Münster, NRW-Theatertreffen – „Vorsicht, zerbrechlich“, IOCO Aktuell, 07.06.2019

Juni 7, 2019 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

NRW-Theatertreffen –  Auf der Suche nach sich selbst

Halbzeit beim NRW-Theatertreffen in Münster

von Hanns Butterhof

Seit dem 30. Mai 2019 zeigt das NRW-Theatertreffen in Münster 10 für die Qualität der Theaterlandschaft repräsentative Produktionen unter dem Titel Vorsicht, zerbrechlich. Am Ende des Treffens am 8. Juni 2019 wird die Jury das beste Stück küren. Das Theater Münster ist Gastgeber des Theatertreffens.

 NRW THEATERTREFFEN 2019 in Münster © Theater Münster

NRW THEATERTREFFEN 2019 in Münster  © Theater Münster

Es fällt auf, dass die Jury nur das Stück einer einzigen Autorin eingeladen hat. Und auch dies ist noch mit dem Stück eines Mannes verschnitten: Elfriede Jelineks Am Königsweg wird in der Fassung des Mülheimer Theaters an der Ruhr mit Alfred Jarrys König Ubu zusammen gezeigt. Die übrigen Stücke stammen von Männern. Nur ein deutscher Gegenwartsautor, Thomas Melle, ist mit Bilder von uns dabei, 4 der 10 Stücke sind Romanadaptionen.

Theater Münster / Der Theatermacher - hier : Andreas Beck als Bruscon © Birgit Hupfeld

Theater Münster / Der Theatermacher – hier : Andreas Beck als Bruscon © Birgit Hupfeld

Zur Halbzeit zeigt sich als deutliche Tendenz, dass das Motto Vorsicht, zerbrechlich weniger politisch auf den Zustand unserer Demokratie als auf das Theater selbst bezogen ist. Schon das Eröffnungsstück vom Schauspiel Dortmund, Thomas Bernhards Der Theatermacher,(Foto) fragt vielfach nach seiner Wirkung. Die fesselnde Darbietung des von Kay Voges inszenierten Stücks mit einem beeindruckenden Andreas Beck als Theaterberserker Bruscon setzt mit einer Komödienfassung ein zweites Mal an. Die mündet mit zunehmendem Sinnverlust in eine Musical-Variante und endet schließlich in einer fulminanten Punk-Auskotzung à là Femen, in der die missbrauchte Tochter Bruscons eine grelle Stimme bekommt.

Die vom Theater Bielefeld in der Regie von Alice Buddeberg gezeigte Adaption des Romans Im Herzen der Gewalt von Édouard Louis schildert den Versuch eines vergewaltigten Homosexuellen, mit diesem Erlebnis fertig zu werden. Die Regie spaltet im Bemühen, keine Vorurteile zu bedienen, die Figuren auf: Täter, Opfer und weitere Beteiligte tauschen die Rollen, Reflexion und Dringlichkeit der Thematik stellen sich quer zum Mitfühlen.

Ähnlich löst Philipp Preuss bei dem Zusammenschnitt von Elfride Jelineks Am Königsweg mit Alfred Jarrys König Ubu den Zusammenhang von Szene und Text Langeweile erzeugend auf.

Theater Münster / Extrem laut und unglaublich nah © Martin Büttner

Theater Münster / Extrem laut und unglaublich nah © Martin Büttner

Gegen diesen Trend steht die Romanadaption „Extrem laut und unglaublich nah“ nach Jonathan S. Foer. Zwar wechseln auch in der Fassung der Burghofbühne Dinslaken Schauspieler die Rollen. Aber in der Regie von Mirko Schombert stört es nicht, da die fantastische Julia Sylvster durchgängig die Hauptfigur Oskar spielt und die Geschichte des Jungen, der Spuren seines Vaters sucht und sich findet, erspielt und nicht erzählt wird.

