Kristian Benedikt – Otello, Canio, Samson…, IOCO CD-Rezension, 10.10.2019

Oktober 10, 2019 by  
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Kristian Benedikt, CD Cover © Delos productions

Kristian Benedikt, CD Cover © Delos productions

Kristian Benedikt – Tenorvulkan – CD Debut bei Delos productions

 – IOCO stellt große Stimmen vor –

von Michael Stange

Überzeugende Interpreten von Verdis Otello waren rar und sind es auch heute. Ein heute führender Rollenvertreter – der Litauer Kristian Benedikt – hat nun seine erste Recital CD bei Delos vorgelegt.

Seinem Stammhaus in Vilnius ist eng verbunden. Seit Jahren steht er auch international in dramatische Rollen von Otello, Canio, Samson, Ernani, Manrico und Herrmann in Pique Dame auf den Bühnen der Welt. Als Herrmann ist er an der Metropolitan Opera in New York im November und Dezember 2019 zu hören, wo er bereits im Frühjahr als Samson debütierte.

Seine Heimat Litauen hat eine seit dem neunzehnten Jahrhundert eine ausgeprägte und vielfältige klassische Musiktradition. Eigentümlich urwüchsige Künstler wie der Komponist und Maler Mikalojus Ciurlionis, der gleichfalls spannende Komponist Mikas Petrauskas und eine überreiche Volksmusik lassen aufhorchen und laden zu spannenden Entdeckungen ein.

Die reiche litauische Opernkultur brachte im vergangenen Jahrhundert mit Kipras Petrauskas und Virgilijus Noreika bereits zwei große Rolleninterpreten des Othello hervor. Deren Tradition setzt Kristian Benedikt fort und knüpft mit seiner dramatisch ausladenden Stimme an die Rolleninterpretation der großen Tenorkollegen seiner Heimat an.

Kristian Benedikt verfügt er über einen mächtigen, dramatischen Heldentenor von ausladenden Volumen und profunder baritonaler Tiefe. Sein urwüchsiges rauhes Timbre und die durchschlagskräftige Höhe beeindrucken. Dadurch sind im Rollen wie Otello, wo er mit seiner mächtig auftrumpfenden Stimme immense Wirkung entfaltet, auf den Leib geschrieben. In dieser Rolle ist er auf der Opern- und Klangbühne ein Interpret, der durch stimmliche Wucht, mächtig tönenden Gesang und dramatische Intensität beindruckt. So steht er in der Nachfolge der baritonalen Otellos wie Ramon Vinay und Carlos Guichandut.

Die größten Momente erreicht er so in den Partien, wo er Stimmvolumen und Dramatik und Leidenschaft vereint. In der Otello Szene, bei Samson und Dalila, bei Pagliacci und  Pique Dame überzeugt er durch diese Paarung, seinen Einsatz und sein enormes Stimmmaterial. Das Gesungene nimmt man ihm auch auf der Klangbühne ab und hört einen heute selten gewordenen Heldentenor von großer Intensität und Qualität.

Auch bei Chenier und La Juive gelingen ihm Interpretationen, die jedem Galakonzert zur Ehre gereichen. Gestaltung und Stimmführung hinterlassen aber keinen bleibenden Eindruck. Benedikts Tenor verfügt nicht über ein betörendes italienisches Timbre oder eine immense Farbpalette. So entfaltet er in diesen Rollen eine schwächere Wirkung und bleibt eher unverbindlich, weil es an einer packenden Rollenauseinandersetzung fehlt. Wagners Siegmund hingegen erklingt düster und melancholisch. Mit einer Arie aus Ponchiellis „Kreuzritteroper“ I Lituani und aus Vytautas Klovas Pilenai werden noch zwei Arien mit litauischem Bezug geliefert.

Das Lithauische Nationale Philharmonie Orchester und der Dirigent Modestas Pitrenas spielen feinfühlig und glutvoll in den dramatischen Momenten. Sie treffen Farben und Dramatik des unterschiedlichen Repertoires vollendet.

Kristian Benedikt ist einer der derzeitigen großen wichtigen Interpreten dramatischer Partien, der durch Feuer, stimmliche Potenz und dramatischen Einsatz überzeugt. Ein wichtiger und großer Sänger hat seine Visitenkarte für das dramatische Fach und ein sehr hörenswertes Recital vorgelegt.

