Dresden, Kulturpalast, Krzysztof Penderecki – Dresdner Philharmonie, IOCO Kritik, 02.03.2020 

März 3, 2020 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

Krzysztof  Penderecki Concerto grosso für drei Violoncelli

Dresdner Philharmonie  mit  drei Gast-Cellisten

von Thomas Thielemann

Es ist schon eine Besonderheit, zu einem Konzert geladen zu werden, in dem eine Musiklegende eine eigene Komposition dirigieren möchte. Am 1. März 2020 wollte der 86-jährige polnische Komponist Krzysztof  Penderecki in den Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes kommen, um sein Concerto grosso für drei Violoncelli und Orchester mit drei bereits profilierten jungen Cellisten daselbst vorstellen. Außerdem wollte er seine Auffassung  von Antonin Dvoráks 8. Sinfonie interpretieren.

Kulturpalast Dresden / Cellist Andrei Ionita © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden / Cellist Andrei Ionita © Nikolaj Lund

Wir hatten uns auf das Wiedersehen nach über vierzig Jahren Penderecki-Abstinenz gefreut. Als wir Penderecki kennen lernten, galt er als unorthodoxer Querkopf und die personifizierte Konterrevolution, als der berühmteste Abtrünnige und Provokateur. Für Krzysztof  Penderecki war sein Stil eine Synthese aus Tradition und Innovation; für seine Mitstreiter aber war es schlichtweg Verrat.

Jahre später, 2001, griff Penderecki mit seinem Concerto grosso für drei Celli und Orchester Merkmale der Barockmusik, das Prinzip des Kontrastes und Ausspielen klanglicher Gegensätze auf, indem er die ausführenden Musiker in Gruppen unterschiedlicher Besetzung aufteilte. Penderecki erklärte zu seiner Komposition, dass nur wenige Instrumente für den exklusiven Einsatz in einem Dreifachkonzert geeignet seien. Das Cello mit seiner Tonleiter von sechs  oder sogar sieben Oktaven sei für ihn das perfekte Instrument; es sei unglaublich, was man für Celli schreiben könne. In einem Interview zur Komposition, gab Krzysztof Penderecki pragmatisch zu Protokoll, dass er das Konzert eigentlich gern für sechs Solo-Celli geschrieben hätte, aber die zwölf erforderlichen Flugtickets würden die ohnehin begrenzten Aufführungsmöglichkeiten weiterhin zu stark einschränken.

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie - hier : Dirigent Maciej Tworek © M. Thielemann

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie – hier : Dirigent Maciej Tworek © M. Thielemann

Aber wie das bei den Dirigenten des fortgeschrittenen Alters ist, gelegentlich kränkeln sie. Und so hatte das Management der Dresdner Philharmonie den polnischen Dirigenten Maciej Tworek von der Krakauer Capella Cracoviensis gewonnen, das schwere Amt des Dirigats des Concerto Grosso zu übernehmen.

Der Dirigent des Abends Maciej Tworek, der bereits mehrfach mit Penderecki zusammen  arbeitete, leitete eine sanfte und eher forschende Aufführung, die das Concerto Grosso als ein reichhaltiges tragisches Werk erscheinen ließ.

Die Solo-Violoncelli greifen in verschiedenen Kombinationen in das musikalische Geschehen ein und wurden für das jeweilige konzertante Moment verantwortlich, während sich in dessen Verlauf andere Instrumente u.a. Horn, Oboe, Flöte und Klarinette ihnen anschlossen. Damit nahm das Werk den Charakter eines Orchesterkonzertes an. Die drei Solisten wurden gleichermaßen wie der Dirigent für den Konzertverlauf verantwortlich. Die Komposition ist mit sechs Vortragsbezeichnungen angelegt, wurde aber einsätzig dargeboten.

Als Solisten des Konzertes konnten drei hochkarätige Cellisten der jüngeren Generation gewonnen worden:

Kulturpalast Dresden / Cellistin Tatjana Vassiljeva © Sasha Gusov

Kulturpalast Dresden / Cellistin Tatjana Vassiljeva © Sasha Gusov

Zunächst die 1977 im russischen Nowosibirsk geborene Tatjana Vassiljeva, die 2001 den First Grand Prix de la Ville de Paris gewann und 2005 beim Rostropowitch-Wettbewerb als internationale Neuentdeckung des Jahres gefeiert worden war.

Dann der 1994 im rumänischen Bukarest geborene Andrei Ionita, der 2013 den 1. Preis des „Khatschaturian International Competion“ erzielte, und 2014 im ARD –Wettbewerb den 2. Preis sowie den 1. Preis für die Interpretation eines Auftragswerkes erreichte. Im Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb 2015 gewann er den 1. Preis und erhielt 2016 den Luitpolt-Preis des Kissinger Sommer. Inzwischen ist er mit einem Cello von Giovanni Battista Rogeri von 1671 weltweit tätig.

Kulturpalast Dresden / Cellist Laszlo Fenyö © Marco Borggrefe

Kulturpalast Dresden / Cellist Laszlo Fenyö © Marco Borggrefe

Außerdem vor allem der 1975 in Ungarn geborene  László Fenyö, der seit dem Gewinn des Pablo Casals Wettbewerb 2004 zur Weltelite der Cellisten zählt und mit seinem „Matteo Goffriller Cello von 1695“ zu den gefragtesten Solisten seines Faches gehört.

