In der nun folgenden Hochzeitsszene tritt der kleine aber feine Chor des Landestheaters auf. In Gelb-, Grün- und Erdtöne gekleidet gibt er „So munter und fröhlich wie heute“ zum Besten. Der Schulmeister Baculus (herrlich bieder und spießig: Seungwoen Lee) begrüßt seine junge Braut Gretchen (niedlich mit Zöpfen und Kleidchen: Annina Olivia Battaglia, quasi eine Vorzeige-Soubrette), die resigniert feststellt „Er könnte etwas jünger sein…!“ Die geheimnisvoll Maschine spuckt eine Rohrpost vom Grafen aus nebst Wein für die Feier. Praktisch, vielleicht gibt das Landestheater die Maschine später ab…

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : Benjamin Lewis als Graf von Eberbach, Stephen Chambers als Baron Kronthal © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der Wildschütz – hier : Benjamin Lewis als Graf von Eberbach, Stephen Chambers als Baron Kronthal © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Im nun folgenden Dialog lernen wir, dass der Baron den Schulmeister wegen Wilderei entlässt. Ein Plan muss her, sonst ist es mit der Hochzeit aus. („Lass er doch hören!“) Gretchen will aufs Schloss, um den Grafen umzustimmen. Annina Olivia Battaglia kann hier ihren leichten klaren Sopran strahlen lassen und brilliert mit perfekter Höhe. Begleitet wird sie von Flöte und den wiederholt äußerst angenehm auffallenden Hörnern. „Wie kannst Du so mein Herz nur schüren“ ist kantabel, gut deklamiert und gestaltet, dramatisch und gleichzeitig komisch, was bekanntlich viel schwerer ist, als ernst oder tragisch. Letztendlich ist alle Mühe jedoch vergeblich, Gretchen darf nicht aufs Schloss.

Die Maschine beginnt sich zu drehen und brummt, nimmt die Funktion eines Flugobjekts oder einer Rakete an. Sie könnte auch das Schiffchen darstellen, das die Baronin im nun folgenden Titel besingt, „Auf des Lebens raschen Wogen“. Dazu ziehen sich die Baronin und ihre Zofe (herrlich im Zusammenspiel: Emily Dorn und Lotte Kortenhaus) Lollis aus der Wundermaschine. Die beiden Frauen legen eine Art Matrosenuniform an (in weiß und fliederfarben), dazu Bänder und Mützen wie Verbindungsstudenten. Derart „getarnt“ treffen sie auf den Schulmeister und Gretchen, die sich heftig streiten. Die Baronin will als „Mädchen“ verkleidet den Baron gewinnen, die Aufmerksamkeit des Zuschauers wird herausgefordert: eine Frau verkleidet sich als Mann verkleidet sich als Frau.

Der folgende Dialog zwischen Gretchen und Nanette wird von der wunderbaren Horngruppe mit Jagdsignalen beendet. Auf der Bühne liegen nun die Worte „Blut“, „Rausch“ und blutige Handschuhe herum. Die dazu ablaufende recht blutige Choreografie bedient sich toter Hasen und ähnlichem. Die Baronin sing in ihrer „Mädchen-Verkleidung“ „Bin ein schlichtes Kind vom Lande“, der Chor antwortet mit „Auf dem Lande will ich bleiben“. Dadurch entsteht ein Ensemble wie schon bei Mozart, dazu heult der Wind Unheil verkündend.

Der Graf spendiert aus der Maschine Süßigkeiten. Er erkennt den Schulmeister und Wilderer. Die Szene wird noch absurder, als zwei Züge aufgezogen werden und die Gräfin in einem Theater auf dem Theater als Antigone erscheint. Da bleibt kein Auge trocken. Die Zuschauer in ihrem Theater, die das offenbar regelmäßig erdulden müssen, sind bereit alle eingeschlafen. Pankratius hat auch seine liebe Not… Der Chor ist sehr überzeugend, in deutlicher Textverständlichkeit, differenzierter Dynamik erscheint auch diese Chorszene exzellent durchhörbar.

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : Nanette, Emily Dorn als Baronin Freimann © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der Wildschütz – hier : Nanette, Emily Dorn als Baronin Freimann © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Dem kurzen Dialog zwischen dem Schulmeister und Pankratius folgt eine Arie des Barons, ein schöner und leichter Buffotenor, allenfalls ein wenig eng in der Höhe. Hinter dem Vorhang singt die GräfinAuf dem Lande“ und stellt fest „Ich werde glücklich sein!“ Das ist jedoch ein Irrtum…

Das nächste Unglück ist, dass die Musikanten abgesagt haben, glücklicherweise kann der Schulmeister Klavier spielen. Der Baron ist gar nicht einverstanden „Was hör‘ ich, mir aus den Augen!„, hat er den Wilderer doch verbannt. Unterbrochen wird er jedoch von dem „Kind vom Lande“ mit den Worten „Ach, Sie verzeihen, dass ich hier so trete ein“. Das sich daraus entwickelnde Quintett gelingt den Solisten ausgesprochen gut. Beschwingt werden die Zuschauer in die Pause entlassen.

Nach der Pause steht Antigone immer noch in dramatischer Pose auf dem Podest…Beim anschließenden gesprochenen Text des Barons fällt wiederholt der starke Akzent Eungdae Hans auf, den er beim Singen besser im Griff hat.In der darauffolgenden Arie ist das Orchester ein stets wacher zuverlässiger Begleiter. Es folgen weitere Dialoge, Arien und Ensembles, allesamt in gleichmäßiger guter Qualität.

Langsam gleitet das Ganze ein bisschen ins Slapstick ab, als der Graf und der Stallmeister in Strapsen und rosa Mieder um das Mädchen spielen. Der Graf fesselt sie mit ihrer roten Wolle, mit der sie kurz zuvor noch gestrickt hat, das Ganze erinnert fast ein bisschen an eine Bondage-Szene. Zu amourösen Verwicklungen entspinnt sich wieder ein Mozartesques Quintett, als die Gräfin dazukommt. Der Stallmeister will die Braut des Schulmeisters und bietet ihm für sie 5.000 Taler. „5.000 Taler! Träum‘ oder wach‘ ich?“ fragt sich da nicht nur der Schulmeister. Immer wieder erklingt im Orchester leicht und spielerisch das Jagdmotiv. Bei der Instrumentierung dominieren klar die Hörner.

Bei diesem verlockenden Angebot kann der Schulmeister nicht widerstehen und er verschachert seine junge Braut. Die Gräfin / Antigone und andere Personen lösen sich mit Chipkarten verschiedene Dinge aus der Wundermaschine, die inzwischen in einem Winterwonderland steht. Die Arie des Grafen „Wie strahlt die Morgensonne!“/ „Heiterkeit und Fröhlichkeit“ gerät ausgesprochen brillant und überzeugend.

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der Wildschütz – hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

In der nun folgenden Dialogszene zwischen dem Grafen und dem Stallmeister herrscht Irritation darüber, wer nun Gretchen ist, von der es plötzlich zwei identische Ausgaben gibt! Es stellt sich schnell heraus, es ist des Grafen Schwester! Ein Bürgerlicher und eine Gräfin? Ja, geht das denn? Die Maschine im Winterwald beginnt zu brummen und färbt sich rot. An drei roten Bändern sind die Personen angebunden und in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt. Die Aufklärung lässt nicht lange auf sich warten, es ist die Schwester, also „die Stimme der Natur“. „So hat mich nicht getäuscht die Stimme der Natur!“ Nun ziehen alle vier an den roten Bändern, zwei Geschwisterpaare, und das Fazit ist: „Unschuldig sind wir alle!“ Konfettikanonen versprühen Partylaune und Blumengirlanden schmücken die glücklichen Geschwister.

Wie sich das für eine gute Komische Oper gehört, wird zum Schluss die Auflösung präsentiert. „Der Unschuld Augen rühren mich“ und der Graf klärt auf: der Schulmeister hat gar keinen Hirschen gewildert, sondern nur den eigenen Esel erschossen. Damit entfällt auch der Grund für die Verbannung. Der Schulmeister muss erkennen „So hat mich denn getäuscht die Stimme der Natur!“ Er darf im Amt bleiben und behält obendrein auch noch sein Gretchen, denkt er. Die Zofe jedoch schneidet Gretchen von ihrem Band los und nimmt sie mit sich fort. Als die Schere das Band zerschneidet, fallen alle anderen um. Das Licht erlischt, der Vorhang fällt. Ende.

Was an diesem Premiereabend im Landestheater Detmold auffällt, ist wieder die homogene Ensembleleistung. Solisten, Chor und Orchester agieren über zweieinhalb Stunden auf gleichbleibend hohem Niveau. Das ist viel für eine Komische Oper, denn irgendwie muss man ja bei relativ dürftiger Handlung die Zuschauer „mitnehmen“, wenn es schon keine große intellektuelle Herausforderung ist. Dann doch bitte wenigstens gute und kurzweilige Unterhaltung. Die wird in Detmold konsequent geboten, eine eindeutige Stärke des kleinen Hauses in der Residenzstadt. Einzelne Solisten herausheben hieße andere herabsetzen, was hier ausdrücklich nicht geschehen soll. Daher sei stellvertretend Anna Olivia Battaglia genannt, die ein wirklich zauberhaftes Gretchen gibt. Sängerisch wie darstellerisch bleiben hier keine Wünsche offen. Bei den Herren sei der Retter der Premiere, Einspringer Eungdae Han genannt. Er lieferte an diesem Abend sein bravouröses Debüt. Der spielfreudige Opern- und Extrachor (Einstudierung Francesco Damiani) trug ganz wesentlich zum guten Gelingen des Abends bei und ist immer eine sichere Bank. Das Orchester des Landestheater Detmold unter György Mészáros ist Solisten und Chor durchweg ein sicherer und sensibler Begleiter. Solisten werden nicht zugedeckt, der Gesamtklang in dem kleinen Haus bleibt stets ausgewogen. Mészáros kennt sein Haus und seine Akustik und geht sensibel und gekonnt damit um.

Alles in allem ein rundum erfreulicher Premierenabend, für den sich das Publikum mit lang anhaltendem Applaus und standing ovations bedankte.

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

Rudolstadt, Theater Rudolstadt, Ballett-Premiere Cinderella, 11.01.2020

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Rudolstadt / Thüringisches Landestheater © Friederike Lüdde

Rudolstadt / Thüringisches Landestheater © Friederike Lüdde

Theater Rudolstadt

Premiere am 11. Januar 2020, 19:30 Uhr, Theater im Stadthaus

Cinderella

Ballett in drei Akten von Sergej Prokofjew
Libretto von Nikolai Wolkow nach dem gleichnamigen Märchen von Charles Perrault

Kooperation mit dem Theater Nordhausen
Choreografie: Ivan Alboresi
Bühne: Wolfgang Kurima Rauschning
Kostüme: Anja Schulz-Hentrich
Dramaturgie: Juliane Hirschmann

Theater Rudolstadt / Cinderella - v. li. Thibaut Lucas Nury (Prinz), Martina Pedrini (Cinderella), Ballett TN Los! © Leszek Januszewski

Theater Rudolstadt / Cinderella – v. li. Thibaut Lucas Nury (Prinz), Martina Pedrini (Cinderella), Ballett TN Los! © Leszek Januszewski

Mit: Dominic Bisson, Otylia Gony, Hannah Law, Joshua Lowe, Ayako Kikuchi, Urko Fernandez Marzana, Camilla Matteucci, Thibaut Lucas Nury, Martina Pedrini, Eleonora Peperoni, Nils Röhner, Andrea Giuseppe Zinnato

„Jeder kann Cinderella sein!“
Theater Rudolstadt zeigt in Kooperation mit dem Theater Nordhausen ein magisches Ballett

Rudolstadt/Saalfeld. Es gibt Märchen, die sind so zauberhaft – man kann sie nicht oft genug erzählen. Die Geschichte von Aschenputtel gehört zweifellos dazu. Als Ballett mit Musik von Sergej Prokofjew feiert „Cinderella“ am 11. Januar am Theater Rudolstadt in Kooperation mit dem Theater Nordhausen Premiere.

Theater Rudolstadt / Cinderella -v. li. Martina Pedrini (Cinderella), Thibaut Lucas Nury (Prinz) © Marco Kneise

Theater Rudolstadt / Cinderella -v. li. Martina Pedrini (Cinderella), Thibaut Lucas Nury (Prinz) © Marco Kneise

„Jeder kann im Grunde Cinderella sein!“, meint Choreograf Ivan Alboresi. Zusammen mit seinem Nordhäuser Tanzensemble erzählt er das Märchen als eine moderne Geschichte über Selbstverwirklichung und die Suche nach dem eigenen Glück. Klassisch bleibt dennoch die Handlung: Der Traum des jungen Mädchens verwirklicht sich auf dem königlichen Ball, als sich der Prinz beim Tanzen ausgerechnet in sie verliebt. Dass Cinderella überhaupt auf das Schloss gehen kann, hat sie nicht nur einer Fee zu verdanken, sondern mindestens ebenso ihrer Bescheidenheit, Güte und ihrem Fleiß. Als ihre böse Stiefmutter und deren gehässige Töchter auf das königliche Fest verschwinden, lassen sie Aschenputtel allein zurück, überhäuft mit neuer Hausarbeit. Da erfüllt ihr die Fee den größten Wunsch. Bis die Turmuhr Mitternacht schlägt, darf Cinderella in einem zauberhaften Kleid mit dem Prinzen tanzen – dann muss sie das Fest verlassen. Auf ihrer überstürzten Flucht verliert sie ihren gläsernen Schuh. Mit ihm sucht der Prinz so lange nach ihr, bis er die wahre Trägerin gefunden hat.

Theater Rudolstadt / Cinderella -v. li. Andrea Giuseppe Zinnato (Stiefschwester Drisella), Camilla Matteucci (Gräfin Tremaine, Stiefmutter), Eleonora Peperoni (Anastasia, Stiefschwester)  © Marco Kneise

Theater Rudolstadt / Cinderella -v. li. Andrea Giuseppe Zinnato (Stiefschwester Drisella), Camilla Matteucci (Gräfin Tremaine, Stiefmutter), Eleonora Peperoni (Anastasia, Stiefschwester) © Marco Kneise

Sergej Prokofjews 1945 am Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführtes Ballett konnte sich neben seiner ebenso beliebten Vertonung von „Romeo und Julia“ schnell auf den Bühnen der Welt einen festen Platz erobern. Die humorvolle, teils skurrile, rhythmisch sehr pointierte Musik schafft es sogar immer wieder in die Programme der Konzerthäuser. Auch Choreograf Ivan Alboresi bietet sie eine facettenreiche Vorlage. In den beiden Hauptrollen seines Balletts tanzen Martina Pedrini und Thibaut Lucas Nury. Das Bühnenbild stammt von Wolfgang Kurima Rauschning und die farbenfrohen, fantasievollen Kostüme sind das Werk von Anja Schulz-Hentrich.

Auf die Premiere am 11. Januar, um 19.30 Uhr im Rudolstädter Theater im Stadthaus folgen nächste Aufführungen am 19. und 28. Januar, jeweils 15 Uhr, und am 31. Januar, um 19.30 Uhr. Karten sind an den üblichen Vorverkaufsstellen, über die Internetseite des Theaters sowie telefonisch unter 03672/422766 erhältlich.

—| Pressemeldung Theater Rudolstadt |—

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