Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Iphigénie en Tauride, BORIS und Die Soldaten – im Web, April 2020

April 30, 2020 by  
Filed under Livestream, Oper, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Iphigénie en Tauride, BORIS und Die Soldaten – kostenlos im Web

Oper trotz Corona: Die Staatsoper Stuttgart setzt ihr digitales On-Demand-Programm mit Unterstützung der LBBW mit Iphigénie en Tauride, BORIS und Die Soldaten fort

Die behördlichen Verordnungen zur Eindämmung der Verbreitung des Corona-Virus wurden bis zum 3. Mai 2020 verlängert. Dies bedeutet, dass mindestens bis zu diesem Datum auch keine Vorstellungen in den Spielstätten der Staatstheater Stuttgart stattfinden.

https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/oper-trotz-corona

Im Rahmen des kostenlosen Opernprogramms „Oper trotz Corona“ auf der Website der Staatsoper Stuttgart ist ab Freitag, 01. Mai 2020, 17 Uhr Christoph Willibald Glucks Meisterwerk der Frühklassik Iphigénie en Tauride zu sehen. Die Inszenierung von Krzysztof Warlikowski ist eine Produktion der Opéra national de Paris und feierte im April 2019 Premiere in Stuttgart. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Stefano Montanari.

Staatsoper Stuttgart / IPHIGÉNIE EN TAURIDE © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / IPHIGÉNIE EN TAURIDE © Martin Sigmund

Direkt daran anschließend folgt ab Freitag, 08. Mai, um 17 Uhr die jüngste Neuproduktion der Staatsoper aus dem Februar 2020: BORIS in der Inszenierung von Paul-Georg Dittrich verzahnt Modest Mussorgskis Historien-Drama Boris Godunow mit der Uraufführung von Sergej Newskis Secondhand-Zeit, einem Auftragswerk der Staatsoper Stuttgart. Es dirigiert Titus Engel.

Staatsoper Stuttgart / Boris Godunow © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Boris Godunow © Matthias Baus

Schließlich ist ab Freitag, 15. Mai, um 17 Uhr Bernd Alois Zimmermanns Oper Die Soldaten in einer Aufzeichnung von 1989 zu erleben. Das 1965 in Köln uraufgeführte Werk gilt bis heute als eines der aufführungstechnisch anspruchsvollsten und gleichzeitig überwältigendsten des Musiktheaters im 20. Jahrhundert. In seiner Rezeptionsgeschichte nimmt die Stuttgarter Inszenierung von Harry Kupfer einen bedeutenden Platz ein. Die Musikalische Leitung hat Bernhard Kontarsky.

Staatsoper Stuttgart / Die Soldaten © Hannes Kilian

Staatsoper Stuttgart / Die Soldaten © Hannes Kilian

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Odessa – Ukraine, Opernhaus Odessa, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 16.01.2020

Januar 16, 2020 by  
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Opernhaus Odessa
youtube Trailer von Medulla Oblongata
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Opernhaus Odessa

 La Traviata – Giuseppe Verdi

– Mythen verweben sich mit Fantasie- und Traumwelten –

von Adelina Yefimenko

Im berühmten Roman Schlafes Bruder von Robert Schneider sowie in der gelungenen Verfilmung von Joseph Vilsmaier ist der Bezug zu den Figuren aus der griechischen Mythologie beachtenswert – Hypnos, der Gott des Schlafes und sein Bruder Thanatos, der Gott des sanften Todes. Elias Alder lebt in einem Dorf im 19. Jahrhundert. Er entdeckt sein Hörwunder, vernimmt alle Klänge des Universums, versucht sie im Orgelspiel nachzuahmen. Im von der Doppelmoral geprägten ländlichen Dorfmilieu wird seine überragende musikalische Begabung als Normalitätsverstoß und böses Zeichen angesehen. Die Liebe zur Musik entwickelt sich für Elias zu einem mystischen Liebestod. Eros – der Gott der begehrlichen Liebe – führt ihn zur schmerzhaften transzendenten Erlösung in der Stille. 

Die Doppelfigur Thanatos-Hypnos ist ein beliebtes Motiv in der Bildhauerkunst. Die Inszenierung von Verdis La Traviata am Opernhaus Odessa interpretiert dieses Motiv als Symbol für die unerfüllte Liebe. Auch das andere Mythen-Paar spielt eine wichtige Rolle. Die Statue „Eros (Amor) und Psyche“ begleitet das Geschehen auf der Bühne wie eine schweigsame Zeugin. .

 Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Der junge, in Lemberg geborene ukrainische Regisseur Eugene Lavrenchuk (ein Absolvent des weltweit gefeierten Theaterregisseurs Roman Wiktjuk) inszeniert Verdis Oper neu und spannend und nicht nur als eine romantische Geschichte über das Leben, die Liebe und den Tod einer Kurtisane. Durch die soziale Zugehörigkeit zum Milieu der Halbwelt ist Violetta Valeri in der Pariser Welt der Adligen zum Scheitern verurteilt. Aber die neu, von Mythen angeregte Version Lavrenchuks offenbart spiegelbildlich zu Schlafes Bruder eine interessante Ergänzung zu Dumas d. J. und Verdis Heroinen.

