Mainz, Staatstheater Mainz, Ab 30.5. – Der Bärbeiß, Krabat und mehr, IOCO Aktuell 21.05.2020

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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz spielt wieder  –  Ab  30.5.2020

Wir sind wieder im Spiel!  – mit –  Der Bärbeiß, Krabat und mehr

Ab Ende Mai dürfen nach Beschluss der Landesregierung die Theater in Rheinland-Pfalz ihre Türen öffnen. Das wollen wir natürlich unbedingt tun und arbeiten mit Hochdruck daran, unter allen Sicherheitsauflagen, die wir sehr ernst nehmen, in den Wochen bis zur Sommerpause einen anregenden und allen Beteiligten gegenüber zu verantwortenden Spielplan anzubieten. Karten für alle Vorstellungen gibt es ab dem 27. Mai 2020, ab dann ist auch die Theaterkasse wieder physisch zu den gewohnten Zeiten geöffnet. Gerade Kindern und Eltern wird derzeit einiges abverlangt. Darum haben wir uns ganz bewusst entschieden, mit einer Familienvorstellung unser Sonderprogramm zu eröffnen – ab dem 30.5.2020 spielen wir im Kleinen Haus Der Bärbeiß: Und natürlich hat die grummelige Hauptfigur so ihre ganz eigene Meinung zur Lage der Dinge. Mit Krabat bieten wir zudem noch ein weiteres Stück für Kinder und Jugendliche an, die berüchtigte Mühle im Koselbruch ist zwar unheimlich, aber immerhin groß genug, um allen Darsteller*innen den nötigen Abstand einräumen zu können.

Der Bärbeiss – im Kleinen Haus – Mainz ist wieder im Spiel!
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Dem großen Einsatz und Engagement des Teams und Ensembles um K.D. Schmidt haben wir zu verdanken, dass wir uns doch noch auch in dieser Spielzeit auf eine Premiere im Schauspiel freuen dürfen! Gemeinsam haben sie in den letzten Wochen einen künstlerischen Weg gefunden, Tage des Verrats so zu inszenieren, dass es keine hygienischen Einwände geben kann. Moralisch allerdings bleiben die handelnden Figuren in diesem Stück über Macht und Politik absolut fragwürdig. Ab dem 7. Juni laden wir Sie herzlich ein, sich das im Kleinen Haus anzusehen. Mit Abstand am leidenschaftlichsten dürften in unserem Sonderspielplan die Vorstellungen von Werther sein, zu denen wir ins Große Haus bitten – und wiederum im Kleinen Haus heißt es Abschied nehmen von Ramstein Airbase – Game of Drones. Außerdem fragt sich Vincent Doddema passend zu Gesamtlage Was denn da fehlt oder Wie ich im Internet Foucault kennen lernte. 2/3 Der Tanz stellt uns alle vor besondere Herausforderungen, denn Nähe zu vermeiden und dennoch aufregendes Tanztheater zu zeigen, verlangt viel Einfallsreichtum und künstlerische Offenheit.

Wir freuen uns darum riesig, dass Pierre Rigal, der Choreograf von Welcome Everybody, seine durch Corona zusätzlich entstandene Zeit mit dem tanzmainz-Ensemble genutzt hat, um eine völlig neue Kreation zu entwickeln! Künstlerisch gesehen, sind Soli derzeit das Gebot der Coronastunde und so kommen die Zuschauer*innen in den Genuss einer besonderen Produktion, die es nicht gegeben hätte, wenn aus der erzwungenen Pause nicht neue Kreativität entstanden wäre. Konsequenterweise heißt das Stück auch so: Extra Time wird am 14.6. im Großen Haus uraufgeführt! Generalmusikdirektor Hermann Bäumer und das Philharmonische Staatsorchester (in reduzierter Besetzung) freuen sich ebenfalls auf ihre Rückkehr ins Große Haus: Sie laden ein zum Sinfoniekonzert mit Werken von Ludwig van Beethoven und Josef Suk, die Solovioline spielt Naoya Nishimura. Schauspiel, Tanz und Konzert sind damit wieder im Spiel und natürlich wollen wir auch so bald wie möglich mit dem Musiktheater die Bühne zurückerobern.

Krabat – im Kleinen Haus – Mainz ist wieder im Spiel!
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Wer möchte dem Staatstheater ein Sofa spenden ? Bitte melden !

Die Oper stellt uns allerdings vor die komplexeste Aufgabe und hier heißt es darum noch, die weiteren Entwicklungen und Vorgaben abzuwarten – die wir dann umgehend umsetzen werden. Alles anders im Zuschauerraum – machen Sie es sich bequem! Wir gestalten in diesen Tagen den Zuschauerraum des Kleinen Hauses um und nutzen die verordnete Distanz für mehr Gemütlichkeit! Viele haben in den letzten Wochen ihr Zuhause neu eingerichtet. Das Staatstheater bietet allen ausrangierten Sofas einen Ehrenplatz im Kleinen Haus! Nach gründlicher Reinigung und Desinfektion wird es zum Zuschauermöbel, sodass die Besucher*innen ebenso bequem wie geschützt eine völlig neue Theatererfahrung machen können. Wer sein Sofa (nur Ein- und Zweisitzer) oder Sessel dem Theater spenden möchte, schickt bitte ein Foto und die ungefähren Maße an kommunikation@staatstheater-mainz.de. Die Kolleg*innen melden sich und holen das Sofa ins Theater. Außerdem werden alle edlen Spender*innen zur Generalprobe von Tage des Verrats eingeladen, die sie dann vom eigenen Sofa aus verfolgen können. Theater – aber sicher. Im Zuschauerraum, in den Foyers, auf und hinter der Bühne:

Die große Freude, wieder spielen zu können, geht einher mit einem ebenso großen Verantwortungsgefühl. Um alle Beteiligten zu schützen, haben wir umfangreiche Maßnahmen getroffen. Und einiger theatraler Ehrgeiz gilt dem Ziel, in nötigen Vorkehrungen kreatives Potenzial zu entdecken. Denn Humor und Phantasie sind keine schlechten Waffen gegen das Virus. Dank an die Abonnent*innen

Ein besonders großer Dank der Theaterleitung und aller Kolleginnen und Kollegen im Staatstheater geht ausdrücklich an die Abonnentinnen und Abonnenten – für zahlreiche Zeichen der Solidarität und für die große Treue. Wer ein Abo hat, ist in nächster Zeit mit einem Vorkaufsrecht klar im Vorteil: Aufgrund der Beschränkungen wird es weit weniger Plätze im Zuschauerraum geben, diese dürften sehr begehrt sein.

Für Abonnent*innen ist in jeder Vorstellung ein Kontingent reserviert! Dass wir in verrückten Zeiten leben, gerinnt bereits zur Phrase. Und doch ist zu erwarten, dass uns all das, was gerade passiert, im Wortsinne ver-rücken wird. Denn es macht etwas mit unserer Gesellschaft. In die anfängliche Utopie einer in der Not entstehenden neuen Gemeinsamkeit kommen erste Risse, wenn wir nicht sehr aufpassen, vertiefen sie sich und teilen die Welt in Gewinner und Verlierer.

Die wirtschaftlichen Folgen treffen uns unterschiedlich hart und Schuldige werden gesucht. Die Verächter der Demokratie harren ihrer Stunde. Wir sind darum sehr froh, dass wir, auch wenn vieles anders sein wird als vorher, wieder im Theater zusammen sein können. Um miteinander ins Gespräch zu kommen, um die Geschichten auf der Bühne als das nehmen, was ihre wichtigste Kraft ausmacht: Anlass zur Auseinandersetzung mit uns selbst und mit der Frage, wie wir, auch in verrückten Zeiten, aufrichtig und gut miteinander leben können.

—| Pressemeldung Staatstheater Mainz |—

Mainz, Staatstheater Mainz, Spielplan 2020/21

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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Spielplan 2020/21

Eigentlich sollte in diesen Tagen das frisch gedruckte Jahresheft mit dem Spielplan für 2020/21 vorliegen, den wir Ihnen wie üblich in einer Pressekonferenz vorgestellt hätten. Eigentlich. Denn nun haben wir den Druck vorerst gestoppt. Da wir nicht wissen, wann wir wieder spielen können, ist eine sinnvolle Terminplanung der kommenden Saison noch nicht möglich. Stattdessen operieren wir mit unterschiedlichen Szenarien (Spielbeginn im späten Frühling, kurz vor den Ferien oder erst nach den Ferien), jede Verschiebung hat weitreichende Auswirkungen auf den Probenplan, die Disposition, die Verfügbarkeit der künstlerischen Teams — ein Mehrspartenhaus ist ein kompliziertes Gebilde.

Denn was wir spielen wollen, haben wir gemeinsam mit
Generalmusikdirektor Hermann Bäumer, mit den
Kolleg*innen in der Dramaturgie und der Tanzdirektion
in den letzten Monaten entworfen – und das hat natürlich
weiter Bestand.

SCHAUSPIEL
Manches im Spielplan bekommt vor der Folie der aktuellen Lage eine zusätzliche, schärfer konturierte Dimension. Wir erleben gerade, dass ein politischer und gesellschaftlicher Diskurs komplett unter dem Mandat der gesundheitlichen Fürsorge stattzufinden hat. So vernünftig das ist — es erstickt die Stimmenvielfalt, von der Demokratien leben. Zeitgleich scheint sich Europa zu verabschieden, die Nationen ziehen sich auf sich selbst zurück und Autokraten nutzen die Gunst der gefährlichen Stunde. Der Begriff der Nation ist ein wichtiges Motiv im Schauspielplan 20/21, ebenso wie Texte, die sich mit einem Ausnahmezustand, sei er gesellschaftlich oder privat, auseinandersetzen — denn natürlich hat sich die dramatische Literatur immer für diesen besonders interessiert. Unser Alltag fühlt sich derzeit an wie eine einzige große Ausnahme, das gesellschaftliche Leben ist zum Stillstand gekommen.