Gänzlich innovativ verfährt Bert Zander vom Theater Oberhausen mit Fjodor Dostojewskis Roman Schuld und Sühne. Er lässt den fesselnden Christian Bayer in einem Karree gegen die nur in Video-Projektionen anwesenden Figuren seiner Auseinandersetzung um die Berechtigung eines Mordes anspielen. In dieser Kombination aus Theater und Film gelingt intensives Theater durch die Erweiterung seiner Mittel statt deren Zerstörung.

NRW THEATERTREFFEN 2. Teil: Die folgenden Produktionen – Kleist: Der zerbrochene Krug; Melle: Bilder von uns; Horváth: Zur schönen Aussicht; Houellebecq: Unterwerfung; Müller: Die Hamletmaschine.

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Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze, IOCO Kritik, 22.03.2019

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze

– Träume und Visionen – Wirkmächtiger als reales Handeln ? –

von Peter Schlang

Am 17. März 2019 hob sich in der Stuttgarter Staatsoper der Vorhang für die fünfte Neuproduktion der ersten Spielzeit des neuen Leitungs-Duos Viktor Schoner und Cornelius Meister. Zu sehen war – und ist in weiteren Vorstellungen noch bis 4. Mai – als Stuttgarter Erstaufführung Hans Werner Henzes Der Prinz von Homburg, in dessen revidierter Fassung von 1991. Gleichzeitig wurde damit das erste Frühjahrsfestival der Stuttgarter Staatsoper eröffnet, das noch bis zum 15. April 2019 dauert und unter dem Motto „wirklich wirklich“ steht. Das Haus am Eckensee widmet sich dabei den Phänomenen von Wirklichkeitskonstruktionen und Realitätsverschiebungen sowie dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Wie im Weiteren zu zeigen sein wird, war Henzes Prinz von Homburg mit seinem verschiedenen (Traum-)Welten verhafteten Protagonisten der perfekte Auftakt für diese musikalische Versuchsanordnung, die am 13. April von einem „Wirklichkeitskongress“  theoretisch unterfüttert werden wird.

Der Prinz von Homburg  –  Hans Werner Henze
youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart – Cornelius Meister und Probeneinblicke II
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Das Libretto zu Henzes Musik wurde 1958/59 von Ingeborg Bachmann geschrieben, die sich dazu zwar des gleichnamigen Schauspiels Heinrich von Kleists bediente, die berühmte Vorlage aber einer behutsamen bis deutlichen Bearbeitung unterzog. Diese umfasste nicht nur Kürzungen, eine Zusammenfassung von Details und die Hinzufügung weiteren, vor allem weiblichen Personals, sondern zeichnet sich auch durch die für Ingeborg Bachmann typische, sehr poetische Sprache aus. Diese bildet nicht nur eine ideale Ausgangsbasis für Henzes Musik, sondern ist dieser eine kongeniale wie hilfreiche Partnerin und Begleiterin.

Der aus Stuttgart stammende und durch mehrere Inszenierungen am hiesigen Schauspielhaus bestens eingeführte Regisseur Stephan Kimmig arbeitete mit dieser Henze-Oper erstmals für die Stuttgarter Staatsoper. Er legt von Anfang an Wert auf eine möglichst enge Heranführung des Traums an die Wirklichkeit, ja vermischt, wo es nötig und angebracht ist, sogar die beiden Sphären. Andererseits macht er aber durch zahlreiche Details und eine klare Personenzeichnung auch  deutlich, wo sich Traum und Realität ausschließen und entsprechende Handlungen ihre Grenzen haben. Dazu bedient er sich klarer, zum Teil sehr drastischer theatralischer Elemente und gibt seiner Personenführung etwas betont Statuarisches, ja manchmal zu Artifizielles, das den Betrachter immer wieder an die Personenregie in Inszenierungen Robert Wilsons denken lässt.