Bevor das Preludio flimmernd aus dem Orchestergraben erklingt, fällt von oben eine riesige schwarze Stoffwolke herab, verdeckt alles auf der Bühne und schafft die Stimmung eines Bestattungsritus. Violetta nimmt bei diesem Vorgang eine Distanz zum Bühnengeschehen ein. Der Regisseur spielt mit dem „Aha!-Effekt“ und erzählt mit Bildern, Statuen und Video-Projektionen eine etwas andere Geschichte über die Frau, deren Würde, Liebe und musikalische Talente (vermutlich war sie früher eine Sängerin) sozial verkannt waren. Seine Violetta liebt die Musik und den Gesang, wie Elias seine Orgel liebte. Und beide verbindet ein mysteriöser Tod – Schlafes Bruder.

Das Spektakulum von Eugene Lavrenchuk (Regie) und Efim Ruakh (Bühnenbild) verursachte große Aufregung in der Presse, die die konzeptuellen und technischen Mängel der Inszenierung kritisierte. Einen Monat später wurde die Inszenierung neu konzipiert und überarbeitet.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata - hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata – hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Die Personenregie der Hauptdarsteller blieb aber unverändert. Eine „Violetta aus dem Jenseits“ darzustellen ist schauspielerisch nicht einfach. Die Rolle der Violetta übernahm in der Vorstellung am 27.12.2019 die zierliche, junge und noch wenig erfahrene Debütantin Natalia Stepanjak. Sie stellte Violetta in Gestalt eines Engels dar. Ist eine solche Violetta ein Regie-Novum oder die Folge der Personen-Regie? Im „Ah, fors´è lui che l’anima“ schlüpft die Sängerin in die Gestalt einer Träumerin. Am Ende ist sie mit der Rolle einer „Schlafes Braut“ absolut vertraut. Sie singt oder besser gesagt: singend träumt, schläft und stirbt sie auf der Bühne. Vielleicht war sie schon früher tot und ist als Engel auf die Erde zurückgekehrt? Jedenfalls befindet sie sich nicht im Hier und Jetzt des Geschehens von Verdis La Traviata. Das ist nur ihre Vergangenheit.

Die Idee ihres Todes, der nicht nur durch ihre Krankheit verursacht wurde, sondern auch durch ihre Mitmenschen, vor allem durch den Doppelmoralisten Germont (Olexiy Zhmudenko) beabsichtigte der Regisseur neu zu interpretieren. Die Protagonisten agierten aber traditionell. Trotzdem war deutlich, dass Lavrenchuks Violetta mehr in die Musik aus ihrer Vergangenheit als in Alfredo verliebt ist. Sie hört die Musik, deren erste Töne von einem alten Grammophon erklingen, bevor das Orchester überhaupt den Klang vorgibt. Die Effekte der fieldrecording mit Geräuschen, wie von einer alten Vinyl-Schallplatte, schufen eine Sehnsuchtsstimmung, die Violettas Untergang antizipierte. (Einen ähnlichen Effekt fügte Krzysztof Warlikowski in der Neuinszenierung von Salome ein). Eugene Lavrenchuk verwendete die Aufnahme des Orchesters des Opernhauses Odessa unter dem Chef-Dirigenten Vyacheslav Chernukho Volich und bearbeitete ihn mit dem Audacity-Programm.

In der Welt der neue La Traviata tragen alle Protagonisten weder historische noch moderne Kleider. Eher sehen sie aus wie Personagen aus dem Jenseits, wie Chimären und dabei sehr fantasievoll, stilisierend das Milieu eines Gespensterhauses. Die Kostüme sind geschmackvoll floristisch geschmückt, aus durchsichtigen Stoffen schön geschneidert und leuchten in den Farben der Bühnenbeleuchtung, – von Grau-Weiß und Blau-Grün bis zu Rosa (Kostüme – inklusive Mode-Design von Efim Ruakh und Eugene Lavrenchuk). Der Eindruck der hypnotischen, wie von Hypnos animierten Traumwelt Violettas wird damit verstärkt. Zum Beispiel, die Flora (Taisiya Shafranska) schwankt frei und schön singend wie ein blauer Geist mit einer riesigen Champagner Flache. Solch witzvolle Kontraste sind auch in der großen Ball-Szene zu sehen. Alles dreht sich im Tanz um den strahlend weißen Engel Namens Violetta – bunte Clowns, skurrile Männer-Stiere, sogar ein luxuriöser großer Kronleuchter mit Damenkleidern schwebt wie körperlose Geister in der Luft. Die Annina (Alina Drugak) gleicht auf der Bühne einer Salon-Dame, einer Rassehundebesitzerin. Zum Schluss laufen die Hunde schnell zusammen (das alles wurde auf die Leinwand projiziert) und lassen an eine viel stärkere Hundetreue als an die Treue der Menschen denken. Insofern entsteht ein Blick auf das bizarre Geschehen aus der Hypnos-Welt im Traum Violettas. Anschließend sucht die Sängerin in traurigen intimen Momenten eine Innigkeit, reflektiert ihren seelischen Schmerz sehr ehrlich. Ihr letztes Pianissimo in der Schlussszene lässt die Frage offen, ob sie wirklich aus der Welt der Brüder Hypnos und Thanatos zurück zur Alfredo-Welt kehren will? Alfredo wirkt dagegen wie ein schwacher, energie- und liebloser Held (Olexandr Prokopovych). Er bleibt auch stimmlich blass und monoton, was dem Regie-Konzept für die Distanz der Gefühle nicht hilfreich ist.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata - hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata – hier : Violetta © Litvynenko Yuri