Die CD ist klanglich hervorragend, räumlich präsent und die Balance zwischen Sänger und Orschester ausgezeichnet.

—| IOCO CD-Rezension |—

Hannover, Staatsoper Hannover, La Juive – Fromental Halévy, IOCO Kritik, 10.10.2019

Oktober 9, 2019 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

La Juive – Fromental Halévy – Die Jüdin

– Liebe unter dem Schatten der Intoleranz –

von Hanns Butterhof

Die neue Spielzeit an der Staatsoper Hannover beginnt unter der neuen Intendantin Laura Berman mit einem szenisch-musikalischen Großereignis. Fromental Halévys tragische Oper La Juive (Die Jüdin) von 1835 erzählt eine Liebesgeschichte, auf die tödlich der Schatten konfessioneller Intoleranz und barbarischer Gewalt fällt. Lydia Steyer inszeniert in opulenten Bildern, ein tolles Ensemble und die von Valtteri Rauhalammi souverän geleitete musikalische Handlung stimmen zu einem eindringlichen, aufwühlenden Opernabend zusammen.

La Juive – Fromental Halévy
youtube Trailer der Staatsoper Hannover
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Fromental Halévys La Juive mit dem Libretto von Eugène Scribe spielt eigentlich in Konstanz des Jahres 1414 zur Zeit eines Konzils, das um die Einheit der Katholischen Kirche und gegen Reformer wie Jan Hus kämpft. Die aufgeregte Zeit voller Intoleranz dehnt Lydia Steyer bis in die Gegenwart. Sie lässt jeden Akt einen Zeitsprung rückwärts machen, von den 50er Jahren in den USA zum Ende der 20er-Jahre nach Deutschland und dort in das barocke Stuttgart, bevor die Oper über die spanische Inquisitionszeit schließlich in Konstanz ankommt. Dass dieser Verweis auf die Aktualität des Stoffs erstaunlich glatt gelingt, hat nicht zuletzt darin seinen Grund, dass sich das Geschehen so erschreckend unverändert durch die Historie zieht.

So beginnt das Unheil nicht erst, als die junge Jüdin Rachel (Barno Ismatullaeva) eine Liebesbeziehung zu dem katholischen Prinzen Léopold (Matthew Newlin) eingeht. Es wird immer schon dort ausgebrütet, wo niemand derjenige sein kann, der er ist, sondern von starren Konventionen überformt und gefesselt wird.

Als Bühne für die eindringliche Handlung hat Momme Hinrichs eine große Video-Wand wie eine Mauer gebaut, auf die mittelalterliche Kreuzigungsszenen mit Juden als Tätern projiziert werden. Video-Technik lässt die Mauer wie durch die Posaunen von Jericho zerstieben und malt einen künstlichen Heiligenschein um den Versöhnung predigenden, aber Unterwerfung fordernden Kardinal Brogni (Shavleg Armasi). Aus der Wand lassen sich auch Tribünen für die üppigen Volksszenen und das symbolisch stimmig in Flammen aufgehende Häuschen Éléazars herausschieben.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Barno Ismatullaeva als Rachel © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin – hier : Barno Ismatullaeva als Rachel © Sandra Then

Poppig bunt beginnt die Oper im Amerika der 50er Jahre. Hier fährt Léopold in Elvis-Pose und verkleidet als der Jude Samuel im Straßenkreuzer vor, bei seiner Serenade „Loin de mon amie“ werden die Mädchen in Petticoats (Kostüme: Alfred Mayerhofer) schwach. Sein werbendes Lied aber gilt der Jüdin Rachel. Sie ist das Kind christlicher Eltern, das der jüdische Goldschmied Éléazar (Zoran Todorovich) aus einem brennenden Haus gerettet und in seinem Glauben aufgezogen hat. Eine fromme Menge, die sich für eine Prozession mit Panzern, Wagen mit Gehenkten und Geräderten versammelt hat, ist umstandslos bereit, Éléazar wegen Störung der Festtagsruhe zu lynchen, und stimmt dazu ein mächtiges Tedeum (Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio) an. Dass Léopold als Samuel ihn schützen kann, kommt einem Wunder gleich.

