BLAUBART oder der Schlüssel zur Verdammnis, IOCO-Serie, Teil 3, 12.12.2020

 Charles Perrault Versailles - 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

Charles Perrault Versailles – 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

BLAUBART oder der SCHLÜSSEL ZUR VERDAMMNIS

Blaubart – La BarbeBleue ::: Peter M. Peters führt  IOCO-Leser in vier Folgen ein in die Geschichte, die Geheimnisse, die Mythen um eine Phantasiefigur

Bereits erschienen:

Teil 1: Blaubart und die unerfüllte Liebe – link HIER
Teil 2: Freier Lauf für die Fantasie …..link HIER

von Peter M. Peters

Teil 3 – Der Schlüssel zum Geheimnis

André Grétry und Michel-Jean Sedaine (1789)

Seit der 1773 uraufgeführten Oper Le Magnifique hat der Komponist André (Ernest-Modeste) Grétry (1741-1813) mit dem Textdichter Michel-Jean Sedaine (1719-1797) zusammen gearbeitet. Im Gegensatz zu Jean-François Marmontel (1723-1799), der ihm sein erstes Libretto zur Verfügung gestellt hatte, konnte der sich besser im Schatten des Musikers halten. Aus ihrer Zusammenarbeit gingen insbesondere Richard Coeur de Lion (1785) und Guillaume Tell (1791) hervor. Blaubart nannte sich auch Raoul Barbe-Bleue und wurde am 2. März 1789 in Paris im Salle der Opéra Comique zum ersten Mal aufgeführt (damals wurde der Saal mehrmals umbenannt: Comédie Italienne, Théâtre Italien oder Salle Favart). Musikalisch scheint das Werk repräsentativ für den Stil von Grétry zu sein, obwohl allgemein angenommen wird; dass er sich zu diesem Zeitpunkt nicht in seiner brillantesten Inspirationsphase befand. Wir bemerken jedoch die wichtige Rolle, die dem Orchester im Hinblick auf eine interessante durchdachte Instrumentierung eingeräumt wird. Wir erkennen dies während des Trios im dritten Akt, wo die Musik  vor Hector Berlioz (1803-1869) den Galopp der Pferde und bis hin zu den Staubwolken, die sie aufwerfen, imitiert. Nur der Titel erwähnt ausdrücklich den Fabelcharakter von Charles  Perrault. Zu keinem Zeitpunkt ist von seinem Bart oder dem Ekel, den sein Aussehen herrufen könnte, die Rede. Die bis jetzt anonyme Frau findet hier einen Namen, Isaure, sowie eine ziemlich detaillierte Psychologie. Die Zahl der toten Frauen beträgt hier drei. Es ist interessant festzustellen, dass der Vater einer der getöteten Frauen, derjenige ist, der Blaubart in das Jenseits befördert und nicht einer der Brüder; zudem ist wenig symphatisch, dass die Mutter in eine Rolle als Kupplerin versetzt wird. Die radikalste Veränderung betrifft Sœur Anne, die hier ein Mann wird, Vergy. Dieses Thema am Vorabend der revolutionären Turbulenzen konzipiert  mit der Versammlung der États Généraux und dem öffentlich ausliegenden Reklamations- und Beschwerdebuch: Hier können wir eine Kritik des Absolutismus und der Allmacht der Feudalherren sowie die Verteidigung einer Aristokratie sehen, die auf Großzügigkeit und Mut beruhte (die Rolle des Vergy, der schließlich Isaure heiratete). Dies erklärt sicherlich warum das Werk während der Revolution im Repertoire der Theater verbleiben konnte, um dann im 19. Jahrhundert von den Bühnen zu verschwand.