Die Interpretation war prachtvoll von dem erstklassischen Trio der Solisten geprägt. Technisch glänzend und in ihren rhapsodischen Solopassagen frei und ausdrucksstark erwiesen sie sich als zusammenhängendes frisch musizierendes Team. In den knapp 36 Minuten wird das Spiel allen Hochs und Tiefs, elegischen und rhythmischen Momenten gerecht. Man weiß nie, was im nächsten Moment passiert, aber alles war im Fluss, folgte dem von Tworek mit sparsamen Bewegungen vorgegebenem Faden und verschafften ihm sowie dem Orchester zu einem schönen Erfolg.

Nach der Pause dirigierte er die Dresdner Philharmonie mit sichtlichem Vergnügen die so nicht recht ins Programm passende achte Sinfonie von Antonin Dvorák. Aber bei diesem Dirigat blieb noch Luft nach oben, obwohl die Zuhörer recht begeistert waren.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Dresden, Kulturpalast, Silvesterkonzert 2019 – Dresdner Philharmonie, IOCO Kritik, 03.01.2020

Januar 3, 2020 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

 Silvesterkonzert 2019 – Dresdner Philharmonie

Jacques Offenbach, Gioacchino Rossini und …..

von Thomas Thielemann

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini und Kammermusik, das klingt ähnlich widersprüchlich wie Brahms und große Oper oder wie Bruckner und Klavierminiaturen. Aber es gibt eine Rossini-Komposition im luftigen  Klanggewand.

Und so hatte uns am Silvesterabend 2019 nicht nur der 1988 in Taschkent geborene Dirigent Aziz Shokhakimov in den Konzertsaal des  Kulturpalastes gelockt, sondern auch auf zwei selten zu hörende Stücke von Rossini und Offenbach für Violoncello und Orchester mit der aus München stammenden Solistin Raphaela Gromes neugierig gemacht.

Jacques Offenbach (1819-1880) war als Cellist ausgebildet und spielte ab 1835 drei Jahre als Orchestermusiker der Pariser Opéra  comique massenhaft Rossini-Opern. Zunehmend war er auch mit seinem Cello in den Pariser Salons aktiv und galt bald als der „Paganini des Cellos“. Aber das Komponieren hatte er eigentlich im Orchestergraben von Gioacchino Rossini erlernt, hat Rossini abgehört, was beim Publikum ankommt.

Der hartnäckigen Recherchearbeit der Raphaela Gromes verdanken wir die Ausgrabung und Sammlung von Partitur-Seiten von Offenbachs Rossini-Würdigung aus dem Jahre 1843, die von dem Offenbach-Spezialisten Jean-Christopher Keck zum kompletten „Hommage à Rossini“ -Fantasie für Violoncello und Orchester zusammengefügt werden konnte.

Kulturpalast Dresden / Konzertsaal mit Orchester © Markenfotografie

Kulturpalast Dresden / Konzertsaal mit Orchester © Markenfotografie

Nach der das Konzert schwungvoll einleitenden Ouvertüre zu Johann Strauß Die Fledermaus spielte Raphaela Gromez mit der Dresdner Philharmonie Offenbachs Fantasie für Violoncello und Orchester „Hommage à Rossini“ klar fokussiert, mit wechselnd hellem und warmen Ton sowie schönen Echo-Effekten. Aziz Shokhakimov war mit dem Orchester ein wacher, gestaltungsfreudiger Begleiter, der wusste, wann Intensität angebracht war und wenn er das Orchester zurücknehmen musste. Die Komposition Offenbachs basiert vor allem auf Themen aus Rossinis Oper Wilhelm Tell. Die Komposition spielt witzig und originell mit Versatzstücken  des Italieners, wie eben dem Kuhreigen aus Rossinis letzter Oper.

Die Hommage an Rossini, der wiederum Offenbach als ein verwandtes Genie  anerkannte, war für Raphaela Gromes Anlass, dass einzige Stück, was Rossini (1792-1868) für Cello und Klavier geschrieben hatte, in einer Bearbeitung für Violoncello und Orchester ihres Duo-Partners  Julian Riem in das Programm aufzunehmen.

Dieses seltene Stück Une larme (Eine Träne) war Anlass, zu fragen, wer war eigentlich der Mensch Rossini? War er ein Gourmet, ein Eroberer, ein Melancholiker, ein Buffonist oder ein Privatier? Mit Anfang zwanzig feierte er in Venedig triumphale Erfolge mit dem Barbier von Sevilla. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes ereilten ihn Krankheit, Depressionen und eine unglückliche Ehe. Erst in seinen Pariser Jahren kehrten Kreativität und Inspiration zurück und er fand wieder Freude an kulinarischen und musikalischen Schöpfungen, an geistreichen Bonmots und an einem Salon.

Une larme – Thema  und Variationen für Violoncello und Klavier stammt aus dem Jahre 1858. Rossini verfügte auch außerhalb der Bühne über eine gesunde Portion Selbstironie. Und so bezeichnete er die für seine musikalischen Soireen verfasste Kammermusik als „Alterssünden“ und nannte sie „Rizinus-Walzer“ oder „Étude asthmatique“. Und so weicht in Une larme auch die berührende Träne ebenfalls dem typischen Augenzwinkern des Komponisten.

