München, Bayerische Staatsoper, Der Rosenkavalier – Regie Barrie Kosky, IOCO Kritik, 25.03.2021

März 25, 2021 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Der Rosenkavalier   –  Richard Strauss

– Der kleine Tod –

Musikalische Leitung: VladimirJurowski,  Inszenierung: Barrie Kosky, Video- on-Demand

von Hans-Günter Melchior

 Barrie Kosky Regisseur © IOCO

Barrie Kosky Regisseur © IOCO

Er schleicht immer wieder über die Bühne, ein uralter Cupido auf wackeligen, altersschwachen Beinen und mit zerfurchtem Gesicht, ach ja, die Liebe, und alles hat seine Zeit und die Feldmarschallin (großartig, eindringlich, melancholisch Marlies Petersen) darf sich noch einmal hin-legen und bereit sein für ihren jungen Liebhaber (Octavian Samantha Hankey), bevor der Baron Ochs (Christoph Fischesser) hereinpoltert und von seiner bevorstehenden Hochzeit mit der Tochter des neureichen Faninal (Johannes Martin Kränzle), dieser kapriziösen und modernen Sophie (Katharina Konradi) schwärmt. Ohne dabei zu vergessen, der attraktiven Kammerzofe Avancen zu machen und der nicht minder attraktiven Feldmarschallin auf dem Sofa immer näher zu rücken, während diese ihm auf dem engen Sitzmöbel auszuweichen sucht. Denn der Kerl ist zweifellos ein Blödmann, der hinter dem Geld her ist und auf dummdreiste Art die neue Zeit dumpf begreift, ohne den Ansehensverlust seiner Klasse akzeptieren zu können.

Der Rosenkavalier – Bayerische Staatsoper
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Die neue Zeit und die Melancholie des Alters, der Neureiche und der dünkelhafte, faktisch bereits abgedankte Adel – politisch und vor allem finanziell –, bleibt doch dem Ochs, der den richtigen Namen hat, nichts weiter als der ständige Hinweis auf seine hohe Geburt, die freilich nicht ausreicht, dem Tölpel standesgemäße Manieren beizubringen.

Das alles ist großartig gemacht, Rokoko-Einlagen wechseln fast übergangslos ins Moderne über, die Zeitgrenzen verwischen, während die Musik unter der selbstbewussten Leitung von Vladimir Jurowski alles Süßliche und die allzu verschnörkelte Walzerseligkeit meidet und mit klaren Konturen, die zuweilen dann, wenn sie ins Hochdifferenzierte und nahezu Fahle übergehen, an Wagner erinnern, und die eine eigene und höchst eigenwillige Handlung neben dem Gesang der Akteure auf der Bühne vorantreibt. Und dennoch bringt Jurowski dies alles zusammen, schafft die Einheit in der Vielfalt. So, dass man von dem künftigen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper einiges erwarten darf.

Hochkompliziert ist diese Oper in solcher Auffassung, geradezu hinweisend ausgestellt in ihrer Komplexität, so dass man Richard Strauss den so oft beklagten Rückfall ins Konventionelle und Bürgerlich-Verträgliche nach der aufrüttelnden Elektra, die mit ihren vertrackten Harmonien die Atonalität streift, kaum noch anmerkt.

Der Rosenkavalier – Barrie Kosky und … führen ein
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Über vier Jahrzehnte lange glaubte man in München, außer der Inszenierung von Otto Schenk gebe es gar keine andere Auffassung dieses bissigen Stücks, über das Hugo von Hofmannsthals Text wie Streusel eine Unmenge französischer Floskeln und stehender Ausdrücke schüttet, die die Affektiertheit einer Klasse verdeutlichen, die sich nur noch in Sprüchen erschöpft.

Und immer wieder dieser altersschwache Cupido oder Amor, der mit hämischer Grimasse über die Bühne schleicht und die Uhr zurückdreht oder zum Stehen bringt und endlich darin oder hinter ihr verschwindet, die Zeit, ja, die Zeit ist ein seltsam Ding, ein seidiger, nicht fassbarer Stoff ohne Anfang und Ende und doch eine das Leben langsam vernichtende Macht, da alles nunmal seine Zeit hat.

