Berlin, Komische Oper, 4. Juni – Hoffnung auf Spielbetrieb, IOCO Aktuell, 25.05.2021

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum heute © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum heute © Gunnar Geller

»Wir sind elektrisiert!« –  Hoffnung auf Rückkehr zum Spielbetrieb
Saisonausblick 2021/22 verschoben

Die Komische Oper Berlin wird aufgrund des derzeitigen Infektionsgeschehens und der bis Ende Juni gültigen Regelungen der so genannten »Notbremse« im Infektionsschutzgesetz ihren regulären Spielbetrieb in der laufenden Spielzeit nicht wieder aufnehmen. Die Spielzeit am Haus hätte nach letztem Stand am 1. Juli geendet. Ausnahmen bilden voraussichtlich zwei Vorstellungen der Neuproduktion Der »Zigeuner«baron, teilte die Komische Oper Berlin  im April mit. Doch, es tut sich etwas an der Komischen Oper; hier die letzten Meldungen:.

Nach der Ankündigung von Kultursenator Dr. Klaus Lederer, dass möglicherweise auch Kulturveranstaltungen in Innenräumen ab 4. Juni 2021 unter Auflagen wieder regulär stattfinden könnten, hofft die Komische Oper Berlin darauf, ihren Spielbetrieb voraussichtlich ab 6. Juni wieder aufnehmen und einen angepassten Spielplan bis einschließlich 1. Juli präsentieren zu können. Dieser eröffnet nach aktuellem Stand mit der Premiere Der »Zigeuner«baron  am 6. Juni, in einer Neufassung und Inszenierung von Tobias Kratzer – gefolgt von der Premiere des Chorprojekts Mondnacht am 13. Juni.

Der »Zigeuner«baron von Johann Strauss:  Nun in Berlin

Johann Strauss Wien © IOCO

Johann Strauss Wien © IOCO

Der Zigeunerbaron – Schon der Titel von Johann Strauss’ Operette bietet ausreichend Anlass für kontrovers geführte Debatten. Dabei reichen die Meinungen von einer strikten Tilgung des als diffamierend empfundenen Begriffs »Zigeuner« als einziger möglicher Umgang mit diesem bis hin zu emotionalen Verteidigungen à la »Das Zigeunerschnitzel hieß immer Zigeunerschnitzel! Was soll daran diskriminierend sein?« Allerdings ist die Handlung der Operette wesentlich vielschichtiger, ihre Charaktere nicht so eindimensional, wie es uns traditionelle Inszenierungsmuster glauben machen wollen:Ein mittelloser, junger Emigrant, der in seine Heimat zurückkehrt und den elterlichen Besitz nur mehr als Ruine vorfindet; ein großtuerischer, reicher Schweinezüchter, der sich eben dieses Besitzes bemächtigt hat; ein Adliger, der sich als konservativer Sittenwächter geriert und sich dabei auf »die gute alte Zeit« beruft, und eine von der Gemeinschaft ausgeschlossene Minderheit, die von der privilegierten Schicht kollektiv als »Zigeuner« bezeichnet wird – es ist eine explosive Mischung, die Ignaz Schnitzer in seinem Libretto zum Zigeunerbaron vereint. Und das nicht aus Zufall: Als Reflexion des österreichisch-ungarischen Ausgleichs von 1867 geschrieben, thematisierte die Operette zu ihrer Entstehungszeit in unterhaltsam spielerischer Form das Selbstverständnis und den Selbstfindungsprozess des k. u. k. Vielvölkerstaates………
Mit der ihm eigenen Akribie und seiner stets humorvollen Sicht auf das allzu Menschliche stellt sich Regisseur Tobias Kratzer dem durch das Stück aufgeworfenen Diskurs. Indem er den nostalgisch in der »guten alten Zeit« und ihrer Ordnung hängengebliebenen, durchaus nicht unsympathischen adligen Grafen Homonay zum Ausgangspunkt seiner Inszenierung macht, stellt er den Konflikt zwischen konservativen und liberalen Tendenzen in einer multikulturellen Gesellschaft zur Diskussion und führt gleichzeitig darüber hinaus….

.Die derzeitig geltenden Regeln für das Spiel auf der Bühne nimmt Tobias Kratzer als Anlass für eine gemeinsam mit Dirigent Stefan Soltesz erarbeitete schlanke Fassung des Werkes, die auf oberflächliche Milieuschilderungen verzichtet und sich in knapp zwei pausenlosen Stunden ganz auf die Protagonist*innen und die zwischen ihnen auf humorvolle Art verhandelten Konflikte konzentriert.

Weiterhin finden schon ab 1. Juni 2021 wieder Konzerte in Berliner Hinterhöfen im Rahmen von Selam Opera! statt. Zusätzlich präsentiert das Projekt mit Selam Tango ein weiteres, neues Hinterhof-Programm. Weitere Details zu Spielplan und Hofkonzerten werden wir in den nächsten Tagen veröffentlichen.

Intendant und Chefregisseur Barrie Kosky: »Wir sind elektrisiert, dass wir vor Spielzeitende vielleicht doch noch die Möglichkeit haben werden, eine wichtige Neuproduktion zu präsentieren und weitere Vorstellungen zu spielen. Fingers crossed! – Wir drücken die Daumen, dass alles auch wirklich wie geplant über die Bühne gehen kann! Tobias Kratzer und das »Zigeuner«baron-Ensemble warten seit fast sechs Monaten darauf, diese sehr besondere Version von Strauss’ Operette endlich vor Zuschauer*innen spielen zu dürfen, und ich freue mich riesig, dass wir die Produktion jetzt unserem Berliner Publikum vorstellen können.«

ACHTUNG:  Die Rahmenbedingen für die Vorstellungen in der Komischen Oper Berlin stehen noch nicht final fest und richten sich nach den Auflagen der zuletzt gültigen Verordnung.

Wir freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen!