In Allgemeinem vermischen sich in diesem Regie-Konzept verschiedene Motive des romantischen Liebestodes, der gesellschaftlichen Satire und den neuen mythologischen Inspirationsquellen. Zum Beispiel wird in der Ball-Szene das Bild „Orgy“ vom polnischen Kunstmaler des Akademismus, Symbolismus und der Moderne, Wilhelm Kotarbicski, projiziert (sein Leben und Werk war eng mit Italien und Ukraine verbunden). Eine abwechslungsreiche theatralische Eklektik aus den verschiedenen Motiven von Literatur, Musik, Mythos, Malerei, Skulptur, Licht- und Video-Design imaginiert auf der Bühne eine spannende und mysteriöse Interaktion.

Die parallelen Kontexte, bzw. der Mythos „Amor und Psyche“ nimmt einen festen Platz in der Regie ein. Violetta ist eben nicht nur ein Engel, sondern auch mythische Psyche. Überraschenderweise ist die Verbindung des Bühnengeschehens mit der Geschichte des Odessa-Opernhauses sehr authentisch. Das Park Palais Royal im Innenhof des Opernhauses besitzt eine berühmte Skulptur „Amor und Psyche“ (eine Marmorkopie der antiken griechischen Statue von Bildhauer Boris Eduards, deren Original sich in den Kapitolinischen Museen befindet). Diese Statue nennt man auch „Der Kuss“, was die Sinnlichkeit von Skulpturen Auguste Rodins oder Bilder Gustav Klimt hervorhebt. Auf der Bühne aber macht die Statue der Psyche einen schmerzlichen Eindruck, halb verfallen und ohne Kopf.

Auf solche Weise korrespondieren die zwei Mythen mit La Traviata von Alexandre Dumas d. J. und von Giuseppe Verdi. Die damalige Kritik der beiden Autoren auf die adelige Doppelmoral im 19.Jahrhundert hatte eine starke Wirkung auf die Interpretationsgeschichte der Oper. Dies wird in der Regie mit einer Reihe von Video-Installationen unterstrichen. In der Mitte des 2.Aktes entstehen aussagenkräftige Zitate aus den Briefwechseln Verdis und Cesare de Sanctis oder Giulio Ricordi u.a. – „La traviata, ieri sera, fiasco. La colpa è mia o dei cantanti? Il tempo giudicherà” und später – „Sappiate addunque che la Traviata che si eseguisce ora al S.Benedetto e’ la stessa, stessissima, che si esegui l’anno passato alla Fenice! Allora fece fiasco: ora fa furore. Concludete voi!!”
Die Videos verwendet der Regisseur, um die Pause für den aufwendigen Bühnenbildwechsel im zweiten Akt zur Aktion umzuwandeln. Auf der großen Leinwand diskutiert das Regie-Team – Efim Ruakh, Victor Melezhko, Mykola Gorobets, Yulia Presnyakova, Tamara Forsyuk – über das Problem der aktuellen Pause. Das schafft den Reiz, einen Blick hinter die Kulissen der Produktion zu werfen, um den Ideen des Regie-Theaters genauer folgen zu können.

Zum Höhepunkt der Inszenierung wurde das Finale. Die engelshafte Violetta singt ihre letzte Abschiedsarie „Addio del passato“ in ihrer tiefen Traurigkeit. In Ihrem Abschied ertönt eine klare und auf das feinste Pianissimo reduzierte Stimme. Und man trauert mit Violetta zusammen, dass ihre „Addio…“ gekürzt wurde, so schön und geheimnisvoll blieb die Wirkung dieser Szene. Die zurückhaltende Abschiedsstimmung in der Orchesterführung entspricht mehr dieser Situation als eine stürmisch laute Dramatik. Aus dem Orchestergraben unter der jungen Dirigentin Margaryta Grynyvetska ertönte kein einziger zu derber Klang. Aber etwas mehr sensible Interpretation und Korrespondenz zur Regie wäre erwünscht. Es fehlten der weit gespannte Spannungsbogen und mehr Flexibilität der Tempi, besonders in der Kommunikation mit dem Chor. Übergreifend wurde aber musikalisch wie szenisch vielfach und korrekt die Form gewahrt.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata hier Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata hier Violetta © Litvynenko Yuri

In einem Interview erwähnte der Regisseur den Wind als tragendes Symbol der Inszenierung und er hat diese Idee, die Geräusche mit der Musik in Balance zu halten trotz der technischen Schwierigkeiten realisiert. Spektakulär treibt der Gott des Windes die schwarzen dichten Wellen des Meeres aus Stoff über die Bühne. Ein Exkurs im Mythos „Amor und Psyche“ kann einiges in der Regie aufklären und die spannende Parallelen aufzeigen.