So vielleicht auch diese Pandemie, die die Anwesenheit eines Publikums ausschloss. Was für ein kaum zu behebender Mangel bei dieser so erfrischend neuen Produktion des Rosenkavalier in der Regie von Barrie Kosky.

Immerhin sendet die

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—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Johannes Martin Kränzle – ein bedeutender Sänger im Gespräch, IOCO Interview, 05.05.2020

Mai 5, 2020 by  
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Johannes Martin Kränzle © Christian Palm

Johannes Martin Kränzle © Christian Palm

JOHANNES MARTIN KRÄNZLE – im Gespräch mit Ljerka Oreskovic Herrmann

– ALLE ZIEHEN AM SELBEN MUSIKALISCHEN STRANG –

Johannes Martin Kränzle, 1962 in Augsburg geboren, ist ein international gefragter Opern- und Konzertsänger. Seine Ausbildung erhielt Kränzle  bei Martin  Gründler an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Von 1998 bis 2016 war er Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt, zuvor schon in Dortmund und Hannover im Festengagement. 2015 wurde bei ihm die lebensbedrohliche Knochenmarkkrankheit MDS diagnostiziert, weshalb er sich einer Stammzellentransplantation unterziehen musste. Für  herausragende sängerische Leistungen erhielt Kränzle 2011 und 2018 die Auszeichnung „Sänger des Jahres“ (Kritikerumfrage der Opernwelt). 2019 folgte der Deutsche Theaterpreis FAUST für seine darstellerische Leistung als Šiškov in Aus einem Totenhaus an der Oper Frankfurt. Das umfangreiche Opernrepertoire von J. M. Kränzle reicht von Händel bis Rihm und umfasst 120 Partien, die er an den großen Opernhäuser und Festspielen der Welt immer wieder unter Beweis stellt.

Romeo und Julia auf dem Dorfe _ an der Oper Frankfurt / hier: J. M. Kränzle - selbst Geige spielend, als Der schwarze Geiger © Barbara Aumüller

Romeo und Julia auf dem Dorfe _ an der Oper Frankfurt / hier: J. M. Kränzle – selbst Geige spielend, als Der schwarze Geiger © Barbara Aumüller

Ljerka Oreskovic Herrmann, LH:  Herr Kränzle, in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung sagten Sie, „durch die Festivalkultur verkommt die ganze klassische Musik immer mehr zu einem Zirkus“, dass es einen Bildungsverlust gibt. Das vorherrschende Merkmal seien „äußerliche Reize wie langer, hoher, lauter Ton oder die Häppchenkultur“.

Johannes Martin Kränzle, JMK:  Die Überschrift ist etwas reißerischer, als ich das  im Interview  formuliert hatte, weil ich nicht grundsätzlich finde, dass Festivals ein Zirkus sind. Was mich sehr stört, sind Konzerte, bei denen nur die „Leckerbissen“ – aus einem Kontext herausgerissen – präsentiert werden. Diese Effekthascherei mag ich persönlich gar nicht. Eine Berechtigung hat es vielleicht, dass sich der ein oder andere von einem „Hit“ neu zur Klassik führen lässt. Aber inhaltlich finde ich diese Veranstaltungen hohl. Das hat sogar Frau Merkel so schön bei der Eröffnung der Elbphilharmonie bemerkt, als auch nur Häppchen (aus jedem Opus nur ein Satz) zur Aufführung kamen: ‚Ach, ich hätte gerne einfach nur ein Werk vollständig gehört.’

LH: Ist nicht jetzt eine Gelegenheit darüber nachzudenken, was Kultur im Allgemeinen und Oper/Theater im Besonderen bedeuten, sie (neu) zu definieren und mit Inhalten füllen?

JMK: Die Situation ist tatsächlich risikobehaftet. Ob sich durch die Krise das Zuhören und Zusehen verändert, wäre – glaube ich – zu idealistisch gedacht. Vor allem durch die mediale Überfrachtung und allgemeine Schnelllebigkeit, die Konzentrationsmangel zur Folge haben, ist uns bereits Vieles abhanden gekommen. Ich war einmal bei einem DaschSalon (A.d.R.:eine von Annette Dasch moderierte Fernsehsendung) zu einer Übertragung im Fernsehen engagiert, und da hieß es: ‚Ihr Lied darf nicht länger als vier Minuten sein, weil sonst die Leute abschalten`. Feige Zwänge, wenn man nur auf Quoten schielen muss! Oder ein anderes Beispiel: ganz aktuell (jetzt diesen Samstag, 2.Mai 2020) lief im Fernsehen ein Hamlet aus dem Bochumer Schauspielhaus, der eigentlich zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Eine hochkonzentrierte Aufführung mit einer phänomenalen Sandra Hüller in der Titelrolle. Direkt im Anschluss wird eine Banalisierung des Hamlet-Stoffes als anbiedernde Unterhaltungssendung mit etlichen Clips von zig anderen Inszenierungen im Fünf-Sekundentakt gezeigt – anstatt die große Kunst einer Sandra Hüller an diesem Abend wirken zu lassen.