—| IOCO Aktuell Komische Oper Berlin |–


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Berlin, Komische Oper, Wettbewerb für Umbau und Sanierung entschieden, IOCO Aktuell, 24.11.2020

November 24, 2020 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Aktuell, Komische Oper Berlin, Oper

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum heute © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum heute © Gunnar Geller

 Komische Oper Berlin  – Neubau – Kosten €227 Mio

Wettbewerb für Umbau, Sanierung, Kosten entschieden

Der Wettbewerb für Umbau und Sanierung der Komischen Oper Berlin ist entschieden; Im Anschluss an den unten beschriebenen und entschiedenen Wettbewerb wird ein formalisiertes Verhandlungsverfahren unter Berücksichtigung weiterer Auswahlkriterien durchgeführt und über die konkrete Auswahl und Beauftragung eines Generalplanungs-teams verhandelt, welches im zweiten Quartal 2021 in die konkrete Planung einsteigen soll. Nach Auszug des Ensembles der Komischen Oper Berlin ist geplant, das Bestandsgebäude im Sommer 2023 für vertiefte Bestandsuntersuchungen und die Vorbereitung und Durchführung der Baumaßnahmen an die Bauverwaltung zu übergeben.

Entscheidungsgründe für den, die Sieger

Das Projekt setzt auf einen plastisch gegliederten und in Materialisierung differenzierten Gebäudekörper, der von der Behrenstrasse bis Unter den Linden greift. Die verschiedenen Vor- und Rücksprünge aktivieren die bislang unterbewertete Glinkastraße, indem eine Reihe von Eingängen angeordnet sind: Café-, Bühnen- und Mitarbeiterrestauranteingang. Besonders überzeugend ist die Anordnung und Gestaltung der Tageskasse an Unter den Linden: Ein schmaler gläserner Körper öffnet sich einladend zur Straße, die Komische Oper erhält dadurch eine prominente Adresse an einer der bedeutendsten Straßen Berlins. Das Motiv für diese hohe Plastizität finden die Verfasser im Bestandsgebäude, genauer im Eingangsportal der Komischen Oper, die über den Materialwechsel von Sandsteinplatten zu dunklem Zinkblech eine starke Markierung erfährt. Die genannten Vor- und Rücksprünge enthalten im Innern von Norden nach Süden: das Café und die Tageskasse, die Probebühne I sowie den Orchesterprobenraum und schließlich das Mitarbeiterrestaurant. Diese Anordnung ist funktional überzeugend, da der Anbau jeweils an bestehende Nutzungen im Bestandsgebäude anschließen kann.

Komische Oper Berlin / Visualisierung des Entwurfs von kadawittfeldarchitektur, Aachen © kadawittfeldarchitektur

Komische Oper Berlin / Visualisierung des Entwurfs von kadawittfeldarchitektur, Aachen © kadawittfeldarchitektur

Staatsoper Unter den Linden – Finanzielles wie zeitliches Sanierungsdesaster

Die Sanierungen großer deutscher Theater, der Oper Köln (IOCOArtikel hier: Oper Köln „Hort von Pleiten, Pech und Pannen), der Elbphilharmonie Hamburg wie der Staatsoper Unter den Linden Berlin waren hinsichtlich der geplanten Kosten und Zeirahmen große Desaster. So sollte die Sanierung  der Ende 2009 geschlossenen Staatsoper Unter den Linden ursprünglich €239 Mio betragen; es wurden €440 Mio. Die Wiedereröffnung der Staatsoper war zunächst für Herbst 2013 (Bauzeit 4 Jahre) geplant: tatsächlich fand sie im Herbst 2017, nach 8 Jahren statt. IOCO begleitete das langjährige Chaos um die kleinste Staatsoper der Welt, 1396 Plätze –  HIER der IOCO Bericht 2013 zur Sanierung:    Veni, Wowi, Wirrwarr

Der Wettbewerb 2020 –  Umbau und Sanierung der Komischen Oper  

 Einzelheiten des Wettberwerbs und der Sieger

Der Gebäudekomplex der Komischen Oper Berlin soll saniert, modernisiert und erweitert werden. Ziel des nun entschiedenen Wettbewerbs war es, gestalterisch, funktional und wirtschaftlich überzeugende Entwürfe zu erhalten, die sich architektonisch mit dem denkmalgeschützten Ensemble auseinandersetzen und die Komische Oper Berlin als Solitär im Stadtraum wirken lassen. Im Rahmen des Wettbewerbes überzeugte der Entwurf von kadawittfeldarchitektur aus Aachen die Jury.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher: „Ich bin glücklich, dass wir trotz genauer Einhaltung strenger Abstands- und Hygieneregeln das Preisgericht durchführen konnten. Noch glücklicher bin ich, dass eine fast unlösbar scheinende Aufgabe einen Entwurf hervorgebracht hat, der alles erfüllt, was wir uns wünschten. Ein markantes Gebäude, eine prominente Adresse an der Straße Unter den Linden, eine öffentliche Aufwertung entlang der Glinkastraße, einen denkmalverträglichen Umgang mit dem Bestandsbau, für die Mitarbeitenden der Komischen Oper Berlin hervorragende Arbeits- und Probebedingungen und für die Identität der Komischen Oper Berlin ein Gebäude, das Innovationskraft, Wandelbarkeit und Offenheit gegenüber der Stadtgesellschaft signalisiert.“

Kulturstaatssekretär Dr. Torsten Wöhlert ist sehr zuversichtlich, dass das Ergebnis des internationalen Wettbewerbs der erfolgreiche Start eines ambitionierten Zukunftsprojekts ist: „Der Siegerentwurf hat mich voll überzeugt: Hier entsteht nicht nur anspruchsvolle Architektur die sich im Erweiterungsbau der Komischen Oper Berlin an der Glinkastraße wiederfinden wird, schön anzusehen im Ensemble der Stadt. Hier wird kluge Architektur realisiert – einschließlich der umfänglichen Revitalisierung des denkmalgeschützten Opernhauses im Bestand – die den Anforderungen an modernste Opern-Bühnen mehr als gerecht wird.“

Barrie Kosky, Regisseur in Paris, auch Intendant der Komische Oper Berlin © IOCO

Barrie Kosky, Regisseur in Paris, auch Intendant der Komische Oper Berlin © IOCO

Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky: Obwohl oder gerade weil wir derzeit in einer Pandemie leben, ist es sehr wichtig, über die Zukunft nachzudenken und von ihr zu träumen. Daher freut es mich überaus, dass wir mit dem Siegerentwurf bereits heute die Zukunft der Komischen Oper Berlin gestalten können. Dieser wunderbare, sinnliche und zugleich funktionale Entwurf von kadawittfeldarchitektur erfüllt alle für die Komische Oper Berlin wesentlichen Kriterien: Er präsentiert sich als vielfältiges Chamäleon, als ein Haus der Metamorphosen, der Diversität und der Innovation. Er tritt in Dialog mit der Geschichte der Komischen Oper Berlin und lässt drei Jahrhunderte wie ein Kontrapunkt in- und auseinanderfließen: den Zuschauerraum des Metropol-Theaters, die Nachkriegsarchitektur von Felsensteins Komischer Oper und das 21. Jahrhundert. Und er schafft einen Ort für das Musiktheater des 21. Jahrhunderts: Einladend, zugewandt und offen – nach innen und in die Straßen der Stadt hinein.

