Odessa – Ukraine, Opernhaus Odessa, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 16.01.2020

Januar 16, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Odessa, Oper

Opernhaus Odessa
youtube Trailer von Medulla Oblongata
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Opernhaus Odessa

 La Traviata – Giuseppe Verdi

– Mythen verweben sich mit Fantasie- und Traumwelten –

von Adelina Yefimenko

Im berühmten Roman Schlafes Bruder von Robert Schneider sowie in der gelungenen Verfilmung von Joseph Vilsmaier ist der Bezug zu den Figuren aus der griechischen Mythologie beachtenswert – Hypnos, der Gott des Schlafes und sein Bruder Thanatos, der Gott des sanften Todes. Elias Alder lebt in einem Dorf im 19. Jahrhundert. Er entdeckt sein Hörwunder, vernimmt alle Klänge des Universums, versucht sie im Orgelspiel nachzuahmen. Im von der Doppelmoral geprägten ländlichen Dorfmilieu wird seine überragende musikalische Begabung als Normalitätsverstoß und böses Zeichen angesehen. Die Liebe zur Musik entwickelt sich für Elias zu einem mystischen Liebestod. Eros – der Gott der begehrlichen Liebe – führt ihn zur schmerzhaften transzendenten Erlösung in der Stille. 

Die Doppelfigur Thanatos-Hypnos ist ein beliebtes Motiv in der Bildhauerkunst. Die Inszenierung von Verdis La Traviata am Opernhaus Odessa interpretiert dieses Motiv als Symbol für die unerfüllte Liebe. Auch das andere Mythen-Paar spielt eine wichtige Rolle. Die Statue „Eros (Amor) und Psyche“ begleitet das Geschehen auf der Bühne wie eine schweigsame Zeugin. .

 Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Der junge, in Lemberg geborene ukrainische Regisseur Eugene Lavrenchuk (ein Absolvent des weltweit gefeierten Theaterregisseurs Roman Wiktjuk) inszeniert Verdis Oper neu und spannend und nicht nur als eine romantische Geschichte über das Leben, die Liebe und den Tod einer Kurtisane. Durch die soziale Zugehörigkeit zum Milieu der Halbwelt ist Violetta Valeri in der Pariser Welt der Adligen zum Scheitern verurteilt. Aber die neu, von Mythen angeregte Version Lavrenchuks offenbart spiegelbildlich zu Schlafes Bruder eine interessante Ergänzung zu Dumas d. J. und Verdis Heroinen.

Bevor das Preludio flimmernd aus dem Orchestergraben erklingt, fällt von oben eine riesige schwarze Stoffwolke herab, verdeckt alles auf der Bühne und schafft die Stimmung eines Bestattungsritus. Violetta nimmt bei diesem Vorgang eine Distanz zum Bühnengeschehen ein. Der Regisseur spielt mit dem „Aha!-Effekt“ und erzählt mit Bildern, Statuen und Video-Projektionen eine etwas andere Geschichte über die Frau, deren Würde, Liebe und musikalische Talente (vermutlich war sie früher eine Sängerin) sozial verkannt waren. Seine Violetta liebt die Musik und den Gesang, wie Elias seine Orgel liebte. Und beide verbindet ein mysteriöser Tod – Schlafes Bruder.

Das Spektakulum von Eugene Lavrenchuk (Regie) und Efim Ruakh (Bühnenbild) verursachte große Aufregung in der Presse, die die konzeptuellen und technischen Mängel der Inszenierung kritisierte. Einen Monat später wurde die Inszenierung neu konzipiert und überarbeitet.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata - hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata – hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Die Personenregie der Hauptdarsteller blieb aber unverändert. Eine „Violetta aus dem Jenseits“ darzustellen ist schauspielerisch nicht einfach. Die Rolle der Violetta übernahm in der Vorstellung am 27.12.2019 die zierliche, junge und noch wenig erfahrene Debütantin Natalia Stepanjak. Sie stellte Violetta in Gestalt eines Engels dar. Ist eine solche Violetta ein Regie-Novum oder die Folge der Personen-Regie? Im „Ah, fors´è lui che l’anima“ schlüpft die Sängerin in die Gestalt einer Träumerin. Am Ende ist sie mit der Rolle einer „Schlafes Braut“ absolut vertraut. Sie singt oder besser gesagt: singend träumt, schläft und stirbt sie auf der Bühne. Vielleicht war sie schon früher tot und ist als Engel auf die Erde zurückgekehrt? Jedenfalls befindet sie sich nicht im Hier und Jetzt des Geschehens von Verdis La Traviata. Das ist nur ihre Vergangenheit.