Auch in der Gesangskunst ist Bildung schon über Jahrzehnte hinweg verloren gegangen . Ein Beispiel: das Wissen darum, dass es nicht auf die hohen oder lauten Töne ankommt. Die Phrasierung und Gestaltung einer Rolle wurde mal weit wichtiger genommen. Ich bin eher pessimistisch, was die Wieder-Sensibilisierung der Kultur und mancher Kulturverantwortlicher und -schaffender angeht.

LH: I Welche Rolle spielt für Sie der Dirigent? Welche Dirigenten waren für Sie wichtig? Und daran anschließend, was macht einen guten Dirigenten für Sie als Sänger aus?

JMK:  Eine entscheidende Rolle. In den vielen Jahren in denen ich singe, habe ich gemerkt, was Dirigenten bewirken können. Wenn sie an der gesamten Produktion mitwirken, bei jeder Probe da sind, wenn es z.B. um Rezitative geht, auch ihre Meinung und Erfahrung einbringen. Das war bei Così fan tutte in Frankfurt mit Julia Jones so. Auch das Zusammentreffen mit Kirill Petrenko bei Palestrina und das gemeinsame Ergründen des Werkes war für mich maßgebend. Unvergesslich war die Arbeit mit Daniel Barenboim an meinem ersten Alberich im Ring in Mailand und Berlin. Wir haben die Partie Takt für Takt am Klavier akribisch bis zur kleinsten Phrasierung und Nuancierung durchgesprochen. Eine außergewöhnliche Begegnung hatte ich erst vergangenes Jahr mit dem Dirigenten Enrique Mazzola bei Don Pasquale in Zürich. Was er aus dieser Musik herauszaubern konnte, in einer wunderbaren Atmosphäre und dabei mit imponierendem Arbeitswillen. Er hat Don Pasquale (siehe youTube Video unten)schon vorher über hundert Mal dirigiert, trotzdem hatten wir Sänger das Gefühl, er findet mit uns eine individuelle neue Lesart und alle ziehen am selben musikalischen Strang. Es gab aber auch viele erfüllende Begegnungen mit weniger prominenten Dirigenten.

Don Pasquale hier mit J.M. Martin Kränzle als Don Paquale
youtube Trailer Opernaus Zürich
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LH: Wie erarbeiten Sie sich eine Partie?

JMK:  Zuerst mental. Ich lerne den Text separat vor der Musik, weil ich so Inhalte, Betonungen und Nuancen im Wort entdecke, dem sonst von der Musik bereits eine Richtung vorgegeben wird. Manchmal kann es sogar reizvoll sein, die textliche Bedeutung gegen die musikalische Atmosphäre zu stellen. Im Anschluss beginnt die Erarbeitung mit einem Korrepetitor. Das Lernen mit einem musikalischen Partner, dessen Echo und Korrektiv ist mir persönlich sehr wichtig.

LH: IWelche Rolle würden Sie gerne singen und als Figur darstellen?

JMK:  Ich habe Glück gehabt, dass ich schon über 120 Rollen singen durfte. Aber es gibt noch einen Wunsch: Wozzeck. In Paris konnte ich ihn in einer Wiederaufnahme – einer bestehenden spannenden Inszenierung – von Christoph Marthaler singen. Trotzdem würde ich mich gerne selber auf die Suche nach der Rolle in einer Neuinszenierung machen. Da ist der spannende Umbruch zwischen Romantik und Moderne, ebenso diese formale Strenge der Komposition Alban Bergs, die man vielleicht beim ersten Hören nicht erfassen kann, so natürlich und musikantisch erklingt sie. Büchners Vorlage ist schon exzellent. Da ist kein Wort zu viel, da stimmt jeder Punkt und jedes Komma. Und dann ist Wozzeck als Rolle auch eine, die sich über unzählige Arten erzählen lässt – schüchtern, still, aber auch aufmüpfig, rebellisch, grob. Es gibt so viele Interpretationsmöglichkeiten und es wäre mir eine Freude zu experimentieren, zu welchen Schattierungen ich gelange.