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg - hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Vera-Lotte Boecker als Prinzessin von Oranien © Wolf Silveri

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg – hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Vera-Lotte Boecker als Prinzessin von Oranien © Wolf Silveri

Katja Haß hat ihm dafür einen weißen Einheitsraum gebaut, der Anklänge an einen Laborraum aufweist, aber auch an eine in die Jahre gekommene Turnhalle erinnert und etwas Hermetisches verkörpert. Darin und an den an den Wänden angebrachten Ballett- oder Turnstangen absolvieren nicht wenige der Protagonisten ihre sie auf die bevorstehenden Kämpfe vorbereitenden Fitness-Übungen. Seine Schäbigkeit – die Farbe blättert ab, Rostspuren „zieren“ die Wände – mag auf die Zustände des historischen Fürstentums Brandenburg wie auf jene aktueller Systeme und Strukturen schließen lassen, ohne klar Position für die eine oder andere Wirklichkeit zu beziehen.

Dazu passen die von Anja Rabes geschaffenen Alltagskostüme, die irgendwo zwischen früher Nachkriegszeit und zeitgeistigem Retro- wie Freizeitlook anzusiedeln sind. Sie zeugen von überraschendem Wechsel, von einer Haltung des Noch-nicht- Bereitseins und auch davon, dass ihre Träger noch ganz andere Schlachten schlagen müssen als die auf dem Feld. Darauf mag auch der übermäßig häufige Einsatz von Unterwäsche bei Obrigkeit und Soldaten hinweisen. Er ist stellenweise sinnenhaft und wohl auch ironisch gemeint, ermüdet aber im Lauf der Zeit genauso wie die immer wieder über die Wände zuckenden Lichtreflexe oder die auf den Zwischenvorhang projizierten Video-Doppelungen. (Videos: Rebecca Riedel, Lichtregie: Reinhard Traub) Beides soll wohl die Traumseite unterstreichen, doch sind die in Handlung und Musik vorhandenen Hinweise darauf so klar und deutlich, dass diese optischen Verstärker eher eine mentale Unterforderung der Zuschauer bewirken. Dies alles sind aber eher Luxus- oder Randprobleme, die Kimmigs Regie nichts von ihrer großen Dichte und dramaturgischen Stringenz rauben.

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg - hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Erster, Zweiter, Dritter Offizier © Wolf Silveri

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg – hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Erster, Zweiter, Dritter Offizier © Wolf Silveri

Auch musikalisch bewegt sich die Stuttgarter Erstaufführung von Henzes wichtigem Werk der klassischen Moderne auf allerhöchstem Niveau. Dafür sorgt an erster Stelle Cornelius Meister, der nach Wagners Lohengrin zum Spielzeitbeginn mit dem Prinz von Homburg seine zweite Stuttgarter Premiere dirigierte und auch schon bei mehreren Repertoirevorstellungen und Sinfoniekonzerten seine überaus großen Kompetenzen als Musikgestalter und Leiter musikalischer Kollektive unter Beweis stellte. An diesem Abend ist er auch  der komplex-polyphonen Musik Henzes mit ihren so vielschichtigen epochalen, stilistischen und musik-ästhetischen Anspielungen ein leidenschaftlicher wie verlässlicher Sachwalter und steuert das unter seiner Leitung immer souveräner und mitreißender agierende Staatsorchester so hochkonzentriert wie gefühlsbetont durch die verflixt anspruchsvolle Partitur. Henzes höchst klangsinnliche Musik hat den nötigen Raum zu wirken und aufzublühen, gerade auch an den Vor- und Zwischenspielen, die bei geschlossenem Bühnenbild wie filmische Schnitte wirken und eine ganz eigene erzählende wie kommentierende Funktion besitzen.

