Hannover, Staatsoper Hannover, GREEK – Die Plage tobt weiter, IOCO Kritik, 13.07.2021

Juli 12, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, StaatsOper Hannover

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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

GREEK –  Mark-Anthony Turnage, Steven Berkoff

– There’s still a plague on – Die Plage tobt weiter –

von Karin Hasenstein

„Seht diesen Ödipus an, der das Rätsel löste und ein mächtiger Mann war und auf dessen Glück voll Eifersucht geblickt wurde…     In was für ein furchtbares Schicksal ist er geraten!“       König Ödipus  –  Sophokles, 425 v.Chr.

Fast acht Monate ist es her, dass die Rezensentin eine Oper live auf der Bühne erlebt hat. Die letzte Oper vor dem Lockdown auf der Bühne der Staatsoper Hannover  war Carmen von Georges Bizet, IOCO Kritk HIER!, auch schon unter strengen Hygiene- und Abstandsbestimmungen der Covid-19-Pandemie. Da mutet es ironisch an, dass es im Programmheft zu GREEK, der  ersten Opern-Premiere nach dem Lockdown heißt  „There’s still a plague on – Die Plage tobt weiter“.

Die Befürchtung, dass man in der Spielzeit 2020/ 21, so sie denn stattfinden konnte, nur noch „Corona-Inszenierungen“ sieht, erfüllte sich glücklicherweise in dieser Inszenierung jedoch nicht.

GREEK – Trailer der Staatsoper Hannover
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GREEK, eine Oper von Mark-Anthony Turnage nach dem Libretto von Steven Berkoff behandelt eine Adaption des Ödipus-Stoffes aus der griechischen Mythologie.

Ödipus heißt hier Eddy und wächst in einem düsteren Londoner Viertel auf. Um den sozialen Aufstieg zu schaffen, verlässt er die Kneipen mit den grölenden Fußballfans und sucht nur noch Bars auf, in denen Wein statt Bier ausgeschenkt wird. So, denkt er, schafft er den sozialen Aufstieg.

Sein Vater gesteht ihm, dass einst ein Jahrmarkt-Wahrsager prophezeit hat, dass Eddy seinen Vater töten wird und mit seiner Mutter schlafen wird. Der Vater lacht darüber, schließlich ist es nur die Prophezeiung eines Wahrsagers, aber insgeheim misstrauen die Eltern Eddy und haben Sorge, dass sich die Weissagung doch erfüllen könnte.

Die Prophezeiung lastet schwer auf Eddies Leben und er verlässt eine Familie und seine Heimat, um nicht doch Gefahr zu laufen, dass er seine Familie ins Unglück stürzt.

Zu Beginn ist der Vorhang oben. Die Bühne (Johanna Meyer) ist offen und schlicht gehalten. Im Hintergrund befindet sich eine helle hohe Wand mit zwei Türen an den Seiten. Rechts vor der Bühne befindet sich ein weiterer Raum, der bespielt wird, eine Art Laborsituation. Ein schlichter Tisch mit Beleuchtung, auf dem später verschiedene Handlungen vollzogen werden, während der Ganze von einer Videokamera auf die Wand als Projektionsfläche übertragen und somit für die Zuschauer sichtbar wird.

Eddy trägt einen roten Trainingsanzug, eine Englandmaske und weiße Turnschuhe. (Kostüme: Alex Lowde)

In einer Art Sprechgesang, der an einen griechischen Chor erinnert, beklagen die Personen, dass draußen immer noch die Plage anhält. Der Müll verrottet in den Straßen, Gewalt und Hass regieren den Alltag. Die handelnden Personen haben zum Teil Doppelrollen, so verwandelt sich der Vater in den Polizeichef und Eddy wird Mittelpunkt eines Aufstandes gegen Polizeigewalt. Zwei Frau trösten Eddy; er schwört Rache, indem er den Polizisten androht, ihnen im „Greekstyle“ die Augen auszustechen.

In einem Café kommt es zu einem Streit, weil die Kellnerinnen vergessen, Eddy seinen Kaffee und Käsekuchen zu bringen. Im Laufe des Streits tötet Eddy den Manager, der, wie sich herausstellt, der Ehemann der Kellnerin ist. Diese beklagt den Tod ihres Mannes und fragt sich, wie sie ihr Leben ohne ihn bestreiten soll, war er doch so ein guter und fürsorglicher Ehemann. Der Song „Where will I find anyone like him?“ ist sehr lyrisch angelegt. Eddy stellt fest, sie sei eine Lady und ein „geiles Stück“ in einer Person und die beiden verlieben sich ineinander. Die Kellnerin findet, dass Eddy sie an jemanden erinnert, aber sie kommt nicht dahinter, an wen. Als Videoprojektion erscheint ein Kinderbild „Me and Mummy“. Ein Boot ist in der Themse auf eine Mine gelaufen, überall Tote, ein Teddy, Eddy hat davon geträumt. In ihrem Schmerz beschließen die beiden Einsamen, zusammen ins Bett zu gehen. Dinah fragt ihn, ob er glaubt, dass der Fluch sich erfüllt. Die Musik ist hier stellenweise vom Duktus her ein wenig wie Brechts Dreigroschenoper. Eddy ist überzeugt „Fate makes us play the roles we’re cast.“

Staatsoper Hannover / GREEK hier Angeles Blancas und Iris van Wijnen © Sandra Then

Staatsoper Hannover / GREEK hier Angeles Blancas und Iris van Wijnen © Sandra Then

Ein Zwischenspiel mit Schlagwerk, Blech, Holz und Klavier leitet laut und schrill über zum zweiten Akt.

