Linz, Landestheater Linz, Wiederaufnahme CARMINA BURANA, 01.12.2019

November 20, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

WIEDERAUFNAHME: CARMINA BURANA

Tanztheater von Mei Hong Lin | Musik von Carl Orff

Mit Carmina Burana schuf Carl Orff eines der populärsten Werke der ernsten Musik. In dieser Spielzeit steht Mei Hong Lins als Gesamtkunstwerk umjubelte Interpretation des monumentalen Klassikers der Moderne wieder auf dem Spielplan. In dem spartenübergreifenden Großprojekt wirken neben der Kompanie TANZLIN.Z auch Chor, Extrachor, Kinder- und Jugendchor des Landestheaters sowie Solistinnen und Solisten des Sängerensembles und das Bruckner Orchester Linz mit.

Orffs gigantisches Kaleidoskop um menschliches Werden und Vergehen, die Wechselhaftigkeit des Schicksals und die Flüchtigkeit des Glücks hat die Linzer Tanzdirektorin in zeitgenössisches Tanztheater übersetzt. Ihre Darsteller*innen sind Menschen von heute, deren Erlebniswelt sich zwischen komplexen Familienkonstellationen und Casting-Shows, zwischen Freude und Trauer, Gier und Lust abspielt. In einem multidimensionalen Kosmos aus Klang, Licht, Tanz und Design lässt Mei Hong Lin ihre Tänzer*innen das Rad des Schicksals drehen und entfesselt ein sinnliches Spektakel um das Drama des Menschen und seinen Lebenskampf zwischen Angst und Hoffnung.

Wiederaufnahme | So, 1. Dezember, 19.30 Uhr Großer Saal Musiktheater

Die weiteren Termine: 17., 28. Dezember 2019; 1. und 7. Jänner 2020


CARMINA BURANA (WIEDERAUFNAHME)
TANZTHEATER VON MEI HONG LIN | MUSIK VON CARL ORFF
Szenische Kantate in drei Teilen (1937)
Text nach einer Auswahl aus der gleichnamigen Handschrift lateinischer und deutscher Lieder und Gedichte (um 1250)
In lateinischer und mittelhochdeutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Wiederaufnahme Sonntag, 1. Dezember 2019, 19.30 Uhr
Großer Saal Musiktheater
Musikalische Leitung Marc Reibel
Choreografie und Inszenierung Mei Hong Lin
Bühne Dirk Hofacker
Kostüme Bjanka Ursulov
Visuals Valentin Huber
Chorleitung Elena Pierini
Leitung Extrachor Martin Zeller
Leitung Kinder- und Jugendchor Ursula Wincor
Dramaturgie Ira Goldbecher, Thorsten Teubl

GESANGSSOLISTEN
Sopran Fenja Lukas, Etelka Sellei, Tenor Matthäus Schmidlechner, Bariton Martin Achrainer, Timothy Connor

TÄNZER
Schicksal (Fortuna) Julio Andrés Escudero

In verschiedenen Rollen Rie Akiyama, Lara Bonnel Almonem, Kayla May Corbin, Julie Endo, Núria Giménez Villarroya, Mireia González Fernández, Rutsuki Kanazawa, Safira Santana Sacramento, Melissa Panetta, Alessia Rizzi, Valerio Iurato, Filip Löbl, Vincenzo Rosario Minervini, Nimrod Poles, Pavel Povrazník, Lorenzo Ruta, Andrea Schuler, Pedro Tayette, Shang-Jen Yuan

Chor des Landestheaters Linz, Extrachor des Landestheaters Linz, Kinder- und Jugendchor des Landestheaters Linz, Statisterie des Landestheaters Linz, Bruckner Orchester Linz

—| Pressemeldung Landestheater Linz |—

Linz, Landestheater Linz, Le Prophète – Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritik, 05.11.2019

November 5, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Le Prophète  –  Giacomo Meyerbeer

