150 Jahre Wiener Staatsoper – CD / DVD Naxos / Orfeo, IOCO Rezension, 25.09.2019

September 25, 2019 by  
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Staatsoper Wien © IOCO

Staatsoper Wien © IOCO

Wiener Staatsoper

150 Jahre Wiener Staatsoper – Naxos CD/DVD

von Marcus Haimerl

Am 25. Mai 2019 feierte die Wiener Staatsoper ihr 150-jähriges Jubiläum mit der Premiere einer einer Neuinszenierung von Richard Strauss Frau ohne Schatten, welche 100 Jahre zuvor ihre Uraufführung hier feierte. Zudem war der Komponist gemeinsam mit Franz Schalk von 1919 bis 1924 Direktor des Haus am Ring.

Zum 150-jährigen Jubiläum der Staatsoper veröffentlichte Orfeo eine CD-Box mit den großen Aufführungen und Premieren der Wiener Staatsoper. Die CD-Box umfasst 20 CDs sowie 2 Bonus CDs von 1955 bis 2016 mit Aufnahmen von Wozzeck (Berg), Fidelio (Beethoven), Elektra (Strauss), Le Nozze Di Figaro (Mozart), Il Viaggio A Reims (Rossini), Tristan und Isolde (Wagner), Eugen Onegin (Tchaikovsky), Ariadne auf Naxos (Strauss) sowie Un ballo in maschera (Verdi).

150 Years Wiener Staatsoper / CD -DVD © NAXOS / ORFEO

150 Years Wiener Staatsoper / CD -DVD © NAXOS / ORFEO

WOZZECK (Alban Berg)

Alban Bergs „Wozzeck“ war neben Fidelio (Beethoven), Don Giovanni (Mozart), Die Frau ohne Schatten (Strauss), Aida (Verdi), Die Meistersinger von Nürnberg (Wagner) und Der Rosenkavalier (Strauss) eine der insgesamt sieben Opern mit denen die Wiener Staatsoper nach der Zerstörung in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs und dem anschließenden Wiederaufbau  1955 feierlich wiedereröffnet wurde.  Zur herausragenden Besetzung zählte neben Walter Berry als Wozzeck und Christel Goltz als Marie, Max Lorenz (Tambourmajor), Murray Dickie (Andres), Peter Klein (Hauptmann) und Karl Dönch (Doktor). In bestmöglicher Qualität erlebt der Zuhörer hier nicht nur eine packende Umsetzung von Alban Bergs Werk, sondern auch ein außergewöhnliches Zeitdokument aus der Geschichte der Wiener Staatsoper.

FIDELIO (Ludwig van Beethoven)

Aus dem Jahr 1962 stammt die zweite Aufnahme der CD-Box. Bei Beethovens Freiheitsoper „Fidelio“ stand auch gleich der damalige Direktor des Hauses, der Dirigent Herbert von Karajan, am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper. Die herausragende Christa Ludwig gestaltete die Partie der Leonore, ihr damaliger Ehemann Walter Berry deren Gegenspieler Don Pizzaro. Sensationell Jon Vickers als Florestan. Auch der Rest der Besetzung zählt zu den Besten ihrer Zeit: Eberhard Wächter als Don Ferrando, Gundula Janowitz als Marzelline, Waldemar Kmentt als Jaquino, Walter Kreppel als Rocco und Kostas Paskalis und Ljubomir Pantscheff als Erster und Zweiter Gefangener. Auch diese Aufnahme ist ein besonderes Zeitdokument, handelt es sich hier doch um eine der seltenen Live-Aufnahmen Karajans, einem Verfechter von Studioaufnahmen.

ELEKTRA (Richard Strauss)

In der Direktionszeit Egon Hilberts entstand im Dezember 1965 die Aufnahme von Richard Strauss „Elektra“ als Live-Mitschnitt einer der intensivsten Aufführungen dieses Werkes im Haus am Ring. Unter dem mitreißenden Dirigat von Karl Böhm versammelten sich die Größen des Wagner- und Strauss-Gesangs auf einer Bühne. Birgit Nilsson gab eine atemberaubende Elektra, Regina Resnik die Klytemnästra, der Wiener Publikumsliebling Leonie Rysanek war in der Partie der Chrysothemis zu hören. Bei den Herren erlebte man Wolfgang Windgassen als Aegisth und Eberhard Waechter als Orest.  Mit der Aufzeichnung einer dieser drei Vorstellungen zwischen dem 16. und 22. Dezember 1965 gelang Karl Böhm mit dem gesamten Ensemble eine Referenzaufnahme dieser Oper.

LE NOZZE DI FIGARO (Wolfgang Amadeus Mozart)

Eine weitere der seltenen Live-Aufnahmen Herbert von Karajan fällt in die erste Amtszeit von Egon Seefehlner.  Mit Mozarts „Le nozze di Figaro“, einer der drei Da Ponte-Opern, holte Herbert von Karajan im Mai 1977 die besten Sänger ihrer Zeit auf die Bühne. Tom Krause als Conte d’Almaviva und Anna Tomowa Sintow als Contessa, Ileana Cotrubas als Susanna, José van Dam als Figaro und Frederica von Stade als Cherubino machen aus Mozarts Oper einen wahren Hörgenuss. Auch diese Aufnahme markiert einen Meilenstein der Geschichte der Wiener Staatsoper.

IL VIAGGIO A REIMS (Gioachino Rossini)

Erst im Januar 1988 fand die Erstaufführung von Rossinis Oper “Il viaggio a Reims” statt und erlebte auch nur 10 Vorstellungen an der Wiener Staatsoper, fünf Vorstellungen fanden im Rahmen des Japan-Gastspiels im Bunka Kaikan in Tokio statt. In der Direktionszeit von Claus Helmut Drese und unter dem Dirigat des Generalmusikdirektors Claudio Abbado fand diese denkwürdige Premiere statt. Es sangen Cecilia Gasdia (Corinna), Lucia Valentini-Terrani (Marchesa Melibea), Lella Cuberli (Contessa di Folleville), Montserrat Caballé (Madama Cortese), Frank Lopardo (Cavalier Belfiore), Chris Merritt (Conte di Libenskof), Ferruccio Furlanetto (Lord Sidney), Ruggero Raimondi (Don Profondo) und Enzo Dara (Barone di Trombonok). Mit dieser hochkarätigen Besetzung zählten diese Aufführungen zu den besonderen Juwelen in der Geschichte der Wiener Staatsoper, an die sich heute noch viele Besucher dieser Vorstellungen gerne zurückerinnern.