Künstler-Nöte in der jetzigen Corona-Pandemie

LH: I Sie unterrichten jetzt Online. Was möchten Sie angehenden Sängern und Sängerin vermitteln? Was ist das Wichtigste, um in diesem Beruf, der eine Berufung sein kann, zu bestehen? Sie haben in Köln, aber auch in Brasilien als Gastprofessor gearbeitet. Wie kam es dazu?

JMK:  Ach, das war ein Zufall. Ich habe zwischen Studium und den ersten Berufsjahren – quasi als Tourist – bei einigen internationalen Wettbewerben teilgenommen, so auch in Rio de Janeiro. Dort gewann ich mit meiner damaligen Glücksarie, der Cavatine des Barbiere di Siviglia, den „Ersten Großen Preis“. Daraufhin wurde ich eingeladen, in vielen brasilianischen Städten zu konzertieren, u.a. in Joao Pessoa, wo der dringende Wunsch geäußert wurde, dass ich unterrichten solle. Ich war damals 28, konnte kein Portugiesisch: Mir wurde ein Simultanübersetzer an die Seite gestellt und schon ging es los. Daraufhin ergaben sich mehrere Unterrichtsverpflichtungen in Nordostbrasilien. Letztlich hat sich dann Natal zum Mittelpunkt entwickelt, da dort für klassische Musik die nachhaltigste Infrastruktur vorhanden ist. Dort habe ich inzwischen über Jahrzehnte unterrichtet. Es ist schön zu sehen, dass die Studenten der ersten Stunde mittlerweile selbst Professoren sind. Vor einem Jahr habe ich dort ein soziales Projekt gegründet. Ich finanziere Kindern aus sehr armen Familien den Instrumentalunterricht sowie die Anschaffung der Musikinstrumente. Der größte finanzielle Aufwand geht allerdings an die Eltern, damit sie ihre Kinder nicht zum Arbeiten, sondern zum Musikunterricht schicken.

Die Zarenbraut  hier mit J.M. Martin Kränzle
youtube Trailer Teatro alla Scala
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LH:  Dürfen sich die Kinder das Instrument aussuchen?

JMK:  Da ich selbst mit Geige angefangen habe, habe ich mich für Streichinstrumente entschieden. Keine einfach zu beherrschenden Instrumente. Im Gegensatz zu Klavier, das andere Vorzüge hat, lernt man Intonation und Melodieführung, man „singt“ beinahe auf einer Geige, Bratsche oder einem Cello. Und mit dieser Instrumentenkombination können die Jugendlichen später auch zusammen musizieren.

LH:  Wann haben Sie vom Musiker zum Sänger gewechselt?

JMK:  Nach dem Abitur habe ich ein Jahr in Hamburg Musiktheaterregie studiert, was mir allerdings dort viel zu theoriebeladen war. Deshalb habe ich Aufnahmeprüfungen in ganz Deutschland in den verschiedensten Disziplinen gemacht – als Schauspieler, Geiger, Schulmusiker, sogar einmal als Dirigent. Nirgendwo war das so richtig erfolgreich, aber in Frankfurt gab es einen erfahrenen Gesangsprofessor, Martin Gründler, der mich in der Schulmusik- Aufnahmeprüfung gehört hat: „Du wirst Sänger. Bei Dir bin ich mir sicher.“ Es war ein Riesenglück, diesem wunderbaren Menschen damals begegnet zu sein.

LH: Zurück zur Ausgangsfrage nach dem Unterrichten. Sie unterrichten momentan Online? Was sind Ihre Erfahrungen? Was ist in diesem Beruf wichtig?