Die gedrückte Stimmung einer Kirche im Untergrund breitet der düstere zweite Akt aus, der Ende der 20er Jahre in Deutschland spielt. Im Hause Éléazars wird mit Samuel das Pessach-Fest zur Befreiung von der Herrschaft der Ägypter gefeiert, als es beängstigend kräftig an der Türe klopft. Hastig werden alle rituellen Gegenstände abgeräumt, die Gäste versteckt und der Raum wieder in Éléazars Goldschmiede-Geschäft zurückverwandelt. Doch harmlos erscheint mit Hündchen die aufgedonnerte Prinzessin Eudoxie (Mercedes Arcuri), die Gattin Léopolds, um für ihn eine Goldkette zu kaufen. Sie verlässt, ohne in Samuel ihren Mann erkannt zu haben, das Haus, das mit bedrohlichem Vorschein in Video-Flammen aufgeht. Léopold gesteht Rachel seine Täuschung und erwägt, mit ihr vor der drohenden Todesstrafe für die „Rassenschande“ irgendwohin zu fliehen. Als Éléazar in Unkenntnis der Täuschung zustimmt, dass die beiden heiraten, bekommt der Prinz kalte Füße und flüchtet sich in die Residenz zu seiner Gattin.

Paris / Jacques und Fromental Halévy © IOCO

Paris / Jacques und Fromental Halévy © IOCO

Hier ist alles voller barocker Leichtigkeit und Glanz, die Kostümabteilung prunkt mit rauschenden Röcken, glänzenden Uniformen und phantasievollen Frisuren. Vor einem Wandschirm mit dem pornographischen Boucher-Gemälde „Leda und der Schwan“ macht sich Eudoxie für ihren Gatten schön, der sich von ihr recht widerstandslos flachlegen lässt. Rachel, die ihm nachgegangen ist, macht den Skandal öffentlich, dass sich der christliche Prinz mit einer Jüdin eingelassen hat. Sofort fällt die ganze Gesellschaft, die sich zur Feier Léopolds um die üppigst beladene Speisetafel versammelt hatte, demütigend über die beiden her. Das Geständnis bringt alle vor Gericht, Rachel, Léopold und Éléazar – ein Anklang an das Schicksal von „Jud Süß“ Oppenheimer, der im Stuttgart von 1738 unter obskuren Anklagen zum Tode verurteilt wurde. Kurz scheint zwar ein Happy-End möglich, als Éléazar mit sich ringt, ob er nicht offenbaren sollte, dass Rachel ein Christenkind ist. Das würde der Anklage den Boden entziehen. Aber Éléazars Fesseln aus bitterem Hass und religiösem Fanatismus lassen das nicht zu.

Deren Quellen liegen tiefer in der Vergangenheit. In Rom war einst unter dem damaligen Magistrat Brogni die Familie Éléazars getötet, er selber verbannt worden. Jetzt ist Brogni als Kardinal und Präsident des Konzils Chefankläger gegen Éléazar & Co. Doch Brogni weiß nicht, dass Rachel seine Tochter ist, die er mit seiner ganzen Familie verbrannt glaubt.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin -  hier :  Zoran Todorovich als Eleazar © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin –  hier :  Zoran Todorovich als Eleazar © Sandra Then

Rachel wartet 1492 in dem Gefängnis der spanischen Inquisition am Fuße einer hohen Treppe auf den Ausgang des Prozesses. Dem Flehen Eudoxies, ihre Anschuldigung zu widerrufen und so wenigstens Léopolds Leben zu retten, kommt sie aus Liebe nach; Léopold ist ein Großer, das Gericht lässt ihn laufen. Doch auch für Rachel scheint noch Hoffnung auf. Brogni hat von Éléazar erfahren, dass seine Tochter noch lebt, aber nicht, wer sie ist, und bietet ihm als Rettung den Übertritt zum Katholizismus an. Doch ist dieser Weg durch Éléazars Hass auf die Katholiken und seinen fanatischen Glaubenseifer versperrt. Nur für Rachel erwägt er in tragischer Zerrissenheit diese Möglichkeit. Als er ihr die Alternative eröffnet, für eine kurze Spanne Lebens das Seelenheil auf ewig zu verlieren, wählt sie mit ihm den Tod.