 Die Wiedertäufer – im Wettstreit der Unrechtssysteme

von Marcus Haimerl

Die Grabstätte von Giacomo Meyerbeer in Berlin © IOCO

Grabstätte von Giacomo Meyerbeer in Berlin © IOCO

Die erste Premiere der Saison im Landestheater Linz galt Giacomo Meyerbeers selten aufgeführter grand opéra Le Prophète (Der Prophet). Giacomo Meyerbeer und sein Librettist Eugène Scribe unterschrieben bereits 1838 den Werkvertrag über den „Propheten“ und hinterlegten im März 1841 eine provisorische Partitur bei einem Pariser Advokaten; in weiser Voraussicht, dass es mit der Direktion bereits vor der Premiere zu heftigen Auseinandersetzungen kommen könnte. Und so kam es auch: Direktor Léon Pillet weigerte sich, die von Meyerbeer für die zentrale Partie der Fidès vorgesehene, äußerlich weniger attraktive Altistin Pauline Viardot-Garcia zu akzeptieren. In Folge zog der Komponist die Partitur zurück und es kam erst mit dem Amtsnachfolger Edmond Duponchel 1847 zu einer Einigung. Bis zur Premiere im April 1849, hatte Meyerbeer ausreichend Zeit, letzte Hand an die Partitur zu legen und die Proben mit enormem Arbeitsaufwand – allein dreiundzwanzig Orchesterproben – zu leiten. Wie bei seinen Hugenotten musste auf Grund der Überlänge eine Dreiviertelstunde Musik gestrichen werden. Auf das Endergebnis hatte die Kürzung jedoch keinerlei Auswirkung, war doch der Erfolg genauso sensationell wir bei Robert le Diable.

Le Prophete – Giacomo Meyerbeer
youtube Trailer Landestheater Linz
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Die Beliebtheit der Werke von Giacomo Meyerbeer zeigt sich auch an der Tatsache, dass am Premierentag, dem 16. April 1849, die Deputiertenversammlung im Pariser Parlament nicht beschlussfähig war, da zu viele Abgeordnete in der Opéra saßen.

Eugène Scribes Libretto behandelt eine Episode aus der Geschichte des Täuferreich von Münster, der Wiedertäufer, deren Anführer  Johann von Leyden (in der Oper Jean de Leyde) in den Jahren 1534/35 die Stadt Münster beherrschte, Katholiken sowie Protestanten vertrieb, das Reich Zion wurde ausrief, das Privateigentum abschaffte und Vielweiberei einführte. Das Täuferreich von Münster endete im Juni 1535 in einem Blutbad, als kaiserliche Truppen unter Franz von Waldeck Münster eroberten. Johann van Leyden und andere Anführer wurden auf dem Prinzipalmarkt von Münster öffentlich gefoltert, Zungen mit glühenden Zangen heraus gerissen; nach ihrem Tod wurde van Leyden sichtbar in einem eisernen Korb an der  Lambertikirche  aufgehängt. Die Körbe hängen bis heute dort.

Anders als bei den Hugenotten sperrte Scribe alles Gewalttätige der Szene aus und ließ auch keine Diskussion der messianischen und sozialrevolutionären Aspekte der Wiedertäuferbewegung zu. Stattdessen rahmt, wie auch schon bei den Hugenotten, die historische Handlung eine Privathandlung, die Beziehung Jeans zu seiner Mutter Fidès und seiner Braut Berthe, ein:

Die Waise Berthe ist mit Jean verlobt. Jeans Mutter Fidès kommt zu ihr, um diese zu ihrem Bräutigam zu führen. Die beiden treffen auf Zacharie, Jonas und Mathisen, drei Anhänger der Anabaptistenbewegung, die aus ihren religiösen Ansichten heraus das Volk zum Kampf gegen die Obrigkeit anstachelt. Die Anhänger des Grafen von Oberthals, der über diese Gegend herrscht, können den Aufstand noch einmal verhindern.

Beide Frauen nutzen die Gelegenheit, das Einverständnis Oberthals für die Hochzeit zu erbitten. Doch Oberthal schleppt beide, Fidès und Berthe, die sein Begehren geweckt hat, mit sich fort.

 Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Matthäus Schmidlechner als Jonas, Jeffrey Hartman in der Titelpartie des Jean, Adam Kim als Mathisen © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Matthäus Schmidlechner als Jonas, Jeffrey Hartman in der Titelpartie des Jean, Adam Kim als Mathisen © Reinhard Winkler

Während Jean auf Braut und Mutter wartet, erkennen die drei Täufer in ihm einen ausstrahlungsstarken Führer. Dieser lehnt jedoch ab. Als Berthe auf der Flucht vor Oberthals Zudringlichkeiten Schutz bei Jean sucht, dieser aber von Oberthal vor die Wahl gestellt wird, entweder seine Braut herauszugeben oder den Tod seiner Mutter miterleben zu müssen, entscheidet sich Jean für die Mutter. Er ist nun auch bereit, sich den Täufern anzuschließen und – als selbsternannter Prophet die Führung der Täufer zu übernehmen.