JMK:  In dieser Corona-Phase habe ich den ehemaligen Studenten aus meiner Zeit als Gastprofessor an der Musikhochschule in Köln angeboten, kostenlos Online-Unterricht bei mir zu nehmen. Auch sie haben momentan keine Einkünfte als Sänger. Die meisten stehen am Anfang ihrer beruflichen Karriere, sind in ersten Engagements, teilweise fest an Opernhäusern, teilweise freischaffend. Besonders für sie ist es gerade äußerst schwierig, weil die Produktionen, die schon vereinbart waren, abgesagt werden mussten und so der Berufseinstieg unterbrochen ist. Ich kann ihnen auf diese Weise wenigstens gesangstechnisches Feedback geben, da sie anderweitig kaum Rückmeldungen bekommen. Eine mentale und wirtschaftliche Durststrecke. Der Online-Unterricht ist dabei eingeschränkt befriedigend, weil die Schönheit der Stimme, der Obertonreichtum und das Timbre oft verzerrt wahrnehmbar sind. Also eine Notlösung und kein Ersatz für den realen Unterricht.

Grundsätzlich ist in diesem Beruf unabdingbar, Niederlagen wegstecken zu können und sich immer wieder neuen Aufgaben zu stellen. Notwendig ist ebenfalls, eine Sensibilität für sich und seine Möglichkeiten zu entwickeln. Wie schätze ich mich ein, was traue ich mir wann zu? Für den Sängerberuf sind diese Fragen überlebensnotwendig und bestimmen – neben gesundheitlichen Aspekten – wie lange eine Laufbahn dauert.

LH:  Es drängt sich einem der Eindruck auf, dass die heutigen jungen Sänger und Sängerinnen sehr schnell durchgeschleust werden und dann schnell verschwinden. Täuscht der Eindruck?

JMK:  Es gibt Studien die besagen, dass die heutigen Karrieren im Durchschnitt fünf Jahre dauern. Also erschreckend kurz. Die ZAV Künstlervermittlung gibt zu bedenken, dass der Sängerberuf mittlerweile ein „Teilberuf“ ist, d.h. dass man aller Wahrscheinlichkeit nach nicht bis ins Rentenalter auf der Bühne stehen wird. Die Schnelllebigkeit, die ich vorher bereits angesprochen hatte, zeigt sich auch hier. Die Sänger sind aber auch für sich selbst verantwortlich. Ein festes Engagement ist sicher immer noch der beste Einstieg in den Beruf: Man hat mal eine Rolle, die einem liegt, dann eine, die einem nicht liegt, und trotzdem wird man nicht gleich rausgeschmissen. Wenn ein junger Sänger nur mit seinen drei „Schokoladenrollen“ gastiert, kann er keine Vielseitigkeit entwickeln. Er hat auch nicht die Atem-Pausen kleiner oder mittlerer Rollen. Es ist anfangs heilsam, nicht dauernd die Hauptrollen zu singen, um nicht zu schnell müde und dann durch den Opernbetrieb durchgeschleust zu werden.
Bedauerlicherweise gibt es immer seltener gestandene, erfahrene Kollegen höheren Alters, die seit Jahrzehnten in ein und demselben Ensemble sind. Teilweise gab und gibt es auch Vorgaben an die Intendanten, keine Unkündbarkeiten auszusprechen. An einigen Theatern sind so die Sänger für manche Rollen viel zu jung. Immer häufiger gibt es nur noch ein sporadisches Ensemble der jeweiligen Intendanz.

Cosi fan tutte mit Johannes Martin Kränzle
youtube Trailer Royal Opera House, London
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LH: Ein Publikum identifiziert sich mit den Sängersolisten.

JMK:    Absolut, es will die gleichen Sänger in verschiedenen Rollen erleben. Große Stars und neuesten Namen ersetzen keine gewachsenen Identifikationsfiguren! Die glanzvollste Zeit hatte die Wiener Staatsoper in den fünfziger und sechziger Jahren mit ihrem berühmten Mozart-Ensemble. Diese Sänger übernahmen darüber hinaus sämtliche Repertoire-Partien mit größtem Erfolg. D.h. selbst in dieser Kulturmetropole ging die Idee eines gewachsenen Ensembles blühend auf.

LH: Sie haben eine Liste erstellt, die die beispielgebenden, die freien Mitarbeiter und Gäste unterstützenden Theater in der Corona-Krise aufzählt. Wie lange ist diese Liste inzwischen geworden?

JMK:  Die Liste war mit etwa acht Theatern anfänglich kurz. Inzwischen ist sie auf mindestens sechzig Häuser europaweit angewachsen. Obendrein hat sich ein Link zu amerikanischen Veranstaltern ergeben. Ich bin auf Meldungen einzelner Betroffener angewiesen und versuche die Liste ständig zu aktualisieren. Die Liste erhebt dabei keinerlei Anspruch auf Rechtsgültigkeit. Viele zahlen ein 50%-Ausfallhonorar, wie die Staatstheater Wiesbaden und Darmstadt, dann gibt es auch 100%-Gagenauszahlung wie beispielsweise in Bremen oder Passau. Es ist erfreulich, was sich zusammengefunden hat, aber es gibt auch so inakzeptabel geringe „Hilfs“-Angebote, die nicht zu den positiven Beispielen zählen können. Ich wollte mit dieser Liste die Helfenden transparent machen und nicht die Unterlasser anprangern. So manches große – bis zur Krise wohlsituierte – Opernhaus zahlt seinen Gastsängern bisher keine Gagen-Ausfälle. Das betrifft leider auch meine sämtlichen entfallenden Engagements.

Natürlich mussten sich die Rechtsträger und Theaterleitungen nach dem ersten Schock dieser Pandemie neu orientieren. Aber jetzt, bald sechs Wochen nach Beginn der ersten Maßnahmen, müsste finanziell schon geholfen worden sein. Sechs, vielleicht noch mehr Monate ohne jede Einnahme sind für alle Freischaffenden nicht zu verkraften. Dass es für die Freiberufler noch keine Leitlinie gibt, hat auch mit dem Föderalismus zu tun. Jedes Land, ja, jede Kommune stellt eigene Regeln auf. Es darf dadurch nicht – wie vor 1848 – nach Gutsherrenart abhängig vom „Fürstenhaus“ entschieden werden, wer entlohnt wird und wer nicht. Das „Wunder“ Oper, bei dem so viele auf engem Raum zusammenkommen, wird auf nicht absehbare Zeit pausieren müssen. Da helfen keine Rollenangebote für kommende Spielzeiten, sondern ist pekuniäre solidarische Unterstützung im jetzigen Moment gefragt.

Ganz aktuell haben sich alle Stadttheater der Kurzarbeit angeschlossen und ausdrücklich werden dort die sozialversicherungspflichtigen Gäste mit einbezogen: das ist ein äußerst wichtiger Schritt mit hoffentlich bundesweiter Vorbildwirkung, auch für die Staatstheater. Kulturstaatsministerin Grütters hat ebenfalls für die Institutionen, die der Bund mitfinanziert, eine tragfähige Lösung gefunden. So hoffe ich noch immer, dass sich die letzten öffentlich subventionierten Zauderer einreihen werden.

LH: IWelche Produktionen sind für Sie weggefallen, welche davon lagen Ihnen besonders am Herzen?

JMK:  Im Mai hätte ich mehrfach den Saint François d´Assise von Olivier Messiaen in der Elbphilharmonie gesungen. Über ein halbes Jahr habe ich mich auf diese riesige und monumentale Partie vorbereitet, eine der längsten der Operngeschichte überhaupt. Es ist ein enormer Aufwand, diese Rolle überhaupt zu erfassen, bevor man sie im Detail studieren kann. Dass dieses Engagement wegfällt, ist für mich schmerzlich. Leider gibt es bislang keinen Alternativtermin. Auch andere Engagements, eine CD-Aufnahme zum Beethovenjahr mit Fidelio unter Marek Janowski in Dresden, mein erster szenischer Klingsor im Münchner Parsifal, dann auch Bayreuth – alles abgesagt.

 LH: IWas bedeutet die Situation für Ihre Frau, sie ist auch freiberuflich?

JMK:  Zwar ist sie auch freiberufliche Sängerin, hat aber eine halbe Professur für Gesang an der Hochschule Osnabrück. Insofern hat sie im Moment wesentlich Konkreteres zu tun als ich. Sie gibt regelmäßig Online-Unterricht und hält Vorlesungen zu Fachdidaktik und verschiedenen anderen Themen. Momentan alles von Zuhause aus, dadurch sind wir viel zusammen. Normalerweise sind wir meist an unterschiedlichen Orten beschäftigt, schaffen es aber auch dann, viel Zeit für uns zu organisieren – nun ist alles ohne Reisen anders, aber auch sehr schön.