Als Erstes: der Gott des Windes Zephyr trug Psyche zu Amor auf die Bergspitze. Dort verbrachten die Verliebten viele glückliche Nächte zusammen, aber Amor blieb unerkannt. Die Eifersucht auf Psyches Glück trieb ihre Schwestern dazu, Amor als Ungeheuer auszugeben. Es gab schon einige Regie-Deutungen (z.B. von Dmitri Tscheniakow, Robert Karsen u.a.), in denen Alfredo in seinem Verhalten zu Violetta zum seelenlosen Ungeheuer wird. Wie sonst kann man diesen Mann wahrnehmen, wenn er seine Geliebte vor der ganzen Öffentlichkeit demütigt, worauf der Tod sie umso früher ereilt?

 Alphonsine Plessis, die Violetta Valery des realen Lebens in Paris © IOCO

Alphonsine Plessis, die Violetta Valery des realen Lebens in Paris © IOCO

Als Zweites: den todesgleichen Schlaf der Psyche, aus dem sie nicht mehr erwacht, verursachte Proserpina – die Göttin des Totenreiches. Von ihr bekam die Psyche ein versiegeltes Fläschchen mit Schönheitssalbe, das sie heimlich öffnete und ihre betäubenden Düfte einatmete. Das historische Vorbild für Alexandre Dumas‘ Roman- und Bühnengestalt Marguerite Gautier (La dame aux camélias) und Giuseppe Verdis Violetta Valery (Oper „La traviata“) war bekanntlich die französische Kurtisane Alphonsine Plessis, die wegen ihrer Lungenkrankheit keine Blumen-Düfte außer die von Kamelien vertragen konnte.

Als Schlafes Braut und „Schwägerin des Todes“ lässt Violetta alle Figuren aus ihrer Vergangenheit wie Gespenster aus dem Jenseits hinter sich. Sie hängen im schwarzen Nebel mysteriös in der Luft. Nur Alfredo ersteigt auf der Vorderbühne aus der schwarzen Welle. Die ganze Bühne versinkt nun langsam im völligen Dunkel. Während der ganzen Vorstellung lief im Hintergrund eine eindrucksvolle Folge von Videos, die eine eigene Dynamik im Sujet hatten: von romantischen Visionen der langsam fallenden Kamelienblätter und der Frühlingsblühte bis zum stürmisch starken Regen (die Vision der Tränen) oder dem Regen der Dollars (die Vision der Demütigung). Aber am Nachhaltigsten wirkte am Ende das Video mit dem abstrakten Verfall der Mauer (die Vision des totalen Untergangs von Violettas Existenz).

Am Ende bleibt Violetta einsam auf der Bühne zurück, im immer gleichen weißen Hemd mit übergroßen Schleier auf der Schulter. Ihre durchsichtigen Stoff-Flügel bringt der Wind zur Bewegung und diese engelhafte Erscheinung verschwindet in der Dunkelheit des Jenseits genauso rätselhaft, wie sie zuvor erschien. Ihr Geist wird vom Winde Zephirs in die Ewigkeit verweht. Traurig bleibt Schlafes Braut, die sich früh mit dem Tod verband, in der Erinnerung des Publikums.

So reizvoll trifft der Mythos auf eine der populärsten romantischen Geschichten aller Zeiten. Das Gesamtkunstwerk triumphiert in dieser La Traviata. Erstaunlich, wie viele neue Fantasie- und Traumwelten birgt in sich diese Oper und Regisseure immer wieder und immer neu inspiriert.

 Besprochene Vorstellung von 27.12.2019.  Die Premiere fand am 9.10.2019 

—| IOCO Kritik Opernhaus Odessa |—

München, Bayerische Staatsoper, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 09.07.2019

Juli 9, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Salome –  Richard Strauss

– enttäuschte Lust, zu Rache und Vernichtung treibend –

von Hans-Günter Melchior

In der Lust ist der Mensch Täter und Opfer zugleich: weil Lust das Unbedingte will. Und den Menschen in den Abgrund reißen kann, sofern seine Steuerungskräfte überwältigt werden. Von enttäuschter Lust zum Rachedurst, zum Vernichtungswillen ist es oft nicht weit.

Salome – Richard Strauss
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Der von den Nazis literarisch – dümmlich – missbrauchte (weil nicht begriffene) Nietzsche hat in seinem Werk Also sprach Zarathustra  erkannt:

„Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

Lust vollzieht sich am und im Menschen wie ein unausweichliches Schicksal, überschwemmt den Verstand und dessen rationale Einwände und am Ende steht der Mensch vor dem Rätsel des Unbegreiflichen. Ganz allein. Er kann nicht erklären, was ihm widerfuhr. Denn „die Grenzen meiner Sprache, bedeuten die Grenzen meiner Welt“ (Ludwig Wittgenstein). Lusttäter sind letztlich Schuldig-Unschuldige, denen es die Sprache verschlug.

Weil das so ist, greift Krzysztof Warlikowskis Salome- Inszenierung in der Bayerischen Staatsoper letztlich etwas zu kurz.

