Osnabrück, Theater am Domhof, König Lear – William Shakespeare, IOCO Kritik, 07.06.2019

Juni 7, 2019 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

König Lear – William Shakespeare

– Heide als Sinnbild menschlicher Ödnis –

von Hanns Butterhof

 Am Ende scheint  auch der Regie von König Lear im Theater am Domhof ihre Einfallslosigkeit zuviel zu werden. Ohne großen schauspielerischen und emotionalen Aufwand bringt sie die wesentlichen Figuren von William Shakespeares Tragödie König Lear um und lässt das Publikum mit einem Häuflein Leichen ratlos zurück. Dieser König Lear ist in nahezu allen Belangen ein Offenbarungseid.

König Lear   –  William Shakespeare
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Christin Treunert hat für William Shakespeares um 1600 verfasste Tragödie König Lear eine öde Heidelandschaft gebaut. Sie mag als dauerndes Sinnbild für die menschliche Ödnis stehen, die in der Welt nicht nur des Lear, sondern immer noch und vielleicht generell, mit Sicherheit aber in dieser Aufführung herrscht.

 König Lear – Demenz und Familienkonflikte in besseren Kreisen

König Lear (Ronald Funke) muss schon zu Beginn des Stücks irrsinnig sein. Der natürlichen Liebe seiner Töchter vertrauend, verzichtet er auf seine Macht und sein Reich und teilt es unter sie auf. Er ist ein jähzorniger alter Gutmensch, über den als Folge seiner Blauäugigkeit alle Undankbarkeit, Bosheit und Grausamkeit der Welt hereinbricht. Seine beiden Töchter Goneril (Christina Dom) und Regan (Denise Matthey) verjagen ihn erbärmlich in die Einöde und trachten ihm nach dem Leben. Wohin seine von ihm ohne Erbe verstoßene Tochter Cordelia (Juliane Böttger) verschwindet und warum sie plötzlich wieder auftaucht, bleibt wie vieles andere rätselhaft.

Über das Ausmaß der Schlechtigkeit der Welt wird Lear irrsinnig-sehend. Nackt und sozial abgehängt klagt er sich selber seiner Verfehlungen an, als Herrscher zu wenig auf die Bedürftigen geschaut, blind der Autorität, dem Reichtum und seiner Macht verfallen, zu wenig mitfühlend gewesen zu sein. Weite Passagen des Textes sind nur bruchstückhaft zu verstehen. Ein unnatürlich pathetischer Tonfall wie in einer griechischen Tragödie, bei dem Lautstärke oft an die Stelle von Emotion tritt, setzt sich bleischwer fast von Beginn an durch. So bleiben die Motive der gesamten Handlung weitgehend unbestimmt, auch weil ein Großteil des Ensembles wie gelähmt spielt, ohne die Charaktere auch zu verkörpern. Meist treten die Akteure ohne ersichtlichen Grund aus der Kulisse und stellen sich dann an die Rampe, um ihren Text aufzusagen.

Für sein Unverständnis hält sich das Publikum an den Drolligkeiten Stefan Haschkes als verkleidetem Kent schadlos oder lacht über die wenigen bei seiner kauzigen Sprechweise verständlichen Sinnsprüche des Narren, Johannes Bussler.

Theater am Domhof, / König Lear - hier : Ronald Funke als König Lear in die Heide verjagt © Swaantje Hehmann

Theater am Domhof, / König Lear – hier : Ronald Funke als König Lear in die Heide verjagt © Swaantje Hehmann

Regisseur Dominique Schnizer fasst den Lear als einen Familien- und Generationskonflikt in besseren Kreisen auf, der mit der Demenz des Patriarchen ausbricht. Die Hoffnung, dem Publikum mit dieser Soap-Perspektive näher zu kommen, erfüllt sich nicht; sie verfehlt Shakespeares Welttragödie grotesk. Ihre Tiefe wird nur einmal berührend deutlich, als Cornelia Kemper als blinder Gloucester der Welt entsagt.
Dieser König Lear wäre bei einer Laienspielschar hinnehmbar, für das Theater am Domhof ist er ein dramatisches Regieversagen und hätte Ronald Funke zu seinem 40. Bühnenjubiläum erspart bleiben sollen.

König Lear am Theater am Domhof, Osnabrück; die nächsten Termine: 28. und 29.5., 4., 7., 14. und 25.6.2019 jeweils 19.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Wiederaufnahme LEAR, 10.03.2012

Februar 27, 2012 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Wiederaufnahme LEAR

Oper Frankfurt / Lear © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Lear © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Lear © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Lear © Barbara Aumueller

Oper in zwei Teilen von Aribert Reimann
Text von Claus H. Henneberg
Nach der Tragödie True Chronicle History of the Life and Death of King Lear and His Three Daughters (1605) von William Shakespeare in der Übersetzung als König Lear (1777) von Johann Joachim Eschenburg
In deutscher Sprache mit Übertiteln

Musikalische Leitung: Friedemann Layer
Inszenierung: Keith Warner
Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Hans Walter Richter
Bühnenbild: Boris Kudli?ka
Kostüme: Kaspar Glarner
Licht: Davy Cunningham
Dramaturgie: Norbert Abels
Video: Thomas Wollenberger
Chor: Matthias Köhler

BESETZUNG:
König Lear: Tómas Tómasson
König von Frankreich: Thorsten Grümbel
Herzog von Albany: Kihwan Sim
Herzog von Cornwall: Michael McCown
Graf von Kent: Hans-Jürgen Lazar
Graf von Gloster: Johannes Martin Kränzle
Edgar, Glosters Sohn: Martin Wölfel
Edmund, Bastard Glosters: Hans Schöpflin
Goneril, Tochter König Lears: Jeanne-Michèle Charbonnet
Regan, Tochter König Lears: Caroline Whisnant
Cordelia, Tochter König Lears: Britta Stallmeister
Narr: Graham Clark u.a.
Herrenchor und Statisterie der Oper Frankfurt; Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Mit freundlicher Unterstützung des Frankfurter Patronatsvereins – Sektion Oper

Am 26. September 2008 feierte Lear von Aribert Reimann (* 1936) seine Erstaufführung an der Oper Frankfurt. Ein Rezensent bescheinigte der Inszenierung von Keith Warner „eine der emotionalsten und zugleich tiefgründigsten Lesarten, die die Oper Frankfurt seit langem präsentiert hat. (…) So muss Oper sein!“

Zum Inhalt: Der greise König Lear möchte das Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen.

Je größer ihre Liebe zu ihm, desto größer soll ihr Anteil ausfallen. Daraufhin übertreffen sich die machthungrigen älteren Schwestern Goneril und Regan in gegenseitigen Liebesbezeugungen. Nur die aufrichtig liebende jüngste Tochter Cordelia findet keine Worte, wird daher missverstanden und verstoßen. Der König selbst wird von Goneril und Regan vom Hof gejagt und irrt in geistiger Umnachtung umher. Doch ihre Machtspiele und Intrigen sowie das daraus resultierende Misstrauen treiben die grausamen Schwestern in den Tod. Cordelia kehrt aus der Verbannung zurück und will dem Vater wieder zur Macht verhelfen, wird jedoch ermordet. Mit ihrer Leiche im Arm bricht der um die getötete Tochter klagende König Lear tot zusammen.

Die musikalische Leitung dieser ersten Wiederaufnahme liegt bei Friedemann Layer, der hier Anfang April 2012 zudem die Neuinszenierung von Janá?eks Die Sache Makropulos / V?c Makropulos dirigieren wird. Die Titelpartie, welche er bereits seit 2009 an der Komischen Oper Berlin singt, übernimmt nun der isländische Heldenbariton Tómas Tómasson und gibt damit sein Hausdebüt an der Oper Frankfurt. Neu besetzt ist auch Hans Schöpflin (Edmund), der 2009/10 als General Sir Philipp in Brittens Owen Wingrave an der Oper Frankfurt (Bockenheimer Depot) debütierte und 2010/11 für die Wiederaufnahme von Brittens The Turn of the Screw an den Main zurückkehrte. Zudem treten aus dem Ensemble Thorsten Grümbel (König von Frankreich) und Kihwan Sim (Herzog von Albany), Stipendiat des Opernstudios, erstmals in dieser Produktion auf. Alle weiteren besetzten Sängerinnen und Sänger haben ihre Partien bereits in der Premierenserie verkörpert.

Wiederaufnahme: Samstag, 10. März 2012, um 19.30 Uhr im Opernhaus
Weitere Vorstellungen: 18. März, 1. (Oper für alle), 6., 9. April 2012
Falls nicht anders angegeben, beginnen diese Vorstellungen um 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—