Bei aller Hingabe an sein Orchester mangelt es Meister nicht an jenem sorgfältigen Blick auf und für die Sängerinnen und Sänger – dazu dirigiert er aus leicht erhöhter Position – die diesen eine sichere und  rollengerechte Bewältigung ihrer ja ebenfalls  höchst diffizilen Partien ermöglichen. Und so ist das Staatsorchester bis auf ganz wenige Stellen, an denen es vielleicht ein bisschen zu engagiert und damit zu laut tönt, ein wunderbarer und verlässlicher Begleiter und Unter- und Hintergrund-Geber.

Aus der vokalen Solistenriege jemanden hervorzuheben, ist nur wegen der Größe und des Schwierigkeitsgrads der Hauptrollen gerechtfertigt. Die fünf Sängerinnen und neun Sänger bilden nämlich ein Protagonistenteam, das den Abend ohne jegliche Trübung und Einschränkung bereichert und um welches die Stuttgarter Oper von nicht wenigen Opernhäusern und deren Publikum beneidet werden dürfte. Diese Leistung wirkt umso eindrucksvoller, wenn man berücksichtigt, dass die Sänger häufig musikalisch „nahezu nackt“ auftreten, also nur von wenigen Instrumenten „begleitet“ werden, die zudem wie spätestens seit Wagner üblich eine völlig andere, eigene Melodie zu spielen haben.

Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze
youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart – Stephan Kimmig und Probeneinblicke I
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Von höchster stimmlicher wie darstellerischer Präsenz und Leidenschaft gestalten Vera-Lotte Böcker die Rolle der Prinzessin Natalie von Oranien und Robin Adams jene des Prinzen von Homburg, dabei wunderbar zwischen den verschiedenen Stimmungen wie Stimmlagen changierend und sehr glaubhaft ihren Emotionen Ausdruck verleihend. Diese inneren Zustände nach außen zu transportieren gelingt aber auch allen anderen Darstellerinnen und Darstellern, vor allem der wundervoll sich zurücknehmenden und fast devot wirkenden Helene Schneiderman als Kurfürstin. Stefan Margita singt deren Gemahl, den Kurfürsten von Brandenburg, mit tief gründendem, Respekt einflößendem und Distanz ausdrückendem Tenor, der aber auch Zerbrechlichkeit und eine gewisse Überforderung im Amt erkennen lässt.

Ein fabelhaftes Rollendebüt gelingt Moritz Kallenberg als Graf Hohenzollern, der nicht nur in der Interaktion mit seinem Freund und Vertrauten Friedrich Artur von Homburg seine große Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt. Mit geschmeidiger, flexibel geführter und in allen dynamischen Abstufungen bewegend eingesetzter Stimme macht er zu jeder Zeit vergessen, dass  er erst bzw. noch Mitglied des Opernstudios der Stuttgarter Oper ist und erst zur kommenden Spielzeit in das „große“ Opernensemble übernommen wird.

Weiteren großen Anteil an der überragenden  gesanglichen Ausstrahlung dieses Opernabends haben die Sängerinnen der drei Hofdamen Catriona Smith, Anna Wehrle und Stine Marie Fischer, die aber ebenso darstellerisch Großes leisten – auch wenn sie nicht stimmlich im Einsatz sind – wie ihre Kollegen Michael Ebbecke als Feldmarschall Dörfling, Friedemann Röhlig als Obrist Kottwitz und Johannes Kammler als Wachtmeister. Gleiches gilt ohne jede Einschränkung für Mingjie Lei, Pawel Konik und Michael Nagl als die drei Offiziere.

Im Schlussbild präsentieren sich alle auf der Bühne Mitwirkenden mit einer Mischung aus Fan-Schal und Demo-Transparent, auf denen für die Gesellschaft und deren Zukunft  wichtige Werte und Einstellungen zu lesen sind. Dies mag etwas plakativ wirken, erscheint aber angesichts der populistischen, ja  rechtsextremen Tendenzen in vielen Ländern Europas als ein zulässiges, ja notwendiges Instrument, um Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit und die dortige Willensbildung zu nehmen. Und auch Träume müssen ja befeuert und  ins Bewusstsein gerufen werden….