Zehn Jahre sind vergangen. Zehn Winter, zu Eis erstarrt.  Eddy hat gemeinsam mit seiner Ehefrau etwas aus dem Café gemacht. „Fließen, fließen, es fließt in mich hinein“. Die Musik ist hier sehr lautmalerisch, man hört den Fluss sehr gut, Flöte und Harfe dominieren. Nicht sehr obertonreich ist sie stets klar, metallisch, flexibel. Tonsprünge bleiben sperrig, auch als Dinah ihren Mann preist.

Überraschend kommen Eddy´s Eltern zu Besuch, die sich um ihren Sohn sorgen. Die Plage wütet immer noch, die vier halten einen oberflächlichen Smalltalk. Man hört, dass sich eine Sphinx draußen vor der Stadt aufhält, die jeden tötet, der ihr Rätsel nicht lösen kann.

Eddy alias Ödipus stellt sich vor –  very British – in der Thatcher-Ära
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Die Wand dreht sich zu einem kurzen Zwischenspiel, das dunkel und bedrohlich daherkommt, wie eine tickende Uhr…

Die Sphinx wird von den beiden Sängerinnen dargestellt, in schwarzer Lederkleidung mit Halsband, am ehesten in der SM/ Bondage-Szene zu verorten. Die Sphinx verkündet „Männer muss man töten, bevor sie die Welt töten!“ Zu diesen Worten werden auf der Rückwand reichlich Spielzeugsoldaten gezeigt. Männer werden als Plage dargestellt und die Frage aufgeworfen „Wann ist das Ende dieser Plage?“

Ein Puppenkopf taucht zwischen den Soldaten auf und parallel verkündet Eddy Du kannst mich nicht schrecken!“ Sehr beeindruckend an dieser Stelle der Gesang der beiden Sphinxen (Iris van Wijnen und Angeles Blancas). Eddy ist bereit, das Rätsel zu lösen, kann er es nicht, so stirbt er. Die Sphinx stellt also ihr Rätsel, das da lautet:

„Was geht am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zweien und am Abend auf dreien?“

Eddy weiß es sofort, das ist der Mann („Man“), der als Baby au fallen Vieren krabbelt, als junger Mann aufrecht auf zwei Beinen geht und im Alter den Stock als drittes Bein nehmen muss. Die Sphinx ist frustriert und verkündet „Ich bin es leid, eine Sphinx zu sein“. Eddy hat das Rätsel gelöst und tötet die lebensmüde Sphinx.

Seine Frau und die Eltern sind begeistert „Nice one, Eddy“ – „My hero!“

Eddy´s Frau kann nicht glauben, dass der Vater dem Wahrsager geglaubt hat. Seine Eltern erklären plötzlich „Du bist nicht unser Sohn!“ Der Vater beginnt zu erzählen, wie es sich damals zugetragen hat: „Es war ein stiller Sonntag… ein Schiff lief auf eine Mine, wir fanden den kleinen Jungen. Er hatte einen Teddybären. Ich sag ‚Den behalten wir‘ Er war hübsch.“  Zu Eddy´s stummem Schrei erklingen Dissonanzen im Orchester.

Eddy erkennt sein Schicksal: „My dearest wife… and now my Mom!“ Indem er den Manager des Cafés getötet hat, hat er seinen Vater getötet und den zweiten Teil der Wahrsagung erfüllt, als er mit dessen Witwe, also seiner Mutter geschlafen hat. „Ich wollte diese Stadt säubern, ich war Schuld an ihrem Dreck! Nie mehr werde ich die Süße meiner Frau schmecken.“

„This is madness, twisting my brain!“

Hier wechseln sich gesungener und gesprochener Text ab, von Trommelsalven begleitet:  „Wir lieben nur, also tut’s nichts zur Sache, Mutter, halt an mir fest“

Staatsoper Hannover / GREEK hier das Ensemble © Sandra Then

Staatsoper Hannover / GREEK hier das Ensemble © Sandra Then

Eddy´s Frau und Eltern kommen dazu. Seine Mutter jetzt in einem grünen Kleid mit roter Schürze, sein Vater im schwarzen Muskelshirt und brauner Hose. Eddy fragt, ob er sich ganz greek-style die Augen ausstechen soll, mit den Fingernägeln? Er erkennt „Ich selbst bin die Plage!“ Die Eltern appellieren „Halt an uns fest!“, aber Eddy ist schon im Begriff, sich das Auge auszustechen. Er schmiert sich Ketchup ins Gesicht („Darkness falls“), seine Frau und die Eltern stehen vor der Wand, er geht an ihnen vorbei, nimmt sie nicht wahr. Seine Mutter, seine Frau, sein Vater, alle gehen ab, es wird dunkel.  Eddy erklärt „Ich will zurück in meine Mutter, in dein Heiligtum, raus aus dem Paradies! Rein in den Himmel!“   Er bestraft sich nicht für seine inzestuöse Tat, sondern plädiert für die Liebe an sich.

