Köln, Oper Köln, Premiere Carmen, 10.11.2019

November 4, 2019 by  
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Oper Köln

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Premiere von »Carmen« am Sonntag, den 10. November 2019 um 18:00 Uhr
im StaatenHaus, Saal 1

mit der Neuproduktion von George Bizets »Carmen« widmet sich Regisseurin Lydia Steier nach ihrem »Turandot«-Erfolg an der Oper Köln erneut einer starken, unangepassten Frauengestalt. Die verführerische Carmen verkörpert viele Leidenschaften, aber auch Projektionen: Liebe, Erotik, Freiheit, aber auch Kriminalität und schließlich der Tod gehören zu ihrem Leben. Bizet verbindet diese ergreifende Geschichte mit einigen der heute berühmtesten Melodien der Operngeschichte. Für die Neuproduktion an der Oper Köln konnte der französische Dirigent und Bizet – Experte Claude Schnitzler gewonnen werden. Adriana Bastidas-Gamboa, herausragendes Ensemble-Mitglied der Oper Köln, debütiert in der Rolle der Carmen. Ihr zur Seite steht Martin Muehle in der Rolle des Don José. Der brasilianische Tenor ist dem Kölner Publikum als Kalaf in Turandot in bester Erinnerung! Oliver Zwarg, zuletzt als Gilles de Rais in »Jeanne d’Arc – Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna« und als Frank Maurrant in Kurt Weills »Street Scene« an der Oper Köln zu sehen, wird den Escamillo geben.

Besetzung
Musikalische Leitung Claude Schnitzler / Gabriel Feltz (17., 20., 22., 26. und 28.12.2019 / 2., 5.
und 7.1.2020) / Arnaud Arbet (13. und 15.12.2019)
Inszenierung Lydia Steier
Bühne Momme Hinrichs (fettFilm)
Kostüme Gianluca Falaschi
Licht Andreas Grüter
Chor Rustam Samedov
Dramaturgie Birgit Meyer

Mit
Carmen › Adriana Bastidas-Gamboa / Rihab Chaieb / Stéphanie D‘Oustrac
Don José › Martin Muehle / Dmytro Popov / Young Woo Kim
Micaëla › Ivana Rusko / Claudia Rohrbach / Julia Novikova
Escamillo › Oliver Zwarg / Samuel Youn / Kostas Smoriginas / Erwin Schrott
Zuniga › Matthias Hoffmann / Lucas Singer / Thomas Faulkner
Frasquita › Alina Wunderlin / Ye Eun Choi
Mercédès › Arnhei?ur Eiríksdóttir / Regina Richter
Le Dancaïre › Miljenko Turk / Stefan Hadži?
Le Remendado › Alexander Fedin / Anton Kuzenok
Chor und Extrachor der Oper Köln
Mädchen und Knaben des Kölner Domchores / Schüler des Mittelstufenchores am
Max Ernst Gymnasium Brühl
Gürzenich-Orchester Köln

Weitere Vorstellungen
Do, 14. November › 19:30 Uhr
So, 17. November › 18:00 Uhr
Mi, 20. November › 19:30 Uhr
Sa, 23. November › 19:30 Uhr
Do, 28. November › 19:30 Uhr
So, 01. Dezember › 18:00 Uhr
Mi, 04. Dezember › 19:30 Uhr
Sa, 07. Dezember › 19:30 Uhr
Fr, 13. Dezember › 19:30 Uhr
So, 15. Dezember › 18:00 Uhr
Di, 17. Dezember › 19:30 Uhr
Fr, 20. Dezember › 19:30 Uhr
So, 22. Dezember › 16:00 Uhr
Do, 26. Dezember › 16:00 Uhr
Sa, 28. Dezember › 19:30 Uhr
Do, 02. Januar › 19:30 Uhr
So, 05. Januar › 16:00 Uhr
Di, 07. Januar › 19:30 Uhr (letzte Aufführung)

—| Pressemeldung Oper Köln |—

Berlin, Renaissance-Theater, Im weißen Rössl – Ralph Benatzky, IOCO Kritik, 22.08.2019

Renaissance Theater - Berlin © Florian Bolk

Renaissance Theater – Berlin © Florian Bolk

Renaissance Theater

Im weißen Rössl –  Ralph Benatzky  und ….