Am Ende gab es vom ausverkauften Haus begeisterten, ja für eine zeitgenössische Oper frenetischen Beifall, der alle Beteiligten einschloss und an keiner Stelle durch eine noch so kleine Missfallenskundgebung getrübt wurde.

Der Prinz von Homburg an der Staatsoper Stuttgart, weitere  Vorstellungen am 20., 22. 29. März, 6. April, 4. Mai 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Münster, Theater Münster, Amphitryon – Heinrich von Kleist, IOCO Kritik, 15.05.2018

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

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Amphitryon  von  Heinrich von Kleist

– Götter der Klamotte –

Von Hanns Butterhof

Am Kleinen Haus des Theaters Münster hat Caroline Stolz Heinrich von Kleists Lustspiel Amphitryon als lustiges Spiel inszeniert. Der Slapstick-Stil alter Schwarzweiß-Stummfilme macht diesen extrem ausgedünnten Amphitryon mit Göttern der Klamotte recht kurzweilig.

Theater Münster / Amphitryon - hier : Sosias wehrt sich vergeblich gegen sich selber, mit Natalja Joselewitsch, Jonas Rinke, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Jonas Riemer © Oliver Berg

Theater Münster / Amphitryon – hier : Sosias wehrt sich vergeblich gegen sich selber, mit Natalja Joselewitsch, Jonas Rinke, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Jonas Riemer © Oliver Berg

Die sonst leere Bühne des Kleinen Hauses beherrscht eine überdimensionierte Drehtür, edel in Holz gehalten wie für ein Nobelhotel (Bühne und Kostüme: Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert). Sie ist der Eingang zum Palast des Amphitryon, des Fürsten von Theben, der wegen einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Athen seit Monaten von Theben abwesend sowie von Tisch und Bett seiner jungen Frau Alkmene getrennt ist.

Amphitryon – Caroline Stolz vergagt Kleists Lustspiel

Das Stücks beginnt unmittelbar als Verwirrspiel, als Amphitryons Diener Sosias (Garry Fischmann) an die Drehtüre kommt, um Alkmene mitzuteilen, dass ihr Gatte sie nach siegreicher Schlacht anderntags besuchen werde: Sosias selber in vierfacher Ausführung (Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer, Christoph Rinke und Bálint Tóth) stellt sich ihm in den Weg, gekleidet wie er in zu kurze Hosen, bräunlich kariertes Sakko und schwarzer Melone auf dem Kopf. Die Hiebe, durch die sie ihn nötigen, anzuerkennen, dass sie und nicht er Sosias sind, sind göttlich choreographiert. Sosias wird durch ein einfaches Fingerschnippen der Vierfachen, begleitet von Comic-Geräuschen wie Zoing! oder Zack! vom Band, durch die Luft geschleudert. Der Witz der gleichförmigen Bewegungen der Viererbande, in die sich der Gott Merkur verwandelt hat, ihr Spiegeln dessen, was Sosias an Bewegungen ausführt, wirkt viel schneller, als der Wortwitz Kleists, der einen langen Atem und deutliche Artikulation benötigt.

Als einer der vier Sosiasse stellt sich dann der Göttervater Jupiter (Christoph Rinke) heraus, der sich eigentlich in Amphitryons Palast befinden müsste, wo er in dessen Gestalt Alkmene (Claudia Hübschmann) verführt; warum das noch immer die Gestalt des Sosias ist, bleibt eines der Rätsel der Regie. Aber Rinke macht das recht lustig in der sich boulevardesk munter drehenden Türe.