TRISTAN UND ISOLDE (Richard Wagner)

„Tristan und Isolde“ war, neben „Lohengrin“ und „Parsifal“ eine der drei Neuinszenierungen einer Wagner Oper in der Amtszeit von Dominique Meyer.  Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten löste die spannende Inszenierung David McVicars jene Günter Krämers aus dem Jahr 2003 ab. Peter Seiffert sang hier einen besonders intensiven Tristan an der Seite von Nina Stemme als Isolde. Stephen  Milling als König Marke, Jochen Schmeckenbecher als Kurwenal, Janina Baechle als Brangäne, Eijiro Kai als Melot , Carlos Osuna als Hirt und Marcus Pelz als Steuermann rundeten das großartige Ensemble rund um den damaligen Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper ab.

EUGENE ONEGIN (Pyotr Ilyich Tchaikovsky)

Im April 2013 kamen die Fans der Ausnahmesängerin Anna Netrebko auf ihre Kosten. In Tchaikovskys „lyrische Szenen“ fand sich unter dem Dirigat Andris Nelsons ein großartiges Sängerensemble ein. Neben einer fulminanten Anna Netrebko als Tatyana, sang Dmitri Hvorostovsky die Titelpartie. Zoryana Kushpler (Larina), Alisa Kolosova (Olga), Aura Twarowska (Filipjewna) und Dmitry Korchak (Lensky) vervollständigten das homogene Ensemble rund um Anna Netrebko. Gleichzeitig gilt diese Aufnahme auch als wichtiges Tondokument des zu früh verstorbenen russischen Baritons Dmitry Hvorostovsky.

ARIADNE AUF NAXOS (Richard Strauss)

2012 übernahm die Wiener Staatsoper die Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung von Richard Strauss „Ariadne auf Naxos“ von den Salzburger Festspielen. Die vorliegende Aufnahme entstand zwei Jahre später. Unter dem Dirigat Christian Thielemanns sang zum vorletzten Mal Soile Isokoski in einer Produktion an der Wiener Staatsoper die Partie der Primadonna/Ariadne, zum letzten Mal sang sie die Partie der Marschallin im Rosenkavalier nur einen Monat später. Der viel zu früh verstorbene Johan Botha bleibt als Tenor/Bacchus in einer seiner seltenen Aufnahmen in Erinnerung. Der ebenfalls erst kürzlich verstorbene Kammerschauspieler Peter Matic verkörpert auf ideale Weise den Haushofmeister. Wunderbar ergänzt wird dieses Ensemble durch Jochen Schmeckenbecher (Musiklehrer), Sophie Koch (Komponist), Daniela Fally (Zerbinetta) sowie Marcus Pelz, Adam Plachetka, Carlos Osuna, Jongmin Park, Rachel Frenkel und Olga Bezsmertna. Auch bei diesem Tondokument zeigt sich schon sehr früh die Bedeutung für die Geschichte des Hauses.

UN BALLO IN MASCHERA (Giuseppe Verdi)

Die letzte Gesamtaufnahme dieser Box widmet sich einem Meisterwerk des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi. 1986 hob sich der Vorhang für Luciano Pavarotti als Gustaf III in der Inszenierung von Gianfranco de Bosio, die 2016 ihre 90. Reprise an der Staatsoper erlebte: Als Gustaf III. hörte man den polnischen Tenor Piotr Beczala, als Renato Anckarström den russischen Bariton Dmitri Hvorostovsky in einem seiner letzten Auftritte an der Wiener Staatsoper. Mit einer großartigen Krassimira Stoyanova als Amelia, Nadia Krasteva als Ulrica, Hila Fahima als Oscar, Alexandu Moisiuc (Graf Horn), Sorin Coliban (Graf Warting), Igor Onishchenko (Cristiano) und Thomas Ebenstein (Richter/Diener) genoss das Publikum einen großartigen Opernabend, den es hier nachzuhören gibt.

BONUS CDs „Legendary Voices Of The Wiener Staatsoper“

Alleine die beiden Bonus CDs, ein Best Of der großartigsten Sänger der Wiener Staatsoper, rechtfertigt den Kauf dieser CD Box.

Aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“ besticht die Königin der Koloraturen, Edita Gruberova, als Constanze mit „Martern aller Arten“ aus dem Jahr 1979. 1968 singen Adolf Dallapozza, Walter Berry und Eberhard Waechter „La mia Dorabella capace non è“ aus „Così fan tutte“. Mit Donna Annas Arie „Crudele! Ah no, mio bene“ aus Don Giovanni beendet Edita Gruberova den Mozart-Teil der CD.

Mit dem Ausschnitt „Aber der Richtige“ aus Richard Strauss’ Oper „Arabella“ führen Lisa della Casa, die Arabella des 20. Jahrhunderts in der Titelpartie und Anneliese Rothenberger als Zdenka ins Jahr 1964 zurück. Aus dem Jahr der feierlichen Wiedereröffnung stammt die Aufnahme aus dem „Rosenkavalier“, dem Duett Marschallin/Octavian „Wie Du warst! Wie Du bist“ mit Sena Jurinac und Maria Reining.

Der deutsche Komponist Richard Wagner ist mit Ausschnitten aus „Der fliegende Holländer“, „Die Walküre“ und „Lohengrin“ vertreten. In „Wie aus der Ferne längst vergang’ner Tage“ erlebt man Julia Varady als Senta und Franz Grundheber als Holländer. 1992 sangen Placido Domingo als Siegmund und Waltraud Meier als Sieglinde „Keiner ging“ aus der Walküre, Johan Botha als Lohengrin und Cheryl Studer als Elsa sind in „Atmest du nicht mit mir…“ aus „Lohengrin“ zu hören.

Mit einem Ausschnitt aus der musikalisch herausragenden Produktion von Dmitri Shostakovich „Lady Macbeth von Mzensk“ mit Angela Denoke unter dem Dirigat von Ingo Metzmacher endet die erste CD.

Die zweite CD widmet sich schwerpunktmäßig dem italienischen Komponisten Giuseppe Verdi, Ausschnitte aus seinen Opern „Simone Boccanegra“, „La Traviata“, „Don Carlo“, „Aida“ und „Otello“ dominieren auf dieser CD.