 

Kulturpalast Dresden / Raphaela Gomez © Sammy Hart

Kulturpalast Dresden / Raphaela Gomez © Sammy Hart

Berückend ergänzten sich der Klang des 1855 in der Werkstatt des Pariser Geigenbauers Jean Baptiste Vuillaume (1798-1875) gebauten Cello mit dem zurückhaltend geführtem Orchester. Vuillaume ist zweifelsfrei der bedeutenste Geigenbauer der Moderne. Seine Instrumente wurden bzw. werden unter anderem von Niccolò Paganini, Joseph Joachim, Josef Suk, Fritz Kreisler, Hilary Hahn, Natascha Korsakova und Vilde Frang gespielt.

Leider war dem Publikum nicht offenbar geworden, welche Besonderheiten ihnen da geboten worden waren. Der Beifall war nur freundlich und die hervorragende Solistin ohne Zugabe entlassen worden. Selbst ihre Blumen musste sie sich erst zum Konzertschluss abholen.

Nun hatte zwar die Orchesterleitung extra den Moderator Arndt Schmöle im Programm implantiert, der aber die Bedeutung der beiden Darbietungen leider nicht im Ansatz vermitteln konnte.

Zwischen die beiden Cello-Konzerte hatten die Programmplaner Aram Chatschturjans Suite aus der Bühnenmusik zum Versdrama Maskerade von Michael Jurjewitsch Lermontow (1814-1841) eingeschoben. Lermontow ist neben Puschkin der bedeutendste Vertreter der russischen romantischen Literatur und hatte, obwohl Angehöriger der zaristischen Armee, ständig Probleme mit der Obrigkeit. 1841  wieder in den Kaukasus strafversetz, fand er dort 1841 in einem Duell den Tod. Mit seinem Versdrama Maskerade wollte er 1835 eine bittere Verurteilung der falschen, heuchlerischen und intriganten „besseren Gesellschaft“ schaffen, schrieb letztlich aber lediglich die Tragödie einer Frau, die nach falscher  Anschuldigungen der Untreue von ihrem Mann getötet wird. Als um 1940 das Moskauer Wachtangow-Theater eine Produktion der Maskerade vorbereitete, wurde der armenische Komponist Aram Chatschaturjan (1903-1978) mit der Schaffung einer Bühnenmusik beauftragt.

Als Auftragskünstler, Chatschturjan erhielt wie alle anerkannten Kreativen in der UdSSR ein staatlich finanziertes Gehalt, lieferte er die Bühnenmusik 1941 pünktlich vor der Premiere 1941 ab. Eventuell auch bedingt durch die Ereignisse des „Großen Vaterländischen Krieges“ gibt es kaum Reaktionen zur Aufführung und zur Bühnenmusik. Eventuell bin ich aber nicht allein, wenn nach meinem Gefühl die Komposition seinem Anspruch nicht gerecht geworden ist und Chatschaturjans Musik auch nicht so recht passte. Im Jahre 1944 extrahierte der Komponist aus der Bühnenmusik fünf Sätze zu einer Konzertsaal-tauglichen symphonischen Suite. Diese Fassung lebt vom ausgeprägtem Sinn des Armeniers für rhythmische Prägnanz und schillernden Klangfarben. Der usbekische Dirigent Aziz Shokhakimov, dessen Herkunftskultur der armenischen Mentalität vergleichsweise nahe ist, bot uns die fünf Sätze in einer außergewöhnlichen Weise. Insbesondere der Walzer, der aus der Filmmusik von „Krieg und Frieden“ bei vielen der Anwesenden im Hörgedächtnis noch verankert sein dürfte, rutschte an keiner Passage in den gewohnten Pauschalklang ab. Allergrößter Respekt verdient, wie Shokhakimov in der „Nocturne“ die Streicher der Philharmoniker satt und sinnlich-warm spielen lässt, wobei  besonders das Violinsolo der Konzertmeisterin Heike Janicke gefühlstiefe vermittelte. Ihre Musizierlaune kosteten Musiker und Dirigent mit der farbigen Instrumentierung der folgenden „Mazurka“ aus. Energisch verhinderte Shokhakimov die Gefahr eines Verschleppens in der melancholisch-beseelten Romanze, bevor der abschließende „Galopp“ mit einer satirisch-grotesken Überzeichnung die Zuhörer zu einem heftigen Applaus provozierte.

Den Abschluss des Konzertprogramms bildeten die Suiten „L´Arlésienne“  von Georges Bizet (1838-1875) und Ernest Guiraud (1837-1892), wie die „Maskerade“, auch das phantastische Nebenprodukt einer verunglückten Bühnenmusik des Schriftstellers Alphonse Daudet (1840-1897). Für das mäßige Melodram „L´Arlésienne“ (Die Arlesierin) über die unglückliche Liebe des Helden Fréderi zu einem Mädchen aus der Französischen Provence Arles, die mit Fréderis Suizid endete, komponierte Bizet insgesamt 27 meist kurze Stücke, die auf drei Melodien zurückgreifen.