Blaubart – Barrie Kosky – Walter Felsenstein würdigend – IOCO Rezension
youtube Trailer Einführung der Komischen Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Walter Felsenstein würdigend – IOCO Rezension

Mit diesem Entwurf erhalten die Komische Oper Berlin, ihr Publikum und die Stadt Berlin neue Proben- und Arbeitsräume, Foyers, Restaurants und Terrassen und damit einen Begegnungsort für Künstler*innen und Zuschauer*innen an einer der prominentesten Adressen der Stadt. Der Siegerentwurf war von Anfang an unser Favorit und ich freue mich sehr über dieses Ergebnis. Herzlichen Glückwunsch, kadawittfeldarchitektur!“

An exponierter Stelle in der Berliner Mitte, im historischen Stadtzentrum zwischen der Straße Unter den Linden und der Behrenstraße ist die Komische Oper ein wichtiger Teil der Berliner Opern- und Kulturlandschaft.

Der bauliche und technische Zustand des Gebäudes entspricht jedoch schon seit langem nicht mehr den Anforderungen an einen zeitgemäßen Kulturbetrieb. Die bühnentechnische Ausstattung basiert auf dem Stand des Wiederaufbaus Mitte der 1950-er Jahre bzw. der Erstausstattung der 1967-er Jahre. Trotz des schlechten baulichen Zustands und der dürftigen technischen Ausstattung überzeugt die Komische Oper Berlin mit ihrem klaren künstlerischen Profil, breitem Repertoire und der hohen künstlerischen Qualität der Aufführungen national wie auch international.

Gegenstand des zweiphasigen Realisierungswettbewerbs war der nachhaltige Umbau des denkmalgeschützten Gebäudeensembles und dessen Erweiterung zu einem modernen, zukunftsorientierten Opernhaus. Die Planung soll unter dem Aspekt des Nachhaltigen Bauens im Sinne eines innovativen Energie- und kosteneffizienten Gebäudekonzeptes erfolgen.

Das Programm umfasst insgesamt ca. 20.000 m² Nutzungsflächen, davon sind ca. 8.600 m² in Neubauflächen unterzubringen. Für die Baumaßnahme liegt ein geprüftes und genehmigtes Bedarfsprogramm vom April 2018 mit Gesamtkosten von 227.000.000,- Euro (brutto, Index Feb/18) vor. Das Bauvorhaben wird aus Mitteln des Landes Berlin finanziert.

In der ersten Phase wurden aus 63 ausgewählten Entwürfen 16 Arbeiten zur weiteren Bearbeitung der zweiten Phase ausgewählt. Die Wettbewerbsjury unter Vorsitz des Stuttgarter Architekten Stefan Behnisch entschied nach ausführlicher Diskussion über die 3 Preisträger und 3 Anerkennungen. Im Anschluss an den Wettbewerb wird mit den 3 Preisträgern ein formalisiertes Verhandlungsverfahren unter Berücksichtigung weiterer Auswahlkriterien durchgeführt und über die konkrete Auswahl und Beauftragung eines Generalplanungsteams verhandelt, welches im zweiten Quartal 2021 in die konkrete Planung einsteigen soll. Nach Auszug des Ensembles der Komischen Oper Berlin ist geplant, das Bestandsgebäude im Sommer 2023 für vertiefte Bestandsuntersuchungen und die Vorbereitung und Durchführung der Baumaßnahmen an die Bauverwaltung zu übergeben.

La Bohème – Einführung von Regisseur Barrie Kosky
youtube Trailer Komische Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Wettbewerbsjury entschied wie folgt:

1. Preis – Arbeit 1008 160.000 €
Architektur: kadawittfeldarchitektur
Aachen Tragwerksplanung: wh-p GmbH
Beratende Ingenieure, Berlin
Technische Ausrüstung Ingenieurbüro Nordhorn GmbH Co. KG, Münster

2. Preis – Arbeit 1014 110.000 €
Architektur: BE Berlin GmbH,
Baumschlager Eberle Architekten, Berlin
Technische Ausrüstung Stefan Ballmer, Berlin

3. Preis – Arbeit 1001   70.000 €
Architektur: AFF + Topotek 1, Berlin / Zürich Tragwerksplanung: Schnetzer Puskas Ingenieure AG, Basel     Technische Ausrüstung Buro Happold Limited, Bath

4. Anerkennung – Arbeit 1004   30.830 €
Architektur: JSWD Architekten, Köln / Gina Barcelona Architects, Barcelona
Tragwerksplanung: Werner Sobek AG, Stuttgart
Technische Ausrüstung ZWP Ingenieur-AG, Köln

5. Anerkennung – Arbeit 1010   30.830 €

Architektur: OMA International B. V., Rotterdam
Tragwerksplanung: Buro Happold GmbH, Berlin
Technische Ausrüstung Buro Happold GmbH, Berlin

6. Anerkennung – Arbeit 1013   30.830 €
Architektur: gmp Generalplanungsgesellschaft, Berlin Tragwerksplanung: Pfeifer Interplan, Cottbus Technische Ausrüstung gmp Generalplanungsgesellschaft, Berlin

Aus der Beurteilung des Preisgerichts zum 1. Preis von kadawittfeldarchitektur, Aachen

Das Projekt setzt auf einen plastisch gegliederten und in Materialisierung differenzierten Gebäudekörper, der von der Behrenstrasse bis Unter den Linden greift. Die verschiedenen Vor- und Rücksprünge aktivieren die bislang unterbewertete Glinkastraße, indem eine Reihe von Eingängen angeordnet sind: Café-, Bühnen- und Mitarbeiterrestauranteingang. Besonders überzeugend ist die Anordnung und Gestaltung der Tageskasse an Unter den Linden: Ein schmaler gläserner Körper öffnet sich einladend zur Straße, die Komische Oper erhält dadurch eine prominente Adresse an einer der bedeutendsten Straßen Berlins. Das Motiv für diese hohe Plastizität finden die Verfasser im Bestandsgebäude, genauer im Eingangsportal der Komischen Oper, die über den Materialwechsel von Sandsteinplatten zu dunklem Zinkblech eine starke Markierung erfährt. Die genannten Vor- und Rücksprünge enthalten im Innern von Norden nach Süden: das Café und die Tageskasse, die Probebühne I sowie den Orchesterprobenraum und schließlich das Mitarbeiterrestaurant. Diese Anordnung ist funktional überzeugend, da der Anbau jeweils an bestehende Nutzungen im Bestandsgebäude anschließen kann.

