Kiel, Theater Kiel, Premieren im März 2020

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Theater Kiel

Opernhaus Kiel / Blick über den Rathausplatz © VollwertBIT

Opernhaus Kiel / Blick über den Rathausplatz © VollwertBIT

Premieren im März

Gleich vier Premieren erwarten uns im März am Theater Kiel. Neben Hector Berlioz gewaltiger Oper »Die Trojaner« (7. März) freuen wir uns im Ballett auf den neuen Dreifachabend »Drei Choreografen« (28. März) mit Choreografien von Can Arslan, Antoine Jully und Yaroslav Ivanenko, auf das dystopische Stück »Everything belongs to the future« der britischen Autorin und Feministin Laurie Penny im Studio im Schauspielhaus (1. März) und auf »Hitlerjunge Salomo« nach dem autobiografischen Roman von Sally Perel im Jungen Theater im Werftpark (21. März).


So | 1. März 2020 | 19.30 Uhr | Studio im Schauspielhaus
EVERYTHING BELONGS TO THE FUTURE
LAURIE PENNY

Wie sähe eine Welt aus, in der Menschen nicht mehr altern und ihr Leben um das Doppelte verlängern können? Laurie Pennys erste Novelle führt uns ins Jahr 2098, wo dies für die oberen Gesellschaftsschichten mit dem Medikament »The Fix« normal geworden ist. Eine Aktivist*innengruppe stiehlt die lebensverlängernden Pillen und verteilt sie an Arme – mit unabsehbaren Folgen …

Mit »Everything belongs to the future« stellt Laurie Penny, einer der profiliertesten feministischen und gesellschaftskritischen Stimmen der Gegenwart, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit in Zeiten technisch-medizinischen Fortschritts. Es inszeniert Annette Pullen, die in dieser Saison bereits mit ihrer Version von »Faust« begeistern konnte.

Regie Annette Pullen |  Ausstattung Nina Sievers | Dramaturgie Mona Rieken


So | 7. März 2020 | 17.00 Uhr | Opernhaus
DIE TROJANER
OPER NACH VERGIL VON HECTOR BERLIOZ

Bestimmen die Menschen ihr Schicksal oder ist es ihnen vorgezeichnet? Der trojanische Held Aeneas überlebt den Untergang seiner Heimatstadt Troja und muss sich entscheiden, ob er an der Seite der kathargischen Königin Dido ein neues Leben beginnen oder in Italien den Grundstein für ein neues Weltreich legen will.

Mit Hector Berlioz‘ monumentaler Oper »Die Trojaner« schließen wir die Reihe mit Werken der französischen Grand Opéra mit der vielleicht größten aller Grand Opéras ab. Regie führt die junge Regisseurin Alexandra Liedtke, die erstmals an der Oper Kiel arbeitet.

Musikalische Leitung Daniel Carlberg | Regie Alexandra Liedtke  | Bühne Philipp Rubner | Kostüme Johanna Lakner | Choreinstudierung Lam Tran Dinh | Dramaturgie Cordula Engelbert


So | 21. März 2020 | 19.00 Uhr | Junges Theater im Werftpark
HITLERJUNGE SALOMO
SALLY PEREL / JOHANNES ENDER

Sally Perel ist Jude und wird im zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten festgenommen. Er gibt sich als verschleppter »Volksdeutscher« aus – und man glaubt ihm. Von diesem Moment an arbeitet er als Dolmetscher für die Wehrmacht und wird auf eine NS-Eliteschule der Hitlerjunge geschickt. Für Sally entspinnt sich ein gefährliches Versteckspiel aus Angst vor dem Holocaust. Johannes Ender inszeniert den autobiografischen Roman Perels in einer eigenen Bühnenfassung für eine jugendliche Zielgruppe im Jungen Theater im Werftpark.