Theater Münster / Amphitryon - hier : Stürmische Heimkehr Amphitryons; mit Bálint Tóth, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Natalja Joselewitsch © Oliver Berg

Theater Münster / Amphitryon – hier : Stürmische Heimkehr Amphitryons; mit Bálint Tóth, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Natalja Joselewitsch © Oliver Berg

Die Verwirrung des Sosias wiederholt sich verschärft, als Amphitryon (Jonas Riemer) anderntags tatsächlich nach Hause kommt, dort aber auf den ihm zum Verwechseln ähnlichen Jupiter (Christoph Rinke) trifft, der ihm sein Amphitryon-Sein bestreitet. Als Alkmene entscheiden soll, wer von beiden ihr Gatte ist, kommt erstmals etwas von Kleists Tiefsinn zum Tragen, sprechen Jonas Riemer und Christoph Rinke dessen Jamben angemessen deutlich. Doch Alkmene, die auch in dem Gott nur ihren Gatten geliebt hat, von Claudia Hübschmann aber mehr als laszives Objekt göttlicher und menschlicher Begierde gegeben wird, weiß nicht mehr, wer nun wer ist. Zu den zwischen Jupiter und Amphitryon verhandelten theologischen Spitzfindigkeiten, die alle Unklarheiten beseitigen sollten, entweicht ihr nur ein finales Ach!

Das könnte auch der gesamten vergagten Inszenierung gelten, mit der es Caroline Stolz mehr gelingt, Verwirrung in den Zuschauern zu erzeugen, als an deren eigene Identitäts-Erfahrungen im Sinne von Wer bin ich und wie viele? zu rühren. Aber das Publikum hat viel gelacht und nach eineinviertel kurzweiligen Stunden dem hinreißend spielenden Ensemble herzlichen Beifall gespendet.

Amphitryon am Theater Münster: Die nächsten Termine: 24.5., 1., 14. und 15.6 um 19.30 Uhr, 24.6. 2018 um 19.00 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

 

Berlin, Berliner Ensemble, Brecht bis Peymann – Theater-Urgesteine, IOCO Portrait, 22.06.2013

Juni 22, 2013 by  
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Berliner Ensemble

Berliner Ensemble Haus, Berlin © Berliner Ensemble

Berliner Ensemble Haus, Berlin © Berliner Ensemble

Das Berliner Ensemble Lebendes Theater-Urgestein

Von Viktor Jarosch

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1947 übernahm Walter Felsenstein im damaligen Ost-Berlin die Leitung der Komischen Oper. Vom Schauspiel kommend (Felsenstein war unter anderem von 1940 – 1944 Leiter des Berliner Schillertheaters, derzeit Spielstätte der Staatsoper) erwarben Felsenstein und die Komische Oper legendären Ruhm, indem dort erstmals szenisches Handeln mit der Musik konsequent gleichgestellt und so zeitgemäßes wie lebendiges Musiktheater geschaffen wurde.
1949, fast zeitgleich mit  Walter Felsenstein und ganz in seiner Nähe, gründeten Bertold Brecht und Helene Weigel, im damaligen Ost-Berlin, das Berliner Ensemble. Gespielt wurde zunächst im Deutschen Theater: Am 12. November 1949 hatte das Berliner Ensemble Uraufführung: Mit Herr Puntila und sein Knecht trat dasBE“ erstmals öffentlich auf und gründete sein „episches, dialektisches“ Theater. Bertolt Brecht prägte den Begriff des epischen Theaters, welches, nach Brechts Vorstellung, klassisches Drama der Theaterbühne mit moderner, literarischer Erzählform verbinden will. Große gesellschaftliche Konflikte statt tragischer Einzelschicksale, nicht Mitgefühl sondern konkrete gesellschaftsverändernde Anstöße sind zentrale Inhalte des epischen Theater Bertold Brechts.
1954 zog das BE in das Theater am Schiffbauerdamm, seine heutige Spielstätte. Das 1892 von Heinrich Seeling am Bertold-Brecht-Platz errichtete neobarocke Gebäude und sein Zuschauerraum gilt als eines der großartigsten Theater Deutschlands. Mit über 220.000 Besuchern im Jahr ist das BE heute eines der bedeutendsten Sprechtheater im deutschen Sprachraum.
Bertolt Brecht inszeniert im Theater am Schiffbauerdamm jedoch nur noch ein eigenes Stück: DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS. Mitten in den Vorbereitungen zu LEBEN DES GALILEI mit Ernst Busch stirbt Brecht am 14. August 1956. Nach seinem Tod leitet Helene Weigel 15 Jahre, bis 1971, das BE. Mit Inszenierungen wie DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI (1959), Shakespeares CORIOLAN (1964) oder MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER mit Helene Weigel setzen sie, das BE und seine fast 200 Mitarbeiter seither starke künstlerische Zeichen.
Berliner Ensemble Haus, Innenansicht © Berliner Ensemble