Die Bürogeschosse sind als eigenständiger Baukörper mit Pfosten-Riegel-Fassade ausgebildet und schließen die volumetrische Komposition nach oben hin ab.

Insgesamt ist ein inhaltlich reicher und anregender Entwurf gelungen, der eine hohe Sinnlichkeit aufweist. Lobenswert ist die Vielzahl der öffentlichen Orte mit hoher Aufenthaltsqualität: Neben dem Vorplatz an Unter den Linden sind dies die Außenräume entlang der Glinkastraße sowie der erweiterte Straßenraum an der Behrenstrasse. Besonders sind auch die beiden Terrassen zu erwähnen, die das Raumangebot der Komischen Oper Berlin für Mitarbeiter*innen und Besucher*innen bereichern. Ausstellung zu den Wettbewerbsarbeiten

Die Wettbewerbsarbeiten beider Phasen werden in der Zeit vom 15.11. – 26.11.2020 täglich von 12:00 bis 19:00 Uhr ausgestellt. Die Ausstellung findet statt in der Messe Berlin, Halle 7.2a, Messe Süd, Berlin

—| IOCO Aktuell Komische Oper Berlin |–


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Kurt Weill – Hommage an den Künstler und Menschen, Teil 4, 13.06.2020

Juni 13, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Portraits

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Kurt Weil 1932 © Wikimedia Commons, the free media repository / Das Bundesarchiv

Kurt Weil 1932 © Wikimedia Commons / Das Bundesarchiv

KURT WEILL – VON DESSAU ZUM BROADWAY
Hommage an sein Leben und Wirken

von Peter M. Peters

Kurt Julian Weill wurde 1900, vor 120 Jahren in Dessau geboren. 1950, vor 70 Jahren starb Kurt Weill in New York. Zwei Gründe für Peter M. Peters, IOCO Korrespondent in Paris, an den großen Menschen und Komponisten zu erinnern: in der bei IOCO erscheinenden 7-teiligen KURT WEILL – Serie.

Kurt Weill – Teil 1 – Berliner Jahre – erschienen 25.5.2020, link HIER
Kurt Weill – Teil 2 – Songstil und epische Oper -30.03.2020, link HIER
Kurt Weill – Teil 3 – Verteidigung der epischen Oper – Flucht aus Deutschland

Kurt Weill – Teil 4 –   Interlude à Paris

In Paris, der französischen Hauptstadt war Kurt Weill kein Unbekannter. Schon im August 1932 hatte der Mäzen Vicomte de Noailles (1891-1981) ihn eingeladen, „ auf Grund des riesigen Erfolges der Dreigroschenoper-Musik (d.h. Der französischen Version von Pabsts Verfilmung) im Laufe des Winters einen Abend mit eigenen Werken zu geben“. Weill hatte sich für die konzertante Aufführung des Songspiels Mahagonny und des Jasagers entschieden. Der Abend fand am 11. Dezember 1932 innerhalb einer Konzertreihe der Kammermusikvereinigung La Sérénade statt, es dirigierte sein Freund Maurice Abravanel (1903-1993), im Songspiel traten u.a. Lenja und Pasetti auf, für den Jasager war das Berliner Uraufführungs-Ensemble angereist. Viel Prominenz war erschienen, darunter Igor Strawinsky (1882-1971), Darius Milhaud, Arthur Honegger (1892-1955) und Jean Cocteau (1889-1963). Der Erfolg war überwältigend, ein Kritiker schrieb: „Es ist viele Jahre her, dass man in Paris eine so starke, so edle Erschütterung verspürt hat.“.

Seit diesem Konzert waren erst reichlich drei Monate vergangen, als der Komponist jetzt in Paris eintraf. Kurt Weill fühlte sich nicht als Emigrant, wie ein wichtiges Interview mit einem dänischen Journalisten bezeugt. Diesem sagte er Ende Juni 1934: „Schon in Berlin, letztes Jahr, fühlte ich, dass ich Luftveränderung nötig hätte, alles wurde allmählich zu leicht für mich, und es gab Grund anzunehmen, dass dies Einfluss haben würde auf meine Musik. Also, bevor Hitler und die Nazis daran dachten, mich zu erneuern, bin ich selbst auf den Gedanken gekommen!“

Im Koffer erste Skizzen eines Werkes für eine weitere Mäzenatin, die Princesse de Polignac (1865-1943) die – unter dem Eindruck des Pariser Konzerts vom Dezember 1932 – bei ihm noch in Berlin eine sinfonische Arbeit in Auftrag gegeben hatte, knüpfte Weill vom ersten Tag an Kontakte für neue Arbeitsmöglichkeiten. Bereits Anfang April ergab sich ein Theaterprojekt. Die gerade gegründete Truppe Les Ballets 1933 unter Leitung des Choreographen Georges Balanchine (1904-1983) suchte neue Werke für einen mehrteiligen Ballettabend. Man hatte auch bereits einen Financier gefunden, den Engländer Edward James (1907-1984). Dieser, verheiratet mit der deutschen Tänzerin Tilly Losch (1903-1975), hatte nur zwei Bedingungen; eine Rolle für seine Frau musste dabei sein, und eines der Werke sollte von Weill komponiert werden, dessen Musik auch er seit dem Besuch des Dezember-Konzertes besonders schätzte. Bei der ersten Besprechung mit James am 9. April nahm Weill den Antrag an, stellte aber seinerseits ebenfalls eine Bedingung: Er wolle kein  „gewöhnliches“ Ballett schreiben, sondern ein „ballet chanté“, also mit Gesang, als Textdichter schlage er Cocteau vor, bei diesem solle James anfragen. So geschah es, doch der französische Dichter musste aus Termingründen absagen. Es war James, der daraufhin Brecht ins Gespräch brachte – und auch für die Gesangsrolle Lotte Lenja, die seine Frau von Berlin her kannte. Weill stimmte zu.