Coronabedingt ohne Pause aufgeführt verlangt GREEK dem Zuschauer in dieser Inszenierung einiges ab. Da ist zunächst die Musik, die modern ist, manchmal an Thomas Adès erinnert ohne das Geniale von Adès und manchmal an Philipp Glass, jedoch ohne die hypnotische Wirkung von Glass.

Allgemein ist sie als noch tonal zu bezeichnen, es gibt immer wieder Bezüge zu einer Grundtonart. Schlagwerk und Trommeln sind stellenweise dominant, in lyrischeren Partien beeindrucken Flöte und Harfe. Ohrwurmpotential birgt sie nicht, eher die Chance, zu verstören.

Insofern ist sie gut geeignet, die an sich schon verstörende Geschichte von Ödipus, hier Eddy genannt, zu untermalen.  Alle vier Solisten leisten an diesem Premierenabend Großes, was vom Publikum mit lang anhaltendem Beifall und Jubel honoriert wurde.

Das ist zum einen sicher schon damit zu erklären, dass das Publikum nach dem langen Kultur-Lockdown überhaupt dankbar war, wieder in einem Opernhaus zu sitzen und live dargebotene Musik mit Solisten und einem „echten“ Orchester, wenn auch in kleiner Besetzung, geboten zu bekommen, zum anderen aber auch damit, dass diese Musik wirklich komplex ist und von den Solisten absolut souverän und überzeugend interpretiert wurde.

Staatsoper Hannover / GREEK hier James Newby als Eddy, Michael KupferRadecky © Sandra Then

Staatsoper Hannover / GREEK hier James Newby als Eddy, Michael KupferRadecky © Sandra Then

Die Bebilderung der gesungenen Szenen auf der schlichten Bühne durch die Videoeinspielung vom rechten Bühnenrand stellt den Zuschauer stellenweise vor echte Herausforderungen. Manchmal kommentieren sie das Bühnengeschehen schlüssig, manchmal sind sie auch einfach nur verstörend. Gossen- oder Fäkalsprache hat ja schon länger Einzug in moderne Inszenierungen gefunden, ebenso wie unappetitliche oder abstoßende Bilder.

Als der „griechische Chor“ die Plage beschreibt, kippt Eddy dazu gebackene Bohnen auf den Projektionstisch, schüttet Ketchup darüber und garniert das Ganze mit Masturbationsbewegungen, als deren Ergebnis sour cream aus einer Flasche vor seinem Unterleib auf den Tisch spritzt. Maden breiten sich auf dem Essen aus. Die Plage hat das Land fest im Griff und spätestens an dieser Stelle wird klar, warum es für „Greek“ eine Altersempfehlung ab 16 gibt.

GREEK fordert, fasziniert die Besucher durch seinen Zeitgeist. Ein leichter, unterhaltsamer Opernabend ist GREEK also nicht

Durch die starke gesangliche und darstellerische Leistung aller vier Solisten, insbesondere von James Newby in der Hauptrolle des Eddy, und das äußerst wandlungsfähige Niedersächsische Staatsorchester unter der Leitung von Stephan Zilias wird dieser Premierenabend jedoch zu einem sehr eindrucksvollen Erlebnis und der Staatsoper Hannover gebührt großer Dank für den Mut, mit solch einem ungewöhnlichen Stück nach dem Lockdown zu eröffnen. Leider war die Besucherzahl entsprechend überschaubar, die Zuschauer, die sich auf diesen Abend eingelassen hatten, waren jedoch durchgehend begeistert und brachten dieses auch lautstark und dankbar zum Ausdruck.

————————————–

GREEK:    Musikalische Leitung  Stephan Zilias, Inszenierung  Joe Hill-Gibbins, Bühne Johanna Meyer, nach einer Idee von Johannes Schütz, Kostüme Alex Lowde, Mitarbeit Kostüme  Winnie Janke, Choreographie Jenny Ogilvie, Video Dick Straker, Licht  Elana Sibersk, Nach einem Konzept von Matthew Richardson, Ton Maria Anufriev, Dramaturgie  Julia Huebner,

MIT:  Eddy  –  James Newby, Wife, Doreen, Sphinx II, Waitress I  –   Iris van Wijnen, Dad, Café Manager, Police Chief  –  Michael Kupfer-Radecky,  Mum, Sphinx I, Waitress II –  Ángeles Blancas, Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

GREEK an der Staatsoper Hannover; die nächste Vorstellung am 6.11.2021, 19.30

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—


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Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Digitales BAROCKTAGE-Wochenende, 20. – 22.11.2020

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Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