Die Idee ihres Todes, der nicht nur durch ihre Krankheit verursacht wurde, sondern auch durch ihre Mitmenschen, vor allem durch den Doppelmoralisten Germont (Olexiy Zhmudenko) beabsichtigte der Regisseur neu zu interpretieren. Die Protagonisten agierten aber traditionell. Trotzdem war deutlich, dass Lavrenchuks Violetta mehr in die Musik aus ihrer Vergangenheit als in Alfredo verliebt ist. Sie hört die Musik, deren erste Töne von einem alten Grammophon erklingen, bevor das Orchester überhaupt den Klang vorgibt. Die Effekte der fieldrecording mit Geräuschen, wie von einer alten Vinyl-Schallplatte, schufen eine Sehnsuchtsstimmung, die Violettas Untergang antizipierte. (Einen ähnlichen Effekt fügte Krzysztof Warlikowski in der Neuinszenierung von Salome ein). Eugene Lavrenchuk verwendete die Aufnahme des Orchesters des Opernhauses Odessa unter dem Chef-Dirigenten Vyacheslav Chernukho Volich und bearbeitete ihn mit dem Audacity-Programm.

In der Welt der neue La Traviata tragen alle Protagonisten weder historische noch moderne Kleider. Eher sehen sie aus wie Personagen aus dem Jenseits, wie Chimären und dabei sehr fantasievoll, stilisierend das Milieu eines Gespensterhauses. Die Kostüme sind geschmackvoll floristisch geschmückt, aus durchsichtigen Stoffen schön geschneidert und leuchten in den Farben der Bühnenbeleuchtung, – von Grau-Weiß und Blau-Grün bis zu Rosa (Kostüme – inklusive Mode-Design von Efim Ruakh und Eugene Lavrenchuk). Der Eindruck der hypnotischen, wie von Hypnos animierten Traumwelt Violettas wird damit verstärkt. Zum Beispiel, die Flora (Taisiya Shafranska) schwankt frei und schön singend wie ein blauer Geist mit einer riesigen Champagner Flache. Solch witzvolle Kontraste sind auch in der großen Ball-Szene zu sehen. Alles dreht sich im Tanz um den strahlend weißen Engel Namens Violetta – bunte Clowns, skurrile Männer-Stiere, sogar ein luxuriöser großer Kronleuchter mit Damenkleidern schwebt wie körperlose Geister in der Luft. Die Annina (Alina Drugak) gleicht auf der Bühne einer Salon-Dame, einer Rassehundebesitzerin. Zum Schluss laufen die Hunde schnell zusammen (das alles wurde auf die Leinwand projiziert) und lassen an eine viel stärkere Hundetreue als an die Treue der Menschen denken. Insofern entsteht ein Blick auf das bizarre Geschehen aus der Hypnos-Welt im Traum Violettas. Anschließend sucht die Sängerin in traurigen intimen Momenten eine Innigkeit, reflektiert ihren seelischen Schmerz sehr ehrlich. Ihr letztes Pianissimo in der Schlussszene lässt die Frage offen, ob sie wirklich aus der Welt der Brüder Hypnos und Thanatos zurück zur Alfredo-Welt kehren will? Alfredo wirkt dagegen wie ein schwacher, energie- und liebloser Held (Olexandr Prokopovych). Er bleibt auch stimmlich blass und monoton, was dem Regie-Konzept für die Distanz der Gefühle nicht hilfreich ist.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata - hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata – hier : Violetta © Litvynenko Yuri

In Allgemeinem vermischen sich in diesem Regie-Konzept verschiedene Motive des romantischen Liebestodes, der gesellschaftlichen Satire und den neuen mythologischen Inspirationsquellen. Zum Beispiel wird in der Ball-Szene das Bild „Orgy“ vom polnischen Kunstmaler des Akademismus, Symbolismus und der Moderne, Wilhelm Kotarbicski, projiziert (sein Leben und Werk war eng mit Italien und Ukraine verbunden). Eine abwechslungsreiche theatralische Eklektik aus den verschiedenen Motiven von Literatur, Musik, Mythos, Malerei, Skulptur, Licht- und Video-Design imaginiert auf der Bühne eine spannende und mysteriöse Interaktion.

