Dresden, Sächsische Staatskapelle, 4. Symphoniekonzert – Reimann, Bartok, IOCO Kritik, 13.11.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 4. Symphoniekonzert – Sächsische Staatskapelle

  Neun Miniaturen von Aribert Reimann –  Herzog Blaubart von Bela Bartók

von Thomas Thielemann

Immerhin bedurfte es des 4. Symphoniekonzerts, ehe der Saison-Capell-Compositeur Aribert Reimann mit seinen „Neun Stücke für Orchester“-zu Gedichten von Paul  Celan ein Werk seines Schaffens vorstellte.

Der Komponist Aribert Reimann, geboren 1936,  und der Lyriker Paul Celan (1920-1970) lernten sich 1957 trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Sozialisation 1957 in Paris kennen und schätzen. Reimann ist der jüngste Sohn einer Berliner Kirchenmusiker-Familie, während Paul Celan, ursprünglich Antschel, in einer deutschsprachlichen jüdischen Familie in Cernowitz, damals Rumänien zugehörig, geboren wurde. Während Reimanns Weg zum erfolgreichen Komponisten geradlinig verlief, konnte Paul Celan nach Ghetto sowie Zwangsarbeit erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Bukarest sein Romanistik-Studium abschließen und als Übersetzer bzw. Lektor arbeiten. Offenbar begann er bereits als Student Lyrik zu schreiben, denn nachdem er 1947 über Ungarn nach Wien übersiedelte, konnte er im Folgejahr einen ersten Gedichtband vorlegen. Möglicherweise unter dem Einfluss von Ingeborg Bachmann, mit der ihn ein Liebesverhältnis verband, siedelte er im gleichen Jahr nach Paris um.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Die Struktur der Lyrik von Paul Celan, seine logisch kaum fassbaren Sprachkunstwerke aus rätselhaften Chiffren und Metaphern beeindruckten Aribert Reimann derart, dass er sein Liedschaffen zu einem großen Teil mit Celan-Texten gestaltete.

Im März 1992 komponierte er neun Lieder ohne Klavier- oder Orchesterbegleitung für Mezzosopran nach Celan-Texten über das Leid, den Verlust, die Trauer und nannte den Zyklus „Eingedunkelt“. Die Wirkung der Uraufführung des Zyklus durch Brigitte Fassbaender im Juni 1993 auf die Zuhörer bestätigte das Vertrauen Reimanns in die expressive Kraft der Verse und veranlassten ihn, noch einmal die Auseinandersetzung mit den Gedichten Celans zu suchen. „Ich war von der Idee gefangen, die Welt der Gedichte in absolute Musik zu verwandeln“. Die Poesie Paul Celans tritt bei den Orchesterstücken zugunsten einer rein musikalischen Welt zurück.

Die musikalische Leitung des Konzerts hatte der 1958 geborene Kalifornier David Robertson übernommen. Robertson, Chefdirigent und künstlerische Leiter des Sydney Symphony Orchestra, gehört bisher noch nicht zu den ständigen Gastdirigenten der Staatskapelle. In Erinnerung ist uns eine Vertretung als musikalischer Leiter des 9. Symphoniekonzert im Februar 2016 wegen seines heiteren Auftretens geblieben. Ohne Probe hatte er Werke von Beethoven und Ruzicka dirigierte.

Die neun Miniaturen nach Versen von Paul Celan im besprochenen Konzert dirigierte David Robertson artikuliert und souverän, mit viel Sinn für Farbe, aber auch mit Deutlichkeit in den düsteren Momenten. Immer vermittelt er der Musik Reimanns Halt in sprach-analoger Klang-Rhetorik. Die Musiker, der Interpret und Aribert Reimann, der selbst anwesend war, erhielten mehr als nur freundlichen Beifall.

Sächsische Staatskapelle Dresden / 4. Symphoniekonzert - hier : Dirigent David Robertson © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / 4. Symphoniekonzert – hier : Dirigent David Robertson © Matthias Creutziger

Die Botschaft der im zweiten Konzert-Teil gebotenen konzertanten Aufführung von Bela Bartoks einaktiger Oper Herzog Blaubarts Burg ist fatalistisch. Ob seiner sexualneurotischen Verbrechen gehört der Ritter Blaubart zu den großen Bösewichtern der Literatur. Es gibt mit dem berüchtigtem Serienmörder Baron Gilles de Rais (1404-1440), einem Waffenbruder der Jeanne d´Arc, sogar ein historisches Vorbild. Sein Treiben hatte 1697 Charles Perrault im Märchenbuch Contes de am Mère l´Oye in die Literatur eingeführt, wobei im Märchen Blaubarts letzte Frau dem Schicksal ihrer Vorgängerinnen in letzter Sekunde entging. 1812 ging die Blaubart-Sage in die Märchensammlung der Gebrüder Grimm ein. Möglicherweise in der Folge der Forschungen Sigmund Freuds über psychische Abgründe des Menschen bekam die Blaubart-Legende um 1900 eine gewisse Renaissance.

Neben Maurice Maeterlinck, Paul Dukas, Judith Kuckart, Alfred Döblin und anderen  beschäftigte sich auch der Dichter und spätere Filmtheoretiker und -kritiker Herbert Bauer (1884-1949) mit der verstörenden Geschichte von männlicher Gewalt und weiblicher Neugierde. Mit Kodály, Bartók und dem Philosophen Georg Lukácz war er über das Land gezogen, um Volksmusik und im Volk kursierende Sagen zu sammeln. Dabei hatte er auf der Suche seines Ungartums den Namen Béla Balázs angenommen.

Als er seine symbolistische Fassung einer uralten ungarischen Volksballade im Salon des Ehepaars Kodály vorlas, äußerte Bartók die Idee einer psychologischen Programm-Musik und die Umwandlung des Stoffes in eine „klangfarbensymbolische Tiefendimension“. Bartók fühlte sich, so sein Biograf  György Kroó, zu dieser Zeit ob seiner Nietzsche Lektüre in einen sonderbaren Schwebezustand.

Bartók komponierte 1911 eine Erstfassung, die er 1912 und 1918 revidierte. Erst dann erlaubte das gespannte Verhältnis Bartóks zur akademischen ungarischen Musikszene eine Uraufführung. Die derzeit gespielte Fassung ist 1921 entstanden.

Die Handlung der Oper Herzog Blaubarts Burg umfasst lediglich, dass des Blaubarts neue Frau Judith seine Burg betritt, sieben schwarze Türen vorfindet, und von da an in alle sieben Räume einzudringen versucht. Das bedeutet, durch fortwährende Grenzüberschreitungen die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft des Mannes gegen seinen Willen zu erobern. Die Öffnung von Folterkammer, Waffenkammer, Schatzkammer, Zaubergarten und Landbesitz, sprich: seine Macht, erlösen Blaubart von seinen Komplexen. Judiths Dynamik treibt nahezu erpresserisch seine Erlösung. Trotzdem lenkt der Mann: Er entscheidet, wann die Tür geöffnet wird. Mit der siebten Tür, dem Tränen-See, kippt die Erlöserrolle zum besessenen Verlangen nach der ganzen Wahrheit. Hinter der sechsten Tür aber betreuen Blaubarts frühere Frauen: die erste „den Morgen“, die zweite „den Mittag“ und die dritte „den Abend“, weil auch sie zu viel wissen wollten. Für Judith bleibt damit die ewige Betreuung „der Nacht“. Für Blaubart ist der Versuch, wieder zu lieben, gescheitert.

Sächsische Staatskapelle Dresden / 4. Symphoniekonzert - hier : Dirigent David Robertson, Sopranistin Elena Zhidkova und Matthias Goerne © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / 4. Symphoniekonzert – hier : Dirigent David Robertson, Sopranistin Elena Zhidkova und Matthias Goerne © Matthias Creutziger

Den Prolog zur Oper sprach David Robertson auf Ungarisch und verweist den Zuhörer auf die Texteinblendungen. Sein Dirigat war intensiv, dynamisch und klangfarbenreich. Streckenweise ließ er das Orchester zu voller Pracht aufblühen. Dann aber blieb der Ton verhalten-intim in einem Schwebezustand und ein eisiger Hauch durchzog den Raum. Die eigentliche psychologische Konfrontation zwischen Judith und Blaubart wurde vornehmlich von einer hervorragend aufgestellten Staatskapelle mit ihren wunderbaren Solisten abgebildet. Besonders waren der Solo-Trommler Thomas Käppler, der Solo-Klarinettist Robert Oberaigner sowie die beiden Harfenistinnen Astrid von Brück und Johanna Schellenberger aufföllig. Auch konnten wir als neuen Konzertmeister Nathan Giem am ersten Pult erleben.

Diesem Konzept folgten die beiden Gestalter der Gesangspartien. Die wunderbare Mezzosopranistin Elena Zhidkova brachte die fortwährend vollzogenen und zunächst auch gelungenen Grenzüberschreitungen der Judith mit prachtvollem Stimmeinsatz zu Gehör. Dabei signalisiert sie einerseits den Wunsch nach Vereinigung, bringt aber andererseits den Gegensatz des Weiblichen zum Männlichen zur Geltung. Wenig beeindrucken sie seine „Lande“, die Herzog Blaubart prahlend, mit Blechunterstützung vom Rang, präsentiert. Die Erlöserrolle entwickelt die Sopranistin zunehmend zum besessenen Verlangen nach der „ganzen Wahrheit“. Elena Zhidkovas Judith handelt aus freiem Willen und akzeptiert ihr tragisches Ende nahezu gefühllos.

Anders der stimmlich hervorragend angepasste Herzog Blaubart von Matthias Goerne. Seine Einsamkeit, repräsentiert durch die Beschreibung der dunklen, kalten und kargen Burg, verändert sich durch den Kontakt mit der Frau. Andererseits entscheidet er, ob und wann er die nächste Tür öffnet, um sich die Liebe der Judith zu erhalten. Damit ist er nicht in der Lage, die Öffnung der siebten Tür zu verweigern. Das zwingt ihn letztlich, die aktive Figur der Judith als erstarrten Gegenstand zum Baustein seiner Burg zu machen.

Frenetischer Beifall des leider nicht voll besetzten Auditoriums für Solisten, Dirigent und  Staatskapelle war hörbarer Beleg für den Erfolg des 4. Symphoniekonzert der Sächischen Staatskapelle.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, Götterdämmerung – Ring des Nibelungen, 17.11.2019

November 11, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Oper, Premieren, Pressemeldung

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Deutsche Oper am Rhein

Theater Duisburg © IOCO

Theater Duisburg © IOCO

Götterdämmerung –  Szenische Premiere in Duisburg

 Premiere 17. November 2019

Innerhalb von sechs Tagen den ganzen Ring erleben: Am Dienstag, 12. November 2019, beginnt mit Das Rheingold die erste zyklische Aufführung von Richard Wagners  Ring des Nibelungen im Theater Duisburg.

Endlich ist es soweit: Vom 12. bis 17. November 2019 ist der gesamte Ring des Nibelungen von Richard Wagner  erstmals szenisch im Theater Duisburg zu erleben. Er schließt am Sonntag, 17. November 2019, mit der szenischen Premiere der Götterdämmerung, dem letzten Teil des vierteiligen Zyklus. In opulenten Bildern entfalten Regisseur Dietrich W. Hilsdorf und sein Team den Nieder­gang einer göttlichen Herrscherdynastie vor dem Hintergrund der politischen, industriellen und sozia­len Entwick­lungen des 19. Jahrhunderts.


Götterdämmerung – Hilsdorf – Inszenierung – hier in Düsseldorf
Youtube Trailer der Deutschen Oper am Rhein
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In musikalischer Hinsicht geriet der vierteilige Ring bereits in der vergangenen Spielzeit zu einem umjubelten Triumph für das Sänger­ensemble und die Duisburger Philharmoniker unter Generalmusik­direktor Axel Kober: Infolge des großen Wasserschadens im Theater Duisburg diente die benachbarte Mercatorhalle im Mai 2019 als Ausweichquartier für vier konzertante Aufführungen.

Auf der Bühne des Duisburger Theaters stellen jetzt erneut zahlreiche Ensemblemitglieder der Deutschen Oper am Rhein und hochkarätige Gäste ihre Wagner-Kompetenz unter Beweis. Die Partien gestalten u. a. James Rutherford (Wotan), Linda Watson (Brünnhilde), Raymond Very (Loge), Michael Weinius (Siegmund), Sarah Ferede (Sieglinde und Waltraute), Corby Welch (Siegfried), Florian Simson und Cornel Frey (Mime), Stefan Heidemann (Alberich), Sami Luttinen (Hunding und Hagen), Bogdan Baciu (Gunther) und Sylvia Hamvasi (Gutrune). Orchestral begleitet werden sie von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Axel Kober.

Der Ring des Nibelungen  im Theater Duisburg:
Dienstag, 12. November, 19.30 Uhr: Das Rheingold
Mittwoch, 13. November, 18.00 Uhr: Die Walküre
Freitag, 15. November, 18.00 Uhr: Siegfried
Sonntag, 17. November, 17.00 Uhr: Götterdämmerung (Szenische Premiere)

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Essen, Philharmonie Essen, Orlando – mit Max Emanuel Cencic, 19.01.2020

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Theater für Niedersachsen

Philharmonie Essen

Theater für Niedersachsen / Max Cencic © Emanuel Parnassus

Theater für Niedersachsen / Max Cencic © Emanuel Parnassus

Orlando  –  Georg Friedrich Händel

Countertenor Cencic am 19.01.2020 in der Philharmonie Essen 

In der konzertanten Aufführung von Händels Oper Orlando am 19. Januar 2020 in der Philharmonie Essen kommt es zu einer Neubesetzung der Titelpartie: Für Franco Fagioli übernimmt nun der Countertenor Max Emanuel Cencic die Rolle des bretonischen Ritters Orlando. Auf Fagiolis Rückkehr nach Essen darf sich das Publikum aber schon jetzt freuen: In der Spielzeit 2020/2021 wird der Argentinier als Oreste in Händels gleichnamiger Oper im Alfried Krupp Saal zu erleben sein. Max Emanuel Cencic ist als Interpret vor allem für die Musik des 18. Jahrhunderts international gefragt.

In jüngerer Vergangenheit führten ihn Auftritte an die Hamburgische Staatsoper (Oreste in Offenbachs La belle Hélène und Ezio in Glucks Ezio), an die Berliner Staatsoper Unter den Linden (Nerone in Monteverdis L’incoronatione di Poppea) und an das Theater an der Wien (Orlando in Vivaldis Orlando furioso). Auch die Bühnen der Oper Zürich, der Wiener Staatsoper, des Théâtre des Champs-Elysées und der Bayerischen Staatsoper waren bislang wichtige Stationen in Cencics Karriere. In der kommenden Spielzeit singt er unter anderem an der Wiener Staatsoper (Polinesso in Händels „Ariodante“) und an der Mailänder Scala (Athamas in Händels Semele).

Für seine Aufnahmen wurde Max Emanuel Cencic regelmäßig mit renommierten Preisen ausgezeichnet, darunter der ECHO Klassik 2013 und 2014, der Preis der deutschen Schallplattenkritik und der Diapason d’or. In der konzertanten Aufführung von Händels „Orlando“ in der Philharmonie Essen ist Max Emanuel Cencic gemeinsam mit einem erlesenen Gesangsensemble zu erleben (Kathrin Lewek als Angelina, Nuria Riat als Dorinda, Delphine Galou als Medoro und Adam Plachetka als Zoroastro). Francesco Corti leitet das Barockensemble Il Pomo d’Oro.

Karten (Preis: € 33,00) und Infos unter T 02 01 81 22-200 und www.philharmonie-essen.de

 

—| Pressemeldung Theater für Niedersachsen |—

Frankfurt, Kammeroper im Palmengarten, Die verkehrte Braut – Gioachino Rossini, August 2019

August 7, 2019 by  
Filed under KammerOper, Oper, Premieren, Pressemeldung, Sydney

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Kammeroper Frankfurt

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

Die verkehrte Braut  von Gioachino Rossini

unsere erfolgreiche Jubiläumspremiere „im vielleicht schönsten Opernsaal Frankfurts unter freiem Himmel, dem Palmengarten“ (hr2kultur) findet bei unserem Publikum großen Zuspruch, und auch der Wettergott hat es bisher gut mit uns gemeint.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

„Eine gänzlich niederträchtige, plebejische Skurrilität“

Eine verbotene Oper des großen Rossini als Frankfurter Erstaufführung durch die Kammeroper

Der grade mal 19jährige und zukünftige und ewige Maestro aller denk-und hörbaren opera buffa-Klassen, aber damals noch eher unbekannte Gioachino Rossini erhielt 1811 den Auftrag für eine neue Oper. „50 Piaster“ sollten dabei für ihn herausspringen, ein überschaubarer Betrag, und das Sujet war politisch höchst unkorrekt. Ein neugeadelter Bauer will seine Tochter Ernestina, an den reichen, aber geistig bescheidenen jungen Stutzer Buralichio verheiraten. Doch Ernestina ist trotz einfacher Herkunft ein philosophierender weiblicher Bücherwurm: sie fühlt eine „innere Leere“ in sich, liebt aber im Zweifelsfall und vor die Wahl gestellt eher den armen Hauslehrer Ermano als Buralichio. Um ihren vom Vater anvisierten Ehemann abzuschrecken, wird das Gerücht gestreut, Ernestina sei in Wirklichkeit gar keine Frau. Sie sei ein Kastrat, der sich nur als Frau verkleidet habe, um dem Militärdienst zu entgehen. Eine fatale List: der düpierte Möchtegernbräutigam Buralicchio lässt Ernestina als vermeintlichen Kastraten und Wehrflüchtigen verhaften. Aber Ermano als Soldat verkleidet, befreit sie wieder, die Flüchtende stimmt mit Soldaten, um nicht entdeckt zu werden, sogar ein kriegerisches Lied an.  Am Ende werden die wahren Fronten, das Geschlecht und Sache scheinbar klargestellt und das Happy End lässt nicht lange auf sich warten.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Zu diesem respektlosen und ziemlich anzüglichem Libretto, das mit lässiger Geste und obszönen Wortspielen Geschlechterrollen, soziale Borniertheiten und allerlei pathetischen Libretti seiner Zeit durcheinanderschüttelt und zur Explosion bringt, schrieb der kecke, junge Rossini kurz nach 1800 eine schier unwiderstehlich Musik, randvoll von Buffoneskem und bestem Belcanto – eben zum fast ersten Mal: eine Musik wie von Rossini!

Aber nach drei Aufführungen war Schluss. Nachdem schon vor der Premiere die Direzzioni degli spectaculli, die Kontrollinstanz der Theater wegen der „Ruchlosigkeit des Librettos“ zahlreiche Änderungen und die „Entfernung anstößiger Wörter“ verlangt hatte, verbot der Polizeiminister von Mailand nach drei Aufführungen die Oper „für ganz Italien“ und ließ alle gedruckten Exemplare des Librettos einstampfen wegen Obszönität, Beleidigung der vermögenden Klassen, der ruhmreichen Armee und nicht zuletzt der bedauernswerten Kastraten. Oder wie kurz darauf von einem staatlichen Inspektor zähneknirschend formuliert wurde, wegen der „gänzlich niederträchtigen, plebejischen Skurillität“ der Oper.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Wen die Zusammenstellung von Kaserne und Kastration verwundert: Zu der Zeit war die übliche Kastration schöner Knabenstimmen als Relikt alter Zeiten per Todesstrafe verboten. Kastraten büßten ihren barocken Ruhm ein und fristeten ein ärmliches Leben, ein Schicksal, das vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben sollte und von dem Rossini selbst ein Lied zu singen wusste.  Sein Onkel hatte in Kinderjahren die Kastration Rossinis der Mutter aufgrund seiner Singstimme empfohlen. Aber Rossinis Mutter lehnte damals dankend ab. Der unverschnittene Rossini verschnitt nach dem Verbot der Oper wie so oft ungerührt Teile der Musik für Cuvees seiner neuen Opern. Die Die verkehrte Braut Rossinis aber wurde in der Schublade der Zensur verschüttet für immer-wenn auch nicht ganz. Denn 140 Jahre später, 1965 erblickte die Oper in Siena in einer Bearbeitung wieder das Licht der Bühne. In Deutschland gab es seitdem ganze drei spärliche, allerdings umjubelte Aufführungen:  in Bad Wildbad, Hamburg und Berlin (letztere konzertant).Eigentlich erstaunlich angesichts der wunderbaren Musik…. Aber vielleicht versteht man die Modernität und subversive Komik der Oper erst heute angesichts verwirrter und verwirrender Gendergrenzen, Geldgrenzen und Grenzen des Anstands und des guten Geschmacks.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Und wer könnte besser geeignet sein als die Grenzgängerisch erfahrene Frankfurter Kammeroper, um diese Rossinische Perle der Unkorrektheit zu vollem Glanz aufzupolieren, um sie neu musikalisch und szenisch erstrahlen zu lassen und dann beseeligt durch den Palmengarten zu rollen?

Niemand.


Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Sommer 2019
Kammeroper Frankfurt im Palmengarten

Gioachino Rossini:   Die verkehrte Braut, L’equivoco stravagante, (Frankfurter Erstaufführung), Dramma giocoso in zwei Akten

Libretto von Gaetano Gasbarri, Musik von Gioachino Rossini, In einer neuen deutschen Übersetzungen von Thomas Peter

Leitung: Stratievsky, Pudenz, Vilagrasa, Keller, Krauspe, Domaseva, Bresgen, Rothermel,
Villalobos, Senel

Mitwirkende: Kalnina, Fenbury, Peter, Simon, Führ, Aksionov u.a.
Chor und Orchester der Kammeroper Frankfurt

Premiere: Samstag 20. Juli 2019, weitere Aufführungen:
Mittwoch 24. Juli, Freitag 26. Juli, Samstag 27. Juli,
Mittwoch 31.Juli, Freitag 2. August, Samstag 3. August,
Mittwoch 7. August, Freitag 9. August, Samstag 10. August, 
Mittwoch 14. August, Freitag 16. August,
Samstag 17. August 2019 , jeweils 19.30 Uhr

Bei Regen findet die Aufführung konzertant statt.

Aufführungsort: 
Orchestermuschel/ Musikpavillon im Palmengarten
Eingang: Bockenheimer Landstraße / Palmengartenstraße 11
und Siesmayerstraße 61

Vorverkauf : Frankfurt Ticket Tel: 13 40 400,
und an der Abendkasse


 

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