Schlimme Assoziationen weckend beginnt die Oper bei Warlikowski mit einem vom Band laufenden Kindertotenlied von Gustav Mahler, dem Juden, der zum Katholizismus konvertierte. Das Bühnengeschehen spielt sich in einer hohen, saalartigen Bibliothek ab, in dem Juden sich vor den anrückenden Nazi-Schergen zu verstecken suchen. Eine große Wand schließt sich vor dem bedrohlichen Lärm, der die Außenwelt erfüllt und näher rückt.

 Bayerische Staatsoper München / Salome  - hier :  Marlis Petersen als Salome, Wolfgang Koch als Jochanaan © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Salome – hier : Marlis Petersen als Salome, Wolfgang Koch als Jochanaan © W. Hoesl

In dieser Ausnahmesituation, der Shoa, so Regisseur Warlikowski in einem Trailer, sind die Grenzen von Leben und Tod, Begehren und Moral, Hass und Mitleid, Lust und Tod, Gesetz und Verbrechen verwischt bzw. aufgehoben. Es bedarf nicht mehr der Überwindung einer Hemmschwelle, den Kopf eines Menschen zu fordern –, der vor dem Abgrund stehende Mensch erkennt das Abgründige seines Handelns nicht mehr, er ist moralisch indifferent.

So wahr diese Grundaussage auch sein mag, angewandt auf die Oper Salome und deren abgründiges Geschehen kann diese Konzeption letztlich nicht überzeugen. Es ist ungeachtet der vielen bildkräftigen Szenen nicht glaubwürdig, weil es versucht, das allgemeinmenschliche Verhängnis zu rationalisieren und an einen historischen Vorgang zu binden.

Oscar Wilde und Richard Strauss ging es jedoch um mehr: eben um das Irrationale, Schicksalhafte, um die – hier ausweglose – Verstrickung des Menschen in seine Un-Natur. Die Handlung lässt daran keine Zweifel. Eine lüsterne junge Frau setzt sich einen Liebesakt mit Jochanaan (Johannes der Täufer), dem in einer Zisterne vom König Herodes eingesperrten Propheten, in den Kopf. Jochanaan ist jung und offenbar attraktiv, ein religiöser Fanatiker. Salome veranlasst Narraboth, einen Hauptmann des Herodes, den Propheten aus der Zisterne an die Oberfläche steigen zu lassen. Dieser widersteht den Verführungskünsten Salomes. Als ihr Stiefvater Herodes, nicht minder lüstern und seiner Stieftochter verfallen, Salome um einen Schleiertanz anfleht, ringt sie ihm das Versprechen ab, ihr dafür einen Wunsch zu erfüllen. Nach dem Tanz fordert sie den Kopf des Jochanaan. Herodes muss, an sein Versprechen gebunden, den Wunsch erfüllen. Salome küsst das ihr auf einem Tablett präsentierte Haupt des Propheten. Angewidert befiehlt Herodes, sie zu töten…

Der Tanz als Todestaumel. Eine selbstvergessene Hingabe an die ekstatisch ausagierte Poesie der Bewegung.  Das reicht eigentlich für das Schaudern vor den Abgründen des Menschlichen. Genaugenommen ist es literarisch ziemlich starker Tobak. Und es gibt da nicht mehr viel zu deuten. Der Versuch, eine Beziehung zum systematisch vollzogenen Völkermord herzustellen, muss davor zurückbleiben.

Bayerische Staatsoper München / Salome  - hier :  Rachael Wilson als Page der Herodias, Pavol Breslik als Narraboth, Wolfgang Ablinger_Sperrhacke als Herodes © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Salome – hier : Rachael Wilson als Page der Herodias, Pavol Breslik als Narraboth, Wolfgang Ablinger_Sperrhacke als Herodes © W. Hoesl

Freilich trägt der genial auskomponierte Disput der jüdischen Schriftgelehrten und Talmud-Sachverständigen deutlich antisemitische Züge. Aber auch die Christen werden nicht geschont. Jochanaan ist im Grunde eine Karikatur. Ein weltferner Glaubensfanatiker.

Man muss Warlikowski jedoch zugutehalten, dass er die Assoziation auf die schrecklichen geschichtlichen Vorgänge nicht überstrapaziert. Sie sind offenbar als Denkanregung zu verstehen und verlieren im weiteren Verlauf des Bühnengeschehens die anfängliche Dominanz, im Grunde spielen sie keine Rolle mehr.

Es dominiert vielmehr die berückend ausdifferenzierte, über weite Strecken ins Dissonante gezerrte und von chromatischen Passagen geradezu ins Schrille gestoßene Musik. Sie erschüttert, reißt mit, wühlt auf und macht das Geschehen – eben zum menschlich-schicksalhaften Ereignis. Hier hat Richard Strauss, wie Schönberg die Oper pries, das Tor zur Moderne aufgestoßen, die Grenzen der Tonalität gestreift und die Vision des heraufziehenden neuen, eines wie willenlos dem Untergang zutaumelnden Lebens getroffen (und ist leider später zum eher Bürgerlich-Behaglichen zurückgekehrt).