Die Hinrichtung findet schließlich im Rahmen eines Volksfestes beim Konstanzer Kirchenkonzil 1414 statt. Die Menge in den Kostümen jetzt aller vorherigen Akte, mit Go-go-Tänzerinnen in Stars-and-Stripes-Bikinis, erfreut sich wieder an dem Schauspiel einer Prozession. Ein riesiger Globus als Zeichen der katholischen Weltherrschaft, Menschenfresser und Henker in Micky-Maus-Kostümen ziehen vorbei. Und in dem Moment, in dem Rachel zur Belustigung des Volks in kochendes Wasser geworfen wird und nicht mehr zu retten ist, verrät Éléazar dem Kirchenfürst in Befriedigung seines alten Rachegelüstes, dass sie seine Tochter war. Mit dem zusammenbrechenden Brogli fällt der Vorhang.

Lydia Steyer schafft mit klaren, teilweise witzigen und bunten, auch erschreckenden ganz der Grande Opéra gemäßen Bildern trotz der schwierigen Zeitsprünge eine schlüssige Erzählung, der man gebannt bis zum tragischen Ende folgt. Für ihre große Neigung, Kinder einzusetzen, finden sich nicht unbedingt zwingende Anlässe. Im Großen gelingen ihr jedoch ergreifend menschliche Figuren und die Entwicklung von Rollenträgern zu Menschen in all ihrem Zwiespalt, wie sie eine Zeit fortlebender Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und gewaltbereitem Fanatismus hervorbringt. Die Regie ergreift keine Partei und erlaubt so dem Publikum nicht, sich beruhigt auf der richtigen Seite zu fühlen. Das reißt aktuell die in jedem vorhandenen Vorurteile, Ressentiments und Zerrissenheiten auf, so dass man La Juive aufgewühlt betroffen verlässt.

Die Gesangspartien sind durchwegs hervorragend besetzt. Die junge usbekische Sopranistin Barno Ismatullaeva begeistert mit einem überaus gelungenen Rollendebüt. Mit ihrem warmen jugendlichen Sopran, sicheren Höhen und eindrucksvoll stimmlicher Gestaltung ihrer Rolle ist sie eine nahezu ideale, bis in den Tod liebende Rachel. Auch die Argentinierin Mercedes Armasi überzeugt als Eudoxie. Anfangs mit ihrem sehr beweglichen Koloratursopran noch etwas veralbert, gewinnt sie an Format und rührt als flehende Gattin. Der Amerikaner Matthew Newlin passt als Léopold mit seinem leichten, hellen Tenor perfekt als Bruder Leichtfuß, und der Georgier Shavleg Armasi entwickelt sich mit profundem Bass von einem empathielosen Kirchenfunktionär zum gebrochenen Vater. Der serbische Tenor Zoran Todorovich ist ein gesanglich ungeheuer eindringlicher Éléazar von starker Bühnenpräsenz. Beeindruckend sein großes Gebet im zweiten Akt, erschütternd sein inneres Ringen um den rechten Weg für Rachel, der er allerdings ihre Herkunft verschweigt.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Rachel, Eleazar und Leopold © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin – hier : Rachel, Eleazar und Leopold © Sandra Then

Wuchtig und klangschön hat der von Lorenzo Da Rio einstudierte Chor prächtige Szenen, und im Orchestergraben leitet Valtteri Rauhalammi das Niedersächsische Staatsorchester bei einigen kleinen Unstimmigkeiten mit der Bühne umsichtig. Die großen musikalischen Ausbrüche wie beim schrillen Entsetzen der Festgäste macht er so hörbar wie das feine Schlagen von Rachels Herz, und horcht musikalisch tief in die Seele des Volks und der Protagonisten hinein.

Die unbedingt sehens- und hörenswerte Oper La Juive endet nach dreieinhalb fesselnden Stunden und einer langen Pause betroffenen Schweigens mit großem Jubel, teils stehend dargebrachtem Beifall für Valtteri Rauhalammi und das Niedersächsische Staatsorchester, großem Beifall für Chor und das Sängerensemble,Trampelbeifall für Barno Ismatullaeva und Zoran Todorovich.

