Dresden, Kulturpalast, Staatskapelle Dresden – zum 472-jährigen Bestehen, IOCO Kritik, 24.09.2020

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

 Staatskapelle Dresden – zum 472-jährigen Bestehen

Von der kurfürstlichen Hofkapelle zur Sächsischen Staatskapelle Dresden

von Thomas Thielemann

Am 22. September 2020 feierten die Musiker und Freunde der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Kulturpalast der Stadt den 472. Geburtstag des Klangkörpers.

Eigentlich könnte die Kapelle auf ein längeres Bestehen blicken, wenn nicht die konfessionellen Auseinandersetzungen eine Unterbrechung der frühen Musikkultur im sächsischen Raum zur Folge gehabt hätten. Der später erste Kapellmeister der heutigen Staatskapelle Johann Walter (1496-1570), ein Freund Martin Luthers, war bereits 1524 als Bassist und kurze Zeit später als Componist einer kurfürstlichen Hofkapelle des Johann Friedrich I. von Sachsen nachweislich tätig gewesen. Der Kurfürst und Herzog aus dem Hause der ernestinischen Wettiner, auch Friedrich der Großmütige genannt, residierte in Torgau auf dem Schloss Hartenfels, dem damaligen politischen Zentrum der Reformation. Johann Walter, der nach der Herkunft seiner Mutter auch als der Blankenmüller bekannt war, wurde der Herausgeber des ersten evangelischen Chorgesangsbuches.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und Andras Schiff © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und Andras Schiff © Matthias Creutziger

Eine wegen des Rüstungs-Finanzbebarfs 1526 angestrebte Auflösung der Capelle konnte durch eine Intervention Philipp Melanchtons (1497-1560) zunächst verhindert werden. Als die Hofkapelle dann trotz Gehaltsabsenkung der Musiker 1530 doch aufgelöst werden musste, wollte die Torgauer Bürgerschaft nicht auf die ihnen liebgewordene Kirchenmusik verzichten. Sie vereinte Johann Walter und einige der Musiker zur „Cantoreigesellschaft“ und stellte neben der Besoldung auch Sänger zur Verfügung. Martin Luther war über die Auflösung der Hofkapelle sehr aufgebracht und erreichte noch mit einem groben Brief, dass der Kurfürst der bürgerlichen Gesellschaft zumindest einen jährlichen Zuschuss von 100 Gulden zusagte.

In der Folge der Niederlage des Schmalkaldischer Bundes 1547 verloren die Ernestiner die Herrschaft und Kurfürst wurde Moritz von Sachsen (1521-1553) aus dem Hause der anhaltinischen Wettiner.

Als Moritz die Hochzeit seines Bruders August mit einer dänischen Prinzessin auszurüsten hatte, entschloss er sich zur Gründung einer eigenen Kapelle, die zunächst bei den Hochzeitsfeierlichkeiten wirken sollte. Die Stiftungsurkunde unterzeichnete Moritz am 22. September 1548, dem Tag, der als Geburtstag der ohne Unterbrechungen existierenden Sächsischen Staatsapelle gilt.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung © Matthias Creutziger

Die neugegründete „Capelle“ musizierte erstmals am 8. Oktober 1548 unter „Johann Walters Direction“ in Torgau, siedelte dann mit dem kurfürstlichen Hofe als dessen Hofkapelle nach Dresden.

Über lange Zeit wurden die Erinnerungskonzerte an die Gründung genutzt, um an frühere komponierende kurfürstliche und staatliche Kapellmeister und Musiker mit der Wiedererweckung ihrer Werke zu erinnern. Das waren zum Teil recht interessante und des Hörens werten Begegnungen.