Regie Johannes Ender |  Ausstattung Hannah Landes


Sa | 28. März 2020 | 19.30 Uhr | Opernhaus
DREI CHOREOGRAFEN
DREITEILIGER TANZABEND VON CAN ARSLAN, ANTOINE JULLY UND YAROSLAV IVANENKO

Drei verschiedene Choreografen, drei verschiedene Stücke und drei verschiedene Tanzsprachen: Can Arslan widmet sich in seinem Ballett »Tanz der sieben Schleier« in Anlehnung an die biblische Salome den Spielarten von Verführung und Gegenwehr, während Antoine Jully in seinem Stück »An den Ufern des Sees« getanzte Impressionen von Wasser und dessen ständiger Veränderung heraufbeschwört. Abgerundet wird der Abend durch Yaroslav Ivanenkos neue Choreografie »Rapscallion« zur mitreißenden Musik von Louis Armstrong, Delaney Davidson, Tom Rosenthal, Ska Cubano, Squirrel Nut Zippers und Frédéric Chopin.

Choreografie Can Arslan, Antoine Jully, Yaroslav Ivanenko | Ausstattung Verena Hemmerlein  | Musik Sebastian Bund, Eduard Tubin, Louis Armstrong u. a.

—| Pressemeldung Theater Kiel |—

Oldenburg, Oldenburgisches Staatstheater, Premieren VENUS AND ADONIS/ DIDO AND AENEAS, 31.08.2019

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Oldenburgisches Staatstheater

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

VENUS AND ADONIS/
DIDO AND AENEAS

Masque in drei Akten von John Blow (1649 – 1708)
Libretto nach Ovids ‚Metamorphosen‘
Oper in drei Akten von Henry Purcell (1659 – 1695)
Libretto von Nahum Tate nach Vergils ‚Aeneis‘
in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: Samstag, 31. August 2019, um 20 Uhr im Kleinen Haus
Die nächsten Vorstellungen: So 08., So 15. und So 22. September

Besetzung: Musikalische Leitung: Thomas Bönisch/ Felix Pätzold; Regie: Tobias Ribitzki; Bühne und Kostüme: Stefan Rieckhoff; Choreografie: Elvis Val; Einstudierung Chor: Thomas Bönisch/ Felix Pätzold; Einstudierung KlangHelden Kinderchor: Felix Pätzold; Licht: Steff Flächsenhaar; Dramaturgie: Annabelle Köhler

Mit: Erica Back, Martyna Cymerman, Martha Eason, Melanie Lang, Renate Nehrkorn, Ann-Beth Solvang; KS Paul Brady, Henry Kiichli, Leonardo Lee

Tänzer*innen: Renate Nehrkorn; Uri Brugger, Ruben Reniers, Charlie Riddiford

Opernchor des Oldenburgischen Staatstheaters
KlangHelden Kinderchor des Oldenburgischen Staatstheaters
Oldenburgisches Staatsorchester

Venus, die Göttin der Liebe, lässt lieben. Zusammen mit ihrem Sohn Cupido amüsiert sie sich über Liebesleid und Liebesfreud der Menschen und schürt diese aus sicherer Distanz – bis sie eines Tages durch einen Zufall selbst zur Zielscheibe von Cupidos Pfeil wird. Durch ihre Liebe zum schönen Adonis gewinnt sie zwar an Menschlichkeit, verliert gleichzeitig aber auch ihre göttliche Unverletzlichkeit, sodass der Verlust des Geliebten sie mit äußerster Härte zu treffen vermag.

Aus Angst, verletzt zu werden, wagt wiederum Karthagos legendäre Königin Dido es zunächst nicht, sich auf ihre Liebe zum Helden Aeneas einzulassen. Diesem gelingt es jedoch, ihren Widerstand zu brechen. Aber auch dieser Liebe ist letztendlich kein Glück gegönnt, denn dunkle Mächte entzweien die beiden und stürzen Dido in tiefste Verzweiflung.

Im Zusammenspiel der beiden Barockopern lässt Regisseur Tobias Ribitzki, der sich mit dieser Arbeit erstmals am Oldenburgischen Staatstheater präsentiert, das Schicksal der Liebesgöttin mit dem der antiken Königin zu einem berührenden Frauenschicksal verschmelzen, das sich im spannungsvollen Gegensatz einer kühl distanzierten göttlichen Liebe auf der einen und wahrhaft beseeltem menschlichen Lieben auf der anderen Seite entfaltet.

Als künstlerischer Partner steht ihm dabei Stefan Rieckhoff zur Seite, der das Oldenburger Publikum bereits mit seiner Ausstattung für die Opern ‚Falstaff‘, ‚Cristina, Regina di Svezia‘ und ‚Ein Sommernachtstraum‘ begeisterte.