Dem hochkomplizierten musikalischen Material gebietet Kirill Petrenko kongenial. Er treibt sein hochqualifiziertes und jeder Ausdrucksvariante gewachsenes Orchester souverän in mitreißende Höhen orchestraler Ausdruckskraft. Da fehlt keine Steigerung ins Dämonische. Und die lyrischen  Teile sind von einer betörenden Genauigkeit des Gefühls, Nachzeichnungen der aufgewühlten Liebesstimmung, der sich Salome wie willenlos hingibt, wenn sie Jochanaan umschmeichelt.

 Bayerische Staatsoper München / Salome - hier :  Marlis Petersen als Salome, Tänzer Pete Jolesch © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Salome – hier : Marlis Petersen als Salome, Tänzer Pete Jolesch © W. Hoesl

Die Salome der Marlis Petersen! Eine schlechthin grandiose Darbietung, sowohl darstellerisch wie sängerisch. Als hätte Richard Strauss die Partie ausschließlich für sie geschrieben. Da fehlte keine Nuance der in jeder Hinsicht hochkomplizierten Rolle. Die sinnlichen, hocherotischen Aktionen fügten sich bei ihr bruchlos dem musikalischen Geschehen –, als wüchsen sie gleichsam aus diesem mit Notwendigkeit heraus.

Hinreißend der Schleiertanz. Assistiert wurde Salome von einem Tänzer mit Totenmaske. Sehr eindrucksvoll bildhaft begleitet wurde der Tanz  von einem im Hintergrund ablaufenden Band, auf dem Szenen mit mythischen Tieren einander abwechselten. Hier gelingt der Blick ins Archaische, ins Prinzipielle der Schicksalhaftigkeit.

Neben der Salome von Marlis Petersen fallen naturgemäß die anderen Darsteller ein wenig ab. Das liegt an der Konzeption der Partitur, deren zentrale Figur nunmal die Königstochter ist.

Dennoch sind die anderen Protagonisten ausnahmslos zu rühmen. Der Jochanaan von Wolfgang Koch wartete mit einem starken Bassbariton auf, während der Tenor des Herodes Wolfgang Aldinger-Sperrhackes jederzeit auf der emotional und gesanglich schwierigen Höhe des Geschehens war. Nicht anders als die Herodias der Michaela Schuster. Darstellerisch und gesanglich überzeugend bewältigte Pavol Breslik die Partie des Narraboth.

Einhelliger Jubel am Schluss – nein, ein einziges Buh, vom Beifall an den Rand geschwemmt.

Dirigent und Sänger entzogen sich bald dem Beifall. Sie mussten nach draußen, vor das Nationaltheater, wo eine beachtlich große Menge Besucher auf dem Pflaster des Münchner Max-Joseph-Platzes  auf einer riesigen Video – Leinwand die Auffführung der Salome kostenlos verfolgt hatte und nun die Künstler ebenso begeistert feierte.

Salome an der Bayerischen Staatsoper, München; die weiteren Termine 10.7.; 5.10.; 10.10.; 13.10.2019

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Iphigénie en Tauride – Christoph W. Gluck, IOCO Kritik, 03.05.2019

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Iphigénie en Tauride – Christoph W. Gluck

– Flash-back in der Seniorenresidenz –

von Peter Schlang

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Angeregt durch das in Richard Wagners Lohengrin,  der ersten Premiere Viktor Schoners als Stuttgarter Operndirektor, ausgesprochene Frageverbot, überschrieben der neue Intendant und sein Dramaturgen-Team alle Neuproduktionen ihrer ersten Stuttgarter Saison  mit einer jeweils passenden und sinnstiftenden Leitfrage. Nach dem „Wem glaubst Du?“, mit dem die letzte Premiere Nixon in China versehen worden war, feierte am 28. April Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Tauride unter dem ebenfalls recht existenziellen Interrogativ  „Wem vergibst Du?“ in der Inszenierung des  polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski im „Haus am Eckensee“ Premiere. Angesichts der Kette von Verrat, Intrige, Mord und darauf folgendem Rachemord, von denen Glucks 1779 in Paris uraufgeführte Reformoper erzählt, ist dieses Motto treffend wie anspruchsvoll gewählt und verheißt notwendigerweise eine Antwort mit zahlreichen Namen.

Iphigénie en Tauride – Christoph Willibald Gluck
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
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Deren Trägerinnen und Träger kommen in dieser packenden Stuttgarter Neu-Inszenierung, welche auf einer 2006 für die Opéra national de Paris geschaffenen Produktion basiert, auch alle tatsächlich vor. Der Regisseur wählt nämlich als Rahmen für die Opernhandlung die Methode des Spiels im Spiel, hier als Traum-Bilder der Titelheldin.