In den letzten Jahren wird der Termin des Geburtstagskonzertes aber verwendet, um auch den heimischen Freunden der Staatskapelle das Programm der in jedem Jahr anstehenden Europa-Tournee vorzustellen. Dabei macht es Sinn, das Konzert nicht im Semperbau mit seinen spezifischen Bedingungen zu spielen sondern stattdessen den Konzertsaal des Kulturpalastes mit seinen breiteren Möglichkeiten zu nutzen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Sir Andras Schiff © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Sir Andras Schiff © Matthias Creutziger

Geplant war eine Tournee des Orchesters mit dem Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung und dem Capell-Virtuosen Sir András Schiff mit Konzerten in Antwerpen, Luxemburg, Brüssel, Wien und Bratislava. Corona-bedingt wurde aber ein Konzert nach dem anderen abgesagt, so dass letztlich nur ein zusätzlich in die Planung einbezogenes Gastkonzert in Köln stattfinden wird.

Sein Konzert für Klavier und Orchester Nr.1, d-Moll, komponierte der junge Johannes Brahms (1833-1897) zunächst für zwei Klaviere. Jahre später, 1854 begann er die Sonate für Orchester zu instrumentieren. Zunächst als Symphonie angestrebt, entstand nach zähem Ringen und unzähligen Änderungen in den Jahren bis 1859 der Koloss des ersten Klavierkonzertes.

Auf dem Podium waren um den Dirigenten Myung-Whun Chung, den Pianisten und einem Konzertflügel der Dresdner Philharmonie herum, natürlich mit dem vorgeschriebenen Zwischenraum, auf dem restlichen Teil der 220m²-Bühne etwa 60 Musiker der Staatskapelle in den gebührenden Abständen platziert. Jeder der Musiker hatte sein eigenes Notenpult.

András Schiff meisterte die hohen technischen Anforderungen ohne dabei als Virtuose glänzen zu können, aber mit der gewohnten Souveränität.
Während man das Klavier hörte, wie man es bei Brahms von vielen früheren Aufführungen gewohnt war, unterschied sich der Orchesterklang doch deutlich vom Vertrauten. Der Orchesterpart hörte sich weicher, zum Teil leicht zerfasert und vor allem etwas stumpf an. Es war zu spüren, dass den Musikern der unmittelbare Kontakt zu den Partnern fehlte, jeder bis zu einem gewissen Grade vor sich hin spielte und sich damit die Klänge nicht wie gewohnt mischten.

Über weite Strecken tauschten Solist und Orchester die Führungsrolle, indem Schiff das Orchester begleitete. Weniger problematisch erschien mir die anschließende Darbietung der 7. Symphonie d-Moll von Antonin Dvorák (1841-1904). Auch hier kam der Klang weicher als vertraut, doch etwas geschlossener, wenn auch nicht kompakt. Musiziert wurde gewohnt präzise, aber es fehlte eben das Mischen der Töne. Ich hatte den Eindruck, dass die Aufgabe des Dirigenten an Bedeutung gewonnen hat. Und da das Orchester mit seinem Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung bestens vertraut ist, haben die Partner offenbar das Mögliche geboten.

Der traditionenell dem jährlichen Geburtstagskonzert folgende Empfang der Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle Dresden für die Musiker ihres Orchesters wurde in diesem Jahr zum Corona-Opfer.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Dresden, Kulturpalast, Haydn und Beethoven – Gegen Corona, IOCO Kritik, 20.06.2020

Juni 20, 2020 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

Haydn und Beethoven – Gemeinsam gegen das CORONA-Virus

Dresdner Philharmonie und das Ébène-Quartett

von Thomas Thielemann

Die in Sachsen verbindlichen Regelungen und ein kluges Hygienekonzept ermöglichte der Dresdner Philharmonie jeweils 498 Besucher für öffentliche Veranstaltungen in den Konzertsaal des Kulturpalastes einzuladen. Einhaltung der Abstandsregeln, ein rigides Einlass-System, Tragen von Mund- und Nasenbedeckung bis zum Erreichen des zugewiesenen Sitzplatzes, dazu eine intensive Raumbelüftung und Desinfektionsmaßnahmen erlauben fast dreißig Prozent der 1.700 Plätze für ein einstündiges Konzert ohne Pause zu besetzen.

