Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonie Orchester – Saisoneröffnung, IOCO Kritik, 04.09.2018

September 4, 2018 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte   © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte   © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

 NDR Elbphilharmonie Orchester – Saisoneröffnung

Bolero –  Präzise wie ein Uhrwerk – Bis zur Ekstase

Von Patrik Klein

Krzysztof Urbanski dirigiert Maurice Ravel und Guillaume Connesson

Vor dem letzten Stück des Abends, Maurice Ravels Bolero, betritt der erste Gastdirigent des Orchesters unter dem Applaus des Publikums das Podium; schreitet an seinen Musikern vorbei, springt mit einem Satz und einem Lächeln im Gesicht in den Gang im vorderen Parkett und sucht sich in Seelenruhe einen freien Platz in Reihe 10. Die Beine überkreuzt blickt er zum Konzertmeister und die kleine Trommel beginnt ohne ihn mit der 169 Mal wiederholten Rhythmusfigur. Die wie Mathematik anmutende Musik, die tatsächlich keinen Dirigenten, sondern einen perfekten Trommler braucht, ist auf einem Ostinato-Rhythmus im 3/4 -Takt aufgebaut, der von einer, später von zwei Kleinen Trommeln gespielt und während des ganzen Stückes durchgehalten wird. (die beiden Schlagzeuger erhalten am Schluss des Konzertes auch einen entsprechend verdienten, riesigen Applaus). Darüber werden zwei 16-taktige Melodien in insgesamt 18 Variationen gespielt, die dann zu einem grandiosen, beinahe orgiastischen Finale führen.

Die neue Saison 2018/19 in der Elbphilharmonie Hamburg bietet erneut ein breites Spektrum an klassischer Musik. Alle Konzerte des NDR Elbphilharmonie Orchesters Hamburg sind bereits jetzt praktisch ausverkauft. Der „Run“ auf Tickets ist nach wie vor ungebrochen.

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung © Patrik Klein

Für Kontinuität sorgt dabei vor allem der charismatische Erste Gastdirigent Krzysztof Urbanski, der die ehrenvolle Aufgabe der Saisoneröffnung und darüber hinaus fünf weitere Programme im Abonnement übernimmt. Ihm zur Seite stehen mit Herbert Blomstedt, Christoph Eschenbach und Christoph von Dohnányi unsere ehemaligen Chefdirigenten sowie mit Marek Janowski, Semyon Bychkov und Paavo Järvi weitere Gäste von internationalem Rang. Akzente in Sachen Moderne setzen u. a. Ingo Metzmacher, George Benjamin und François-Xavier Roth. Zum ersten Mal am Pult des Orchesters begrüßt das NDR Elbphilharmonie Orchester Mirga Gražinytc-Tyla und Omer Meir Wellber, zwei spannende Shootingstars der Dirigentenszene. Die Opening Night stand ganz im Zeichen französischer Musik und wurde Live im Internet und auch auf dem Vorplatz der Elbphilharmonie übertragen.

Das Programm der Saisoneröffnung 2018/19:

Maurice Ravel ( 1875 – 1937)
1. Daphnis et Chloe  –  Fragments symphoniques, deuxieme serie
I. Lever du jour (Tagesanbruch) –
II. Pantomime (Die Liebe zwischen Pan und Syrinx) –
III. Danse generale (Schlusstanz, Bacchanal)
2. Konzert für Klavier und Orchester G-Dur (Pianist Jean-Yves Thibaudet musste sein Kommen leider absagen. An seiner Stelle spielte Bertrand Chamayou, ein weiterer französischer Pianist der Extraklasse)
I. Allegramente
II. Adagio assai
III. Presto

Guillaume Connession ( *1970 )
3. Les Trois cites de Lovecraft (Entstehung: 2017 | Uraufführung: Utrecht, 13. Oktober 2017)
I. Celephais
II. Kadath
III. La Cite du soleil couchant

Maurice Ravel ( 1875 – 1937)
4. Bolero

Daphnis et Chloé ist ein Ballett in einem Akt mit drei Partien (Szenen) von Maurice Ravel, beschrieben als „Symphonie chorégraphique“ (choreografische Symphonie). Das Szenario wurde von Michel Fokine nach einer Romanze des griechischen Schriftstellers Longus adaptiert, die vermutlich um das 2. Jahrhundert nach Christus entstand. Die Geschichte handelt von der Liebe zwischen dem Ziegenhirten Daphnis und der Hirtin Chloé.
Ravel begann die Arbeit an der Partitur im Jahr 1909 nach einem Auftrag von Sergei Diaghilev. Es wurde am 8. Juni 1912 im Pariser Théâtre du Châtelet von seinen Ballets Russes uraufgeführt. Das Orchester wurde von Pierre Monteux geleitet, die Choreographie von Michel Fokine.

Fast eine Stunde lang ist Daphnis et Chloé Ravels längste Arbeit. Trotz der Dauer des Balletts geben vier unterscheidbare Leitmotive der Partitur musikalische Einheit. Die Musik, die zu den leidenschaftlichsten des Komponisten zählt, wird allgemein als eine der besten von Ravel angesehen, mit außerordentlich üppigen Harmonien, die typisch für die impressionistische Bewegung in der Musik sind. Bereits zu Lebzeiten des Komponisten beschrieben zeitgenössische Kommentatoren dieses Ballett als sein Meisterwerk für Orchester. Ravel extrahierte Musik aus dem Ballett, um daraus zwei Orchestersuiten zu komponieren, die mit oder ohne Chorus gespielt werden können. Besonders beliebt ist die zweite Suite, die einen Großteil des letzten Teils des Balletts umfasst und mit der „Danse générale“ endet. .

Das Wesentliche dieses dritten Teils: Am Morgen in der Grotte der Nymphen. Es gibt keinen Laut als das Rauschen von Bächen, die durch den Tau erzeugt werden, der aus den Felsen rieselt. Daphnis liegt bewusstlos am Eingang der Grotte. Allmählich bricht der Tag. Die Lieder der Vögel sind zu hören. In der Ferne geht ein Hirte mit seiner Herde. Ein anderer Hirte kreuzt im Hintergrund. Eine Gruppe von Hirten entdecken Daphnis und Chloé. Sie werfen sich in die Arme. Daphnis bemerkt Chloés Kranz. Sein Traum war eine prophetische Vision. Die Intervention von Pan ist offensichtlich. Daphnis und Chloé spielen die Geschichte von Pan und Syrinx in pantomimischer Art. Chloé spielt die junge Nymphe, die auf der Wiese wandert. Daphnis als Pan erscheint und erklärt seine Liebe. Die Nymphe weist ihn zurück. Der Gott wird eindringlicher. Sie verschwindet im Schilf. Verzweifelt pflückt er mehrere Stängel zu einer Flöte und spielt melancholisch. Chloé taucht wieder auf und interpretiert in ihrem Tanz die Akzente der Flöte. Der Tanz wird immer lebhafter und in einem wahnsinnigen Wirbeln fällt Chloé in Daphnis‘ Arme. Vor dem Altar der Nymphen verpfändet er seine Liebe und opfert zwei Schafe. Eine Gruppe von Mädchen tritt verkleidet als Bacchantinnen auf und schüttelt Tamburine. Daphnis und Chloé umarmen sich zärtlich. Eine Gruppe von Jugendlichen eilt auf die Bühne und das Ballett endet mit einem Bacchanale.

Der erste Ton der Opening Night entsteigt bei völliger Dunkelheit. Noch nie gab es so etwas; man hatte einen kurzen Moment den Eindruck, einer technischen Panne beizuwohnen. Flirrende Flötenklänge machen sich wohlig breit und aus der Dunkelheit entwickelt sich ganz allmählich eine rot illuminierte Rückwand hinter dem Podium des Orchesters, die zu einer ersten harmonischen Zusammenkunft der Töne überleitet. Einzelne Flöten klingen aus den oberen Rängen des riesigen, ausverkauften Saales, der in musikalischen und optischen Farben erstrahlt. Ein Wechsel von rot nach gelb wird von samtigen, zärtlichen Streicherklängen begleitet. Beim musikalischen Sonnenaufgang wird nun auch der Konzertsaal wie gewohnt erleuchtet. Orchester und Saal erscheinen in vollem Licht. Das NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg erzeugt unglaublich dichte atmosphärische Klänge aus Maurice Ravels Musik, die einem die ersten „Gänsehautschauer“ bescheren. Ein riesig besetzter Apparat mit acht Kontrabässen, zwei Harfen, einem Harmonium, jeder Menge Schlagwerk und querflötendominierenden Musikern bringen das Ballett Daphnis und Chloé in intensivster Weise zum Ausdruck. Besonders typisch für die Musik Ravels und die Musik in dieser Zeit; die Querflöten sind dauerbeschäftigt und sorgen für imposante Momente. Krzysztof Urba?ski dirigiert leidenschaftlich, mal behutsam, mal ekstatisch. Er scheint ganz in die Musik vertieft zu sein, tänzelt leicht auf dem Podium mit oft großen Handbewegungen das Orchester auswendig führend. Die Musiker folgen seinem Dirigat bereitwillig. Rhythmische Wechsel im finalen Tanz, die an trabenden Pferde erinnern, steigern sich bis zu einer musikalische Ekstase immer wieder eingefangen und erneut aufbrausend bis schließlich Chloé in Daphnis‘ Arme fällt.

Maurice Ravel komponierte das Klavierkonzert in G-Dur zwischen 1929 und 1931. Das Werk besteht aus drei Sätzen: Allegramente, Adagio assai, und Presto. Nach seiner erfolgreichen Konzerttournee durch Amerika wollte Ravel das Werk ursprünglich selber uraufführen. Gesundheitsbeschwerden hinderten ihn jedoch daran. Stattdessen wurde das Konzert am 14. Januar 1932 durch Ravel am Dirigentenpult des Orchestre Lamoureux und Marguerite Long am Flügel uraufgeführt. Long war eine für ihre Interpretationen der Werke Gabriel Faurés und Claude Debussys bekannte Pianistin und hatte Ravel bereits vorher um ein neu aufzuführendes Werk gebeten. Ravel wurde während seiner Amerikatournee mit dem zu dieser Zeit in Paris und den Vereinigten Staaten hochmodernen Jazz vertraut und zeigte sich in höchstem Maße beeindruckt. Dieser Einfluss zeigte sich auch in dem Konzert, das durch Jazzharmonien und -eigenheiten geprägt ist.

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung im Vordergrund links Bertrand Chamayou, Klavier; mittig Krzysztof Urbanski Dirigent © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung im Vordergrund links Bertrand Chamayou, Klavier; mittig Krzysztof Urbanski Dirigent © Patrik Klein

1. Satz Allegramente
Der erste Satz wird von einem einzelnen Peitschenschlag eröffnet. Ihm folgt eine Mischung der bekannten Baskischen und Spanischen Klänge aus Ravels Jugend mit dem neu entdeckten Jazz-Klang.
Bertrand Chamayou spielt mit viel Einfühlungsvermögen und Präzision die zum Teil extrem schwierigen und virtuosen Phrasen. Mit einer hohen Dynamik, zarten bis kräftigen Anschlägen und intensiver Abstimmung mit dem Orchester gelingt ein intensiver, funkenübertragender Klang ins Publikum. Krzysztof Urbanski dirigiert diesmal mit Partitur und treibt die Musik mit zügigen Tempi voran. Besonders prägnant gelingt das Wechselspiel des Klaviers mit der Harfe und weiteren Instrumentengruppen. Am Ende des ersten Satzes kann sich auch das Publikums der eigentlich gegebenen Etikette nicht anschließen und applaudiert ungebremst vor Begeisterung.
2. Satz Adagio assai
Im krassen Gegensatz zum vorigen Satz ist der zweite, in Brückenform geschriebene Satz sehr ruhig, fast von Mozart’scher Klarheit. Obwohl sie scheinbar mühelos zu spielen ist, sagte Ravel selbst über die eröffnende Melodie: »Dieser fließende Ausdruck! Wie ich ihn Takt für Takt überarbeitet habe! Er brachte mich beinahe ins Grab!«
Sanft, aber bestimmt beginnt Bertrand Chamayou. Die melancholische Stimmung überträgt sich fließend in den Saal. Klavier und Orchester zaubern eine sphärische Stimmung, die sich leicht aufbrausend entwickelt, aber immer noch getragen wird von melancholischer Tristesse. Der lang angehaltene Schlusston, in den leider ein Klingelton eines Besucherhandys platzt, löst die Anspannung.
3. Satz Presto
Der dritte Satz in verkürzter Sonatenform nimmt die Intensität des ersten mit seinen schnellen Melodien und schwierigen Passagen auf. Das Klavier führt das erste Thema ein, eine schnelle Akkordfolge, bevor es durch dissonante Zwischenrufe der Holz- und Blechbläser gestört wird. Es wird dennoch weitergeführt, auch wenn sich die Zwischenrufe auf das gesamte Orchester ausweiten.
Furios beginnt der Satz wieder mit einem integrierten Peitschenknall. Hörner und Posaunen übernehmen den Rhythmus und umrahmen den virtuosen Pianisten Bertrand Chamayou, der häufig die Hände überkreuzt und sein ganzes Können aufblitzen lässt. Jazzige Harmonien prägen wieder den schnell im Tempo sich entwickelnden Satz, der mit einem gewaltigen Paukenschlag beendet wird.

Großer Jubel für Bertrand Chamayou, der sich mit Maurice Ravels „Pavane pour une infante défunte“ beim Hamburger Publikum bedankt.

Guillaume Connession
Les Trois cites de Lovecraft
Guillaume Connesson ließ sich von Howard Phillips Lovecrafts ((1890 – 1937) der Schriftsteller gilt als Pionier der fantastischen Horrorliteratur) fantastischer Welt anregen. Inspirationsgrundlage seines im Oktober 2017 uraufgeführten Orchesterwerks Les Trois cites de Lovecraft ist die genannte Novelle, vor allem „Die Visionen der Städte, mal wunderbar, mal erschreckend, die der Held des Textes durchläuft“. Seine Komposition beschreibt er als „Sinfonische Reise in drei Sätzen in das traumhafte Universum von H. P. Lovecraft.“ Die „Lovecraft-Geografie“ sei dabei „so präzise und voller Vorstellungskraft“, dass Connesson sie nur „mit einer üppigen Orchesterpalette“ malen konnte. „Ich habe in den drei Sätzen sehr differenzierte Schreibtechniken angewandt, um den für Lovecraft so typischen barocken Aberwitz mit der Vielfalt der Farben meines Orchesters wiederzugeben.“

In brillanten Farben hat Connession daher den 1. Satz seines Werks gehalten. Blechbläserfanfaren beschreiben zunächst ein Bronzetor, bevor sich eine Melodie der Violinen in das Treiben einer geschäftigen Traum-Metropole stürzt. Ungewöhnliche Klänge breiten sich für den neugierigen Zuhörer aus. Kastagnetten und Knallgeräusche, gestopfte Tuben, und ein sich rhythmisch bewegender Dirigent Krzysztof Urbanski vor seinem großen Musikinstrument. Irgendwie klingt das Orchester unter seiner Leitung maximal motiviert, konzentriert, auf den Stuhlkanten hockend meist mit lächelnden Zügen in den meisten Gesichtern. Ganz unverhohlen mag man denken, warum er nicht mehr als nur der ständige Gastdirigent des immer besser werdenden Hamburger Klangkörpers ist.

Im 2. Satz verleihen Trompeten einer bunten, heidnischen Feier Ausdruck, woraufhin ein Aufgriff des 1. Themas in Form eines ruhigen Chorals den „Rosenkristallpalast der Siebzig Köstlichkeiten“ zeichnet. Die „Sieben Prozessionen der Orchideen-gekrönten Priester“ sind sodann als großes Crescendo über ein 7-taktiges Ostinato gestaltet. Im großen Gegensatz zum strahlenden ersten Satz schildert die Musik die düstere Stadt der alten Götter. Sie liegt inmitten einer eisigen Wüstenregion („Le plateau de Leng“), die Connesson mit Klageliedern der Bratschen über dem Rauschen der Windmaschine das inneres Auge des Zuhörers ruft. Ein Thema der Violinen wird bald von zwölftönigen Passagen kontrastiert, die in dissonanten Akkorden gipfeln. „Das Schloss der Großen Alten“ prägt ein vom Violinen-Thema abgeleiteter, weicher Blechbläserchoral, bevor „Der Thronsaal und die Fackelträger“ einen Tanz über ebendieses Thema anstößt. Mit ihm nähert sich der unheimliche Gesandte der alten Götter in Gestalt eines Pharaos, der darüber aufklärt, dass die Stadt, die er in seinen Träumen gesehen hat, nichts anderes als die Summe seiner verklärten Kindheitserinnerungen an seine Heimat ist. „Um ihm eine Stimme zu geben„, so Connession,wählte ich eine Solo-Bratsche, die in Halb- und Vierteltönen singt.“ Ohne Unterbrechung schließt sich der 3. Satz an: ein musikalisches Abbild ebenjener wunderbaren Traumstadt aus Gold in Form eines berauschenden, an Bernsteins West Side Story und Strawinskys Frühlingsopfer erinnernde zum Schluss orgiastisch gesteigerten Tanzes. Frenetischer Applaus im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg.

Boléro, ein Orchesterstück des französischen Komponisten Maurice Ravel, gilt heute als eines der meistgespielten Werke der Orchesterliteratur.

 Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung hier nach Ravels Bolero © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung hier nach Ravels Bolero  © Patrik Klein

Die Komposition entstand in der Zeit von Juli bis Oktober 1928 und ist Ida Rubinstein gewidmet. Die Tänzerin hatte 1927 Maurice Ravel gebeten, für sie ein Musikstück in der Form eines spanischen Balletts zu entwerfen. Ravel entschloss sich zu einer ganz einzigartigen Komposition: „Ein ein-sätziger Tanz, sehr langsam und ständig gleich bleibend, was die Melodie, die Harmonik und den ununterbrochen von einer Rührtrommel markierten Rhythmus betrifft. Das einzige Element der Abwechslung ist das Crescendo des Orchesters.“

Die schnelle Popularität seines Werkes blieb dem Komponisten jedoch zeitlebens fremd. Zu seinem Kollegen Arthur Honegger sagte Maurice Ravel: „Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht, das ist der Bolero; leider enthält er keine Musik.“
Krzysztof Urbanski bleibt beinahe zwanzig Minuten auf seinem Parkettplatz sitzen und lauscht genüsslich seinen Musikern. Das Publikum indes, gespickt mit allerlei Prominenz aus Hamburgs kulturellem Leben, ist hingerissen von der präzisen und am Ende orgiastischen Steigerung der Musik Maurice Ravels. Krzysztof Urbanski vermeidet es nun, das Podium zu betreten, denn er will den frenetischen Applaus des Publikums nur für seine Musiker. Als Zugabe wird das Finale „Da capo“ wiederholt, diesmal mit dem Meister ohne Partitur und Taktstock, dafür noch etwas waghalsiger im Tempo und mit einigen zusätzlichen Akzenten bei verschiedenen Instrumentengruppen.
Man darf gespannt sein auf die weiteren Konzertereignisse mit dem Elbphilharmonie Orchester Hamburg.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonieorchester mit Beethoven und Strauss, IOCO Kritik, 02.03.2017

März 2, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Krzysztof Urbanski mit NDR Elbphilharmonieorchester 

Beethoven –  Strauss

Leonoren-Ouverture,  Nr. 3 c-Moll op. 37 – Also sprach Zarathustra

Von Patrik Klein

Vollkommene Stille: Das Nichts, dargestellt durch den tiefsten spielbaren Ton eines Orchesters…die Geburtsstunde der Menschheit: Also sprach Zarathustra…
Das NDR Elbphilharmonieorchester Hamburg mit Beethoven und Strauss glänzt unter dem Taktstock des Ersten Gastdirigenten Krzysztof Urbanski und der wunderbaren Pianistin Alice Sara Ott.

Nach den umjubelten Eröffnungskonzerten und dem über drei Wochen andauernden Eröffnungsfestival in Hamburgs neuem Wahrzeichen, mit großen Gastorchestern aus Wien, Chicago und Dresden, einem Rockkonzert von den „Einstürzenden Neubauten“, sowie etlichen Klavier-, Cello- und Liederabenden, kehrt nun so etwas wie Routine in das Haus am Kaiserkai ein. Die Diskussionen über die Architektur und die Akustik des Hauses verlieren langsam ihre Schärfe. Man ist sich einig, dass der direkte und transparente Klang des Hauses auf fast allen Plätzen, Disziplin bei Musikern und Gästen vorausgesetzt, einem ein wunderbares Konzerterlebnis bescheren kann. Die Qualität der Konzerte war weitgehend meisterhaft und von überragender Schönheit, die den oft durch Mittelmaß gebeutelten Hamburger Kulturliebhaber in einen regelrechten Rausch versetzen konnte.

Wesentlich verantwortlich für diese enorme Qualitätssteigerung ist das Residenzorchester der Elbphilharmonie, das NDR Elbphilharmonieorchester. Mit viel Engagement und jede Menge Überstunden hat das Orchester eine Vielzahl an Konzerten abgeliefert, die sich nicht hinter denen der ganz „großen“ Orchester aus Wien , Chicago oder Dresden verstecken müssen. Dazu kamen noch jede Menge „Kurzkonzerte“ von etwa einer Stunde Dauer für die Besucher, die normalerweise nicht in ein Konzerthaus gehen. Unter dem Motto „Klassik für Hamburg“ konnte der Gast für kleines Geld Blockbuster der Klassik mit dem NDR Elbphilharmonieorchester erleben. Dazu noch einige „Late Night“– Konzerte, wo Klassik auf Pop traf und ein breites Publikum erreichte. Damit erfüllt das Orchester weit mehr, als von ihm erwartet und trägt somit zu einer kulturbereicherten Hansestadt entscheidend bei.

Elbphilharmonie Hamburg / Orchester im Großen Saal der Elbphilharmonie © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Orchester im Großen Saal der Elbphilharmonie © Michael Zapf

Federführend dabei ist seit 2011 der aktuelle Chefdirigent Thomas Hengelbrock. Interpretatorische Experimentierfreude und unkonventionelle Programmdramaturgie sind Markenzeichen seiner Arbeit, wie man zuletzt beim Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie erleben durfte. „Blockbusterfrei“ führte er die erlesene Besucherschar von der Renaissance in die Gegenwart. Zudem brachte er einen frischen, inspirierenden „Musiziergeist“ ins Orchester, und löste bei Orchestermusikern und Publikum eine regelrechte Aufbruchstimmung aus. Getragen und zusätzlich belebt wird diese vom jungen und dynamischen polnischen Dirigenten Krzysztof Urbanski als Erstem Gastdirigenten, der heute am Pult steht. Urbanski pflegt seit seinem Debüt im Jahr 2009 enge Beziehungen zum NDR Elbphilharmonie Orchester. 2015/16 hat er die Nachfolge von Alan Gilbert als Erster Gastdirigent angetreten und das Orchester u. a. auf Gastspielreise in Breslau, Kattowitz, beim Beethoven-Osterfestival in Warschau, beim Osterfestival in Aix-en-Provence sowie beim großen HafenCity Open Air zum Abschluss der Saison in Hamburg dirigiert.

Für den heutigen Abend hat man eine der interessantesten Pianistinnen unserer Zeit, Alice Sara Ott engagiert, die schon in einigen Konzerten mit dem NDR Elbphilharmonieorchester hier am Kaiserkai glänzte. Alice Sara Ott begeistert ihr Publikum immer wieder mit unterschiedlichen aufregenden Projekten. Sie arbeitete z.B. höchst erfolgreich zusammen mit dem isländischen Komponisten Ólafur Arnalds im Rahmen von „The Chopin Project“, das zur Nummer Eins der offiziellen englischen Klassik-Charts aufstieg. Mit vielen berühmten Dirigenten und großen Orchestern gab es Auftritte auf der ganzen Welt.
„Proud as fuck“ kommentierte sie auf ihrer Facebookseite ihr Empfinden nach den ersten gelungenen Konzerten mit dem NDR Elbphilharmonieorchester. Auf dem Programm vor der Pause stehen Beethovens Leonoren-Ouverture Nr. 3 op. 72a und Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c- Moll op 37. Beethovens einzige Oper hat gleich vier verschiedene Ouvertüren. Nr. 3 schaffte den Sprung von der Bühne in den Konzertsaal.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

„Dieses mein geistiges Kind hat mir vor allen anderen die größten Geburtsschmerzen, aber auch den größten Ärger gemacht“, bekannte Beethoven über den Fidelio, seine einzige Oper. Neun Jahre lang hat er sich immer wieder den Kopf darüber zerbrochen. Heldin des Dramas ist Leonore, die sich in Männerkleidung unter dem Decknamen Fidelio als Kerkerknecht einschleust und schließlich ihren Gatten Florestan aus der Gefangenschaft rettet. Die Uraufführung der Oper – von Anfang an schwankte der Titel zwischen Fidelio und Leonore – fand im Herbst 1805 im Theater an der Wien statt und war ein grandioser Misserfolg. Beethoven arbeitete die Partitur im Jahr darauf gründlich um, alles schien vielversprechend, doch diesmal überwarf er sich mit dem Intendanten des Theaters und es gab nur ein paar wenige Aufführungen.
Richtig zufrieden war Beethoven ohnehin nicht. Und so griff er noch einmal zum Rotstift, strich Vieles und komponierte für die dritte Version der Oper – die wir heute Fidelio nennen – große Teile neu. Endlich waren Komponist und Publikum zufrieden. Die zahlreichen Überarbeitungen sind der Grund dafür, warum es für Fidelio bzw. Leonore vier verschiedene Ouvertüren gibt. Denn für jede Neuversion der Oper schrieb Beethoven eine eigene Ouvertüre. Ihre genetische Substanz ist zwar die selbe, sie ist aber jeweils unterschiedlich ausgeprägt; und alle vier Ouvertüren stehen in unterschiedlicher Beziehung zur Oper.

Urbanski dirigiert das rund fünfzehn Minuten dauernde Stück nicht, nein er tanzt es. Er steht auf den Zehenspitzen, den Körper in schwindelerregende Positionen bringend, sichtlich in die Musik vertieft. Er dirigiert auswendig und wirkt mal wie ein DJ und mal wie ein kleiner Junge, der mit seinem Lieblingsspielzeug hantiert. Und das Orchester folgt ihm freudig. Leiseste Streicherflächen erscheinen plötzlich im Saal und schwellen an bis zur vollen Lautstärke. Deutlich vernimmt man alle Orchesterinstrumente in diesem wunderschönen Konzerthaus, das sich geradezu anbietet, einzelne Musikinstrumente auch einmal außerhalb des Orchesterpodiums zu platzieren. Ein herrlicher Effekt, wenn einige aus der Bläsergruppe aus den oberen Rängen erklingen. Freundlicher Applaus nach diesem „warm up“.

Weiter geht es mit dem mit Spannung erwarteten nächsten Programmpunkt. Ludwig van Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37. Beethoven widmete das Konzert dem Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, von dem er sagte, er spiele nicht „prinzlich oder königlich, sondern wie ein tüchtiger Klavierspieler“. Bei der Uraufführung im April 1803 saß Beethoven selbst am Klavier. Er spielte aus Noten, die er allerdings nur in eilig hingeworfener, stenographischer Kurzschrift festgehalten hatte – was seinen Umblätterer ziemlich ins Schwitzen brachte: „Ich erblickte fast lauter leere Blätter, höchstens auf einer oder der anderen Seite ein paar mir recht unverständliche Hieroglyphen hingekritzelt.“ Beethoven soll sich darüber königlich amüsiert haben.
Unterwelt, Trauer, Verwünschungen, und alles, was nicht ganz geheuer ist- das ist die Sphäre der Tonart c-Moll, die Beethoven für sein drittes Klavierkonzert wählte. Es ist nebenbei das einzige Konzert in einer Moll-Tonart – und Beethoven kostet den düsteren Charakter genüsslich aus und setzt ihn in ein wirkungsvolles Spannungsverhältnis zu lichten Passagen.

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott, K. Urbanski, NDR Elbphilharmonieorchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott, K. Urbanski, NDR Elbphilharmonieorchester © Patrik Klein

Im schwarzen, hautengen klitzerndem Kleid erscheint die bildhübsche 28-jährige Deutsch-Japanerin Alice Sara Ott mit einem sympathischen Lächeln im Gesicht. Das unterhalb der Knie auffächernde Kleid, welches bis zum Boden reicht, offenbart dennoch, dass sie „barfuß“ spielt, um einen maximalen Kontakt zu ihrem Instrument herzustellen. Der erste Satz ist Musik über Musik. Wie ein Mosaik fügen sich die einzelnen Elemente, die Musik ausmachen, zusammen: Rhythmus, Melodie, Harmonik, Klangfarben, Dynamik, der Kontrast zwischen dem Solisten und der Gruppe und schließlich die große Architektur der Sonatensatzform mit ihren zwei unterschiedlichen Themen. Beethoven baut die Elemente Schritt für Schritt zusammen, fast wie nach Rezept. Dennoch haftet der Musik keineswegs etwas Schematisches, Lehrbuchhaftes an – im Gegenteil: Jede neue „Zutat“ wirkt wie eine kleine Sensation und gibt der Musik neue Würze. Ott spielt virtuos und für eine so zarte Person mit ziemlich hartem Anschlag, immer mal wieder den Blick halb links ins Orchester wendend, lächelnd, hörend und auf Harmonie bedacht. Hat sie mal eine kurze Spielpause, so schaut sie veträumt ins Publikum. Die Musik scheint sie tief zu bewegen.

Der zweite Satz verlässt den finsteren Moll-Bereich; er ist gleichsam auf der südlichen Halbkugel angesiedelt: in strahlendem E-Dur. Er gehört ganz dem Klavier. Die gedämpften Streicher begleiten dezent mit tupfenden Akkorden und treten nur dann hervor, wenn das Klavier schweigt. Die Pianistin klebt hier förmlich an den Tasten mit immer wieder lächelnden Blickkontakten zum auflegenden DJ.
Der dritte Satz, ein symmetrisch angelegtes Sonatenrondo, lebt von seinem prägnanten Thema; Beethovens Schüler Carl Czerny empfahl: „Das Thema dieses Finales ist zwar klagend, aber mit einer naiven Einfachheit vorzutragen.“ Alice Sara Ott läuft nun zu Höchstform auf. Die Themenwiederholungen und Wechselspiele wirken wie ein Frage- und Antwortspiel zwischen ihr und dem Orchester. Sie zaubert schwindelerregende Läufe mit spürbarer Spiellaune. In der Solokadenz am Ende kann sie sich so richtig austoben, ruft das Orchester mit lauten Trillern herbei. Es folgt ihr aufs Wort und die in Quarten gestimmten Pauken kommen dazu. Durch die häufige Motivwiederholung entsteht eine ungeheure Spannung. Nach dem Verklingen des letzten Tones löst sich diese Spannung im Publikum in einem Riesenbeifall für Pianistin und das Orchester.

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott © Patrik Klein

 Als Zugabe spielt Alice Sara Ott aus Peer Gynt von Edvard Grieg „In der Halle des Bergkönigs“. Nein, sie spielt es nicht; sie steigert sich in ihrer Virtuosität in einen Spielrausch, den man so noch niemals an den Tasten wahrgenommen haben dürfte. Die Konzertbesucher in Japan dürfen sich auf ein Ereignis freuen, denn in genau dieser Konstellation geht es in wenigen Tagen auf eine zweiwöchige Japan-Tour.

Nach der Pause folgt die sinfonische Dichtung (frei nach Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra) von Richard Strauss, Also sprach Zarathustra op. 30
Jeder kennt es aus einer Bierwerbung und vor allem aus dem Film 2001: Odyssee im Weltraum – ein viel und gern genutzter Klassiker.

Elbphilharmonie Hamburg / Konzerteinführung K. Urbanski © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Konzerteinführung K. Urbanski © Patrik Klein

Vor dem Konzert fand eine Einführung mit Krzysztof Urbanski statt. Dieser sprach über seine Faszination von der Akustik des Saales und besonders dem Zusammenspiel des Orchesters mit der Orgel. Urbanski beschrieb die sinfonische Dichtung: „Vollkommene Stille. Das Nichts, dargestellt durch den tiefsten spielbaren Ton. Die Geburtsstunde der Menschheit. Nietzsche war davon überzeugt, dass der Mensch durch seine Entwicklung zu etwas Größerem, zu etwas Besserem fähig ist. Dies nannte er den „Übermensch“. Und Strauss stellt dieses dreisilbige Wort „Ü-ber-mensch“ mit den Intervallen Quinte und Oktave dar. Auf diese Weise will er sagen: Es passiert gerade. Wir stecken mitten in diesem Evolutionsprozess. Das Stück ist in neun Teile gegliedert. Nach dem Erwachen der Menschheit mit dem berühmten Eingangsmotiv wendet es sich der Religion zu. Strauss nutzt dazu zwei Melodien aus dem Mittelalter. Eine gespielt von der Orgel und die andere gespielt von den Hörnern. Er gebraucht diese Motive, um den Beginn zu zeigen: Es gibt Religion. Es ist faszinierend, wie er diese religiösen Motive benutzt. Es gibt einen Moment des Gebets. „Langsam mit Andacht“, eine wunderschöne Passage gespielt von den Streichern, die bis zur Ekstase anwächst. Dann benutzt er Celli und Bässe und startet einen philosophischen Diskurs über die Bedeutung und den Sinn von Religion. Die Menschheit wendet sich dann den Freuden und Leidenschaften zu. Danach der Wissenschaft und Weisheit. Es ist wirklich faszinierend, wie Strauss durch die Musik durch diese Punkte auf Papier seine eigene Sicht zum Ausdruck bringt. Seine eigene Philosophie über die Natur des Menschen und seine eigenen Gedanken über die Zukunft der Menschheit. In Nietzsches Werk gibt es einen ständigen Kampf zwischen Zarathustra, der die Menschheit auf die Zukunft vorbereiten will, und denen, die dazu noch nicht bereit sind. Sie wollen sich nicht weiterentwickeln. Sie halten zu sehr an ihren Ideen fest, ihren Dogmen, der Religion und dergleichen. Strauss hat diesen Konflikt vorzüglich aufgegriffen. Wir haben diese Idee und das Ringen um Weiterentwicklung. Am Schluss steht dieses wunderschöne H- Dur im Raum symbolisch für die Zukunft der Menschheit. Dagegen spielen Posaunen, Celli und Kontrabässe das Eingangsmotiv. Tatsächlich endet das Stück mit denselben Noten, mit denen es begonnen hat, in vollkommener Dunkelheit. Faszinierende Musik, absolut!

Der Erste Gastdirigent nimmt das Publikum mit zu seiner Interpretation des rund 35-minütigen sinfonischen Werkes. Wieder bewegt er sich in seiner unnachahmlichen Art auf dem Podium. Er tanzt im Walzerschritt und zuckt wie von Blitzen getroffen. Er dirigiert, ja manchmal hat man den Eindruck er suggeriert die Musik aus tiefster Seele im Einklang mit dem Stück.

Elbphilharmonie Hamburg / K Urbanski und das Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / K Urbanski und das Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Es entsteht eine kraftvolles Spiel zwischen dem blendend aufgelegten Orchester und der wundervollen Orgel aus Bonn, die wie gemacht zu sein scheint für die Elbphilharmonie. Sie schleicht sich zunächst kaum hörbar ins Orchester und bildet dann eine perfekte Harmonie mit diesem. Sanfte Streicherklänge schmeicheln den Ohren, riesige Pauken und 8 Kontrabässe bedienen das unterste Frequenzspektrum. Verspielte Piccolo- und Querflötenklänge verkünden Lebensfreude. Trotz groß besetztem Orchester erfasst man jede Instrumentengruppe deutlich. Wuchtig, bis an die Schmerzgrenze gehend das Gesamtklangbild mit aufbrausender Orgel. Über dem Orchester schwebt ein Harfenklang. Zum Ende hin die Solovioline dazu im Dialog (glänzend gespielt vom Konzertmeister Stefan Wagner). Im obersten Rang vor dem Orchester erschallt die Glocke zum leisen Piccolo- und Querflötenfinale.

Es gibt kein Gut oder Böse mehr. Der Bogen wird zum Beginn des Stücks gespannt. Verheißt das den nächsten Morgen, die „ewige Wiederkehr des Gleichen?“ In jedem Fall wirkt die formale Geschlossenheit wie ein Narkotikum gegen die Widersprüche der Welt, an denen Nietzsche verzweifelte.

Und nach einigen Sekunden der Stille gibt es auch kein Halten mehr beim Publikum. Großer Jubel in der Elbphilharmonie nach diesem glanzvollen Konzert. Von Patrik Klein

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

 

Bochum, Jahrhunderthalle, Klavierfestival 2013 Eröffnungskonzert Igor Levit – Krzysztof Urbanski , IOCO Kritik, 04.05.2013

Mai 7, 2013 by  
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Kritik

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Klavier-Festival Ruhr 2013   Bochum, Jahrhunderthalle, 04.05.2013

Eröffnungskonzert des Klavier-Festivals Ruhr 2013 

Igor Levit, Klavier  |  Krzysztof Urbanski – WDR Sinfonieorchester Köln

Klavierfestival Ruhr 2013 / Igor Levit und das WDR Sinfonieorchester Köln unter Krzysztof Urbánski © KFR/Peter Wieler

Klavierfestival Ruhr 2013 / Igor Levit und das WDR Sinfonieorchester Köln unter Krzysztof Urbánski © KFR/Peter Wieler

Im Jahre 1989 gründete der Initiativkreis Ruhr das Klavierfestival Ruhr. Pianisten und andere Musiker, sowie Gesangssolisten sollten ein Forum in der Region haben. Die Elite der Welt sollte hier auftreten und sich an mehr als zwei Dutzend Spielstätten präsentieren. Wer hätte gedacht, dass dieses ehrgeizige Projekt Wirklichkeit werden würde.

Nun hat das Festival Silberjubiläum. Da kann man nur noch herzlich gratulieren. Weit über 60 Künstler aus aller Welt sind in diesem Jahr zu Gast und stellen ihr Können unter Beweis.

Einer der hoffnungsvollsten und inzwischen schon sehr arrivierten Jungstars an den schwarz-weißen Tasten eröffnete am vergangenen Sonnabend in der Bochumer Jahrhunderthalle das diesjährige Festival.

Klavierfestivak Ruhr / Levit Igor © Felix Broede

Klavierfestivak Ruhr / Levit Igor © Felix Broede

Der junge (Mitte Zwanzig) in Nishni Nowgorod geborene Russe Igor Levit spielte glänzend bravourös Peter TschaikowskysKonzert für Klavier und Orchester, Nr. 1 in b-Moll“,  ein unsterbliches Schlachtross der Klavier- und Orchester-Literatur.

Begleitet wurde er vom renommierten WDR Sinfonie-Orchester unter der Leitung des polnischen Dirigenten Krzysztof Urbanski, auch er ein noch junger Mann, der aber schon Chefdirigent des Indianapolis-Symphony-Orchestra ist und in gleicher Position beim Trondheim Symfoniorkester.

Levit, der in Hannover an der Musikhochschule studiert hat und Gewinner begehrter Preise ist, begann sehr markant mit der Einleitung zum 1. Satz des Konzertes wobei das Orchester die beginnende Melodie in dezentem Schmusesound spielte. Die doch ungewöhnlichen Kontraste nivellierten sich aber schnell und man fand ganz wunderbar zu einer einheitlichen Sprache.

Klavierfestival Ruhr / Ein Bild vom Festival-Debüt im Jahr 2012: Igor Levit © KFR/Frank Mohn

Klavierfestival Ruhr / Ein Bild vom Festival-Debüt im Jahr 2012: Igor Levit © KFR/Frank Mohn

Mit viel Geschick und wirklich ausgeprägter spieltechnischer Souveränität sorgte Levit für musikalische Prägnanz. Dirigent und Orchester begleiteten aufmerksam, manchmal ein wenig neutral. Den Schlusssatz “Allegro con fuoco“ spielte Levit wirklich – wie gefordert – mit Feuer. Doch der Orchesterpart hätte ein Gran mehr Brio vertragen können. Aber es versöhnte wieder, dass dem Dirigenten doch einige Klangfarbenverschmelzungen sehr schön gelangen, sowie auch die Kölner Orchestersolisten im Mittelsatz Gelegenheit bekamen, ihre poetischen Kantilenen aufblühen zu lassen.

Klavierfestival Ruhr 2013 / Igor Levit beim Eröffnungskonzert des Klavier-Festivals Ruhr 2013 in der Jahrhunderthalle Bochum © KFR/Peter Wieler

Klavierfestival Ruhr 2013 / Igor Levit beim Eröffnungskonzert des Klavier-Festivals Ruhr 2013 in der Jahrhunderthalle Bochum © KFR/Peter Wieler

Großen Beifall gab es für Igor Levit auch vom Orchester. Levit bedankte sich mit einem sehr schönen Klavierstück von Debussy, dass er sehr verinnerlicht spielte.

Nach der Pause folgte Mussorgskys grandioses Stück “Bilder einer Ausstellung“, in der Orchesterfassung von Maurice Ravel. Ein effektvolles Stück für Klavier, aber ebenso mitreißend in der Orchesterfassung.

Urbanskis Interpretationskonzept war es, weniger den impressionistischen Glamour der Ravel-Fassung wiederzugeben, sondern bei bestechender Transparenz die Härte und Kantigkeit der originalen Klavierfassung von Mussorgsky hörbar werden zu lassen. Das gelang in fabelhafter Weise. Der junge Mann am Pult entfesselte mit dem bestens aufgelegten Orchester einen Klangrausch, der einem schier den Atem nahm.

Als die Klangwogen “Das große Tor von Kiew“ erreichten und durchwehten und das Glockenspiel seine markanten Schläge absolviert hatte, lehnte man sich erschöpft aber höchstbefriedigt zurück und fiel ein in den großen, jubelnden Beifall.

IOCO / UGK / 04.05.2013

 

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