20. bis 22. November: Digitales BAROCKTAGE-Wochenende als Ersatz für die abgesagten dritten BAROCKTAGE, die im November mit 28 Veranstaltungen stattgefunden hätten

Die dritte Ausgabe des zehntägigen Opern- und Konzertfestivals BAROCKTAGE das vom 13. bis 22. November mit 28 Veranstaltungen stattgefunden hätte, darunter die Premiere von Mozarts MITRIDATE, RE DI PONTO, zwei Musiktheaterwiederaufnahmen sowie zahlreiche Konzerte, musste aufgrund des beschlossenen Teil-Lockdowns komplett abgesagt werden (siehe hier zum Download). Derzeit werden Nachholtermine für die Premiere von Mozarts MITRIDATE, RE DI PONTO geprüft, die in Kürze bekannt gegeben werden. Inszeniert wird die Neuproduktion, die kurz vor den Endproben stand, von Satoshi Miyagi, mit Marc Minkowski am Pult der Musiciens du Louvre und mit u.a. Pene Pati in der Titelrolle, Julie Fuchs, Elsa Dreisig, Jakub Józef Orlinski und Anna Prohaska.

Vom 20. bis 22. November wird es als Ersatzprogramm ein digitales BAROCKTAGE-Wochenende auf der Website der Staatsoper Unter den Linden geben, innerhalb dessen drei Produktionen sowie eine Dokumentation der vergangenen Jahre jeweils um 19.30 Uhr online gehen und für 24 Stunden zu erleben sein werden – wir danken hierfür unseren Produktionspartnern Naxos und EuroArts:

Freitag, 20. November:  Henry Purcells KING ARTHUR, ML: René Jacobs, Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch, mit u.a. Anett Fritsch, Robin Johannsen, Mark Milhofer, Michael Rotschopf, Meike Droste, Akademie für Alte Musik Berlin, Premiere 2017.

Samstag, 21. November: Jean-Philippe Rameaus HIPPOLYTE ET ARICIE, ML: Simon Rattle, Inszenierung : Aletta Collins, Lichtkonzept, Bühne, Kostüme: Ólafur Elíasson, mit u.a. Magdalena Kožená, Anna Prohaska, Elsa Dreisig, Reinoud Van Mechelen, Gyula Orendt, Peter Rose, Roman Trekel, Freiburger Barockorchester, Premiere 2018, sowie die Making-Of Dokumentation des ZDF: BÜHNENZAUBER – HINTER DEN KULISSEN DER BERLINER STAATSOPER von Roland May.

Sonntag, 22. November: Georg Friedrich Händels IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO, ML: Sébastien Rouland, Inszenierung: Jürgen Flimm, mit Hélène Le Corre, Sara Mingardo, Inga Kalna, Charles Workman, Staatskapelle Berlin, Berliner Premiere 2015.

Unter dem Titel NEVER LOOK BACK hatte die Staatsoper Unter den Linden in Kooperation mit der Universität der Künste Berlin (Studiengang »Bühnenbild« und »Institut Kunst«), der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch sowie dem Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin (Studiengang »Choreographie«) Studierende der Berliner Kunsthochschulen dazu eingeladen, im Rahmen der diesjährigen BAROCKTAGE und LINDEN 21 ein »Orpheus-Festival« zu entwickeln. Die vier daraus entstandenen Performances werden nun filmisch begleitet und am 28. November auf dem YouTube-Kanal der Staatsoper Unter den Linden veröffentlicht.

Intendant Matthias Schulz: „Für uns war es extrem frustrierend, dass wir so jäh unterbrochen wurden. Durch eine solche Schließung werden wir, unsere Künstlerinnen und Künstler und vor allem die zahlreichen Gäste und damit freischaffende Künstlerinnen und Künstler hart getroffen. Wir haben bewiesen, dass wir mit Hygieneplan, Belüftungssystem und disziplinierten Zuschauern ein sicherer Ort sind. Die Entscheidung, Opern bzw. Kultureinrichtungen zu schließen, ist niederschmetternd, auch wenn uns bewusst ist, dass es keine leichte Entscheidung war und es für die schwierige gesamtgesellschaftliche Lage Verständnis aufzubringen gilt. Während Kultur in Deutschland grundsätzlich noch einen politischen Rückhalt findet, sehen wir gerade, wie die Kulturmetropolen in der ganzen Welt schwerstens beschädigt werden und man sich fragt, wie sie sich davon jemals wieder erholen sollen. Kultur ist eine wichtige treibende Kraft für jede Gesellschaft! Eine Welt ohne Kultur möchte ich mir nicht vorstellen – damit müssen wir uns auseinandersetzen.“

Der Probenbetrieb an der Staatsoper Unter den Linden wird fortgesetzt, gerade haben die Proben zu Richard Wagners LOHENGRIN, unter der musikalischen Leitung von Matthias Pintscher und in der Regie von Calixto Bieito, begonnen. Die Premiere, mit Roberto Alagna in der Titelpartie und Sonya Yoncheva als Elsa, ist für den 13. Dezember geplant. Der Kartenvorverkauf für Dezember und Januar beginnt voraussichtlich am 13. November.

Alle Live-Veranstaltungen bis einschließlich 30. November 2020 sind abgesagt. Bereits gekaufte Tickets für Veranstaltungen in diesem Zeitraum verlieren ihre Gültigkeit. Karten können umgetauscht, der Kaufpreis gespendet oder zurückerstattet werden. Alle Informationen zur Rückerstattung gibt es auf der Website: https://www.staatsoper-berlin.de/de/extra/corona-storno/. Besucherinnen und Besucher, die ihre Karten über eine Vorverkaufsstelle (z.B. eventim.de) oder über Besucherorganisationen erworben haben, werden gebeten, sich direkt an diese Stellen zu wenden.

Die Staatsoper dankt den Freunden und Förderern der Staatsoper Unter den Linden und ihren Hauptpartnern BMW und Hilti Foundation herzlich für ihre Unterstützung

—| Pressemeldung Staatsoper unter den Linden |—


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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Molto agitato – eine Reise durch die Musikgeschichte, IOCO Kritik, 08.09.2020

September 7, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Premieren, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Molto agitato –  Saisoneröffnung unter Pandemiebedingungen

Regiedebut von Frank Castorf im Haus am Dammtor
Eine in Gewaltobsessionen badende Reise durch die Musikgeschichte

von Patrik Klein

Molto agitato…“sehr aufgeregt“ war der kulturinteressierte Opernfreund kurz vor der Veröffentlichung des Interimsspielplans der Saison 2020/21 der Staatsoper Hamburg nach fast sechsmonatiger zwangsbedingter Pandemiepause.

Am 8.3.2020 gab es die letzte auch von IOCO rezensierte Premiere von Vincenzo Bellinis Norma, link HIER, die noch eine zweite und letzte Aufführung ein paar Tage danach erlebte. Ein Otello mit José Cura in der Titelrolle vor bereits deutlich sparsamer besetzten Besucherreihen schloss sich final an.

Dann kam die Zwangspause, das kulturelle Drama, das Desaster der musikalischen Stille und der szenischen Bewegungslosigkeit, die Versendung der Festangestellten und des Ensembles in die Kurzarbeit und die Verbannung der Freischaffenden in die Existenznot oder noch Schlimmeres.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : vorn Katharina Konradi, Georg Nigl, Jana Kurucová © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : vorn Katharina Konradi, Georg Nigl, Jana Kurucová © Monika Rittershaus

Das bisher bekanntgegebene Programm der neuen Saison wirkte statt molto agitato dann doch eher bescheiden, vorsichtig, ausgedünnt, eher verstörend als anlockend und wenig Mut ausströmend. „Jetzt erst Recht, wir machen was aus dieser Misere“ war nur schwerlich erkennbar. Stattdessen drei Kurzpremieren (molto agitato, Paul Abrahams Märchen im Grand Hotel und Arnold Schönbergs / Francis Poulencs Pierrot lunaire/La voix humaine), fünf Ballette (Ghost Light, Orphée et Eurydice, Ballett für Klavier und Stimme, Tod in Venedig und Matthäus-Passion) und zwei Repertoirestücke (Mozarts Zauberflöte und Cosi fan tutte) wohl auch in gekürzten Fassungen. Ab dem Jahreswechsel hofft man, das ursprünglich geplante Programm spielen zu können.

Mit nur einem Drittel an Zuschauern darf das „Große Haus“ gefüllt werden, selbstverständlich mit entsprechendem Hygienekonzept, neuer Klimaanlage und dem Verbot von Beifalls- und Missfallenskundgebungen, welches man in den neu veröffentlichten Servicekonditionen bekannt gab. Es sind erheblich weniger Spieltage als üblich angesetzt mit etlichen Spielplanlücken, die an anderen Orten gefüllt sind, wie in München an der Bayerischen Staatsoper, mit Liederabenden oder Kammerkonzerten.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Man könnte den Eindruck bekommen, dass hier ein finanziell angeschlagenes Haus einen Sanierungsversuch unternimmt: molto agitato.

Nach exakt 176 Tagen, 20 Stunden und etwa 7 Minuten, wie George Delnon in einer kurzen Ansprache in der ersten Reihe im Parkett stehend mitteilte, folgte nun Frank Castorfs Version dieses molto agitato als Saisoneröffnung statt seines ursprünglich geplanten Boris Godunow von Mussorgski.

Mit dem Regisseur wurde ein Projekt entwickelt, das auf die neue Lage in der Pandemie künstlerisch reagieren wollte. Konzert, Lied und Musiktheater von György Ligeti, Johannes Brahms, Georg Friedrich Händel und Kurt Weill lieferten die Stücke des Abends. Die höchst unterschiedliche Musik bildeten Werke aus der Neuen Musik, der Hochromantik, des Barocks und einer „Zeitoper“ unter dem musikalischen und sozialen Einfluss von Jazz und Unterhaltungsmusik.

Nouvelles Aventures von György Ligeti, Vier Gesänge op. 43 von Johannes Brahms, auseinandergerissen in zwei Teile, Händels Aci, Galatea e Polifemo sowie ein Vorspiel aus seinem Oratorium Salomo und schließlich Die sieben Todsünden von Kurt Weill bildeten den Kern der Saisoneröffnung in Hamburg. Eine Schauspielerin und vier Solist*innen  sowie eine zum Kammerorchester geschmolzene Staatsphilharmonie mussten sich den Graben und die Bühne teilen und unter Wahrung der Abstandsregeln musizieren.

Für seine berühmt-berüchtigten „Neuen Sichtweisen auf ein Stückist der Regisseur Frank Castorf immer wieder gerne engagiert worden. In den letzten Jahren gelangte seine Interpretation des Nibelungenringes in Bayreuth heftig unter Beschuss. Auch der Intendant der Staatsoper Hamburg George Delnon konnte der Versuchung nicht widerstehen, den intellektuellen DDR-Widerständler erstmalig nach Hamburg zu holen. Der Berliner Volksbühnenalleinherrscher am Rosa-Luxemburg-Platz, der für endlos lange Inszenierungen steht, in denen das ganze Abendland zwischen Aufklärung und Diktatur pendelt, hat wohl deutlich mehr Gegner als Freunde. Aber das macht ihm wohl wenig aus.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Matthias Klink, Georg Nigl, Katharina Konradi, Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Matthias Klink, Georg Nigl, Katharina Konradi, Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Castorf und sein Regieteam (Aleksandar Denic, Bühne; Adriana Braga Peretzki, Kostüme; Lothar Baumgarte, Licht; Andreas Deinert, Live-Kamera; Severin Renke, Live-Video und Kathrin Krottenthaler, Video) sahen das Stück als eine Art kleingeteiltes Mosaik, das sich im Laufe der Zeit zu einem Gesamtbild entwickelt. Sie fügten Texte und Spielszenen von Quentin Tarantino zum Thema Sex und Gewalt aus seinem ersten Film Reservoir Dogs ein, so dass aus summierten 70 Minuten Musik ein knapp zweistündiger Abend wurde.

Eine Schauspielerin (Valery Tscheplanowa) erklärte dem Publikum, dass das Böse, dass Alltagsgewalt von verbalen kleinsten Formen bis hin zur aktiven rohen, sadistischen Gewalt stattfindet. Dies aufzuzeigen, sei das Anliegen der Regie.

Zeitliche spannte sich dieser Faden von der alttestamentarischen Geschichte der Königin von Saba, die als Königin der Weisheit einem kriegerischen Umfeld gegenüber steht bis hin zur Gegenwart mit der Verbrennung der amerikanischen Flagge.

Inhaltlich begann Alltagsgewalt im Laut, wie bei Ligetis Stück zu vernehmen, bis hin zum Wort – also Gewalt durch Sprache. Sie fand sich auch verharmlost in den Texten der Stücke wieder. Letztendlich mündete sie in aktive, körperliche Gewalt. Was blieb war Schmerz ohne Perspektive auf Erlösung.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa, Matthias Klink © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa, Matthias Klink © Monika Rittershaus

Man durfte sich an dieser Stelle bereits fragen, wo hier die Antwort oder Reaktion auf die momentane Lage in der Pandemie zu sehen war. Gezeigt wurden auf der komplett leergeräumten und bis auf die Brandmauer der Hinterbühne offenen riesigen Spielfläche etliche in der Ferne kleinteilige, musikalische und schauspielerische Szenen. Diese wurden mit hohem technischen Aufwand mit gezielt vergrößerten Details auf Videoprojektionsleinwände geworfen, die der Zuschauer dann verfolgen konnte. In den oberen Rängen konnten diese „ausgelagerten“ Szenen nicht gesehen werden. Peinlicherweise gelang die Projektion nach Vorne nur mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa einer Sekunde, was bei den Großaufnahmen der Sänger und der Schauspielerin wie bei einem schlecht synchronisierten Film zunehmend nervte.

Musikalisch begann der Abend dann mit Händels Vorspiel zum dritten Akt aus dem Oratorium Salomo. Das kurze instrumentale Stück Die Ankunft der Königin von Saba erreichte Popularität, als es 2012 als Eröffnung zu den Olympischen Spielen in London erklang. In einem medienwirksamen Trailer, besuchte der damals amtierende James Bond Darsteller Daniel Craig die Queen und holte sie zu ihrer Eröffnungsrede ab. Auf der Hamburger Bühne tauchten erste Zitate aus Tarantinos Film auf, eine große USA-Fahne wurde sowohl auf der Bühne als auch auf den Videoleinwänden geschwungen und zerrissen. Das im Graben positionierte 17 Musiker starke Orchester geleitet von Kent Nagano wirkte trocken, spröde und wenig barocken Esprit ausströmend.

Für den nun folgenden Zeitensprung in die nahe Vergangenheit öffneten sich die Unterbühne, ein Klavier nebst dem acht Musiker starken Orchester wurde seitlich herein geschoben. Die drei Solisten (Sopran, Mezzosopran und Bariton) standen in glitzernden Kostümen an der Rampe und gaben die vielfältigen Laute sogar durch Rohre verfremdet wieder. Eine vierte Figur war schemenhaft im Hintergrund zu erkennen. György Ligetis  Nouvelles Aventures (1962 bis 1965) gilt in der Musikwelt als eine Art Theaterrevolution: Schnelle musikalische Schnitte zwingen den Betrachter sich permanent auf neue Situationen einzulassen. Es wurde gezeigt, wie sich die drei Solisten selbst wahrnehmen, und genau so konnte sie auch der Zuschauer fühlen in diesem Theater ohne Handlung, dafür mit einem weiten Assoziationsraum, der den Kosmos des Lebens entfalten soll.

Ein musikalischer Zeitsprung ins neunzehnte Jahrhundert folgte auf die neuen ungewohnten Klänge währendem ein zeitungslesender Amerikaner mit aufgesetzter ledernen Pestmaske in die Szene trat. Johannes Brahms Vier Gesänge op.43 für eine Singstimme (Tenor/Bariton) und Klavier. Castorf riss das letzte Lied  „Das Lied vom Herrn von Falkenstein“ aus dieser Reihe heraus und platziert es später vor dem Weill Stück. Die verbleibenden drei Lieder „Von ewiger Liebe“, „Die Mainacht“ und „Ich schell mein Horn ins Jammertal“  wurden nun von Matthias Klink (Tenor) gesungen und begleitet von Rupert Burleigh am Klavier. In den Liedern  geht es um die Sehnsucht zweier Liebender sich zu vereinen, was aber mit erheblichen Widerständen verbunden ist. In Rebellion enden die Klänge.

Der deutsche Tenor Matthias Klink begann 1995 seine Karriere im Ensemble der Kölner Oper und ist Freischaffender Sänger mit dem Schwerpunkt auf der klassischen Moderne und dem Konzert- und Liedgesang. Dem Hamburger Publikum ist er bekannt als Alwa in Bergs Lulu. Leider hatte er am Premierenabend einen rabenschwarzen Tag. Die an sich schön timbrierte Stimme hatte nicht das Volumen, um die riesige offene Fläche auf der Bühne und im Zuschauerraum zu fluten. Er bemühte sich zwar um Linie, forcierte und presste aber zu stark, was wiederum auch auf Intonation und Formgebung der Interpretation negativ wirkte.

Es folgte ein Kampf um die Flagge der USA mit Gesprächseinlagen aus dem Tarantinofilm, eine Anekdote zum Lachen, die sich auf einen Witz vom Frosch und dem ihn stechenden und tötenden Skorpion bezog und die Brücke zu Mat Damon mit Herbie Weinstein bilden sollte. Dann sprang die Regie wieder zur barocken Opernpracht. Georg Friedrich Händels Oper Aci, Galatea e Polifemo wurde von anderthalb stündiger Länge auf fünfzehn Minuten konzentriert und im Rampengesang von den drei Protagonisten vorgestellt. Im Hintergrund lief auf einer Videoleinwand in „Comicstripmanier“ naiv  die Geschichte im Zeitraffer ab.

Molto agitato – Saisoneröffnung 2020/21 an der Staatsoper Hamburg
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Die Nymphe  Galatea (Mezzosopran), eine Tochter des Meeresgottes Nereus, ist glücklich in den Schäfer Aci (Sopran), den Sohn des Königs Faunus von Latium, verliebt. Der einäugige Riese Polifemo (Bariton) begehrt sie ebenfalls. Er erschlägt Aci aus Eifersucht mit einem Felsblock. Galatea bittet Nereus, Acis Blut in eine silberne Quelle zu verwandeln und ihn als Flussgott weiterleben zu lassen, damit sie ihn im Wasser wiederfinden kann.

Stimmlich blieben hier kaum Wünsche übrig. Die aus Kirgistan stammende Sopranistin Katharina Konradi, Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg seit der Spielzeit 2018/19, avancierte bereits zum Publikumsliebling durch Rollen wie Pamina (Die Zauberflöte), Gretel (Hänsel und Gretel), Adele (Die Fledermaus), Susanna (Le Nozze di Figaro). Sie sang auch an diesem Premierenabend mit souveräner Stimmführung und überbordenden Emotionen. Mezzosopranistin Jana Kurucová, aus der Slowakei gebürtig und erst seit der letzten Saison Ensemblemitglied an der Staatsoper Hamburg (vorher Deutsche Oper Berlin) wartete mit schön gefärbten Timbre und starkem Ausdruck auf. Der österreichische Bariton Georg Nigl wurde 2015 von der Zeitschrift „Opernwelt“ als Sänger des Jahres ausgezeichnet. Mit Wozzeck (Wozzeck), Lenz (Jakob Lenz), Orfeo (L‘Orfeo), Papageno (Die Zauberflöte), Don Alfonso (Così fan tutte) u. a. hat er ein breit gefächertes Repertoire und singt an den großen Häusern Europas. Auch an diesem Premierenabend überzeugte er durch Intonationssicherheit und musikalisches Gespür.