La Juive an der Staatsoper Hannover; die nächsten Termine:12.10 um 19.30 Uhr, 31.10.2019  16.00 Uhr

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—

Kiel, Theater Kiel, Die Stumme von Portici – Daniel Auber, IOCO Kritik, 09.06.2019

Juni 8, 2019 by  
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Theater Kiel

Opernhaus Kiel / Blick über den Rathausplatz © VollwertBIT

Opernhaus Kiel / Blick über den Rathausplatz © VollwertBIT

 LA MUETTE DE PORTICI – Daniel Esprit Auber

– Revolution mit Unterhaltungswert –

von Hartmut Kühnel

Eine Stumme als Titelrolle einer Oper ist eigentlich ein Widerspruch in sich, aber in der Grand Opéra war vieles möglich, Hauptsache, es war neu und ungewöhnlich und befriedigte damit das steigende Unterhaltungsbedürfnis des in Frankreich entstehenden Bürgertums. Neu war allerdings auch der – wenn auch im historischen Gewand verpackte – immanent politische inhaltliche Ansatz vieler Werke, mit dem diese sehr französische (und eigentlich speziell auf die Möglichkeiten der Pariser Oper zugeschnittene) Form eben doch trotz allen zunehmenden Bombastes sehr nah am realen Puls ihrer Zeit war.


Die Stumme von Portici – Daniel-Francois-Esprit Auber 
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Die Stumme von Portici, LA MUETTE DE PORTICI, 1828 uraufgeführte Oper von Daniel-Francois-Esprit Auber (1782-1871) gilt heute zumeist als die erste ihrer Gattung. Das ist zwar nicht ganz korrekt, doch es war auf alle Fälle der erste ganz große Kassenschlager, allein in Paris wurde 1880 die 500. Aufführung gefeiert. Auch in Deutschland verbreitete sich das Stück nach der schon im Oktober 1928 erfolgten Erstaufführung am Theater Rudolstadt schnell; und mit der Brüsseler Erstaufführung am 25. August 1830, nach der ein emotional aufgebrachtes (vermutlich im Vorfeld mit den „richtigen“ Leuten durchsetztes) Publikum den Justizpalast stürmte und den Abfall Belgiens von den Niederlanden einleitete, hatte sich das Werk auch in die außermusikalischen Geschichtsbücher eingetragen.

Jacques Halévy © IOCO

Jacques Halévy © IOCO

Von den deutschen Spielplänen hatte sich die gesamte Grand Opéra mit dem 1. Weltkrieg gründlich verabschiedet. Inzwischen ist das Interesse wieder erwacht, doch haben Meyerbeer und Halevys La Juive der Oper Aubers den Rang abgelaufen. Das mag durchaus musikalische Gründe haben, denn vieles ist zweifellos gekonnte, aber eben doch Konfektionsware aus der Tradition der Opéra comique heraus, leicht, gefällig und unterhaltsam, aber über größere Strecken für die Dramatik der Handlung für heutige Ohren zu leichtgewichtig. Vor allem das Brautpaar Alphonse und Elvire verbleibt weitgehend unverbindlicher Virtuosität verhaftet, während das revolutionäre Volk die zwar „einfacheren“ aber eingängigeren und damit letztlich wirkungsvolleren Momente hat. Inwieweit Auber auf diese Weise ganz bewusst eine musikalische „Klassengesellschaft“ darstellen wollte, wäre eine nicht uninteressante Frage.

Im Ohr haften bleiben auf jeden Fall Masaniellos Barcarole und Berceuse, Pietros Trinklied zu Beginn des 5. Aktes und einige Chorpassagen. Musikalischer Höhepunkt für mich war aber das beide politischen Seiten vereinende Quartett mit Chor und konzertierendem Solohorn, in dem gerade auch im Orchester die Tür aufgestoßen wird zu einer Welt, in der schon zwei Jahre später Hector Berlioz mit seiner Symphonie fantastique die überkommenen Klang- und Instrumentationsregeln gehörig durcheinanderwirbeln sollte.

Theater Kiel / Die Stumme von Portici - hier :  Fenella © Olaf Struck

Theater Kiel / Die Stumme von Portici – hier : Fenella © Olaf Struck

Die Handlung basiert auf einem von Masaniello (eigentlich Tommaso Aniello d’Amalfi) im Jahre 1647 angeführten Volksaufstand gegen die spanische Herrschaft in Neapel, der zunächst Erfolg hatte und Masaniello für ganze 10 Tage an die Macht brachte. Die anscheinend einsetzenden Zeichen geistiger Verwirrung, die als Strafe Gottes angesehen wurden, machten es dem spanischen Vizekonig jedoch leicht, ihn festnehmen und ermorden zu lassen. Der historische Masaniello wird nicht als unmenschlicher Brutalo-Revoluzzer dargestellt, da er aber auch Todesurteile verhängte und diese sofort vollstrecken ließ, dürfte er nicht ganz so opernmäßig triefend edelmütig gewesen sein wie Aubers Held, der deswegen von den eigenen Leuten als Verräter angesehen und vergiftet wird. Die sich bei Auber während – und vor – der Revolution abspielenden privaten Wirrungen sind ebenso Erfindung des Komponisten und seines von Beginn an fast die gesamte Epoche der Pariser Grand Opéra dominierenden Librettisten Eugène Scribe (1791-1861) wie der finale Ausbruch des Vesuv.