André Grétry © Wikimedia Commons (BM 1893,0123.9)

André Grétry © Wikimedia Commons (BM 1893,0123.9)

Frédéric Dupetit Méré – Nicolas Brazier (1823)

Dieser Blaubart ist nur ein Beispiel für die Popularität der Märchen von Charles Perrault (siehe Teil 1 dieser Serie) in ihrer Adaptation für das Unterhaltungstheater im gesamten 19. Jahrhundert. Der Geschmack für das Wunderbare und durch die Ausführung komplizierter Effekte in den Inszenierungen, findet ein Jeder seine Freude in einer Reihe von Pantomimen, Melodramen, Vaudevilles, Folies (Narrheiten) und Folies-Fééries (verzauberte Torheiten). Barbe-Bleue Folie-Féérie in zwei Akten von Nicolas Brazier (1783-1838) und Frédéric Dupetit-Méré (1785-1827), ein großes Spektakel mit erotischen Tänzen und frechen Liedern wurde am 24 Mai 1823 zum ersten Mal in Paris im Théâtre de la Gaité aufgeführt. Es muss zunächst bemerkt werden, dass in dieser Art von Spektakeln es üblich war, entscheidende Eingriffe auszuführen wie hier z.B. das Erscheinen einer Elfe, der Elfe Ninette mit ihrem kleinen Freund, dem Geist in rosiger Farbe (zum Gegensatz des blauen Bartes?). So kann das Fantastische eine Inkarnation unter den Augen der Zuschauer finden. Ebenso wird das Geheimnis des Bartes erklärt: Hier wird wie in den Haaren des Samson (12. Jahrhundert bevor J.C.) magische Kräfte entdeckt. Jede Ablation markiert eine Rückkehr zur Normalität. Der Sire de Fanfignac-Barbe-Bleue, der mit dem lächerlichen Spitznamen Mimi Cruel versehen ist, hat überhaupt nichts Fürchterliches an sich. Er ist weder kriminell noch polygam, denn er hat tatsächlich nur eine Frau geheiratet, die hier wieder Isaure de Valbon genannt wird. Im Vergleich zur Fabel wurden andere Veränderungen vorgenommen. Der verbotene Raum wird zu einer gewölbten Galerie am Ende des Parks. Der goldene Schlüssel ist nicht mit Blut befleckt, jedoch wird er bronzefarben und hat bei der Entdeckung des Geheimnisses natürlich seinen Wert verloren. Schließlich ist der Turm nichts weiter als ein Balkon, auf dem Sœur Anne klettert. Letzte Bemerkung zur Struktur dieser Folie-Féérie: Die gesprochenen Passagen wechseln sich mit den Gesungenen ab, jedoch nicht mit Originalmusik; sondern zu bekannten parodierten Arien aus berühmten zeitgenössischen Opern (Fernand Cortes, Le Calife de Bagdad, Richard Cœur de Lion…).

Raoul Barbe-Bleue – André Grétry – hier ton souvenir fera le malheur de ma vie
youtube Trailer Chantal Santon Jeffery
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Armand Limnander  – Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges (1851)

Die Premiere von Raoul Barbe-Bleue de Grétry war der Sturm auf die Bastille nur wenige Monate vorausgegangen, Le Château de la Barbe-Bleue von Armand Limnander de Nieuwenhove (1814-1892) mit dem Libretto von Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges (1799-1875) ist am 1. Dezember 1851 zum ersten Mal in Paris aufgeführt worden. Am gleichen Tage vollzieht Louis-Napoléon Bonaparte (1808-1873) einen Staatsstreich und so können wir uns leicht vorstellen, dass die neue Produktion an der Opéra Comique gegen ein solches politisches Ereignis nicht kämpfen konnte. Zwei Jahre zuvor hatte Limnander erfolgreich Les Monténégrins aufgeführt, ein Musikdrama in drei Akten, zu dem Gérard de Nerval (1808-1855) das Libretto schrieb. Danach wird Limnander in gewisser Weise der offizielle Komponist der belgischen Monarchie, für die er mehrere Werke mit religiöser Inspiration schreiben wird. Zu diesem Anlass ließ sich Saint-Georges von einem Roman von Eugène Sue (1804-1857) Le Morne au Diable inspirieren. Ein paar Worte zu dem Inhalt: Gaston de Rochambault reist nach Indien, um das Erbe eines seiner Onkel in Empfang zu nehmen. Auf seiner Reise erinnert er sich an eine flüchtige Begegnung mit einer wunderschönen Frau, die er am Hofe von Versailles singen hörte, indem sie sich gleichzeitig mit der Harfe begleitete. Als er in der Nähe von Madras an Land geht, hört er viele Gerüchte über eine fremde seltsame Schlossbesitzerin. Ihr Alter sowie ihr Gesicht sind geheimnisvoll und unbekannt und man wundert sich über den äußerst erschreckenden Konsum an Ehemännern (?). Um das verfluchte Schloss herum zirkulieren alle Arten von gefährlichen und dunklen Hintermännern, die in schmutzige Geschäfte verwickelt sind, jedoch hört er hier auch wieder die liebliche Stimme aus Versailles und Erinnerung werden wach… Im letzten Akt werden wir endlich das Geheimnis erfahren, dass sich unter dem Deckmantel von Barbe-Bleue, Comtesse de Lancastre versteckt, die Nichte des König Jacques II (1633-1701) von England, den der französische König Louis XIV (1636-1715) Exil gab.

Wie wir sehen können, sind wir hier weit von Perrault entfernt. Blaubart ist eine Frau ohne Bart geworden und ihre mehrfachen Ehen sowie ihre Verbrechen sind nicht mehr als Illusionen. Das Wesentliche bleibt jedoch: Das Geheimnis oder genauer gesagt die Beziehung einer Gesellschaft zu einem Individuum, das anscheinend seine Regeln nicht respektiert. Wir wissen dass es reich und mächtig ist, aber sein Leben basiert auf einem Geheimnis. Das Schloss, in dem die Comtesse de Lancraste vorübergehend residiert, hat sicherlich nichts vom Schloss Lacoste des Marquis de Sade, aber in der populären Vorstellung erscheint es dennoch wie eine Räuberhöhle oder gar eine höllische Mördergrube. Ein solches Libretto hätte zu einer echten Umkehrung des Mythos führen können. Aber der Roman von Eugène Sue adaptiert von Saint-Georges hält sich an eine banale Bildsprache, schmeichelt dem Geschmack der Zeit durch die Geschichte (die Handlung findet im 17. Jahrhundert statt und bezieht sich auf Menschen, Fakten mit realen Ereignissen) und einer kitschigen Exotik, richtig erzählt, wäre das bereits eine Flucht in Zeit und Raum, zu der die romantische Faszination für mysteriöse Schlösser und Burgen und die Charaktere der Revoltierenden hinzukommt.

Blaubart von Jacques Offenbach
youtube Trailer Komische Oper Berlin
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Jacques Offenbach, Meilhac et Halévy (1866)

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Mit dieser Komischen Oper in drei Akten und vier Bildern, die am 5. Februar 1866 im Pariser Théâtre des Variétés uraufgeführt wurde, haben wir einen schon bekannteren Boden erreicht. Dieser Blaubart ist zeitgemäß mit den größten Erfolgen des „Dreigestirn“, die Jacques Offenbach, Henry Meilhac (1831-1897), Ludovic Halévy (1834-1908) formten: La Belle Hélène (1864), La Vie parisienne (1866), La Grande Duchesse de Gérolstein (1867). Zwischen Perrault und Offenbach gab es offensichtlich eine ganze Reihe populäres und verblüffendes Musiktheater, bei denen Blaubart oft seine ganze Pracht verlor und die „Kinder im Paradies“ zum schallenden Lachen und fröstelnden Schaudern brachte. Wie in der Folie-Féérie von Frédéric und Brazier war die ursprüngliche Geschichte zumindest allgemein bekannt und das Talent neuer Bearbeiter bestand vor allem darin, die Spuren zu verwirren, indem sie hier und da unerwartete Charaktere erfanden, was wir eine Ablenkung und Umgehung des eigentlichen Objektes bezeichnen möchten. So konnte sich der Bart, der Schlüssel oder der Turm für die absurdesten Variationen eignen. Meilhac und Halévy kannten äußerst gut diese glücklichen Pfründe und sie waren bestens vertraut mit der neuesten Geschmacksmode des 19. Jahrhundert. Dieser neue Blaubart unterscheidet sich jedoch von den anderen, denn das Mysterium und das große Showtheater ist nicht mehr gefragt. Andererseits ist ständig ein Hauch von Erotik aber ohne jegliche Dunkelheit vorhanden, jedoch schwebt ein wenig Schwermut und Bitterkeit darüber.

 Henry Meilhac auf Montmartre Paris © IOCO

Henry Meilhac auf Montmartre,  Paris © IOCO

An seiner Haltung denkt man spontan an Don Juan von Jean-Baptiste Molière (1622-1673), jedoch unserer falscher komischer Held hat keine Angst sich als Verbrecher darzustellen, um besser seiner eigenen Moral zu folgen: Das Begehren fleischlicher Lust! „Ich finde dass etwas poetisches in meinem Charakter istIch mag keine Frau, ich liebe alle Frauen … indem ich mich ausschließlich an eine von ihnen gebunden habe, meine ich das ich alle Anderen beleidigt habe…Fügt man die Skrupel hinzu, die mir nicht erlauben zu glauben, dass es zulässig ist eine Andere als die legitime Ehefrau zu nehmen.“ Doch vor ihm steht die beliebte Boulotte mit einer robusten populären Volksgesundheit und die sich nicht mit irgendwelchen Vorurteilen befasst, sie nimmt Jeden, der ihr gefällt. Dennoch ist sie es, die vom Dorf als die > Jungfrau mit dem Rosenstrauch < bezeichnet wird und sie bleibt auch die einzige Frau von Blaubart. Die fünf vorherigen Frauen, die der Alchemist Popolani gerettet hatte und sich damit einen netten kleinen persönlichen Harem bildete. Aber jedoch die Damen zögerten nicht um sich schnellstens mit fünf Höflingen zu verheiraten, die der König Bobèche verurteilt hatte. Auch ist es höchstwahrscheinlich sicher, dass die Königin Clémentine nicht auf sich warten ließ, um ihren königlichen Gatten mit Alvarez zu betrügen. Es sind daher die Institutionen der Ehe, die in diesem komischen Stück auf den Kopf gestellt werden und mehr noch das kirchliche Dogma der weiblichen Jungfräulichkeit. Gehen wir diesen Weg nicht weiter, denn die Musik von Offenbach ist auch dazu da zu behaupten, dass die großen Ideen am Ende nicht viel ausmachen. Der springende Punkt ist, dass > es glücklich endet < und die Loyalität zu Perrault nicht mehr Existenzberechtigung hat als die einfache eheliche Treue. Vermisst ist Schwester Anne und ihr Turm. Von dem Schlüssel bleibt nichts übrig, nicht die geringste Anspielung und es ist nicht einmal die Neugier da, ob die neue Frau von Blaubart dem Risiko des Todes ausgesetzt ist. Nur der Wunsch ihres Mannes, in gerechter Ehe eine siebente Frau zu heiraten und es ist kaum möglich, dass Boulotte bei ihrer Hellseher-Nummer Blut am Ring der Neuvermählten sah!

Blaubart  – vorgestellt von Barrie Kosky und dem Ensemble
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La Légende de Barbe-Bleue von Charles Lecocq (18321918) und dem Librettisten Richard O’Monroy (1849-1916) ist ein Pantomimen-Ballett mit Chor in drei Bildern, das am 12. Mai 1898 auf der Bühne des Pariser Olympia uraufgeführt wurde. Die Loyalität zu Perrault ist dort deutlicher als in der Komischen Oper von Offenbach zu spüren. Aber die Gesetze einer leichteren Unterhaltungsart wollen auch hier keine wirklichen Morde auf der Bühne. Die vorherigen Frauen werden zu Statuen versteinert, jedoch wieder lebendig werden sie fast zu Rachegöttinnen. La Légende de Barbe-Bleue, die im ersten Bild gesungen wird, erzählt von den großen Qualitäten der sechs vermissten Frauen. Auf der anderen Seite geht es nicht mehr um Schwester Anne und es ist Rosalinde selbst, die den Horizont absucht. Die beiden Brüder Gondebaud und Enguerrand spielen eine Rolle, während es dem zukünftigen Ehemann Jehan von Anfang an leid tut, dass ihm diejenige genommen wird, die er liebt. Die Persönlichkeit von Blaubart bleibt konventionell und es wird kein Versuch unternommen, das Motiv seiner Handlungen zu erklären. Die große Originalität dieses Blaubart liegt tatsächlich in der Personifizierung des kleinen Schlüssel und der Beziehung zwischen Blaubart und Rosalinde, wenn es darum geht, das Kabinett zu entschlüsseln. Wir sind dort im Kontext eines Pantomimen-Ballett, wo das Wesentliche durch Bewegung und Geste gesagt werden muss.

Blaubart hier vom Styriarte Festival in Graz
youtube Video von Elisabeth Kultmann
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Das Märchen von Charles Perrault bietet somit den Rahmen für alle Arten von Variationen mit unaufhörlichen Veränderungen der Atmosphäre (der Tanz der kleinen Hofnarren kommt z.B. vor der Szene des Briefes). Aber ist es nicht das Ziel eines solchen Spektakel, dem Publikum in erster Linie das charmante Regiment der > Girls < zu präsentieren, die verkleidet als erotische Fledermäuse oder als bildhübsche Bäuerinnen erscheinen? Das gesamte dritte Bild konzentriert die verschiedenen Themen typisch für die Belle Époque (Militärmarsch, Bauernballett, Hochzeitszug), die jedoch ohne Interesse für die Original-Geschichte sein soll, jedoch aber einen wichtigen Unterhaltungsfaktor für das Publikum hinzufügen. PMP-20/11/20-3/4

BLAUBART oder der Schlüssel zur Verdammnis, IOCO – Serie

 Blaubart – La BarbeBleue –  IOCO-Serie von Peter M. Peters – Teil 4 folgt hier am 19.12.2020  –   Freiheit oder Tod … Optimismus oder Pessimismus 

—| IOCO Buchbesprechung |—

BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO-Serie, Teil 1, 27.11.2020

 Charles Perrault Versailles - 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

Charles Perrault Versailles – 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

BLAUBART oder  der SCHLÜSSEL DER VERDAMMNIS

Blaubart – La BarbeBleue  :::  Peter M. Peters führt IOCO-Leser ein in die Geschichte, die Geheimnisse, die Mythen um eine Phantasiefigur – in vier Folgen – hier TEIL 1

 von Peter M. Peters

Blaubart und die unerfüllte Liebe

Wer ist dieser Blaubart, der seit seiner „Geburt“ im Jahre 1695 unsere Erinnerungen mit Wahnvorstellungen verfolgt? Er ist ein Herr Niemand – denn er ist nur ein Mythe und auch ein wenig Herr Jedermann. Aber fangen wir am Anfang an!

Zunächst sehen wir uns den finsteren Grafen Gilles de Rais (1404-1440), Marschall von Frankreich, etwas näher an, er lebte im 15. Jahrhundert und war einer der Gefährten der Jeanne d’Arc (1412-1431). Gerüchte gingen um, das er in seinem Schloss in der Vendée kleine Knaben in sadistischer Weise schlachtete, jedoch wurde es nie gerichtlich bewiesen. Wir sehen durch dieses schnelle Porträt, dass er es verdient, eliminiert zu werden. Aber seine Erinnerung ist nicht so leicht zu löschen. Besonders seit Jules Michelet (1798-1874) es auf den schrecklichen Seiten seiner  Histoire du Moyen Âge erwähnt hat, ist er weiterhin ein Gegenstand von vielen Veröffentlichungen, von denen die meisten ziemlich abscheulich sind. Manchmal erscheinen diese Geschichten in schnellen Abständen. Wir sahen zum Beispiel im Jahre 1981 die Erscheinung eines Opernlibrettos La Passion de Gilles, des belgischen Schriftstellers Pierre Mertens (1939-), gefolgt von Gilles de Rais et le déclin du Moyen Âge im Jahre 1982 von Michel Hérubel (1927-2020) und im gleichen Jahr Le Moyen Âge, Gilles de Rais von Philippe Reliquet. Eine solche Faszination verdient es, analysiert zu werden.

Aber Gilles de Rais ist nicht Blaubart, wie wir seit mehr als einem Jahrhundert wiederholen und noch weniger sein Prototyp. Darum geht es ihn zu eliminieren. Es ist schon eine gewisse Naivität, in einer historischen Person eine fiktive Figur wieder zu finden. Wer war Ariane, wer war Aschenputtel, wer war Othello, wer war Don Juan? Man könnte genauso gut fragen, welche Menschen als Prototyp für Jupiter oder dem Weihnachtsmann dienten. Blaubart ist ein Mythos!

Blaubart von Charles Perrault – ein Märchen zum Einschlafen
youtube Trailer Kati Winter – ein Märchen zum Einschlafen
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Eine ernste Behinderung

Ah, das regelt nicht unser Problem, denn Mythen sind oft viel interessanter als das Menschendasein. Sie sind transkulturell, unsterblich, ewig; sie bewegen sich, sie leben, sie entwickeln sich und bleiben doch immer gleich; sie sind interpretierbar bis zur unendlichen Unendlichkeit. Wenn sie manchmal eine feste Form, einen festen Text oder ein festes Bild annehmen, sollte dies nicht als kanonisch angesehen werden, da sie nur darauf warten sich in aller Eile aufzulösen und woanders Platz zunehmen.

Also so schrieb Charles Perrault (1628-1703) seinen Blaubart mit dem weiblichen Artikel voran (La Barbe-Bleue) im Jahre 1695, um ihn 1697 unter dem Namen eines Kindes zu veröffentlichen: „Es war einmal ein Mann, der schöne Häuser in der Stadt und auf dem Lande hatte, Gold- und Silbergeschirr, geschnitzte Möbel und vergoldete Karossen; aber leider hatte der unglückliche Mann einen blauen Bart…“ Wenn wir bei dieser Einführung aufhören, gibt es nicht sehr Schreckliches zu berichten. Dieser Herr (er ist kein Adliger noch Lehnsherr) ist sehr wohlhabend, mit reichen Gütern versehen und sieht auch nicht wie ein Menschenfresser aus. Aber der Unglückliche hat einen körperlichen Defekt. Wir müssen es glauben, wenn Perrault es sagt, dass diese blaue Farbe des Bartes ein ernstes Handicap war. Und warum rasierte er sich nicht?

Ah, weil es so ist. Was geschrieben steht, ist die einzige Wahrheit. Wir haben es Euch auch gerade gesagt, das die Figuren in den Romanen und Fabeln nicht wie Menschen aus Fleisch und Blut, sich ähneln. Blaubart ist nicht unser Flurnachbar; er ist ein Mythos und seine Frau auch.

Verheiratete Paare, klassische Paare sind in Märchen nicht besonders häufig. Dieser hier ist jedoch perfekt bürgerlich, mit Möbeln und Geschirr, Schwägerin und Schwager, gefüllten Vorratskellern und Schlüsselbund. Vielleicht ist es diese Erscheinung des opulenten Alltags, die den Nervenkitzel erhöht. Die Autoren von Horrorfilmen wissen, dass es notwendig ist, eine banale Dekoration mit Charakteren einzurichten. Mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann, um das fortschreitende Unwohlsein zu verstärken. Blaubart ist ein ausgezeichneter Horrorfilm.

Barbe-Bleue überreicht den Schlüssel - Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Barbe-Bleue überreicht den Schlüssel – Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Entschlüsselung und Vereinfachung

Es muss gesagt werden, dass wir hier von schriftlichen oder mündlichen Überlieferung sprechen und nicht von Opern. Nicht bei Béla Bartók (1881-1945) noch bei Paul Dukas (1865-1935), tötet Blaubart nicht als ein Prinz noch als ein Tyrann eine Frau oder gar sechs. Der Sire Blaubart in der opéra-bouffe von Jacques Offenbach (1819-1880) hatte zwar Mordgedanken, war aber bei ihrer Ausführung frustriert. Und es scheint auch keine Frage von tatsächlichen Morden zu geben, die im Raoul Barbe-bleue von Michel-Jean Sedaine (1719-1797) mit der Musik von André-Ernest-Modeste Grétry (1741-1813) begangen wurden, präsentiert 1789 im Théâtre des Italiens in Paris. Makabres und Musik lassen sich auf der Bühne möglicherweise nicht gut kombinieren. Die Frauen, die für tot gehalten wurden, tauchen im letzten Akt wieder auf. Sie wurden im schlimmsten Fall eingesperrt, eingeschläfert oder verkleidet. Der vom Ehemann anvertraute Schlüssel enthüllte kein blutiges Geheimnis.

Aber das war in der Fabel. Vergessen wir nicht, es ist eine Geschichte eines Ehepaares. Der Schlüssel des Ehemannes öffnet eine Tür und Blutfluten stürzen hinaus. Hier ist ein verschlüsseltes Symbol zu öffnen: Der Phallus des Mannes durchdringt die Jungfernhaut der Frau, perfekt freudien. Genauso sollte es sein in einer Geschichte zwischen einer Frau und einem Mann.

Charles Perrault wusste es wahrscheinlich 1695 nicht, aber er verfügte sicherlich über einen vernünftigen und offenen Verstand und kannte sicherlich die vielen kleinen schmutzigen Texte und die rüden volkstümlichen Geschichten, die im klassischen Jahrhundert in Unmengen zirkulierten: Geschichte des Schwanes, Geschichte von der Eselshaut, Geschichte des Spinnrocken, Geschichte des alten Wolfes, Geschichte der alten Frauen, Geschichte der Kindermädchen, Geschichte des Schlafens im Stehen oder Geschichte meiner verquasselten Gans. All diese kleinen derben Erzählungen zeigen wie populär und verbreitet sie waren. Eine der Eigenschaften des Künstlers ist, dass er selbst nicht alles weiß, was er schreibt oder gelesen hat. So finden sich das Unbewusste, Erinnerungen, Träume und Ängste in der Arbeit selbst. Und deshalb verbrauchte Les Contes de ma mère l’Oye, die als einfache Transkription populärer Geschichten präsentiert wurde, viel mehr Tinte als jedes andere Werk, das in diesen Jahren veröffentlicht wurde.

Barbe-Bleue - das Bestaunen der Kostbarkeiten Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Barbe-Bleue – das Bestaunen der Kostbarkeiten Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Durch die Bretagne …

Über Blaubart ist eine der letzten passionierten Analysen in L’Histoire des contes von Catherine Velay-Vallantin erschienen. Es gibt eine ganze Reihe von parallelen Texten, die miteinander verflochten sind. Zum Beispiel identifiziert sich Blaubart in einer Version mit König Renaud, „der aus dem Krieg zurück Gekehrte“ (6. Jahrhundert) und der seine Frau bei der Rückkehr tötet. Oder das Märchen von Perrault kontaminiert die bretonische Legende von der Sainte Tryphine (6. Jahrhundert). Letztere verheiratet mit Conomor (6. Jahrhundert), erfährt, dass dieser seine früheren Frauen getötet hat, sobald sie schwanger waren. Vor der Geburt ihres Kindes verliert auch sie ihren Kopf, jedoch ein örtlicher Heiliger rettet sie indem er ihr Haupt wieder an den richtigen Platz klebt… Warten Sie, wir sind noch nicht fertig mit den Ansteckungen. Der Heilige hieß Gildas de Ruis (6. Jahrhundert). Warum denken wir bei diesem Namen an Gilles de Rais?

In Pontivy (Morbihan) sind die Wände der Sainte-Tryphine Kirche heute mit farbigen Fresken aus dem 17.Jahrhundert geschmückt. Diese Fresken zeigen unter anderem die Mordszene der Sainte-Tryphine. Auch ist sie die fast exakte Kopie der Vignetten, die die Geschichte von Blaubart in der ersten Ausgabe illustriert. Die weltlichen Illustrationen der Fabeln von Perrault inspirieren die frommen Bilder!

Die Autorin der L’Histoire des Contes zitiert sogar ein bretonisches Klagelied, das 1886 von dem Pfarrer Eugène Bossard (1853-1905) gesammelt wurde und in der sich Gilles de Rais, Blaubart und ein unbekannter Bischof aus Nantes zusammen vereint in dunkle Geschäfte verwickelt haben. Es ist wahr, dass die Echtheit dieses Textes nicht absolut sicher ist, denn Bossard könnte ihn in … dem Larousse-Wörterbuch gefunden haben, das zwanzig Jahre zuvor veröffentlicht wurde. Aber was bedeutet Echtheit, wenn es um Mythen und Legenden geht? Das Wichtigste dabei ist, dass diese Annäherungen gemacht wurden. Unabhängig davon, wer es war!

Larousse widmet sich darüber hinaus – dies ist das Jahr der opéra-bouffe von Offenbach – neun unermessliche Kolonnen macht er zu einem großartigen Méli-Mélo mit der ironischen und etwas masochistischen Leichtigkeit eines Großbürgers des Second Empire. Was hat er von seinen Frauen verlangt? Nichts Außergewöhnliches: „Lassen Sie den Schlüssel nicht verrosten, denn sobald er in Blut getränkt ist, behält er hartnäckig seine Flecken.“ Aber er rechnete nicht mit so viel weiblicher Neugierde, diese sui generis Neugier, mit der wir schon unsere erste Mutter und unsere letzte Tochter verloren. Und so weiter! Pierre Larousse (1817-1875), der den sexuellen Aspekt der Geschichte vollkommen ignoriert, sagt jedoch mehr als er will, wenn er den Fall der > verbotenen Frucht < erwähnt.

Denn Blaubart – der auch Schwarzbart oder Grünbart genannt wird – erhält auch ein wenig die Rolle von Weißbart oder von Gottvater, der Eva alle Reichtümer des Paradies (alle Schlüssel des Schlüsselbundes!) genießen lässt, bis auf einen. Offensichtlich kommt es zu einer Katastrophe und die paradiesische Jungfräulichkeit verschwindet, um niemals zurückzukehren. Die Rache des Herrn und Meisters ist schrecklich. Wer Zauberlehrling werden will, muss die harte Strafe ertragen!

Maumariée – Schlecht verheiratet

Jetzt werden wir von der Genesis zum kleinen frechen Liedchen überwechseln. Die Geschichte von Blaubart wurde auch ein äußerst produktives Thema im französischen Volkslied, das der Maumariée, der „schlecht Verheirateten“ gewidmet war! Dies sind Frauen, die sich beschweren: Sie wurden dazu gebracht, einen Bösewicht oder einen alten Mann, einen kranken Mann, einen buckligen Mann, einen winzigen Mann, kurzum jemanden zu heiraten, den sie überhaupt nicht mögen und der sie tyrannisiert: „Himmelkreuz! Marion, was wolltest Du am Brunnen machen?“ Wenn man sich Blaubart nennt, liegt es auf der Hand mit „Stein und Bein! Donnerwetter!“ zu fluchen. Die Frauen für ihren Teil sprachen für sich selbst im Monolog: „Ich werde Dich besser lieben, mein Mann. Ja, ich werde Dich lieber besser tot lieben als lebendig!“ Später verwandelt sich das Thema in eine Erzählung wie in dem Lied des Comte Ory, dass später eine Oper von Gioachino Rossini (1792-1868) wird und die Larousse gleichstellt mit der Geschichte vom Blaubart. Oder wie 1855 in der Romanze des Sire de Framboisy, der die untreue seiner Frau entdeckt: „Er vergiftet sie mit Grünspan und sät auf ihrem Grab Petersilie.“

Aber Blaubart‘s Frau ist nicht untreu! Perrault sagt nichts darüber, das ist wahr. Diese Szene des Mannes, der abwesend ist um unerwartet zurückzukehren, überschneidet sich mit so vielen tragikomischen Situationen bei Giovanni Boccaccio (1313-1375). Natürlich ist die Frau sicherlich unschuldig, denn trotz Verbot steckte sie den Schlüssel in das Türschloss. Symbol! Alles Symbol!          PMP-20/11/20-1/4

BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO – Serie, Teil 1  – 

Teil 2 –  Blaubart – La BarbeBleue –  IOCO-Serie von Peter M. Peters

folgt am 4.12.2020 – TITEL:

Freier Lauf  für die Fantasie ….

 

 

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