Ungeachtet der schlechten Kritik der Uraufführung am 1. Oktober 1872, die auch seine Bühnenmusik einschlossen, instrumentierte und änderte er vier Stücke für großes Orchester und stellte diese bereits am 10. November 1872 als Suite Nr. 1 mit großem Erfolg seinem Publikum vor. Vier Jahre nach Bizets Tod erstellte 1879 sein Freund  Ernest Guiraud aus Fragmenten der Bühnenmusik und eigener Neukompositionen die L´Arlisienne-Suite Nr. 2, aus der wir aber nur die Nr. 4 „Farandole“ hörten. Kraftvoll begann Aziz Shokhakimov sein Dirigat des ersten Satzes „Prélude“ und ließ das Allegro deciso im strikten Marsch-Rhythmus durchspielen. Im Gegensatz dazu stand zunächst das „Minuetto“, Allegro giocoso, mit seiner schwärmerischen Einleitung, bis auch dieser Satz vom Dirigenten zu sinfonischer Pracht gesteigert wurde. Mit breiten, zugleich aber auch aufgelockerten warmen Streicherklängen, unterstützt von Holz- und Blechbläsern, entwickelte Shokhakimov das Adagietto zu einem tief berührenden Hörerlebnis. Für den Schlusssatz der Suite Nr. 1 ließ er der Musizierfreude der Musiker der Philharmonie uneingeschränkt freien Lauf.

Den Abschluss des Konzertes bildete aus der „L´Arlésienne-Suite Nr. 2“ der 4. Satz „Farandole“, einem gemäßigt schnellen provenzalischem Volkstanz, einem sogenannten Kettentanz. Das effektvolle  stürmische Dirigat erinnert noch einmal an das Thema des „Prélude“. Aggressiv, laut und leidenschaftlich beendet der junge Usbeke seine beeindruckende Darbietung.

Als Gastdirigent bot er noch einen  Brahmsschen „ Ungarischen Tanz“. Der bis zu diesem Zeitpunkt noch angesparte Aplaus wurde ausgeschüttet, als die Philharmonie mit viel Begeisterung das Jahr mit dem Radetzki-Marsch verabschiedete.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Dresden, Semper Zwei, Der goldene Drache – Peter Eötvös, IOCO Kritik, 15.12.2019

Dezember 15, 2019 by  
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Semperoper

Semper Zwei _ die Studiobühne der Semperoper © Jochen Quast

Semper Zwei / die Studiobühne der Semperoper © Jochen Quast

 

Der goldene Drache  –  Peter Eötvös

– Politisches Musiktheater auf hohem Niveau –

von Thomas Thielemann

Nach einer nichtautorisierter Schätzung leben und arbeiten weltweit etwa 270 Millionen Menschen unter Sklaverei-artigen Bedingungen. Wie erzählt man von der Rechtlosigkeit illegaler Einwanderer, von Menschen die zur Prostitution gezwungen werden, die keine medizinische Betreuung haben und hemmungslos ausgebeutet werden, ohne sozialen Kitsch zu produzieren? Die Semperoper brachte nun hierzuauf ihrer Studiobühne Semper Zwei (Foto) den Goldenen Drache von  Peter Eötvös 

Einer der produktivsten und meistgespielten deutschen Dramatiker unserer Zeit, Roland Schimmelpfennig (Jahrgang 1967), bannte die Gefahr der Betroffenheits-Darstellung, indem er die Dramaturgie episch herunterkühlt, mit Märchenzutaten anreichert und die Szenen mit Nutzung seiner „Short-Cut-Dramaturgie“ stückelt. Mit dem Theaterstück Der goldene Drache holt er das Genre Sozialdrama aus der etwas miefigen Realismus-Ecke, ohne es bei allen Verfremdungen und Abstraktionen, zu entschärfen.

Semper Zwei / Der goldene Drache - hier : die fünf Solisten in lebendiger Lebensfreude © Ludwig Olah

Semper Zwei / Der goldene Drache – hier : die fünf Solisten in lebendiger Lebensfreude © Ludwig Olah

Mit 45 Szenen, 45 Ereignissen oder Ereignisfragmenten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, sich aber durchdringen oder miteinander in Beziehung stehen, schrieb Schimmelpfennig ein Theaterstück. Der ungarischen Komponisten Peter Eötvös (Jahrgang 1944) und seine Ehefrau Mari Mezei reduzierten die Fülle auf 22 Szenen zu einem Libretto. Als Auftragswerk war die Kammeroper 2014 in Frankfurt uraufgeführt worden.