Brecht, der Berlin am Tage nach dem Reichsbrand verlassen hatte, lebte gerade mit seiner Familie als Gast der Schriftstellerin Lisa Teztner (1894-1963) im schweizerischen Carona. Als die Nachricht aus Paris ihn erreichte, fuhr er sofort los. Wenige Tage später schrieb er seiner Frau: Liebe Helli, ich bin gut hergekommen und schon mitten in der Arbeit mit Weill. Das wird, hoffe ich, schnell gehen.“

Bertold Brecht © IOCO_ RMaass

Bertold Brecht hier als „Erinnerung“ vor dem BE in Berlin © IOCO_ RMaass

So entstand in nur zwei Wochen (Weill vollendete den Klavierauszug am 4. Mai) das Ballett mit Gesang Die sieben Todsünden, letzte Zusammenarbeit der beiden einstigen Team-Gefährten. Bereits Ende April war Brecht nach Carona zurückgereist.

Es ist im Grunde ein bitteres Werk, erzählend die Odyssee des Mädchen Anna, das von seiner Familie in Louisiana ausgeschickt wird, um in den „großen Städten“ eine Karriere als Tänzerin zu machen und damit genügend Geld für den Bau eines neuen schönes Hauses daheim zu verdienen. Anna besteht aus zwei Personen: Anna I, die Sängerin, die „Vernünftige“, die Managerin und Anna II, die Tänzerin, die „zur Ware degradierte“. Ein Prolog und ein Epilog umschließen die sieben Stationen der Handlung, die Anna durchwandert hat, darstellend zugleich die Todsünden (Faulheit / Stolz / Zorn / Völlerei / Unzucht / Habsucht / Neid). Brecht erklärt diese Todsünden zu Tugenden, Sünden sind sie nur für die Kleinbürger, weil der kein natürliches Leben führen kann.

Weills Musik zeigt ihn nochmals auf der Höhe seines europäischen Theaterstils. Im Orchester ist freilich ein Wandel vor sich gegangen: Erstmal weist er den Streichern maßgebliche Bedeutung zu. Die melodischen Erfindungen sind stark wie immer, Prolog und Epilog umschließen als großer Weill-Song die Handlung. Köstlichster Einfall „Die Familie“, die den Weg des Mädchens spießbürgerlich-kommentierend begleitet, setzt Weill für ein Männerquartett, oft auch a capella. Damit wird ein Höchstmaß an Komik und Karikatur erreicht.

Die sieben Todsünden – Kurt Weill – hier mit der wunderbaren Dagmar Manzel
youtube Video Komische Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Uraufführung der Sieben Todsünden (als Les Sept péchés capitaux) fand, zusammen mit fünf weiteren Kurzballetten, am 17. Juni 1933 im Pariser Théâtre des Champs-Élysées statt (Choreographie: Georges Balanchine, Dirigent: Maurice Abravanel, Bühnenbild: Caspar Neher). Lotte Lenja und Tilly Losch verkörperten Anna I und Anna II. Die Aufnahme beim Publikum war sehr gemischt. Da entgegen der französischen Titelankündigung in Deutsch gesungen wurde, verstanden die Franzosen kaum, worum es eigentlich ging. Umso freudiger begrüßte die große Emigrantenkolonie, in der Erinnerung an große Berliner Zeiten, die neue Arbeit von Weill und Brecht. Nach sieben weiteren Vorstellungen reiste das Ensemble zu einem Gastspiel nach London. Eingedenk der Pariser Erfahrungen hatten James und Weill den Brecht’schen Text in aller Eile ins Englische übersetzt, Lenja lernte ihn in wenigen Tagen, das Ballett lief unter dem Titel Anna-Anna, wurde aber ebenfalls kein Erfolg. Zu Weills Lebzeiten folgte nur noch eine Aufführung der Sieben Todsünden 1936 in Kopenhagen.

Die sieben Todsünden –  Kurt Weill
youtube Video Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Lotte Lenja fuhr Ende August 1933 noch einmal für fast zwei Monate nach Deutschland, um den Verkauf des Hauses in Kleinmachnow (er erfolgte schließlich Ende Oktober) und den Abtransport der persönlichen Habe in die Wege zu leiten. Wahrscheinlich aus taktischen Gründen (um nicht den Verdacht zu erwecken, hier werde „jüdisches Eigentum“ ins Ausland verbracht), hatte sie auch die Scheidung eingereicht, die nun am 18. September vom Amtsgericht Potsdam vollzogen wurde. Jedenfalls schrieb Weill ihr im Oktober nach Berlin „Liebes Linerl, es ist alles sehr gut so, wie du es angeordnet hast.“ Weills finanzielle Situation sah nicht gut aus. Sein Berliner Konto war gemäß der neuen Ausländerbestimmungen zum  „Sperrguthaben“ erklärt worden, auch die Universal-Edition kündigte ihm den Vertrag zum Oktober 1933. So war er ebenso erfreut über eine Auftragsarbeit für Paris Radio (die fünfzehnminütige Funk-Ballade: La Grande complainte de Fantomas, Text: Robert Desnos (1900 -1945) wie über die Tatsache, dass ihm der Vicomte de Noailles eine bezahlbare kleine Wohnung im Pariser Vorort Louveciennes vermittelte, die Weill Anfang November 1933 bezog.