Die parallelen Kontexte, bzw. der Mythos „Amor und Psyche“ nimmt einen festen Platz in der Regie ein. Violetta ist eben nicht nur ein Engel, sondern auch mythische Psyche. Überraschenderweise ist die Verbindung des Bühnengeschehens mit der Geschichte des Odessa-Opernhauses sehr authentisch. Das Park Palais Royal im Innenhof des Opernhauses besitzt eine berühmte Skulptur „Amor und Psyche“ (eine Marmorkopie der antiken griechischen Statue von Bildhauer Boris Eduards, deren Original sich in den Kapitolinischen Museen befindet). Diese Statue nennt man auch „Der Kuss“, was die Sinnlichkeit von Skulpturen Auguste Rodins oder Bilder Gustav Klimt hervorhebt. Auf der Bühne aber macht die Statue der Psyche einen schmerzlichen Eindruck, halb verfallen und ohne Kopf.

Auf solche Weise korrespondieren die zwei Mythen mit La Traviata von Alexandre Dumas d. J. und von Giuseppe Verdi. Die damalige Kritik der beiden Autoren auf die adelige Doppelmoral im 19.Jahrhundert hatte eine starke Wirkung auf die Interpretationsgeschichte der Oper. Dies wird in der Regie mit einer Reihe von Video-Installationen unterstrichen. In der Mitte des 2.Aktes entstehen aussagenkräftige Zitate aus den Briefwechseln Verdis und Cesare de Sanctis oder Giulio Ricordi u.a. – „La traviata, ieri sera, fiasco. La colpa è mia o dei cantanti? Il tempo giudicherà” und später – „Sappiate addunque che la Traviata che si eseguisce ora al S.Benedetto e’ la stessa, stessissima, che si esegui l’anno passato alla Fenice! Allora fece fiasco: ora fa furore. Concludete voi!!”
Die Videos verwendet der Regisseur, um die Pause für den aufwendigen Bühnenbildwechsel im zweiten Akt zur Aktion umzuwandeln. Auf der großen Leinwand diskutiert das Regie-Team – Efim Ruakh, Victor Melezhko, Mykola Gorobets, Yulia Presnyakova, Tamara Forsyuk – über das Problem der aktuellen Pause. Das schafft den Reiz, einen Blick hinter die Kulissen der Produktion zu werfen, um den Ideen des Regie-Theaters genauer folgen zu können.

Zum Höhepunkt der Inszenierung wurde das Finale. Die engelshafte Violetta singt ihre letzte Abschiedsarie „Addio del passato“ in ihrer tiefen Traurigkeit. In Ihrem Abschied ertönt eine klare und auf das feinste Pianissimo reduzierte Stimme. Und man trauert mit Violetta zusammen, dass ihre „Addio…“ gekürzt wurde, so schön und geheimnisvoll blieb die Wirkung dieser Szene. Die zurückhaltende Abschiedsstimmung in der Orchesterführung entspricht mehr dieser Situation als eine stürmisch laute Dramatik. Aus dem Orchestergraben unter der jungen Dirigentin Margaryta Grynyvetska ertönte kein einziger zu derber Klang. Aber etwas mehr sensible Interpretation und Korrespondenz zur Regie wäre erwünscht. Es fehlten der weit gespannte Spannungsbogen und mehr Flexibilität der Tempi, besonders in der Kommunikation mit dem Chor. Übergreifend wurde aber musikalisch wie szenisch vielfach und korrekt die Form gewahrt.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata hier Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata hier Violetta © Litvynenko Yuri

In einem Interview erwähnte der Regisseur den Wind als tragendes Symbol der Inszenierung und er hat diese Idee, die Geräusche mit der Musik in Balance zu halten trotz der technischen Schwierigkeiten realisiert. Spektakulär treibt der Gott des Windes die schwarzen dichten Wellen des Meeres aus Stoff über die Bühne. Ein Exkurs im Mythos „Amor und Psyche“ kann einiges in der Regie aufklären und die spannende Parallelen aufzeigen.