Die Handlung ist in ihrer Komplexität trotzdem einfach: Irgendwo in unserem Westen arbeiten fünf Asiaten illegal in der Küche des Schnellrestaurants Der goldene Drache. „Der Kleine“-Chinese hat wahnsinnige Zahnschmerzen, darf aber mangels Aufenthaltserlaubnis keinen Zahnarzt aufsuchen. So helfen die Köche auf ihre Art, indem sie mit einer Rohrzange den Dentisten ersetzen. Der Patient verblutet jämmerlich, während der Zahn dank der allgemeinen Verwirrung in das Thai-Essen einer Stewardess gelangt ist, was dieser den Appetit beeinträchtigt. Dann: Eine junge Frau, ungewollt schwanger, hat sich mit dem Verursacher zerstritten und bespricht das mit dem Großvater. Eingestreut in die Szenen war das Motiv der Fabel von Äsop und la Fontaine „Die Grille und die Ameise“. Die Heuschrecke, die den Sommer versang und die Ameise, die für den Winter vorgesorgt hatte. Als Gegenleistung für den zögernd gewährten Unterschlupf musste die Grille sich nicht nur unterhaltsam produzieren, niedere Arbeit verrichten und außerdem, eine zeitgemäße Zuspitzung, auch der Zuhälter-Ameise als Prostituierte dienen. Ebenso, wie auch eine junge Chinesin, die vom Lebensmittelhändler zur Prostitution gezwungen wird, was ihr fast das Leben kostet.

Im Goldenen Drachen steckt eine unaufdringliche Parabel der Welt der Globalisierung: der Menschheit ganzer Jammer ergreift uns. Den besonderen Reiz erhalten das Werk und damit auch der Abend, dass fünf Solisten neunzehn Rollen in atemberaubendem Tempo darstellen. Zur Verfremdung gehört vor allem, dass Frauen Männer sowie Männer Frauen verkörpern, dabei Junge Alte und Alte Junge spielen, als auch Asiaten Europäer und umgekehrt darstellen.

Semper Zwei / Der goldene Drache © Ludwig Olah

Semper Zwei / Der goldene Drache © Ludwig Olah

Solisten des Ensembles, die ansonsten überwiegend in kleineren Rollen eingesetzt sind, konnten in der Inszenierung der tschechischen Regisseurin Barbora Horáková Joly ihr Können, ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen und mit intensivem Gesang sowie intensivem Spiel glänzen. Und das taten sie auch zur großen Freude des Auditoriums. Die aus Prag stammende Regisseurin Barbora Horáková Joly war lange mit Calixto Bieito verbunden. So bot sie alles auf, was in dieser undurchsichtigen Spannungskonstellation voller Ängste, Misstrauen, sexueller sowie physischer Gewalt möglich war. Alles war präzise arrangiert, spannungsreich und scharf formuliert. Trotz der Fülle an Details bleibt die Handlung immer im Fluss und wurde von den fünf Darstellern temporeich und spielfreudig auf die Bühne gebracht.

Das Bühnenbild von Annemarie Bulla war funktionell: Vor dem im Hintergrund installiertem Orchester auf der fast freien Spielfläche war ein dreistöckiger Turm aufgebaut, der fast beliebig bewegt werden konnte. Drei Lichtrahmen, am Beginn als Videowände genutzt, dienten in den Szenen der sexuellen Gewalt. Ansonsten wurden je nach Situation Stühle eingesetzt. Die beiden Schlagwerker begrenzten die Spielfläche auf beiden Seiten. Die einfallsreichen Kostüme waren funktionell auf schnellen Wechsel mit möglichst wenigen Handgriffen gestaltet. Die Videoinstallationen von Sergio Verde bemühten sich unaufdringlich, das Bühnengeschehen an den gesamtgesellschaftlichen Kontext  anzubinden. Immer passend war die Lichtgestaltung von Marco Dietzel.

Als Gast vom Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein übernahm die 1994 in Lettland geborene Mezzosopranistin Karina Repova als Frau über sechzig die Rollen der alten Köchin, der schwangeren Enkeltochter, der Ameise, des Hans und der chinesischen Mutter. Was sie als eiskalte Ameise und als schäbiger Hans an perfider Niedertracht auf der Bühne bot, war schon bemerkenswert. Als Enkeltochter traf sie mit hohem und warmem Gesang die andere Seite der Gefühlslagen, wobei sie den von der Partitur verlangtem schnellen Wechsel von Rolle zu Rolle hervorragend meisterte.

 Semper Zwei / Der goldene Drache - hier : "der kleine Chinese" © Ludwig Olah

Semper Zwei / Der goldene Drache – hier : „der kleine Chinese“ © Ludwig Olah

Der seit 2018 zunächst im jungen Ensemble etablierte 1990 in Seoul geborene Beomjin Kim sang und spielte als junger Mann, die Rollen eines jungen Asiaten, der Kellnerin, des Großvaters, der chinesischen Tante und vor allem der Grille. Dabei blieb besonders seine Darstellung der gedemütigten Grille-Prostituierten in Erinnerung. Eine nicht nur für ihn, sondern auch für das weniger abgebrühte Publikum an der Grenze des Erträglichen angesiedelte Szene. Hier hätte der Regie etwas Zurückhaltung gut getan.

Der Tenor Jürgen Müller, seit 2018 wieder Ensemblemitglied, hatte als „der Mann über sechzig“ den alten Asiaten, den Freund der Schwangeren, den chinesischen Vater und die dunkelbraune Stewardess übernommen. Mit der lesbischen Dame und dem Laien-Dentisten hat er seine komischen Möglichkeiten ebenso überzeugend auf der Bühne demonstriert, wie seine darstellerischen Mittel in den richtig widerlichen Szenen seiner Rolle.