Berliner Ensemble Haus, Innenansicht © Berliner Ensemble

1989, nach der Wiedervereinigung Deutschlands, wird das BE vom Staatstheater der DDR in ein Privattheater (gemeinnützige GmbH) umgewandelt. Es erhält eine fünfköpfige Leitung, die aus den Regisseuren Matthias Langhoff, Fritz Marquardt, Peter Palitzsch, Peter Zadek und dem Schriftsteller Heiner Müller besteht. Nach drei Jahren bleibt allein Heiner Müller übrig. Nach seinem Tod 1995 übernimmt der Schauspieler Martin Wuttke die Direktion, ein Jahr später folgt Stephan Suschke.
1999 wird der polarisierende Claus Peymann (76) Intendant und formulierte die streitbare BE-Theaterkultur: Der Aufklärung verpflichtet und dem Theater als „moralischer Anstalt“, Empathie mit Schwachen, Demaskierung von Mächtigen. In diesem Sinne versteht sich das BE als politisches Theater und die Theaterarbeit ohne modische Trends, dessen Intendant Claus Peymann bis mindestens 2016 bleibt. Zuvor hatte er 13 Jahre das Burgtheater in Wien geleitet.
Berliner Dom, Unter den Linden © IOCO

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Bertolt Brecht ist mit seinen Stücken  fester Bestandteil des BE-Repertoires: Heiner Müllers legendäre Inszenierung von DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI (bisher fast 400 Vorstellungen) wird bis heute am BE gespielt. Aber auch viele andere Stücke Brechts: Robert Wilsons DREIGROSCHENOPER (180 Vorstellungen), TROMMELN IN DER NACHT, DIE KLEINBÜRGER-HOCHZEIT (Regie: Philip Tiedemann), SCHWEYK IM ZWEITEN WEILTKRIEG, FURCHT UND ELEND DES DRITTEN REICHES und DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS (Regie von Manfred Karge), ANTIGONE  von SOPHOKLES (Regie George Tabori) und IM DICKICHT DER STÄDTE (Regie: Katharina Thalbach). Claus Peymann beschäftigt sich verstärkt mit dem politischen Werk Brechts: DIE MUTTER, DIE HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTHÖFE, MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER (130 Vorstellungen).
Das Repertoire des BE ist auch über Brecht hinaus weit gefasst. Das klassische deutsche Repertoire reicht von den Stücken Goethes, Kleists und Schillers bis Gotthold Ephraim Lessing (NATHAN DER WEISE, DIE JUDEN, PHILOTAS und MISS SARA SAMPSON) und Büchner (LEONCE UND LENA und DANTON’S TOD).  Neben der deutschen Klassik und der klassischen Moderne mit Aufführungen u.a. von Ibsen, Wedekind, Hofmannsthal, Strindberg, Beckett, Lorca ist William Shakespeare ein weiterer Schwerpunkt der BE-Theaterarbeit.
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Das Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm

Seit über 60 Jahren eine der großen Visitenkarten des deutschsprachigen Sprechtheaters

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