Musik – Ralph Benatzky, Robert Stolz, Bruno Granichstaedten Robert Gilbert,
Text – Ralph Benatzky, Hans Müller-Einigen Erik Charell

von Kerstin Schweiger

Wie ein altes Schwarzweißbild aus längst vergangenen Ferien mutet Ralph Benatzkys und Erik Charells 1930 im großen Schauspielhaus an der Berliner Friedrichstraße (heute steht dort der neue Friedrichstadt-Palast) uraufgeführter Operettensuperschlager von 1930 heute an. Herz und Schmerz und Liebeschaos am Wolfgangsee. Berliner Schnauze und Austria-Schmäh.

Tuba vorm Balkon: Das Renaissance-Theater Berlin zeigt Benatzkys Singspiel „Im weißen Rössl“

Und doch war die Uraufführung am 8. November 1930 im Großen Schauspielhaus in Berlin der Schlager der Saison, modernes Unterhaltungsmusiktheater mit Elementen aus Jazzcombo, Volksmusikorchester und Feuerwehrkapelle. Und dies in einer Zeit, die knapp zwei Jahre früher mit der Dreigroschenoper von Brecht und Weill oder den jazzigen Operetten von Paul Abraham, mit Tonfilmschlagern und den Revuen der späten 1920er Jahre bereits in Richtung Musical geschielt hatte. 18 Monate lang stand das Stück ununterbrochen auf dem Spielplan. Eine musikalische Wandtapete, die in Zeiten des aufkommenden Massentourismus das tatsächliche Wirtshaus zum Weißen Rössl in St. Wolfgang zu einem Wallfahrtsort für Touristenströme machte und zum Traum-Sehnsuchtsort für die, die nicht vereisen konnten.

Im weißen Rössl – Ralph Benatzky
youtube Trailer Renaissance Theater – Berlin
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Das Stück setzte eine Serie von erfolgreichen Uraufführungen am Großen Schauspielhaus fort. Charell legte das Ganze als musikalisches Teamwork an und damit den Grundstein für den großen Erfolg. Ralph Benatzky war als musikalischer Supervisor engagiert, die Parole lautete, eigene Kompositionen mit passender Volksmusik und Schlagern anderer Komponisten zu kombinieren. So jagt bis heute ein Schlager den nächsten. Von Robert Stolz kamen der Foxtrott „Die ganze Welt ist himmelblau“ und der Walzer „Mein Liebeslied muß ein Walzer sein“.

Renaissance Theater - Berlin / Im weißen Rössl © Boris Aljinovic

Renaissance Theater – Berlin / Im weißen Rössl © Boris Aljinovic

„Zuschaun kan i net“ stammte von Bruno Granichstaedten und „Was kann der Sigismund dafür, daß er so schön ist“ von Robert Gilbert. Eduard Künneke wurde beauftragt, die Instrumentation zu übernehmen und die Chöre zu schreiben. Neu war auch, dass die große Orchesterbesetzung alle gängigen Stile der populären Musik beherrschte. Von Feuerwehrkapelle über Jazzcombo bis hin zu Zitherspielern wirkten neben dem großen Bühnenorchester im Berliner Schauspielhaus 1930 rund 100 Musiker mit. Benatzky hatte Erfahrung mit großen Besetzungen, seit 1926 arbeitete er in Berlin mit Erik Charell zusammen, komponierte Musik für die Jahresrevuen des Großen Schauspielhauses in Berlin. Darüber hinaus besaß er Kabarett-Erfahrung für die kleine Form. Mit seiner ersten Frau der Wiener Diseuse Josma Selim trat er bis 1923 im Wiener Kabarett Simplicissimus mit selbstkomponierten Chansons auf.