Mathisen meldet, dass der Kaiser mit einem Heer im Anmarsch ist, um der Stadt Münster, die von den Täufern belagert wird, zu Hilfe zu eilen. Zacharie befiehlt im Namen des Propheten, ohne sich mit Jean abzusprechen, den Sturm auf die Stadt. Oberthal wird von den Täufern aufgegriffen. Jean fragt nach seiner Braut und erfährt, dass Berthe nach Münster geflohen ist. Es wird gemeldet, dass der Angriff fehlgeschlagen ist. Die Soldaten revoltieren gegen Jean, da sie ihn für den Urheber dieses missglückten Angriffs halten. Mit einer charismatischen Ansprache vermag der Prophet die Soldaten zu besänftigen und bricht nun gemeinsam mit ihnen auf, um die Stadt zu erobern.

Die Täufer haben die Stadt Münster eingenommen, in welche es auch Fidès verschlagen hat. Sie trifft auf Berthe, beide wissen nicht, dass Jean der Prophet ist, vielmehr vermutet Fidès, der Prophet habe Jean getötet. Als sie Berthe davon erzählt, will diese den Propheten töten. Als sich Jean zum König seiner Bewegung krönen lässt, erkennt Fidès in ihm ihren Sohn und ruft entsetzt „Mein Sohn!“. (Meyerbeer beachtet hier geschichtliches: Auch Wiedertäufer Johann von Leyden ließ sich 1535 zum „König“ von Münster krönen)

Daraufhin behauptet Jean, dass Fidès wahnsinnig sei und ihn verwechsle. In einer Rede an das Volk bietet er seinen Tod an, falls er doch der Sohn von Fidès sei, da ansonsten der Einsturz des Propagandagebäudes der Täufer droht. Der Trick gelingt, Fidès revoziert und die Anhänger des Propheten glauben an ein Wunder.

Der Kaiser hat Zacharie, Jonas und Mathisen freies Geleit für die Auslieferung Jeans zugesichert. Diese wollen das Angebot annehmen. Fidès ist bereit Jeans Verhalten zu verzeihen, wenn er sich von den Täufern lossagt. Alle drei wollen ein gemeinsames Leben in der Abgeschiedenheit beginnen. Als ein Getreuer Jeans den Verrat der drei Täufer meldet, erkennt Berthe in Jean den verhassten Propheten, das kann sie nicht ertragen und nimmt sich das Leben. Da Jean nun nichts mehr bleibt, reißt er sich, seine Anhänger und Feinde in den Untergang, als er bei einem Fest ein Pulvermagazin, das sich unter dem Saal befindet, in Brand setzt.

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Jeffrey Hartmann als Jean und die Täufer © Reinhard Winkler

In seiner Arbeit setzt Regisseur Alexander von Pfeil auf Zeitlosigkeit. Das Einheitsbühnenbild von Piero Vinciguerra zeigt das Halbrund einer außer Betrieb genommenen, verfallenen Fabrikshalle in einer postapokalyptischen Zeit. In jener Fabrikhalle herrscht der Graf von Oberthal, ehe sich die Machtverhältnisse in diesem Mikrokosmos verschieben und die Täufer eine andere Form von Schreckensherrschaft ausüben. Hier dominieren brennende Kreuze, Hinrichtungen stehen an der Tagesordnung, tote Körper hängen von der Decke und die ehemaligen Begleiterinnen des Grafen von Oberthal werden gezwungen, den Boden zu waschen.  Ku-Klux-Klan und die Behandlung der jüdischen Bevölkerung im dritten Reich sind nur einige Bilder, die dem Zuseher hier in den Sinn kommen.

Alexander von Pfeil verzichtet auf die szenische Umsetzung der für die Grand Opéra typischen Balletteinlage und setzt von Beginn an auf projizierte Bibelstellen und Zitate („Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie harmlose Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe.“ Matthäus 7,15). Mit diesen düsteren Bildern gelingt es Alexander von Pfeil, den Kern des Werks freizulegen und zu zeigen, wie ein Unrechtssystem durch ein viel Schlimmeres ersetzt wird.