Leider konnte mich die szenische Seite nicht überzeugen. Die aus der katalanischen Theatergruppe La Fura dels Baus hervorgegangene VALENTINA CARRASCO schenkte sich – und dem Etat des Theaters – zwar klugerweise den Ausstattungsschinken, blieb mit ihrer auf zwei Ebenen angesiedelten Erzählform aber irgendwo im Niemandsland hängen. Als Einheitsbühnenbild (JUSTIN ARLENTI) dienen wenige Kulissen im Hintergrund, die den Marktplatz in Neapel andeuten, für den Fischerort reicht ein malerisch über der Bühne drapiertes Netz, alles andere funktioniert über Lichtwechsel und Videos auf der Rückwand; soweit, so gut. Die Kostüme von ELENA CICORELLA könnten vom Ende des vorletzten Jahrhunderts sein, weiß für die Spanier, blau-rötlich fürs Volk (was zusammen ungefähr die Farben der französischen Trikolore ergibt). Herrschende und Volk benehmen sich zu Beginn, wie das Choristen in einer konventionellen Inszenierung halt so tun; allerdings wird das Volk teilweise auch behandelt, als seien es irgendwelche Exoten und nicht die täglichen Fischer und Markthändler. Die vor den Häschern des Vizekönigs flüchtende Fenella, die stumme Schwester Masaniellos, wird von einer Farbigen dargestellt; ein Zufall, weil sie im Rahmen eines internationalen Ensembles einfach eine gute Schauspielerin ist? DAYAN KODUA bringt die Ängste der von Alphonse verführten und später verlassenen jedenfalls mit größtmöglicher Intensität über die Rampe. Oder ist es Absicht, um das Außenseitertum der Stummen gegenüber ALLEN singenden Personen innerhalb einer Oper hervorzuheben? Oder steckt doch mehr dahinter? Im späteren Verlauf der Oper wird sie von schwarz gekleideten Figuren mit Masken statt Gesichtern begleitet bzw. bedrängt werden, sobald sie allein ist. Und vor dem vierten Akt gibt es zwei Minuten ohne Musik bei denen zu Videos von gewaltsamen Aufständen in Afrika Menschen sich gegenseitig über die Bühne hetzen und töten und Fenella in panischer Angst vor Autoreifen flieht, Hinweis auf die in Südafrika angewendete Lynchjustiz des „Necklacing“, bei der dem Opfer ein mit Benzin gefüllter Reifen um den Hals gelegt und angezündet wurde..

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Die Aufklärung hatte ich vor der Vorstellung in der Einführung bekommen! Selbst das Programmheft lässt den Fragenden da nämlich im Regen stehen! Die Besetzung sei ganz bewusst geschehen, weil man die Parallelität der Ablösung von Gewaltherrschaft durch eine Revolution, die genauso zur Gewaltherrschaft führt am Beispiel der afrikanischen Freiheitsbewegungen gegen die Kolonialmächte habe aufzeigen wollen.

Leider war der Abend ansonsten von einer derart altbackenen Gestik geprägt, dass man aus dem Staunen nicht heraus kam. Da wurden die Hände gerungen, der Chor stand häufig genug im Halbkreis herum oder musste – als feierndes Volk – natürlich sturzbetrunken sein. Fast nichts entwickelte sich logisch; Soldaten, die eben noch drei Kerle locker beiseite gedrängt hatten, wurden nach dem Umschlagen der Stimmung von einer einzelnen Frau am Schlafittchen gepackt und auf die Knie gezwungen. Das Herunterlassen des Fischernetzes von der Decke diente einzig um darin heraufklettern, lauter Einfälle des Augenblicks ohne erkennbare Linie, was sich auch in mangelnder Charakterisierung der Protagonisten niederschlug, wobei Fenella allerdings eine Ausnahme bildete – aber die gehörte ja auch sozusagen in die Parallelgeschichte… Bei einer konsequenten, gut gearbeiteten Verbindung beider Ebenen hätte das ziemlich spannend werden können, so aber blieb der schale Nachgeschmack der Verbrämung von schlechtem Handwerk durch eine „Botschaft“.