Als Erstes: der Gott des Windes Zephyr trug Psyche zu Amor auf die Bergspitze. Dort verbrachten die Verliebten viele glückliche Nächte zusammen, aber Amor blieb unerkannt. Die Eifersucht auf Psyches Glück trieb ihre Schwestern dazu, Amor als Ungeheuer auszugeben. Es gab schon einige Regie-Deutungen (z.B. von Dmitri Tscheniakow, Robert Karsen u.a.), in denen Alfredo in seinem Verhalten zu Violetta zum seelenlosen Ungeheuer wird. Wie sonst kann man diesen Mann wahrnehmen, wenn er seine Geliebte vor der ganzen Öffentlichkeit demütigt, worauf der Tod sie umso früher ereilt?

 Alphonsine Plessis, die Violetta Valery des realen Lebens in Paris © IOCO

Alphonsine Plessis, die Violetta Valery des realen Lebens in Paris © IOCO

Als Zweites: den todesgleichen Schlaf der Psyche, aus dem sie nicht mehr erwacht, verursachte Proserpina – die Göttin des Totenreiches. Von ihr bekam die Psyche ein versiegeltes Fläschchen mit Schönheitssalbe, das sie heimlich öffnete und ihre betäubenden Düfte einatmete. Das historische Vorbild für Alexandre Dumas‘ Roman- und Bühnengestalt Marguerite Gautier (La dame aux camélias) und Giuseppe Verdis Violetta Valery (Oper „La traviata“) war bekanntlich die französische Kurtisane Alphonsine Plessis, die wegen ihrer Lungenkrankheit keine Blumen-Düfte außer die von Kamelien vertragen konnte.

Als Schlafes Braut und „Schwägerin des Todes“ lässt Violetta alle Figuren aus ihrer Vergangenheit wie Gespenster aus dem Jenseits hinter sich. Sie hängen im schwarzen Nebel mysteriös in der Luft. Nur Alfredo ersteigt auf der Vorderbühne aus der schwarzen Welle. Die ganze Bühne versinkt nun langsam im völligen Dunkel. Während der ganzen Vorstellung lief im Hintergrund eine eindrucksvolle Folge von Videos, die eine eigene Dynamik im Sujet hatten: von romantischen Visionen der langsam fallenden Kamelienblätter und der Frühlingsblühte bis zum stürmisch starken Regen (die Vision der Tränen) oder dem Regen der Dollars (die Vision der Demütigung). Aber am Nachhaltigsten wirkte am Ende das Video mit dem abstrakten Verfall der Mauer (die Vision des totalen Untergangs von Violettas Existenz).

Am Ende bleibt Violetta einsam auf der Bühne zurück, im immer gleichen weißen Hemd mit übergroßen Schleier auf der Schulter. Ihre durchsichtigen Stoff-Flügel bringt der Wind zur Bewegung und diese engelhafte Erscheinung verschwindet in der Dunkelheit des Jenseits genauso rätselhaft, wie sie zuvor erschien. Ihr Geist wird vom Winde Zephirs in die Ewigkeit verweht. Traurig bleibt Schlafes Braut, die sich früh mit dem Tod verband, in der Erinnerung des Publikums.

So reizvoll trifft der Mythos auf eine der populärsten romantischen Geschichten aller Zeiten. Das Gesamtkunstwerk triumphiert in dieser La Traviata. Erstaunlich, wie viele neue Fantasie- und Traumwelten birgt in sich diese Oper und Regisseure immer wieder und immer neu inspiriert.

 Besprochene Vorstellung von 27.12.2019.  Die Premiere fand am 9.10.2019 

—| IOCO Kritik Opernhaus Odessa |—

Venedig, Gran Teatro La Fenice, Musiktheater ohnegleichen, IOCO Kritik, 23.10.2009

November 1, 2010 by  
Filed under Kritiken, Teatro La Fenice

 

Venedig / Theater La Fenice © IOCO

Venedig / Theater La Fenice © IOCO

Gran Teatro La Fenice

Gran Teatro La Fenice:  Musiktheater ohnegleichen

Der  Weg  zu unserer Tosca-Aufführung (siehe separate etwas knappe Tosca-Rezension)  war weit:  Unser Ziel war Venedig und das vielleicht schönste Opernhaus der Welt, das einzigartige  Gran Teatro La Fenice.