1969 sangen Eberhard Waechter und Nicolai Ghiaurov gemeinsam in Verdis „Simone Boccanegra“. Zu hören ist der Ausschnitt „Suona ogni labbro il mio nome“. Mit „Parigi o cara“ berührten Ileana Cotrubas als Violetta und Nicolai Gedda als Alfredo 1971 in „La Traviata“. Ein Jahr zuvor sangen Gundula Janowitz (Elisabetta) und Franco Corelli (Don Carlo) „Io vengo a domandar“ in Verdis „Don Carlo“. Zwei verschiedene Besetzungen in den 90er Jahren bieten die Aufnahmen der „Aida“: „Fu la sorte dell’armi a tuoi funesta“ mit Julia Varady als Aida und Marjana Lipovsek als Amneris, sowie „La fatal pietra sovra me si chiuse“ mit Mirella Freni als Aida und Luciano Pavarotti als Radamès.  1987 waren Anna Tomowa-Sintow als Desdemona und Plácido Domingo in der Titelpartie in Verdis „Otello“ unter dem Dirigat von Zubin Mehta zu hören.

Unter dem wunderbaren Dirigat von Carlos Kleiber strahlten die Weltstars Mirella Freni und Luciano Pavarotti 1985 in Giacomo Puccinis „La Bohème“.

Ein besonderer Genuss erwartet die Zuhörenden am Ende der CD: Unter dem Dirigat von Pinchas Steinberg erlebt man die griechische Mezzosopranistin Agnes Baltsa in ihrer Paraderolle der Carmen in der gleichnamigen Oper Georges Bizets an der Seite von Plácido Domingo als Don José im fulminanten finalen Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten „C’est toi? C’est moi?“.

Alleine beim Hören dieser beiden Bonus CDs gibt es dann doch einige Produktionen, die man gerne als Gesamtaufnahme hören möchte.

Insgesamt ist die schön gestaltete CD-Box ein musikalischer Ausflug in die Geschichte der Wiener Staatsoper nach der Wiedereröffnung 1955 und bringt mehr als hörenswerte Aufnahmen dieser Zeit mit herausragenden Sängerinnen, Sängern und Dirigenten. Die limitierte CD-Box mit insgesamt 22 CDs ist um rund 100 Euro im Handel erhältlich. Auch auf Grund einiger Aufnahmen, die bisher noch nie veröffentlicht wurden, kann man den Kauf dieser Box nur empfehlen.

—| IOCO CD-Rezension |—

Zürich, Opernhaus Zürich, 2019/20 – 9 Opernpremieren: Iphigénie, Makropulos, Belshazzar …, IOCO Aktuell, 15.08.2019

Opernhaus Zürich

Opernhaus Zürich / Aussenansicht © Dominic Büttner

Opernhaus Zürich / Aussenansicht © Dominic Büttner

2019/20 : Operhaus Zürich – 9 Oper-, 3 Ballettpremieren, 17 WA

– IOCO stellt vor –

Das Opernhaus Zürich, früher Stadttheater Zürich, liegt im Zentrum von Zürich, am Sechseläutenplatz. Auf 1.100 Plätzen bietet es ein reiches kulturelles Angebot. 2017/18 besuchten 247.000 Besucher 327 Vorstellungen. Die Auslastungen auf der Hauptbühne der Spielzeit 2017/18  betrugen: Gesamtauslastung: 90.0% (Vorjahr: 85.1%), Auslastung Sparte Oper 88.3% (Vorjahr: 84.7%), Auslastung  Sparte  Ballett Zürich  98.0% (Vorjahr: 89.8%).

Der Spielplan für die Saison 2019/2020 enthält 350 Vorstellungen: Neun Opern-premieren und drei Premieren des Balletts Zürich auf der Hauptbühne sowie siebzehn Wiederaufnahmen des Opernrepertoires und fünf des Balletts bilden das Rückgrat des Hauses. Eine Neuproduktion des Internationalen Opernstudios am Theater Winterthur und eine Neuproduktion aus der Serie Junge Choreografen auf der Studiobühne, neun Konzerte der Philharmonia Zürich und des Spezialensembles Orchestra La Scintilla, sieben Liederabende mit Starsolisten, ein Opernball, der sich zum 20. Mal jährt sowie zahlreiche Angebote für Kinder, junge Erwachsene und Familien sind Teil eines Spielplans. Den Anfang der Saison 2019/20 macht ein grosses Eröffnungsfest und den Abschluss traditionell die Live-Übertragung oper für alle.

Operhaus Zürich / Zuschauerraum © Dominic Büttner

Operhaus Zürich / Zuschauerraum © Dominic Büttner

 PREMIEREN  OPER

Seit über dreissig Jahren ist Cecilia Bartoli dem Opernhaus verbunden. In der Saison 2019/20 steht eine Neuproduktion mit der Ausnahmekünstlerin auf dem Programm. Die Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Tauride liegt in den Händen des Hausherrn Andreas Homoki. Die erste gemeinsame Arbeit der beiden wird von Gianluca Capuano am Pult der Philharmonia Zürich begleitet. Das Opernhaus Zürich hat dem jungen Schweizer Komponisten Stefan Wirth einen Kompositions-auftrag erteilt und kann ab Mai 2020 Girl with a Pearl Earring dem Publikum vorstellen. Die Handlung dieser Uraufführung kreist um die Entstehung eines Gemäldes von Jan Vermeer und basiert auf dem Bestseller von Tracey Chevalier, der mit Scarlett Johansson und Colin Firth verfilmt wurde.

Opernaus Zürich / Hänsel und Gretel - 2019 wieder auf dem Spielplan © Tanja Dorendorf

Opernaus Zürich / Hänsel und Gretel – 2019 wieder auf dem Spielplan © Tanja Dorendorf

Die hochkarätige Besetzung bringt ein Wiedersehen mit Thomas Hampson als Malerikone. Felicity Palmer, Laura Aikin und die junge Amerikanerin Lauren Snouffer stehen eben-falls für den hohen Anspruch dieses Projektes. Die Eröffnungspremiere der Saison widmet sich einer 337 Jahre alten Femme fatale. In Die Sache Makropulos von Leoš Janácek, wird Evelyn Herlitzius zum ersten Mal in einer Neuproduktion am Opernhaus Zürich zu erleben sein. Dmitri Tcherniakov konnte für die Inszenierung gewonnen werden. Eines der populärsten Werke des Operetten-Repertoires ist Emmerich Kálmáns Csárdásfürstin. In Zürich unternehmen Annette Dasch und Pavol Breslik einen Ausflug in diese Form des Musiktheaters. Der musikalische Leiter des Abends ist der operettenerfahrene GMD und Intendant der Oper Leipzig Ulf Schirmer. Die Regie übernimmt Jan Philipp Gloger. Das weithin vergessene Genre Operette erlebt zurzeit eine Renaissance und hat auch in Zürich seit der Intendanz von Andreas Homoki ein Zuhause gefunden.