Der im Jungen Ensemble etablierte türkische Bariton Dogukan Kuran verkörperte als „ein Mann“ einen Asiaten, den chinesischen Onkel des Kleinen und die blonde Stewardess. Dabei erwies er sich als außergewöhnlich talentierter Komiker, der seinen Figuren über weite Strecken sympathische Züge verlieh und hervorragend sang.

Die schwierigste Aufgabe war der 1993 geborenen japanischen Sopranistin Mariya Taniguchi, als „die junge Frau“, mit der Darstellung des „Kleinen“ übertragen worden. Der Kleine litt vom Beginn der Vorstellung an Zahnschmerzen, um am Ende doch zu sterben. Die Partie ist neben der emotionalen Belastung offenbar sehr anstrengend für die Stimme, weil sie sehr hoch liegt und manchmal fast Schreien erforderte. Es konnte aber trotzdem schöner Gesang bleiben. Für die harte Darstellung wurde die Sopranistin kurz vor Schluss mit einem anrührenden Monolog entschädigt, mit dem der Verblutete und im Fluss Entsorgte sein trostloses Leben naiv schönfärbte.

Der 1986 in Prag geborene zweite Solo-Kontrabassist der Staatskapelle Petr Popelka arbeitet schon seit geraumer Zeit mit gutem Erfolg an seiner Umorientierung zum Dirigenten und Komponisten. Mit  seiner musikalischen Leitung der Premiere von Der goldene Drache entwarf er ein differenziertes Klangspektakel aus Streicher-Obertönen, gestopften bzw. verzerrten Bläsern, Unmassen von Schlaginstrumenten und Klavier. Dazu musste er auch die Geräusche aus der Szene und vor allem die Artikulationen der Solisten in das Klangspektrum einbeziehen. Dabei assistierten ihm, eine für die Studio-Bühne recht ordentliche Anzahl hervorragender Musiker der Staatskapelle, die bereits im vergangenen Jahr sowohl im Kulturpalast, als auch im Januar 2019 in Hellerau ihre Affinität zur Musik Peter Eötvös unter Beweis gestellt hatten.

Das überwiegend jüngere Publikum bejubelte langandauernd sowohl die Agierenden als auch das Inszenierungsteam, obwohl in dem Stück eigentlich mit Entsetzen Scherz getrieben worden war.

Für den Autor hat sich aber am Premierenabend die unbedingte Notwendigkeit ergeben, die Inszenierung noch einmal zu besuchen.

Der goldene Drache an der Semper Zwei; die folgenden Termine 15.12.; 21.12.; 23.12.; 28.12.2019.  ACHTUNG:  Alle Vorstellungen sind als bereits ausverkauft angekündigt.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Kulturpalast Dresden, Dresdner Philharmonie – Dmitrij Kitajenko, IOCO Kritik, 01.12.2019

Dezember 2, 2019 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

 Dresdner Philharmonie – Dmitrij Kitajenko – Sergei Krylov

Tschaikowski – Prokofjew – Chatschaturjan

von Thomas Thielemann

Zu einem interessanten Konzertprogramm mit dem Titel Spartakus hatte Dmitrij Kitajenko gemeinsam mit der Dresdner Philharmonie in den Konzertsaal des Kulturpalastes eingeladen. Angekündigt waren Peter Tschaikowskis Manfred Sinfonie, Sergej Prokofjews „2. Violinkonzert“ mit Sergei Krylow und Szenen aus Aram Chatschturjans Spartakus-Ballett.

Der Ideengeber der Manfred-Sinfonie  Lord Byron (1788-1824) gehörte zweifelsfrei zu den schillerndsten Figuren seiner Zeit. Unter dem Eindruck einer Reihe von alpinen Wandertouren in der Schweiz und weil er selbst von einer „unerlaubten Liebe“ zu seiner fünf Jahre älteren Halbschwester Augusta gequält war, schrieb er 1817 als eine Variierung des uralten Faust-Stoffes sein dramatisches Gedicht Manfred. Seitdem geistert der lebenshungrige, amoralische und abenteuerliche oft einsame „Byronsche Held“ durch die europäische Musik- und Literaturgeschichte. „Der Mann des Friedens“ ist zugleich schwärmerisch, menschenverachtend, die Gefahr suchend und auch findend.

Peter Tschaikowski hat sich, wahrscheinlich bedingt durch seine unterdrückte Homosexualität, lange mit der Figur Byrons beschäftigt, bevor er 1882, angeregt vom Komponisten-Freund Milij Alexandrowitsch Balakirev, mit einer programmatischen Komposition in vier Bildern, seiner „Manfred-Sinfonie op. 58“, den Versuch unternahm, seine psychischen Probleme zu kompensieren. Die Programmatik der 1885 vollendeten Komposition hat Tschaikowski selbst postuliert.

Kulturpalast Dresden / Dirigent Dimitrij Kitajenko © Klaus Rudolph Web

Kulturpalast Dresden / Dirigent Dimitrij Kitajenko © Klaus Rudolph Web

Der russische Dirigent, geboren 1940 im damaligen Leningrad, gilt seit seiner Oehms-Classic-Einspielung mit dem Gürzenich-Orchester, mit der er alle positiven Aspekte der Komposition hervorgehoben und gleichzeitig ihre Mängel minimiert hatte, als Spezialist der „Manfred- Sinfonie“.