Iphigénie en Tauride  in Stuttgart – Subtiles Traumgebilde

In Stuttgart träumt Iphigenie die Träume wichtiger Stationen ihres Lebens – und damit der Opernhandlung – in einem offenbar ausschließlich Frauen vorbehaltenen Altersheim. Dort sieht man sie in der Eingangsszene nach dem mitreißend vorgetragenen orchestralen Gewittersturm, aber auch in späteren Szenen, wie sie in einer Schachtel mit alten Familienfotos wühlt und sich dabei an ihr Leben prägende Ereignisse erinnert.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph W. Gluck - hier :  Amanda Majeski als Iphigénie © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph W. Gluck – hier :  Amanda Majeski als Iphigénie © Martin Sigmund

Diese Erinnerungshandlung wird von einem stummen Chor älterer Damen vorbereitet und begleitet, den Warlikowski der Titelheldin anstelle der griechischen Priesterinnen an die Seite stellt. Sie sind wie Iphigenie Bewohnerinnen dieser heruntergekommenen, verblichenen Glanz verbreitenden und die Atmosphäre eines „Nicht-Zuhauses“ ausstrahlenden Seniorinnen-Residenz. (Bühne und Kostüme: Margorzata Szczesniak).Als zusätzliches, tiefenpsychologisch wirkendes Element schaltet die Bühnenbildnerin dem Bühnenraum an ausgewählten Stellen eine verschiebbare Spiegelwand vor, die nicht nur den dann an den Brüstungen der Ränge angestrahlten Zuschauerraum und die am Proszenium agierenden Protagonisten spiegelt, sondern durch eine raffinierte  Technik auch Durchblicke auf die Hinterbühne und die sich dort abspielenden Rückblenden ermöglicht.

Für diese Rückblenden und Kommentare setzt der Regisseur vorwiegend die erwähnten neun alten Damen ein, die von teilweise schon seit Jahrzehnten an der Stuttgarter Oper wirkenden Statistinnen verkörpert werden. Im Verlauf der gut zweistündigen Opernhandlung übernimmt dieses Nonett  nicht nur die Rolle des Chores der antiken Tragödie, sondern spiegelt auch den gleichförmigen Alltag eines Altenheims, was nicht zuletzt durch eine tageszeiten-typische und anlass-gemäße Kleidung der Damen unterstrichen wird.

Neben dem eindrucksvollen Äußeren dieser Seniorinnen-Equipe, das auf satt gelebte Leben wie auf diese prägende harte Schicksale schließen lässt, gibt das sehr gut gestaltete Programmheft Aufschluss über Bedeutung und Hintergründe  dieses packenden Inszenierungsdetails: Dort schildern die neun Statistinnen – die älteste  Darstellerin ist 95 (!) Jahre alt – Episoden  ihres Lebens und ziehen dabei Parallelen zur Situation und zum Schicksal Iphigenies und deren Familie.

Und wie Iphigenie wurden auch ihre hier agierenden Geschlechts- und Schicksalsgenossinnen unübersehbar durch familiäre Strukturen, die entsprechenden Rollenbilder, den Umgang mit Verlusten und Abschieden und  das Verhältnis von Erinnern und Vergessen oder auch Verschweigen  gezeichnet. Nicht zuletzt machen diese Frauen aber auch deutlich, wie stark Krieg  und Vertreibung und ihre Folgen für Familienzusammenhänge sich ganz besonders auf weibliche Biographien auswirken und diese nachhaltig prägen.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck;- hier: Renate Jett als Iphigénie, und Ensemble der Staatsoper Stuttgart © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck;- hier: Renate Jett als Iphigénie, und Ensemble der Staatsoper Stuttgart © Martin Sigmund

Dieses behutsame Aufzeigen von Parallelen ist ein ausgesprochen kluger Zug der Regie, der nicht nur  eine Brücke in unsere Gegenwart schlägt, sondern auch relativ spielerisch Assoziationen zu Formen heutiger Schuld und Vergangenheits-bewältigung ermöglicht. Nicht zuletzt  öffnet dies den Blick auf tagesaktuelle Themen, wie etwa die Flüchtlinge, die bei uns Zuflucht gesucht und gefunden haben. Wenn man in diesem Zusammenhang etwas Kritisches anmerken möchte, wäre es der kleine Makel, dass man sich an anderen Stellen vom Regisseur etwas mehr Mut zu aktuellen Bezügen oder ein stärkeres Bekenntnis zu Christoph Willibald Glucks immer wieder hervorgehobener Rolle als Opernreformer gewünscht hätte. Andererseits zeichnet sich Warlikowskis Regie immer wieder durch kluge, sinnvolle Akzente und Einfälle aus. So setzt er als weiteres Stilmittel und Element zur Vergangenheitsbewältigung Iphigenies und zur traumhaften wie traumatischen Illustration ihrer Rückblicke einen weiteren stummen Chor ein, der sich aus den Mitgliedern von Iphigenies Kernfamilie zusammensetzt.  Diese letzte Generation der Atriden,  ergänzt um Iphigenies Fast-Ehemann Achill, bespielt mehrmals den Hintergrund oder eine Seite der Bühne, dabei stets ordentlich aufgereiht wie auf einem Familienfoto. Wenn sich dann je nach Szene die junge Iphigenie, von der erstmals in Stuttgart auftretenden Amanda Majeski stimmlich wie darstellerisch unnachahmlich wiedergegeben, unter ihre Nächsten mischt, stellt sich wirklich ein Gefühl von Traum und Déjà-Vu ein, welches alle Grenzen verschmelzen lässt und der Opernbühne und –handlung zu deren einzigartiger Wirkung verhilft.