Die Besetzung bot die Crème de la Crème der Berliner Unterhaltungsbranche 1930 auf. Max Hansen, Siegfried Arno, Camilla Spira, Otto Wallburg und Paul Hörbiger u.a. spielten in der Uraufführung. Die BZ am Mittag schrieb über die Uraufführung 1930: „Die Landschaft von Wolfgang baut sich bis in die alpenglühenden Gipfel auf und geht rund ums Parkett, das zum Talkessel wird. Die Echtheit zu beglaubigen, rollte ein richtiger Omnibus auf die Bühne (allerdings viel zu pünktlich), der See ladet zum Bade, ein Wasserfall spult seinen silbernen Zwirn, ein richtiger Regen schnürlt vom Himmel, und Ziegen meckern dich an. Waschecht auch Schuhplattler, Jodlerinnen, Watschentänzer und die Kostüme, die Trachten sind. Ein Volk von Sennern, Hirten, Jägern, Schützenmädels, Feuerwehrleuten, Veteranen, Bauern Wirtshausleuten koloriert das Milieu. Und das Lokalkolorit wird sozusagen synkopiert von der Internationalität der Girls und Boys, die beweisen sollen, daß auch St. Wolfgang nicht außer der Welt liegt. Ihre Tänze sind das fließende Band, das die Handlung aufrollt, heranträgt, in Takte und Akte teilt.(…) In diesen Tänzen triumphiert nicht nur der Rhythmus der Beine, der Musik, sondern auch der Kostüme: Farben, Stoffe, Zusammenklang. Symphoniker ist hier Ernst Stern, Professor mit Recht. Wunderschön. Der Rhythmus, die Zweiteilung setzt sich bis ins Orchester fort, dessen Linke Jazz, dessen radikale Rechte Zither und Laute sind, Heimwehlaute unter Steirerhut und Hahnenschwanz.“

Doch der Erfolg der Uraufführung währte nicht lange, die Nationalsozialisten verboten weitere Aufführungen wegen der jüdischen Herkunft Charells und weiterer Autoren. Viele der erfolgreichsten Unterhaltungsarbeiter der Weimarer Republik waren jüdischer Abstammung, einige entkamen aus Deutschland, andere wurden im KZ ermordet. So endete auch das von Benatzky, Paul Abraham, Robert Gilbert, Erik Charell, Kurt Weill und anderen Mitstreitern erfolgreich produzierte neue unterhaltende Musiktheater.

Erst seit der Wiedererweckung des Rössl in der Bar Jeder Vernunft 1994 in einer legendären Besetzung, angeführt von den Geschwistern Pfister mit Otto Sander, Meret Becker und Gerd Wameling, steht das Stück immer wieder auf den Spielplänen deutscher Theater als sichere Bank, wenn es um Auslastungen geht.

In Berlin haben seither Aufführungen des musikalischen Alpendramas um die Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber, ihren Oberkellner Leopold und die kauzig-liebenswerte Besetzung aus Einheimischen und Berliner Piefkes im Theater des Westens und in der Komischen Oper um die Gunst des Publikums gewetteifert. Nun stellt das Renaissance-Theater als Wiederaufnahme-Premiere bereits in der zweiten Spielzeit eine ganz eigene Fassung vor.

Das Stück kommt Tucholskys Ideal „vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße“ recht nahe. Berliner Schnauze trifft österreichischen Schmäh, Alpenpanorama mit Herzschmerz und Schnaps, Leberknödel meets Boulette und am Ende haben sich alle lieb.

Renaissance Theater- Berlin / Zuschauerraum © Oskar Kaufmann

Renaissance Theater- Berlin / Zuschauerraum © Oskar Kaufmann

Heimlicher Chef im Ausflugshotel Zum weißen Rössl am österreichischen Wolfgangsee ist Kellner Leopold. Er schmeißt den Laden auch in der Hochsaison. Doch für seine Chefin Josepha Vogelhuber ist er Luft, sie ignoriert ihn und seine Annäherungsversuche, no #Metoo am Wolfgangsee 1930. Josepha hingegen liebt nämlich heimlich einen Stammgast aus Berlin, Rechtsanwalt Dr. Siedler. Zeitgleich erscheinen, ebenfalls aus Berlin, der Fabrikant Wilhelm Giesecke und seine Tochter Ottilie. Dummerweise gibt es unangenehme geschäftliche Querverbindungen, für Giesecke ein weiterer Grund zum Maulen über die ungewohnte Bergidylle. Doch Ottilie hat einen eigenen Plan und findet Siedler supersüß! Leopold übertreibt seine Zuneigung zu Josepha und seine Abneigung gegen Siedler und fliegt prompt raus. Dann tauchen noch Sigismund, der Sohn von Gieseckes Erzkonkurrenten und Fabrikantensohn Sülzheimer junior auf, zusammen mit Dr. Heinzelmann nebst Tochter Klärchen, die er im Zug getroffen hat. Kaiserwetter am See erfordert auch einen echten Kaiser, der steigt im Weißen Rössl ab und Josepha beißt die Zähne zusammen und stellt den ansonsten ja tüchtigen Leopold wieder ein. Der benimmt sich schlecht und fliegt erneut. Der gütige Operettenkaiser regelt das für ihn und am Ende haben sich alle lieb.

Doch Regisseur Torsten Fischer, sein Ausstattungsteam und der Musikalische Leiter Harry Ermer setzen sich ganz bewusst über diese leichtsinnige Grundstimmung hinweg. Sie schicken eine Grußpostkarte aus der Sommerfrische und konzentrieren sich mangels großer bzw. vielstimmiger Besetzung und Ausstattungsmöglichkeit auf der kleineren Bühne auf den touristischen Aspekt des Stückes. Alles beginnt mit einem Andachtsjodler auf düsterer Bühne, die ganze Handlung hat in der hölzern getäfelten Gaststube mit Panoramabild und Gamsgeweih bei einheimischen Getränken und alpenländischer Musik ihren Ursprung. Vielleicht an einem regnerischen Abend, wo man sich Geschichten erzählt, von damals als der Kaiser kam oder der ortsunkundige Piefke ins Gebirge ging. Ein Kammerspiel im Salzkammergut, in das immer wieder eine andere Welt einbricht: Touristen jeglicher Couleur treten auf, der nörgelnde Berliner Großkotz mit Geld, ein smarter Stammgast, Vater und Tochter auf Entschleunigungsreise.

Und dann werden auch die Einheimischen wach und übernehmen die vom Tourismusmanager zugedachte Rolle als Animateure, die man aus dem, Prospekt und Operette kennt, sie erschaffen das gewünschte Operettenbild eines Postkartenidyklls: der schlawinernde Kellner im Biergarten, die resche Wirtin mit Herz oder die gut gelaunte Briefträgerin, der senil-huldvolle Kaiser vorm Kaiserstuhl. Harry Ermer und sein Quartett setzen auf die kleine Form, sie kreieren einen charmanten kammermusikalischen Rahmen mit Tuba, Trompete, Geige, Akkordeon, Klavier, Cello und Bass, der genau Benatzkys Stilvielfalt bedient und ohne Kitsch elegant zwischen Swing, Jazz, Operette und Revue wechselt.

Dabei kommen sie den unterschiedlichen stimmlichen Voraussetzungen der Besetzung entgegen. Musicalstar Andreas Bieber als Kellner Leopold und Winnie Böwe als Rössl-Wirtin werfen sich musikalische wie dialogisch die Bälle zu. Tonio Arango, Ralph Morgenstern, Walter Kreye, Angelika Milster, Nadine Schori und Annemarie Brüntjen übernehmen alle mehrere Rollen mit gut gelaunter Spielfreude, selbstironischem Augenzwinkern und viel stimmlichem Engagement. Als Piefke herrlich maulend, nörgelnd in eine Lederhose verfrachtet, hat Boris Aljinovic seinen großen Auftritt als Wilhelm von Giesecke. Am Ende regelt der Operettenkaiser alle Ränke, hat jeder sein Jodel-Diplom und wer eine Erlebnisreise gebucht hat, hat sie auch bekommen. Dem Publikum hat der Kurzausflug ins Operettenreich unzweifelhaft gefallen.

Das weiße Rössl: Aufführungen im Renaissance-Theater bis 7. September 2019

—| IOCO Kritik Renaissance Theater Berlin |—

Berlin, b-flat – Accoustic Music & Jazz Club, Adi Braun – Jazz-musikalisches Cabaret, IOCO Kritik, 12.03.2019

März 12, 2019 by  
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b-flat / Adi Braun als MODERNE FRAU © Jodi Thibodeau

b-flat / Adi Braun als MODERNE FRAU © Jodi Thibodeau

b-flat Berlin

MODERNE FRAU – Jazz-musikalisches Cabaret

Im Berliner   b-flat – Accoustic Music & Jazz Club

von Kerstin Schweiger

Glamour Girls: die kanadische Jazzsängerin Adi Braun hat sich der musikalischen Unterhaltungskultur der Weimarer Republik und ihrer großartigen Diseusen verschrieben.

Ihr jazz-musikalisches Cabaret-Programm MODERNE FRAU feierte am 7. März im b- flat Accoustic Music & Jazz Club  in Berlin Europa-Premiere. Weitere Aufführungen fanden beim Kurt Weill Fest in Dessau (8. März), und im brandenburgischen Zehdenick (10. März) großen Beifall.

14 Jahre war die Weimarer Republik Bühne einer liberalen, exzessiven, strahlenden und künstlerisch explodierenden, modernen Zeit – immer am Rand des Vulkans! Bis heute spinnen diese Jahre ein enormes assoziatives Frauenbild in unsere Gegenwart. Adi Braun greift den Frauen-Typus der Weimarer Republik auf und hält ihn uns als Spiegel vor. Der Vulkan rumort wieder…

MODERNE FRAU – nun im Accoustic Music & Jazz Club
youtube Video von Adi Braun
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In ihrem furiosen Programm stellt Adi Braun zusammen mit ihren exzellenten Trio ihre Jazz-musikalische Hommage an die stilbildenden Frauen der Weimarer Zeit vor und verrät, warum sie als Kanadierin ausgerechnet Berliner Chansonetten wie Trude Hesterberg, Margo Lion oder Kate Kühl bewundert. Titel wie Surabaya Johnny oder Mackie Messer sind um Original-Kompositionen von Adi Braun ergänzt. Die Kanadierin mit deutschen Wurzeln interpretiert Songs, die vor knapp 100 Jahren von den großen Kabarettsängerinnen wie Blandine Ebinger, Kate Kühl, Margo Lion oder Trude Hesterberg gesungen wurden. Neben den Songs von Weill, Spoliansky oder Franz Grothe präsentiert Adi Braun auch Eigenkompositionen, die das Frauen-Bild der „Roaring Twenties“ mit kritischem Augenzwinkern hinterfragen.

Mit überragender Bühnenpräsenz hat Adi Braun die Chansonnièren aus einer anderen Zeit in die Tasche gesteckt und haucht ihnen ein jazziges neues Leben ein. Dank einer fundierten klassischen Gesangsausbildung sitzt jeder Ton, jede unterstreichende Geste perfekt. Mit exakter Diktion ruft sie einen expressiven Deklamationsstil der bewunderten Diseusen in Erinnerung, der genau auf die Texte hören lässt. Gerade in den Weill-Songs wie Nanas Lied oder Surabaya Johnny oder in dem Propagandasong „Und was bekam des Soldaten Weib?“, der während des Krieges über Radiowellen von den Alliierten in den Deutschen Rundfunk eingespielt wurde, erhält das eindringliche Intensität. Adi Braun spielt mit einer stimmlichen Bandbreite, die mühelos zwischen von Jazz bis Scat, Oper und Chanson wechselt. Dabei sitzt jede große Geste. Kongenial wird sie begleitet von dem überragenden Tom King am Flügel, einem wunderbar verschmitzt-einfühlsamen Robin Draganic am Bass und Tilman Person am Schlagzeug.

MODERNE FRAU – nun im Accoustic Music & Jazz Club
youtube Video von Adi Braun
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Die CD-Einspielung von MODERNE FRAU ist 2017 auf CD bei Blue Rider Records erschienen und erreichte auf Anhieb nicht nur in Kanada eine breite Zuhörerschaft. Die vermeintlich goldene Zeit der Weimarer Republik ist derzeit präsent wie nie. Die TV-Serie Babylon Berlin spielt mit einer Szenerie, die zwischen Revolution und Nachtleben auf dem Vulkan tanzt, eine rückwärts gewandte Sehnsucht lässt die legendären Bohème Sauvage Parties brummen. Was fasziniert uns bis heute, was ist (wieder) so modern daran? Für Adi Braun liegt das auf der Hand. Sie sucht stets einen Bezug zur Gegenwart: „Wir befinden uns in einer sehr gefährlichen sozialpolitischen Lage, wo Hass und fehlender Respekt anderen gegenüber manchmal auch noch ermutigt wird. Die Welt der freien Kunst ermöglicht es uns, darauf aufmerksam zu werden und gerade deshalb sind Songs sehr gute Träger dieser Nachricht.“

Adi Brauns musikalisches Interesse gilt den Frauen, die um die Wende des 20. Jahrhunderts geboren wurden und in der kurzen nur 15 Jahre währenden Zeitspanne der Weimarer Republik (1918-1933) eine neue Lebensweise erprobten. Stilbildend waren Sängerinnen, Texterinnen und frühe Kulturmanagerinnen wie Blandine Ebinger, Margo Lion, Trude Hesterberg oder Claire Waldoff. Statt Nostalgie hat Braun dabei handfeste Realität im Blick und bezieht sich auf die ausgeprägte Kabarettszene dieser Zeit, wo Gesellschaftskritik an der Tagesordnung war und Frauen nicht nur als Interpretinnen agierten, sondern auch als Theatermanagerin wie z. B.Trude Hesterberg in ihrer Wilden Bühne im Keller des Theaters des Westens.

„Ich war sofort von den unglaublichen Chansonetten und Diseusen des Weimarer Kabaretts angetan und konzentrierte mich auf Ihre Aufführungspraxis, die mich als Sängerin selbst total faszinierte. Ich bewunderte ihre musikalische und dramatische Darstellungskunst und empfand es fast so, als hätten diese Damen einen völlig neuen Gesangsstil entwickelt. Einen Stil, dessen Zukunft zwar in dem Bereich der Operette und des Theaters lag, der aber auch schon Spuren des Jazz und ‚freier‘ moderner Musik enthielt“. So entstand die Idee zum Programm MODERNE FRAU, deren Patinnen „die furchtlosen und überaus kreativen Sängerinnen der Weimarer Zeit“ waren, wie Adi Braun schwärmt.

In ihren eigenen Songs – MODERNE FRAU, JOSEPHINE, GESTERN – versucht sie, den einzigartigen Stil der großen Komponisten und Dichter der Weimarer Epoche aufzugreifen und Themen und Personen dieser Zeit weiter zu führen. Adi Brauns biografischer Song JOSEPHINE zum Beispiel ist der großen Entertainerin Josephine Baker gewidmet, die als junge farbige Sängerin in ihrem eigenen Land diskriminiert war und in der kurzen liberalen Sequenz im Nachkriegs-Europa der 1920er Jahre zum Star und Rollenvorbild junger Frauen wurde.

Wie „übersetzt“ man die Musik dieser Zeit ins Heute? „In musikalischer Hinsicht trete ich meist mit einem Jazz Trio oder Quintett auf. Meine Notenblätter sind im Stil des Jazz geschrieben und geben allen Musikern sehr viel Freiheit und Improvisationsraum. Jazz ist eine wirklich fluide und biegsame Kunstform, und meiner Meinung nach sehr dazu geeignet diese “alte” Musik neu zu gestalten.