Im Dresdner Konzert Dmitrij Kitajenko inszenierte er die Bilder der Manfred-Sinfonie nicht aus der Distanz, sondern wühlte sich in die emotionalen Tiefen der Musik und nahm seine Zuhörer mit, das Drama des Anti-Helden gleichsam zu erleben. Der düstere Beginn des ersten Satzes lento lugubre zeichnete den durch das Berner Oberland irrenden verzweifelten Protagonisten. Sein Leben schien vernichtet und Erinnerungen an seine Schwester, deren Leben er zerstört hatte, quälten ihn. Aus einer russischen Schwere führte Kitajenko das Orchester in eine düstere Melancholie und zu idyllischen Ruhepunkten. Er gab den ausgreifenden Melodienbögen Zeit zur Entwicklung, erlaubte kleinere Nuancen, um im nächsten Moment das Tempo anzuziehen.

Mit dem zweiten Satz, einem Scherzo entwarf Tschaikowski die Vision der Erscheinung der Alpenfee unter einem Regenbogen. Die wirbelnden Figuren des Vivace conspirito erforderten vom Orchester ein sehr präzises Spielen, ohne dass es wie stupider Maßarbeit klang. So aber offenbarte es dem Auditorium den luftigen Charme der Musik.

Mit dem dritten Pastoral-Satz wollte Tschaikowski dem Helden mit einem schlichten und friedlichen Leben bei Bauern und Hirten Genesung von seinen Leiden vorgaukeln. Das wollte und konnte Kitajenko nicht zulassen, wenn er den Charakter des Werkes nicht gefährden wollte. Ohne Glanz legte er deshalb mit wunderbaren Nuancen einen Hauch von Trauer und Melancholie über die alpinen Naturszenen.

Der Finalsatz mit Manfreds Tod und Auferstehung gewann noch einmal monumentale Größe und wuchs zum heroischen Hymnus. Aber mitten im Satz ließ Kitajenko die Stimmung kippen. Selbst die Orgeltöne wirkten nur noch verhalten. Erst mit den Schlusstakten konnte man spüren, dass Manfred letztlich verziehen wird und er im Tod Ruhe finden kann.

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie © Markenfotografie

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie © Markenfotografie

Zu den inzwischen weltweit häufig gespielten Komponisten des 20. Jahrhunderts gehört zweifelsfrei auch Sergei Sergejewitsch Prokofjew. Der 1891 als Sohn eines Gutsverwalters in Sonzowka auf dem Gebiet der heutigen Ost-Ukraine geborene, erreichte nach seiner Petersburger Ausbildung bis 1918 als brillanter Pianist und Komponist vor allem mit seiner ersten, der klassischen Sinfonie, Erfolge.

Mit den Zielen der Oktoberrevolution konnte Prokofjew nichts anfangen, hatte nicht die leiseste Ahnung von deren Zweck und Bedeutung, meinte aber, dass in Russland kein Bedarf für Musik bestehe. Um den Unwägbarkeiten in Russland aus dem Wege zu gehen, verließ er seine Heimat. Ein unstetes Wanderleben als Dirigent und Pianist führte ihn durch die USA und Europa. Vor allem in Frankreich kam er mit den wichtigsten musikalischen Richtungen in Berührung.

Nach 1927 unternahm er mehrfach Konzertreisen nach der UdSSR, die er nach 1932 intensivierte. Warum er sich 1936 mit seiner Frau, der spanischen Sängerin Carolina Codina (1897-1989; Künstlername Lina Llubera) endgültig in Moskau niederließ, gibt es eine Vielzahl von Spekulationen. War es ein zwiespältiges Gefühl der Entwurzelung von der Heimat und deren Menschen oder war es der Einfluss von Sergej Eisensteinen, für dessen Filme er die Musik komponierte? Oder wollte er, wie mein Konzertführer der 1950er Jahre unterstellt, seine Kraft der Entwicklung der sozialistischen Musikkultur widmen? Er studierte die Schriften Lenins und übernahm 1933 eine Meisterklasse am Moskauer Konservatorium um Einfluss auf die künftige Komponistengeneration zu nehmen. Oder haben jene recht, die Prokofjew erhebliche finanzielle Probleme in Paris unterstellten, die die Sowjetregierung für ihn reguliert habe?

Namhafte Musikwissenschaftler bezeichnen seine Entscheidung als absolut rational. Für Prokofjew waren die folgenden Jahre eine der produktivsten Phasen seines Künstlerlebens. Sein ältester Sohn Oleg berichtete, dass der Vater über das, „was draußen geschah“, nicht sprach. Auf die Internierung seiner spanischen Frau 1948, von der er seit 1943 getrennt lebte, habe er gemäß Vorwürfen Olegs nur lau reagiert. Carolina Codina war wegen des Versuchs, Geld nach Spanien zu senden als Spionin für sechs Jahre im GULAG verbracht worden. Reibereien mit der sowjetischen Kulturbürokratie blieben nicht aus, waren aber begrenzt.