Venedig empfing uns nicht wie Könige; Stau auf Autobahn und der Überfahrt nach Venedig. Das dortige Parkhaus hat eigene Gesetze: Aus Platzgründen dürfen Autos nicht verschlossen werden. Unser Hotel in einer verwinkelten Ecke des Stadtteils Dorsoduro (starker Rücken).  Auf dem Weg dorthin: Unzählige Touristen,  den Stadtplan Venedigs dechiffrierend;  dazwischen einige Einheimische,  auf der Flucht vor den  Scharen auskunftssuchender Touristen.

Die Fakten des insularen Venedigs ( nicht der Provinz Venetien) : 18 Inseln, 7 km² Fläche, 4 km vom Festland, 2 km vom Meer entfernt, 350 Brücken ( davon 3 über den Canale Grande ), 200.000 Einwohner und 20 Millionen Besucher im Jahr. Verkehrsmittel: Vaporetti ( Linienboote) , Wassertaxis, Gondeln. Eine Einzelfahrt auf dem Vaporetto kostet inzwischen € 6.50, eine Tageskarte € 16. Empfehlenswert jedoch ist gutes Schuhwerk.  Man erläuft sich Venedig. Meine unter Hohngelächter erworbenen Crocs  bestanden ihre Feuertaufe überraschend mit summa cum laude. Fußmärsche und Warten in Touristenschlangen bestimmen den Lebensalltag in Venedig. Auffällig, wenn in den Kanälen unvermittelt Rudel von vier bis sechs Gondeln auftauchten: Jedes bis zum Sinken überladen mit lachenden, knipsenden, zwitschernden Asiaten. Und von der ersten Gondel tönt schrill die unvermeidbare Canzone. Nicht gesungen, sondern aus einem schrägen Recorder.

Venedig / Canale Grande © IOCO

Venedig / Canale Grande © IOCO

Seit Jahrhunderten wirken die vielen Häuser und Paläste Venedigs  dem sicheren Untergang geweiht.  Markusplatz unter Wasser, das Wasser in den Kanälen verdächtig trübe. Die  auf dem Markusplatz residierenden Tauben:  Man  sollte sie meiden. Die zahllosen Touristen  kümmerts  nicht. Die  ansässigen  Einwohner schon eher. Sie wandern ab. Die Einwohnerzahl Venedigs sankt von 367.000 in 1971 auf 220.000  in 2007.  Und  sie sinkt weiter, mit ca 1%  pro Jahr.  Auch der Anteil der  über 65jährigen in Venedig ist  überproportional hoch.  Aber: Jeder Trend bricht einmal. Warten wir also: Venedig, die Stadt Vivaldis und Wagners wird mit Sicherheit wieder wachsen.

Venedig / Teatro La Fenice2 © IOCO

Venedig / Teatro La Fenice2 © IOCO

Erstes Opernhaus Venedigs direkt am Canale Grande   gelegene  Teatro Sant´Angelo, erbaut 1676, Antonio  Vivaldo  war ab  1726  als  Direktor.  Nachdem das  Sant´Angelo  1773  abbrannte wurde an anderer Stelle 1792 das heutige Gran  Teatro La Fenice  (Fenice = Phönix – Der Sonnenvogel; als  Zeichen der Wiedergeburt)  neu erbaut.  Seinerzeit größtes Musiktheater in Italien fasst  der Theaterneubau  heute für Opernaufführungen 1.022 Sitzplätze, davon nur 326 im Parkett und 696 Plätze in den fünf Rängen des Hauses.  Bühnenöffnung 11 x 13 Meter, Hauptbühne 511 m². Der Theaterraum des La Fenice  verschlägt jedoch den Atem:  Wände und Decken in Gold, Bestuhlung in Rot gehalten. Fünf Ränge, alle in Logen aufgeteilt, in sanftes, pastellfarbenes Blaugrün getaucht, mit bequemen wie beweglichen Stühlen; dreiarmige Leuchter außen an jeder Loge; an der Decke des Theatersaales ein riesiger Lüster aus vergoldetem Messing. Hauptmotiv des Saalschmucks, welcher die Außenseiten der Ränge und den Deckenrand prägt, ist die Papier maché Darstellung eines großen Waldes aus Arkantusblättern; mit 24-karätigem Blattgold ausgeführt und nach althergebrachter Technik mit Achat poliert. Zusätzlich schmücken auf die Außenseiten der Ränge Malereien von Amor-Figuren mit Musikinstrumenten oder beim Spiel. Dazu sind auf dem ersten Rang Poeten und klassische Philosophen abgebildet, auf dem zweiten sechs Allegorien der Geschichte usw. Der Bühnenvorhang besteht aus nichtbrennbarem dunkelgrünen Samt mit einem Dekor von 1.100 Blumen aus vergoldetem Leder. Die auffällige Kaiser-/ Königsloge erstreckt sich über zwei Ränge oberhalb des Mitteleinganges zum Parkett und hat eine bewegte `Dekorationsgeschichte´. Napoleon, Österreich, die italienische Königsfamilie und zuletzt, 1946, die Republik Italien bestanden jeweils auf eigener, höchst aufwendiger Gestaltung dieser Loge: Wappen, Putten, Gemälde und der Marciana-Löwe von Venedig sind Zeuge des geschichtlichen Wandels. Und so erscheint der Theatersaal des Gran Teatro als Gold, Bordeaux und Arkantus kontemplierende Prachtfülle, beschienen von sanftem Beige seiner 2.000 Leuchter. Lassen Sie sich zusätzlich einfangen durch den Charme der Bilder des Gran Teatro La Fenice!   IOCO / Viktor Jarosch / 23.10.2009

Venedig, Gran Teatro la Fenice, Eine Tosca, die süchtig macht, IOCO Kritik, 20.06.2009

Dezember 15, 2009 by  
Filed under Kritiken, Teatro La Fenice

 Venedig / Theater La Fenice © IOCO

Venedig / Theater La Fenice © IOCO

Gran Teatro La Fenice

Ein Theater, Eine Tosca – Sie machen süchtig!

Von Viktor Jarosch

Unsere Tosca-Aufführung: Als Tosca Daniela Dessi ( Tosca in aller Welt inkl Scala, München; Manon Lescaut in Wien, Barcelona, Verdi-Konzert an der Deutschen Oper Berlin usw );  Cavaradossi  war Fabio Armiliato ( Weltklasse; Don Carlo in München, Pinkerton und Radames in der Arena di Verona, Tosca im Hamburg, Moskau usw ) und Carlo Guelfi als Scarpia. Guelfi sang Ende 2007 in der Kölner Philharmonie einen konzertanten Othello gemeinsam mit Nuccia Focile und Johan Botha.

Die Inszenierung der Oper klassisch neutral, mit wenig Auffälligkeiten und erst recht ohne Anstößigkeiten. Kein Erotikfestival. Dafür eine von schönen Stimmen geprägte Inszenierung. Dirigat und Orchester des La Fenice folgten bei allen `Verismen´ konsequent der romantischen Melodielinie und deckten die Sänger nie zu. Die blendenden Stimmen hielten uns wie alle Besucher durchgängig im Bann. Daniela Dessi und Fabio Armiliato brillierten in ihren Partien mit Extraklasse. Carlo Guelfi, solide in der Mittellage.

Praktisches zum „Fenice“: Ticketpreise von € 25 bis € 150. Die teuren Tickets sind zumeist vorverkauft. Nicht schlimm, denn es lohnt sich durchaus der Kauf eines billigen Tickets von 25 -35 Euro. Eine gewisse Sichtfähigkeit aber sollte gegeben sein; man kann die Sicht der Plätze erfragen.  Eingeschränkte Sicht wird auf dem Ticket vermerkt. Durch verrücken der Stühle kann man eigenhändig die Sicht gelegentlich deutlich verbessern. Und der Besuch des traumhaften  – Theatersaales in Verbindung mit einer schönen Oper ist immer ein Gewinn, auch bei etwas eingeschränkter Sicht.

Übrigens, als wir nach drei Tagen unser im öffentlichen Parkhaus von Venedig unverschlossen parkendes Auto abholten fehlte……….. nichts. Nicht nur Tosca macht süchtig: Venedig nicht minder!

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung