Hamburg, Laieszhalle, Hamburger Symphoniker – Kammerkonzert, IOCO Kritik, 23.05.2019

Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festspiele © IOCO

Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

 Hamburger Symphoniker – Kammerkonzert

Mendelssohn Bartholdy, Debussy, Schumann, Reimann

von Michael Stange

Narine Yeghiyan (Sopran) und vier Streicher der Hamburger Symphoniker (Hovhannes Baghdasaryan, Makrouhi Hagel (Violine), Sebastian Marock (Viola) und Mariusz Wysocki (Violoncello)) boten am 16. Mai 2019 im Kleinen Saal der Laeiszhalle ein faszinierendes Kammerkonzert, das Romantik mit der Moderne verschmolz.

Am Beginn stand Mendelssohn Bartholdy:  Streichquartett Nr 2 a-Moll op. 13. Der erste Satz wurde vibratoreich schwingend, mit klangschönen Bögen eröffnet. Insbesondere das innige Spiel im vierten Satz verdeutlichte den tiefromantischen Bezug des Werkes und die große Meisterschaft des Komponisten.

Narine Yeghiyan, Sopranistin © Narine Yeghiyan

Narine Yeghiyan, Sopranistin © Narine Yeghiyan

Ausklang war Claude Debussy: sein einziges Streichquartett g-Moll. Als klassisch viersätziges Streichquartett kombiniert es Abwandlungen seines Kernthemas mit vielfältigen anderen Einflüssen. Das Werk besticht durch seine immense stilistische Bandbreite und Klangschönheit.

Unterschiedliche Elemente, wie gregorianische Kirchentöne, Zigeunermusik, javanesische Gamelanmusik, Einflüsse Massenets und Francks und der russischen Schule verschmelzen zu einem Klangreigen. Melodisch und interpretatorisch gekonnt variierte das Streichquartett diesen Klangteppich. Das Spiel war ungemein lebendig und intensiv. In diesem Stück waren die Musiker besonders in seinem Element. Beseeltes feuriges, Spielen, leuchtenden Farben und innige Töne gingen fließend und virtuos ineinander über.

Zwischen den beiden Kammermusikstücken standen Bearbeitungen von Aribert Reimann der Lieder von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Robert Schumann.

Zunächst erklang „..oder soll es Tod bedeuten?“. Die auf acht Mendelssohn Bartholdy-Liedern und einem Fragment fußende Bearbeitung von Aribert Reimann für Streichquartett verbindet Lieder und Auszüge daraus mit sechs hinzukomponierten Intermezzi für Streichquartett.

Sie sind Reimanns Reflexionen über die verklungenen und folgenden Gesänge. Teilweise in die musikalische Struktur eingewoben durchbrechen sie diese aber auch und setzen gegenläufige Momente. Die dem romantischen Klang gegenübergestellten Disharmonien hinterfragen den sinnenden Ton und Wort der Lieder und reichern die melancholischen Momente hinterfragend und eindringlich an.

Die Kompositionen trinken dadurch nicht die Beseeltheit der Romantik und spiegeln nicht nur die seligen Träume der Schlusszeile von „Auf den Flügeln des Gesangs“ wieder, sondern brechen die dunklen Seiten des Seelenlebens in den Liedern durch Disharmonien auf. Die auf Textvorlagen von Heinrich Heine komponierten Liedbearbeitungen Aribert Reimanns fußen auf den Sechs Gesängen Robert Schumanns. Sie kreisen um die Themen Verlust der Liebe und Einsamkeit. Die Lieder enthalten die zarte Lichtblicke von Märchen und Fantasie. Alle Figuren, einige volkstümliche Archetypen, könnten aus alten kolorierten deutschen Bilderbüchern stammen.

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Schöpfend aus seiner Tätigkeit als wichtiger Klavierbegleiter für Sänger wie Dietrich Fischer-Dieskau fand er auch daraus Inspirationen für seine Neuinstrumentierungen. Seine Bearbeitungen heben so auch Facetten hervor, die in ihrer Zartheit und Subtilität in den ursprünglich vom Klavier begleiteten Lieder nicht in so tiefem Maße zur Geltung kommen.

Durch die Bearbeitung für Streichinstrumente werden die Lieder auf eine noch feinere, sirrendere polyphonere Ebene gehoben. Subtil greift Reimann Schumanns Einschätzung auf, dass die Singstimme allein „nicht alles wiedergeben könne“. Die feinen Züge und die Seelenqualen in den Gedichte werden durch Kompositionen neuer Klangfarben und starker Dissonanzen angereichert.

Die Streicher und der Sopran müssen einen leichten innigen Zugang zu Worten, Weisen und Reimanns Gefühlswelt finden, um sich und das Publikum in die Bearbeitungen einzuschwingen. Den vier Streichern gelang dies durch ihre klangliche Virtuosität und sie präsentierten dem Publikum viele Klangfarben wie auf einer Palette. Dadurch wurden machen die Herausforderungen Reimanns zum einem plastisch packenden Hörerlebnis.

Narine Yeghiyan ist auch gefeierte Opernsängerin an der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Ihr großes Repertoire umfasst auch Mozart-Rollen wie Zerlina, Papagena und Vitellia in La Clemenza di Tito. Weitere Rollen ihres Repertoires sind Musetta in Boheme, Adina in L’elisir d‘amore und Marzellina in Fidelio. Darüber hinaus ist sie als Konzert- und Liedersängerin vielbeschäftigt.

Mit großem Stilgefühl und erlesenem Geschmack traf sie den innigen Ton der Lieder von Schumann und Mendelssohn-Bartholdy. Verhalten begann sie Mendelssohns „Leise zieht durch mein Gemüt.„ und gestaltete „Auf den Flügeln des Gesangs..“ mit schwebendem Piano. In den Dissonanzen Reimanns färbte sie die Stimme dramatisch und verdeutliche durch die Veränderung der Stimmfarben die Abgründe zwischen Reimann und den Romantikern.

Ihre stimmliche Beherrschung, Wortdeutlichkeit, Einfühlsamkeit und die Fähigkeit zur plastischen Widergabe der in den Liedern eingefangenen Momente waren berückend. Narine Yeghiyans lyrisch dramatischer Sopran vereinte betörendes südliches Timbre, große Wandlungsfähigkeit und seelenvolle Poesie. Wenn sie in die dramatischen Momente aussang, verlor die Stimme nie an Klangschönheit. Perfekt verband sie Tiefe, Mittellage und Höhe.

Eine leidenschaftliche Ausnahmesängerin mit immenser Ausstrahlung. Begeistert bejubelte das Publikum diesen bemerkenswerten Abend.

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Hamburg, Laeiszhalle, Brenda Roberts – Liederabend, IOCO Kritik, 16.01.2019

Januar 16, 2019 by  
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Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festspiele © IOCO

Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festival © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

BRENDA ROBERTS –  Liederabend

Francis Poulenc, Richard Wagner,  Richard Strauss

Von Rolf Brunckhorst

Um Brenda Roberts noch einmal zu hören, hatten ihre Fans keine Mühe gescheut, um am Abend des 11. Januar 2019 in der Kleinen Laeiszhalle in Hamburg zu erscheinen. Das Programm des Abends war geschickt zusammengestellt worden, zuerst die Hallenarie der Elisabeth aus Richard Wagners Tannhäuser, dann Wagners Wesendonck-Lieder, dann neun Lieder von Francis Poulenc, und schließlich Isoldes Liebestod aus Wagners Tristan und Isolde. Schon bei der emphatischen Hallenarie war sie wieder da, die unverwechselbare Stimme der Brenda Roberts, immer noch ungewöhnlich hell im Klang für einen hochdramatischen Sopran, dabei aber von einzigartiger Durchschlagskraft. Die Wesendonck-Lieder (teilweise eine musikalische Vorübung für den Tristan) gerieten am schönsten, wenn die Stimme im Mezzaforte leicht vor sich hinfließen konnte.