Kulturpalast Dresden / Haydn, Beethoven und Dresdner Philharmonie zu Corona Zeiten @ Björn Kadenbach

Kulturpalast Dresden / Haydn, Beethoven und Dresdner Philharmonie zu Corona Zeiten @ Björn Kadenbach

Da für die Besetzung der 210 m² Bühnenfläche natürlich auch die Grundsätze der Abstandshaltung einzuhalten waren, wählte Marek Janowski für den ersten Teil des Konzertes ein Orchesterstück mit nach heutigen Üblichkeiten kleinerer Besetzung, Joseph Haydns Sinfonie Nr. 99 in Es-Dur aus dem Jahre 1793, aus. Zwölf Bläser, einunddreißig Streicher und ein Pauker hatten auf dem Podium in gebührendem Abstand Platz genommen. Hatte Haydn die Uraufführung 1794 in London noch vom Cembalo geleitet, so sorgte trotz der gewöhnungsbedürftigen Sitzordnung der Musiker Chefdirigent Marek Janowski mit seinem engagierten Dirigat für ein ausgewogenes Klangbild, auch wenn sich das Blech gelegentlich etwas vorwagte. Ansonsten, bei aller Betonung der wirbelnden Figuren und der charakteristischen Leichtigkeit der Symphonie, betonte Janowski deren Nähe zum Streichquartett. Die Streicher waren die maßgeblichen Träger des Geschehens und gaben mit ihrem ständigen Einsatz den Ton an, während die übrigen Instrumente für die Fülle und Vollständigkeit des Klangbildes sorgten.

Die Betonung von Kontrasten, der Blick auf Details und das deutliche Modellieren waren Kennzeichen der Interpretation Janowskis. Die schnellen Sätze waren überzeugend, vor allem das finale Presto gelang brillant. Dazu kam die Spielfreude der Musiker, die insbesondere im Finale ihre Erleichterung, dass „es endlich wieder losgeht“, spüren lassen.

Der Klangunterschied im nur knapp zu einem Drittel besetzten Saal war natürlich zu hören, so dass zumindest für mich der vom Akustikbüro Peutz ausgewiesene geringe Unterschied des mittleren Nachhalls von leerem und vollbesetztem Konzertsaal nicht zum Tragen kam. Das war insbesondere bei den Ovationen spürbar.

Kulturpalast Dresden / Haydn, Beethoven und Marek Janowski @ Björn Kadenbach

Kulturpalast Dresden / Haydn, Beethoven und Marek Janowski @ Björn Kadenbach

Dem Spätwerk Joseph Haydns (1732-1809) folgte mit dem Streichquartett  Nr. 2 G-Dur op. 18 /2 von 1799 ein Frühwerk Ludwig van Beethovens (1770-1827).

Als Gastensemble war das für sein breites Repertoire bekannte Quatuor Ébène, zu Deutsch „Ebenholzquartett“, aus Frankreich eingeladen worden. Die Violinisten Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure, die Bratschistin Marie Chilemme sowie der Cellist Raphaël Merlin sind mit ihrem Repertoire aus klassischer und zeitgenössischer Musik bis zum Jazz bekannt geworden. Damit sorgten sie in der Musikszene zu nachhaltiger Aufregung. Mit ihrem unvoreingenommenem Blick auf die Werke, mit ihrer Lust zwischen den Stilen zu wechseln, ohne dabei Demut und Respekt zu vergessen, begeistern sie ihr Publikum.

Das als zweites aus Beethovens Streichkonzert-Zyklus Opus 18, bekannte Werk, steht noch ganz in der Tradition seiner Vorbilder Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) und vor allem Joseph Haydn. Das G-Dur-Quartett, wegen seines Hauptthemas auch „Komplementier-Quartett“ genannt, bietet mit seinem Finalsatz Bezüge zu Haydns G-Dur-Streichquartett op. 77,1 aus dem gleichen Entstehungsjahr. Es ist damit durchaus als Verbeugung des jungen Komponisten vor dem Altmeister zu verstehen.