Wirklich schade, denn die musikalische Seite hatte es – in positivem Sinne – in sich. STEFAN BONE, ursprünglich musikalischer Assistent und Studienleiter der Produktion, dirigierte das Stück zum ersten Mal selbst. Da stand einer, der wusste wann Sänger atmen müssen (als ehemaliger Korrepetitor hat er das Handwerk von der Pike auf erlernt) und der gleichzeitig das Orchester zu höchst animiertem Spiel antrieb, flott in den Tempi aber auch mit der nötigen Ruhe wo es angebracht war; wunderbar.

Die in der Grand Opéra stilistisch unverzichbaren Ballettmusiken werden auf deutschen Bühnen gerne gestrichen, was hier erfreulicherweise nicht geschehen war. MASSIMILIANO VOLPINI hatte seine Choreographie soweit als irgendwie möglich in das Handlungsgeschehen integriert. Wie gut das Kieler Ballett diese umgesetzt hat kann ich als aktiver Nichttänzer nicht beurteilen. Gut auch der von LAM TRAN DINH einstudierte Opern- und Extrachor, präzise und homogen. Einzig das Französisch wäre zweifellos verbesserungsfähig gewesen.

Die Partie des Masaniello ist für den damals erst 26-jährigen Adolphe Nourrit (1802-1839) geschrieben, den wichtigsten Tenor der Pariser Oper, der sowohl die vier Pariser Opern Rossini (Le Siège de Corinthe, Moise et Pharaon, Le Comte Ory, Guilleaume Tell) als auch Halevy’s La Juive und von Meyerbeer Robert le Diable und Les Huguenots uraufführte. Wenn man sich die stimmlichen Anforderungen dieser Rollen anschaut, die nach heutigem Verständnis vielfach eine Art lyrisch-dramatischen Helden-Koloraturtenor verlangen, dann kann man über die offenbar vorhandenen Fähigkeiten des Sängers nur staunen.

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Jedes Haus kann sich also glücklich schätzen, wenn es einen Tenor hat, der den Schwierigkeiten gewachsen ist, und Kiel hatte mit ANTON ROSITSKIY einen solchen. Die Barcarole zu Beginn des 2. Aktes kam noch ein bisschen schmalspurig über die Rampe, danach gewann das Organ schnell an dramatischer Kraft ohne an Beweglichkeit zu verlieren. Die Höhe kam mühelos, ein sicherer C-Sänger, aber kein „Knaller“ sondern auch ein guter Musiker und offenbar begnadeter Techniker, denn mit der durchgehend pianissimo gesungenen Berceuse im 4. Akt wurde Kiel für 5 Minuten plötzlich zur großen Weltbühne alten Zuschnitts, eine derartig traumhafte Voix mixte habe ich meiner Erinnerung nach in fast 50 Jahren „Opernkarriere“ nicht gehört.

Daneben zu bestehen ist schwierig, doch man tat es aller Ehren wert. CÉSAR CORTÉS besaß für den Alphonse den nötigen leichten, hoch liegenden Tenor, dem nicht nur die vielen schnellen Läufe sondern auch die Spitzentöne leicht von der Hand gingen und HYE JUNG LEE konnte als seine Braut Elvire dazu noch mit einiger Attacke aufwarten, bei der diverse Höhen dann allerdings doch etwas scharf gerieten. Das mir das Timbre als solches nicht liegt, ist mein persönliches Pech.

TOMOHIRO TAKADA, der als Berufsrevolutionär Pietro den Brunnenvergifter geben musste, hatte mit dem Freiheits-Duett im 2. Akt (das 1830 in Brüssel bereits zu ersten Publikumsreaktionen geführt hatte) und dem Trinklied im 5. Akt nur zweimal Gelegenheit auf sich aufmerksam zu machen, tat dies jedoch mit Nachdruck, wobei das Trinklied mehr nach Donizetti oder frühem Verdi als nach französischer Eleganz klang, aber es hatte Schwung und das lang gehaltene hohe G am Schluß füllte den Raum.

Am Ende verließ ich das Haus szenisch veritabel gelangweilt, vom Werk nicht so ganz aber von der musikalischen Seite sehr überzeugt.