Hier arbeitete Kurt Weill nun an dem schon in Berlin begonnenen sinfonischen Auftragswerk weiter, unterbrochen von einem schrillen Misston: Ende November dirigierte Abravanel ein Konzert mit dem Orchestre de Paris, auf dem Programm standen auch drei Stücke aus Der Silbersee, gesungen von der Sopranisten Madeleine Grey (1896-1979). Hören wir Weill: „Die Lieder waren ein großer Erfolg. Cäsar wurde da capo verlangt, da stand ein französischer Komponist, Florent Schmitt (1870-1958) – Weill: ungefähr so begabt wie Max Butting (1888-1976 )- auf und schrie: Heil Hitler! Genug mit der Musik von Deutschen Emigranten usw. Das Publikum benahm sich sehr anständig und brachte ihm zur Ruhe, das Lied wurde noch einmal gesungen und war dann wieder ein Erfolg“. Weills Reaktion war auch jetzt in Paris keine andere als drei Jahre zuvor nach dem Leipziger MahagonnyKrawall: „Ich bin ganz ruhig und meiner Sache vollkommen sicher. Die Symphonie wird sehr schön, ich hoffe in 8 – 10 Tagen mit der Skizze fertig zu sein“.

Bis zum Februar 1934 arbeitete er an dem dreisätzigen, heute als Sinfonie Nr .2 bekannten Werk, in dem sowohl der Weill‘sche Theaterstil wie auch Reflexion der Zeitereignisse deutlich anklingen. Bruno Walter brachte es am 11.Oktober 1934 mit dem Concertgebouw-Orchester in Amsterdam zur Uraufführung, unter dem Titel Symphonische Phantasie. Es sollte Weills letzte Arbeit für den Konzertsaal bleiben.

Im Frühjahr 1934 wandte er sich einem neuen Projekt des musikalischen Theaters zu. Aufrichts ehemaliger Dramaturg Robert Vambery (1907-1999) hatte Weill den Entwurf eines ebenso originellen wie mit Zahlreichen aktuellen Zeitbezügen versehenen Operetten-Librettos vorgelegt, Der Kuhhandel, das den Komponisten sofort interessierte. Spielend auf einer imaginären Insel mit zwei feindlichen Republiken, erzählt die Fabel, wie ein amerikanischer Waffenhändler des Profits wegen die beiden Potentaten aufeinanderhetzt. Die Auswirkungen solcher Staatsaffären auf die einfachen Leute werden in der Liebesgeschichte zweier Dorfbewohner deutlich. Am Schluss erweisen sich die gelieferten Waffen als nicht funktionierender Ausschuss, wodurch der drohende Krieg verhindert wird. Hier sah Weill Möglichkeiten, eine Opéra comique in der Traditionslinie Jacques Offenbachs (1819-1880) zu schaffen, und begann unverzüglich mit der Komposition bereits vorliegender Texte: „Ich verspreche mir viel von diesem Stück, weil ich so leicht daran arbeite wie seit langem nicht.“ Bis zum Juni lag die Musik etwa zu zwei Dritteln vor, Weill korrespondierte bereits wegen einer möglichen Uraufführung mit dem Zürcher Corso-Theater, von dort kam jedoch ablehnender Bescheid. So unterbrach er die Arbeit, da fast gleichzeitig zwei neue Projekte aufgetaucht waren: Sein neuer Verlag Heugel wollte ein Stück mit Musik für Paris, und Max Reinhardt wollte ein biblisches Groß-Werk für New York. Weill stimmte beide Male zu.

Der Kuhhandel   –   Kurt Weill
youtube Video Alexander Kaimbacher
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Im Heugel-Auftrag entstand gemeinsam mit dem französischen Erfolgsschriftsteller Jacques Deval (1895-1972) eine Bühnenversion von dessen Roman Marie Galante. Weill zur Fabel: „Ein ausgezeichneter, ernster Stoff: ein französisches Bauernmädchen wird, weil sie mit einem Mann mitgeht, nach Panama verschlagen; sie hat keinen anderen Wunsch, als wieder nach Hause zu kommen, sie verdient sich Bordellen das Geld und als sie es beisammen hat und schon die Schiffskarte für die Rückfahrt gekauft hat, stirbt sie.“ Die Musik entstand im September 1934. Sie enthält neben gekonnt orchestrierten Instrumentalstücken (darunter Panamaischer Militärmarsch und Tango Youkali) insgesamt zehn vokale Nummern. Die Uraufführung von Marie Galante am 22. Dezember 1934 in Paris wurde indes kein Erfolg. Die „großen  französischen Lieder“ des Stückes (vor allem Maries Heimwehklage J’attends un navire) waren Weill auf Anhieb so gut gelungen, dass sie über die Aufführung hinaus, von Heugel als Einzelausgaben verbreitet, in Frankreich populär wurden – ebenso wie zwei bereits im Frühsommer für die prominente Chansonette Lys Gauty (1900-1994) entstandene Stücke, Complainte de la Seine und Je ne t’aime pas auf Texte von Maurice Magre (1877-1941). Gleiches trat dann später ein, als der Verlag 1946 den Tango Youkali mit einem Text von Roger Fernay als Vokalnummer veröffentliche – heute ein weltweiter Hit.

Marie Galante  –  Kurt Weill – Arie Je ne t´aime pas
youtube Video Mostly Modern Projects
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Hier hatte sich erstmals die erstaunliche Fähigkeit des Komponisten gezeigt, mit seiner ausgeprägten musikalischen Sensibilität ein anderes, zunächst fremdes Idiom offenbar bis in die feinsten Wurzeln aufzunehmen und im eigenen Stil zu adaptieren. In Amerika sollte bald Ähnliches geschehen.