Die Musiker des Quatuor Ébène spielten das viersätzige Werk taufrisch mit Brisanz und Unbedingtheit, als wäre es gerade erst entstanden. Die Details waren gestochen scharf und ließen feinste Schattierungen  zur Geltung bringen. Dabei gelang es, das Geschehen energiegeladen, expressiv, spannend zu halten und wirkungsvolle Überraschungen zu gestalten.

Das Allegro kam noch ziemlich verspielt und durchsichtigt, während die Darbietung des langsamen Satzes sich vor allem durch seine Prägnanz und der Partien der Einzelstimmen auszeichnete. Mit dem Scherzo boten die vier Musiker Überraschungsmomente mit zum Teil grenzwertigen Wirkungen. Auch die Darbietung des Schluss-Satzes „Allegro molto quasi Presto“ war von Reibungen und einer guten Portion Übermut gekennzeichnet.

Für die schwache Besetzung des Konzertraumes war der Beifall frenetisch. Mir hat die Mut machende Veranstaltung mit dem einfallsreichen Konzept und der straffen Organisation ausgezeichnet gut gefallen.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Dresden, Kulturpalast, Krzysztof Penderecki – Dresdner Philharmonie, IOCO Kritik, 02.03.2020 

März 3, 2020 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

Krzysztof  Penderecki Concerto grosso für drei Violoncelli

Dresdner Philharmonie  mit  drei Gast-Cellisten

von Thomas Thielemann

Es ist schon eine Besonderheit, zu einem Konzert geladen zu werden, in dem eine Musiklegende eine eigene Komposition dirigieren möchte. Am 1. März 2020 wollte der 86-jährige polnische Komponist Krzysztof  Penderecki in den Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes kommen, um sein Concerto grosso für drei Violoncelli und Orchester mit drei bereits profilierten jungen Cellisten daselbst vorstellen. Außerdem wollte er seine Auffassung  von Antonin Dvoráks 8. Sinfonie interpretieren.

Kulturpalast Dresden / Cellist Andrei Ionita © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden / Cellist Andrei Ionita © Nikolaj Lund

Wir hatten uns auf das Wiedersehen nach über vierzig Jahren Penderecki-Abstinenz gefreut. Als wir Penderecki kennen lernten, galt er als unorthodoxer Querkopf und die personifizierte Konterrevolution, als der berühmteste Abtrünnige und Provokateur. Für Krzysztof  Penderecki war sein Stil eine Synthese aus Tradition und Innovation; für seine Mitstreiter aber war es schlichtweg Verrat.

Jahre später, 2001, griff Penderecki mit seinem Concerto grosso für drei Celli und Orchester Merkmale der Barockmusik, das Prinzip des Kontrastes und Ausspielen klanglicher Gegensätze auf, indem er die ausführenden Musiker in Gruppen unterschiedlicher Besetzung aufteilte. Penderecki erklärte zu seiner Komposition, dass nur wenige Instrumente für den exklusiven Einsatz in einem Dreifachkonzert geeignet seien. Das Cello mit seiner Tonleiter von sechs  oder sogar sieben Oktaven sei für ihn das perfekte Instrument; es sei unglaublich, was man für Celli schreiben könne. In einem Interview zur Komposition, gab Krzysztof Penderecki pragmatisch zu Protokoll, dass er das Konzert eigentlich gern für sechs Solo-Celli geschrieben hätte, aber die zwölf erforderlichen Flugtickets würden die ohnehin begrenzten Aufführungsmöglichkeiten weiterhin zu stark einschränken.