—| IOCO Kritik Theater Kiel |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere: La Juive von Fromental Halévy, 10.01.2016

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 La Juive von Jacques Fromental Halévy

Premiere am 10. Januar 2016, 19.00 Uhr, Opernhaus Einführungsmatinee 3. Januar, 11.00 Uhr, Theatercafe, weitere Vorstellungen: 12. (B-Premiere) , 20., 28. Jan., 5. Feb.

Paris / Grabstätte Jacques Halévy © IOCO

Paris / Grabstätte Jacques Halévy © IOCO

Die hochdramatischen Ensembles und bravourösen Arien machten dieses Spitzenwerk mit Recht zum weltweit größten Erfolg der französischen Grand Opéra. Regisseur Peter Konwitschny erzählt von der Liebe in Zeiten des Fundamentalismus. Man braucht keinen Opernführer gelesen zu haben, um zu verstehen, wie die von ihrem christlichen Liebhaber verratene Jüdin zur Terroristin wird und was da sonst noch vor sich geht bei diesem Konstanzer Konzil, wo der katholische Adel seinen blutigen Sieg über die Hussiten feiert, während auf der Straße der Mob sich in Pogromen gegen jüdische Nachbarn austobt. La Juive warnt vor Antisemitismus und zeigt gleichzeitig, wie schnell jede Art von religiösem Dogma zu Hass und Gewalt führt. Das fundamentalistische Klima macht nicht nur die Liebe zwischen Jüdin und Katholik unmöglich, es bringt auch zwei Väter in schlimmste Konflikte. Der Jude Éléazar muss in seiner berühmten Arie „Rachel, quand du Seigneur“ nicht nur erkennen, dass er sein Versprechen, das Kind zu beschützen, nicht halten konnte, sondern auch, dass er selbst und sein religiöser Extremismus es sind, die seine Tochter dem Henker überliefern. Aber auch der Kirchenfürst Brogni kann seinen Vorsatz der christlichen Nächstenliebe nicht auf Dauer einlösen und muss erleben, wie seine Menschlichkeit an seiner politischen Funktion, die ihn immer wieder Todesurteilen zwingt, zerbricht. Nur einmal scheint kurz Hoffnung auf – wenn sich im Gefängnis zwei Frauen, die eigentlich Rivalinnen sind, gegen die Grausamkeit der Welt verbünden. Mit ihrer tiefen Auslotung der Charaktere und der aktionsreichen Tragik wie Komik sinnlich erfahrbar machenden Spielweise garantiert diese dichte Inszenierung ein Musiktheater-Erlebnis der Extraklasse.

Es inszeniert Peter Konwitschny, einer der  streitbarsten Regisseure des internationalen Musiktheatergeschehens der letzten Jahrzehnte. Mit seinen Inszenierungen hat er Maßstäbe gesetzt und kontroverse Diskussionen ausgelöst. Peter Konwitschny erhielt 1988 den Kunstpreis der DDR, 1993 den Konrad-Wolf-Preis der Berliner-Akademie der Künste, 1997 das Bundesverdienstkreuz, 2005 den Berliner Theaterpreis und 2007 den Preis des Internationalen Theaterinstituts. Er war fünfmal „Regisseur des Jahres“ (Opernwelt). Mit La Juive ist erstmals eine Regiearbeit Peter Konwitschnys am Nationaltheater Mannheim zu sehen.

Koproduktion des Nationaltheaters Mannheim mit dem Kunsthuis Opera Vlaanderen (Belgien)

Musikalische Leitung Alois Seidlmeier- Inszenierung Peter Konwitschny – Bühne und Kostüme Johannes Leiacker- Licht Manfred Voss- Konzeptionelle Mitarbeit und Dramaturgie Bettina Bartz – Produktionsdramaturgie Antwerpen/Gent Luc Joosten – Dramaturgische Betreuung Mannheim Merle Fahrholz – Chor Francesco Damiani

BESETZUNG:
Astrid Kessler / Ludmila Slepneva (Rachel)
Roy Cornelius Smith / Zurab Zurabishvili (Eléazar)
Andreas Hermann / Juhan Tralla (Léopold)
Vera-Lotte Böcker / Estelle Kruger (Princesse Eudoxie)
John In Eichen / Sung Ha (Cardinal de Brogni)
Joachim Goltz / Jorge Lagunes (Ruggiero)
Chor, Orchester und Statisterie des Nationaltheaters Mannheim

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—