—| IOCO Kritik b-flat Berlin |—

Münster, Theater Münster, Street Scene – Kurt Weill, IOCO Kritik, 11.03.2019

März 11, 2019 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Street Scene – Amerikanische Oper von Kurt Weill

– Kein richtiges Lieben existiert im Falschen –

von Hanns Butterhof

In Kurt Weills selten gespielter Amerikanischen Oper Street Scene von 1947 läuft alles auf ein Happy End zu. Die beiden jungen Leute gestehen sich ihre Liebe, da packt die Frau ihre Koffer und geht allein fort. Bleiben wäre für sie die falsche Lösung, solange lieben noch besitzen bedeutet. Ob die Zukunft, in die sie aufbricht, heute schon Wirklichkeit ist, ist die hochaktuelle Frage, die Weills Oper offen lässt.

Street Scene – Kurt Weill
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Eine Vielzahl skurriler Typen mit verschiedensten Migrations-Hintergründen, viele Loser und ausgesprochen böse Jungs bevölkern die Bühne im Großen Haus des Theaters Münster. Die hat Rifail Ajdarpasic als Front eines mehrgeschossige Mietshauses mit hohen Fenstern platt auf den Bühnenboden gebaut. Ein riesiger Spiegel lässt die Fassade illusionär senkrecht stehen. Wenn sich die Akteure auf den Boden legen, lässt sie der Spiegel auf den Fensterbrettern sitzen, abstürzen oder wie Fassadenkletterer an der Wand hängen – eine erst spektakuläre, dann aber doch recht aufwendige Art, Auskunft über die innere Situation der Akteure zu geben.

Im Zentrum des bösartigen Klatsches der Hausbewohner steht Anna Maurrant (Kristi Anna Isene), der ein Verhältnis zum Sixpack-Adonis Sankkey (Jörn Dummann) nachgesag wird. Dabei träumt sie bestenfalls von dessen Liebe, während sie tatsächlich ihr langes, freudloses Eheleben erduldet. Als ihr ständig betrunkener, konservativ verbohrter Ehemann Frank (Brian Davis für den erkrankten Gregor Dalal) sie tötet, vollzieht er nur körperlich, was er ihr in allen Ehejahren seelisch angetan hat.

Ihre selbstbewusste Tochter Rose (Kathrin Filip) duldet nicht und geht auch nicht auf schmierige, sozialen Aufstieg versprechende Angebote ein. Wenn sie ihren Geliebten Sam Kaplan (Garrie Davislim) verlässt und voller Hoffnung in eine Zukunft ohne eheliches Besitzverhältnis aufbricht, lässt sie das Schicksal ihrer Mutter und das aller vom Ehebund gefesselter Frauen hinter sich.

Theater Münster / Street Scene -  Sam - hier :  Garrie Davislim_ bleibt in der alten Straße  © Oliver Berg

Theater Münster / Street Scene – Sam – hier : Garrie Davislim_ bleibt in der alten Straße  © Oliver Berg

Die Regie Hendrik Müllers zeigt provokativ wenig Zuversicht in das Gelingen von Roses Befreiung, die für Weill auch für die Befreiung aus den Zwängen der Bürgerlichen Gesellschaft steht: Am Ende wiederholt sich das erste Bild, alles geht weiter wie vorher, und auch für Rose wie für heute gibt es kein richtiges Lieben im falschen gesellschaftlichen Zusammenhang. Das Happy End steht noch aus.

Die Stimmen, die man lieber ohne distanzierende Microports hören möchte, sind durchweg überzeugend besetzt. Kristi Anna Isene ist eine mit dramatischem Sopran ihr verfehltes Leben beklagende Anna, Kathrin Filip träumt als Rose mit weichem Sopran von einer besseren Welt und rührt in ihren Liebes-Duetten mit dem lyrisch tenoralen Garrie Davislim als Sam. Brian Davis verkörpert mit kräftigem Bariton Frank Maurrants Unbeweglichkeit.

Stefan Veselka führt das Sinfonieorchester Münster souverän durch den weiten musikalischen Kosmos vom Broadway bis zur italienischen Oper  und erntet nach gut zweieinhalb deutsch gesprochenen und meist auch deutsch gesungenen Stunden mit allen Beteiligten den begeisterten Applaus des Publikums.

Street Scene am Theater Münster; Die nächsten Termine:13. und 16.3.2019, jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

 

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