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie - hier : Dirigent Maciej Tworek © M. Thielemann

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie – hier : Dirigent Maciej Tworek © M. Thielemann

Aber wie das bei den Dirigenten des fortgeschrittenen Alters ist, gelegentlich kränkeln sie. Und so hatte das Management der Dresdner Philharmonie den polnischen Dirigenten Maciej Tworek von der Krakauer Capella Cracoviensis gewonnen, das schwere Amt des Dirigats des Concerto Grosso zu übernehmen.

Der Dirigent des Abends Maciej Tworek, der bereits mehrfach mit Penderecki zusammen  arbeitete, leitete eine sanfte und eher forschende Aufführung, die das Concerto Grosso als ein reichhaltiges tragisches Werk erscheinen ließ.

Die Solo-Violoncelli greifen in verschiedenen Kombinationen in das musikalische Geschehen ein und wurden für das jeweilige konzertante Moment verantwortlich, während sich in dessen Verlauf andere Instrumente u.a. Horn, Oboe, Flöte und Klarinette ihnen anschlossen. Damit nahm das Werk den Charakter eines Orchesterkonzertes an. Die drei Solisten wurden gleichermaßen wie der Dirigent für den Konzertverlauf verantwortlich. Die Komposition ist mit sechs Vortragsbezeichnungen angelegt, wurde aber einsätzig dargeboten.

Als Solisten des Konzertes konnten drei hochkarätige Cellisten der jüngeren Generation gewonnen worden:

Kulturpalast Dresden / Cellistin Tatjana Vassiljeva © Sasha Gusov

Kulturpalast Dresden / Cellistin Tatjana Vassiljeva © Sasha Gusov

Zunächst die 1977 im russischen Nowosibirsk geborene Tatjana Vassiljeva, die 2001 den First Grand Prix de la Ville de Paris gewann und 2005 beim Rostropowitch-Wettbewerb als internationale Neuentdeckung des Jahres gefeiert worden war.

Dann der 1994 im rumänischen Bukarest geborene Andrei Ionita, der 2013 den 1. Preis des „Khatschaturian International Competion“ erzielte, und 2014 im ARD –Wettbewerb den 2. Preis sowie den 1. Preis für die Interpretation eines Auftragswerkes erreichte. Im Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb 2015 gewann er den 1. Preis und erhielt 2016 den Luitpolt-Preis des Kissinger Sommer. Inzwischen ist er mit einem Cello von Giovanni Battista Rogeri von 1671 weltweit tätig.

Kulturpalast Dresden / Cellist Laszlo Fenyö © Marco Borggrefe

Kulturpalast Dresden / Cellist Laszlo Fenyö © Marco Borggrefe

Außerdem vor allem der 1975 in Ungarn geborene  László Fenyö, der seit dem Gewinn des Pablo Casals Wettbewerb 2004 zur Weltelite der Cellisten zählt und mit seinem „Matteo Goffriller Cello von 1695“ zu den gefragtesten Solisten seines Faches gehört.

Die Interpretation war prachtvoll von dem erstklassischen Trio der Solisten geprägt. Technisch glänzend und in ihren rhapsodischen Solopassagen frei und ausdrucksstark erwiesen sie sich als zusammenhängendes frisch musizierendes Team. In den knapp 36 Minuten wird das Spiel allen Hochs und Tiefs, elegischen und rhythmischen Momenten gerecht. Man weiß nie, was im nächsten Moment passiert, aber alles war im Fluss, folgte dem von Tworek mit sparsamen Bewegungen vorgegebenem Faden und verschafften ihm sowie dem Orchester zu einem schönen Erfolg.