Für eine Gesellschaft von Individualisten, die gewohnt sind, über alles und vor allem über sich selbst frei verfügen zu können, und diesen Zustand zumindest unbewusst für unerschütterlich hielten, bedeutet das einen kulturellen Schock. Dabei vergessen wir, dass zumindest die Alten und Älteren unter uns sich noch an eine Welt im Ausnahmezustand erinnern können. Im Jahr 2020 jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal, im Jahr 2021 die Reichsgründung zum 150. Mal. Zwei grauenhafte Kriege, Teilung und Wiedervereinigung — manche einschneidenden Ereignisse werden langsam aber sicher zu bloßen historischen Fakten, die an die Stelle von persönlichen Erinnerungen treten. Die Zeitzeug*innen der Kriegs- und Nachkriegszeit werden immer weniger, lange können wir sie nicht mehr befragen.

Also versichern wir uns im Schauspielplan der kommenden Saison der Zeugenschaft in der Literatur — Autor*innen insbesondere des 20. Jahrhunderts, die als literarische Chronist*innen ihrer Zeit für uns wertvoll sind. Denn wir spüren gerade in überfordernden Zeiten wie diesen, dass es hilfreich für die Gegenwart und erst recht für den Entwurf von Zukunft ist, die Vergangenheit nicht zu vergessen.

Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Anna Seghers, Rainer Werner Fassbinder, Franz Xaver Kroetz sind solche Autor*innen, deren Werke wir aus genanntem Grund auf den Spielplan gesetzt haben. So unterschiedliche Töne sie anschlagen, ist ihnen zugleich gemein, dass sie sich in einer Poetik der kritischen Zeitgenossenschaft bewegen, ihre Texte mischen sich ein, beziehen Partei, sind kämpferisch, sprachmächtig und wirkungsvoll. Mutter Courage (Regie: K.D. Schmidt), Der Untertan (Regie: Christoph Frick), Transit (Regie: Brit Bartkowiak),

Die bitteren Tränen der Petra von Kant (Regie: Pauline Beaulieu) und Nicht Fisch nicht Fleisch (Regie: K.D. Schmidt) und viele andere Stücke erzählen davon, was die gesellschaftlichen Bedingungen ganz konkret für die Figuren bedeuten, ihre Geschichten werden von und mit der Geschichte geschrieben — und umgekehrt. Ihre fiktiven Biografien wurzeln zugleich im Boden der sehr speziellen deutschen Historie. Das kann übrigens auch bei aller (oder vielleicht wegen aller) Realitätsspiegelung ausgesprochen komisch sein, wie in Sven Regeners Herr Lehmann in einer Inszenierung von Jule Kracht. Sprachmächtig und zugleich ein Spiel mit der Macht — und der Gewalt — der Sprache ist Friedrich Schillers Kabale und Liebe, das unser neuer Hausregisseur Alexander Nerlich im Großen Haus inszenieren wird.

Außerdem gehen wir Projekte an, die sich noch konkreter mit der deutschen Geschichte beschäftigen — die natürlich immer Teil der europäischen Geschichte ist. Der flämische Autor Stijn Devillè schreibt in unserem Auftrag ein Stück, das sich mit dem Versailler Vertrag und seinen Folgen auseinandersetzt, Hans Werner Kroesinger, bekannt für seine Theaterrechercheprojekte, wird sich künstlerisch dem Westwall widmen und Ensemblemitglied Denis Larisch der immer noch nicht überwundenen Fremdheit zwischen Ost und West.

Damit soll im Staatstheater Mainz auch für Künstler* innen der Raum geschaffen werden, neue Texte zu entdecken und zu entwickeln, Freiräume, in denen Autor*innen, Regisseur*innen und Ensemblemitglieder gemeinsam etwas ganz Neues schaffen — fünf Uraufführungen sind 20/21 im Schauspiel zu erleben.

MUSIKTHEATER
Die Eröffnungspremiere der Oper entstand genau in der Umbruchszeit der Reichsgründung, ihre Uraufführung 1873 wurde wegen der Wirtschaftskrise („Gründerkrach der Börsen“) mehrfach verschoben —

Die Fledermaus
von Johann Strauß wurde also geboren in einer Ausnahmesituation, womit wir wieder beim Thema wären. Die Sehnsucht nach kluger Unterhaltung wird bei uns durch die verordnete Vereinzelung unserer Zeit befeuert und so ist der Saisonstart mit einem rauschhaften Champagnerwerk Grund zur Vorfreude, die Produktion entsteht in Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg und der Opéra National du Rhin, die musikalische Leitung liegt bei Daniel Montané, es inszeniert Waut Koeken.

Danach wird es in der Opernsparte zeitgenössisch: Wie schon mit Perelà widmet sich das Staatstheater der Deutschen Erstaufführung einer französischen Oper. Entstanden 1937, ist dieses ungewöhnlicher Weise von zwei Komponisten (Arthur Honegger und Jacques Ibert) gemeinsam geschaffene Werk eine einzigartige Mischung aus Walzerklängen, Revolutionsliedern und französischer Musiksprache. L‘Aiglon ist eine Auseinandersetzung mit der grausamen Realität des Krieges — erzählt über die Geschichte des Sohnes von Napoleon, dessen Herrsch- und Kriegslust jäh stirbt, als er die Stimmen der Gefallenen hört. Generalmusikdirektor Hermann Bäumer steht am Pult, die Regie liegt in den Händen von Anselm Dalferth.

Neben zwei eher seltener gespielten Werken von Giuseppe Verdi (Ernani — Musikalische Leitung: Daniel Montané, Inszenierung: Barbora Horáková Joly) und Wolfgang Amadeus Mozart (La finta giardiniera — Musikalische Leitung: Christian Rohrbach, Inszenierung: Cordula Däuper) ist — wie im Schauspiel — auch das Programm der Oper 2020/21 geprägt durch Künstler* innen des 20. und 21. Jahrhunderts: Wolfgang Rihm, Claude Vivier sowie Isabel Mundry. Rihms Die Eroberung von Mexico werden im Großen Haus zu erleben sein und wir freuen uns auf ein Wiedersehen — und hören mit Robert Houssart als Dirigent und Elisabeth Stöppler als Regisseurin. Einem anderen Eroberer folgen wir an einen auch für uns neuen Ort: Claude Viviers Marco Polo wird in den noch leeren Räumen des neuen Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz (RGZM) Premiere haben (Musikalische Leitung: Hermann Bäumer, Inszenierung: Stefanie Hiltl). Im Dickicht von Isabel Mundry und Händl Klaus ist eine Uraufführung in Koproduktion mit den Schwetzinger SWR Festspielen, musikalisch geleitet von Samuel Hogarth und inszeniert von David Hermann.

Mit einem großen Werk des 19. Jahrhunderts stellt sich der neue Hausregisseur im Schauspiel, Alexander Nerlich, auch in der Oper vor: Carl Maria von Webers Der Freischütz gilt als der Inbegriff der romantischen Oper — und doch sind die Themen Glaube und Aberglaube, sozialer Druck und Versagensangst so weit weg nicht von unseren heutigen Nöten. Das Philharmonische Staatsorchester dirigiert Hermann Bäumer.

TANZ
Für tanzmainz stellt sich die Frage nach der Entstehungszeit der Werke weiterhin nicht, denn die erfolgreiche Tanzsparte wird als „Place of Creation“ auch weiterhin grundsätzlich originäre Werke erschaffen. Dafür aber stellt sich in allen Produktionen eine andere im Wortsinne existenzielle Frage – nämlich die nach der Identität. Ikarus will in der Choreografie von Felix Berner herausfinden, wie nah man denn nun der Sonne kommen kann — also: wie viel Risikobereitschaft es braucht, damit man über sich hinauswächst. The Cell des taiwanesischen Choreografen Po-Cheng Tsai bleibt nah am Menschen, an seinen vielen Facetten, die in einer Persönlichkeit miteinander ringen — dabei verbindet er zeitgenössischen westlichen Tanz, Urban Dance und asiatische Bewegungstraditionen. Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero sind seit ihrer gefeierten Produktion Hochzeit in Mainz keine Unbekannten mehr. Inspiriert von Igor Strawinskys Musik und gemeinsam mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz suchen sie in Le Sacre nach heutigen Entsprechungen des ungezügelten bäuerlichen Lebens — und werden fündig in der Subkultur des Londoner Nachtlebens.

Vor der aktuellen Kulisse einer nie dagewesenen gesellschaftlichen und sozialen Abstinenz erscheint diese Feier der Freiheit fast schon wie ein utopisches Moment. wannabee (not) me von Willi Dorner ist die zweite Produktion des Staatstheaters für die neuen Räume des RGZM – eine Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit, mit der Suche nach dem eigenen Ich. Und mit Sphynx, der Uraufführung von Rafaële Giovanola, sind wir schließlich bei all dem Rätselhaften angelangt, das uns ausmacht und das sich im Bewegungsuniversum von uns Menschen ausdrückt — eine Einladung zum Perspektivwechsel.

JUSTMAINZ
Selbstverständlich erwartet auch Kinder und Jugendliche 2020/21 wieder ein voller Spielplan. Gleich zwei Familienstücke stehen auf dem Programm: Timm Thaler im Kleinen Haus und im Großen Haus Die Bremer Stadtmusikanten. Dazu kommen Produktionen aller Sparten auf allen Spielstätten — unter anderem mit dem Kindermusiktheater Wunderland und der oben bereits genannten Tanzproduktion Ikarus. Auch wenn wir nicht wissen, wann wir wieder spielen können: Sicher ist, dass die Premieren, die in diesen Wochen ausfallen — von dem Musiktheater Al gran sole carico d’amore, das wir wenige Stunden vor der Premiere absagen mussten, über das Schauspiel Tage des Verrats bis zur Tanzuraufführung Welcome Everybody, dessen Titel gerade unangenehm ironisch klingt, nachgeholt werden, wenn nicht in dieser, dann in der nächsten Spielzeit!

BIS BALD
… steht seit fast vier Wochen auf einem Banner am Großen Haus des Staatstheaters. Ein leeres Theater ist ein Unort. Und für uns bedeutet es eine Zerreißprobe, gerade jetzt nicht gegen das anspielen zu können, was um uns herum geschieht. Wenn Meinungsfindung ausschließlich im Netz und in den Medien stattfindet, fehlt eine wichtige Dimension. Die kulturelle ebenso wie die politische Versammlung sind ein wichtiges gesellschaftliches Korrektiv, seit der antiken Agora ist die Kraft der Versammlung integraler Bestandteil der Demokratie. Und wir brauchen Theater, brauchen eine andere als die rein faktische Ebene, wollen uns an die Fersen von Figuren heften, die uns fiktives Erfahrungswissen voraushaben, wollen uns in den Stoffen aus allen Jahrhunderten abgleichen mit dem, was gedacht, erlebt und gedichtet wurde.

Die Perspektive zurück auf die Entstehung einer Nation und ihre wechselhafte Geschichte, die wir vor allem im Schauspiel 2020/21 einnehmen, führt uns zu der Frage, was wir heute daraus machen. Wie gestalten wir Gesellschaft in einer Zeit, in der Soziologen uns als selbstinszenierungssüchtige Singularitäten beschreiben? Und wie wird unsere Welt nach diesem Ausnahmezustand, in dem wir soziale Distanz verordnet bekamen, aussehen? Sicher ist: Wir werden wieder spielen und wir werden das Theater brauchen, wenn wir bald, hoffentlich sehr bald, auf diese Zeit zurückblicken.


Spielzeit 20/21


Premieren 2020/21

Die Fledermaus
Johann Strauß
Oper, Großes Haus
Musikalische Leitung: Daniel Montané
Inszenierung: Waunt Koeken
In Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg
und der Opéra national du Rhin

Die bitteren Tränen der Petra von Kant
Rainer Werner Fassbinder
Schauspiel, U17
Inszenierung: Pauline Beaulieu
Eine Koproduktion mit Les Théâtres de la Ville de
Luxembourg

Herr Lehmann
Sven Regener
Schauspiel, Kleines Haus
Inszenierung: Jule Kracht

Grenzenlos Kultur
Inklusives Theaterfestival
Kleines Haus, U17 und andere Spielstätten

Kabale und Liebe
Friedrich Schiller
Schauspiel, Großes Haus
Inszenierung: Alexander Nerlich

Sensemann & Söhne (UA)
Jan Neumann
Schauspiel, Kleines Haus
Inszenierung: Jan Neumann
In Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater
Weimar

L’Aiglon (DE)
Arthur Honegger, Jacques Ibert
Oper, Großes Haus
Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
Inszenierung: Anselm Dalferth

Ikarus (UA)
Felix Berner
Tanz, U17
Choreografie: Felix Berner

Die Bremer Stadtmusikanten
Marc Becker nach den
Gebrüdern Grimm
Schauspiel, Großes Haus
Inszenierung: Marc Becker

The Cell (UA)
Po-Cheng Tsai
Tanz, Kleines Haus
Choreografie: Po-Cheng Tsai

Nicht Fisch nicht Fleisch
Franz Xaver Kroetz
Schauspiel, U17
Inszenierung: K.D. Schmidt

Der Freischütz
Carl Maria von Weber
Oper, Großes Haus
Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
Inszenierung: Alexander Nerlich

Transit
Anna Seghers
Schauspiel, Kleines Haus
Inszenierung: Brit Bartkowiak

Die Eroberung von Mexico
Wolfgang Rihm
Oper, Großes Haus
Musikalische Leitung: Robert Houssart
Inszenierung: Elisabeth Stöppler

Wunderland
Anno Schreier
Oper, U17
Musikalische Leitung: Paul-Johannes Kirschner

Fastnachtsposse
Großes Haus

Der Widerspenstigen Zähmung
William Shakespeare
Schauspiel, U17
Inszenierung: Stephanie van Batum

Mutter Courage und ihre Kinder
Bertolt Brecht
Schauspiel, Kleines Haus
Inszenierung: K.D. Schmidt

Le Sacre (UA)
Koen Augustijnen & Rosalba Torres
Guerrero
Tanz, Großes Haus
Choreografie: Koen Augustijnen und
Rosalba Torres Guerrero
Musikalische Leitung: Hermann Bäumer

Ernani
Giuseppe Verdi
Oper, Großes Haus
Musikalische Leitung: Daniel Montané
Inszenierung: Barbora Horáková Joly

AufSichtBeton (UA)
Denis Larisch
Schauspiel, Orchestersaal
Ein Projekt von Denis Larisch

tanzmainz festival #4
Großes Haus, Kleines Haus, U17

Marco Polo
Claude Vivier u. a.
Oper, RGZM
Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
Inszenierung: Stefanie Hiltl

Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen
James Krüss
Schauspiel, Kleines Haus
Inszenierung: Asl? K?slal

La finta giardiniera
Wolfgang Amadeus Mozart
Oper, Großes Haus
Musikalische Leitung: Christian Rohrbach
Inszenierung: Cordula Däuper

Einfache Leute (UA)
Anna Gschnitzer
Schauspiel, U17
Inszenierung: Alexander Nerlich

wannabee (not) me (UA)
Willi Dorner
Tanz, RGZM
Choreografie: Willi Dorner

Sphynx (UA)
Rafaële Giovanola
Tanz, Kleines Haus
Choreografie: Rafaële Giovanola

Westwall (UA)
Hans Werner Kroesinger
Schauspiel, U17
Text, Konzept: Regine Dura, Hans-Werner Kroesinger
Inszenierung: Hans-Werner Kroesinger

Im Dickicht (UA)
Isabel Mundry, Händl Klaus
Oper, Kleines Haus
Musikalische Leitung: Samuel Hogarth
Inszenierung: David Hermann
Eine Koproduktion mit den Schwetzinger SWR Festspielen
Theaterclubs
U17

Der Untertan
Heinrich Mann
Schauspiel, Kleines Haus
Inszenierung: Christoph Frick

Wiederaufnahmen Oper

Al gran sole carico d’amore
Luigi Nono
Großes Haus

Carmina Burana
Carl Orff
Großes Haus

Comedian Harmonists
Gottfried Greiffenhagen und
Franz Wittenbrink
Kleines Haus

Das Kind der Seehundfrau
Sophie Kassies,
Robin Schulkowsky
U17

Das Tal der Ahnen (UA)
Eine imaginäre Prärie mit Werken von
Henry Purcell, Franz Kafka, Frank
Zappa u. a.
Filiale

Fish Forward (UA)
Musiktheater mit Werken
von Hogarth, Beethoven und Böll
Kleines Haus

Klangjäger
nach einer Idee des Theaters
Pilkentafel
Mobil (Klassenzimmerstück)

Manon Lescaut
Giacomo Puccini
Großes Haus

The Producers
Mel Brooks und Thomas Meehan
Großes Haus

Zweieinander (UA)
Anselm Dalferth,
Ina Karr, Birgit Kellner,
Johannes Stange, Joss Turnbull

Wiederaufnahmen Schauspiel

Aggro Alan (DSE)
Penelope Skinner
Filiale

Der Bärbeiß
Annette Pehnt
U17

Die Physiker
Friedrich Dürrenmatt
Kleines Haus

Drei Schwestern
Anton Tschechow
Kleines Haus

Hexenjagd
Arthur Miller
Kleines Haus

Krabat
Otfried Preußler
Kleines Haus

Nachts (bevor die Sonne aufgeht) (DSE)
Nina Segal
Filiale

Sophia, der Tod und ich
Thees Uhlmann
Filiale

Tage des Verrats (DSE)
Beau Willimon
Kleines Haus

Was denn da fehlt oder Wie ich im Datingportal Foucault kennen lernte (UA)
Vincent Doddema
Filiale
Wer werden (UA)
Hannah Biedermann
U17

Werther
nach Johann Wolfgang von Goethe
Großes Haus

Wiederaufnahmen Tanz

kreuz&quer (UA)
Felix Berner
Glashaus

Popcorn (UA)
Andreas Denk
U17

Soul Chain (UA)
Sharon Eyal
Kleines Haus

Welcome Everybody (UA)
Pierre Rigal
Großes Haus

—| Pressemeldung Staatstheater Mainz |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Krabat – Plädoyer für Zivilcourage, IOCO Kritik, 21.1.2017

Stuttgarter Ballett

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgarter Ballett fesselt: Krabat von Demis Volpis

 „Plädoyer für Zivilcourage, Empathie und Achtsamkeit“ 

Von Peter Schlang

„Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal, die klappert so leis vor sich hin…“   ist eines jener Volkslieder, die neben weiteren Liedern und zahlreichen anderen Äußerungen bzw. Darstellungen in allen Kunstformen bis heute das Leben von Müllerin und Müller verklären und vom Leben und von der Arbeit in einer Mühle ein eher romantisches Bild zeichnen.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Elisa Badenes als Kantorka - Alicia Amatriain als Worschula - Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Elisa Badenes als Kantorka – Alicia Amatriain als Worschula – Ensemble © Stuttgarter Ballett

Ganz anders stellt der 2013 verstorbene Otfried Preußler den Alltag in einer Mühle in seinem autobiografisch gefärbten Roman Krabat  dar, der Demis Volpi als Vorlage für sein gleichnamiges erstes Handlungsballett diente, das im März 2013 am Stuttgarter Ballett uraufgeführt wurde. Nachdem sich Krabat seinerzeit sehr schnell zum absoluten Publikumsmagneten entwickelt hatte, stand er zwei Jahre nicht mehr auf dem Spielplan des Stuttgarter Balletts, zu dessen Haus-Choreograf Demis Volpi inzwischen aufgestiegen ist. Am vergangenen Wochenende erlebte dieses in Tanz übersetzte Plädoyer für Menschlichkeit und ein mutiges Eingreifen in Missstände im Stuttgarter Opernhaus seine Wiederaufnahme und erwies sich dabei angesichts der neueren gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen als noch be(d)rückender und aktueller, als es das Ballett zum Zeitpunkt seiner Entstehung schon war. Es bedarf keiner großen Prophetengabe, um vorauszusagen, dass die Geschichte um den Müllerburschen Krabat auch dieses Mal die Besucher in Scharen anziehen und vielleicht sogar neue Besucherrekorde aufstellen wird.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Elisa Badenes als Kantorka - David Moore als Krabat © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Elisa Badenes als Kantorka – David Moore als Krabat © Stuttgarter Ballett

Einen großen Anteil daran kann neben der eigentlichen Ballett-Vorstellung und der dem Erfolg dieses Abends eine weitere Grundlage schenkenden Musik dem von Katharina Schlipf geschaffenen Bühnenbild zugeschriebenen werden. Die in Rottweil geborene Bühnen- und Kostümbildnerin, die schon mehrere Male mit Demis Volpi zusammengearbeitet hat, baute für alle drei Akte den aus mehreren hundert Mehlsäcken bestehenden fensterlosen Innenraum der Mühle nach. Dieser wirkt wie eine dunkle, gewaltige Mauer und wird in Wahrheit für die je zwölf Müllergesellen und ihre Seelen auch zu einem bedrohlichen, unüberwindbaren Gefängnis. Die ungeheure Wirkung dieses lebensfeindlichen, hermetischen Gevierts wird durch die fabelhafte Lichtregie der in Kanada lebenden Licht-Designerin Bonnie Beecher meisterhaft ergänzt und verstärkt. Sie taucht das riesige Sackgebirge in fahle, düstere Schattierungen, die, selten durch hellere Einsprengsel lebenswerter erscheinend, nicht nur das Dunkle und Gefährliche der Mühle betonen, sondern auch den Seelenzustand der dort zur Arbeit gezwungenen jungen Burschen widerspiegeln.

In dieser düsteren, an ein Arbeitslager erinnernden Umgebung erzählt der 1985 in Argentinien geborene Choreograf und Tänzer einfühlsam und spannend die Geschichte des Waisenjungen Krabat, der wie andere Jungen seines Alters und in ähnlicher Situation den Verführungskräften des (Müller-)Meisters erliegen und in jene geheimnisvolle Mühle eintreten, in der sie nicht nur das Müllerhandwerk erlernen sollen. Vielmehr werden sie dort auch in der „Kunst der Künste“, der Schwarzen Magie, unterrichtet und ketten sich dafür in Wahrheit unentrinnbar an ihren Lehrmeister. Erst nach und nach erkennen die Müller- und Zauberer-Gesellen, welche Auswirkungen dies für sie hat und dass die sich jährlich wiederholende Opferzeremonie nur den schrecklichsten Teil des Preises darstellt, den sie dafür zahlen müssen, dass sie sich dem Müller und seinen dunklen Machenschaften ausgeliefert haben. Indem sie sich aber als unfähig zeigen, die wahren Hintergründe zu erkennen und erst recht keinen Willen entwickeln, selbst dagegen vorzugehen, werden der Roman Preußlers und das Ballett Volpis zur Parabel von den verhängnisvollen Folgen des Wegsehens und der Weigerung, sich der Wirklichkeit zu stellen und diese zu verändern. Stattdessen verschließen die so Gebeutelten die Augen vor der unbequemen Realität und richten sich mehr oder weniger bequem im Status Quo ein, in fatalem Irrtum darauf hoffend, dass es für einen selbst schon gut ausgehen wird. Erst Krabat, unterstützt von einigen wenigen Leidensgenossen, durchschaut das schreckliche Spiel und weigert sich, die scheinbar unausweichlichen Grausamkeiten in der Mühle zu ignorieren und damit zu tolerieren. Dabei gibt ihm die Liebe eines Mädchens, der nach ihrer Rolle als Vorsängerin eines Chores genannten Kantorka, die Kraft, den Bann und den menschenverachtenden Rigorismus des Meisters zu besiegen und für sich und die anderen noch lebenden Müllergesellen die Freiheit und Selbstbestimmung zurückzugewinnen.

Damit stellt die Handlung die gerade auch heute sehr aktuelle und anspruchsvolle These auf, dass es zu allen Zeiten mutiger Menschen bedarf, die nicht weg-, sondern genau hinschauen und gemeinsam den Mut aufbringen, erkanntes Unrecht klar zu benennen und die dafür Verantwortlichen mindestens an den Pranger zu stellen, besser noch, ihnen das Handwerk zu legen. Damit wandelt sich die getanzte, in beeindruckende Bilder übersetzte Erzählung zur Hoffnung gebärenden Aufforderung, eine Situation mutig zu verändern und damit die darin verstrickte Gruppe oder Gesellschaft zu befreien.

Zur tänzerischen Umsetzung dieses Appells schuf Demis Volpi eine vielschichtige Choreografie mit modernen, Kraft und Körpereinsatz betonenden Elementen, welche ausgesprochen gut zur dargestellten Arbeitswelt in der Mühle passt und die körperlichen und seelischen Befindlichkeiten der dort geknechteten zwölf Müllergesellen sehr drastisch und äußerst glaubhaft veranschaulicht. Dabei setzt er auf eine für das klassische Ballett nicht selbstverständliche starke und plastische Gestik, die abschnitts- und situationsweise auch typisch pantomimische Elemente einsetzt. Diese verbindet er jedoch gekonnt, ohne Brüche und mit sicherem Instinkt mit alten und bekannten Stilmitteln des klassischen Balletts.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Myriam Simon als Herr Gevatter - Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Myriam Simon als Herr Gevatter – Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Dass Volpi und dem Stuttgarter Ballett zur Umsetzung seines Konzepts nicht nur die nötigen technischen Mittel, sondern vor allem die dazu unerlässlichen Tänzerinnen und Tänzer von höchster Qualität und damit auf international allerhöchstem Niveau zur Verfügung stehen, dürfte kein großes Geheimnis sein. Allerdings ist es beglückend und faszinierend zu sehen, wie die an diesem Abend zu erlebenden Tänzerinnen und Tänzer dieses hohe Versprechen eines ungetrübten Tanz-Theater-Vergnügens einlösen. Da sind auf der dunklen Seite zunächst Myriam Simon, die in der nicht einfach auszufüllenden Rolle des Herrn Gevatter ein beeindruckendes Rollendebüt gibt, sowie Roman Novitzky als Meister zu nennen, der fast omnipräsent die Fäden in der Hand hält und in einer Mischung aus rigoroser, süffisanter und zynischer Haltung zum Prototyp des Lenkers, Strippenziehers und Ausbeuters wird. Unnachahmlich etwa, wie er zu Beginn der drei Akte den jeweils neu angelockten Jung-Gesellen verführt, für seine Zwecke abrichtet und auf die nur ihm dienenden Verhältnisse in der Mühle vorbereitet, die immer mehr als Ort der Vernichtung entlarvt wird, an dem Menschen und jegliche Menschlichkeit buchstäblich zermahlen werden. Wie schon bei der Premiere vor fast vier Jahren bilden der Krabat David Moores und die Kantorka von Elisa Badenes, beides erste Solisten der Stuttgarter Compagnie, ein helles, das Leben betonende Gegengewicht zur bedrohlichen Figur des Meisters und überzeugen in jeder Szene durch ihre mentale wie körperliche Präsenz und die teilweise atemberaubende Umsetzung von Volpis Konzept. David Moore besticht dabei durch seine jugendliche Kraft, Lebensfreude und Unerschrockenheit, während Elisa Badenes durch ihre zarte, sehr mädchenhafte Darstellung betört, die zwischen wohltuender Naivität und bezwingender Entschlusskraft changiert und glaubhaft macht, warum sie in jeder Hinsicht die ideale Partnerin Krabats ist.

Stuttgarter Ballett / Krabat - David Moore als Krabat - Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – David Moore als Krabat – Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Auch Marti Fernadenz Paixa, der erstmals Krabats Freund Tonda verkörpert, und die bereits als dessen Geliebte Worschula erfahrene Alicia Amatrian begeistern durch ihre starke Präsenz und Vielseitigkeit ihrer tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten und drücken so über weite Strecken dem ersten Akt ihren Stempel auf. Einen äußerst starken Auftritt darf man auch Ami Morita als Pumphutt bescheinigen, die/der sich im 2. Akt einen spektakulären und alle fesselnden Kampf mit dem Meister liefert.
Mit die stärksten und wirkungsvollsten Momente des Abends dürften jedoch die Arbeitsszenen in der Mühle sein, bei denen elf männliche Mitglieder des Corps de Ballett bzw. Eleven nach allen Regeln der Tanzkunst deutlich machen, welche Mühe, ja Drangsal der Arbeitsalltag unter dem Meister für die jungen Männer bereithält.

Zur Vervollkommnung dieses Ballettereignisses und zur Komplettierung seiner Beschreibung fehlt nun noch als wesentliche Komponente die Musik. Diese kommt, wie in allen Stuttgarter Ballettproduktionen, live aus dem Orchestergraben, wo der langjährige Musikdirektor des Stuttgarter Balletts, James Tuggle, das Staatsorchester nicht nur als meisterhaften Begleiter der Tänzerinnen und Tänzer sicher durch den Abend führt. Er entlockt dem Orchester vielmehr auch eine hohe musikalische Gestaltungskraft, welche die eigenständige Wirkung der ausgewählten Musikstücke eindrucksvoll hervorhebt. Die für den Krabat getroffene Musikauswahl, allesamt Werke des 20. und 21. Jahrhunderts, erweist sich dabei erneut als packend wie stimmig, egal, ob es sich um die kammermusikalischen Werke des lettischen Komponisten Peteris Vasks, die sinfonischen Sentenzen Krzysztof Pendereckis oder die drei Auszüge aus Instrumentalkonzerten des amerikanischen Minimalisten Philip Glass handelt. Ihre ganz eigene Wirkung entfaltet zu den Arbeitsszenen in der Mühle die in einer echten und noch aktiven Mühle in der Nähe Stuttgarts aufgenommene „Mühlenmusik“. Dieses „Mühlenklappern“, das Klackern des Mahlwerks und andere typische Arbeitsgeräusche einer Mühle illustrieren in beklemmender Weise die Perversion der Arbeit, der sich die Müllergesellen ausgesetzt sehen.

Zusammenfassend darf man den Krabat des Stuttgarter Balletts getrost als begeisterndes Gesamtkunstwerk preisen, welches auf eindrucksvolle Weise und äußerst aktuell den hohen Wert der Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, aber auch deren leichte Verletzlichkeit demonstriert. Von Peter Schlang, 20.1.2017

Karbat an der Staatsoper Stuttgart: Weitere Vorstellungen 16. und 19. Februar sowie am 11., 17., 18., 27. und 29. März 2017

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