Ein großes musikalisches Bibel-Drama über die Passion des jüdischen Volkes zu schaffen und in New York aufzuführen, hatte der amerikanische Produzent Meyer Wolf Weisgal (1894-1977) Ende 1933 in Paris Max Reinhardt (1873-1943) vorgeschlagen. Der  „Theaterfürst“ war einverstanden und richtete an Franz Werfel (1890-1945) sowie an Kurt Weill entsprechende Anfragen. Beide sagten spontan ihre Mitarbeit zu, unmittelbar darauf begann Werfel, fußend auf dem Alten Testament, speziell dem Pentateuch, mit der Arbeit am Textbuch Der Weg der Verheißung. Ende August 1934 stellte er während eines Dreier-Arbeitstreffens bei Reinhardt auf Schloss Leopoldskron bei Salzburg eine erste Fassung vor. Jetzt konnte Weill, zurückgekehrt nach Louveciennes, mit der Komposition beginnen, wobei sehr rasch klar wurde, dass der Anteil der Musik am Ganzen wesentlich grösser als ursprünglich geplant werden musste. Weill rief sich die liturgische Musik seiner Kindheit ins Gedächtnis zurück, studierte in der Pariser Nationalbibliothek zahlreiche Quellen. dieser „Vieles, was ich entdeckte, war im 18. und 19. Jahrhundert geschrieben worden. Dies alles schied ich aus und beschränkte mich rein auf die traditionelle Musik. Mit Leitlinie, versuchte ich eine Musik im gleichen Geist zu schaffen.“ (Interview von 1937). Es ist sein Konzept eines neuartigen musikalischen Theaters, das er nun in einer Kombination von Elementen des Dramas, der Oper und des dramatischen Oratoriums „weiterverfolgt“: „Die Musik ist stets integraler Bestandteil der Handlung. Dies ist nur möglich bei einer episch-erzählenden Form der Handlung, die dem Zuschauer den Gang der Ereignisse auf der Bühne vollkommen klar macht, so dass die Musik ihre rein musikalische Wirkung in ungestörter Harmonie erreichen kann.“ An Lenja heißt es nach reichlich vierwöchiger intensiver Arbeit: „Die Bibelsache wird musikalisch sehr schön und sehr reich. Daran merke ich erst, wie ich seit Die Bürgschaft weitergekommen bin. Es ist ebenso ernst, aber im Ausdruck viel stärker, reicher, bunter–mozartischer.“ Und an Max Reinhardt: „Seit ich aus Salzburg zurück bin, arbeite ich buchstäblich Tag und Nacht an unserer Sache, mit einer Begeisterung, wie ich sie seit langem nicht verspürt habe.“ Anfang November 1934 waren die ersten drei Teile (Die Patriarchen/Moses/Die Könige) in Skizze fertiggestellt, als Weill die Arbeit unterbrechen und sich wieder dem Kuhhandel zuwenden musste. Dafür hatte sich jetzt nämlich eine konkrete Aufführungsmöglichkeit in London ergeben – was bedeutete, dass die noch unvollständige Operette nun dem damaligen Stil der britischen Music-Hall angepasst werden musste. So blieb ein wichtiges Werk unvollendet, mutierte zu A Kingdom for a Cow.

Im Januar 1935 reiste Weill für längere Zeit nach London, dort entstand nach einer Rohübersetzung des Kuhhandels – Librettos nun in Zusammenarbeit mit zwei routinierten Theaterleuten des West End die englische Version. Weill schrieb – während er zugleich an der Musik zu Weg der Verheißung weiterarbeitete – einige neue Songs, strich bereits vorhandene, das Stück insgesamt wurde entschärft und geglättet, von den ursprünglichen Ambitionen eines Anknüpfens an Offenbach blieb nur wenig übrig. Die Uraufführung von A Kingdom for a Cow am 28. Juni 1935 im Savoy-Theater wurde nur ein mäßiger Erfolg, nach drei Wochen musste das Stück abgesetzt werden.

Mehr Glück brachten die Londoner Monate in der privaten Sphäre. Nachdem Weills intime Beziehung mit Erika Neher (die mit ihrem Mann in Deutschland geblieben war) aufgrund der räumlichen Trennung längst beendet war, hatte er auch Lenja dringend geraten, doch ihr  „Zigeunerleben“s mit Pasetti aufzugeben. Da auch sie dessen müde und zudem Pasettis Finanzen am Ende waren, bot eine Verpflichtung ans Züricher Corso-Theater Lotte Lenja den Anlass, nun Anfang Juli 1934 die Verbindung zu lösen. Zurück in Paris, nahm sie zunächst Weills Angebot an, während seiner Londoner Abwesenheit die Wohnung in Louveciennes zu nutzen, und dann auch die Einladung, zu ihm nach London zu kommen. Anfang April 1935 traf sie dort ein und bezog ein Zimmer in Weills Apartment-Wohnung. Lenja blieb auch in London, als nach der A Kingdom for a Cow-Premiere ein neues Arbeitstreffen bei Reinhardt in Salzburg anstand. Weisgal reiste ebenfalls an, mit entscheidenden Neuigkeiten aus New York: Die Premiere des Bibeldramas sei nun fest terminiert für Ende 1935, die Proben würden alsbald beginnen, natürlich müsse der Komponist anwesend sein. Weills Brief an Lenja vom 26. August leitet dann den neuen Lebensabschnitt für die beiden ein. Wenn alles wie geplant laufe, schreibt er, „…soll ich schon mit Weisgal am 4. Sept. auf der Majestic fahren“. Und dann „Es wäre natürlich fein, wenn wir zusammen fahren könnten und ich habe auf jeden Fall mal eine Doppelkabine reservieren lassen. Was meinst Du?“

Sie meinte: Ja, und kam umgehend nach Louveciennes. Ein Tag nur blieb für die Besorgung des Visums beim amerikanischen Konsulat in Paris und zum Packen. Am 3. September 1935 fuhren sie mit dem Zug nach Cherbourg, wo der Ozeandampfer, die Majestic, und Weisgal bereits warteten. Am 4. September 1935 legte sie ab, Europa blieb hinter Kurt Weill und Lotte Lenja zurück.

—| IOCO Portrait |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Berlin, Komische Oper, 2022: Opernsanierung – Neues Management, IOCO Aktuell, 06.02.2019

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin © IOCO

Komische Oper Berlin © IOCO

2022: Jahr der Veränderungen an der Komischen Oper

Ersatzspielstätte und Neue Leitung – Susanne Moser, Philip Bröking

Auf einer Pressekonferenz in der Komischen Oper Berlin stellte Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa, am  11.1.2019 gemeinsam mit Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur, das Leitungsteam des Hauses ab der Spielzeit 2022/23 vor, wenn das Haus in der Behrenstraße für voraussichtlich fünf Jahre generalsaniert wird und das Ensemble in andere Spielstätten ausweichen muss. Mit Susanne Moser, seit 2005 Geschäftsführende Direktorin, und Philip Bröking, seit 2005 Operndirektor, führen zwei enge Mitglieder aus dem aktuellen Leitungsteam der Intendanz von Barrie Kosky ab Sommer 2022 als Ko-Intendant*innen die Komische Oper Berlin durch diese herausfordernde Interimszeit und sorgen für größtmögliche Kontinuität und Stabilität.