Bevor Georg Nigl nun das vierte Lied aus der Brahms Liederfolge vortragen konnte, sprühte die Schauspielerin mit roter Farbe auf ein am Boden liegendes Banner die Worte „Sex and Lies“. Gewalt aus Szenen des bereits mehrfach zitierten Tarantinofilms folgten und gipfelten im brutalen Foltern eines Gefangenen, dessen Ohr abgeschnitten wird. Etliche Zuschauer verließen an dieser Stelle den Saal. Bryan Adams Song aus 2002 „Here I am“ bildeten den Übergang zu Kurt Weills Die sieben Todsünden, dem satirisches Ballett mit Gesang in sieben Bildern mit Prolog und Epilog in Bertolt Brechts Text.

Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid – in Weills Stück sind sie Lebens- und Leidensstationen der jungen Anna (dargestellt durch die fulminant auftrumpfende, preisgekrönte und durch Theater und Film bekanntgewordene Tänzerin und Schauspielerin Valery Tscheplanowa) , die sich für ihre Familie aufopfert, die unter den Belastungen ihrer unmenschlichen Umwelt bereits zerbrochen ist – und sich schizophren wahrnimmt als Anna 1 (die nüchtern Denkende im verbalen Ausdruck) und Anna 2 (die Schöne und Gefühlsvolle mit tanzenden Gesten; hier in Castorfs Regievorstellungen eine nackte Plastiksexpuppe). Anna wird in sieben Jahren durch sieben Städte in Amerika getrieben und in sieben nummernähnlichen Teilen dargestellt, von einer Familie, die auf ihre Kosten ein bequemes Leben führen will und ihr paradoxerweise Faulheit vorwirft. Anna endete schließlich im Epilog als zerstörter Mensch vor einer zuerst brennenden und dann gelöschten Fahne der USA. Nach dem finalen Quartett der Familie, dem Abgang aller ins Off, tauchte Anna mit neuer Fahne noch ein letztes Mal auf. Langsam erlosch die erhellte Bühne.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Kent Nagano dirigierte das kammermusikalisch aufgestellte Philharmonische Staatsorchester Hamburg bei Ligeti und Weill mit deutlichen Taktgebungen um Präzision bemüht. Bei diesen beiden Stücken lagen klar die orchestralen Stärken des Abends. Präzise und plastisch wirkte der Klang, die Abstimmung zum Bühnengeschehen funktionierte. Bei den barocken Stücken  dagegen spürte man, dass er in dieser Welt weniger beheimatet ist.

Das Publikum reagierte gemischt, diffus und unerwartet. Die sonst bei einer Castorf-Produktion zu erwartenden Buhs blieben aus. Der Applaus war verhalten, aber auch einige Bravos konnte man vernehmen. Etwa 15 Besucher haben das Haus im Laufe des Abends  vorzeitig verlassen. Ein Herr im 4.Rang schnarchte so laut, dass er mehrfach geweckt werden musste. Dieser Abend verlangte viel vom Besucher ab, sehr viel sogar. Das nach sechsmonatiger Pause zurückgekehrte Publikum hätte besseres verdient gehabt.

Molto agitato an der Staatsoper Hamburg;  weitere Termine: 08.09; 12.09; 15.09; 21.09; 23.09 und 26.09.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

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Halfing, Immling Festival, Kinder-Kulturwoche, 13. bis 18. August 2019

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Immling Festival

Festspielhaus Gut Immling © Nicole Richter

Festspielhaus Gut Immling © Nicole Richter

„Kinder-Kulturwoche“ in den Sommerferien

von 13. bis 18. August 2019

Immling – Traditionell gehört die Bühne zum Abschluss des Immling Festivals den Kindern: Theaterluft schnuppern, im Orchester spielen, singen, schauspielern, tanzen, Akrobatik und Clownerie erlernen, Kostüme schneidern und ein Bühnenbild bauen – all das bietet die „Kinder-Kulturwoche“ mitten in den Sommerferien von Dienstag, 13. August, bis Samstag, 17. August 2019. Unter professioneller Anleitung stellen Kinder zwischen 7 und 13 Jahren gemeinsam ein Theaterstück auf die Beine. In diesem Jahr werden sie in der großen Abschlussvorstellung am Sonntag, 18. August um 11.00 Uhr im Festspielhaus Immling ihre ganz eigene Version von „Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn“, frei nach Mark Twain, präsentieren:

Der Waisenjunge Tom und der Herumtreiber Huck sind unzertrennlich. Sie träumen von einem Leben voller Freiheit, Spaß und Abenteuer. Doch am Ufer des Mississippi lauern auch einige Gefahren – und so müssen die Freunde über sich hinauswachsen, um Wahrheit, Gerechtigkeit (und ganz nebenbei auch die eigenen frechen Streiche) siegen zu lassen.

Anmeldung zur Kinder-Kulturwoche für Kinder von 7 bis 13 Jahren unter https://www.immling.de/kinder-kulturwoche/ oder unter Tel.: 08055 – 9034-0.

Tickets für die Abschlussvorstellung am 18. August um 11.00 Uhr unter
www.immling.de oder Tel. 08055 – 9034 0

 

—| Pressemeldung Immling Festival |—


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