Aldeburgh, Snape Maltings, Macbeth – English Touring Opera, IOCO Kritik, 18.04.2019

Aldeburgh Festival / Snape Maltings Concert Hall © Philip Vile

Aldeburgh Festival / Snape Maltings Concert Hall © Philip Vile

Snape Maltings Aldeburgh Festival

 Benjamin Britten Gedenkmuschel am Meeresufer von Snape © IOCO

Benjamin Britten Gedenkmuschel am Meeresufer von Snape © IOCO

Snape Maltings ist eine bedeutende Kulturstätte in Suffolk, England, in der Nähe der kleinen Orte Snape und Aldeburgh gelegen. Bereits vor 2000 errichteten die Römer erste Siedlungen in Snape und bauten Salzfertigungen. Snape und Aldeburgh erreichten durch auffällige kulturelle Aktivitäten überregionale Bedeutung. Benjamin Britten (*1913 – 1976) gründete dort 1948 das jährlich stattfindende international geschätzte Aldeburgh Festival und errichtete in der Folge Konzerthaus (Foto).  Eine übergroße ins Meeresufer vor Snape errichtete Muschel erinnert auffällig an Benjamin Britten, den großen Sohn der Region Snape und Aldeburgh. Hier eine weitere IOCO Rezeption aus Snape Maltings, link:  Dardanus von Jean-Philippe Rameau

IOCO – Korrespondentin Janet Banks besuchte die Macbeth Produktion der English Touring Opera (see video) in der Concert Hall von Snape Maltings: Privat betriebene Touring Opera Companies sind erneut eine britische Besonderheit: im deutschen Sprachraum nahezu unbekannt, in England jedoch häufig anzutreffen.


Macbeth – Giuseppe Verdi

 Produziert von – English Touring Opera

by Janet Banks

English Touring Opera was about halfway through touring the UK with three early works by great operatic composers, Mozart’s Idomeneo, Rossini’s Elizabeth I and Verdi’s Macbeth, when I witnessed this gripping production at Snape Maltings, home of the Aldeburgh Festival.

Tristan und Verdi’s Macbeth | Production Trailer
Youtube Trailer  English Touring Opera
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James Dacre’s production was dramatically engrossing, hitting home time and again, largely thanks to excellent performances by the two lead singers, Madeleine Pierard as Lady Macbeth and Grant Doyle as Macbeth. Pierard had a strong stage presence and powerful body language – everything seemed more intense when she was on stage – and her full-throated soprano was more than a match for Giuseppe Verdi’s vocal acrobatics in Act I Scene 2. Her restless writhings before her suicide in the final act made a powerful contrast to her aggressive confidence in the party which closes Act 2.

The scenes between Pierard and Doyle as Macbeth were particularly intense. Doyle brought a lurking sense of foreboding into his voice from early in the opera and his Act 4 Scene 3 final aria showed impressive dramatic range. Sung in English in a good translation by Andrew Porter, any words which were not audible (and they were very few) were still not lost, thanks to TV screens either side of the stage which relayed the libretto, plus the setting for each act.

English Touring Opera / Machbeth © Richard Hubert Smith

English Touring Opera / Machbeth © Richard Hubert Smith

Designer Frankie Bradshaw’s constumes set the production in the present day: Macbeth politician-like in suit and tie, Lady Macbeth either in silky night attire or a short, smart party dress, the rest of the male characters in military uniform or fatigues. Staging was bare but effective – a chaise longue doubling as a throne, concrete bunker-type walls for the castle, and a nice modern touch when Banquo’s assassins climb up to unplug a security camera before his murder. It’s always a challenge to know what to do with the witches, especially with their far from haunting music. However the green-clad nursing nuns (see foto above) with their Florence Nightingale-like lamps and choreographed movements failed to spook me.

Andrew Slater was a deep-toned and noble Banquo and Amar Muchhala a moving Macduff in his beautiful lyric tenor aria lamenting his failure to protect his wife and children. There was much well-disciplined singing from the chorus, particularly in their a cappella chorale after Duncan’s murder.

—| IOCO Kritik Snape Maltings Aldeburgh Festival |—

Freiburg, Konzerthaus Freiburg, SWR Symphonieorchester – Prokofiew – Schostakowitsch, IOCO Kritik, 13.02.2019

Februar 14, 2019 by  
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Konzerthaus Freiburg © FWTM

Konzerthaus Freiburg © FWTM

Konzerthaus Freiburg

SWR Symphonieorchester – Im Konzerthaus Freiburg 

– Prokofiew, Schostakowitsch –

von Julian Führer

Zwei große Werke des sowjetrussischen Repertoires standen am 26.1.2019 auf dem Programm im Rolf-Böhme-Saal. Vor der Pause spielte Anna Vinnitskaya das zweite Klavierkonzert in g-Moll opus 16 von Sergej Prokofiew, ein Werk mit horrenden technischen Schwierigkeiten. Dieses Konzert wurde zweimal uraufgeführt, einmal 1913 und einmal, da die Originalpartitur in den Wirren von Revolution und Bürgerkrieg verlorengegangen war, in einer Neufassung Prokofiews auf der Basis eines erhaltenen Klavierauszugs 1923. Beide Male reagierte das Publikum teils reserviert, teils offen ablehnend. Der reichlich zehnminütige Kopfsatz ist noch fast am einfachsten zu meistern, doch beschleunigt sich das Tempo, und eine lange Kadenz fordert von der Solistin ganzen Einsatz. Im großen Saal des Konzerthaus Freiburg ließ Michael Sanderling als Dirigent das Orchester zunächst zurückhaltend begleiten, um der Solistin den nötigen Raum zu lassen. Anklänge an die fast pointillistischen Visions fugitives Prokofiews waren hörbar.

Der zweite Satz, ein wildes, gerade einmal gut zweiminütiges Scherzo, erfordert von der Solistin die maximale Konzentration, denn in den rasenden Läufen wäre eine einzige falsche Note wahrscheinlich das „Ende“. Der dritte Satz (Intermezzo: Allegro moderato) erinnert zunächst an die bekannten Marschthemen aus Romeo und Julia. Im Finale (Allegro tempestoso) wird das Tempo noch einmal gesteigert; allein die Zahl und die schnelle Abfolge der Übergriffe, bei denen die rechte Hand tiefer als die linke Hand oder die linke Hand höher als die rechte Hand spielt, zeigt den technischen Anspruch, den der junge Prokofiew an seine Pianisten hatte, als er das Konzert mit gerade einmal 21 Jahren komponierte. Anna Vinnitskaya schien äußerlich gänzlich unbeeindruckt von den Anforderungen ihres Parts. Im Freiburger Saal klangen die Holzbläser etwas zu leise im Gesamtzusammenhang – vielleicht bedingt durch ihren Platz hinter dem aufgeklappten Flügeldeckel. Michael Sanderling führte das Orchester mit sparsamer, doch präziser Gestik, und passte sich geschmeidig dem Solopart an. Das Freiburger Publikum von 2019 zollte der Solistin großen Respekt für ihre Leistung; vielleicht kann dieses Konzert in Zukunft doch noch häufiger erklingen.

Konzerthaus Freiburg / SWR Symphonieorchester © SWR/Wolfram Lamparter

Konzerthaus Freiburg / SWR Symphonieorchester © SWR/Wolfram Lamparter

War der Orchesterapparat bei Prokofiew schon groß, so traten für das nächste Werk noch mehr Musiker aufs Podium: Die 10. Symphonie in e-Moll op. 93 von Dmitri Schotakowitsch. Dieses je nach Interpretation reichlich fünfzigminütige bis knapp einstündige Werk beginnt mit einem ersten Satz (Moderato), der für sich genommen schon über zwanzig Minuten intensiven Musizierens verlangt. Die tiefen Streicher intonieren zunächst unisono ein düsteres Motiv; nach etwa zweieinhalb Minuten kommt erst eine Klarinette mit einem zart vorgetragenen zweiten Motiv dazu. Der Satz baut sehr langsam, aber kontinuierlich scharfe Dissonanzen im Blech auf, die mit Trommelsignalen und Gongschlägen begleitet werden. Die Klangwelten der elften Symphonie kündigen sich hier an. Die Faktur des Satzes ist hochkomplex und bietet sowohl lange grüblerische Passagen als auch laute Ausbrüche. Michael Sanderling erwies sich als intimer Kenner der Partitur, gerade im ersten Satz gestaltete er ein klares Klangbild (nun auch mit sehr transparent gehaltenen und gut hörbaren Holzbläsern, einer sehr wichtigen Instrumentengruppe in diesem Satz). Die Präzision des SWR-Symphonieorchesters in diesem Satz war beeindruckend. Der Erkältungsgrad des Publikums wirkte manchmal einer wirklich konzentrierten Aufnahme der Darbietung entgegen, doch lag dies nicht an den Musikern.

Der zweite Satz, der berühmteste der ganzen Symphonie, dauert nur vier Minuten und skizziert in alptraumhafter Verzerrung eine bedrückende Situation, vielleicht Stalin selbst. Auf jeden Fall setzen die Streicher mit schroffen Akkorden ein, zu denen aus Oboen und Klarinetten eine kurze Melodie erklingt, die fortan weiterentwickelt wird. Alles an diesem Satz ist gedrängt, schrill, auch laut. Im folgenden Allegro entwickelt Schostakowitsch in einer für ihn charakteristischen Manier eine kleine, unscheinbare Melodie, die mit entsprechender rhythmischer Grundierung zu einer clownesk überdrehten Groteske gesteigert wird.

Der vierte Satz beginnt wieder mit einer langsamen Introduktion, die von einem Allegro abgelöst wird, in dem es ausgelassen zuzugehen scheint, allerdings einmal mehr eine Spur zu hoch, zu schnell, zu lärmig oder mit einer seltsamen Zuordnung der Instrumentengruppen, wenn zum Beispiel ein Solofagott übermütig eine eigentlich dem hohen Holz zugedachte Musik übernimmt und damit fröhlich vor sich hinpoltert. Ähnlich wie im Schlusssatz der fünften Symphonie hämmert das ganze Orchester in scheinbarer Affirmation vor sich hin; in der „Fünften“ mündet das Fortissimo in einem auf einmal leeren Schlussakkord ohne klare Harmoniezuordnung, in der „Zehnten“ in einer lauten Fanfare des Blechs auf die Noten D-Es-C-H (DSCH, die Initialen von Dmitri Schostakowitsch); es folgt eine Pause und dann ein abermaliger Anlauf zu einem erneut übermütig scheinenden Finale mit polternder Pauke und dröhnendem Schlussakkord.

Die Symphonie insgesamt ist wahrscheinlich unmittelbar nach dem Tod Stalins entstanden und wurde Ende 1953 unter Jewgenij Mrawinsky uraufgeführt. Verschiedene Interpretatoren haben ein Seelenporträt des Komponisten darin sehen wollen, eine chiffrierte Schilderung seiner Seelenzustände und im zweiten Satz ein Porträt Stalins. Dies alles ist durchaus möglich, aber die Wirkung der fordernden Komposition ist auch ohne diese sehr konkreten Deutungen gesichert. Der Kontrast zwischen Grübelei im ersten Satz, einer musikalischen Horrorvision im zweiten Satz, Clownsmusik im dritten Satz und einer Mischung all dieser Stimmungen im Schlusssatz verfehlte auch in Freiburg ihre Wirkung nicht. Michael Sanderling traf mit dem SWR-Symphonieorchester einen Tonfall, der allen diesen Schattierungen gerecht wurde – wofür alle Beteiligten lange und vollkommen zu Recht gefeiert wurden. Ein anspruchsvolles Konzert, das die Erwartungen voll erfüllen konnte.

—| IOCO Kritik Konzerthaus Freiburg |—

Berlin, Konzerthaus, Edgar – Giacomo Puccini, IOCO Kritk, 07.02.2019

Februar 7, 2019 by  
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Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin © David von Becker

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin © David von Becker

Konzerthaus Berlin

Edgar  –  Eine frühe Oper von Giacomo Puccini

Berliner Operngruppe  im  Konzerthaus Berlin

von Patrik Klein

Giacomo Puccinis Dramma lirico in drei Akten Edgar hatte am 4. Februar 2019 im Konzerthaus Berlin die semiszenische Berliner Erstaufführung mit dem Chor und Orchester der Berliner Operngruppe sowie namhaften und bestens disponierten internationalen Solisten. Die Berliner Operngruppe und das internationale Medienunternehmen Bertelsmann AG setzten damit ihre Reihe zur Präsentation seltener Opern fort.

Semiszenische Aufführung mit energiegeladenen Klängen

Die 1889 in Mailand uraufgeführte Oper um Liebe, Treue und Verrat wurde in der letzten Fassung von 1905 gegeben – erstmals in Berlin und als eine der ersten Aufführungen in Deutschland überhaupt. Die Oper lässt bereits die musikalische Genialität erkennen, die Puccini später mit Opern wie La Bohème, Tosca, Madama Butterfly oder Turandot in Vollendung offenbaren sollte. Die Berliner Operngruppe und Bertelsmann lenkten mit der Aufführung von Edgar erneut die Aufmerksamkeit auf weniger bekannte Opern großer Komponisten, deren Werke im Bertelsmann-eigenen Archivio Storico Ricordi in Mailand dokumentiert sind. Die Operngruppe startete damit vor neun Jahren; zum nunmehr dritten Mal wurde sie dabei aktiv von dem Medienkonzern unterstützt.

Konzerthaus Berlin / Edgar von Giacomo Puccini - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar von Giacomo Puccini – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Felix Krieger, künstlerischer Leiter und Dirigent der Operngruppe, reiste im November des vergangenen Jahres eigens nach Mailand, um die Originaldokumente zu Edgar im Archivio Storico Ricordi zu studieren. Er äußerte sich begeistert: „Es ist sehr beeindruckend zu sehen, wie Puccini an der ursprünglich vieraktigen Fassung von ‚Edgar‘ immer wieder vielfältige Veränderungen vorgenommen hat, um schließlich zur wesentlich kompakteren letzten Fassung von 1905 zu gelangen, die wir mit der Berliner Operngruppe zur Aufführung bringen werden.“

Das unausgereifte Textbuch von Ferdinando Fontanas mit zum Teil unglaubhaften Charakterisierungen der handelnden Personen und gelegentlicher Unabgestimmtheit zwischen Musik und Thema hat Puccini nicht davon abgehalten, eine Oper zu komponieren, deren tragischer Inhalt mit musikalischer Leidenschaft vorgetragen wird. Besonders im dritten Akt sind mehrfach die Chancen auf ein logisches Weiterentwickeln mit „Happy End“ vertan worden und man hat Mühe dem Handlungsfaden zu folgen. Der melodische Erfindungsreichtum jedoch ist groß und die bühnenwirksamen Szenen der Handlung bieten ein erhöhtes Maß an Dramatik. Die inhaltlichen Vorgänge rund um den Katafalk stellen ein für die Zeit der Entstehung kaum erträgliches Novum dar, doch spricht Puccini gerade dort seine intensivste und revolutionärste Sprache. Vor allem aber hat er spätestens nach diesem Werk, das in seiner Entwicklung geradezu eine Grundvoraussetzung für den nachfolgenden Triumph der Oper Manon Lescaut bildete, die Wichtigkeit eines guten Textbuches erkannt. Von nun an wirkte er an seinen Libretti selbst mit. Seine sorgfältig ausgesuchten Autoren trieb er durch zahlreiche eigene Vorschläge und Änderungswünsche oft bis zur Verzweiflung. Dabei hat ihn wohl nur die zeitraubende Art seines Komponierens daran gehindert, seine Texte selbst zu verfassen.

Dank Giulio Ricordi konnte die Uraufführung am Ostersonntag des Jahres 1889 in der Mailänder Scala stattfinden. Sie war ein Erfolg für den jungen Komponisten. Das Publikum nahm das Werk mit Beifall auf (die Chronik verzeichnet 24 Vorhänge und die damals übliche Wiederholung zweier Musiknummern). Die Presse jedoch urteilte vernichtend über das Libretto, äußerte sich aber lobend über den musikalischen Wert der Partitur.

Auch nach der Eliminierung des zweiten Aktes aus dem ursprünglich vieraktigen Werk blieb der Oper der Erfolg nicht treu, wenngleich noch Aufführungen in Madrid und Buenos Aires stattfanden. 1967 versuchte man in London eine Wiederaufnahme, doch haben Puccinis spätere Erfolge das Werk weitgehend verdrängt. Fidelias Totenklage wurde bei Puccinis Aufbahrung am 3.12.1924 im Mailänder Dom unter Toscaninis Leitung aufgeführt. In den letzten Jahrzehnten gab es nur sehr wenige Aufführungen dieser frühen Oper Puccinis; am 13. April 2008 beispielsweise konzertant aus der Carnegie Hall New York unter der Leitung von Eve Queler.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : David Ostrek (Gaultiero/Walter) und Silvia Beltrami (Tigrana) © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : David Ostrek (Gaultiero/Walter) und Silvia Beltrami (Tigrana) © Patrik Klein

Edgar ist Puccinis zweite Oper als er noch sehr jung, sehr wild und umtriebig war. Genau so ist auch die Handlung der Oper. Es geht um einen Menschen, der komplett unzufrieden ist mit seiner Umwelt, dem sozialen Umfeld, das ihn erheblich einschränkt. Die Handlung spielt in einer klar geordneten mittelalterlichen Gesellschaft, die sehr religiös geprägt ist. Edgar rebelliert dagegen. Er hat eine Freundin und Geliebte Fidelia, die ihn versucht, auf den „rechten“ Weg zu bringen. Auf der anderen Seite gibt es aber eine verführerische andere Frau namens Tigrana, die ihn versucht in die mehr experimentellen Welten zu entführen. Zwischen diesen beiden Damen und damit zwischen diesen beiden Lebenskonzepten ist Edgar hin- und hergerissen. Edgar entscheidet sich aber bereits am Ende des ersten Aktes, aus dieser religiös geprägten Gesellschaft auszubrechen und mit Tigrana ein neues Leben anzufangen. Dieses neue Leben ist geprägt von Ausschweifungen, libertärem Wesen und einem erotischen Tag- Nachttraum, den er irgendwann durchdringen muss. Aber auch dieses Leben wird ihm ähnlich wie bei Wagners Tannhäuser irgendwann langweilig. Er lässt dann auch Tigrana wieder hinter sich und versucht in seine Ursprungswelt zurückzugelangen. Doch es ist zu spät; in sein früheres Leben kann er nicht mehr integriert werden.

Die Handlung – Erster Akt: (Flandern, 1302) Während die Landleute ihr Tagewerk beginnen, trifft Fidelia Edgar, begrüßt ihn zärtlich und eilt davon. Tigrana, die Edgar ebenfalls gern hat, verspottet und umwirbt den jungen Mann; dieser, hingerissen zwischen Zuneigung zu Tigrana und Liebe für Fidelia, lässt sie stehen und flüchtet in sein Häuschen. Frank, Fidelias Bruder, macht Tigrana, die er liebt, Vorhaltungen, weshalb sie das verabredete Rendezvous nicht eingehalten habe. Diese will nichts von ihm wissen. Tigrana, ein Maurenmädchen, das Zigeuner ausgesetzt haben und das von Walter aufgezogen wurde, hat einen schlechten Ruf und reizt durch ein freches Lied die zur Kirche gehenden Leute, die sie fortzujagen drohen. Edgar verteidigt sie gegen die Bauern und entschließt sich, mit ihr das Dorf zu verlassen, nachdem er sein Haus angezündet hat. Frank will Tigrana mit Gewalt zurückhalten und fordert Edgar zum Zweikampf; Edgar verwundet ihn und flieht mit Tigrana. Schwester und Vater halten Frank mühsam zurück. Dieser stößt einen Fluch gegen sie aus: „Abbieta creatura, Maledizione a te!“

Zweiter Akt: Edgar hat mit Tigranaeine Weile zusammengelebt, ist aber seiner Geliebten überdrüssig geworden. Sehnsüchtig denkt er an Fidelia. Tigrana merkt an seinem Benehmen, dass ihr Liebhaber sie verlassen will und versucht ihn zurückzugewinnen. Ein Trupp Soldaten nähert sich. Frank, der Hauptmann geworden ist, führt ihn an. Frank und Edgar, der seinem ehemaligen Feind gesteht, er habe es bereut, Fidelia verlassen zu haben, versöhnen sich und ziehen zusammen fort. Tigrana schwört Rache.

Dritter Akt: Edgar kommt als Mönch verkleidet mit Frank zurück; beide gehen einem Trauerzug voran. Vor den Toren der Stadt Kortijk ist für Edgar, der in der Schlacht gefallen sein soll, ein Katafalk errichtet worden; eine Trauermesse beginnt. Auch Fidelia glaubt, Edgar sei tot, und beklagt ihn. Der verkleidete Edgar bezeichnet den Verstorbenen als Wüstling, der mit einer Dirne zusammen gelebt habe, worauf die Landleute Verwünschungen ausstoßen. Fidelia verteidigt den Toten. Edgar erkennt freudig, dass sie ihn noch immer liebt. Er wirft seine Verkleidung ab, steht in Ritterrüstung da und umarmt seine Geliebte; der Sarg auf der Bahre erweist sich als leer. Tigrana, die Edgar und Frank gefolgt war, schleicht sich an Fidelia heran und erdolcht sie. Edgar bricht über ihrer Leiche zusammen, während die Mörderin von Soldaten abgeführt wird.

Die Oper ist wie ein Kondensat aus Puccinis besten Melodien und von einem jungen Mann noch etwas ungeordnet komponiert. Aber das macht gerade den Reiz und den Scharm dieser Oper aus. Manchmal klingt es wie eine kleine Turandot, man vernimmt Anklänge aus La Bohème, Tosca und Manon Lescaut.

Mit behutsam ausgewählten Ausstattungselementen, die die Charaktere der Protagonisten und die Eckpfeiler der Handlung unterstreichen, setzt der Regisseur Thilo Reinhardt Puccinis Oper in plausible Bilder und nachvollziehbare Szenenabläufe um. In passenden Kostümen und mit etlichen Versatzstücken gelingt ihm eine Anreicherung der doch gelegentlich abstrusen Handlungsstränge mit dramaturgischer Substanz. Die Szenen im dritten Akt vor dem Katafalk zum Beispiel spielen sich direkt vor dem Dirigentenpult ab. Ein Stehtisch, wie aus einem Cocktailempfang einer Partygesellschaft ist geschmückt mit dem Bild des angeblich gefallenen Soldaten Edgar, seiner Urne und ein paar Kerzen. Die Flagge Italiens (das Stück spielt um 1300 n.Chr. in Flandern) weht stolz auf dem Podium des Konzerthauses Berlin. In Mönchskutte, Trauerkleidern, Galauniform und Zylinderhut geben die handlungsführenden Personen ihr Bestes, um den von der Musik gebannten Zuhörer auch optisch in die dramatische Handlung zu einzubinden.

Musikalisch ist der Opernabend auf einem sehr hohen Niveau angesiedelt. Der Konzertsaal, der in seiner Akustik subjektiv der Hamburger Laeiszhalle ähnelt, scheint geradezu ideal für ein Chor- und Orchesterkonzert. Warme Klänge und ein recht langer Nachhall sorgen für einen exquisiten Musikgenuss. Durch die enorme Energie der Musik Puccinis mit vielen Ausbrüchen und satten Fortissimopassagen, hatten es die Sänger nicht immer leicht, sich stimmlisch durchzusetzen.

Der britische Tenor Peter Auty, (Edgar, ein junger Bauer), der beim Glyndebourne Festival als Rodrigo und Nemorino sang, sowie an der Scottish Opera und der Oper Frankfurt engagiert war, sang seine Rolle mit großer Leidenschaft und viel Kraft. Mit superber Stimmführung, feiner Phrasierung und betontem Legato meisterte er die schwere Partie. Besonders bei der bekannten Arie im zweiten Akt „Orgia, chimera – dall ´occhio vitreo, dal soffio ardente…“ (Orgie, Chimäre mit glasigem Auge und feurigem Atem …) glänzte er zunächst in Feierlaune mit Lametta um den Hals und später voller Wut zündelnd mit dem Feuerzeug aus dem vergangenen Akt, mit melodischen Bögen und metallischem Material.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : Peter Auty als Edgar © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : Peter Auty als Edgar © Patrik Klein

Das Nachwuchstalent David Oštrek (Bass (Walter/Gualtiero, ein alter Bauer)), ein früheres Mitglied des Opernstudios der Staatsoper Berlin gab den „jungen“ alten Vater in Zylinder und Frack mit dunklem Bass und hoher Bühnenpräsenz nicht immer nur auf dem Orchesterpodium, sondern auch aus luftiger Höhe der Chorempore.

Elena Rossi (Sopran (Fidelia, Tochter Walters) wurde in Reggio Emilia (Italien) geboren und absolvierte ihr Musikstudium am Konservatorium Achille Peri ihrer Heimatstadt. Die Gewinnerin mehrerer Opernwettbewerbe sang vor allem Hauptrollen im italienischen Spinto-Fach an vielen großen Bühnen Italiens und Europas. An diesem Abend schien es so, als ob sie die gesamte Szenerie in ihren Bann zog. Sie sang geschmeidig und variabel sowohl die hohen leicht scharf wirkenden Spitzentöne ohne zu forcieren, als auch die hauchzart angesetzten leisen Töne sehnsuchtsvoll schluchzend die Seele mitschwingen lassend. Ihre beiden bekannten Arien aus dem dritten Akt „Addio, addio, mio dolce amore – nell`ombra ove discendi…“ (auf Wiedersehen meine süße Liebe; im Schatten wo man hinabsteigt…) und „D ´ogni dolor questo e il piu gran dolor…“ (von jedem Schmerz und größter Trauer…), wo sie in Trauerkleidung, Sonnenbrille und Witwenschleier erschien, gelangen ihr besonders eindringlich und mit großen Emotionen.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : Elena Rossi (Fidelia) © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : Elena Rossi (Fidelia) © Patrik Klein

Der international bekannte Bariton Aris Argiris (Frank, Sohn Walters), der an den großen Opernhäusern der Welt zu Hause ist, brilliert in den großen Bariton-Partien der Opern von Verdi und Puccini als auch in vielen anderen Rollen. Als Rigoletto war er vor kurzem an den Häusern der Scottish Opera in Schottland zu hören. Zuletzt debütierte er mit großartigem Erfolg als Wotan in Die Walküre in Chemnitz mit weit über die Region reichenden und überragenden Kritiken. Als Frank lässt er die enorme Bandbreite seiner dunkel bis rabenschwarz gefärbten und fein geführten Stimme erklingen. Im ersten Akt singt er die wohl bekannteste Arie „Questo amor, vergogna mia, io spezzar, scordar vorrei…“(diese Liebe, meine Scham, ich zerbreche, vergesse …) leise leuchtend, die Töne in bester „Italienischer Manier“ spuckend, besonders innig und mit feinster Phrasierung und herrlichem Glanz. Beim Fluch zum Ende des ersten Aktes „Abbietta creatura, maledizione a te…“ (kleines Geschöpf…ich verdamme Dich…) geht es mit einem hohen b (welches Puccini in dieser Fassung ausdrücklich erlaubt) sogar in den tenoralen Bereich, kraftvoll und äußerst sauber gesungen, das Orchester mit Leichtigkeit überstrahlendend, hinein. Zu Recht wird er am Ende vom begeisterten Publikum frenetisch gefeiert.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : Aris Agiris (FRank) © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : Aris Agiris (FRank) © Patrik Klein

Die aus Italien stammende Mezzosopranistin Silvia Beltrami (Tigrana, eine maurische Waise von Walter aufgezogen), die international u.a. als Amneris, Santuzza, Eboli, Ulrica und Azucena auf sich aufmerksam machte, sang Tigrana gestenreich, mit starkem Ausdruck und besonders dunkel gefärbter, sicher Stimme. Besonders glanzvoll gelang das Duett mit Edgar im ersten Akt „Tu voluttà di fuoco, ardenti baci…„, wo sie im feuerroten Kleid mit ihm streitet, wutentbrannt die Blumen vor seine Füße wirft, ihn dann aber mit Liebkosungen und Verführung zu sich ziehen will.

Chor (Steffen Schubert Choreinstudierung) und Orchester der Berliner Operngruppe vereinen seit 2010 Profis, Musikstudenten und hervorragende Amateure zu einem künstlerisch hochentwickelten Klangkörper. Mit international bekannten Solisten und Nachwuchstalenten werden von der Berliner Operngruppe selten zu hörende Werke der Opernliteratur entdeckt und semiszenisch zur Aufführung gebracht. Am diesem Abend hatte der Chor mit Puccinis Edgar viel zu tun. In günstiger akustischer Position auf der Chorempore und nicht auf dem Podium hinter dem Orchester hatten sie einen wertvollen Anteil am Gelingen des Abends in Berlin. Am Ende des ersten Aktes (Szene 6) beispielsweise beim Zusammenspiel mit Tigrana „Iddio non benedice…“ (Gott wird Dich nicht segnen…) gelang ein besonders exakter feiner Bogen bis hin zur dramatischen Ekstase.

Gründer und künstlerischer Leiter der Berliner Operngruppe ist der international erfahrene Dirigent und Komponist Felix Krieger. Dieser hat sich mit höchst gefeierten Verdi-Aufführungen im Konzerthaus Berlin als einer der interessantesten Verdi-Dirigenten seiner Generation einen Namen gemacht. Er startete seine Laufbahn als Assistent von Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern. Als Gründer und künstlerischer Leiter der Berliner Operngruppe legte er den Schwerpunkt auf selten gespielte italienischen Opern. Die Aufführungen wurden von Presse und Publikum begeistert aufgenommen. Es befanden sich darunter die Berliner Erstaufführungen von Verdis Oberto, Conte di San Bonifacio, Verdis Stiffelio und Donizettis Maria di Rohan, sowie die deutsche Erstaufführung von Donizettis Betly, außerdem Bellinis Beatrice di Tenda sowie Verdis Attila, Verdis I Masnadieri und schließlich im März 2018 Verdis Giovanna d’Arco.

Puccinis Edgar dirigierte er am Konzertabend mit großer Leidenschaft und Präzision durch die emotionalen Wechselbäder der Oper. Die in der Partitur Puccinis zu findende Energie, Dramatik und der Farbenreichtum der Musik wurde von den meist jungen Orchestermitgliedern in wuchtige, manchmal die Sängerinnen und Sänger bedeckende, aber auch vielfach feingliedrige Klänge aufgespannt.

Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus Berlin dankte allen Beteiligten am Ende mit herzlichem und lange anhaltendem Applaus. Beim anschließenden Empfang durch die Bertelsmann- Gruppe wurde deutlich, dass in deren Archiv in Mailand noch viele Schätze schlummern und auf ein Erwecken harren. Man darf gespannt sein, was Felix Krieger seinem Publikum als nächstes präsentieren wird.

—| IOCO Kritik Konzerthaus Berlin |—

Freiburg, Konzerthaus Freiburg, SWR Symphonieorchester – Eliahu Inbal – Beethoven, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 30.11.2018

Konzerthaus Freiburg © FWTM

Konzerthaus Freiburg © FWTM

Konzerthaus Freiburg

SWR Symphonieorchester – Im Konzerthaus Freiburg 

– Beethoven, Schostakowitsch –

Von Julian Führer

Der beeindruckend große Rolf-Böhme-Saal im Konzerthaus Freiburg, benannt nach dem langjährigen Oberbürgermeister der Stadt, hat ein breites Orchesterpodium, ein flach ansteigendes Parkett und langgezogene Galerien auf den Seiten, die über 1500 Zuschauern Platz bieten. Bedarf für einen solchen Saal scheint vorhanden, fand doch das besprochene Konzert vor ausverkauftem Haus statt. Am 12. November hier spielte das SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Eliahu Inbal.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

Vor der Pause wurde das Tripelkonzert für Klavier, Violine, Cello und Orchester von Ludwig van Beethoven op. 56 gegeben. Als Solisten traten die Musiker des Ludwig Trio auf: Abel Tomàs an der Violine, Arnau Tomàs am Cello und Hyo-Sun Lim am Klavier. Das Orchester spielte in fast karajanesk breiter Besetzung mit einer satten Grundierung von nicht weniger als sechs Bässen; es taten sich Klangwelten auf, die in den letzten zwei Jahrzehnten als demodiert galten, aber in dem großen Saal durchaus ihren Platz haben. Die drei Soloinstrumente werden von Beethoven unterschiedlich bedacht; das Cello hat vielleicht insgesamt den größten Anteil an den Solopartien und harmoniert am stärksten mit dem Orchester, während Violine und Klavier stärker solistisch agieren.

Die schon bei Beethoven etwas präpotente Violine wurde von Abel Tomàs mit viel Sinn fürs Effektvolle in Szene gesetzt, im Einzelfall um den Preis einer nicht hundertprozentig reinen Tonintonation. Beeindruckend war das Zusammenspiel von Arnau Tomàs am Cello und Hyo-Sun Lim am Klavier untereinander und mit dem Orchester. Stellenweise waren Anklänge an das erste Klavierkonzert in C-Dur zu hören (allein schon aufgrund der Tonart). Die zeitliche Nähe zum Violinkonzert opus 61 war mehr als einmal spürbar, und am Ende bedauert man es, dass dieser Singulär in Beethovens Konzertschaffen nicht eine eigene Konzerttradition begründet hat.

 SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg. © SWR/Wolfram Lamparter

SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg. © SWR/Wolfram Lamparter

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch hatte in der Sowjetunion kein leichtes Leben: Zunächst als Kompositionswunder gefeiert und auch im Westen schnell bekannt, fiel er in den 1930er Jahren aufgrund seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk bei Stalin in Ungnade. Die vierte Symphonie verschwand in der Schublade; um zu überleben, musste Schostakowitsch unter Beweis stellen, dass er von nun an nur noch ‚lebensnah‘ im Sinne der Kulturfunktionäre schreiben würde. Die siebte Symphonie in C-Dur, die sogenannte Leningrader, wurde in Ost und West (Arturo Toscanini dirigierte sie schon 1942 in New York) als musikalisches Epos zur Verherrlichung und Unterstützung des Kampfes gegen die deutschen Aggressoren gedeutet. Seit der Publikation der in ihrer Echtheit schnell angezweifelten Memoiren galt Schostakowitsch im Westen hingegen als heimlicher Widerstandskämpfer, der hinter der Maske des Affirmativen immer wieder Zeichen zum ‚echten‘ Verständnis seiner Werke in die Partituren hineingewoben habe und so gewissermaßen die Funktionäre der Sowjetunion mit ihrer eigenen Dummheit hinters Licht geführt habe.

Wie verhält es sich mit der elften Symphonie op. 103 in g-Moll, einem fast eine Stunde dauernden Werk, das nach der Pause gespielt wurde? Schostakowitsch liefert den Interpretationsschlüssel selbst, indem er ihr den Titel „Das Jahr 1905″ gibt und auch den einzelnen Sätzen noch Überschriften verleiht. Im ersten Satz befinden wir uns also vor dem Palais des Zaren in St. Petersburg. Quinten auf G und D in Harfen und tiefen Streichern lassen zunächst keine Tonart erkennen, bevor dann das B dazukommt und die Molltonart vorgegeben ist. In der Pauke ertönt düster und drohend eine Art Motto, und erst nach wenigen Minuten schält sich so etwas wie eine Melodie heraus. Eliahu Inbal schlug im ersten Satz sehr zügige Tempi an. Die Melodie der Flöte zitiert ein Lied auf den Zaren („Heißa, du unser Väterchen Zar“); diese Melodie wird durch die Instrumentengruppen geführt, aber lange nicht im Sinne eines Motivs in einem Sonatensatz weiterentwickelt. Die Anreicherungen führen immer wieder zu scharfen Dissonanzen, aber nie zu großer Lautstärke. Das Schlagwerk und gestopfte Trompeten evozieren Bilder von Soldaten bei der Wachablösung oder dergleichen. Der erste Satz zeigt nach herkömmlicher Interpretation die frierende und hungernde Menge vor dem Zarenpalast.

 hier aus der Stuttgarter Liederhalle, Eliahu Inbal leitet das SWR Symphonieorchester © SWR/Z. Chrapek

hier aus der Stuttgarter Liederhalle, Eliahu Inbal leitet das SWR Symphonieorchester © SWR/Z. Chrapek

Im zweiten Satz werden die tiefen Streicher unruhig, und das Lied auf den Zaren wird nun auch tatsächlich als musikalisches Motiv durchgeführt. Weiterhin in zügigen Tempi wurden die Hörer durch Schostakowitschs Klangwelten geführt, die aus russischen Liedern der Zarenzeit, Fetzen von Militärmusik und – bislang – entfernten Rhythmen des Schlagwerks zusammengesetzt sind. Dieser zweite Satz – „Der 9. Januar“ – thematisiert eine Demonstration vor dem Zarenpalast, die brutal niedergeschossen wird. Mit welcher Brutalität dieses Gemetzel musikalisch daherkommt, ist kaum in Worte zu fassen. In der Interpretationsgeschichte gibt es hier unterschiedliche Ansätze: Die deutlich zu hörenden Schüsse werden mal als unsäglich brutales, aber brillantes Feuerwerk in Szene gesetzt (etwa bei der Studioaufnahme unter Bernard Haitink mit dem Concertgebouw Orchestra), mal als alles niedermachende Feuerwalze (die meisten russischen und sowjetischen Einspielungen, z.B. Valery Gergiev, Kirill Kondrashiin, Jewgenij Mrawinsky), bei Gennadij Roshdestvensky (Orchester des sowjetischen Ministeriums für Kultur) hingegen unter drastischem Bremsen des Tempos als Gewaltorgie des Schlagwerks bei gleichzeitig höchster rhythmischer Präzision. Bei Eliahu Inbal blieb das Tempo hoch, beim Schlagwerk gab es zunächst kleine Irritationen. Als nach dem letzten „Schuss“ die Ohren wieder den Rest des Orchesters wahrzunehmen beginnen, scheint zunächst die Situation zu Beginn der Symphonie wiederhergestellt, erst langsam realisiert man, dass die Violinen flirren und eine Art gelähmtes Zittern über dem Orchester liegt – angesichts der Saalakustik nicht ganz so gut zu erleben wie sonst, denn vom Platz des Rezensenten aus waren etliche Frequenzbereiche bedauerlicherweise nicht zu hören, und auch die gewaltigen Klangzusammenballungen bei Dmitri Schostakowitsch kamen manchmal wie durch eine Wattewand gefiltert an – ein also nicht von allen Plätzen aus optimaler Konzertsaal.

Der dritte Satz („Ewiges Gedenken“) ist eine großangelegte Trauermusik auf die Opfer des 9. Januar. Aus einzelnen Pizzicati der Bässe und langen Pausen entwickelt sich eine unisono geführte Klagelinie der Bratschen – ein Zitat des Liedes Unsterbliche Opfer, das später auch bei Totenfeiern für sowjetische Generalsekretäre wie Leonid Breschnew und Jurij Andropow gespielt wurde. Der Klagegesang gipfelt in Klangballungen auf, die sehr überzeugend gesteigert wurden. Wie eine Reminiszenz an einen klassischen Sonatensatz mutet an, wie nach einem Klagechoral des schweren Blechs die Kantilene der Bratschen als Reprise noch einmal ganz zu Gehör gebracht wird.

 Das SWR Symphonieorchester, hier bei den "Donaueschinger Musiktagen" 2016.<br /> © SWR/Ralf Brunner

Das SWR Symphonieorchester, hier bei den „Donaueschinger Musiktagen“ 2016.
© SWR/Ralf Brunner

Der letzte Satz („Sturmgeläut“) beginnt mit einer Art Bläserfanfare und rhythmisch sehr scharf geführten tiefen Streichern. Auf die Zuhörer der Entstehungszeit muss das Stück einen ungeheuren Eindruck gemacht haben, wird doch hier nach dem Lied auf den Zaren aus dem ersten Satz ein bolschewistisches Kampflied zitiert, das in der Sowjetunion und den Ländern des Ostblocks buchstäblich jedem Kind bekannt war, die sogenannte Warschawjanka. Doch auch ohne dieses Lied im Ohr zu haben, ist der vierte Satz beeindruckend, vor allem der Moment, in dem er kompositorisch in eine Sackgasse zu geraten scheint und ein über dreiminütiges Solo des Englischhorns anhebt, ein Klagegesang, der an Intensität der Trauer an ein anderes Englischhornsolo denken lässt, dasjenige aus dem dritten Akt von Tristan und Isolde. Danach geht es schnell: In einer von Dirigent und Orchester mustergültig vollzogenen Beschleunigung des Tempos baut sich musikalisch Druck auf, der auf merkwürdige, doch für Schostakowitsch (seit dem Schluss der fünften Symphonie) letztlich typische Weise gelöst wird: Der Schluss kennt keine Melodie mehr, sondern vor allem hohe Lautstärke, verstärkt durch Glocken. Und der Schluss? Bei vielen Aufführungen und Aufnahmen verhallt der Klang, vor allem die Glocken hallen nach. Der Eindruck ist meist sehr beklemmend. Eliahu Inbal hingegen ging genau nach der Partitur, die den Klang in allen Instrumentengruppen – auch den Glocken! – im letzten Takt nach der ersten Achtel abbrechen lässt und am Ende nur Pausen setzt. In Freiburg fegte also das Fortissimo des Orchesters durch den Saal, auf einmal herrschte Stille, die durch das Publikum dankenswerterweise auch lange aufrechterhalten wurde.

Wie auch immer man Schostakowitsch auffasst: Diese Interpretation war überzeugend. Es ist schwer einzuschätzen, was Schostakowitsch mit dieser Symphonie wirklich „gemeint“ hat. Ging es ihm um die zur Entstehungszeit ein halbes Jahrhundert zurückliegende erste große Demonstration gegen den Zaren? Oder gibt es doch eine weitere Ebene, die eher auf die Gegenwart von 1956/1957 verweist, nämlich ein anderes „Väterchen“ (nämlich Stalin) und die kürzlich erfolgte brutale Niederschlagung der Aufstände in Polen und Ungarn? Wie auch immer – eine beeindruckende Komposition und ein vom Publikum im ausverkauften Saal lange beklatschtes Konzert.

—| IOCO Kritik Konzerthaus Freiburg |—

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