Nach der Pause dirigierte er die Dresdner Philharmonie mit sichtlichem Vergnügen die so nicht recht ins Programm passende achte Sinfonie von Antonin Dvorák. Aber bei diesem Dirigat blieb noch Luft nach oben, obwohl die Zuhörer recht begeistert waren.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Dresden, Kulturpalast, Berliner Philharmoniker – Kirill Petrenko, IOCO Kritik, 25.02.2020

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

Berliner Philharmoniker – Kirill Petrenko

Strawinsky – Zimmermann – Rachmaninow

von Thomas Thielemann

Um bei ihrem Stammpublikum auch außerhalb der vier-wöchentlichen Festspielzeit präsent zu bleiben, veranstalten die Dresdner Musikfestsiele in sporadischen Abständen über das Jahr verteilt hochkarätige Palastkonzerte. Am 21. Februar 2020 hatte Jan Vogler, Leiter der Musikfestspiele, die Berliner Philharmoniker eingeladen, mit ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko im Rahmen ihrer Deutschland-Tournee in Dresden Station zu machen. Kirill Petrenko konnten wir zuletzt im April 2012 mit der Sächsischen Staatskapelle in einem Skrjabin-Rachmaninow-Konzert erleben. Von einem Gastspiel der Philharmoniker in Dresden fehlt mir jede Erinnerung.

Berliner Philharmoniker © Oliver Killing

Berliner Philharmoniker © Oliver Killing

Drei Aspekte waren mir beim Besuch des Konzerts wesentlich:

Es war mir wichtig, die Berliner Philharmoniker mit dem Dirigat Kirill Petrenkos im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes mit seiner guten, aber nicht unproblematischen Klangentwicklung  bei ihrem Hausdebüt zu erleben. Den Berlinern muss man durchaus bescheinigen, dass das Orchester mit dem für sie neuen Saal hervorragend klar gekommen ist. Die Instrumentalgruppen standen im richtigen Verhältnis zueinander und boten einen perfekten Mischklang. Die Holzbläser konnten ihr Können hören lassen, ohne dass sie die Streicher überbordete. Selbst die oft bemängelte Pauke war mustergültig eingeordnet.

Gern hätte ich die Musiker auch in den anderen fünf Stationen begleitet. Dieses Konzert wird in den sechs doch recht verschiedenartigen Sälen unterschiedlich zur Wirkung gekommen sein.

Geboten wurden drei Meisterwerke von Igor Strawinsky, Bernd Alois Zimmermann und Sergej Rachmaninow, die alle zwischen 1940 und 1955 komplettiert worden waren.

Igor Stravinsky - Toteninsel Venedig © IOCO

Igor Stravinsky – Toteninsel Venedig © IOCO

Als Igor Strawinsky (1882-1971) 1945 den Auftrag erhielt, für die Philharmonic Symphony Society of New York ein sinfonisches Werk zu schaffen, komponierte er offenbar zeitnah nur den Finalsatz. Dabei band er die Harfe und das Klavier in den vollen Orchestersatz ein. Als Kopfsatz der „Sinfonie in drei Sätzen“ nutzte er einen Entwurf aus dem Jahre 1942, der aber als Klavierkonzert geplant war. Folglich muss auch der Pianist bei der Aufführung durchaus solistische Aufgaben bewältigen. Andere Quellen vermuten ein „Concerto for Orchestra“ mit einem hervorgehobenen Klavierpart als den ersten Satz.

Für den zweiten Satz verwendete Strawinsky Teile einer 1943 begonnenen Harfen- und Flöten-lastigen Komposition, die ursprünglich für den Film The Song of Bernadette vorgesehen, aber nicht zu Ende geführt worden war.

Der große Außenseiter der deutschen Avantgarde-Komponisten der Nachkriegszeit Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) arbeitete bereits seit 1942, von Tänzen, Klängen und Rhythmen der Brasilianischen Volksmusik angeregt, an der Adaption südamerikanischer Musik. Um 1950 war eine „Brasilianische Ouvertüre“ vollendet. Im Verlauf der nächsten Jahre weitete er diesen „ersten Satz“ schrittweise zu einer Ballett-Suite mit fünf Sätzen aus, deren Namen „Alagoana“ er von einem Brasilianischen Bundesstaat ableitete. Inspiriert vom Scheitern der Heiratspläne seines Bruders mit einer Brasilianerin und angeregt durch einen südamerikanischen Schöpfungsmythos, der von der Entstehung des Todes aus der Liebe zwischen Mann und Frau handelt, unterlegte er der Musik 1955 ein Libretto. Bewusst verwendete er nicht das Originalmaterial, sondern bot, was die brasilianische Musik, auch nach seiner Stimmungslage, in ihm auslöste.

 Berliner Philharmoniker © Oliver Killing

Berliner Philharmoniker © Oliver Killing

Die Ursprünge der Sinfonischen Tänze für Orchester op. 45 von Sergej Rachmaninow (1873-1943) reichen bis in das Jahr 1915 zurück. Rachmaninow arbeitete damals an einer Ballett-Partitur, die er „die Skythen“ nennen wollte. Der als Schöpfer des klassischen Balletts geltende Tänzer und Choreografen Michail Fokine (1880-1942) sollte das Werk auf die Bühne bringen. Aber Fokine war über Paris und Berlin längst nach Amerika gegangen. Und obwohl Rachmaninow und Fokine später eine enge Freundschaft verband, hat dieser erst 1939 ein Werk seines Freundes, die „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“, in London als Ballett inszeniert. Rachmaninow fand, nachdem er im August 1939 endgültig in die USA übersiedelt war, bei der Sichtung seiner Manuskripte im Sommer 1940 die Blätter der unvollendeten Partitur und übernahm Ansätze der 25-Jahre alten Noten in eine große, visionäre Komposition. Nach der Überlieferung soll er einen Monat lang an dem Vorhaben täglich vierzehn Stunden gearbeitet haben, bis er Ende Oktober 1940 den Schlusspunkt unter eine Partitur von Symphonischen Tänzen setzten konnte.

Bei der Programmgestaltung seiner Tournee verzichtete Petrenko, möglicherweise auch bewusst, auf die Einbeziehung populärer Werke. Der Reiz des Programms besteht in der tatsächlichen Zeitspanne der Entstehung der Werkteile von 1915 bis 1955 und auch darin, dass es sich bei allen drei Werken um tänzerische Musik handelte.

Vor dem Dresdner Konzert hatte Petrenko das Programm innerhalb von neun Tagen viermal in Berlin und jeweils einmal in Hamburg, in Hannover, in Köln sowie in Frankfurt dirigiert. Doch es wirkte auch im letzten der neun Konzerte nichts routiniert oder gar abgegriffen, was letztlich ein Orchester dieser Qualität auch auszeichnet.

Die „Sinfonie in drei Sätzen“, insbesondere den Kopfsatz habe ich selten so kraftvoll gehört. Petrenko zeichnete mit den Musikern beeindruckend die Formstrukturen und ließ auch den Holzbläsern den ihnen gebührenden Raum.

Zimmermanns Capricho Brasileiros „Alagoana“ mit seinen sieben Schlagwerken gestaltete sich in der Mitte des Programms mit seinen reichen, teils mysteriösen Klangfarben für mich zum Höhepunkt des Gebotenen. Wann hört man, wie im ersten Satz, dass Flöte, Englischhorn, Saxophon  mit der Celesta und dem Cembalo gemeinsam spielen? Auch das Klavier war mit einbezogen. Aber gerade dieser Konzert-Teil wurde vom Publikum lediglich mit gutem Beifall bedacht.

Bei Rachmaninows  „Symphonischen Tänzen“ bezauberte im ersten Satz eine reine Holzbläser-Passage. Auch intensivierte Petrenko bei Rachmaninows letztem vollendetem Werk sein Dirigat und betonte neben Stimmung des letzten vollendeten Werkes des Komponisten die Spannung zwischen Lebenslust und Todessehnsucht. Dafür erhielten Dirigent und Orchester für den Konzertabschluss jenen Jubel, den ich dem „Alagoana“ zugedacht hätte.

Nun wünschen wir uns, Kirill Petrenko mit „seinen“ Berlinern in Bälde mit einem Bruckner- oder / und Mahler-Konzert wieder zu erleben.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

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