Opernhaus Zürich / Intendant Andreas Homoki © Frank Blaser

Opernhaus Zürich / Intendant Andreas Homoki © Frank Blaser

Fabio Luisi, Piotr Beczala und Camilla Nylund werden im Rahmen einer Operettengala Arien und Duette von Lehár, Kálmán, Stolz und Strauss im Juni 2020 zu Gehör bringen. Eine Mischung aus Wiener Operettenheiterkeit und melancholischer Abschiedsstimmung ist die letzte gemeinsame Arbeit von Richard Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal Arabella. Julia Kleiter, Julie Fuchs und Josef Wagner debütieren als Arabella, Zdenka und Mandryka. Die Inszenierung der Liebes- / Gesellschaftskomödie besorgt Robert Carsen. Um die raffinierten Orchesterklänge und schwungvollen Wiener Walzer kümmert sich der GMD des Hauses Fabio Luisi persönlich. Die Abschlussproduktion der kommenden Saison ist gleichzeitig die erste gemeinsame Zürcher Arbeit von Fabio Luisi mit dem Regisseur Calixto Bieito. Verdis selten gespielte Oper I vespri siciliani wird im Rahmen der Festspiele Zürich im Juni 2020 Premiere feiern. Maria Agresta und Quinn Kelsey, der sein Rollendebüt begeht, singen die Hauptpartien dieser tragischen Liebesgeschichte im Milieu sizilianischer Widerstandskämpfer.

Nabucco – 2019/20 wieder auf dem Spielplan
youtube Trailer Opernhaus Zürich
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Ein Wiedersehen mit Christof Loy gibt es bei der Neuinszenierung von Donizettis Don Pasquale. In der Titelpartie wird Johannes Martin Kränzle wieder in Zürich zu sehen sein. Julie Fuchs gibt die gewiefte junge Witwe Norina und Edgardo Rocha den Neffen des alten Herrn. Enrique Mazzola kümmert sich um die musikalische Seite dieses Meisterwerks der komischen Oper. Sebastian Baumgarten wird Händels Oratorium Belshazzar mit Jakub Józef Orlinski, der mit seinem Rollendebüt auch zum ersten Mal am Opernhaus Zürich arbeitet, und Layla Claire in Szene setzen. Der Händel-Experte Laurence Cummings steht dafür am Pult des Orchestra La Scintilla.

Für das Opernhaus Zürich ist die Heranführung von Kindern und Jugendlichen an das Musiktheater und das Ballett ein wichtiger Bestandteil der Arbeit. Im November 2019 wird Coraline von Marc-Anthony Turnage als Familienoper ihren Weg auf die Zürcher Bühne finden. Die Geschichte um ein Mädchen, das in zwei Welten lebt wurde bereits erfolgreich verfilmt. Mit Joseph Haydns Il mondo della luna präsentieren sich im April 2020 die jungen Nachwuchssänger des Internationalen Opernstudios unter der Regie des jungen Japaners Tomo Sugao am Theater Winterthur.

WIEDERAUFNAHMEN – OPER

Weitere Höhepunkte am Opernhaus Zürich sind auch die zahlreichen Wiederaufnahmen mit herausragenden Besetzungen. Ans Opernhaus Zürich kehren zurück: Juan Diego Flórez, der als Rodolfo sein Rollendebüt in La bohème geben wird. Cecilia Bartoli und Javier Camarena, die wieder gemeinsam in La cenerentola auf der Zürcher Bühne stehen. Ein weiteres Rollendebüt wird Benjamin Bruns als Max im Freischütz feiern. Piotr Beczala, der im vergangenen Sommer sehr erfolgreich in der Bayreuther Neuproduktion den Lohengrin kurzfristig übernahm, wird im Juni 2020 in der Zürcher Inszenierung gemeinsam mit Elza van den Heever zu sehen sein. Christian Gerhaher und Gun-Brit Barkmin sind im Wozzeck das tragische Paar. Saimir Pirgu ist Faust, Anita Hartig Marguerite und Ildebrando d`Arcangelo Méphistophélès in Gounods Vertonung von Goethes Menschheitsdrama. Luca Pisaroni und Jane Archibald werden in «Don Giovanni» wieder zu Gast sein. Ein weiteres Epochalwerk des Opernrepertoires wird von Catherine Naglestad (Abigaille), Dalibor Jenis (Nabucco) und Vitalij Kowaljow (Zaccaria) bestritten. Plácido Domingo erfüllt sich einen Wunsch und singt für seine Zürcher Fans in einer einmaligen Galavorstellung von Verdis Nabucco die Titelpartie. Zum ersten Mal am Opernhaus Zürich zu Gast sind Andreas Schager als Florestan und Wolfgang Koch als Don Pizzaro. Sie werden zusammen mit Anja Kampe in Fidelio zu erleben sein. Kwang-chul Youn gibt den Heinrich in Wagners Lohengrin  und Jacquelyn Wagner die Agathe im Freischütz. Kristina Mkhitaryan und Liparit Avetisyan begehen als Violetta Valéry und Alfredo Germont ihr Hausdebüt. Am Pult der Philharmonia Zürich, werden bekannte und neue Gesichter zu sehen sein. Der GMD Fabio Luisi widmet sich in der kommenden Saison dem Verdi-Repertoire und dirigiert sein Orchester bei den Wiederaufnahmen von Nabucco und La traviata. Für Wagners Lohengrin konn-te abermals Simone Young gewonnen werden. Ebenfalls im deutschen Repertoire zu Hause ist Axel Kober, der Webers Freischütz interpretieren wird. In den Händen von Markus Poschner liegt Beethovens Fidelio. Für Alban Bergs Wozzeck wird Hartmut Haenchen zum ersten Mal im Zürcher Graben stehen. Ebenfalls zum ersten Mal am Opernhaus Zürich ist Ryan Mc Adams mit Gounods Faust. Um Mozarts Don Giovanni kümmert sich Riccardo Minasi und um Puccinis La bohème Marco Armiliato. Für Rossinis La cenerentola zeichnet Gianluca Capuano verantwortlich. Für die Erfolgsinszenierung des regierungskritischen russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov Così fan tutte steht Ottavio Dantone am Pult der Philharmonia Zürich.

Cosi fan tutte – 2019/20 wieder auf dem Spielplan
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 BALLETT ZÜRICH

Die Ballettsaison 2019/20 wird, wie schon fast traditionell, mit einer Uraufführung von Ballettdirektor Christian Spuck eröffnet. Zum ersten Mal kommt Helmut Lachenmanns Musiktheater Das Mädchen mit den Schwefelhölzern nach dem todtraurigen Märchen von Hans Christian Andersen als Ballett auf die Bühne. Die Neuproduktion und zugleich auch Schweizer Erstaufführung verbindet Tanz, Bilder und Gesang mit Lachenmanns faszinierender Musik und macht selbst den Zuschauerraum des Opernhauses zum Klangraum. Mehrere Werke von William Forsythe hat das Ballett Zürich bereits auf die Bühne gebracht und feiert den amerikanischen Choreografen nun mit einem eigenen Abend. Schlicht «Forsythe» heißt die Hommage und beinhaltet drei wegweisende Werke des Erneuerers des Tanzes: The Second Detail, Approximate Sonata in der Pariser Neufassung von 2016 und «One Flat Thing, reproduced». Im Rahmen des Ballettabends Walking Mad kehrt auch Hans van Manen, mit seinem vom Nederlands Dans Theater uraufgeführten Werk «Kleines Requiem», nach Zürich zurück. Ebenfalls vom NDT uraufgeführt wurde das titelgebende Stück von Johan Inger, zum berühmten «Boléro» von Maurice Ravel tanzt das Ballett Zürich zum ersten Mal ein Werk des schwedischen Choreografen.

Einen ganzen Abend voller neuer Werke bringt die Serie Junge Choreografen, in deren Rahmen die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Zürich und des Junior Balletts die künstlerische Verantwortung für ihre eigenen Choreografien übernehmen. Wiederaufgenommen werden mit «Messa da Requiem» und «Nussknacker und Mausekönig» zwei Produktionen von Christian Spuck, der Doppelabend «Emergence» mit Choreografien von Crystal Pite und dem Choreografenduo Sol León & Paul Lightfoot, das Ballett Faust von Edward Clug sowie der Abend des Junior Balletts mit «Kreationen» von Filipe Portugal, Louis Stiens und Goyo Montero.

Hänsel und Gretel – 2019/20 wieder auf dem Spielplan
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KONZERTE, LIEDERABENDE UND EXTRAS

Die Philharmonia Zürich und das Spezialensemble Orchestra La Scintilla werden sich auch in dieser Saison außerhalb des Orchestergrabens präsentieren. Die Eröffnung der Philharmonischen Saison findet mit dem Violinisten Leonidas Kavakos unter der Leitung des Generalmusikdirektors Fabio Luisi und Werken von Beethoven und Wagner statt. Der begonnene Beethoven-Zyklus mit der italienischen Pianistin Beatrice Rana wird von Fabio Luisi mit zwei Konzerten fortgeführt. Gianandrea Noseda, der das Amt des Zürcher GMDs ab der Saison 2021/22 übernehmen wird, wird für ein Konzert mit Werken von Schubert, Tschaikowski und Mendelssohn in Zürich gastieren. Für ein Programm mit Werken von Mahler und Mozart steht Manfred Honeck am Pult der Philharmonia Zürich. Der Experte für historisch informierte Aufführungspraxis Riccardo Minasi wird sich ganz dem Orchestra La Scintilla widmen. Die Programme der vier Konzerte reichen von Haydns «Schöpfung» über Werke von Jan Dismans Zelenka und einem Konzert zum Thema Echos. Für Händels Wassermusik ist Lars Ulrik Mortensen Gast der Scintilla. In der Spielzeit 2019/20 präsentiert das Opernhaus Zürich wieder Liederabende mit Starssolisten: Angela Gheorghiu, Pretty Yende, Krassimira Stoyanova, Stéphanie D’Oustrac, Benjamin Bernheim, Christof Fischesser sowie Julia Kleiter und Michael Nagy, die gemeinsam einen Abend bestreiten.

Am 21. September 2019 veranstaltet das Opernhaus nach der Sommerpause das traditionelle Eröffnungsfest. Im ganzen Haus getanzt wird wieder beim Opernball am 14. März 2020. Die Benefizgala feiert dann ihr 20jähriges Bestehen. oper für alle auf dem Sechseläutenplatz findet am 13. Juni 2020 mit der Live-Übertragung der Mozart-Oper Don Giovanni statt

—| IOCO Aktuell Oper Zürich |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 09.08.2019

August 9, 2019 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Lohengrin – Richard Wagner

– Aufregende Besetzungs-Scharade –

von Ingrid Freiberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Lohengrin ist die wohl schönste (und nach Wagners eigenen Worten „allertraurigste“) Oper des Meisters. Während seiner Beschäftigung mit Tannhäuser fand Richard Wagner zum mittelalterlichen Stoff in Wolfram von Eschenbachs mittelhochdeutschem Versepos Parzival und erkannte in dem strahlenden Ritter sich selbst als einen von Gott gesandten und von der öden Welt missverstandenen Künstler. So lässt sich Lohengrin auch als Seelen- und Künstlerdrama begreifen. Das Frageverbot Lohengrins kommt geradezu dem göttlichen Verbot des Genusses der Früchte vom Baum der Erkenntnis im Alten Testament gleich. Indem Elsa das Verbot bricht, landet Wagner einmal mehr bei der Ur-Schuld des Weibes. Elsas Gegenspielerin Ortrud ergeht es durch Wagners Behandlung auch nicht besser: Mit ihrer Zerstörung verweigert Richard Wagner, ein reaktionärer Anhänger der „Revolution von oben“,  den Frauen jegliches Recht auf Einmischung in Politik und Kunst.

Bayreuth 2018 – Lohengrin – Interview mit Regisseur Yuval Sharon
youtube Trailer der Bayreuther Festspiele 2018
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Die Uraufführung des Lohengrin, 1850 in Weimar, wurde von Wagners späteren Schwiegervater Franz Liszt geleitet. In Weimar konnte der Komponist nicht beiwohnen, da er wegen Mitbeteiligung an den revolutionären Aufständen steckbrieflich gesucht wurde und sich ins Schweizer Exil begeben hatte. Erst 1861 erlebte er erstmals eine (unbefriedigende) Aufführung des Lohengrin in Wien.

Erlösung – durch Lohengrin, den Sohn des Parzival

Eine in Bedrängnis geratene Thronerbin, eine verleumderische Gegenspielerin, ihr willfähriger Gemahl und ein König aus alter deutscher Zeit – das sind die Beteiligten an einem Konflikt, der nicht nach Lösung, sondern nach Erlösung verlangt. Diese soll der Schwanenritter Lohengrin, der Sohn Parzivals, bewirken, ausgesandt vom heiligen Gral, um der des Brudermordes angeklagten Elsa von Brabant in einem Gottesgericht beizustehen. Die Bedingung dafür ist Vertrauen. „Nie sollst du mich befragen“, fordert Lohengrin von seiner Schutzbefohlenen.

Schon das Vorspiel zum ersten Akt offenbart das kompositions- und orchestrierungstechnische Genie Wagners.Wir haben hier in der Tat ein gewaltiges, langsames crescendo, welches, auf dem höchsten Grade der Klangfülle angelangt, im umgekehrten Sinne sich zu einem Ausgangspunkte zurückwendet und in einem fast unhörbaren Säuseln endigt… für mich ist es ein Meisterwerk.“ (Hector Berlioz) Obwohl das Drama ganz vom Text her erschlossen und musikalisch durchgestaltet ist, lassen sich in der durchkomponierten Großform eingebettete „Nummern“ erkennen, wie Elsas Traumerzählung „Einsam in trüben Tagen“, Elsas Szene „Euch Lüften, die mein Klagen“ und das anschließende Duett mit Ortrud, das in der unübertrefflich schönen Phrase endet „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘ “, der Brautchor im dritten Akt, die Liebesszene im Brautgemach „Wir sind allein“ und Lohengrins Gralserzählung „In fernem Land“.

Elsa – emanzipiert von männlichen Dogmen und Ritualen

Für das Regiekonzept von Yuval Sharon sind vor allem die starken Frauenfiguren, Elsa und Ortrud, prägend und wie diese sich von blindem Gehorsam emanzipieren können. Er versucht darzulegen, wie verführbar Menschen durch Religion und Spiritualität sind, inwieweit leben sie sie oder lassen sie sich durch spirituelle Führer verführen? Verkörpert am Ende eine neue Generation in Gestalt von Elsas Bruder Gottfried die Hoffnung auf eine bessere Welt?

Dieser Konflikt zeigt sich schon in der ersten Szene mit König Heinrich. Der erste Satz des Chors ist „Wir geben Fried und Folge dem Gebot“. Ein Scheingericht gegen Elsa schließt sich an. Im 1. Aufzug erscheint Lohengrin noch zweifelsfrei positiv und rettet sie. Je länger Lohengrin in dieser Welt bleibt, desto korrumpierbarer und schmutziger wird er –  bis Elsa das am Ende nicht mehr aushalten kann und das Frageverbot missachtet. Das ist laut Yuval Sharon eine mutige tapfere Tat – ein Aufbegehren, nicht zerstörerische Neugier… Der durch Neo Rauch und Rosa Loy stark vorgegebene Rahmen führt allerdings zu einer etwas statuarischen Inszenierung, liefert eine Traumatmosphäre, das Unterbewusstsein zeigt skurrile Bilder…

 Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Versinken in ein Gemälde

Obwohl Neo Rauch, ein international erfolgreicher deutscher Maler und der bedeutendste Vertreter der sogenannten Neuen Leipziger Schule, zusammen mit Rosa Loy, die sich mit dem Mysterium der Frau, der neuen Weiblichkeit und der neuen Romantik beschäftigt, noch nie ein Bühnenbild bzw. Kostüme für ein Theater kreiert haben, tragen beide diese Produktion entscheidend mit. Für Bühnenbild und Kostüme des männlichen Personals zeichnet Neo Rauch verantwortlich, Rosa Loy für die Kostüme der Frauen. Das Bühnenbild birgt Assoziationen an die flämische Malerei des 17. Jahrhunderts. Das Delfter Blau der Dekorationen hat Rosa Loy und Neo Rauch dazu inspiriert, für die Kostüme altniederländische Hauben und Krägen nach dem flämischen Maler Anthonis van Dyck zu kreieren… und romantisch blaue Wolkenformationen und Landschaftsszenerien zu malen. Mitten auf der Bühne steht – surreal – ein verlassenes Umspannwerk. Viele Figuren haben Flügel. Im Hintergrund ragen schemenhaft Felsen auf, es gibt Blitze, es geht um Licht und Dunkel. Wasser spielt eine Rolle, Sumpf, Schilf… Das Versinken in das Gemälde lässt der Musik Wagners nachhaltigen Raum. Ein wohltuendes Erlebnis in der oft mit Videos überfrachteten Theaterszene.

Aufregende Besetzungs-Scharade

Die Wiederaufnahme des Bayreuther Lohengrin 2019 wartet mit einem Novum auf: Lohengrin und Elsa sind in dieser Saison doppelt besetzt. Christian Thielemann, Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, sieht dies als positiven Wettbewerb. Letztes Jahr gab es große Anerkennung für Piotr Beczala, der für Roberto Alagna eingesprungen war. 2019 singt er wieder, aber nicht alle Vorstellungen. Klaus Florian Vogt, der in Bayreuth „die Institution Lohengrin“ schlechthin ist, teilt sich mit ihm die Auftritte. Das hat durchaus Reizvolles. Die Partie der Elsa sollte ursprünglich Krassimira Stoyanova singen, die erkrankte; für sie wurde Camilla Nylund gefunden. Für zwei Vorstellungen war Anna Netrebko verpflichtet, die jedoch kurzfristig absagte… Die Scharade geht noch weiter: Annette Dasch wird nun in zwei Aufführungen die Elsa singen und Thomas J. Mayer ersetzt den erkrankten Tomasz Konieczny als Telramund. Und damit der Aufregung nicht genug, Elena Zhidkova ersetzt Elena Pankratova als Ortrud. Christian Thielemann sprach zu Beginn der Festspiele von einer „Super-Werkstatt Lohengrin, das hat sich nun in aufregender wie überraschender Hinsicht bewahrheitet!

Trotz aller Widrigkeiten lässt sich über die Aufführung am 3. August 2019 fast ausnahmslos in den höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizieren auf beeindruckendem Niveau und verbinden sich zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf. Trotz der Umbesetzungen ist dieser Abend ein Fest!

Georg Zeppenfeld, derzeit nicht nur als wortprägnanter König Heinrich in der vordersten Liga, veredelte mit balsamischem sonoren Wohllaut seines Luxus-Basses die Königsfigur und beglückte mit exzellenter Klarheit und perfekter Rollenidentifikation.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der Tenor von Klaus Florian Vogt ist voluminöser geworden, mit durchaus sensiblen Seiten, schwankend zwischen Machismo-Ansprüchen an das männliche Geschlecht und einem Hauch von Selbstzweifeln, eine stimmlich und darstellerisch hervorragend gelungene Durchdringung des eben nicht nur edlen Charakters des Titelhelden. Er ist ohne Zweifel die Personifizierung des Lohengrin schlechthin. Seine Leistung kulminiert in einer fantastisch klar intonierten Gralserzählung gegen Ende des dritten Aufzugs. Seine Stimme klingt viril und kann durchaus autoritär das Frageverbot verkünden oder sich als Führer der Brabanter ausrufen. Man hört die „heldischen“ Passagen selten so klangschön. Seine Stimme und seine Ausstrahlung vereinigen alle Parameter zur idealen Gestaltung des Gralsritters. Sein tragfähiger, klarer Tenor, seine perfekte Diktion, das hell-silberne Timbre, seine Phrasierungskunst wie auch die Fähigkeit zu heldisch-dramatischen Ausbrüchen beglücken. In seiner Darstellung des Schwanenritters spannt er den Bogen vom unnahbaren Gottwesen bis zum einsamen, Liebe und Anerkennung suchenden Mannes, der als missbrauchte Reflektionsfigur an den unabänderlichen Verhältnissen scheitert. Vogts „In fernem Land, unnahbar euren Schritten“ ist ein glanzvoller Höhepunkt des Abends.

Sechs gestandene Wagner-Sänger*innen teilen sich im Lohengrin die Hauptrollen. Neu im Ensemble und erst kurz vor der Wiederaufnahme eingesprungen ist Camilla Nylund als Elsa. In der Traumerzählung überzeugt sie mit berührend zarten Farben. Sie singt die Partie mit berückend schönem, ganz leicht eingedunkeltem Timbre. Strahlend und licht schwingt sich ihre wunderbar sicher geführte Sopranstimme auf, brilliert im Duett mit Ortrud und in der Brautgemachszene mit Lohengrin mit berührender Intensität, einer Intensität, die sie auch in der Darstellung erreicht.

Ortrud – Elena Zhidkova ist ein Glücksgriff

Vor Vorstellungsbeginn wird mitgeteilt, dass Elena Zhidkova – nach kurzer Einweisung – die Rolle der Ortrud übernimmt und nicht, wie zuvor angekündigt .Elena Pankratova. Elena Zhidkova ist  ein absoluter „Glücksgriff“! Mit großer stimmlicher Attacke porträtiert sie Ortrud als intrigante, machtgeile, giftige Gegenspielerin von Elsa von Brabant. Sie ist die dunkle Zauberin, die Kämpferin gegen das von Lohengrin verkörperte Patriarchat und verleiht dieser Figur eine ungemein packende Größe und Kraft. Überwältigend, mit punktgenau geführter Stimme und wohl dosierten dramatischen Ausbrüchen schleimt sie sich bei Elsa ein, um deren Psyche mit ihrem Gift durchtränken zu können. Dabei gestaltet sie ihre Einsätze zu regelrechten Feuerwerken mit eingebauten Vulkan-Ausbrüchen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Egils Silins singt an diesem Abend Heerrufer und Telramund

Mit „Seht da, den Herzog von Brabant!“ ruft Egils Silins, ein markant respekteinflößender Heerrufer des Königs, klangvoll und nobel zur Versammlung der Ritter auf. Ausdrucksvoll, mit kernig-kräftigem Bariton, zuweilen auch mit ungewöhnlich hintergründigen Tönen, verleiht er der Figur mehr Charakter als üblich. Er wird zum „Hasardeur“, als er im 2. Aufzug eine zusätzliche Aufgabe übernimmt und den inzwischen gänzlich indisponierten Tomasz Konieczny covert. Bereits mit seiner ersten Arie „Dank, König, dir, dass du zu richten kamst…“ lässt dieser wunderbar dramatische Bassbariton erkennen, dass er Probleme mit seiner Stimme hat. Egils Silins übernimmt die Rolle des Friedrich von Telramund. Den gelungenen Wechsel unterstützt auch das märchenhafte Bühnenbild: Kaum sichtbar und vollkommen überzeugend kann Silins, der immer mehr Tiefe bekommt und dabei durch sein völlig akzentfreies Deutsch besticht, übernehmen. Er ist ein geifernder Bösewicht wie aus dem Bilderbuch… und fängt das Malheur mit Bravour auf.

Der Chor der Bayreuther Festspiele (134 Personen!) überzeugt einmal mehr unter seinem langjährigen Leiter Eberhard Friedrich ohne jeden Abstrich, wird auch an diesem Abend stimmlich wie darstellerisch jeder Herausforderung gerecht und ist eine der tragenden Säulen der Aufführung…

Vollkommener Wagner-Klang

Silbrig-ätherische Klänge kann er ebenso zaubern wie atemberaubende Steigerungen: Christian Thielemann kennt – und kann seinen Wagner. Das zeigt sich gleich im Lohengrin-Vorspiel mit seiner mystischen Grals-Atmosphäre. Wie kein Zweiter beherrscht Thielemann die Finessen und Tücken der Bayreuther Akustik. Zwischen Debussy-hafter Zartheit und staatstragendem Pomp bietet sein Lohengrin perfekten Wagner-Klang. Das bestens vorbereitete Festspielorchester ist auf seinen Musikdirektor eingeschworen, bietet ihm lyrische Streichergesänge, warmes Holz und rundes, strahlkräftiges Blech. Wann hätte man die Bühnenmusik bei Wagner je so perfekt erlebt wie hier? Die ätherische A-Dur Sphäre des Vorspiels lässt er in blau-silberner Schönheit leuchten, in fein abgestuften Schattierungen von zarten piani – wie hingetupft – bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Gralsthemas. Mit welch souverän unverkrampfter Lust sich Thielemann in das Wagner-Abenteuer begibt, ist eine Freude.

Minutenlanger, einhelliger Applaus mit dem in Bayreuth üblichen euphorischen „Getrampel“ zeigen, dass auch kulinarische Inszenierungen ihren Platz in den Herzen der Wagnerianer finden können.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Dresden, Semperoper, Ariadne auf Naxos – Richard Strauss, IOCO Kritik, 10.12.2018

Dezember 11, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Ariadne auf Naxos – Richard Wagner

Gelungenes Debut für Regisseur David Hermann in Dresden

Von Thomas Thielemann

Nicht wenige Opernfreunde schätzen die Kammeroper Ariadne auf Naxos als das schönste und vor allem das gelungenste Bühnenwerk des Richard Strauss. Wenn dann noch David Hermann eine klare und direkte Inszenierung mit ausgefeilter Personenregie und raffinierten Verbindungslinien zwischen den heterogenen Teilen der Oper beisteuert, dann sind alle Voraussetzungen für einen gelungenen Premieren-Abend gegeben.

Mit dieser Verbindung aus musikalischer Komödie und „richtiger“ Oper, dem Gemenge aus Kunst und „wahrem Künstler-„ Leben bietet Hermann einen Cocktail aus mehreren Stilformen: Das Vorspiel als konkrete witzige dramatische Komödie mit scharfen Pointen.

Ariadne auf Naxos – Richard Strauss
Youtube Trailer der Semperoper – Einführung in Ariadne Produktion
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Dabei hatte David Hermann eine Anleihe bei Michael Frayn aufgenommen: An der Wand eines kahlen Ganges sind drei Türen angeordnet, die sich ständig öffnen und schließen. Und jedes Mal, wenn sich eine der Türen öffnet, passiert auch etwas, gibt es eine Überraschung. Gleichsam im Stil des „nackten Wahnsinns“ wird mit derber Komik die Tragik des Geschehens vorangetrieben. In der Oper trifft dann die etwas oberflächliche Welt der Zerbinetta auf die leidenschaftliche spritzig-schwitzende griechische Tragödie der Ariadne.

Todesangst und Todessehnsucht stehen gegenüber und versuchen mit einem opulenten, der Tragik der Situation eigentlich wiedersprechenden musikalischen Rokoko-Gemälde eine Annäherung. Das Bühnenbild von Paul Zoller und die Kostüme von Michaela Barth stützen das Konzept der kom-plexen Umsetzung des Librettos des Hugo von Hofmannsthal in die Musik von Richard Strauss.

Unterhaltsam und überraschend, wie die recht kleine Besetzung der Staatskapellen-Musiker unter Leitung Christian Thielemanns die Orchesterklänge opulent verströmen ließ, pointiert und schlank, aber immer Sänger-freundlich. Die Musiker folgten dem Dirigenten vom ersten Ton der Ouvertüre hingebungsvoll mit dem durchsichtigen und geschmeidigem Dresdner Klang. Dabei nahm sich der Musikalische Leiter ausreichend Zeit, um jede Nuance der Komposition auszu-kosten, jede Silbe, jede Kleinigkeit des Textes verwandelte sich in Klänge und gab damit der exquisiten Sängerbesetzung ein stabiles Gerüst.

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos - hier :  Krassimira Stoyanova (Ariadne), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos – hier : Krassimira Stoyanova (Ariadne), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Als Primadonna brillierte mit makellosem Deutsch die Bulgarische Sopranistin Krassimira Stoyanova (Foto). Eine der prachtvollsten Sopranstimmen unserer Zeit gab der Titelrolle ein vokales und darstellerisch kräftiges Profil. Die grandiose Kombination von Klangkultur und Gestaltungsvermögen machte den Premierenabend zu einem unvergesslichen Abend.
Gegenüber diesem Schwergewicht konnte der Bacchus von Stephen Gould mit seinem heldisch inzwischen etwas schwerer gewordenen Tenor mühelos insbesondere in den lyrischen Passagen bestehen und sich dem belkantesken Anspruch der Sopranistin anpassen.

Dass Daniela Fally mit ihrem immensen Bühnentemperament und ihrer tollen Koloraturstimme eine außergewöhnliche Zerbinetta bieten kann, ist spätestens seit der Wiener Bechtolf-Inszenierung bekannt. Ohne diese ihre hervorragenden Möglichkeiten zu vernachlässigen, wurde ihr Temperament von der Regie stilisiert und schlüssig zur Entwicklung ihrer Nachdenklichkeit geführt. Der idealistische Komponist war von der klangprächtigen Mezzosopranistin Daniela Sindram, abseits von oft kabarettistischen Ausdeutungen, als sympathische und leidenschaftliche Person geboten.

Eine Überraschung war, dass der Haushofmeister am Premierenabend vom Intendanten des Skala Alexander Pereira übernommen worden war. Das Trio , das die Trauer der Ariadne und die Ankunft des Gottes auf Naxos kommentiert, war mit den Sopranistinnen Evelin Novak (Najade), Tuuli Takala (Echo) und der Altistin Simone Schröder (Dryade) stimmlich sowie darstellerisch sehr ordentlich aufeinander abgestimmt , so dass ihre Passagen eindringlich, gefühlvoll vom Orchester unterstützt, gestaltet worden waren.

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos - hier :  Joseph Dennis (Brighella), Torben Jürgens (Truffaldin), Daniela Fally (Zerbinetta), Carlos Osuna (Scaramuccio), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos – hier : Joseph Dennis (Brighella), Torben Jürgens (Truffaldin), Daniela Fally (Zerbinetta), Carlos Osuna (Scaramuccio), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Albert Dohmen gefiel vor allem mit seiner Bühnenpräsenz als Musiklehrer. Mit schönen Höhen gefiel der Harlekin des Österreicher Bariton Rafael Fingerlos. Nach mehrfachen Gastauftritten an der Wiener Staatsoper bestritt der mexikanische Tenor Carlos Osuna mit der Partie des Scaramuccio sein Hausdebüt an der Semperoper. Der Bassist Torben Jürgens, ansonsten seit Saisonbeginn als Don Fernando im Fidelio eingesetzt, hatte die Partie des Truffaldin übernommen.

In den weiteren Rollen demonstrierten Sänger aus dem Ensemble und dem Jungen Ensemble der Semperoper die Leistungsfähigkeit der Haussänger: Der amerikanische Tenor Aaron Pegram, seit 2009 im Haus und in der bisherigen Inszenierung als Brighella, nunmehr als Tanzmeister eingesetzt; der Tenor Joseph Dennis als neuer Brighella; der tschechische Bariton Jiri Rajniš (seit 2017 im Jungen Ensemble) als Perückenmacher; der koreanische Tenor Beomjin Kim (seit 2018 im Jungen Ensemble) als Offizier und der Bariton Bernhard Hansky (2017/18 im Ensemble) als Lakai.

Die Regie wäre unvollkommen, wenn sie das Publikum mit dem Klangrausch entlassen würde: Bereits vor dem Beginn der Vorstellung waren hinter dem ersten Rang die Besucher von einer hochmütigen Tischgesellschaft inclusive Tafelmusik empfangen worden. Und diese „Mäzen- Gesellschaft“ zerstörte mit ihrem Huschen über die Bühne in den letzten Takten der Musik, führte zur Selbstreflexion der Schöpfer der Oper zurück und zwingt damit zu einem nachdenklichen Schluss.

Eine gelungene, schlüssige Regiearbeit von David Hermann und eine durchweg gelungene Aufführung mit Gesang und Orchestermusik auf höchstem Niveau. Der frenetische langanhaltende Beifall bestätigten die Besonderheit des Abends.

Ariadne auf Naxos an der Semperoper; weitere Vorstellungen 12.12.; 14.12.2018

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

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