Auf historischen Instrumenten sowie in tiefer Stimmung wird das Oldenburgische Staatsorchester unter der musikalischen Leitung von Thomas Bönisch die Opern in authentischem Barockklang erlebbar machen.

—| Pressemeldung Oldenburgisches Staatstheater |—

Hagen, Theater Hagen, Premiere DIDO AND AENEAS – WASSERMUSIK, 18.05.2019

Mai 17, 2019 by  
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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

  DIDO AND AENEAS –  WASSERMUSIK

Ballett von Francesco Nappa zur Musik von Georg Friedrich Händel

Samstag, 18. Mai 2019, 19.30 Uhr

Als nächste Premiere im Großen Haus des Theaters Hagen am 18. Mai 2019 (19.30 Uhr) steht der spartenverbindende Doppelabend mit der Oper Dido and Aeneas von Henry Purcell (in englischer Sprache mit deutschen Übertexten) und dem Ballett Wassermusik von Francesco Nappa zur Musik von Georg Friedrich Händel auf dem Programm.

Theater Hagen / Dido and Aeneas - (vlnr): Cristina Piccardi (Bellinda), Marilyn Bennett (vorne, Zauberin), Veronika Haller (Dido), Kenneth Mattice (Aeneas), Chor des Theaters Hagen. © Klaus Lefebvre.

Theater Hagen / Dido and Aeneas – (vlnr): Cristina Piccardi (Bellinda), Marilyn Bennett (vorne, Zauberin), Veronika Haller (Dido), Kenneth Mattice (Aeneas), Chor des Theaters Hagen. © Klaus Lefebvre.

Worum geht’s? Aeneas’ Bestimmung ist es, das Römische Reich zu gründen. Dafür muss er Karthago verlassen, wo er nach den Schrecknissen des trojanischen Krieges Zuflucht gefunden hat. Doch seine Abreise bedeutet auch das Ende für seine Liebesbeziehung mit der karthagischen Königin Dido. Dido bleibt erschüttert zurück und setzt ihrem Leben ein Ende.

Diese Geschichte einer großen Liebe, die am Ende scheitern muss, steht im Mittelpunkt dieses Doppelabends. Während in Henry Purcells Oper Dido and Aeneas eher die Perspektive von Dido eingenommen wird, näherte sich Francesco Nappa in seiner Choreographie, die er eigens für das Ballett Hagen kreierte, der Liebesgeschichte aus Aeneas’ Sicht und legt zudem einen Fokus auf die Schilderung von dessen Abenteuern.

Mit Georg Friedrich Händels berühmter Wassermusik und Henry Purcells berührender Oper Dido and Aeneas werden an einem Abend zwei Meisterwerke der Barockmusik präsentiert. Die Oper und das Ballett werden als eigenständige Werke aufgeführt, aber durch einen dramaturgischen Bezug und weitere Elemente  miteinander verbunden – das ermöglicht zahlreiche Assoziationen zwischen den beiden Gattungen und Ensembles.

Theater Hagen / Wassermusik - Gonçalo Martins da Silva (Aeneas)und Ana Isabel Casquilho (Dido) © Leszek Januszweski.

Theater Hagen / Wassermusik – Gonçalo Martins da Silva (Aeneas)und Ana Isabel Casquilho (Dido) © Leszek Januszweski.

Der international renommierte Tänzer und Choreograph Francesco Nappa stellt sich mit dieser Arbeit dem Hagener Publikum vor, für die Regie bei Dido and Aeneas zeichnet Intendant Francis Hüsers verantwortlich. Zum Produktionsteam gehören ferner: Kaspar Glarner (Bühne, Kostüme), Hans-Joachim Köster (Licht), Wolfgang Müller-Salow (Choreinstudierung), Rebecca Graitl (Dramaturgie). Unter der musikalischen Einstudierung und Leitung von Rodrigo Tomillo singen, spielen und tanzen: Marilyn Bennett, Veronika Haller, Kisun Kim, So Hee Kim, Kenneth Mattice, Musa Nkuna, Cristina Piccardi, Elizabeth Pilon, Chor des Theaters Hagen, Ballett Hagen: Brandon Alexander, Booby Briscoe, Ana Isabel Casquilho, Gennaro Chianese, Alexandre Démont, Otylia Gony, Gonçalo Martins da Silva, Noemi Emanuela Martone, Jeong Min Kim, Amber Neumann, Sara Peña ? Philharmonisches Orchester Hagen

Weitere Vorstellungen: 24.5.(19.30 Uhr); 30.5.(18.00 Uhr); 5.6. (19.30 Uhr); 9.6. (15.00 Uhr); 14.6. (19.30 Uhr); 20.6.(18.00 Uhr); 22.6.(19.30 Uhr); 27.6. (19.30 Uhr); 7.7. (15.00 Uhr); 10.7.2019 (19.30 Uhr)

DIE STUNDE DER KRITIK
Donnerstag, 30.5.2019, im Anschluss an die Vorstellung, Theatercafé – Eintritt frei. – Zu Gast: Albrecht Thiemann (Opernwelt)

—| Pressemeldung Theater Hagen |—

Lyon, Opéra de Lyon, Dido und Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 21.03.2019

März 21, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera Lyon

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

Dido und Aeneas – Henry Purcell

– Barock trifft Jazz – Jazz trifft Barock –

von Patrik Klein

IOCO besuchte im Rahmen des Festivals Leben und Schicksale die Opéra de Lyon mit der Produktion Dido und Aeneas von Henry Purcell (1659 -1695), einer Oper in einem Prolog und drei Akten, fortgeschrieben durch moderne Elemente, die vom finnischen Gitarristen Kalle Kalima, der zu den spannendsten Vertretern der europäischen Jazz-Szene gehört und mit einer gehörigen Portion Verrücktheit und „finnischer Kreativität“ ausgestattet ist, zusammengestellt wurden. Die Premiere in Lyon ist der Auftakt zur Koproduktion mit der Vlaamse Opera und der Stuttgarter Oper in Partnerschaft mit der Ruhrtriennale.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Das Libretto wurde von Nahum Tate nach dem Epos Aeneis von Vergil verfasst. Die Uraufführung fand 1688 oder 1689 in London statt.

Die Handlung – Erster Akt: Der trojanische Held Aeneas (Guillaume Andrieux, Bariton) hat Trojas Zerstörung überlebt und von Zeus den Auftrag erhalten, nach Italien zu segeln und dort mit seinen Leuten ein neues Reich zu gründen. Auf der Fahrt durch das Mittelmeer kommen die Trojaner nach Karthago, wo sie sich längere Zeit aufhalten. Die Stadt wird von Königin Dido (Alix Le Saux, Mezzosopran) regiert, die nach dem Tod ihres Mannes geschworen hat, nie mehr zu heiraten und sich nur noch um das Wohl ihres Staates zu kümmern. Die Königin kann den Schwur nicht halten, als sie Aeneas kennenlernt und sich in ihn verliebt. Belinda (Claron McFaddon, Sopran) zerstreut die Bedenken ihrer Herrin, denn sie weiß, dass auch der Trojaner Dido zugeneigt ist.

Dido und Aeneas  –  Henry Purcell
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Henry Purcells „Dido und Aeneas“ fortgeschrieben durch Kalle Kallimas Version von „Remember Me“

Zweiter Akt: Furien haben sich in einer Felsschlucht versammelt. Ihre Anführerin befiehlt, Karthagos Macht zu vernichten, um dadurch Dido und Aeneas wegen ihrer Pflichtvergessenheit zu strafen. Eine Furie meldet, dass Aeneas und Dido auf der Jagd sind. Ihr wird aufgetragen, als Hermes verkleidet Aeneas den Willen des Zeus, sofort nach Italien zu segeln, kundzutun. Andere Furien treiben die Jagdgesellschaft durch einen Sturm in die Stadt zurück. Belinda und der Hofstaat erfreuen sich unterdessen an der Schönheit des Heiligen Hains, wo sie rasten. Die Seherin unterbricht ihre Freude und verkündet, dieser Ort bringe Unheil. Schon naht Dido und kurz darauf Aeneas, der einen gewaltigen Eber erlegt hat. Kaum hat sich das Liebespaar in das vorbereitete Zelt zurückgezogen, bricht ein Gewitter los; alle flüchten in die Stadt. Aeneas ist plötzlich allein. Er erhält von Hermes den Befehl, sofort nach Italien aufzubrechen. Der Held ist erschüttert, doch die Pflicht siegt über seine Liebe.

Dritter Akt: Die Trojaner rüsten zur Abfahrt und nehmen von ihren Frauen Abschied. Die Furien triumphieren, als sie die unglückliche Königin sehen, und entfachen einen Sturm, der die Schiffe auf das Meer hinausjagen soll. Dido und Belinda eilen herbei, erregt über das Verhalten der Trojaner, die auf Zeus‘ Befehl verweisen, aber schon zögern, abzusegeln. Der Königin erscheint die Treulosigkeit des Helden als Strafe des Himmels, weil sie ihren Schwur nicht gehalten hat. Belindas Tröstungen sind vergeblich. Dido stirbt an gebrochenem Herzen, da sie ohne Aeneas nicht leben kann.

Kunst fordert immer wieder zu neuen Interpretationen heraus. Die Auffassung, wie Musik des 17. Jahrhunderts aufgeführt werden sollte, hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte grundlegend gewandelt. Mindestens ein Dutzend verschiedener Ausgaben von „Dido und Aeneas“ sind im Druck erschienen. Musikwissenschaftler diskutieren immer noch das Entstehungsdatum der Oper und sind sich immer noch nicht einig, für welche Gelegenheit das Werk geschrieben sein könnte. Folglich geht damit auch einher, dass sich der Bereich legitimer Auswahl- und Interpretationsmöglichkeiten vergrößert hat. Die „richtige“ Art, Dido aufzuführen, gibt es nicht mehr. Das mindert jedoch den Wert des Werkes in keiner Weise.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

So hatte zum Beispiel der französische Regisseur und ehemaliger Assistent von Patrice Chéreau, Vincent Huguet, bei den 70. Opernfestspielen in Aix en Provence 2018 den als verschollen geltenden Prolog mit einer rund 20 minütigen Einführung versehen, in der die schwarze Schauspielerin, Chansonière und Komponistin Rokia Traoré aus Mali die Vorgeschichte erzählte. Ohne Fingerzeig skizzierte sie in einer Art Sprechgesang die Entstehung Karthagos, erzählte vom Verloren sein auf der Flucht und von fliehenden Menschen auf Booten. Auch der Dirigent Václav Luks ließ zum Finale des berühmten Klagegesangs Didos den Chor „a cappella“ singen und gab somit dem gesamten Werk eine neue Intensität, Natürlichkeit und Magie.

Die politische Metapher „Dido und Aeneas“ ist mehr als eine tragische Liebesgeschichte. Sie ist auch eine Metapher für die Konfrontation zwischen Karthago und Rom, der zentralen Episode in den Punischen Kriegen. Die Zerstörung Karthagos in 146 v. Chr. liegt knapp ein Jahrhundert vor der Fertigstellung Vergils berühmten Gedicht Aeneis. Die Stärke der Kurz-Oper, die Purcell aus dieser Geschichte mitnahm, liegt ebenso in den zeitgenössischen geopolitischen Resonanzen seiner Handlung – zwei europäischen Migranten, die sich dem Krieg stellen – wie in der evokativen Kraft ihres außergewöhnlichen Finales.

In Lyon hat Didos Klage am Ende der Oper Remember me, den finnischen Jazzgitarristen Kalle Kalima inspiriert, Purcells barocke englische Klänge mit Elementen des modernen Jazz zu verbinden. Anders als in Aix en Provence wird hier „alles in einen Topf“ geworfen und die barocken Klänge Purcells mit Kalimas Jazzstücken im Wechselspiel vermischt. In diesen „Intermezzi“ werden u.a. Zitate aus dem Originalstück von Vergils Aeneis von der US-amerikanisch-schweizerischen Jazzsängerin Erika Stucky dargeboten.

 Dido und Aeneas  –  Didon et Enée – Auszüge der Inszenierung
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Der in Ungarn geborene Regisseur David Marton, der auch als Pianist und Dirigent ausgebildet ist und nach musikalischen Anfängen bei Regisseuren wie Christoph Marthaler und Frank Castorf begann, schließlich selbst zu inszenieren, hat die extrem verdichtete Oper Purcells, die wie ein Trailer über eine mehrstündige romantische Oper wirkt, mit der Musik Kalle Kalimas aufgelockert und teilweise neu zusammengesetzt, um in experimenteller Art den Wirkungen der Charaktere mehr Freiraum und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben.

Dabei wurden zwischen den originalen barocken Elementen der Oper zum Teil frei improvisierte als auch speziell komponierte musikalische Elemente Kalle Kalimas eingefügt. Kalle Kalima mit seiner E-Gitarre war auf der rechten Seite des Orchestergrabens erhoben sichtbar positioniert. Während der langen Probenphase wurden zwar die Eckpunkte, wie Licht und Technik in ein festes Muster gegeben, innerhalb dessen jedoch freie Improvisationen möglich blieben. Auch deshalb wurde die knapp einstündige Barockoper zu einem abendfüllenden Programm ausgeweitet.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Wie in Tschaikowskis Oper Die Zauberin am Vortag stellte sich auch in Purcells Oper die Frage: „Was bleibt?“ An was wird man sich erinnern, wenn man an unsere Zeit zurückdenkt?

Das Regieteam um David Marton hatte die riesige Bühne in Lyon zu einem archäologischen Ausgrabungsort gemacht. Die Fundstelle war mit einem Überbau aus Holz und Glas vor den Umwelteinflüssen geschützt (Christian Friedländer (Bühne); Tabea Braun (Kostüme); Henning Streck (Licht)). Seitlich davon befanden sich mehr oder weniger gut sichtbare Studios, in denen man die ausgegrabenen Relikte konservierte. Wie auch bei Tschaikowski war ein Kameramann ständig dabei, die Kernszenen zu filmen und die Bilder auf Flächen im Hintergrund der Bühne zu projizieren. Die Oper begann mit der Ausgrabung von Erinnerungen durch Juno (Marie Goyette) und Jupiter (Thorbjörn Björnsson). Man grub u.a. eine PC Maus, Kabelsalat und viele andere Dinge unserer heutigen Zeit akribisch aus und konservierte sie in den seitlichen Asservatenkammern. Durch die Fundstücke, wie Titelbilder des Time-Magazins von Ungarns Präsidenten Orbán oder dem amerikanischen Präsidenten Trump wurde ein Bild von machtbesessenen Herrschern gezeichnet. Disharmonische Jazzklänge und „Klagelaute“ der Jazzsängerin (Erika Stucky) unterstrichen dieses düster gezeichnete Bild unserer Zeitgeschichte.

Barock trifft Jazz, Jazz trifft Barock.

Der Bezug wurde hier über die methodisch-künstlerische Idee der Improvisation und der Kombination der Darstellungsgenres Theater, Musik und Film hergestellt. Dabei übernahm die Kamera das Auge des Zeugen. Sie war überall dabei. Sie zeigte dem Zuschauer auch Handlungen, die auf Nebenschauplätzen, den seitlichen Studios, nicht auf der Bühne stattfanden. Der Zuschauer erhielt dadurch auch Einblick in das „Seelenleben“ der Protagonisten. Vieles passierte gleichzeitig, so dass der Zuschauer beim ersten Schauen nur einen von seinen Sehgewohnheiten gelenkten Ausschnitt erfasste bzw. erfassen konnte.

Man erblickte die Teuflischkeiten unser Welt mit Bombenabwürfen im Krieg, Brutalität und Elend. Auf den Titelseiten der Time-Magazine wurden unsere aktuellen Themen Realität. Das Auge schweifte aber auch auf die Wogen des Meeres, die Idylle und die Sehnsucht.

Was blieb an diesem zweiten Festivalabend in Lyon? Die Kamera, der Zeuge, wurde ausgeschaltet, die Ausgrabungsstücke wieder verscharrt. Waren sie es nicht Wert, erhalten zu bleiben? Die Videoleinwand wurde weiß, wie bei einem Filmriss im analogen Kino. Rauschen und gelegentliche Streifen bestimmten das mittlerweile schwarz-weiße Bild, das nur noch das Schema der Ausgrabungsstätte erkennen ließ.

Wo war die Liebe, wo waren die positiven menschlichen Beziehungen geblieben? Zerbrochen durch äußere Kräfte? Nichts Blieb!  Zu improvisierten Klagelauten ging die Jazzsängerin von der Bühne.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Musikalisch konnte das Spektrum kaum größer sein an diesem Abend in Lyon. Eine der ältesten musikalischen Formen der Menschheit erweiterte sich um Klänge aus unserer aktuellen Zeit. Das wirkte extrem, konträr, manchmal verstörend aber auch Emotionen weckend. Die gesanglichen Ergebnisse des Abends waren erneut von höchster Qualität. Alix Le Saux, die bereits im Alter von 10 Jahren im Kinderchor der Opéra National de Paris zu singen begann und in Rollen wie Armelinde in Cinderella von Pauline Viardot, Emilia in Otello von Rossini und Hélène in Offenbachs La Belle Hélène an diversen französischen Opernhäusern zu hören war, zuletzt erfolgreich debütierte als Titelheldin in Massenets Cendrillon bei den Festspiele in Glyndebourne, sang die Partie des Dido mit großer Leichtigkeit, feinem abgedunkelten Mezzoklang sicher und voller Leidenschaft. Der junge, aus Lyon stammende Bariton Guillaume Andrieux, der an verschiedenen französischen Opernhäusern reüssierte und beim Musikfest Bremen als Figaro im Barbier von Sevilla auftrat, sang mit hell fokussiertem lyrischen Bariton einen leidenschaftlichen und kommunikativen Aeneas. Die in den Niederlanden lebende amerikanische Sopranistin Claron McFaddon, die an Opernhäusern wie der De Nederlandse Opera Amsterdam, bei den Salzburger und den Bregenzer Festspielen sowie am Badischen Staatstheater Karlsruhe und bei den Händelfestspielen in Halle (Saale) engagiert war, gab die Rolle der Belinda eindrucksstark mit warmem und fein dosiertem Sopran.

Nicht nur bei Tschaikowskis Die Zauberin, sondern auch bei Purcell geriet eine andere Figur in den Fokus, als es die originäre Barockoper eigentlich vorsah. Die US-amerikanisch-schweizerische Jazzsängerin Erika Stucky wurde zum musikalischen Höhepunkt. Sie gestaltete ihre Rollen als Hexe, Geist, und Sängerin mit umwerfender Bühnenpräsenz und gewaltiger Stimme, deren Bandbreite von Soul über Rock bis zu Jazz-Phrasierungen, Jodlern und Klagegesängen reichte. Sie wurde auch vom Publikum entsprechend frenetisch gefeiert.

Marie Goyette stellte Juno und eine Komödiantin dar. Die kanadische Musikerin (Piano, Akkordeon, Stimme), die sowohl im Bereich der Improvisationsmusik als auch als Schauspielerin/Musikerin und Hörspielmacherin tätig ist und bereits mehrfach mit dem Regisseur David Marton zusammenarbeitete, brachte mit ihren vielseitigen Aktionen weitere Facetten improvisierter Theaterkunst auf die Bühne. Der in Island geborene Thorbjörn Björnsson studierte Gesang an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Als Sänger und Schauspieler war er in verschiedenen Konzerten und Theaterproduktionen zu sehen, u.a. im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, auf Kampnagel Hamburg und an den Münchner Kammerspielen. In Lyon spielte er mit vollem Einsatz als Komödiant und Jupiter, körperlich an die Grenzen gehend und dabei Verse Vergils zitierend.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Der Chor der Opéra de Lyon (Einstudierung Denis Comtet) bot auch an diesem zweiten Premierenabend eine starke Leistung. Diesmal für das Publikum sichtbar, sangen sie mit großem Engagement und sicherer Abstimmung mit dem Orchester besonders einfühlsam und emotional.

Der in Frankreich bereits sehr bekannte junge Dirigent und Geiger Pierre Bleuse, der sein Handwerk als Dirigent bei Jorma Panula in Finnland erlernte, leitete die Premiere ohne Taktstock. Mit mitreißendem Engagement, natürlicher Autorität und einer klar verständlichen Dirigiersprache gelang es ihm, das Orchester durch die verschiedenen Musikgenres zu führen und dabei den Musikern noch Interpretationsfreiräume zu belassen.

Das Publikum in der erneut ausverkauften Opéra de Lyon nahm die spektakuläre Kombination aus musikalischer und szenischer Bandbreite mit frenetischem Beifall auf.

Dido und Aeneas in der Opéra de Lyon; weitere Vorstellungen am 21.3., 23.3., 26.3., 30.3.2019

—| IOCO Kritik Opéra de Lyon |—