Laeiszhalle Hamburg / Brenda Roberts - Liederabend © Patrik Klein

Laeiszhalle Hamburg / Brenda Roberts – Liederabend © Patrik Klein

Die Poulenc- Lieder stellten für einige Konzertbesucher eine Neuheit dar, paßten sich aber Brenda Roberts‘ Stimme trefflich an. Nach den Vorübungen in den Wesendonck-Liedern komplettierte zum Schuß Isoldes Liebestod, ruhig und verinnerlicht von der Sopranistin vorgetragen, die Anteile des Wagner-Programms. Einen großen Beitrag zum Gelingen dieses Abend leistete ihr Pianist Christian Schmitt-Engelstadt, der seine Sopranistin sorgfältigst beobachtete und bei sich anbahnenden Korrekturen sich als reaktionsschneller, flexibler und einfühlsamer Partner erwies. Fast scheint die Sängerin Glauben zu machen, daß die Marschallin in Richard Strauss‘ Der Rosenkavalier von einem kleinen Teil ihrer Philosophie abrücken muß, denn dieses „sonderbare Ding, die Zeit“, ist mit Brenda Roberts‘ Aussehen und Stimme doch sehr schonend und zurückhaltend umgegangen. Viele Fans fühlten sich daher in die Zeit zurück versetzt, als Brenda Roberts ihre weltweiten Triumphe, an der Hamburger Staatsoper, der New Yorker MET, der Wiener Staatsoper (unvergessen der Kommentar eines Wiener Philharmonikers: „Wenn Sie bei uns singen, können wir ordentlich laut spielen, Sie übertreffen jedes Orchester“), der Pariser Oper, dem Maggio Musicale Florenz, der Berliner Oper u.a. gefeiert hatte. So war es für alle Beteiligten der eingangs zitierte beglückende Abend, den Brenda Roberts und ihre Fans noch bei einem fröhlichen Beisammensein in einem gemütlichen Restaurant  ausklingen ließen.

Laeiszhalle Hamburg / Brenda Roberts - Liederabend mit Pianist Christian Schmitt-Engelstadt, © Patrik Klein

Laeiszhalle Hamburg / Brenda Roberts – Liederabend mit Pianist Christian Schmitt-Engelstadt, © Patrik Klein

Wer mehr von Brenda Roberts erfahren oder hören möchte, sei auf die ersten drei Teile der bei IOCO erschienenen Brenda-Roberts-Discographie verwiesen, deren vierter und fünfter Teil bereits in Arbeit sind. Im vierten Teil wird es vor allem um Puccini-Aufnahmen gehen, während im fünften Teil ihre Medea-Gesamtaufnahme, ihre Ariadne und ihre Lady Billows im Mittelpunkt stehen werden.

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Brenda Roberts, Sopran – Diskographie – Teil 3, 09.01.2019

Januar 9, 2019 by  
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Il Tabarro - CD mit Brenda Roberts

Il Tabarro – CD mit Brenda Roberts

BRENDA ROBERTS –  DISKOGRAPHIE Teil 3

von Rolf Brunckhorst

In den IOCO – Diskographien 1 und 2 über Brenda Roberts standen deren hochdramatischen Partien im Mittelpunkt. Hier, in der Diskographie Teil 3 geht es in diesem Teil um ihre stimmlichen Möglichkeiten im jugendlich-dramatischen Fach. Als einer noch sehr jungen Sängerin standen ihr natürlich alle Türen zu den jugendlich-dramatischen Rollen im deutschen und auch im italienischen Fach offen. Ihre Sieglinde wurde glücklicherweise am 13. Februar 1984 in Baltimore mitgeschnitten. Diese Aufnahme ist auch wegen der weiteren Besetzung höchst empfehlenswert.

11. Januar 2019:  Brenda Roberts in der Kleinen Laeiszhalle, Hamburg

Der Stimme von Brenda Roberts tun sich hier großartige Möglichkeiten auf, sie kann eingeschüchtert, vorsichtig und mit leiser Stimme, den ersten Akt beginnen, zeigt dann während der Erzählung von Hunding und Siegmund ihre intensive Beteiligung an der Szene, und kann für die letzten 20 Minuten sowohl romantisch-verklärt mit lyrischen Ton „Du bist der Lenz“ besonders leidenschaftlich singen, und zeigt im Finale, daß ihrer hochdramatischen Stimme scheinbar keine Grenzen gesetzt sind. Ein besonderes Schmankerl entwickelt sich aus Sieglindes Abschied im dritten Akt, ein derart tonschönes, bis in die Höhen bombensicheres, man möchte fast sagen mit Inbrunst vorgetragenes „Hehrstes Wunder“ dürfte selten auf Tonträgern so zu hören sein. Doch halt, es gibt noch eine Steigerung für diese Szene, die Walküre aus Duisburg 1966 mit Ludmilla Dvorakova und Hans Hopf: Dieser Mitschnitt enthält nur Auszüge der Partie der Brünnhilde, alle anderen Passagen sind von dem hardcore-Dvorakova-Fan gekürzt worden. Aber Sieglindes Abschied ist gottseidank erhalten geblieben, und diesen 5-Minuten-Schnipsel kann man getrost als sensationell bezeichnen. Falls irgendeiner der geneigten Leser eine Gesamtaufnahme dieses Abends besitzt, bitte aufmelden!! Doch zurück zur Baltimorer Walküre: Dem Beiheft ist zu entnehmen, daß es sich hier um das Wotan-Debüt von James Morris handelt. Schon nach dieser Aufnahme kann man erwarten, daß James Morris in die erste Reihe der Wagner-Heldenbaritone vorrücken würde. Seine Bühnentochter Brünnhilde wird von Pauline Tinsley verkörpert, die einen sehr guten Abend hat und besonders mit ihren Spitzentönen auf sich aufmerksam machen kann. William Johns klingt etwas zu bedeckt und zu reserviert für den leidenschaftlichen Siegmund, aber die Stimme klingt im lyrischen Bereich wunderschön. Matthias Hölle ergänzt die Besetzung mit einem souverän ausgesungenen Hunding, und Sheila Nadler vollendet als ungemein dramatische Fricka das glorreiche Sextett der Hauptpersonen. Elio Boncompagni motiviert das Orchester zu einem veritablen Zusammenspiel und schlägt vernünftige Tempi an, die den Sängern sehr entgegenkommen. Zusatzbemerkung: Die CD ist über „House of Opera“ o.ä. Firmen erhältlich.

Brenda Roberts hier mit Rolf Brunckhorst © Rolf Brunckhorst

Brenda Roberts hier mit Rolf Brunckhorst © Rolf Brunckhorst

Die anschließend besprochene Fidelio-Aufführung von den Bad Hersfelder Festspielen ist nie offiziell erschienen, aber in zahlreichen youtube-Einzelteilen bequem zusammen zu puzzeln. Man hört Brenda Roberts in einer für sie idealen Partie, in der sie alle ihre Stärken unter Beweis stellen kann. Die Stimme hat Kraft, kann sich mühelos die Koloraturschraube hinauf bewegen, und an den Höhepunkten des Werkes darf sie mit ihrer Stimme auch mal an den Gebäuderesten der Bad Hersfelder Stiftsruine wackeln. Ausbrüche wie „noch heute, noch heute“ kamen in der etwas halligen Akustik der Stiftsruine bestens an. Glücklicherweise hatte das Besetzungsbüro einen Heldentenor mit vergleichbaren Fähigkeiten engagiert: Keith Mikelsen als Florestan wartete mit einem besonders klangschönen jugendlichen Heldentenor auf, hatte ebenfalls keinerlei Probleme mit seiner hoch liegenden Tessitura und klang im Finale noch so frisch, als könne er die Partie gleich noch einmal singen. Mit angenehmem lyrischen Tenor und nicht zu aufgesetztem Spiel wußte Thomas Scheler als Jaquino für sich einzunehmen. Yvette Simons als Marzelline zeigte ebenfalls eine ansprechende Leistung. Beim Pizarro von Herbert G. Adami wollte sich auch beim Zuhörer die Kehle verengen, so angestrengt klang sein Heldenbariton. Einen großen Erfolg konnte Bernd Kaiser als Rocco für sich und seinen in allen Lagen wohl timbrierten Bass verbuchen, ebenso Marek Gastecki als Minister Don Fernando. Mit festem Griff dirigierte Siegfried Heinrich das gut disponierte Radio-Sinfonie-Orchester Warschau, das den Sängern einen Orchesterteppich zu Füßen legte, auf dem sich auch der Chor hörbar wohl fühlte.

Jetzt noch ein Abstecher ins italienische Sopran-Fach, in dem Brenda Roberts als Tosca, Turandot, und Giorgetta in Il Tabarro reüssierte. In der Partie der Giorgetta gab Brenda Roberts ihr Debüt an der San Francisco Opera. Il Tabarro ist die Auftakts-Oper von Puccinis Trittico. Wenn der Vorhang aufgeht, befindet man sich im Milieu der Seine-Schiffer, die auf ihren Frachtkränen ihr eher mühsames Leben verbringen. Genau aus diesem Leben will Giorgetta ausbrechen und ist sogar dazu bereit, ihren Ehemann zu betrügen. Das sieht schon von der Papierform her aus wie eine Prachtrolle für Brenda Roberts, und so ist es auch. Sie scheint die endlosen Melodiebögen Puccinis genau nachzuvollziehen und hat den langen Atem , um diese immer wieder zum Blühen zu bringen. Die Höhe gehorcht der Sängerin tadellos, und sie unterliegt nicht der Versuchung, die Partie zu zerschreien. Genau das tut aber Guillermo Sarabia als Michele, dessen Stimme angestrengt und angekratzt klingt. Nur bei äußerster Lautstärke wirkt die Stimme etwas freier. Giorgettas Liebhaber Luigi, Robleto Merolla, singt demgegenüber mit zartem Unterton und dem nötigen Schmelz im Forte, dadurch wird Giorgettas Wunsch, aus ihrer Ehe mit Michele auszubrechen, noch verständlicher. Unter den weiteren Darstellern nimmt eine wahrhaftige Legende der italienischen Oper, nämlich Fedora Barbieri in der Rolle der Frugola, den Zuschauer gefangen. Dieser Mitschnitt vom 18. November 1975 unter dem dramatischen Dirigat von Elyakum Shapirra ist zur Zeit ohne große Mühe bei „PremiereOpera Italiano“ zu beziehen.

Zum Schluß zwei Hinweise in eigener Sache: Die im zweiten Teil der Diskographie erwähnte Lohengrin-Aufnahme aus Hamburg ist inzwischen bei OperaDepot erschienen.

Der vierte Teil der Diskographie wird in den nächsten Tagen erscheinen. Wer wieder Interesse an Brenda Roberts gewonnen hat, dem sei der 11. Januar 2019 ins Gedächtnis gerufen, dann wird Brenda Roberts in Hamburg in der Kleinen Laeiszhalle ihren Liederabend mit Werken von Poulenc, Wagner und Strauss geben.

—| IOCO CD-Rezension |—

Hamburg, Laeiszhalle, The DUBLIN LEGENDS – Irish Folk, IOCO Kritik, 07.12.2019

Dezember 7, 2018 by  
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 Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

The DUBLIN LEGENDS – Concert

– Traditional Irish Folk Music – At its best –

Von Rolf Brunckhorst

Zuverlässig wie das erste Advents-Wochenende ist es auch Zeit für das alljährliche Konzert der Dublin Legends, von großer Fangemeinde in der ausverkauften Laeiszhalle wie jedes Jahr ungeduldig erwartet. Die Gruppe ist hervorgegangen aus der Stammformation The Dubliners, die 1962 im O’Donoghue’s Pub in Dublin (Foto) gegründet wurde.

O'Donoghue's Pub in Dublin - Geburtsstätte der Dublin Legends © Philipp Döhring

O’Donoghue’s Pub in Dublin – Geburtsstätte der Dublin Legends © Philipp Döhring

Nach einigen brillanten Single-Hits wie „Seven drunken Nights“ und „Black Velvet Band“ wurde die Gruppe auch über die Grenzen Irlands hinaus populär. Von ungefähr 1967 bis 1974 mussten die Dubliners auch als einflussreichste irische Folk-Group, wenn nicht sogar international als führende Gruppe der Folk-Musikszene gelten. Dann begannen die Wechsel in der Besetzung. Einige Bandmitglieder strebten Solokarrieren an (z.B. Luke Kelly), andere wurden durch ernsthafte Erkrankungen an der Weiterarbeit mit der Gruppe gehindert (z.B. Ronnie Dew). Nach dem Tode des letzten Gründungsmitgliedes Barney McKenna 2012 gab John Sheahan die Auflösung der Gruppe The Dubliners bekannt. Der 1983 zur Gruppe gestoßene Sean Cannon sammelte drei weitere Musiker um sich, die nun unter dem Namen The Dublin Legends die Tradition der alten Dubliners fortführen. Nach dem Tode von Eamonn Campbell (der seit 1988 Bandmitglied war) besteht die Gruppe heute aus Sean Cannon, Gerry O’Connor, Patsy Watchorn und Chris Kavanagh.

Das von IOCO Kultur im Netz erbetene Interview mit The Dublin Legends fand vor Konzertbeginn in der Kleinen Laeiszhalle mit Sean Cannon statt. Als Türöffner gratulierte das IOCO-Team Sean Cannon (er hatte an diesem Tag Geburtstag) mit dem   Klassiker der Geburtstagsständchen, „Happy birthday to you,…“

Interview IOCO mit The Dublin Legends - hier : IOCO Korrespondent Rolf Brunckhorst und Sean Cannon © Patrik Klein

Interview IOCO mit The Dublin Legends – hier : IOCO Korrespondent Rolf Brunckhorst und Sean Cannon © Patrik Klein

Das Gespräch IOCO mit Sean Cannon:

IOCO: Direkt vor einem Konzert drängt sich die Frage auf, wie bei einem Repertoire von mehreren hundert Liedern eine Auswahl für die Setlist getroffen wird.

Sean Cannon (SC): Das ist ganz einfach, wir treffen uns, und jeder sagt, was er gern spielen möchte. Das stellen wir dann zusammen, und letztendlich werden wir uns immer einig.

IOCO: Wenn ich in ein Konzert der Dublin Legends gehe, dann habe ich ca. 60 bis 70 Titel im Kopf, die ich gern hören würde. Darunter natürlich die frühen Klassiker. Gibt es Songs aus Eurem Repertoire, die Du zeitweilig nicht mehr hören und singen magst?“

SC: Nein, überhaupt nicht! Ich mag alle unsere Songs. Es ist inzwischen nur so, dass wir keine großen Monitore mit der Setlist mehr auf der Bühne haben. Dafür hat jetzt jeder einen Knopf im Ohr, der ihm mitteilt, welches der nächste Song ist. Daneben erfüllen wir aber auch persönliche Wünsche aus dem Publikum. Unsere Setlist ist vom Prinzip her jeden Abend dieselbe, kann sich aber auch plötzlich verändern.

IOCO: Was für Musik hörst Du in Deiner Freizeit und bei welcher Musik entspannst Du Dich am besten?

SC: Ich mag gern auch klassische Musik. Heutzutage kann sich jeder auf youtube selber darstellen, und ich hätte damals gern auch klassische Gesangsstunden genommen; wer weiß, was dann daraus geworden wäre. Ich gehe manchmal auch in die Oper, ich war in London an Covent Garden, ich war hier in Hamburg in der Oper und habe Benjamin Bittens Peter Grimes gesehen, ich war in Dresden in der Semper Oper, da gab es „La Boheme“, das war sehr emotional für mich und ich hoffe, dass niemand meine Tränen bemerkt hat. Ich höre zuhause gern Platten von Caruso. Mir gefällt die Oper Martha so gut, weil sie ein irisches Volkslied enthält, nämlich „Last Rose of Summer“ (Letzte Rose), und dann gibt es auch noch die schöne Tenor-Arie, „M’appari“ (Ach so fromm), die Caruso besonders schön singt (hier singt Sean die ersten Zeilen dieser Arie).

IOCO: Du bist jetzt ca. 30 Jahre unentwegt auf Tour. Hast Du noch Lust auf die ganze Herumreiserei?

SC: Ja, es macht mir immer noch Spaß, obwohl es manchmal sehr anstrengend ist. Wir hatten z.B. ein Engagement in Rom bei einem Celtic Festival, und da ich jetzt in England lebe, musste ich einen Flug von Birmingham nehmen, während meine Bandkollegen von Dublin nach Rom flogen. Von Birmingham gab es keinen Direktflug nach Rom und ich musste über Barcelona fliegen. Mein Flug hatte Verspätung und ich verpasste den Anschlussflug von Barcelona nach Rom. Ich musste die Nacht im Flughafen verbringen, schlief auf dem Boden, musste noch extra 100,– € für meine Umbuchung bezahlen, landete endlich um 6:30 Uhr todmüde in Rom und der Soundcheck fand ohne mich statt. Immerhin hatte ich noch eine Stadtrundfahrt mitmachen können. So etwas ist ärgerlich und anstrengend, aber es passiert eben.

IOCO: Solange ich mich erinnern kann, habt ihr Eure Konzerte in Hamburg immer im November oder Dezember gegeben. Kennt ihr Hamburg eigentlich im Sommer?

SC: Nein, die Weihnachtszeit ist hier sehr schön mit den ganzen Weihnachtsmärkten und dem Glühwein, dem „Kinderpunsch“. Aber ich trinke seit dem letzten Silvester keinen Alkohol mehr. Wir hatten Auftritte in Coventry und ich wollte mit dem Auto zurück nach Hause fahren; da hatte ich mir vorgenommen, ein Jahr lang keinen Alkohol mehr zu trinken, 11 Monate sind jetzt schon herum. Während der Sommermonate treten wir häufig bei Festivals auf, z.B. wie geschildert bei Celtic Festival in Rom oder einem ähnlichen Festival in Frankreich. In Liverpool gibt es ein großes Open-Air-Festival direkt am Fluß Mersey, an dem wir im letzten Sommer teilnahmen.

IOCO: Als John Sheahan im Jahre 2012 das Ende der Dubliners verkündet hatte, durftet ihr nicht diesen Namen behalten?

SC: Ich kenne die ganze Geschichte nicht genau, aber unser jetziger Name Dublin Legends ist jetzt registriert.

IOCO: Gibt es andere Gruppen, die unter dem Namen spielen?

SC: Es gibt eine Gruppe mit dem Namen The Young Dubliners, aber deren Musik ist zum Teil schon elektronisch.

IOCO: Ich zeige Sean ein Photo von einem Pub in Dublin.

SC: Ja, diesen Pub kenne ich gut, es ist das O’Donoghue’s, wo ich damals viel Zeit verbracht habe, und wo 1963 die Original-Dubliners gegründet wurden. Es ist eine große Touristenattraktion. Viele andere Pubs in Dublin haben inzwischen renoviert und die ganze typische Atmosphäre ist verloren gegangen. Aber das O’Donoghue’s ist unverändert geblieben, sogar die „sub-standard toilets“ sind noch wie damals.“

SC gab dann einige Reisetips: Empfiehlt in Dublin das Guinness Store House, die Old Brewery, wo man nach der Führung herrliches Bier genießen kann. Auch das Writer’s Museum, die Botanischen Gärten und den Zoo   An dieser Stelle wurde unser Interview  von der freundlichen Mitarbeiterin abgebrochen; der Konzertbeginn stand unmittelbar bevor.

Sean Cannon von The Dublin Legends © Patrik Klein

Sean Cannon von The Dublin Legends © Patrik Klein

Konzerte der Dublin Legends laufen immer (zumindest in den Augen der Fans) nach   festem Ritual ab: Es gibt zu Beginn ein schnelles Instrumental, den die ersten Fans   schon mit Klatschen begleiten. Etwas ruhiger wird es bei den nächsten zwei Songs, dann folgt das erste Highlight mit „Black Velvet Band“, unnachahmlich von Sean Connor vorgetragen. Die Aufforderung, den Refrain mitzusingen, war unnötig. Denn die Fans summten und brummten den Refrain seit Jahren ab der ersten Note mit und  konnten ihre Textsicherheit beweisen.

Als danach die „Seven drunken Nights“ folgten geriet der Saal schon ins Wanken; die Fans schunkeln begeistert mit. So folgte Song auf Song, frenetisch bejubelt und beklatscht. Völlig egal, welchen Song die Dublin Legends nun anstimmen, jeder Fan fand für drei Minuten seinen „Lieblingssong“. Beim Schreiber dieser Zeilen sind dies zu Beginn die Songs „Leaving of Liverpool“ und „The rocky Road to Dublin“, dann war schon Pause.

 The Dublin Legends in der Laeiszhalle 2018 © Patrik Klein

The Dublin Legends in der Laeiszhalle 2018 © Patrik Klein

Aber Sean Cannon verspricht: „Wir kommen ja gleich wieder“. Und sie kommen wieder, und der erste Song nach der Pause ist „Fields of Athenry“. Da steigt das Wohlempfinden des Dubliner-Fans ins Unermessliche. Viel zu kurz darauf ertönt als warnendes Vorzeichen „Liverpool Lou“, dann verkündet Sean auch schon den Beginn des Zugabenteils. Nun weiß jeder im Saal, was passieren wird: Die freien Stehplätze in den Gängen werden von den Fans belagert, viele klettern ganz einfach auf die Stühle: Feder Fan sucht sich seinen eigenen Weg, gute Laune auszudrücken. Manche singen Songs von A bis Z mit, und das jeweilig tonangebende Bandmitglied muss nur noch den Einsatz geben. In den Gängen wird derweil getanzt und gewunken; in den mittleren Reihen wird geschunkelt: Es herrscht eine Volksfeststimmung. Dann kam was kommen musste: „Dirty old Town“, „Whiskey in the Jar“, „The Irish Rover“, und unabdingbar an letzter Stelle ertönt die kurze Ballade von „Molly Malone“, von den Fans gleich einem Kirchenlied andachtsvoll vorgetragen.

Das Konzert der Dublin Legends endet mit dem seit Jahren gelebten Versprechen auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr: Der Kartenvorverkauf läuft bereits.

 Dubling Legends in Hamburg – We look forward to November 2019

—| IOCO Kritik Laeiszhalle Hamburg |—

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