LH:  Johannes Martin Kränzle, wir danken Ihnen für das anregende Gespräch. Für Ihre Zukunft wünschen wir Ihnen gute Gesundheit und viele sängerische Erfolge

—| IOCO Interview |—

Wiesbaden, Rheingold-Preis 2019 – Johannes Martin Kränzle, Februar 2019

Mai 2, 2019 by  
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Johannes Martin Kränzle © Barbara Aumüller

Johannes Martin Kränzle © Barbara Aumüller

Johannes Martin Kränzle

 Johannes Martin Kränzle

Rheingold-Preis 2019   –  Richard Wagner-Verband Frankfurt

von Ljerka Oreskovic Herrmann

„Ich bin sicher, sie werden Sänger!“

Recht hatte er, Martin Gründler, „der“ große (und 2004 verstorbene) Gesangspädagoge an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt: Aus seinem „Schüler“ Johannes Martin Kränzle ist ein Sänger geworden und was für ein einer! Ein anderes denkwürdiges Zitat fiel von Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, der die Laudatio auf sein ehemaliges Ensemblemitglied hielt. Tags zuvor hatte er sich mit Antonio Pappano, Musikdirektor am Royal Opera House Covent Garden, London, getroffen und folgende Grüße von Pappano an Kränzle auszurichten: „Tell him: He’s the best!“ Und wie, um dies zu bestätigen, zählte Loebe die Partien auf, die der Bariton an der Oper Frankfurt gesungen hatte: dazu gehören u.a. Eisenstein (Die Lustige Witwe), Traveller (Tod in Venedig) oder Ford (Falstaff).

Johannes Martin Kränzle ist tatsächlich der Beste: 2018 erhielt er ein zweites Mal – nach 2011 – die Auszeichnung (Kritikerumfrage der Opernwelt) als bester Opernsänger des Jahres. In Frankfurt begann er in der Spielzeit1997/98 als Lescaut in Hans Werner Henzes Oper Boulevard Solitude, in der Regie von Nicolas Brieger. Ihm und auch Christoph Loy ist er bis heute verbunden, ja es ist sogar Freundschaft daraus geworden. Loys Inszenierung der Così fan tutte bezeichnet Kränzle als vielleicht beste Interpretation dieser Mozart-Oper, denn der Regisseur machte es eben nicht „wie alle“:

Aus einem Totenhaus – Leos Janacek
youtube TrailerOper Frankfurt – Kränzle hier als Siskov, Film Thiemo Hehl 2018
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Für Kränzle wurde Don Alfonso zur Paraderolle. Überhaupt hat er alle Mozartpartien an der Oper Frankfurt gesungen: Don Giovanni, Papageno – „nahezu unerreicht in der humanen Ausdeutung der Figur“ (Loebe) –, Conte Almaviva, Guglielmo und eben seinen unvergessenen und unnachahmlichen Don Alfonso. Aber Kränzle ist nicht nur ein gefragter Mozartsänger, sondern verbucht als Wagner-Interpret ebenso große Erfolge. Sein Beckmesser in Glyndebourne, London, an der MET in New York oder auch Bayreuth setzt durchaus Maßstäbe, als Alberich wird er in London gefeiert. Und folgerichtig erhält Johannes Martin Kränzle für seine „außerordentlichen Dienste als Wagnerinterpret und Liedsänger“ – so Dirk Jenders, Vorsitzender des Richard-Wagner-Verbands Frankfurt – den Rheingold-Preis 2019 und die Ehrenmitgliedschaft im RWV Frankfurt. Die Bodenhaftung habe sich, so Jenders, diese Künstlerpersönlichkeit bewahrt. Bewahrheitet hat sich diese Aussage sogleich, denn Kränzle half ganz selbstverständlich beim Aufbau von Tisch und Stühlen für das Gespräch mit Moderatorin und Vorstandsmitglied des RWV Hannelore Schmid. Und man möchte hinzufügen, ganz beiläufig auch seinen feinen Sinn für Humor hat aufblitzen lassen.