Künstlerisch gibt Barrie Kosky als Hausregisseur in den Interimsspielzeiten mit zwei Inszenierungen jährlich prägende Impulse für das Profil des Hauses. Damit bleibt er der Komischen Oper und der Stadt Berlin auch über das Ende seiner Intendanz eng verbunden.

Barrie Kosky und Susanne Moser in der Komischen Oper © IOCO

Barrie Kosky und Susanne Moser in der Komischen Oper © IOCO

Barrie Koskys Vertrag als Intendant läuft mit Ende der Spielzeit 2021/22 aus. Ab 2022 ist für das Haus eine auf fünf Jahre angesetzte Generalsanierung geplant, während der das Ensemble an unterschiedlichen Spielstätten in der Stadt Produktionen präsentieren wird. Auch als Ko-Intendant*innen bleiben Susanne Moser Geschäftsführende Direktorin und Philip Bröking Operndirektor.

Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa:

»Ein so besonderes Haus wie die Komische Oper Berlin, das Saison für Saison für Begeisterung sorgt, kann gerade in der Phase des Umbaus und der Sanierung nur ein gut eingespieltes Team stemmen. Ich bin daher glücklich, dass Susanne Moser und Philip Bröking als wichtige Teile einer bereits gut geölten Maschine die Komische Oper Berlin als Ko-Intendanten ab 2022 leiten werden. Und ich bin glücklich darüber, dass es uns gelungen ist, den Garanten des Erfolges der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, als kreatives Mastermind am Haus und in der Stadt zu halten. Die enge Verbundenheit mit Berlin, die Barrie Kosky immer betont, findet so ihre konsequente Fortsetzung. Das ist eine runde Sache, auf deren Bühnenergebnisse ich mich schon jetzt freue!«

Susanne Moser
Geschäftsführende Direktorin und Ko-Intendantin ab 2022/23:

»Die Komische Oper Berlin ist mit der prägenden Handschrift von Barrie Kosky und mit Beständigkeit im Leitungsteam, jedoch mit neuer Rollenverteilung für die Zukunft gut aufgestellt. Ich freue mich darauf, die vertrauensvolle und erfolgreiche Zusammenarbeit in unserem bewährten Team fortsetzen zu dürfen.«

Philip Bröking
Operndirektor und Ko-Intendant ab 2022/23:

»Die Anforderungen an eine moderne Theaterleitung – zumal in Zeiten einer Generalsanierung – sind dermaßen komplex, dass es mehr als verständlich ist, wenn ein Künstler wie Barrie Kosky sich nach zehn herausfordernden Jahren wieder hauptsächlich seiner Kunst widmen möchte. Ich freue mich, dass es Dr. Klaus Lederer und seinem Team in der Senatsverwaltung gelungen ist, eine tragfähige Leitungsstruktur für die Komische Oper Berlin zu entwickeln, die für Stabilität und Kontinuität sorgt, indem sie an bestehende Strukturen anknüpft. Wir schätzen uns froh und glücklich, dass wir mit Barrie Kosky einen der weltweit gefragtesten Opernregisseure weiterhin in unseren Reihen wissen und auf seinen Geist und seine Kreativität nicht verzichten müssen. Gemeinsam möchten wir das weiterentwickeln, was unser Publikum an unserem Musiktheater kennt und schätzt: Virtuosität und Lebenslust, mitreißend und sinnlich. Danke für das Vertrauen!«

Barrie Kosky
Intendant und Chefregisseur bis Herbst 2022

»2003 habe ich erstmals an der Komischen Oper Berlin inszeniert, seither 25 Produktionen als Regisseur auf die Bühne gebracht und das wunderbare Haus bisher beinahe sieben Jahre lang als Intendant geleitet. Ein künstlerisches Leben ohne die Menschen an der Komischen Oper Berlin wäre für mich unvorstellbar. Im Juli 2022 werden es schließlich zehn Jahre als Intendant und Chefregisseur sein. Nach langem Überlegen habe ich mich entschlossen, ab 2022 wieder als freischaffender Künstler zu arbeiten.

Nichtsdestotrotz empfinde ich eine große Verantwortung gegenüber der Komischen Oper Berlin, die 2022 ihr Haus an der Behrenstraße wegen der Sanierung für fünf Jahre verlassen muss. Das wird eine herausforderungsreich und komplexe Zeit sein. In den letzten Jahren habe ich mit meinem Team an einem spannenden Konzept für diese fünf Jahre gearbeitet, das den Grundstein für die Fortsetzung und Weiterentwicklung des Erfolgs der vergangenen Jahre legen soll.

Schillertheater / Ersatzspielstätte der Staatsoper Unter den Linden: Zuerst für 3 Jahre, dann 5_ Am Ende waren es 8 Jahre © IOCO

Schillertheater / Ersatzspielstätte der Staatsoper Unter den Linden: Zuerst für 3 Jahre, dann 5_ Am Ende waren es 8 Jahre © IOCO

Gemeinsam mit dem Kultursenator Klaus Lederer und dem Land Berlin, von deren unbeirrter Unterstützung ich begeistert bin, haben wir meiner Ansicht nach die beste Lösung sowohl für die Komische Oper Berlin als auch für mich als Künstler gefunden: Mein wunderbares Team an der Komischen Oper, Susanne Moser und Philip Bröking, wird das Haus während des fünfjährigen Interims als Ko-Intendanz leiten. Seit 2008 waren beide wesentlicher Teil meines Leitungsteams, niemand kennt das Haus besser als sie. Ohne ihre Hingabe und ihre Ideen wäre der Erfolg der letzten Jahre nicht möglich gewesen. Sie sind daher die richtigen Personen, um die Komische Oper Berlin durch die herausforderungsvollen Exiljahre zu führen.

Als Hausregisseur werde ich der Komischen Oper Berlin künstlerisch verbunden bleiben und insgesamt zehn Produktionen in den fünf Interimsjahren für die Komische Oper inszenieren. Damit schaffen wir Kontinuität und halten weiterhin fest an der engen künstlerischen Verbindung von mir und dem Haus, das für mich das beste Opernhaus der Welt ist. Berlin ist inzwischen meine Heimat und die Künstler*innen und das Publikum dieser einzigartigen, fantastischen Stadt sind mein Sauerstoff. Ich freue mich auf 2022 und die Zeit danach mit einem Herz voll Dankbarkeit und Liebe.«

—| IOCO Kritik Komische Oper Berlin |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung