Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Die Hochzeit des Figaro – Premiere, 06.09.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Die Hochzeit des Figaro  –   Wolfgang Amadeus Mozart

Premiere Sonntag, 6. September 2020, um 18 Uhr, weitere Vorstellungstermine: 12. & 17. September,2020  jeweils um 19.30 Uhr

Die Termine werden unter Vorbehalt der vom Land Hessen verfügten Corona-Verordnungen veröffentlicht.

Die Hochzeit des Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart spinnt die Geschichte von Rossinis »Barbier von Sevilla« fort. Basierend auf dem zweiten Teil von Beaumarchais’ gesellschaftskritischer Figaro-Trilogie, thematisiert sie die Wege und Irrwege zwischenmenschlicher Bedürfnisse. Mit dieser Oper schuf Mozart – vielleicht zum ersten Mal in der Operngeschichte – ein Stück wirklichen Musiktheaters. Sie ist in einer

Neuinszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel zu erleben.

Die Titelpartie übernimmt Bariton Konstantin Kimmel, der sich dem Wiesbadener Publikum bereits in der vergangenen Spielzeit als Jesus in Bachs Matthäus-Passion vorgestellt hat. Benjamin Russell debütiert als Graf Almaviva, die slowakische Sopranistin Slávka Zámecníková interpretiert die Gräfin Almaviva. Anna El-Khashem singt die Partie der Susanna. Heather Engebretson, in Wiesbaden u. a. bereits als Donna Elvira in »Don Giovanni« und Gilda in »Rigoletto« zu hören, singt Cherubino. Franziska Gottwald, die zuletzt die Alt-Partie in der »Matthäus-Passion« interpretierte, übernimmt die Partie der Marcellina.

Musikalische Leitung Konrad Junghänel Inszenierung Uwe Eric Laufenberg Bühne Gisbert Jäkel Kostüme Jessica Karge Chor Albert Horne

MIT:  Graf Almaviva – Benjamin Russell, Gräfin Almaviva – Slávka Zámecníková,  Susanna – Anna El-Khashem, Figaro – Konstantin Krimmel, Cherubino – Heather Engebretson, Marcellina – Franziska Gottwald, Basilio – Erik Biegel,  Don Curzio – Osvaldo Navarro-Turres Bartolo Wolf Matthias Friedrich Antonio Wolfgang Vater Barbarina Stella An

Chor & Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater Wiesbaden, Aktuelles 2019/20 – Spielzeit 2020/21; IOCO Aktuell, 24.04.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Spielzeit 2019/20  –  Aktuelles

 Uwe Eric Laufenberg ganz persönlich © IOCO

Uwe Eric Laufenberg – mal ganz persönlich © IOCO

Im Rahmen der Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion mit dem Corona-Virus bleibt der Vorstellungsbetrieb des Hessischen Staatstheaters Wiesbadens weiterhin unterbrochen. Alle Vorstellungen bis 19. Mai 2020 sind abgesagt.

Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion mit dem Corona-Virus und der damit verbundenen Unterbrechung des Probenbetriebs werden alle Vorstellungen der Oper Tristan und Isolde, der Stückentwicklung Kriegerin, des Jungen Schauspiels Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse, des Jungen Balletts Rotzfrech, des Balletts Roots am Hessischen Staatstheater Wiesbaden leider entfallen.

Anna Nicole – von Mark Anthony Turnage auf dem Spielplan 2019/20
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Anna Nicole – von Mark Anthony Turnage auf dem Spielplan 2019/20 – IOCO Rezension HIER

Spielzeit 2020/21 – RING, Babylon, Quichotte ….

Im Rahmen einer  Videopräsentation, unten, stellten Intendant Uwe Eric Laufenberg und Geschäftsführender Direktor Bernd Fülle zusammen mit ihrem Team das Programm der Spielzeit 2020/21 des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden vor.

Die Krise, die wir derzeit durchleben, zeigt, wie sehr der Wert des Menschen jederzeit Gegenstand der Verhandlung ist. Der Spielplan des Hessischen Staatstheater Wiesbaden trägt dem in der kommenden Spielzeit in besonderer Weise Rechnung: Sowohl in der Oper als auch im Schauspiel stehen Stoffe im Mittelpunkt, bei denen der Wert des Menschen auf grundlegende Weise durchgespielt wird. Dabei stehen zwei Großprojekte im Mittelpunkt: Zum einen Richard Wagners Ring des Nibelungen, der nichts weniger als ein Versuch ist, die gesamte Menschheitsgeschichte abzubilden und der viermal zyklisch gezeigt wird; zum anderen die deutschsprachige Erstaufführung von Tom Stoppards Trilogie Die Küste Utopias, in der die Sozialgeschichte Europas und Russlands in brillanter Manier auf das persönliche Leben einiger Individuen heruntergebrochen wird.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden – Intendant Laufenberg präsentiert Spielplan 2020/21
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Insgesamt erwarten das Publikum in der Spielzeit 2020.2021 in der Opernsparte sieben oder acht Neuinszenierungen und zehn Wiederaufnahmen. Hervorzuheben sind hierbei das Figaro-Operndoppel zum Saisonauftakt mit Gioachino Rossinis Der Barbier von Sevilla und Wolfgang Amadeus Mozarts  Die Hochzeit des Figaro, auch dies (vor-) revolutionäre Befragungen des Uwe Eric Laufenberg, gesellschaftlichen Wertes des Menschen; Puccinis Triptychon in der Inszenierung von drei Einakter, die Hölle, Fegefeuer und Himmel des Menschen ausschreiten; und als abschließender Höhepunkt die Neuproduktion von Jörg Widmanns Oper Babylon, ein in seiner allumfassenden Weltbeschreibung jegliche Grenzen überschreitendes Werk. In den acht Sinfoniekonzerten des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden sind große Dirigentenpersönlichkeiten und herausragende Solisten vertreten. Am Pult des Hessischen Staatsorchesters stehen GMD Patrick Lange, Johannes Dabus, Andreas Spering und Christoph-Mathias Mueller. Als Solisten sind u.a. Chouchane Siranossian, Sebastian Manz und Frederic Belli sowie Olga Bezsmertna als Gesangssolistin zu erleben.

Das Schauspielbietet neben der genannten Erstaufführung von Tom Stoppards Trilogie die Uraufführung der Bühnenfassung von Salman Rushdies jüngstem Roman Quichotte sowie neun weitere Premieren, darunter die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks Admissions sowie im Großen Haus Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung des Shakespeare’schen König Lear.

Das Hessische Staatsballett zeigt drei Premieren und die Wiederaufnahme von Tschaikowskys Klassiker Der Nussknacker. Ergänzt wird das Programm mit wichtigen Projekten aus der aktuellen Tanzszene. Das Junge Staatstheater bietet in allen Sparten zahlreiche Premieren und Wiederaufnahmen sowie ein erweitertes Programm der Theaterpädagogik für Kinder, Jugendliche und Familien an.

Im kommenden Jahr feiern die Internationalen Maifestspiele des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, die seit 1896 den kulturellen Höhepunkt im Theaterkalender der Stadtbilden, ihr 125. Jubiläum. Sämtliche Sparten der Darstellenden Kunst sind vertreten: Oper und Konzert, Tanz, Performance und Schauspiel.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Raffael Neff

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Raffael Neff

OPER 2020/21 – Im Detail

Ein Spielzeit-Höhepunkt ist Richard Wagners Ring des Nibelungen in der Regie von Uwe Eric Laufenberg, der erstmals unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange einstudiert und in vier kompletten Zyklen aufgeführt wird. Die Termine hier:

RING I
Dienstag 02.02.2021 19:30 Großes Haus Das Rheingold
Mittwoch 03.02.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Freitag 05.02.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Sonntag 07.02.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung
Ring II
Sonntag 14.02.2021 18:00 Großes Haus Das Rheingold
Sonntag 21.02.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Sonntag 28.02.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Sonntag 13.06.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung
Ring III
Mittwoch 31.03.2021 19:30 Großes Haus Das Rheingold
Donnerstag 01.04.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Samstag 03.04.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Montag 05.04.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung
Internationale Maifestspiele 2021  – Ring
Mittwoch 19.05.2021 19:30 Großes Haus Das Rheingold
Donnerstag 20.05.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Samstag 22.05.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Montag 24.05.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung

Die Spielzeit 2020.2021 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden wird mit einem Figaro-Operndoppel unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel eröffnet, mit Gisbert Jäkel als Bühnenbildner für beide Teile: Gioachino Rossinis Der Barbier von Sevilla wird von Schauspieler und Regisseur Tilo Nest inszeniert, der 2019/20 Tyll im Großen Haus zeigte. Ioan Hotea übernimmt die Partie des Graf Almaviva. Als Figaro alternieren Christopher Bolduc und Benjamin Russell. Silvia Hauer singt die Partie der Rosina. Als Bartolo wird Thomas de Vries zu erleben sein. Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Die Hochzeit des Figaro hat in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg Premiere. Die Titelpartie übernimmt Konstantin Krimmel, als Graf Almaviva alternieren Benjamin Russell und Christopher Bolduc. Als Gräfin Almaviva ist Slávka Zámecníková und als Susanna Anna El-Khashem zu erleben. Die Opernbearbeitungen der ersten beiden Teile von Beaumarchais’ Schauspiel-Trilogie werden am Hessischen Staatstheater zu einem Tripel ergänzt durch Ödön von Horváths Fassung des dritten Teils: Figaro lässt sich scheiden (Premiere im Studio). In Philipp M. Krenns Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Il Trovatore unter der Musikalischen Leitung von Alexander Joel singt Vesselina Kasarova ihr Rollendebüt als Azucena. Aluda Todua ist Graf von Luna, Cristiana Oliveira ist Leonora, Aldo di Toro alterniert mit Aaron Cawley als Manrico. Mit Lady Macbeth von Mzensk von Dmitri Schostakowitsch unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange inszeniert Evgeny Titov zum ersten Mal eine Oper. Die Partie der Katerina Lwowna Ismailowa singt Cornelia Beskow, als Boris Timofejewitsch Ismailow ist Andrey Valentiy zu erleben. Die Partie des Sinowi Borissowitsch Ismailow übernimmt Rouwen Huther, die Partie des Sergej singt Aaron Cawley.

Für die Neuinszenierung von Der Zigeunerbaron von Johann Strauss haben Dirigent Philipp Pointner und Regisseur Marco Štorman für Wiesbaden eine eigene Spielfassung unter Verwendung der rekonstruierten Urfassung in der kritischen Edition erstellt. Zu den Solisten zählen u. a. Benjamin Russell (Graf Peter Homonay), Marco Jentzsch (Sándor Barinkay), Shavleg Armasi (Kálmán Zsupán), Stella An (Arsena), Narine Yeghiyan (Saffi) sowie Moderator Klaus Krückemeyer als Conte Carnero.

Giacomo Puccini fügte die drei Einakter Der Mantel, Schwester Angelica und Gianni Schicchi in Das Triptychon zusammen. Unter dem Gesamttitel Puccinis ›Triptychon‹ inszeniert Uwe Eric Laufenberg, die Musikalische Leitung übernimmt Alexander Joel. Unter den Solisten sind u. a. Daniel Luis de Vicente als Michele und in der Titelpartie von Gianni Schicchi sowie Olesya Golovneva als Schwester Angelica und Lauretta hervorzuheben. Mit Giuseppe Verdis Macbeth zeigt der südafrikanische Regisseur Matthew Wild nach Leoš Janáceks Katja Kabanowa seine zweite Operninszenierung am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Unter der Musikalischen Leitung von Leo McFall singen Aluda Todua als Macbeth und Gabriela Schererals Lady Macbeth.

Babylon von Jörg Widmann
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Eines der monumentalsten zeitgenössischen Opernwerke der letzten Jahre, das an den Staatsopern in München und Berlin große Erfolge feierte, ist Jörg Widmanns Babylon. Die Neuproduktion am Hessischen Staatstheater Wiesbaden ist die erste Aufführung der neuen Fassung seit deren Uraufführung 2019 an der Staatsoper Berlin und wird die Internationalen Maifestspiele 2021 eröffnen. Im großen Solisten-Ensemble sind aus der Berliner Besetzung Marina Prudenskaya (Der Euphrat) und Otto Katzameier (Der Tod) zu erleben, Gloria Rehm kehrt in der Partie der Inanna ans Hessische Staatstheater zurück, weitere Solisten sind Daniel Jenz (Tammu), Michelle Ryan (Die Seele), Philipp Mathmann (Der Skorpionmensch) und Claudio Otelli (Der Priesterkönig). Die Musikalische Leitung der auch im Orchester außergewöhnlich groß besetzten Produktion hat Albert Horne inne, der als Chordirektor den Chor des Hessischen Staatstheaters leitet und diesen für Babylon mit dem Chor des Staatstheaters Darmstadt (Einstudierung: Sören Eckhoff) zusammen führt. Die Opernsparte des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden bereichert den Spielplan außerdem mit einer Reihe eigener Wiederaufnahmen in zum Teil neuen Besetzungen.

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Matthäus-Passion – Johann Sebastian Bach, IOCO Kritik, 04.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Matthäus-Passion  –  Johann Sebastian Bach

Szenisches Oratorium

von  Ingrid Freiberg

Eigentlich ist es ein Affront, über die Matthäus-Passion, einer dramatischen Erzählung des biblischen Stoffes um Verrat, Liebe und Opfer, zu schreiben… man sollte sie hören, verinnerlichen, in seinem Herzen bewegen… „Bey einer andächtig Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart“, so Bach.

„Bey einer andächtig Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart“

Matthäus-Passion – Johann Sebastian Bach
youtube Trailer Hessisches Staatstheater
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Johann Sebastian Bach Leipzig © IOCO / HGallee

Johann Sebastian Bach Leipzig © IOCO / HGallee

Passionszeit – die sieben Wochen zwischen Karneval und Ostern – ist im Kirchenjahr stets etwas Besonderes. Sie lädt zur Besinnung, zur inneren Einkehr und zum Fasten ein. So überrascht es kaum, dass das Hessische Staatstheater Wiesbaden gerade jetzt das Wagnis eingeht, die oratorische Passion des Thomaskantors Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) über Leiden und Sterben Jesu Christi, szenisch aufzuführen. Die Passion fand wie kein anderes Werk ihren Weg aus der Kirche in den Konzertsaal, ins Theater. Regieansätze liefert der Erzähler, der Evangelist, der durch das Geschehen führt, aber auch das Textkonglomerat, das Bach aus dem 26. und 27. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, aus Kirchenlied-strophen, hauptsächlich von Paul Gerhardt sowie aus freier Dichtung von Christian Friedrich Henrici alias Picander zusammengestellt hat. Als das Werk zum Karfreitags-Gottesdienst 1727 oder 1729 in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt wurde, dürfte das Publikum überfordert gewesen sein: einerseits von der Länge (zweigeteilt jeweils fast anderthalb Stunden, unterbrochen von einer langen Predigt), andererseits von der Zusammenstellung, die zu dieser Zeit durchaus als theatralisch galt. Und die Choräle konnten von der Gemeinde nicht mitgesungen werden – so komplex, wie Bach sie gesetzt hatte! Das Werk wurde vom Thomaner (Knaben-) Chor Leipzig uraufgeführt. Von der heutigen Besetzungspraxis her betrachtet, eine unglaubliche Leistung…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion - hier : Julian Habermann und Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion – hier : Julian Habermann und Chor © Karl und Monika Forster

Schon zu Bachs Lebzeiten wurde seine Musik als „schwülstig“ verschrien. Die Musikwelt interessierte sich fast 100 Jahre nicht mehr dafür. Der 11. März 1829 markiert den Tag, an dem die Bach-Renaissance einsetzte: Der zwanzigjährige Felix Mendelssohn Bartholdy brachte mit der Sing-Akademie zu Berlin die Matthäus-Passion zur Wiederaufführung, und eine breite Öffentlichkeit begriff, welche Bedeutung dieser vergessene Komponist hat. Er ist der bedeutendste Komponist der protestantischen Kirche. Seine überragenden Werke schuf er getreu dem Motto „Soli Deo Gloria“ – „Dem höchsten Gott allein zu Ehren“. Direkt auf die Wirkung angesprochen, fühlte sich der junge Bertolt Brecht, der während einer Aufführung um seine Gesundheit fürchtete, in „ein wildes Koma“ versetzt..

Wunderschöne Reinschrift versteigert

Im Oktober des vergangenen Jahres wurden beim Auktionshaus Sotheby’s in London acht Stimmbücher zum doppelchörigen Schlusschor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ der Matthäus-Passion ersteigert, die musikgeschichtlich von einiger Brisanz sind. Die wunderschöne Reinschrift, ein kaligrafisches Meisterwerk, sei auf die Zeit um 1770 datierbar. Die Worte, die Bach aus der Bibel übernahm, schrieb er mit roter Tinte.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion - hier : Julian Habermann und Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden, Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion – hier : Julian Habermann und Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden, Chor © Karl und Monika Forster

Passionen sind die Königsdisziplin der Kirchenmusik

Das riesig besetzte, dreistündige Werk, das schon damals der Vorgabe widersprach: „…dass das Werk nicht zu lang währen, auch also beschaffen seyn möge, damit es nicht opernhaftig herauskommen, sondern die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntere“,  geht auch in Wiesbaden – ohne Furcht vor dem hohen Anspruch – in seiner szenischen Form weit über diese Bedingung hinaus. Aufwändig vom Orchester instrumentiert, erklingen die Jesus-Worte. Die beiden Chöre, die Orchester und die anderen Solisten gestalten die Handlung dramatisch aus und ergänzen das Werk um vertiefende Choräle, Arien und viele berühmte Passionslieder, die auch heute noch gerne gesungen werden, wie „Herzliebster Jesu“, „O Haupt voll Blut und Wunden“ oder „Befiehl du deine Wege“. Die einzelnen Stationen der Matthäus-Passion sind bekannt. Es sind „Kreuzwege“, Figuren treten auf, die aus der Bibel bekannt sind: Petrus, die falschen Zeugen, Hohepriester, Freunde, Verräter, Pontius Pilatus… Und obwohl die Figuren unterschiedliche Positionen einnehmen, sprechen sie sich doch alle für die Verurteilung von Jesus aus.

Johann Sebastian Bach Leipzig © IOCO / HGallee

Johann Sebastian Bach Leipzig © IOCO / HGallee

In der szenischen Umsetzung von Johanna Wehner (Inszenierung) wird das Glaubensbekenntnis des Thomaskantors Bach auf der Theaterbühne neu erlebbar. Die Faust-Preisträgerin hat schon mehrfach Gespür für atmosphärische Tableaus und elementare menschliche Fragestellungen gezeigt. Sie präpariert gekonnt Themen heraus, vermag Zusammenhänge zu erkennen. Auf der Theaterbühne müssen die getrennt agierenden Gruppen noch mehr als in einem Kirchenraum zu einem großen Ganzen finden. Der Zuhörer wird dort gepackt, wo das Leben am intensivsten ist: Tod, politisches Unrecht, Scheitern, Verlust, Schmerz, Verantwortung… Szenisch werden die Erkenntnisse in gestischen Erzählungen deutlich: wie mit der Sopranarie „Blute nur, du liebes Herz“, die eine dreifache Reihung eines Motivs benutzt, und wird fassbar in „Bluten des Herzens“ und in „...zittert das gequälte Herz“, wo von Angst die Rede ist. Ob sich „die Schafe zerstreuen“ oder „Blitz und Donner“ niederfahren, Johanna Wehner gelingt ein verständliches Melodram. Die Regisseurin besetzt einige Rollen doppelt: Der Evangelist singt auch die Tenor-Soli, Petrus übernimmt die Bass-Partie und Judas und Pilatus sind in einer Partie zusammengefasst. „Diese Zusammenlegung finde ich enorm fruchtbar“… Bei unserer Inszenierung werden die Zuschauer vielleicht differenzierend erkennen, dass die Figur in einem Moment ein forschender, ein sich beherzt äußernder Petrus ist, der versichert, er würde Jesus niemals verleugnen. Im nächsten Moment ist er ganz fragile innere Stimme“, so Wehner. Ohne noch weiter in das Werk einzugreifen, wird die den Menschen innewohnende Hölle bestmöglich hervorgehoben.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion - hier : Konstatin Krimmel, Cor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion – hier : Konstatin Krimmel, Cor © Karl und Monika Forster

Schon in Bachs Musik ist eine räumliche Aufstellung vorgesehen, und das ist auch in die Konzeption des genialen Bühnenbildes von Volker Hintermeier eingeflossen. Ein liegendes Kreuz, mit einem ebenso großen Leuchtkreuz darüber, begrenzt durch eine Kirchenrosette, bietet viel Raum für Konstellationen (Licht: Andreas Frank). Die Akteure können das Kreuz bedächtig betreten, versuchen, es wegzuschieben, es zu tragen… Es unterstützt die großen Bilder, die die Regisseurin erzählen will: „Das Kreuz sieht aus, als wäre es von außen wie von einem Flugzeugträger hinein katapultiert worden, es ragt in den Orchestergraben, groß und gefährlich.“ Gleichzeitig erinnert es an ein schwankendes Schiff, den Untergang des Anstandes und der Menschlichkeit andeutend. Bühnennebel bricht das Licht zu „himmlischen“ Strahlenkränzen. Die teilweise sehr ausladenden schwarzen Kostüme von Su Bühler sind in vielen Jahrhunderten verankert, ein Symbol dafür, dass sich das Wertesystem seit der Kreuzigung nicht verbessert hat? Nur die Lichtgestalt Jesus trägt ein weißes Hemd.

„Zusammenlegung der Rollen enorm fruchtbar…“

Der sehr junge Interpret Julian Habermann (Evangelist) bewältigt die Doppel-Partie (Rezitativ und Tenor-Soli) leuchtend hell mit großartiger Diktion, verbindet dabei überzeugend alle Register. Differenziert liedhaft, zart mit wunderbar fein beseelten Piani strömt seine Stimme. Sein Gefühl für Nuancen ist intensiv, schmerzlich treibend, packend weiß er sich zu ereifern. Hier gelingt es einem Rohdiamanten, sich in die Phalanx berühmter „Evangelisten“ einzureihen. Als Jesus, der ja im ersten Teil der Matthäus-Passion eine fast ebenso wichtige Rolle spielt wie der Evangelist, überzeugt Konstantin Krimmel nicht nur durch Gestaltungskraft, sondern auch durch sein Gesamterscheinungsbild. Er überzeugt mit seinem warmen, geschmeidigen, wandlungsfähigen Bariton, mit seiner prophetischen Kraft und emotionalen Wärme. Seine bruchlosen Registerwechsel und seine dynamische Flexibilität begeistern. Er singt nicht Jesus, er ist es geradezu! Zu Recht wird er für einen der vielversprechendsten Liedsänger der jüngsten Generation gehalten, gar als „der kommende Fischer-Dieskau“ bezeichnet.

Der Sopran und das Spiel von Anna El-Khashem rechtfertigt in hohem Maße eine szenische Aufführung. Sie ist ein „langhaariger Engel“ mit himmlisch schöner Stimme, die mühelos in jubilierende Höhen gelangt. Ihre dicht gestalteten Gesangsbögen und das Abschwellen der Spitzentöne mit wohl dosierter Noblesse sind eine beglückende Glanzleistung. Ebenso überzeugend ist Anna Alàs i Jové als Alt. Dank ihrer dunkel leuchtenden Stimme mit warmer Resonanz, großer Flexibilität und ausgezeichneter Diktion gibt sie nicht nur der Arie „Erbarme dich..“ besonderen Tiefgang. Mit ihrem lyrisch-noblen Mezzosopran gelingt es ihr, kraftvoll glühend die Verfehlungen, den Schmerz und die Endlichkeit der Menschen aufzuzeigen.

Die theatralischen Worte der Doppelrolle Bass / Petrus, gesungen vom arrivierten Oratoriensänger Wolf Matthias Friedrich, sind ergreifend und differenziert. Auffällig präsent und mit schonungsloser Emphase gelingt es ihm, zwischen der Verleugnung von Jesus und „Gerne will ich mich bequemen, Kreuz und Becher anzunehmen…“ ein äußeres und inneres Bild widerzuspiegeln. Friedrichs Stimme hat große Qualitäten: Sie ist harmonisch miteinander verbunden und bewegt sich frei und leicht – beeindruckend gesungen: „Komm süßes Kreuz“. Als besonders spannend erweist sich die Zusammenführung der Rollen von Judas und Pilatus. Beide Charaktere sind wankelmütig: Judas: „Ich habe übel getan, dass ich unschuldig Blut verraten habe…“, Pilatus:Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu.“ Beide übernehmen keine Verantwortung, bemitleiden sich selbst, obwohl gerade sie, die Kreuzigung hätten verhindern können. Mit seinem einfühlsamen Bariton berührt Benjamin Russell mit zarten, fast privaten Empfindungen, ergreifend fühlbar, „sein Leiden“ überträgt sich auf das Publikum.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion - hier : Anna El-Khashem als Sopran, Anna Alàs i Jové als Alt, Ensemble, Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion – hier : Anna El-Khashem als Sopran, Anna Alàs i Jové als Alt, Ensemble, Chor © Karl und Monika Forster

Beiden Chören und den Turbae (Hohepriester: Martin Stoschka und Aldomir Mollov, Zeugen: Isolde Ehinger und Keun Suk Lee, Magd: Eunshil Jung und Eunyoung Park, Frau des Pilatus: Hyerim Park) unter der Leitung von Albert Horne und Christoph Stiller gelingt es, effektvoll die dramatischen Höhepunkte herauszuarbeiten, eine große Leistung des (Opern)Chors und der Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, der nur selten Gelegenheit hat, ein szenisches Oratorium zu singen. Wenn die aufgestachelten Juden sich zusammenrotten, sich um ausgestreckte Arme und Fäuste scharen, im kollektiven Judaskuss rufen „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ und „Barnabam!“ im dramatischen Aufschrei skandieren, ist es die Erfüllung einer schrecklichen blasphemischen Prophetie. Im Schlusschoral von Teil I hebt Bach den Blick aus der Enge konkreter Anklagen hinaus aufs Menschliche: „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ – hier bleibt kein Raum für eng gestrickte Schuldvorwürfe. Ein einziges Mal ist eine einstimmige Chor- und Orchesterpassage zu hören, in der Jesus bekenntnisartig mit den Worten zitiert wird: „Ich bin Gottes Sohn“. Auch die Jugendkantorei der Ev. Singakademie unter der neuen Leitung von Niklas Sikner ist glänzend disponiert. Die Mädchenstimmen sind ergreifend. Wenn die Bürger Jerusalems darüber diskutieren, ob Jesus oder Barnabas hingerichtet werden soll, schreien sie sich stumm an, gestikulieren wild mit den Händen.

Konrad Junghänel, Musikalische Leitung, Großmeister der historischen Aufführungspraxis, vertraut den „beiden Orchestern“ des Hessischen Staatsorchester Wiesbaden, die mit wunderbarer Leichtigkeit, nie dominierend, aufspielen. Es gelingt ihm, Bachs musikdramatisches Meisterwerk mit nie nachlassender Intensität zu dirigieren, den innigen meditativen Momenten und dramatischen Ausbrüchen Raum und Aura zu verleihen. Die gewählten Tempi unterstreichen gekonnt den Kontrast des Werkes. Beängstigend in ihrer Dramatik sind die Turba-Chöre: Auch gelingt es Junghänel, die Psychologie einer aufgepeitschten Menge musikalisch in Szene zu setzen – emotional absolut unentrinnbar.

Nach dem ergreifenden Schlussgesang „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ macht sich zunächst ergriffene Stille breit, die in zögernden Applaus übergeht, um dann mit begeisterten Bravi zu enden.

Matthäus-Passion im Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine:  5.2.; 8.2.; 12.2.; 8.3.; 10.4.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Matthäus-Passion – Opernpremiere, 18.01.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Matthäus-Passion – Oper von Johann Sebastian Bach
Szenisches Oratorium

Premiere Samstag, 18. Januar 2020 19.30 Uhr, weitere Vorstellungstermine: 22. Januar & 31. Januar 2020  um 19.30 Uhr

 Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) wird ab Samstag, den 18. Januar 2020 um 19.30 Uhr, in der szenischen Umsetzung der »Faust«-Preisgewinnerin Johanna Wehner auf der Theaterbühne des Hessischen Staatstheater Wiesbaden neu erlebbar.

Johanna Wehner hat in Wiesbaden mit der Uraufführung »Schönerland« bereits Gespür für atmosphärische Tableaus und elementare menschliche Fragestellungen gezeigt. Für die Musikalische Leitung dieses Werkes voller großer Chöre und emotionsgeladener Soli zeichnet Barock-Spezialist Konrad Junghänel verantwortlich.

Johann Sebastian Bach in Leipzig © IOCO - H Gallée

Johann Sebastian Bach in Leipzig © IOCO – H Gallée

Die Matthäus-Passion, für den Karfreitag 1727 geschrieben, war über 100 Jahre in Vergessenheit geraten, bis Felix Mendelssohn Bartholdy sie 1829 wiederaufführte. Heute wird Bachs wirkmächtige Vertonung der Leidensgeschichte Jesu Christi für zwei Orchester und zwei Chöre als Meisterwerk der Musikgeschichte gefeiert. Am Hessischen Staatstheater Wiesbaden wird sie in der finalen Fassung von 1736 gespielt.

Musikalische Leitung Konrad Junghänel,  Inszenierung Johanna Wehner, Bühne Volker Hintermeier, Kostüme Su Bühler, Chor Albert Horne, Christoph Stiller, Licht Andreas Frank Dramaturgie Katja Leclerc Theaterpädagogik Luisa Schumacher

Evangelist / Tenor – Julian Habermann, Jesus – Konstantin Krimmel, Sopran Anna El-Khashem,  Alt Anna Alàs i Jové,  Bass / Petrus Wolf Matthias Friedrich, Judas / Pilatus Benjamin Russell

Chor & Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

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