Dass dieses so möglich wird, verdanken die neue Stuttgarter  Iphigenie und das diese atemlos verfolgende Publikum neben der erwähnten fabelhaften Sängerin der Iphigenie der ungeheuer plastisch und detailgenau agierenden Schauspielerin Renate Jett, welche die alte Iphigenie zu einer bemitleidenswerten wie faszinierenden, vom Leben gezeichneten Erscheinung formt.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck - hier : v.l.n.r.: Jarrett Ott als Oreste, Elmar Gilbertsson als Pylade, Gezim Myshketa als Thoas © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck – hier : v.l.n.r.: Jarrett Ott als Oreste, Elmar Gilbertsson als Pylade, Gezim Myshketa als Thoas © Martin Sigmund

Neben diesem Iphigenien-Duo, bei dem nochmals die ungeheure stimmliche Präsenz Amanda Majeskis herausgestellt sei, die mit ihrem nur anfangs etwas spröde und in den Höhen leicht scharf klingenden, dann aber wundervoll biegsamen  und expressivem Sopran eine dichte musikalisch-psychologische Wirkung erzielt, überzeugen auch die Darsteller der drei männlichen Rollen. In der Folge ihres Auftretens sei hier zunächst Gezim Myshketa genannt, der mit seinem dunklen, tiefgründig-rauen Bass dem Taurenkönig Thoas genau die angsteinflößende, dämonische Note verleiht, die man von einem als Despoten und Barbaren verschrienen Mannsbild erwartet. (Auch Ausstatter und Maskenbildner leisten hier fast mehr als eigentlich nötig, um dieses Bild herauszustreichen.) Stimmlich wie darstellerisch vom Feinsten präsentiert sich auch das griechische Freundesduo Oreste und Pylade, das nicht nur in seinem Duett am Ende des zweiten Aktes sehr berührt.  Dabei hat Jarett Ott als Iphigenies Mutter-mordender Bruder mit seinem weichen, unangestrengten und sehr beweglich geführten Bariton wegen der Anlage seiner Rolle ganz leichte Vorteile. Aber auch  Elmar Gilbertsson füllt mit seinem ungemein geschmeidigen und klangreinen Tenor die Rolle des Pylade ohne Abstriche stimmig und glaubhaft aus.

Gleiches gilt für die aus dem Bühnen-Off singenden Carina Schmieger als sehr empathisch-ausdrucksstarke Göttin Diana, Ida Ränzlöv als jeweils stimmsichere wie rollen-genaue Griechin und Priesterin und  Elliott Carlton Hines, der die beiden Rollen des Skyten und von Thoas‘ Aufseher mit schönem Timbre artikuliert.

Eine  herausragende Arbeit muss erneut dem stellvertretenden Chordirektor Bernhard Moncado bescheinigt werden, der den Staatsopernchor punktgenau und hervorragend auf seine besondere Rolle in dieser Produktion eingestellt hat. Der Chor agiert unsichtbar aus den Bühnenhintergrund bzw. vom hinteren Orchestergraben, und nicht nur seine schwarze Konzertkleidung, die er beim Schlussapplaus auf der Bühne präsentiert, verleiht seinem gesamten Auftreten etwas Oratorienhaftes, ja Sakrales. Dazu trägt auch die bekanntermaßen höchste Gesangskultur dieses Stimmen-Kollektivs bei, das seine Partien an vielen Stellen wie in eine andere Sphäre entrückt gestaltet.

Wunderbar (Wenn man die anderen Produktionen dieser Spielzeit nicht gesehen hätte, müsste man das Adjektiv erstaunlich oder überraschend verwenden.) und als höchst verlässliches musikalisches Zentrum dieser sich auf allerhöchstem Niveau bewegenden Aufführung agiert erneut das Staatsorchester Stuttgart. Der in der Pressemitteilung zur Premiere zu Recht als Barock-Experte eingeführte Stefano Montanari lässt es  in schillernden Farben, äußerst beweglich, höchst dynamisch, und mit überbordendem Klangsinn und dennoch großer Sängerfreundlichkeit musizieren. Und es spricht für die Qualität dieses früher oft als „Beamtenorchester“ verspotteten Klangkörpers, dass es mit Glucks Musik dem berühmten Stuttgart-Sound des untergegangenen Radiosinfonie-Orchesters des Südwestrundfunks sehr nahe kommt – und dies gerade drei Wochen, nachdem es mit der Minimal-Music von John Adams‘  Nixon in China auf einem ganz anderen musikalischen Terrain seine großen Qualitäten unter Beweis gestellt hat.

So gilt der einhellige, sich bis zum Jubel steigernde Beifall des Premierenpublikums gerechterweise allen Akteuren, den musikalischen wie den die Aufführung vorbereitenden und leitenden. Und auch der kritischste und anspruchsvollste Beobachter muss Viktor Schoner in seiner ja noch jungen Stuttgarter Intendanz eine bisher nahezu makellose Bilanz zugestehen.

 Iphigénie en Tauride an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen am 02., 05., 10., 12., 14., 19. und 30. Mai 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

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