Die Titelpartie des Jean singt der amerikanische Tenor Jeffrey Hartman mit samtenem Tenor, sorgt für schöne Momente und kann im Finale überzeugen. Die heimliche Titelrolle, jener von Jeans Mutter Fidès, wird von der amerikanischen Mezzosopranistin Katherine Lerner mit großer Leidenschaft und höchster Präzision verkörpert, besonders intensiv im Finale des vierten Aktes. Herausragend die Berthe von Brigitte Geller, die mit ihrem großen, leuchtenden Sopran eine überzeugende Wandlung vollzieht. Mit ihrer enormen Bühnenpräsenz wird die Partie der Berthe der ansonsten dominanteren Rolle der Fidès ebenbürtig.

Stimmstark auch das Täufer-Trio Dominik Nekel (Zacharie), Matthäus Schmidlechner (Jonas) und Mathisen (Adam Kim). Als Bösewicht Graf von Oberthal begeistert Martin Achrainer mit seinem schönen, ausdruckstarken Bariton und intensivem Spiel.

Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Jeffrey Hartmann als Jean und Katherine Lerner © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Jeffrey Hartmann als Jean und Katherine Lerner © Reinhard Winkler

Auch das restliche Ensemble konnte mit soliden Leistungen aufwarten: Markus Schulz (ein Bauer), Csaba Grünfelder (ein Soldat), Marius Mocan (ein Bürger), Tomasz Kovacic (ein Offizier), Jonathan Whiteley und Markus Raab (Wiedertäufer) und Danuta Koskalik und Yoon Mi Kim-Ernst (zwei Bäuerinnen). Größtes Lob auch für die Leistungen des Chors, des Extrachors und des Kinder- und Jugendchors des Landestheater Linz.

Am Pult des Bruckner Orchesters Linz versteht Markus Poschner über knapp vier Stunden die musikalische Spannung zu halten und die teils aufrüttelnde Musik von  Giacomo Meyerbeer detailreich wiederzugeben.

Mit dieser Produktion hat das Landestheater Linz sich nicht nur eines Riesenwerks angenommen, sondern auch bewiesen, dass Giacomo Meyerbeer auch heute noch Aktualität besitzen kann.

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Linz, Landestheater Linz, The rape of Lucretia – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 12.10.2019

Oktober 11, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

 The rape of Lucretia – Benjamin Britten

– Too late, Lucretia, too late! – or –  I refuse! –

von  Elisabeth König

 Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

Benjamin Brittens dritte Oper, die Kammeroper rund um Ehre und Vernichtung einer treuen Frau wurde 1946 in Glyndebourne mit Kathleen Ferrier in der Titelrolle uraufgeführt. Das Libretto der Oper in zwei Akten schrieb Ronald Duncan nach dem Schauspiel Le Viol de Lucrèce von André Obey. Die Kammeroper arbeitet mit minimalen Mitteln zu großem Effekt; der griechische Chor ist auf zwei Erzähler reduziert und auch das nur 14 Instrumente umfassende Kammerorchester erzielt überraschend volle große Klangmomente.

Dennoch sollte der Oper historisch nur geringer Erfolg beschieden sein. Die Abstraktion der Handlung, die hochkomplexe Tonwelt, in die nur selten melodische Stimmführung einbricht, und die Bezugnahme auf christliche Mythologie und Erlösungsmetaphern (in einer Handlung ca 500 Jahre vor Christi Geburt), schaffen ein höchst vielschichtiges Werk, in welchem Britten nicht nur die Geschichte einer Vergewaltigung erzählt, sondern auch anschließt an den Gründungsmythos der römischen Republik und des christlichen Abendlandes.

In der in der Black Box des Landestheater Linz zur Aufführung gebrachten Produktion der Oberösterreichischen Opernstudios gelingt es der Inszenierung von Opernstudiochef Gregor Horres, mit simplen Mitteln szenenweise ungeheuer starke Momente auf die Bühne zu bringen.

The rape of Lucretia – Benjamin Britten
youtube Trailer des Landestheater Linz
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Auf der als Laufsteg zwischen zwei Publikumstribünen konzipierten Bühne mit dem Orchester an der einen Längsseite und einem simplen Bühnenbild bestehend aus drei Zugtüren auf der anderen, spielten die SängerInnen mehr oder minder von allen Seiten umzingelt. Dies ermöglichte gewisse szenische Freiheiten und band das Publikum gelungen in das Stück mit ein, ließ es sozusagen zu Mitleidenden und Mittätern werden. Es erschwerte jedoch auch in manchen Momenten die emotionale und dramatische Steigerung. Die schauspielerische Stringenz war stellenweise unterbrochen durch Momente nicht inszenierten Stillstands bzw. Spannungsabfalls. In den Momenten der inszenierten Paralyse jedoch beginnt das Stück zu atmen und die SängerInnen schaffen große emotionale Momente, die sich auf das Publikum übertragen.

Die jungen SängerInnen waren durchweg von hohem Niveau, und meisterten akustische Herausforderungen des nicht unkomplizierten und trockenen Raumes ebenso mit Bravour wie mit musikalischer Präzision.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

Rafael Helbig-Kostka in der Rolle des Erzähler /Männerchores beeindruckte mit perfekter nahezu britisch-klarer Diktion, eleganter Phrasierung und einem schönen, weichen Tenor, den man sich sowohl als Rodolfo in La Bohème als auch auf einer Lied-Bühne überzeugend vorstellen kann. Obgleich nur Beobachter und Berichterstatter, vermochte er es doch, mit emotionaler Tiefe und berührender Empathie mit den handelnden Personen auch dem Publikum als emotionaler Haltepunkt im Stück zu dienen.

Svenja Isabella Kallweit als sein weiblicher Gegenpart in der Rolle der Erzählerin /Frauenchores, zeigte nach einer kurzen Einsingphase einen klaren Sopran mit runder dramatischer Mittellage. Ihre perfekte Umsetzung der anfänglich unemotional beobachtenden und kommentierenden „Nachrichtenlady“ wich mit den Gräueln gegen die weiblichen Charaktere immer mehr einem Mitleiden und empathischer Identifikation.

Generell war die Verbindung von Erzähler und Erzählerin mit den handelnden Charakteren ihres jeweiligen Geschlechtes, die ja auch von Britten so komponiert ist, szenisch gelungen umgesetzt; besonders, wenn der Erzähler zum Sprachrohr der inneren Vorgänge des Tarquinius wird, und auch im Außen als sein szenischer Spiegel dient.

Als Prinz Tarquinius wusste Timothy Connor mit einer reifen und erwachsen-profunden Stimme zu überzeugen. Er vermochte es, von Anfang an eine gewaltbereite Virilität zu präsentieren, die in ihrer Aggression jeden Augenblick hervorzubrechen droht. Hieraus seine geifernd-lechzende Anziehung zu Lucrezia zu entspinnen, setzte das Publikum von Anfang an gekonnt unter psychologischen Druck und warf die Schatten der Tat voraus.

Philipp Kranjc in der Rolle des Collatinus, des mit Lucretia verheirateten römischen Generals, besticht mit schöner, weicher Stimme, und überzeugender und eleganter schauspielerischer Leistung. Der koreanische Bariton Seunggyeong Lee überzeugte in der Rolle des moralisch unambizionierten und maliziös stichelnden römischen Generals Junius.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Ensemble © Petra Moser

Florence Losseau in der Titelpartie der keuschen Lucretia begeistert mit schönem, warmen Alt, der sich stückbedingt nur selten zu dramatischen Ausbrüchen aufschwingen darf, jedoch mit klar verständlicher Diktion und Emotionalität punktet. Ihre großartige schauspielerische Leistung geht Hand in Hand mit Verständnis für die Menschlichkeit Lucretias und berührt in ihrer würdevollen Verzweiflung umso mehr. In der Rolle ihrer Amme Bianca weiß Sinja Maschke zu überzeugen und Etelka Sellei als Dienerin Lucia zeigt flötende Höhen und zierliche Piani.

Die feinfühlige und dynamische musikalische Leitung des Abends oblag Leslie Suganandarajah, dem neuen musikalischen Leiter des Salzburger Landestheaters, der mit seinem klaren, verständlichen Dirigat und hoher Energie Orchester wie Sänger sicher durch die trügerischen Klippen von Brittens Musik führte und dabei auch sichtbar gute Laune hatte und verbreitete. Das Linzer Bruckner Orchester spielte an diesem Abend souverän, wenn auch leider mit ein, zwei kleinen „Verstimmungen“. Sehr gelungen war auch das Wechselspiel von Orchestern und Sängern, das durch die räumliche Aufteilung entstand und das Publikum in das Bühnengeschehen miteinzubinden vermochte.

Die Bühnengestaltung von Jan Bammes, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, war schlicht, aber effektvoll: drei Türen, die Einblicke in das Leben der Charaktere ermöglichen, wie auch Brittens Oper in ihrer periodenhaften Behandlung des Stoffes Einblicke in deren Seelen bietet. Das Bühnenbild dient zusätzlich als Projektionsfläche für zwei Schlüsselszenen der Oper und wird von Regisseur Gregor Horres multifunktionell eingesetzt.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Hervorzuheben sind zwei Momente dieser Oper, die notorisch schwierig darzustellen sind  und vom Regisseur meisterhaft gelöst wurden. Tarquinius‘ lustgeifernder nächtlicher Ritt nach Rom ist als projizierte Autofahrt durch die reizüberflutenden Straßen Roms dargestellt, deren stilisierte Bilder mehr und mehr den Fokus verlieren, bis er schließlich bei Lucretia ankommt.

Die Vergewaltigungsszene fand – entgegen befürchteter Gewaltexzesse im Stil des deutschen Regietheaters – hinter verschlossenen Türen statt. Lucretia wird an den Haaren von der Bühne geschleift, und die Türe schließt sich, um einer Projektion eines eine Gazelle jagenden Geparden Platz zu machen. Die Gleichsetzung der Vergewaltigung mit einem Tötungsakt im Tierreich ist ein eindrucksvolles Bild und kann als Metapher für den ganzen Abend dienen.

Männer werden hier mit Raubtieren gleichgesetzt, die in ihrem Egoismus über Leben und Ehre, Frauenschicksale und Tod verfügen. Die Tyrannei der etruskischen Regierung Tarquinius über das wehrlose römische Volk ist widergespiegelt in der Tyrannei seines Sohnes über die wehrlose und schuldlose Frau.

Vergewaltigung ist nicht nur körperlicher Besitz, es ist Besitzergreifung der Identität und Seele des Opfers und absolute Macht über dieses. Lucretias Integrität und Charakter muss nicht nur in Frage gestellt werden, sie muss vernichtet und ausgelöscht werden durch private Schmach und öffentlich-politische Demütigung. Auch die Liebe ihres Gatten vermag den traumatischen Übergriff nicht auszulöschen. Die Vergewaltigung bedeutet für sie nicht nur Schande, sie bedeutet die komplette Eradikation alles Guten in ihrer Welt, und angesichts dieser Auslöschung ist ihr einziger Weg der Tod.

Generell hervorzuheben ist die szenische Eleganz, mit der das schwierige Thema behandelt war. In einer Zeit, in der #metoo aus dem Theatergeschehen auf vielfältige Weise nicht wegzudenken ist, versetzte der Regisseur den Gewaltakt in die Vorstellung und Fantasie des Publikums, anstatt ihn tatsächlich auf der Bühne stattfinden zu lassen.

So dankbar das Publikums schien, nicht mit der rohen Brutalität einer aktiv sichtbaren Vergewaltigung umgehen zu müssen, und so gelungen die Bilder Ersatz und Erklärung boten, so erstaunlich wenig Schockwirkung schien die Szene tatsächlich auszulösen. Erst das Erwachen Lucretias am Morgen danach und ihre Reaktion lösten diese aus. Ob dies genug Appell gegen die Schändung und Auslöschung einer Frau war, möge sich jeder in den kommenden Vorstellungen selbst beantworten.

Das Nachspiel, in welchem die menschliche und drückende Hoffnungslosigkeit der Figuren durch die Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz gelindert und überhöht wird, scheint angesichts der weltweiten Realität nahezu zynisch zu klingen. Und doch kann der Mensch angesichts der erschütternden Tragödie nur mit dem Glauben und der Hoffnung auf ein besseres Morgen weiterleben.

Mit diesem Hoffnungsschimmer endete ein aufwühlender und doch toller Opern-Abend

The rape of Lucretia am Landestheater Linz; die weiteren Vorstellungen 12.10.; 17.10.2019

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Linz, Landestheater Linz, Premiere LE SACRE DU PRINTEMPS, 26.10.2019

Oktober 4, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Premiere

LE SACRE DU PRINTEMPS | ZWEITEILIGER TANZABEND VON MEI HONG LIN

MUSIK VON IGOR STRANWINSKY UND RICHARD STRAUSS
TANZLIN.Z & BRUCKNER ORCHESTER LINZ
CHOREOGRAFIE & INSZENIERUNG: MEI HONG LIN
MUSIKALISCHE LEITUNG: MARKUS POSCHNER

PREMIERE SA 26. OKTOBER 2019, 19.30 UHR, MUSIKTHEATER | LINZ

WEITERE TERMINE 29. Oktober; 1., 6., 8., 10., 16., 18., 21., 26. November; 7., 11. Dezember 2019; 4., 10. Jänner 2020


Landestheater Linz / LE SACRE DU PRINTEMPS © Robert Josipovic

Landestheater Linz / LE SACRE DU PRINTEMPS © Robert Josipovic

LE SACRE DU PRINTEMPS

ZWEITEILIGER TANZABEND VON MEI HONG LIN | MUSIK VON IGOR STRAWINSKY UND RICHARD STRAUSS

Premiere Samstag, 26. Oktober 2019, 19.30 Uhr
Großer Saal Musiktheater

Musikalische Leitung Markus Poschner
Choreografie und Inszenierung Mei Hong Lin
Bühne und Kostüme Dirk Hofacker
Lichtdesign Johann Hofbauer
Dramaturgie Thorsten Teubl

1. Teil
METAMORPHOSEN

SIE Lara Bonnel Almonem (Cover: Julie Endo), ER Nimrod Poles (Cover: Filip Löbl), Die Macht (Regime) Filip Löbl, Andrea Schuler, Shang-Jen Yuan (Cover: Pavel Povrazník),

Bürger Rie Akiyama, Kayla May Corbin, Julie Endo, Núria Giménez Villarroya, Mireia González Fernández, Rutsuki Kanazawa, Safira Santana Sacramento, Melissa Panetta, Alessia Rizzi, Velerio Iurato, Vincenzo Rosario Minervini, Pavel Povrazník, Lorenzo Ruta, Pedro Tayette

2. Teil
LE SACRE DU PRINTEMPS

Adam Valerio Iurato (Cover: Shang-Jen Yuan), Adam der Erinnerung Vincenzo Rosario Minervini (Cover: Lorenzo Ruta), Das Kind Núria Giménez Villarroya (Cover: Rutsuki Kanazawa), Krankenschwester (Geliebte von Adam) Mireia González Fernández (Cover: Kayla May Corbin), Aufseher Pavel Povrazník (Cover: Andrea Schuler), Wächter Filip Löbl, Nimrod Poles, Andrea Schuler, Shang-Jen Yuan, Adams Ehefrau Rutsuki Kanazawa, Adams Tochter Alessia Rizzi, Häftlinge, Opfer, Patienten Rie Akiyama, Lara Bonnel Almonem, Kayla May Corbin, Julie Endo, Rutsuki Kanazawa, Melissa Panetta, Alessia Rizzi, Safira Santana Sacramento, Filip Löbl, Nimrod Poles, Lorenzo Ruta, Pedro Tayette, Andrea Schuler, Shang-Jen Yuan

Bruckner Orchester Linz

Am Vorabend des ersten Weltkrieges wurde ein Werk geboren, das nicht nur den Tanz revolutionierte. Mit „Le Sacre du printemps (Das Frühlingsopfer)“ provozierte Igor Strawinsky einen der größten Skandale der Tanzgeschichte. Legendär ist das Fiasko der Uraufführung und ungebrochen die Faszination, die von diesem inzwischen kanonischen Werk der anbrechenden Moderne ausgeht. In seiner Rückbesinnung auf eine Welt des Primitiven bricht Strawinsky mit den Vorstellungen der Aufklärung. Er konfrontiert uns roh und brutal mit der Behauptung des regenerativen Potenzials, der Verjüngung und Erneuerung einer Gesellschaft durch ein menschliches Opfer.

 

—| Pressemeldung Landestheater Linz |—

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