Es war eine Veranstaltung der „Liebe“ – Liebe zur Musik. Im kurzweiligen Gespräch zwischen Hannelore Schmid und dem Preisträger zeigte sich einmal mehr, warum man ihn auswählte: Kränzle ist nicht nur ein herausragender Bariton, sondern ein Darsteller ersten Ranges, der sich seiner jeweilig neu einzustudierenden Partie allumfassend nähert: Auf  Šiškov aus Leoš Janáceks Aus einem Totenhaus, den er in der vergangenen Spielzeit an der Oper Frankfurt verkörperte und sich grandios einverleibte, hat er sich ein Jahr vorbereitet. Er ist nach Prag gefahren, hatte einen Sprachcoach und wollte wissen und verstehen, was er singt – Noten allein reichen nicht immer aus. Und Tschechisch – zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehörend – ist nun nicht so geläufig in der Opernwelt wie Italienisch. Obwohl – da gibt es doch einige Opern!

 Oper Frankfurt / Aus einem Totenhaus - hier : Joachim Martin Kränzle als Siskov © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Aus einem Totenhaus – hier : Joachim Martin Kränzle als Siskov © Barbara Aumüller

Dass Kränzle ein geschätzter Liedsänger ist, konnte er dann unter Beweis stellen. Dafür hat er sich die Lieder von Bertold Brecht und Hans Eisler ausgesucht: Was wohl auch ein bisschen dem Umstand geschuldet sein könnte, dass Kränzle, als Augsburger, an dem großen Sohn der Stadt – für Kränzle der höchste Dichter deutscher Sprache – gar nicht vorbei kommen kann. Es sind gebrochene Figuren, Liebestolle oder Gescheiterte an der Liebe. Wie in der Oper, wo Kränzle die zerrissenen Figuren am liebsten verkörpert, sind diese Liebeslieder ebenso von Zwiespältigkeit gezeichnet; vielleicht können sie aber auch als Folgeerscheinung von Menschen, die ihr Leben im Exil – wie Brecht und Eisler – zubringen mussten, verstanden werden. Die Hollywood-Elegien gaukeln kein Happy End vor, vielmehr sind sie melancholisch wie die Stadt, die nach Engeln benannt wurde, oder einfach wunderbare knappe bissige Vertonungen. Kränzle weiß auch hier um den Inhalt, jedes Lied wird in seiner Darbietung zu einem eigenen kleinen Kosmos und Ereignis. Er hat dieser Lieder für ein Streichquartett bearbeitet, was auf eine weitere Bandbreite dieser Künstlerpersönlichkeit verweist: die des Komponisten.

Die zehn Lieder um Liebe für mittlere Stimme und ein Streichorchester hat der Komponist Kränzle seiner Ehefrau und Mezzosopranistin Lena Haselmann gewidmet. Für die Preisverleihung war die Fassung mit Streichquartett zu hören. Die Liedertexte stammen wieder von Brecht. Diese Lieder, so Kränzle, zeigen die lyrische, zarte Seite Brechts, der bissig-ironische Stil der Hollywood-Elegien ist zugunsten eines behutsamen, sanften Duktus’ gewichen. Der Brechtschen Sprache kommt Kränzle entgegen – ja man spürt seine Liebe zum Dichter –, lässt sie aufblühen, seine Musik klingt heiter oder zuweilen auch forsch, manchmal sind Tangoanleihen – wie in Liebeslied aus einer schlechten Zeit – zu hören. Und es ist natürlich eine Liebeserklärung an seine Frau und ihre Stimme.

Musikalisch unterstützt wurde das Ehepaar Haselmann-Kränzle von den Musikerinnen des Malion-Quartett. Das noch „junge“, 2017 gegründete Ensemble besteht aus Musikerinnen aus Frankfurt und Stuttgart: Sophia Stiehler, Jelena Galic, Ulla Knuuttila und Bettina Kessler spielten sich gleichwohl in die Herzen des vorwiegend aus Mitgliedern des Wagnerverbandes bestehenden Publikums.

Abgerundet wurde der Nachmittag mit Johannes Brahms und dem Sänger-Ehepaar Haselmann-Kränzle: Es erklangen Brahms Lieder op. 28, Nr. 2 und Nr. 3, Duette für Alt und Bariton, die der (unverheiratete) Hamburger Komponist zwischen 1860 und 1863 komponiert und ebenfalls einer Frau, Amalie Joachim, gewidmet hat. Ein schöner Abschluss, der mit viel Applaus belohnt wurde.

—| IOCO Portrait |—

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