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie im Kulturpalast Dresden © Markenfotografie

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie im Kulturpalast Dresden © Markenfotografie

Das zweite Violinkonzert Prokofjews entstand als Auftragswerk der Verehrer des Geigers Robert Soetens im Sommer 1935, also in der Zeit seines „Wanderns zwischen den Welten“. So komponierte er den ersten Satz in Paris, den Mittelsatz im russischen Woronesh und schloss die Instrumentation in Baku ab. Die Uraufführung durch den Widmungsträger Soetens fand im Dezember 1935, also während des spanischen Bürgerkriegs, im Volksfront-Madrid statt. Das 2. Violinkonzert reflektiert wie kaum ein anderes Werk eine künstlerische und persönliche Umorientierung Prokofjews. Eine an die Tradition angepasste Formgestaltung und lyrische volksnahe Melodien lösten das sarkastische seines früheren Schaffens ab.

Der Solist des Abends Sergei Krylow, geboren 1970 in Moskau, gilt als ausgesprocher Spezialist für die Kompositionen Prokofjews sowohl als Geiger als auch als Dirigent. Das melancholisch russisch anmutende Hauptthema des Allegro moderato wurde von Krylow behutsam und mit unaufgeregter Virtuosität aufgenommen. Die Musiker der Dresdner Philharmonie  nahmen unter der Leitung von Dmitrij Kitajenko fast schwebend die Prokofjewsche Tonsprache auf. Krylow spielte im Weiteren den ersten Satz mit außerordentlicher Virtuosität und berauschender rhythmischen Brillanz. Im zweiten Satz Andante assai bot der Solist ein außergewöhnliches Stimmungsbild. Über einer von den Klarinetten unterstützten Streicher-Pizzicato-Basis entwickelt Krylow eine berückend kristallklare groß angelegte Serenade. Mit dem Finalsatz scheinen Solist und das Orchester den bizarr-grotesken Ton des früheren Prokofjews aufgreifen zu wollen. Aber im zunehmendem Maße übernahm wieder die anspruchsvolle Virtuosität bis das „Allegro ben marcato“ zum brüsk abreißenden Schluss geführt wurde.

Der Beifall nach dem Violinkonzert blieb freundlich. Erst nach der Zugabe, einem Capriccio von Niccolo Paganini, entschloss sich das Publikum zu den verdienten Bravo-Rufen und heftigen Ovationen.

Der armenische Musiker Aram Chatschaturjan (1903-1978) komponierte in der Mitte der 1950er Jahre, beeinflusst vom französischen Impressionismus und unter Nutzung armenisch-kaukasischer Volksmusikmotive, nach einem Libretto Nikolai Wolkows seine ausdrucksstarke und mitreißende abendfüllende Ballettmusik Spartakus.

Aus der Frühzeit des Römischen Reiches sind neben kleineren Aufständen drei bedeutsame Sklavenkriege überliefert worden. Der für Rom gefährlichste und am längsten andauernde Aufstand war der von dem Thraker Spartakus angeführte. Mit anderen Gladiatoren, 78 v.Chr. aus der Gladiatorenschule in Capua ausgebrochen, sammelte er innerhalb von fünf Jahren bis zu 200 000 Landwirtschafts-Sklaven und verarmte landlose Freie, um sie in ihre Heimat meist Thrakien bzw. Gallien zurück zu führen. Gemeinsam mit Kelten-Stämmen fügte er Römischen Legionen 73 v. Chr. am Vesuv erste Niederlagen zu, denen weitere folgten. Der Versuch, mit seinem Heer und der Hilfe Kilikischer Seeräuber nach Griechenland überzusetzen scheiterte. Erst 71 v.Chr. gelang es dem Prätor Crassus die Anhänger Spartakus mit acht Legionen einzukesseln und aufzureiben.

In Anlehnung an Geschehnissen von vor über zweitausend Jahren hatte Nikolai Wolkow um das Ehepaar Phrygia und Spartakus sowie deren Gegenpart Crassus mit Partnerin Aegina ein Libretto mit „siebenunddreißig Szenen aus dem römischen Leben“ geschaffen.

Um seine Musik auch für den Konzertsaal zu erschließen, hatte der Komponist aus den 210 Minuten-Ballettmusik zunächst drei in sich abgeschlossene Ballett-Suiten gestaltet. Inzwischen bedienen sich die Interpreten recht beliebig aus den Suiten, um sich wirkungsvolle Darbietungen zusammen zu stellen. Natürlich auch, um die Zuhörer nicht mit Spartakus’ Tod und dem Requiem, deprimiert nach Hause zu schicken.

Und so hörten wir zum Abschluss des Konzertes aus der ersten Orchestersuite die Variation der Aegina mit dem Bacchanal (1. Akt; 8. Szene), aus der zweiten Suite das „große Adagio“ von Spartakus mit Phrygia (3. Akt; 3.Szene) sowie zum Abschluss den Tanz der gadinitischen Mädchen und Spartakus Sieg ( 2. Akt; 12. Szene), mit denen die Musiker der Dresdener Philharmonie unter ihrem Gastdirigenten Dmitrij Kitajenko noch einmal flott und sehr laut auftrumpfen konnten. Leider ging in dem Tönerausch auch der Zauber des wunderbaren Adagios der Szene des Spartakus mit der Phrygia verloren.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

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